Part 3
Louka: Gewiß. Ja, und du liebst mich darum um so mehr, nicht wahr? Aber so jung ich bin, kenne ich doch ein paar Familiengeheimnisse, von denen sie nicht wünschen würden, daß ich sie ausplaudere. Sie sollen es nur wagen, mit mir anzubinden!
Nicola [mitleidig und überlegen]: Weißt du, was sie täten, wenn sie dich so sprechen hörten?
Louka: Was könnten sie tun?
Nicola: Dich wegen Lügenhaftigkeit entlassen. Wer würde dir dann jemals wieder ein Wort glauben, wer dir eine andere Stellung verschaffen? Wer in diesem Hause würde es wagen, auch nur wieder mit dir zu sprechen? Und wie lange würde dein Vater auf seinem kleinen Bauernhof belassen werden?! [Sie wirft ungeduldig den Rest ihrer Zigarette fort und tritt darauf]: Du großes Kind! Du weißt eben nicht, was für eine Macht so hohe Herrschaften über unsereins haben, sobald wir armen Teufel versuchen, uns gegen sie aufzulehnen. [Er tritt nahe an sie heran, mit leiser Stimme]: Schau mich an! Seit zehn Jahren diene ich in diesem Hause--glaubst du, daß ich da keine Geheimnisse weiß? Ich weiß Dinge von unserer Frau! Nicht um tausend Leu würde sie wollen, daß ihr Mann sie erführe! Und ich weiß Dinge von ihm, wegen deren sie ihm ein halbes Jahr lang zusetzen würde, wenn ich sie ausplaudern wollte. Ich weiß Dinge von Fräulein Raina! Die Auflösung der Verlobung mit Sergius wäre die Folge, wenn--
Louka [sich rasch zu ihm wendend]: Woher weißt du denn das? Ich habe dir doch nie etwas gesagt?
Nicola [reißt die Augen verschmitzt auf]: Das also ist dein kleines Geheimnis! Ich dachte gleich, es könnte so was sein. Nun, befolge meinen Rat, benimm dich ehrerbietig und laß die Gnädige fühlen, daß, ganz gleich, was du weißt oder nicht weißt, sie sich darauf verlassen kann, daß du reinen Mund halten und deiner Herrschaft treu bleiben wirst. Das ist's, was sie gern haben, und auf diese Weise wirst du am meisten von ihnen herauskriegen.
Louka [verachtungsvoll]: Du bist eine Bedientenseele, Nicola!
Nicola [vergnügt]: Jawohl, das ist das Geheimnis des Erfolges im Dienste. [Ein lautes Klopfen mit einem Peitschenknopf an das hölzerne Tor wird vom Hofe her gehört.]
Männliche Stimme [von außen]: Hallo! Heda! Nicola!
Louka: Der Herr, aus dem Kriege zurück!
Nicola [rasch]: Meiner Treu, Louka, der Krieg ist vorüber! Mach, daß du fortkommst, und bring frischen Kaffee! [Er läuft hinaus auf den Stallhof.]
Louka [während sie Kaffeekanne und Tassen zusammenräumt und auf dem Servierbrett in das Haus hineinträgt]: Du wirst aus mir niemals eine Bedientenseele machen! [Major Petkoff kommt vom Stallhofe her, Nicola folgt ihm. Der Major ist ein leicht erregbarer heiterer, unbedeutender, ungebildeter Mann von ungefähr fünfzig Jahren. Von Natur aus ohne Ehrgeiz, nur um sein Einkommen und seine Wichtigkeit in der Lokalgesellscbaft bekümmert, ist er jetzt doch äußerst zufrieden mit dem militärischen Rang, der ihm während des Krieges als einer der Hauptpersonen seiner Stadt eingeräumt wurde. Das Fieber eines tollkühnen Patriotismus, den der Angriff der Serben in allen Bulgaren hervorrief, hat ihm durch den Krieg durchgeholfen, aber er ist sichtlich froh, wieder zu Hause zu sein.]
Petkoff [mit seiner Peitsche auf den Tisch zeigend]: Hier draußen das Frühstück?
Nicola: Jawohl, gnädiger Herr. Die gnädige Frau und Fräulein Raina sind soeben ins Haus gegangen.
