Heiraten: Zwanzig Ehegeschichten

Part 2

Chapter 23,636 wordsPublic domain

Gab der Unterricht den Schülern irgend ein Mal eine reine Freude durch den Lehrstoff selber? Nein! Darum mussten die Lehrer unaufhörlich an die niedrigen Leidenschaften der Schüler appellieren: an die Ambition (das war ein besserer Name für den kleinlichen Ehrgeiz, höher geschätzt zu werden als die andern), an das Interesse, an die Vorteile.

Welch elende Maskerade diese Schule! Nicht ein einziger von den Jünglingen glaubte an den Segen, der darin lag, verhasste Könige aufzuzählen, unbrauchbare Sprachen zu lernen, Axiome zu beweisen, Selbstverständlichkeit zu definieren, die Staubbeutel der Pflanzen und die Gelenke an den Hinterbeinen der Insekten zu zählen, um schliesslich nicht mehr zu wissen, als dass sie so und so auf lateinisch heissen. Wieviel lange Stunden wurden nicht darauf verwandt, um vergeblich einen Winkel in drei gleiche Teile zu teilen, während es „unwissenschaftlich“ (das heisst praktisch) in einer Minute mit einem Gradmesser gemacht wird.

Wie verachtet wurde alles, was nützlich war! Die Schwestern, die Ollendorffs französische Grammatik lernten, konnten nach zwei Jahren französisch sprechen; die Gymnasiasten konnten nach sechs Jahren noch nicht ein Wort sagen. Und mit welchem Mitleid sprachen sie den Namen Ollendorff aus! Das war der Inbegriff alles Dummen, das man verbrochen hatte, seit die Welt erschaffen worden.

Wenn aber die Schwestern eine Erklärung verlangten und fragten, ob die Sprache nicht dazu da sei, die Gedanken des Menschen auszudrücken, so antwortete der junge Sophist mit einer Phrase, die er von einem Lehrer borgte, der sie wieder als Talleyrands Worte zitiert gesehen: Nein, die Sprache ist dazu da, die Gedanken des Menschen zu verbergen. Das konnte ein junges Mädchen natürlich nicht begreifen, denn die Männer verstehen ihre Infamien zu verbergen, sondern glaubte, der Bruder sei furchtbar gelehrt, und disputierte nicht weiter.

Und dann die verfälschende Ästhetik, die ihren Schleier aus geborgtem Glanz und falscher Schönheit über alles warf. Man lernte von der „Ritterwache des Lichtes“ singen! Welche Ritterwache? Mit Adelsbriefen, Studentenzeugnissen; falschen Attesten, wie sie selber einsehen konnten. Des Lichtes? Das heisst der Oberklasse, die ihr grösstes Interesse daran hatte, die Unterklasse durch Schule und Religion in der Dunkelheit zu halten. „Und vorwärts, vorwärts auf der Bahn des Lichts!“

Immer wurde das Ding bei verkehrtem Namen genannt! Kam dann einer aus der Unterklasse mit Licht, so war alles vorbereitet, um es zu Dunkelheit machen zu können. Du junge, „gesunde“ Kämpferschar! Wie gesund sie waren, alle diese Jünglinge, die von Beschäftigungslosigkeit, unbefriedigten Trieben, Ehrgeiz entnervt waren, die jeden verachteten, der nicht die Mittel hatte, Student zu werden! O die Poeten der Oberklasse, wie haben sie so schön gelogen! Waren sie Betrüger oder Betrogene?

Wovon sprachen alle diese Jünglinge gewöhnlich? Von ihren Studien? Niemals! Höchstens von einem Zeugnis! Sie sprachen von Liederlichkeit. Vom Morgen bis zum Abend! Von Verabredungen mit Mädchen; von Billardspiel und Punsch; von Geschlechtskrankheiten, über die sie ältere Brüder hatten sprechen hören. Sie gingen mittags los und „nahmen die Parade ab“, und wer am weitesten gekommen war, konnte den Namen des Leutnants nennen und erzählen, wo dessen Mädchen wohnte.

Einmal waren zwei von der „Ritterwache des Lichtes“ ganz naiv mit zwei prostituierten Mädchen an einem Sommertag in das vornehme Restaurant „Haselhöhe“ im Tiergarten gegangen, um dort in der offenen Veranda zu Mittag zu essen. Wegen dieser Naivität wurden sie von der Anstalt gejagt. Wegen ihrer Naivität, nicht wegen ihrer Lasterhaftigkeit, denn ein Jahr später bestanden sie ihr Examen für die Universität, gewannen also ein ganzes Jahr; und als sie ihre Studien in Uppsala beendet hatten, wurden sie in eine Hauptstadt von Europa geschickt, um dort in der Gesandtschaft die vereinigten Königreiche Schweden und Norwegen zu vertreten.

In einer solchen Umgebung verbrachte Herr Theodor seine beste Jugend. Er hatte den Betrug durchschaut, konnte aber nicht mit ihm brechen! Wie soll ich das machen? fragte er sich oft, erhielt aber keine Antwort. Er wurde natürlich mitschuldig und lernte schweigen.

