Part 4
Louka [als ob sie die Hand zurückziehen wollte]: Oh, Herr Major, Sie wissen ganz gut, daß ich es nicht so gemeint habe. Ich staune über Sie.
Sergius [verläßt den Tisch und zieht sie mit sich fort]: Ich staune über mich selbst, Louka. Was würde Sergius, der Held von Slivnitza, dazu sagen, wenn er mich jetzt sehen könnte--was würde Sergius, der Apostel der idealen Liebe, dazu sagen, wenn er mich jetzt sehen könnte--was würden ein halbes Dutzend Sergiusse sagen, die in meiner schönen Gestalt ein und aus gehen, wenn sie uns jetzt hier erwischten? [Er läßt ihre Hand fahren und faßt sie geschickt mit einem Arm um die Hüften.] Finden Sie mich hübsch gewachsen, Louka?
Louka: Lassen Sie mich los, Sie bringen sonst schlechten Ruf über mich. [Sie wehrt sich; er halt sie unerbittlich fest]: Au, wollen Sie mich loslassen?
Sergius [ihr dicht in die Augen blickend]: Nein!
Louka: Dann treten Sie wenigstens etwas zurück, damit man uns nicht sieht. Wo haben Sie denn Ihren gesunden Menschenverstand gelassen? Sergius: Ah, das ist wahr, Sie haben wirklich recht. [Er führt sie unter das Hoftor, wo sie vom Haus aus nicht gesehen werden können.] Louka [klagend]: Man kann mich von den Fenstern aus gesehen haben--Fräulein Raina spioniert sicher hinter Ihnen her.
Sergius [gekränkt, läßt sie los]: Nehmen Sie sich in acht, Louka, ich mag unwürdig genug sein, die Forderungen der idealen Liebe außer acht zu lassen, aber beleidigen dürfen Sie diese Liebe nicht!
Louka [mit Verstellung]: Nicht um die Welt, Herr Major! Ich schwör' es Ihnen. Kann ich jetzt wieder an die Arbeit gehen?
Sergius [sie abermals umschlingend]: Sie sind eine verführerische kleine Hexe, Louka. Wenn Sie in mich verliebt wären, würden Sie mich ausspionieren?
Louka: Ja, sehen Sie, Herr Major, da Sie sagen, daß in Ihnen gleichzeitig ein halbes Dutzend verschiedener Herren ein und aus gehen, so hätte ich wohl viel zu tun.
Sergius [entzückt]: Sie sind ebenso geistreich wie hübsch. [Versucht, sie zu küssen.]
Louka [ihm ausweichend]: Nein, ich brauche Ihre Küsse nicht, die Herrenleute sind doch alle gleich. Sie liebäugeln mit mir hinter Fräulein Rainas Rücken, und Fräulein Raina tut dasselbe hinter Ihrem Rücken.
Sergius [einen Schritt zurückweichend]: Louka!!
Louka: Das beweist, wie wenig euch eigentlich aneinander liegt.
Sergius [seine Freundlichkeit aufgebend, mit eisiger Höflichkeit]: Wenn unser Gespräch fortgesetzt werden soll, Louka, werden Sie gut tun, zu bedenken, daß ein Edelmann das Benehmen der Dame, mit der er verlobt ist, nicht mit ihrer Kammerzofe bespricht.
Louka: Es ist schwer zu beurteilen, was ein Edelmann für richtig hält; ich dachte, da Sie versuchten, mich zu küssen, Sie hätten aufgegeben, alles gar so genau zu nehmen.
Sergius [wendet sich von ihr ab und schlägt sich auf die Stirne, während er von der Einfahrt zurück in den Garten kommt]: Teufel, Teufel!
Louka: Ha, ha, mir scheint, einer von den sechsen in Ihnen hat sehr viel Ähnlichkeit mit mir, Herr Major, obwohl ich nur Fräulein Rainas Zofe bin. [Sie geht zurück an den Tisch zu ihrer Arbeit, ohne weiter Notiz von ihm zu nehmen.]
