Helianth. Band 1 Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene
Part 1
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HELIANTH
Bilder aus dem Leben zweier Menschen von heute und aus der norddeutschen Tiefebene in neun Büchern dargestellt
von Albrecht Schaeffer
Der drei Bände erster
Im Insel-Verlag zu Leipzig 1920
Widmung
In Lebens leichter Unbeständigkeit Warst du der Sichre, der auch mich gefeit.
Und wie das Sternheer strahlt, auch unsichtbar Am Tag: dein Bild mir dauernd' Sternbild war.
So tritt vor dieses Werk auch hin im Geist, Das nun zu Nachfahrn und Geschlechtern reist.
Ihr, teuren Namens Zeichen, flammt und seid Gewähr und Bürgen seiner Dankbarkeit!
Kurt Albert Gerlach
Erstes Buch. Hochsommertag oder Die Kinder
Glanz und ruhm! so erwacht unsre welt Heldengleich bannen wir berg und belt Jung und groß schaut der geist ohne vogt Auf die flur auf die flut die umwogt.
STEFAN GEORGE
Erstes Kapitel
Wiese
Ununterbrochen feilten die Grillen.
Georg, zum Abgrunde des Sommers hinabgesunken, lag in der Tiefe des Grillenmeers. Über ihm hoch, in einer schönen Ewigkeit gab es einen Vormittag, Insel der Sonnenfriedlichkeit, und möglicherweise war es doch dort, wo sein Leichnam angenehm ruhte, in jenen farbigen, brodelnden Wiesen, von dem unzählbaren Zirpen des unsichtbaren Getiers dergestalt überfüllt, daß alles von ihm zitterte und schwoll wie von einer unsichtbaren, stampfenden Maschine, oder als brächten zehntausend Sonnenstrahlen an den geschliffenen Spitzen der Gräser dies Geräusch hervor, das fortebbte und erstarb und schon wieder von anderswo sich erhob und überschwoll und wieder hinsank und in Ewigkeit nicht verstummte -- grün, grün, grün -- und die flirrenden Stimmen. Georg bemerkte, den Kopf hebend, daß er allerdings inmitten jener Wieseninsel lag, sanft überflutet von Glut, und, geblendet vom Licht, gewahrte er durch die Spalte der Lider unendlich fern seine Beine und Füße in braunen Schnürstiefeln mit Messinghaken und Reitgamaschen, eine Art braunen Gebirges, umringt von bebenden Zitterhalmen und roten Sauerampferstauden wie von Zypressen und Kiefern, zu denen, klein vogelgleich, unablässig die roten Fliegen und Perlmutterfalter phantastisch heranflogen. Hummeln stimmten mit tiefem Geläut dazwischen. Unermeßlich fern und fein sang eine gedengelte Sense. Kühe, die in der Ewigkeit grasten, brüllten von dort herüber, selten nur und mit Seelenruhe. Die See hinterm Deich war nicht zu hören.
Helenenruh, dachte Georg, ach Helenenruh! Wenn ich nur wüßte, ob es auch so schön war, wie ich geboren wurde!