Petkoff [setzt sich und nimmt ein Brötchen]: Geh hinein und sage, daß ich gekommen bin, und bringe mir frischen Kaffee.
Nicola: Ist schon bestellt, gnädiger Herr. [Er wendet sich gegen die Haustür, Louka kommt mit frischem Kaffee, einer reinen Tasse und einer Flasche Schnaps auf ihrem Servierbrett]: Haben Sie die gnädige Frau verständigt?
Louka: Ja, die Gnädige kommt gleich. [Nicola geht in das Haus hinein. Louka stellt den Kaffee auf den Tisch.]
Petkoff: Na, die Serben scheinen dich nicht geraubt zu haben?
Louka: Nein, gnädiger Herr.
Petkoff: Das ist recht. Hast du mir Kognak gebracht?
Louka [die Flasche auf den Tisch setzend]: Hier, gnädiger Herr.
Petkoff: So ist's recht. [Er gießt ein paar Tropfen Kognak in seinen Kaffee. Katharina, die zu der frühen Stunde nur eine sehr flüchtige Toilette gemacht hat, tritt aus dem Hause. Sie trägt eine bulgarische Schürze über einem ehemals prächtigen, aber jetzt halb abgetragenen roten Schlafrock. Ein farbiges Kopftuch ist um ihr dickes schwarzes Haar gewunden. Sie hat türkische Pantoffeln an den bloßen Füßen. Sie sieht trotz ihrer Toilette erstaunlich hübsch und stattlich aus. Louka geht in das Haus zurück.]
Katharina: Mein lieber Paul, nein, ist das eine Überraschung für uns! [Sie beugt sich über die Lehne seines Stuhls, um ihn zu küssen]: Hast du schon frischen Kaffee bekommen?
Petkoff: Ja, Louka hat schon für mich gesorgt.--Der Krieg ist aus, der Friede wurde schon vor drei Tagen in Bukarest unterzeichnet, und der Abrüstungsbefehl für unsere Armee ist gestern ausgegeben worden.
Katharina [springt auf, mit sprühenden Augen]: Der Krieg zu Ende! Paul, haben euch die Österreicher vielleicht GEZWUNGEN, Frieden zu schließen?
Petkoff [unterwürfig]: Meine Teuere, sie haben mich nicht gefragt, was konnte ich tun? [Sie setzt sich und wendet sich von ihm ab]: Aber natürlich haben wir dafür gesorgt, daß der Vertrag ein ehrenhafter sei, er sichert den Frieden.
Katharina [beleidigt]: Frieden!
Petkoff [sie besänftigend]: Aber durchaus keine freundschaftlichen Beziehungen, merke wohl. Sie wollten das hineinsetzen, aber ich bestand darauf, daß es gestrichen würde--was hätte ich noch mehr tun können?
Katharina: Du hättest Serbien annektieren und den Prinzen Alexander zum Kaiser des Balkans machen können; das hätte ich getan!
Petkoff: Ich zweifle nicht daran, Teuerste. Aber ich hätte zuvor das ganze österreichische Kaiserreich unterwerfen müssen, und das hätte mich zu lange von dir ferne gehalten; du hast mir schon sehr gefehlt.
Katharina [freundlich]: Ah! [Sie streckt ihren Arm liebevoll über den Tisch, um seine Hand zu drücken.]
Petkoff: Und wie ist es dir ergangen, Liebste?
Katharina: Oh, bis auf meine gewohnten Halsschmerzen recht gut.
Petkoff [mit Überzeugung]: Das kommt davon, daß du dir täglich den Hals wäschst; ich habe dich schon oft davor gewarnt.
Katharina: Das ist Unsinn, Paul.
Petkoff [über seinem Kaffee und der Zigarette]: Ich bin sehr dagegen, daß man diese modernen Gewohnheiten zu sehr nachahmt; das ewige Waschen kann nicht gesund sein, es ist unnatürlich. In Philippopel war ein Engländer, der die Gewohnheit hatte, sich jeden Morgen nach dem Aufstehen über und über mit kaltem Wasser zu begießen. Ekelhaft! Der Unfug kommt überhaupt von den Engländern. Ihr Klima macht sie so schmutzig, daß sie sich in einem fort waschen müssen. Schau doch meinen Vater an; er hat in seinem ganzen Leben nie gebadet und ist dabei doch achtundneunzig Jahre alt geworden, der gesündeste Mann Bulgariens. Ich habe ja nichts dagegen, mich einmal in der Woche ordentlich zu waschen, um meiner Stellung genüge zu tun--aber jeden Tag, das heißt doch, die Sache in lächerlicher Weise übertreiben.