Sergius [zu sich selbst sprechend]: Welcher von den sechsen ist der richtige? das ist die große Frage, die mich quält. Der eine ist ein Held, der andere ein Narr, der dritte ein Schwindler, der vierte vielleicht sogar ein Lump. [Er hält inne und sieht flüchtig zu Louka hin, während er mit tiefer Bitterkeit hinzufügt]: Und einer wenigstens ist ein Feigling--eifersüchtig wie alle Feiglinge. [Er geht an den Tisch.] Louka!
Louka: Ja!
Sergius: Wer ist mein Nebenbuhler?
Louka: Das werden Sie aus mir nie herausbekommen, weder für Liebe noch für Geld.
Sergius: Warum nicht?
Louka: Es ist gleichgültig, warum. Überdies würden Sie erzählen, daß ich es Ihnen gesagt habe, und ich würde meine Stelle verlieren. Sergius [streckt seine rechte Hand beschwörend aus]: Nein, bei der Ehre eines--[er unterbricht sich und seine Hand fällt kraftlos herab, während er sardonisch fortfährt]: eines Menschen, der fähig ist, sich zu benehmen, wie ich mich in den letzten fünf Minuten benommen habe--wer ist es?
Louka: Ich weiß es nicht, ich habe ihn nie gesehen, ich habe nur seine Stimme durch die Tür von Fräulein Rainas Zimmer gehört.
Sergius: Tod und Teufel! wie können Sie es wagen...?
Louka [zurückweichend]: Oh, ich meine nichts Schlimmes. Was berechtigt Sie, meine Worte so aufzufassen? Die gnädige Frau weiß alles, und ich sage Ihnen bloß: wenn dieser Herr jemals wieder hierherkommen sollte, so wird ihn Fräulein Raina heiraten, ob er nun wollen wird oder nicht. Ich kenne den Unterschied zwischen der Art, wie Sie und das gnädige Fräulein sich miteinander gehaben, und der richtigen Art. [Sergius fährt zusammen, als wenn sie ihn gestochen hätte. Dann runzelt er die Stirne, geht finster auf sie zu und erfaßt ihre Arme oberhalb der Ellbogen mit beiden Händen.]
Sergius: Jetzt passen Sie einmal auf!
Louka [zusammenzuckend]: Nicht so fest, Sie tun mir weh!
Sergius: Das schadet nichts. Sie haben meine Ehre angegriffen, indem Sie mich zum Mitwisser Ihrer Spionage machten, und Sie haben Ihre Herrin verraten.
Louka [sich windend]: Bitte!
Sergius: Das zeigt, daß Sie ein erbärmlicher, kleiner Klumpen Schmutz mit einer Bedientenseele sind. [Er läßt sie los, als ob sie ein unreines Ding wäre, und macht eine Bewegung, als ob er seine Hand von ihrer Berührung reinigte. Dann geht er nach der Bank an der Mauer, wo er sich niedersetzt, mit schwerem Kopfe, düster vor sich hinblickend.]
Louka [wimmert ärgerlich, mit der Hand auf dem Ärmel, und befühlt ihren schmerzenden Arm]: Sie verstehen es ebensogut, mit Ihrer Zunge zu verletzen, wie mit Ihren Händen! Aber jetzt liegt mir nichts mehr daran! Aus was für Schmutz ich auch sein mag, ich weiß, Sie sind aus demselben. Und was Ihre Braut betrifft, so ist sie eine Lügnerin, und ihre schönen Manieren sind Betrug; und ich bin mehr wert als sechs solche. [Sie verbeißt ihren Schmerz; wirft den Kopf zurück und geht an die Arbeit, den Tisch abzuräumen. Er sieht sie ein- bis zweimal zweifelnd an. Sie hat das Servierbrett vollgepackt und legt das Tischtuch an den Enden zusammen, um alles auf einmal hinauszutragen. Als sie sich bückt, um das Brett aufzuheben, steht Sergius auf.]
Sergius: Louka! [Sie bleibt stehen und sieht ihn trotzig an]: Ein Edelmann hat nicht das Recht, einer Frau unter irgendwelchen Umständen weh zu tun. [Mit tiefer Demut seinen Kopf entblößend]: Verzeihen Sie mir.