Er legte sich an die Seite und war an den Grund eines Urwalds geraten. Alle Halme, die Margeriten, Federnelken und Sauerampfer -- Georg dachte: Auersampfe, träumerisch -- waren zu einer sonnigen Lichtung geworden, wärmedurchrieselt, bebendes Gold in der Himmelsbläue. Er wälzte sich auf den Bauch herum und betrachtete die Stelle, wo sein Kopf das Gras plattgedrückt hatte. Eine Ameise arbeitete sich schwierig daraus hervor, kletterte, immer wieder einbrechend, aber nicht verzweifelnd, darüber hinweg und verschwand. Hinter dem Gräserwald stand der Himmel wie blaues Glas. Dahinter stiegen Käfer auf, schlugen einen Bogen, fielen, waren fort. Grillen schnellten wie abgebrannte Schwärmer in die Höhe, fielen, waren fort. Schön wärs, jetzt durch die blaue Glasscheibe zu greifen, die da ins Gras gestellt war -- warum tat man sowas nur niemals? -- die ja nicht zerbrechen würde, sondern im Gegenteil, sie würde ganz weich sein, ungefähr wie warme Luft, aber die Hand würde gänzlich blau dahinter aussehn. Jetzt wackelte ein Urwaldsbaum aufgeregt mit dem Wipfel; an seiner Wurzel arbeiteten mit Stricken und Äxten wild aussehende Kerle, mit Waffen bestarrt von oben bis unten, in befransten Leggins, mit Schlapphüten, unter denen sie Tücher um den Kopf gewickelt hatten; ihre Pferde knabberten in der Nähe, legten jeden Augenblick die Ohren zurück, hatten böse Augen und mißhandelte Mäuler von den pfundschweren Gebissen; ihre Sättel waren wie Kamelsättel, nämlich tief, unbeschreiblich tief im kanadischen Urwald. Oder brasilianischen. Oder wars vielleicht der Arkansas, der in der Nähe durch die Schnellen ging? Von Arkansas kam man nach Tennessee und so weiter durch die Staaten, die sich unerhört ausbreiteten. Wie das schon klang, wenn man sagte: Staaten ... Arkansas war auch ein fabelhaftes Wort, ebenso wie Rio de la Plata, -- o grenzenlose, stille Wasserflächen! O Papageienschreie! Die Savanne, die Savanne ... Welch unsterblich kolumbische Worte, durch Ferne und Abenteuer zu strahlender Glasur gebrannt, Fayencen der Unsterblichkeit! Womöglich bezaubernder, als wenn man Tasso sagte. -- Du siehst mich lächelnd an, Eleonore. -- Wem es gelänge, einen solchen Anfang zu erfinden! Sieh, Ameise, da bist du ja! Ist es dir gelungen? Warum jetzt diese Sauerampferpappel ersteigen, Ameise? Indiana, das war auch so ein entzückendes Staatenwort. Emma -- warum steht jetzt Emma ins Gras geschnitten, so groß, so fett, so ausdrucksvoll? Die Möwen sehn alle aus, als ob sie Emma hießen ... bewahre, das ist ja kein Grasboden, das ist ja tintig und löcherig, das ist das alte Klassenpult unter dem Bilde von Herkulanum. Ach, das wird nun wohl überhobelt sein, und die schön gemalte Tulpe Pilsener ist verschwunden, ebenfalls der unsterbliche Vers oben links in der Ecke unterm Lesevereinszirkel: Wer hier einschläft und nicht erwacht -- Den hat der Daniel umgebracht. O Direx, o Daniel, o Gewesenheit! O wie schön sie nun dasteht, aufrecht und echt und dursterregend, die Tulpe Pilsener aus schönem Glase mit breitem Goldrand, zur obern Hälfte mit Schnee, zur untern mit klarem Honig gefüllt, und darunter, auf dem mit Zigarrenasche bestreuten Tischtuch --, -- Georg las die mit Bleistift zierlich geschriebene Strophe Platens: Wer wüßte je das Leben recht zu fassen ...
Ja, wer wüßte je? O schwierige Fragen. Der Ernst des Lebens trat nun an einen heran. Man war ein Prinz, was hatte dies zu bedeuten, insbesondere? Wie gings weiter?: Wer hat die Hälfte nicht davon verloren ... Ja, ein Viertel war schon hin, zwölf bittre, griechische Jahre und noch sechs, dulde nur aus, mein Herz! »Im Spiel, im Fieber, im Gespräch mit Toren.« Das kann stimmen, ach Gott, wie faul bin ich heute! Nur die Ameisen müssen immer arbeiten. Nun wieder hinunter den Auer... »In Liebesqual, in leerem Zeitverprassen ...« Verprassen ist ein wunderbarer Ausdruck, das spritzt so! In Liebesqual ... in -- -- Liebes... was heißt das? -- Wer hier einschläft und nicht ... Du siehst mich lächelnd an ...