Katharina: Im Herzen bist du noch immer ein Barbar, mein lieber Paul. Ich hoffe, du hast dich vor all den russischen Offizieren gut benommen.
Petkoff: Ich tat, was ich konnte, und habe auch dafür gesorgt, daß sie erfuhren, daß wir eine Bibliothek haben!
Katharina: Ah--aber daß wir auch eine elektrische Klingel darin haben, das wissen sie nicht! Ich habe in deiner Abwesenheit eine anbringen lassen.
Petkoff: Was ist das, eine elektrische Klingel?
Katharina: Du berührst einen Knopf, es klingelt in der Küche, und dann kommt Nicola herein.
Petkoff: Man kann ja nach ihm schreien!
Katharina: Zivilisierte Leute schreien nie nach ihren Dienstboten; ich habe das gelernt, während du fort warst.
Petkoff: Nun, ich will dir auch sagen, was ich gelernt habe. Zivilisierte Leute hängen ihre Wäsche nicht so zum Trocknen auf, daß jeder Besucher sie sehen kann. Es wäre deshalb besser, du würdest all das Zeug [er zeigt auf die Wäsche an den Büschen,] irgendwo anders hinhängen.
Katharina: Aber das ist doch lächerlich, Paul; ich kann mir nicht denken, daß wirklich feine Leute solche Dinge überhaupt bemerken. [Man hört jemanden an das Hoftor klopfen.]
Petkoff: Das ist Sergius. [Ruft]: Holla! Nicola!
Katharina: Rufe doch nicht so laut, Paul. Das ist wirklich nicht fein!
Petkoff: Unsinn. [Er ruft lauter als vorher:] Nicola!
Nicola [erscheint vor der Haustür]: Zu Befehl, gnädiger Herr.
Petkoff: Wenn das Major Saranoff ist, führe ihn hierher. [Er spricht den Namen mit einer Dehnung auf der zweiten Silbe aus: "Sarahnoff".]
Nicola: Sehr wohl, gnädiger Herr! [Er geht nach dem Stallhofe zu.]
Petkoff: Unterhalte du ihn, Teuerste, bis Raina ihn uns entzieht. Er quält mich sonst wieder mit Vorwurfen weil wir ihn nicht befördert haben--über meinen Kopf hinweg, bitte!
Katharina: Gewiß. Er sollte auch gewiß befördert werden, wenn er Raina heiratet. Überdies sollte das Land darauf bestehen, wenigstens einen eingeborenen General zu bekommen.
Petkoff: Jawohl, damit er statt Regimenter ganze Brigaden zugrunde richten könnte. Gib dir keine Mühe, es ist umsonst--er hat nicht die geringste Aussicht auf Beförderung, bevor wir nicht ganz sicher sind, daß der Friede dauernd sein wird.
Nicola [an der Tür anmeldend]: Major Sergius Saranoff. [Er geht in das Haus hinein und kommt gleich darauf mit einem dritten Stuhl heraus, den er an den Tisch setzt, dann zieht er sich zurück.]