Louka: Diese Art von Entschuldigung mag einer Dame genügen. Was soll sie einem Dienstboten?
Sergius [in seiner Vornehmheit sehr verletzt, lacht bitter auf, läßt sie fallen und sagt geringschätzig]: Oh, Sie wünschen bezahlt zu werden für Ihren Schmerz? [Er setzt seinen Tschako auf und nimmt etwas Geld aus der Tasche.]
Louka [gegen ihren Willen mit Tränen in den Augen]: Nein, ich wünsche, daß mein Schmerz gutgemacht werde.
Sergius [durch ihren Ton ernüchtert]: Wie? [Sie streift ihren linken Ärmel hinauf, umfaßt ihren Arm mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand und sieht herab auf den blauen Fleck; dann hebt sie den Kopf in die Höhe und blickt Sergius fest an, endlich mit einer prachtvollen Bewegung hält sie ihm den Arm zum Kusse bin; erstaunt sieht er bald sie, bald ihren Arm an, zögert und ruft dann mit vibrierendem Nachdruck aus]: Niemals! [und geht soweit wie möglich fort von ihr. Der Arm fällt herab. Ohne ein Wort und mit nicht gespielter Würde nimmt Louka ihr Servierbrett und nähert sich dem Hause, aus dem Raina eben hervortritt, mit einer Jacke und einem Hut bekleidet, ganz nach der Wiener Mode des vergangenen Jahres, 1885. Louka weicht ihr stolz aus und geht dann in das Haus hinein.]
Raina: Ich bin bereit. Was ist los? [Lustig]: Haben Sie am Ende gar mit Louka geflirtet?
Sergius [rasch]: Nein, nein, wie können Sie nur so etwas denken! Raina [beschämt]: Verzeihen Sie, mein Lieber, es war nur ein Scherz; ich bin heute so glücklich. [Er geht rasch auf sie zu und küßt ihr reumütig die Hand. Katharina erscheint auf der obersten Stufe der aus dem Hause führenden Treppe und ruft nach ihnen.]
Katharina [zu ihnen hinunterkommend]: Ich bedaure, euch stören zu müssen, Kinder, aber mein Mann ist in Verzweiflung über jene drei Regimenter; er weiß nicht, wie er sie nach Philippopel befördern soll, und er widerspricht jedem meiner Vorschläge. Sie müssen kommen und ihm helfen, Sergius; er ist in der Bibliothek.
Raina [enttäuscht]: Aber wir wollen eben spazierengehen.
Sergius: Es wird nicht lange dauern, bitte, warten Sie auf mich genau fünf Minuten. [Er läuft die Treppe zur Tür hinauf.]
Raina [folgt ihm bis an den Fuß der Treppe und blickt ihm mit schüchterner Koketterie nach]: Ich werde unter den Fenstern der Bibliothek auf und ab gehen, so daß man mich sehen kann, und warten. Sie müssen Vaters Aufmerksamkeit auf mich lenken. Wenn Sie aber eine Sekunde länger als fünf Minuten ausbleiben, dann werde ich hineinkommen und Sie holen--Regimenter hin, Regimenter her!
Sergius [lachend:] Abgemacht! [Er geht hinein, Raina folgt ihm mit den Augen, bis er verschwunden ist; dann geht sie mit sichtlich abgespanntem Wesen im Garten auf und ab, in düsteres Sinnen verloren.]
Katharina: Was sagst du dazu, daß sie gerade diesem Schweizer begegnen mußten und nun die ganze Geschichte wissen! Das allererste, wonach dein Vater verlangt hat, war der alte Rock, in dem wir diesen Menschen fortgeschickt haben. Du hast uns da eine schöne Suppe eingebrockt!
Raina [blickt im Gehen gedankenvoll auf den Kies]: Das kleine Ungeheuer!
Katharina: Kleines Ungeheuer! wer ist ein kleines Ungeheuer?
Raina: Hinzugehen und alles zu erzählen,,, oh, wenn ich ihn bloß hier hätte, ich würde ihm den Mund mit Schokolade so vollstopfen, daß er nie wieder reden könnte.