Wieso ist auf einmal alles rot? Sonnenuntergang? Nein! O verschlafene Tage! O Grillengezirp! O vergessene Geschichtszahlen! Ah, jetzt wird es bunt, das kommt vom Schlafen, ich habe eine kleine halbe -- hu -- ah! -- halbe Stunde geschlafen, da liefen Ameisen in mir hin und her, ich glaube, ich war ein ganzer Ameisberg, so warm und voll Geruch von Erde, Kiefernadeln und kleinen Läusen, die gemelkt werden, es dampfte, es kribbel-- es kribbelt noch immer, da am Ohr, wo sie ein und aus laufen ...
Georg faßte nach seinem linken Ohr, bekam einen Grashalm zwischen die Finger, hörte das Lachen einer Göttin vom Zenit und wachte ganz auf.
Da saß sie! Bei Gott, da saß dieses Mädchen ganz stille bei ihm! -- Er konnte mit tränenden, geblendeten Augen nichts wahrnehmen als einen riesigen, weißen Kleidflecken, auf dem rote und grüne Scheiben durcheinanderliefen. Sein Herz klopfte stark. Aufgerichtet, in seinen Hemdsärmeln dasitzend, juckte er sich die Schultern, indem er das Hemd darauf hin und her schob, gähnte riesig und dachte: Was zuckte ich eben? Ich bin gezuckt, weil sie gekommen ist, weil sie nach mir gesucht hat, weil sie ... Er gähnte noch einmal, um möglichst gleichgültig zu erscheinen, und bemerkte, er sei so schlaftrunken. Da er keine Antwort bekam, sagte er nach einer Weile: »Weißt du, Anna, wie mir zumut ist? Als wär ich soeben geboren worden. Als hätt ich hier tausendundachtzehn Jahre im Grillengezirp geschlafen, bloß die letzten zehn habe ich einen schönen Unsinn geträumt. Weißt du, es giebt ein Bild, du wirst es nicht kennen, es ist von -- von Philipp Otto Runge und heißt: Der Morgen. Ein kleines Kind liegt in einem Rübenfeld und streckt die Arme nach oben. So -- Gott bin ich müde! -- so komm ich mir auch vor!«
Während er sich in einem endlosen Gähnkrampf zusammenkrümmte, sah er doch das zarte Lächeln in den Fältchen ihrer Augenwinkel, dazu die roten Hitzeflecken über den fast brauenlosen Augenbuckeln, hörte sie auch etwas sagen von seinem Gesicht, das wie eine Rübe aussähe, die ein bißchen Wasser ausschwitzte, wo die Augen säßen, und es klebte eine Mücke auf seiner linken Backe.
»Mücken«, sagte er, »sind gut.« Und dann dachte er, indem er sie sitzen sah, auf der Seite nach weiblicher Art und mit angezogenen Füßen: Kleines, weißes Mädchen! Kleines gesticktes Mädchen von siebenzehn! Du lieber Gott, was kleine braune Schuhe! Und diese herrliche Stickerei, die das halbe Kleid bedeckt! Und dieser weißliche Flaum auf den Armen, die schon braun werden! Und diese großen, braunen Eleonorenaugen! Und die breite, schöne Stirn! Und diese Biegung des großen Florentinerhuts, und wie das Gesicht darunter im Schatten ist, und überhaupt alles! -- Zärtlichkeit zog sein Herz zusammen, ringsum waren die Wiesen, rote Sümpfe von Sauerampfer, Gefilde weißer Sternblumen, und darüber dies unablässige Geschwirre, auf und ab Fliegen und Schnellen und Schweben von Flügeln, eine ungeheure Bewegung, und doch so still ...
Wieder lag er auf dem Rücken, starrte in die blendende Bläue, blinzelte und dehnte sich innerlich, daß die Knochen knackten. Er hörte einen trocknen Zweig taktmäßig gegen seine linke Gamasche schlagen. Die Grillen feilten. Die Hummeln summten. In einer eigentümlichen Ängstlichkeit bemüht, fortzukommen, war er wieder dabei, sich einen Weg quer durch die Staaten zu bahnen, die Rifle in der Linken, das Bowiemesser in der Rechten, den Tasso in der Revolvertasche (Reclam).