[Major Sergius Saranoff, das Original des Bildes in Rainas Schlafzimmer, ist ein großer, romantisch schöner Mann, von der Verwegenheit, dem hohen Mut und der leicht erregbaren Phantasie eines Häuptlings wilder Bergbewohner, aber seine auffallende persönliche Vornehmheit ist von charakteristisch zivilisierter Art; seine Augenbrauen winden sich widderhornartig um die vorspringenden Stirnknochen und reichen bis in die Schläfen. Seine eifersüchtig beobachtenden Augen, seine dünne spitze Nase--furchtsam trotz der breiten Nasenflügel und des streitsüchtigen hohen Rückens--sein energisches Kinn würden ganz gut in einen Pariser Salon passen, und sie beweisen, daß der gescheite, phantasiereiche Barbar scharfe kritische Fähigkeiten besitzt, die sich infolge des Eindringens der westlichen Zivilisation in den Balkan sehr merklich entwickelt hat. Das Resultat ist ganz ähnlich demjenigen, welches das Aufkommen der Gedanken des 19. Jahrhunderts in England entstehen ließ, nämlich "Byronismus". Durch das Grübeln über die dauernde Erfolglosigkeit nicht nur anderer, sondern auch seiner selbst, seinen Idealen nachzuleben--durch seine beharrliche zynische Verachtung der Menschheit, durch den geistlosen Glauben an den unbedingten Wert seiner eigenen Entwürfe und die Unwürdigkeit der Welt, die sie mißachtet, durch die Empfindlichkeit und den Spott, den jede unter Menschen verbrachte Stunde durch den Stachel kleinlicher Enttäuschungen seiner nervösen Aufmerksamkeit verursacht, hat er die halb ironische, halb tragische Art angenommen, die mysteriöse Traurigkeit, die Suggestion einer seltsamen und schrecklichen Geschichte, die ihm nichts als ewige Reue hinterlassen hat, all das, wodurch Childe Harold die Großmütter seiner englischen Zeitgenossen bezauberte. Es ist klar, daß dieser oder keiner Rainas Held sein muß. Katharina ist für ihn kaum weniger begeistert als ihre Tochter, und viel weniger zurückhaltend, ihm ihre Gefühle zu zeigen. Als er durch das Hoftor hereinkommt, erhebt sie sich überschwenglich, um ihn zu begrüßen. Petkoff ist sichtlich weniger aufgelegt, viel aus ihm zu machen.]
Petkoff: Schon hier, Sergius? Freut mich, dich wieder zu sehen. Katharina: Mein teuerer Sergius! [Sie streckt ihm beide Hände entgegen.]
Sergius [küßt diese mit skrupulöser Galanterie]: Verehrte Mutter--wenn ich Sie so nennen darf?
Petkoff [trocken]: Schwiegermutter, Sergius! Schwiegermutter! Nimm Platz und bediene dich mit Kaffee.
Sergius: Danke schön, keinen Kaffee für mich. [Er entfernt sich vom Tische mit einer gewissen verachtungsvollen Bewegung über Petkoffs Genuß am Kaffeetrinken und stellt sich mit bewußter Würde gegen das Geländer der Treppe, die zum Hause führt.]
Katharina: Sie sehen prächtig aus, vorzüglich! Der Feldzug ist Ihnen gut bekommen. Hier ist alles ganz begeistert für Sie. Wir waren alle außer uns vor Enthusiasmus über Ihre prachtvolle Kavallerieattacke. Sergius [mit bitterer Ironie]: Sie war die Wiege und das Grab meines militärischen Rufes, gnädige Frau!
Katharina: Wieso?
Sergius: Ich gewann die Schlacht auf falsche Weise, während unsere verdienten russischen Generale sie auf die richtige Art verloren. Das warf ihre Pläne über den Haufen und verletzte ihre Eitelkeit. Zwei ihrer Obristen wurden mit ihren Regimentern zurückgeschlagen, aber auf Grund korrekter, wissenschaftlicher Kriegführung. Zwei Generalmajore wurden dabei sogar genau nach militärischer Vorschrift getötet. Jene zwei Obristen sind jetzt Generale, und ich bin noch immer ein einfacher Major.
Katharina: Das werden Sie nicht bleiben, Sergius; Sie haben die Frauen auf Ihrer Seite, und die werden schon dafür sorgen, daß Ihnen Gerechtigkeit widerfährt.
Sergius: Es ist zu spät; ich habe nur auf den Frieden gewartet, um mein Abschiedsgesuch einzureichen.
Petkoff [läßt die Tasse vor Erstaunen fallen]: Dein Abschiedsgesuch? Katharina: Oh, Sie müssen es zurückziehen.
Sergius [mit entschiedener maßvoller Betonung, seine Arme kreuzend]: Ich ziehe niemals zurück.
Petkoff [geärgert]: Nein, wer konnte denken, daß du dir so etwas einfallen lassen würdest!
Sergius [feurig]: Jeder, der mich kannte!--Doch genug von mir und meinen Angelegenheiten! Wie geht es Raina und wo ist sie?