Katharina: Sprich nicht solchen Unsinn, Raina. Sag' mir lieber die Wahrheit: Wie lange war er schon in deinem Zimmer, als du zu mir gekommen bist?
Raina [kehrt schnell um und setzt ihren Marsch in der entgegengesetzten Richtung fort]: Das habe ich längst vergessen.
Katharina: Das kannst du nicht vergessen haben. Ist er wirklich heraufgeklettert, als die Soldaten fort waren, oder war er schon da, als der Offizier das Zimmer durchsuchte?
Raina: Nein,,, ja,,, Ich glaube, er muß schon dagewesen sein.
Katharina: Du glaubst! O Raina, Raina, wirst du jemals lernen aufrichtig zu sein? Wenn Sergius das erfährt, ist es aus zwischen euch.
Raina [mit kalter Impertinenz]: Oh, ich weiß, Sergius ist dein Liebling. Manchmal wünschte ich, du könntest ihn heiraten an meiner Stelle. Du würdest auch vortrefflich zu ihm passen, du würdest ihn verzärteln und verziehen und aufpäppeln nach Herzenslust.
Katharina [mit weit aufgerissenen Augen]: Meiner Treu, das ist stark!
Raina [kapriziös, halb zu sich selbst]: Mich reizt es immer, ihm etwas anzutun oder etwas zu sagen, was ihn verletzt--und um seine fünf Sinne bringt. [Zu Katharina, störrisch]: Es ist mir ganz einerlei, ob er etwas über den Pralinésoldaten erfährt oder nicht! Halb und halb wünsche ich es sogar. [Sie wendet sich wieder ab und geht leichtfüßig in der Richtung gegen die Ecke des Hauses.]
Katharina: Und was sollte ich deinem Vater sagen?
Raina [über ihre Schulter, oben von der Treppe aus]: Der arme Papa! als ob der sich selbst helfen könnte! [Sie geht um die Ecke und verschwindet.]
Katharina [ihr nachblickend, während es ihr in den Fingern zuckt]: Oh, wenn du nur zehn Jahre jünger wärst! [Louka kommt aus dem Hause und trägt einen Präsentierteller in der herabhängenden Hand.] Was gibt's?
Louka: Ein Herr ist draußen, gnädige Frau, und hat nach Ihnen gefragt--ein serbischer Offizier.
Katharina [außer sich]: Ein Serbe! Und er wagt es,,, [Faßt sich; bitter]: Oh, ich vergaß, wir haben ja Frieden jetzt! Wir werden sie nun wohl jeden Tag empfangen und uns von ihnen den Hof machen lassen müssen. Aber wenn er Offizier ist, warum meldest du ihn nicht dem Herrn--er ist mit dem Major Saranoff in der Bibliothek--, warum kommst du zu mir?
Louka: Weil er nach Ihnen gefragt hat, gnädige Frau. Aber ich glaube nicht, daß er weiß, wer Sie sind. Er sagte: "für die Dame des Hauses" und gab mir dieses kleine Billett. [Sie nimmt eine Karte aus ihrer Bluse, legt sie auf den Präsentierteller und bietet sie Katharinen.]
Katharina [lesend]: Kapitän Bluntschli--das ist ein deutscher Name.
Louka: Ich glaube, ein Schweizer Name, gnädige Frau!
Katharina [mit einem Satz, vor dem Louka eiligst zurückweicht]: Schweizer! wie sieht er aus?
Louka [schüchtern]: Er trägt eine große Reisetasche, gnädige Frau.
Katharina: Großer Gott! er kommt am Ende, um den Rock zurückzugeben,,, Schick' ihn fort--schnell! Sag' ihm, daß wir nicht zu Hause sind. Verlange seine Adresse, und ich werde ihm schreiben,,, Nein, nein, bleib hier, das geht ja nicht,,, warte,,, [Sie wirft sich in einen Sessel, um darüber nachzudenken, Louka wartet.] Mein Mann und Major Saranoff sind in der Bibliothek beschäftigt, nicht wahr?