Plötzlich wagte ers und fragte, woher sie käme. Spazieren, sagte sie. Ob sie ihn gesucht hätte. Gefunden, sagte sie. Und so redeten sie vielleicht noch viele Worte, bis er kühn wurde und mit Herzklopfen sagte: »Ich weiß jetzt! Du warst eine kleine Wolke, die vom Dent de la Neige heruntergeflogen kam. Hast du wohl die himmlischen Kühe gesehn und die Engel, die blaues Gras mähten?«
»O Georg,« sagte sie vorwurfsvoll, »darum bist du auch in Mathematik durchgefallen. Schäm dich was! Ein Prinz und durchfallen!«
»Wenn er doch nie regieren braucht!«
»Wie hast du das bloß angestellt?«
»Angestellt? Der alte Kaffer fragte nach geometrischen Reihen, aber Fischer hatte mir gesagt -- wir wurden an zwei Tagen geprüft, in zwei Gruppen, weißt du --, die hätte er am ersten Tage gefragt gehabt, und deshalb hatte ich bloß noch schnell die Formeln für die arithmetischen Reihen übergelernt, und da sagte ich die her. Da setzte er mir eine halbe Stunde auseinander, das wären die arithmetischen und nicht die geometrischen, und was ich denn nun davon wüßte. Mehr nicht, sagte ich, und da fragte er Dieckmann, und da war ich durchgefallen, und das war vorauszusehn. Es war sehr bequem.«
Da saß sie und dachte. Was denkt so ein Mädchen, wenn es auf seiner glatten Stirn mühselig eine kummervolle Falte erzeugt? Halb ist ihr Kleid Tülldurchbruch -- wie kann man eigentlich sowas anziehn, wie muß das wohl sein? -- und die Bluse ist halb Tülldurchbruch -- und halb ist sie gar nicht; man kann sie in die Westentasche stecken, wie warm sie sein muß! -- Da wurde ihm innerst heiß, unter der Sonnengluthaut, und er dachte unbestimmt Zärtliches. Wenn ich nur wüßte, was sie jetzt denkt, dachte er.
»Georg, woran denkst du jetzt?« fragte sie.
Ach, sie hatte an gar nichts gedacht! -- Er sagte, er hätte gedacht, was sie jetzt dächte. »O, muß man immer denken?« antwortete sie seelenvoll.
»Wie wars denn nun«, fragte er, »an der Adria? Erzähle mal! Erzähle aus Genf, aus Venedig! Warum seid ihr nicht bis Griechenland gekommen, ich hätte euch alles gezeigt. Griechenland ist viel schöner. Sag, hast du in Innsbruck auch immer morgens, wenn du auf die Straße kamst, gedacht, es wäre schlecht Wetter, und dann warens die grauen Berge, und man mußte sich den Kopf ausrenken, um den Himmel oben zu sehn? Berge sind so scheußlich ...« Er ließ nachdenklich den Kopf zur Brust hängen, die Hände links und rechts neben sich ins Gras gestützt. -- Wie spät es sei ... Er merkte, daß sie schon zum zweitenmal fragte, zog, ohne die zugefallnen Augen zu öffnen, die Uhr an ihrem Lederriemchen aus der Westentasche und hielt ihr die glatte Seite hin, die er für das Zifferblatt hielt.
»Halb elf,« hörte er sie ganz fern sagen, »komm frühstücken!«
Georg nahm sich zusammen und hatte das bedrohliche Gefühl, daß auf einmal Zeit da war. Halb elf, unweigerlich. Etwas hörte auf.