Raina [tritt plötzlich um die Ecke aus dem Hause heraus und wird auf der obersten Stufe bemerkbar]: Da ist Raina! [Sie sieht reizend aus, und alle wenden sich nach ihr um. Sie trägt ein Unterkleid aus blaßgrüner Seide, das mit einem goldgestickten dünnen ekrüfarbenen Überwurf bedeckt ist. Auf dem Kopfe trägt sie eine hübsche phrygische goldverbrämte Mütze.--Sergius geht ihr mit einem Freudenruf lebhaft entgegen; sie streckt ihre Hand nach ihm aus, die er, sich ritterlich auf ein Knie niederlassend, küßt.]
Petkoff [zu Katharina, strahlend vor väterlichem Stolz]: Schön ist sie, nicht wahr? Sie erscheint immer im richtigen Augenblick.
Katharina [ungeduldig]: Ja, sie horcht deswegen, es ist eine abscheuliche Gewohnheit. [Sergius führt Raina nach vorne mit außerordentlicher Galanterie, als ob sie eine Königin wäre. Als sie an den Tisch kommen, wendet sie sich mit einer Neigung ihres Kopfes zu Sergius, er verbeugt sich und sie gehen auseinander, er zu seinem Platz und sie hinter den Stuhl ihres Vaters.]
Raina [beugt sich nieder und küßt ihren Vater]: Teurer Vater, willkommen zu Hause!
Petkoff [ihre Wangen streichelnd]: Kleiner Liebling! [Er küßt sie, sie tritt an den Stuhl heran, den Nicola für Sergius gebracht hat, und setzt sich.]
Katharina: Also, Sie sind nun nicht mehr Soldat, Sergius?
Sergius: Nein, ich bin nicht mehr Soldat. "Soldat sein", gnädige Frau, das ist die Kunst des Feiglings, erbarmungslos anzugreifen, wenn er die Übermacht hat, und weit vom Schusse zu bleiben, sobald er der Schwächere ist. Trachte, deinen Feind zu übervorteilen, und niemals, in keinem Falle, schlage dich mit ihm unter gleichen Bedingungen--das ist das ganze Geheimnis erfolgreicher Schlachten, was, Major?
Petkoff: Sie ließen uns zu gar keinem ordentlichen Gefechte Mann gegen Mann kommen. Indessen, ich vermute, daß das Kriegshandwerk ein Geschäft sein muß wie jedes andere Geschäft.
Sergius: Das ist es eben, aber mir fehlt der Ehrgeiz, als Geschäftsmann glänzen zu wollen; deshalb habe ich auch den Rat dieses Handlungsreisenden von Hauptmann befolgt, der den Austausch der Gefangenen bei Pirot besorgte, und meinen Beruf aufgegeben.
Petkoff: Was, jenes Schweizers? Ich habe seitdem oft an diesen Austausch gedacht, Sergius; er hat uns mit den Pferden übervorteilt.
Sergius: Natürlich hat er uns übervorteilt. Sein Vater ist Hotelbesitzer und Lohnfuhrwerker. Er verdankte seine ersten Erfolge seinen Kenntnissen im Pferdehandel. [Mit höhnischem Enthusiasmus]: Ah, das war ein Soldat, jeder Zoll ein Krieger! Wenn ich doch bloß die Pferde für mein Regiment vorteilhaft gekauft hätte, anstatt es töricht der Gefahr entgegenzuführen, ich wäre jetzt Feldmarschall.
Katharina: Ein Schweizer? Was hat der in der serbischen Armee zu schaffen gehabt?
Petkoff: Ein Freiwilliger natürlich, darauf erpicht, seinen Beruf auszuüben. [Lachend]: Wir wären nicht imstande gewesen zu kämpfen, wenn diese Fremden uns nicht gezeigt hätten, wie man es macht. Wir verstanden nichts davon, und die Serben auch nicht. Bei Gott! ohne die Ausländer wäre ein Krieg unmöglich gewesen.
Raina: Sind in der serbischen Armee viele Schweizer Offiziere?
Petkoff: Nein--alles Österreicher, so wie unsere Offiziere alle Russen waren. Das war der einzige Schweizer, dem ich begegnet bin. Ich werde nie wieder einem Schweizer vertrauen; er hat uns betrogen, beschwindelt, so daß wir ihm fünfzig gesunde Männer für zweihundert verdammte abgetriebene Pferde gegeben haben. Sie waren nicht einmal eßbar.