Die Konfirmation wurde für ihn ein Spektakel, wie die Schule es gewesen. Ein junger Hilfsprediger, der Pietist war, sollte ihn in vier Monaten Luthers Kathechismus lehren, ihn, der Theologie, Exegetik, Dogmatik gehabt und das Neue Testament auf Griechisch gelesen hatte! Aber der strenge Pietismus, der Wahrheit in Handel und Wandel forderte, musste auf ihn Eindruck machen.

Es war ein Novembermorgen, als sie in den Kirchensaal gerufen wurden, um eingeschrieben zu werden. Herr Theodor befand sich ganz unerwartet in einem ganz andern Kreis, als er täglich in der Schule um sich hatte. Wie er in das Versammlungszimmer eintrat, begegnete er den Blicken von wohl hundert Augen, die ihn alle wie einen Feind ansahen. Da waren Tabaksbinder, Schornsteinfegerjungen, Lehrlinge von allen Handwerken. Sie schienen auch Feinde unter einander zu sein, denn sie warfen sich gegenseitig Schimpfnamen zu; aber diese Feindschaft zwischen den Handwerken war mehr gelegentlich; und wie sie sich auch zankten, sie hingen doch zusammen. Eine seltsame erstickende Luft schlug ihm entgegen, und in dem Hass, mit dem er sich begrüsst fühlte, lag auch eine Verachtung, die Kehrseite eines gewissen Respektes oder Neides. Er sah sich vergebens nach einem Kameraden um, einem Gleichgesinnten, einem Gleichgekleideten. Es war keiner da. Die Gemeinde war arm, und die Reichen sandten ihre Kinder in die Deutsche Kirche, die damals in Mode war. Es waren Kinder des Volkes; es war die Unterklasse, mit der er jetzt vor den Altar des Herrn als Gleich und Gleich treten sollte. Er fragte sich, welcher Abgrund ihn eigentlich von diesen Kindern trenne? Waren sie körperlich nicht ebenso begabt wie er? Ja, besser vielleicht, denn alle verdienten bereits ihr Brot, und einige konnten sogar ihren alten Eltern helfen. Waren sie schlechter ausgerüstet in der Intelligenz? Das konnte er nicht behaupten, denn er hörte, wie sie bei ihren Stichelreden mit den schärfsten Beobachtungen um sich warfen; sie konnten radikale Witze aussprechen, die er gern mit einem Lachen belohnt hätte, wäre er dazu nicht zu hochmütig gewesen. Wenn er an all die Dummköpfe dachte, die er zu Kameraden in der Schule hatte, konnte er keinen bestimmten Strich zwischen sich und ihnen ziehen. Der war aber vorhanden! Waren es die schäbigen Kleider, die hässlichen Gesichter, die groben Hände? Ja, zum Teil war es wohl das! Besonders fühlte er sich von ihrer Hässlichkeit abgestossen! Aber waren sie deshalb schlechter, weil sie hässlich waren?

Er hatte ein Florett bei sich, da er nachher in die Fechtstunde wollte. Er stellte es in eine Ecke, damit es sich keine unangenehme Aufmerksamkeit zuzog. Aber es war schon bemerkt werden. Niemand wusste eigentlich, was es für ein Ding sei, aber sie verstanden, dass es eine Waffe vorstellte. Einige der Kühnsten machten sich in der Ecke zu schaffen, um es zu untersuchen. Sie befingerten die Umwindung des Heftes, kratzten mit den Nägeln auf dem Stichblatt, bogen die Klinge, befühlten den kleinen Ball aus Handschuhleder. Es war, als schnüffelten Hasen an einer Flinte, die sie im Walde gefunden. Sie verstanden nicht, wozu es anzuwenden sei, aber sie fühlten, es war etwas Feindliches, das einen verborgenen Zweck hatte. Schliesslich trat ein Gürtlerlehrling, dessen Bruder zur Leibgarde gehörte, an die Neugierigen heran und entschied die Frage sofort: Könnt ihr nicht sehen, dass es ein Säbel ist, ihr Kaulbarsche! Und damit warf er einen respektvollen Blick auf Herrn Theodor; doch lag in diesem Blick auch ein geheimes Einverständnis, das bedeutete: Wir verstehen das! Aber ein Seilerjunge, der einmal bei der Artillerie gewesen war, um Trompeter zu werden, hielt sich beim Fällen des Urteils für übergangen, konnte den Mund nicht halten, sondern erklärte: man könne ihn in den Rücken beissen, wenn das nicht ein Degen sei! Die Folge war eine Schlägerei, die den ganzen Kirchensaal in einen einzigen grossen Hundehof verwandelte, der von Staub rauchte und mit Geheul erfüllt war.