Er erhob sich umständlich, nahm die Jacke aus dem Grase, die dalag wie ein schlafender Jagdhund, zog sie an, stülpte den Panama auf, klopfte die Hose ab und stampfte mit dem rechten Fuß, daß etwas braune Erde vom Spornrade fiel. Dann gingen sie über die Fenne, vor sich die riesig aussehende, majestätische Wand des Wäldchens, zerklüftete und durchrissene Wipfel, über ein Knicktor, wieder über eine Fenne, durchs Gatter, und waren, von plötzlichem Brombeeraroma umwogt, in der dunklen, schattigen Eichenallee, in deren entfernter, runder Öffnung lichtes Grün, oben ein wenig Blau und dazwischen Weißes war vom Haus. Waren hindurch und gingen über die ganz grüne, geschorene Wiesenfläche gerade auf die Terrasse los, die glitzernd weiß zur linken Hälfte, zur rechten dunkelgrau, vom Schatten des Südflügels bedeckt, mit Brüstungen und großen, grauen, von rotem Geranium oder gelbroter Kapuzinerkresse überwucherten Steinurnen vor dem blendendweißen Hause mit seinen weit vorgreifenden Flügeln, den grünen Läden, schwarzen Dächern und zwei Türmchen lag, an dessen einem die goldnen Uhrzeiger blitzten. Ach, in dem wundervollen Grasboden unhörbar, das war eine Wonne zu gehn, so schläfrig, hier und da stolpernd, in den heißen Hosentaschen die glühenden Hände, den Kopf gegen die Sonne gesenkt, durch halbgeschlossene Lider auf die braunen Stiefel hinuntersehend, die sich da unten sonderbar selbständig vor und zurück bewegten, und links die kleineren braunen Füße, die -- -- ach, es war zu schön!
Auf den Beetstreifen unterhalb der Terrasse blühten die Stockrosen vielfarbig, und oben saß Papa unterm rot und weiß gestreiften Leinenschirm am Tisch hinter der Brüstung zeitunglesend. Aus der Glastür trat der Diener, eine Figur aus undurchsichtigem blauen Glase, der gedrehte Flügel entsandte einen scharfen Goldblitz, er setzte einen funkelnden Silberkorb und Gläser auf den Tisch, und plötzlich ergraute alles und losch aus und schien verkleinert -- oben hatte eine kleine Wolke sich vor die Sonne gestellt. Seltsam sachlich und wirklich erschien von rechts her auf dem Weg unter der Terrasse ein Unbekannter in einem grauen Anzug, blieb einen Augenblick vor einem Stock weißrosiger Rosen -- Capitaine Christy? -- stehn, ging sachte weiter, die zweimal vier Stufen hinauf, und wurde vom Herzog mit liebenswürdigem Eifer begrüßt. Georg dachte: Wer ist das? -- Das Mädchen fragte dasselbe. Da waren sie angelangt.
Terrasse
Anna Magdalena ging um den Tisch zu dem wie immer sitzenden Herzog, der sie auf die Stirn küßte und nach den Träumen der ersten Nacht wieder im Vaterhause fragte (doch gab es keine bestimmten, bloß ein Erröten) und dann ihr und Georg den Fremden vorstellte, nämlich den Maler Benvenuto Bogner, dessen Bild oben im Klaviersaal Georg kenne. »Er erweist uns die Ehre seines Besuches und hat auch einen Freund mitgebracht, der aber leider krank ist.«
»Ach, das schöne Bild mit dem (sonderbaren wollte er sagen) Vers darunter!« sagte Georg erfreut, während er eine feste Hand zu fassen bekam und in ein ziemlich langes, bartloses Gesicht mit fast unsichtbaren hellen kleinen Augen in sehr großen Höhlen blickte.
Alsbald saßen sie um den runden Tisch und frühstückten Spiegeleier und allerlei Köstliches. Der Herzog erinnerte den Maler an ihr erstes Zusammentreffen in Paris, das war bald fünfzehn Jahre her.