Sergius: Wir waren wie zwei Kinder in den Händen dieses erprobten Soldaten, Major. Ganz einfach zwei unschuldige kleine Kinder.
Raina: Wie sah er aus?
Katharina: Aber, Raina, was für eine dumme Frage!
Sergius: Er sah aus wie ein Handlungsreisender in Uniform, Bourgeois vom Scheitel bis zur Sohle.
Petkoff [grinsend]: Sergius, erzähle die merkwürdige Geschichte, die sein Freund uns von ihm erzählte.--Wie er nach der Schlacht bei Slivnitza entkommen ist--erinnerst du dich? Zwei Frauen sollen ihn versteckt haben.
Sergius [mit bitterer Ironie]: Ja, ja, das ist ein ganzer Roman. Er diente in derselben Batterie, die ich so berufswidrig angegriffen habe. Da er ein ganzer Soldat ist, so lief er wie die übrigen davon, unsere Kavallerie auf den Fersen. Um ihrer Aufmerksamkeit zu entgehen, hatte er den geschmackvollen Einfall, sich in das Zimmer irgend einer patriotischen jungen bulgarischen Dame zu flüchten. Die junge Dame war entzückt von den gewinnenden Manieren dieses verkleideten Handlungsreisenden und unterhielt ihn sehr züchtig ungefähr eine Stunde lang und rief dann ihre Mutter dazu, damit ihr Benehmen nicht unmädchenhaft erscheine. Die alte Dame war gleichfalls bezaubert, und der Flüchtling wurde des Morgens, mit einem Rock des im Kriege abwesenden Hausherrn verkleidet, freundlichst entlassen.
Raina [erhebt sich mit großer Würde]: Ihr Lagerleben hat Sie verroht, Sergius. Ich hätte nie gedacht, daß Sie es wagen würden, eine solche Geschichte in meiner Gegenwart zu erzählen. [Sie wendet sich kalt ab.]
Katharina [sich gleichfalls erhebend]: Raina hat recht, Sergius. Wenn es solche Frauen gibt, uns sollte es erspart bleiben, von ihnen zu hören.
Petkoff: Bah, Unsinn! Was ist weiter dabei?
Sergius [beschämt]: Nein, Petkoff, ich war im Unrecht. [Zu Raina, mit ernsthafter Demut]: Verzeihen Sie mir, ich habe mich abscheulich benommen--verzeihen Sie, Raina. [Sie verneigt sich zurückhaltend]: Und auch Sie, gnädige Frau. [Katharina verneigt sich liebenswürdig und setzt sich. Er fährt feierlich fort, sich abermals zu Raina wendend]: Ich habe die Schattenseiten des Lebens während der letzten paar Monate kennen gelernt; da kann man weiß Gott zynisch werden, aber ich hätte meinen Zynismus nicht hierher mitbringen sollen, am wenigsten in Ihre Gesellschaft, Raina--[Dabei wendet er sich zu den anderen und ist sichtlich im Begriff, eine lange Rede vom Stapel zu lassen, als der Major ihn unterbricht.]
Petkoff: Dummes Zeug! Unsinn, Sergius! Es ist gerade genug Aufhebens für nichts und wieder nichts. Ein Soldatenkind sollte imstande sein, selbst etwas starke Unterhaltung zu vertragen, ohne mit der Wimper zu zucken. [Er erhebt sich]: Komm, es ist Zeit, daß wir an unser Geschäft gehen. Wir müssen bestimmen, wie jene drei Regimenter nach Philippopel zurückgelangen sollen. Auf der Route nach Sofia fehlt jede Verpflegungsmöglichkeit. [Er geht auf das Haus zu]: Gehen wir. [Sergius ist im Begriff ihm zu folgen, da erhebt sich Katharina und greift ein.]
Katharina: Ich bitte dich, Paul, kannst du Sergius nicht noch für einige Augenblicke entbehren? Raina hat ihn ja kaum gesehen. Vielleicht kann ich dir dabei behilflich sein, die Sache mit den Regimentern ins reine zu bringen.