Louka: Jawohl, gnädige Frau.
Katharina [entschieden]: Führe den Herrn sofort hier heraus! [Befehlend]: Und daß du sehr höflich mit ihm bist,,, schnell, schnell! [Ihr ungeduldig den Präsentierteller fortnehmend:] Laß das hier, geh nur direkt zu ihm!
Louka: Zu Befehl, gnädige Frau. [Geht.]
Katharina: Louka!
Louka [bleibt stehen]: Gnädige Frau?
Katharina: Ist die Tür zur Bibliothek geschlossen?
Louka: Ich glaube, gnädige Frau.
Katharina: Wenn nicht, so schließe sie im Vorübergehen.
Louka: Wie Sie befehlen, gnädige Frau. [Sie geht.]
Katharina: Wart'! [Louka bleibt stehen.] Er wird diesen Weg nehmen müssen,,, [Sie weist auf das Stallhoftor.] Sage Nicola, er soll ihm seine Tasche hierher nachbringen. Vergiß das ja nicht!
Louka [erstaunt]: Seine Tasche?
Katharina: Ja, hierher, so schnell wie möglich. [Heftig]: Beeile dich!
[Louka läuft in das Haus hinein.]
Katharina [reißt ihre Schürze ab und wirft sie hinter einen Busch, dann nimmt sie den Präsentierteller und benützt ihn als Spiegel. Das Resultat ist, daß sie das Tuch, das sie um den Kopf gebunden trägt, der Schürze nachfolgen läßt. Dann bringt sie ihr Haar in Ordnung und zieht ihr Kleid zurecht, um empfangsfähig auszusehen]: Nein, nein, ist das ein Narr, in einem solchen Augenblick hereinzuplatzen!
Louka [erscheint an der Tür und meldet]: "Herr Hauptmann Bluntschli!" [sie steht an der obersten Stufe, um ihn durchzulassen, bevor sie wieder zurücktritt. Es ist tatsächlich der Held des nächtlichen Abenteuers in Rainas Zimmer, jetzt aber sauber und schön abgebürstet, in eleganter Uniform und außer Gefahr; jedoch immerhin zweifellos derselbe Mann. Sobald Louka den Rücken gekehrt hat, wendet sich Katharina heftig und dringend und in beschwörendem Ton an ihn.]
Katharina: Hauptmann Bluntschli, ich freue mich außerordentlich, Sie wiederzusehen, aber Sie müssen dieses Haus sofort verlassen! [Er blickt sie groß an]: Mein Mann ist eben mit meinem zukünftigen Schwiegersohn zurückgekehrt. Noch wissen sie nichts; aber wenn sie etwas erführen, die Folgen wären fürchterlich! Sie sind Ausländer, Sie können unsere nationalen Gehässigkeiten nicht nachfühlen, aber wir hassen die Serben noch immer. So ist beispielsweise bei meinem Manne das einzige Resultat des Friedens, daß er sich wie ein Löwe fühlt, dem man seine sichere Beute entrissen hat. Wenn er unser Geheimnis erführe, er würde mir nie verzeihen, und sogar das Leben meiner Tochter wäre in Gefahr. Wollen Sie, wie es sich für einen Ehrenmann und Soldaten, der Sie sind, geziemt, dieses Haus sofort verlassen, bevor mein Mann Sie hier finden kann?
Bluntschli [enttäuscht, aber gefaßt]: Augenblicklich, gnädige Frau! Ich bin nur gekommen, um Ihnen zu danken und Ihnen den Rock zurückzustellen, den Sie mir so freundlich geliehen haben. Wenn Sie mir nur gestatten wollten, ihn aus meiner Reisetasche zu nehmen und beim Hinausgehen Ihrem Diener einzuhändigen, so brauchte ich Sie nicht länger zu belästigen. [Er macht kehrt, um in das Haus zurückzugehen.]
Katharina [ihn am Arm fassend]: Oh, Sie dürfen nicht daran denken, auf dem selben Weg zu gehen, wie Sie gekommen sind. [Ihn nach dem Gitter der Stallungen führend]: Das ist der kürzeste Weg ins Freie. Vielen Dank--es freut mich unendlich, daß ich Ihnen dienen konnte--, leben Sie wohl!