»Ja, sieh, mein Sohn,« sagte er, »sieh dir diesen wohlwollenden Mann an. Damals war das ein Bursch wie du, verschlossen, boshaft, mager wie ein Hering, in seiner Dachkammer gedörrt, die mit den greulichsten Bildstücken angefüllt war, und er wie ein ertappter Lustmörder mitten drin sah aus, als ob er vor Hunger und Gewissensbissen umfallen wollte. Und er verkaufte nichts, keinen --«
»Hat Papa Sie damals schon eingeladen?« redete Georg vergnügt dazwischen. »Na, Sie haben sich Zeit genommen!«
Der Maler, sacht mitlächelnd, meinte, nein, er sei vielmehr gekommen, um das Bild mit dem -- er machte genau Georgs eigne Pause vor dem Wort -- Vers abzumalen. Georg wollte überlegen, wie aus dem Lustmörder dieser findige und vornehme Mensch geworden sein mochte, hörte seinen Vater sagen: »Iß, Kleines, du ißt ja wie'n Vogel!« und sah sie langsam an. Sie blickte, mit dem Rücken zur Hauswand sitzend, über die Brüstung und sagte: »Da kommt Papa,« rot werdend. Jenseit des Rasenovals erschien im lichtgrünen Loch des Eichenwäldchens ganz klein das weiße Pferd mit dem Verwalter, kam rasch näher, sich vergrößernd, umtrabte den Rasenplatz nach rechts hin. Der Maler hatte sich umgedreht. »Der große Chalybäus,« bemerkte der Herzog halblaut wie zu sich selber und fügte hinzu: »mein Verwalter.« Der war jetzt auf dem Seitenweg hinter Bäumen und Gebüsch verschwunden, tauchte wieder auf in einer Lücke, grad vor der Tür des halbverborgenen Verwalterhauses und stieg ab. Der Stallbursche war da und führte den Schimmel weg, aus der Haustür kam ein Herr die Stufen herunter, begrüßte sich mit dem Riesen, dem er kaum zur Brust reichte, und verschwand wieder. Bald darauf erschien die gewaltige Gestalt auf dem Wege unter der Terrasse, über deren Brüstung das schiefe grüne Hütlein eben entlang schwebte, und wie er nun im langen Rock und Stulpstiefeln die Treppe heraufkam, wurde er immer größer, so daß selbst Georg wieder erstaunte. Ungeheuerlich über den Sitzenden ragend, lüpfte er hoch oben das verschossene Hütlein von der hohen Stirn und den grauweißen Schläfenbüscheln, dem auf ihn zutretenden Maler die Hand reichend.
Ob er auch Besuch bekommen habe, erkundigte sich der Herzog, als er neben seiner Tochter saß. Chalybäus, den dicken Schnurrbart mit beiden Händen windend und drehend, daß die Spitze der schön gebogenen Nase sich krümmte, lächelnd und nach allen Seiten blitzend mit Zähnen und blauen Augen, bejahte mit herrlicher Tenorstimme, begrüßte zunächst Georg in homerischer Sprache, weil der in Griechenland gewesen sei, im Lande der Hellenen, vergaß völlig die Frage des Herzogs, die in Magdas ängstlich unbestimmtem Blick brannte, und stürzte sich mit Feuereifer in seinen Bericht über den Morgenritt, den Stand irgendwelcher Feldarbeit und betrunkene Polen. Es hörte wohl niemand zu.
Georg träumte. Kleine Wolken wie Schmetterlinge, weiß und mit wunderbar leichten Schatten, tauchten über den Eichenwipfeln auf. Er sah wieder die Grasebenen und die Linie des Deiches, leer, wehend, blumenreich. Er ging drüberhin, in der Ferne war etwas Weißes, Io vermutlich, die jungfräuliche Kuh; er ging ungezählte Sommermittagsstunden darauf zu, es war Anna, sie saß im Grase und ließ blutrote Spinnen, wie Punkte klein, über ihre Hände laufen, die sie drehte, als wände sie einen Kranz. Plötzlich war ihr Kleid über und über bedeckt mit roten Punkten, die durcheinanderwimmelten wie ein Firmament, und sie sang leise: Spinn am Mittag, Glück am dritten Tag ... unaufhörlich die gleichen Worte. Es wehte über die Wiesen, es wehte; warm, zitternd kam die Luft, Heugeruch war darin, ferne ging die Stimme des großen Chalybäus sonor auf und nieder, zehntausend rote Spinnen wimmelten über das Mädchen hinweg, o Gott, wie heiß es war! Deutlich hörte er ihren Vater sagen: »Kinematograph ...«
Georg kam zu sich, begann zuzuhören und faßte den Maler ins Auge, der ihm gegenüber Honig aus der Porzellandose schöpfte und auf Semmel fließen ließ, indem er den Hornlöffel drehte. Er gefiel Georg überaus. Das Gesicht war graubraun, weniger hager als fest; die Knochenränder der großen Augenhöhlen waren unter der Haut erkennbar -- so wie bei manchen Affen, ja, und auch dies Traurige wie bei ihnen war zwischen den Brauen manchmal. Die ernste Nase, das Kinn, der schmale Mund mit einer scharf gegrabenen Falte links und rechts, wie war all das ruhig und geschlichtet -- geschlichtet ja, und das gescheitelte Haar war völlig grau gesprenkelt, so daß er an Vierzig schien, aber vor fünfzehn Jahren hatte Papa gesagt, war er so alt wie ich ... Georg dachte, er habe noch nie einen so stillen Menschen gesehn, geschweige einen, der zugleich so vielwissend aussah, ja so -- kostbar innerlich.