Sergius [protestierend]: Meine verehrte Gnädige, das ist unmöglich, Sie-Katharina [hält ihn tändelnd zurück]: Sie bleiben hier, mein lieber Sergius. Es hat gar keine Eile; ich habe meinem Mann auch ein paar Worte zu sagen. [Sergius verneigt sich sofort und tritt zurück]: Nun, mein Lieber,
[Petkoffs Arm nehmend:] komm und sieh dir einmal die elektrische Klingel an.
Petkoff: Oh, sehr gerne, sehr gerne. [Sie gehen zusammen vertraulich in das Haus.]
[Sergius, mit Raina allein geblieben, blickt aus Furcht, daß sie noch beleidigt sei, verlegen auf sie; sie lächelt und streckt die Arme nach ihm aus.]
Sergius [eilt zu ihr]: Ist mir verziehen?
Raina [legt ihre Hände auf seine Schultern und sieht mit Bewunderung und Anbetung zu ihm auf]: Mein Held, mein König!
Sergius: Meine Königin! [Er küßt sie auf die Stirne.]
Raina: Wie ich Sie beneidet habe, Sergius! Sie waren draußen im Leben und auf dem Schlachtfelde in der Lage, sich der besten Frau auf Erden wert zu zeigen, während ich untätig zu Hause sitzen mußte, nutzlos träumend--ohne etwas zu vollbringen, das mir ein Recht geben könnte, mich irgendeines Mannes wert zu halten.
Sergius: Teuerste, alle meine Taten gehören Ihnen, Sie haben mich begeistert! Ich bin in den Krieg gezogen, wie ein Ritter zu einem Turnier zu Ehren seiner Dame.
Raina: Auch meine Gedanken haben Sie keinen Augenblick verlassen. [Sehr feierlich]: Sergius, ich glaube, wir beide haben die ideale Liebe gefunden. Wenn ich an Sie denke, dann fühle ich, daß ich niemals einer gemeinen Handlungsweise oder eines niedrigen Gedankens fähig sein könnte.
Sergius: Meine Königin, meine Heilige! [Er umarmt sie verehrungsvoll.]
Raina [seine Umarmung erwidernd]: Mein Herr und mein,,,
Sergius: Still! Lassen Sie mich Anbeter sein, Teuerste; Sie wissen ja gar nicht, wie unwert selbst der beste Mann der reinen Leidenschaft eines Mädchens ist.
Raina: Ich vertraue Ihnen und liebe Sie, Sergius, Sie werden mich nie enttäuschen. [Aus dem Hause heraus dringt Loukas Gesang; sie gehen rasch auseinander]: Ich könnte es nicht über mich bringen, jetzt gleichgültige Dinge zu sprechen, mein Herz ist zu voll. [Louka tritt aus dem Hause mit ihrem Servierbrett, geht an den Tisch und fängt an, ihn abzuräumen. Sie steht mit dem Rücken gegen das Paar]: Ich will nur meinen Hut holen, dann können wir bis zum Mittagessen ausgehen. Ist Ihnen das recht?
Sergius: Bitte, machen Sie schnell. Die Minuten des Wartens werden mir Stunden sein. [Raina läuft bis zur obersten Stufe der Stiege und wendet sich dort um, tauscht beredte Blicke mit Sergius und wirft ihm mit beiden Händen Küsse zu. Einen Augenblick sieht er ergriffen nach ihr hin, dann wendet er sich langsam ab; sein Gesicht glüht in erhabenster Begeisterung. Die Wendung ändert sein Gesichtsfeld, in dessen Winkel jetzt Loukas Schürzenzipfel auftaucht. Seine Aufmerksamkeit wird sofort gefesselt. Er sieht sie verstohlen an und beginnt, seinen Schnurrbart mutwillig zu drehen. Die linke Hand stemmt er in die Seite und geht mit einem Anflug seines großtuerischen Reiterschritts auf die andere Seite des Tisches Louka gegenüber.]
Sergius: Louka, wissen Sie, was ideale Liebe ist?
Louka [verwundert]: Nein, Herr Major.
Sergius: Eine für die Dauer sehr ermüdende Sache, Louka, und man hat hinterher das Bedürfnis, davon auszuruhen.
Louka [unschuldig]: Vielleicht nehmen Sie etwas Kaffee, Herr Major? [Sie langt mit der Hand über den Tisch nach der Kaffeekanne.]
Sergius [ihre Hand ergreifend]: Ich danke Ihnen, Louka.