Bluntschli: Aber meine Tasche?
Katharina: Sie wird Ihnen nachgeschickt werden, lassen Sie mir Ihre Adresse da.
Bluntschli: Gut, dann erlauben Sie. [Er zieht seine Visitenkartentasche, nimmt eine Karte heraus und will seine Adresse aufschreiben, während Katharina vor Ungeduld vergeht. Als er ihr eben die Karte einhändigt, kommt Petkoff ohne Hut aus dem Hause gelaufen, in gastfreundlicher Aufregung. Sergius folgt ihm.]
Petkoff [die Treppe herunterlaufend]: Mein lieber Hauptmann Bluntschli!
Katharina: Himmel! [Sie sinkt neben der Mauer auf einen Stuhl.]
Petkoff [zu sehr beschäftigt, um das zu bemerken, schüttelt Bluntschli herzlich die Hand]: Meine dummen Dienstboten dachten, ich wäre hier draußen, statt--in der Bibliothek. [Er kann die Bibliothek nicht erwähnen, ohne zu verraten, wie stolz er darauf ist.] Ich habe Sie vom Fenster aus gesehen und wunderte mich, daß Sie nicht hereinkamen. Saranoff ist auch hier. Sie erinnern sich doch seiner noch, nicht wahr?
Sergius [grüßt lustig und bietet ihm dann mit großer Liebenswürdigkeit die Hand]: Willkommen, unser Freund der Feind!
Petkoff: Glücklicherweise nicht länger "der Feind". [Ziemlich ängstlich:] Ich hoffe, Sie kommen nur als Freund und nicht um Pferde oder Gefangene.
Katharina: Oh, nur als Freund, Paul. Ich habe Hauptmann Bluntschli eben zum Mittagessen eingeladen, aber er erklärte, sofort gehen zu müssen.
Sergius [sardonisch]: Unmöglich, Bluntschli--wir brauchen Sie hier sogar sehr dringend. Wir sollen drei Kavallerieregimenter nach Philippopel befördern und haben keine Ahnung, wie das fertigbringen.
Bluntschli [plötzlich aufmerksam und berufsmäßig]: Philippopel; da wird's mit der Verpflegung hapern, nicht wahr?
Petkoff [eifrig]: Ja, das ist es eben. [Zu Sergius]: Wie er die Sache gleich weg hat!
Bluntschli: Ich glaube, ich kann Ihnen zeigen, wie das zu machen ist.
Sergius: So kommen Sie mit uns, Sie unschätzbarer Mann! [Bluntschli überragend, legt er ihm die Hand auf die Scbulter und führt ihn gegen die Stufen, Petkoff folgt. Als Bluntschli seinen Fuß auf die erste Stufe setzt, tritt Raina aus dem Hause.]
Raina [alle Geistesgegenwart verlierend]: Oh, der Pralinésoldat! [Bluntschli steht starr, Sergius blickt erstaunt auf Raina, dann auf Petkoff, der wieder ihn ansieht und dann seine Frau fragend anstarrt.]
Katharina [mit befehlender Geistesgegenwart]: Meine liebe Raina, siehst du nicht, daß wir einen Gast haben? [Vorstellend]: Hauptmann Bluntschli, einer von unsern neuen serbischen Freunden. [Raina verbeugt sich. Bluntschli verbeugt sich.]
Raina: Wie dumm von mir! [Sie geht hinunter in die Mitte der Gruppe zwischen Bluntschli und Petkoff.] Ich habe heute früh ein wunderschönes Schokoladeornament für den Eispudding gemacht, und der dumme Nicola hat eben einen Stoß Teller darauf gesetzt und alles verdorben. [Zu Bluntschli gewendet, liebenswürdig]: Ich hoffe, Sie dachten nicht, daß SIE der Pralinésoldat wären, Hauptmann Bluntschli.
Bluntschli [lachend]: Ich versichere Ihnen, daß ich's dachte. [Ihr einen sonderbaren Blick zuwerfend]: Ihre Erklärung ist eine Erlösung für mich.