Der große Chalybäus erzählte tönend von seinem Besuch, einem Bekannten von »_old times_«, einem Schauspieler, der jetzt für den Film mime.
»Alte Erinnerungen,« sagte er, »fünfzig Erinnerungen, die schleppt so ein Mensch in seinen Taschen daher und merkts nicht. Auch ich war ein Mime im lockigen Haar,« sagte er. »Er zieht sie mit dem Schnupftuch heraus, daß sie wie eine Mottenwolke aufflattern, er schneuzt sich in sie, er schenkt sie in sein Glas, er verschenkt sie gra--ties! Er braucht sie nicht, ein Mensch, der lebt, was braucht der Erinnerungen, ich aber muß danach schnappen, ich lebe nicht, ich zehre, ich habe meine Zeit versäumt.«
»Wieso?« fragte der Herzog.
»O Durchlaucht dürfen nicht glauben, daß ich je Ihre Güte zu unterschätzen vermöchte! Ja, ich lebe auch hier, habe Amt, nehme Anteil an tausend Dingen, aber -- der hat nie auf den Brettern gestanden, der sie jemals vergessen konnte, wie der Matrose seinen breiten Gang beibehält -- ah Durchlaucht, jene Bretter sind schwankender als die einer Brigg, die sich im Seegang um Kap Horn herumwirft.« Der große Chalybäus war wundervoll im Fahrwasser. »Ich bin zu spät geboren, Durchlauchten!« sagte er pompös.
Georg fragte: »Wieso?«
»Durchlaucht, Sie kennen mein Unglück. Ich verlor meine Stimme.« Er räusperte sich, dankbar lächelnd mehrmals mit dem Kopf nickend, da er Georg ungläubig dreinblicken sah. »Ah Durchlaucht, Sie hören mich reden und bezweifeln meine Worte. Dies sind beschämende Überbleibsel. Einst hätten Sie mich hören sollen, einst, als ich Tasso spielte, Tasso! und den göttlichen Posa. Ich darf mich ja nun rühmen, des Verlorenen darf man sich rühmen, und meine Stimme war ein Donner, Georg, ein Donner! Ach, was ist sie jetzt! Aber hören Sie, was ich sagen wollte -- ich war auch ein Mime. Mitterwurzer sah ich in der Loge sitzen und weinen, wenn ich seine Rollen spielte, aber was half mir diese Gabe, als die Stimme brach! Jetzt könnte ich sie verwenden, jetzt spielt man ohne Worte, Herr Herzog, jetzt hat man den Kinematographen. Ich aber bin alt geworden ...«
Magda, wie früher auch in Verlegenheit bei den väterlichen Rodomontaden, stand sacht auf, flüsterte Georg zu, daß sie ihr Reitkleid anziehn und die Pferde bestellen wolle, und entlief, die Terrasse hinunter. Ihr Vater unterbrach sich, sah ihr träumerisch nach, murmelte: »Wie eine Elfe!« und fuhr fort:
»_Le théatre est mort, vive le cinéma!_ Man spielt nicht mehr zwischen pappenen Kulissen, kaschierten Möbeln, flatternden Türen, gemalten Bäumen und vor dem Souffleurkasten, sondern draußen in der herrlichen Gottesnatur! Die Anforderungen der Phantasie wurden ungeheure und sublime --«