Petkoff [argwöhnisch zu Raina]: Seit wann kochst du denn, Raina?
Katharina: Oh, während deiner Abwesenheit ist ihr das eingefallen. Es ist ihr neuestes Steckenpferd.
Petkoff [mürrisch]: Und hat Nicola zu trinken angefangen? Früher war er ziemlich verläßlich. Jetzt ist er wie umgewandelt. Erst führt er Hauptmann Bluntschli hierher, während er doch ganz gut wußte, daß ich in der--Bibliothek war, dann geht er hin und zerstört Rainas Pralinésoldaten. Er muß...
[Nicola tritt oben auf den Stufen mit einer Reisetasche aus dem Hause heraus, er geht die Stufen hinab, stellt die Tasche ehrerbietig vor Bluntschli auf die Erde und wartet auf weitere Befehle. Allgemeines Erstaunen. Ahnungslos, was für eine Wirkung er hervorgerufen, sieht Nicola sehr zufrieden mit sich aus. Als Petkoff seine Sprache wiedererlangt, bricht er los.]
Petkoff: Bist du verrückt geworden, Nicola?
Nicola [erschrocken]: Gnädiger Herr...
Petkoff: Wozu bringst du das hierher?
Nicola: Auf Befehl der gnädigen Frau, Herr Major, Louka sagte mir, daß-Katharina [unterbricht ihn]: Auf meinen Befehl? Warum sollte ich dir befohlen haben, Hauptmann Bluntschlis Gepäck hier herauszubringen? Was fällt dir denn ein, Nicola?
Nicola [bleibt einen Augenblick unschlüssig, dann hebt er das Gepäck auf und wendet sich zu Bluntschli mit vollendeter, unterwürfiger Diskretion]: Ich bitte tausendmal um Vergebung. [Zu Katharina]: Es ist meine Schuld, gnädige Frau, ich bitte Sie, es mir nicht anzurechnen. [Er verbeugt sich und geht mit dem Gepäck gegen das Haus zu, als Petkoff ihm wütend nachruft.]
Petkoff: Vielleicht wirfst du jetzt auch noch diese Tasche auf Fräulein Rainas Eispudding! [Das ist zuviel für Nicola, die Tasche fällt ihm aus der Hand.] Aus meinen Augen, du ungeschickter Esel, du!
Nicola [reißt das Gepäck an sich und flieht in das Haus hinein]: Sehr wohl, gnädiger Herr!
Katharina: So beruhige dich doch, Paul, sei nicht so aufgebracht!
Petkoff [brummend]: Der Schuft ist in meiner Abwesenheit außer Rand und Band geraten. Ich werde ihn schon lehren...[Er erinnert sich seines Gastes.] Ach, entschuldigen Sie! Kommen Sie, Bluntschli, und sprechen Sie nicht mehr vom Fortgehen. Sie wissen ganz gut, daß Sie nicht sofort in die Schweiz zurückkehren, Sie können also vorerst getrost bei uns bleiben.
Raina: Ach ja! Bitte, bleiben Sie, Hauptmann Bluntschli.
Petkoff [zu Katharina]: Hauptmann Bluntschli zögert am Ende noch, weil er glaubt, daß du sein Bleiben nicht wünschest? Bitte du ihn, und er wird nachgeben.
Katharina: Aber selbstverständlich! Ich werde mich glücklich schätzen, wenn Hauptmann Bluntschli wirklich bleiben will. [Ihn mit Blicken beschwörend]: Er kennt meine Wünsche.
Bluntschli [in seiner trockensten militärischen Art]: Ganz wie Sie befehlen, gnädige Frau.
Sergius [freundschaftlich]: Und damit abgemacht!
Petkoff [herzlich]: Abgemacht!
Raina: Sie sehen, daß Sie bleiben MÜSSEN!
Bluntschli [lächelnd]: Nun, wenn ich muß, dann muß ich wohl. [Gebärde der Verzweiflung von Katharina.]
[Vorhang]
DRITTER AKT