Da wird die Tür geöffnet und der Hilfsprediger steht da. Ein junger, blasser, magerer Mann, der Ausschlag im Gesicht und wässerige blaue Augen hat. Er schrie die Jungen zuerst an. Die wilden Tiere hörten auf, sich zu schlagen. Darauf liess er sich aus über Jesu teueres Blut und die Macht, die das Böse über die Herzen hat. Schliesslich brachte er die hundert Jungen dazu, sich auf Bänke und Stühle zu setzen. Bis dahin war er aber ganz ausser Atem gekommen und das Zimmer war voll von aufgewirbeltem Staub. Er warf einen Blick nach dem Fensterventil und sagte mit matter Stimme: Öffnet die Klappe! Damit weckte er aber den Sturm wieder. Fünfundzwanzig Knaben stürzten hin und stiessen beim Fenster auf einen Haufen zusammen, um die Schnur zum Ventil zu fassen.

– Geht und setzt euch! schrie der Geistliche von neuem und lief nach dem Stock.

Für einen Augenblick herrschte Ruhe. Der Geistliche dachte sich eine praktischere Art aus, um ohne Schlacht die Klappe zu öffnen.

– Du, sagte er und zeigt auf einen eingeschüchterten armen Teufel, geh und öffne die Klappe.

Der Kleine trat ans Fenster und suchte die zusammengezogene Schnur zu lösen. In atemlosen Schweigen warteten die versammelte Schar das Ergebnis ab, als ein grosser Bursche im Seemannsanzug, der eben mit der Brigg Carl Johan heimgekehrt war, die Geduld verlor:

– Nun sollt ihr mal sehen, hol mich der Teufel, was ein Junge kann, sagte er; im Nu hatte er den Rock abgeworfen, das Fensterbrett geentert, sein Messer gezogen und die Schnur durchgeschnitten.

– Kappen Bakstag! konnte er noch sagen, als der Geistliche einen neuen Schrei ausstiess, wie ein hysterisches Weib, und damit den Seemann buchstäblich hinunterscheuchte. Der beteuerte:

– Das Fall hatte sich so vertüdert, dass nichts anderes zu machen war, als kappen.

Der Pastor war ganz ausser sich. Er kam aus einer stillen Provinz und hätte nicht geglaubt, dass eine Jugend so tief verdorben sein könnte, so in Unsittlichkeit und Sünde versunken, so weit vorgeschritten auf dem Weg der Verdammnis. Und er erzählte ihnen lang und breit von Jesu teuerm Blut.

Keiner verstand, was er sagte, denn sie hatten keinen Begriff davon, dass sie gesunken seien, da sie nie oben gewesen. Die Jungen zeigten daher eine gleichgültige Kälte.

Der Geistliche sprach weiter von Jesu teuern Wunden; aber niemand bezog es auf sich, denn niemand hatte einen Jesus verwundet. Da versuchte er es mit dem Teufel; der war aber so in ihre tägliche Sprache eingegangen, dass er auch keinen Eindruck machte. Schliesslich kam er auf das Rechte! Er sprach von der auf den Frühling festgesetzten Konfirmation. Er erinnerte sie an die Eltern, die ihre Kinder ins Leben hinausführen wollten; und als er auf die Brotherren zu sprechen kam, die niemand anstellten, der nicht konfirmiert sei, da wurde er unwiderstehlich, und alle verstanden die tiefe Bedeutung der Konfirmation. Jetzt war er aufrichtig, und da begriffen ihn alle die jungen Gemüter; sogar die Wildesten wurden zahm.

Die Einschreibung begann! Wie viele Kirchenscheine waren mangelhaft! Wie sollten sie zu Jesus kommen, wenn ihre Eltern nicht getraut waren? Wie sollten sie an den Gnadentisch des Sünders gelangen, wenn der Vater schon bestraft war? Was für Sünder!

Herr Theodor wurde tief erschüttert von all diesem öffentlichen Schimpf, der ausgeteilt wurde. Er wollte ein Auge zudrücken, konnte es aber nicht. Als er schliesslich selber mit seinem Kirchenschein vortrat und der Prediger las: Sohn Theodor, an dem und dem Tage geboren; Eltern: Professor und Ritter ... da fuhr ein schwacher Sonnenschein über das Gesicht des Geistlichen, und er nickte ihm freundlich zu, als er fragte: Wie geht es dem Herrn Papa? Und dann zog ein Schleier von Wehmut über seine weissgelben Züge, als er sah, dass die Mutter gestorben war (was er schon wusste): Sie war ein Kind Gottes, sagte er, wie zu sich selber, mit überfreundlicher, beklagender, weinerlicher Stimme, mit einem gewissen Vorwurf gegen den Herrn Papa, der nur Professor und Ritter war. Dann konnte Herr Theodor gehen.

Als er hinauskam, meinte er etwas erlebt zu haben, das er nicht für möglich gehalten hätte. Waren diese Jünglinge so tief gesunken, weil sie Flüche und grobe Worte benutzten, wie alle seine Kameraden, sein Vater, sein Oheim und die ganze Oberklasse sie zuweilen benutzten! Von was für einer Sittenverderbnis war hier die Rede? Sie waren wilder als andere verwöhnte Kinder, weil sie stärker waren. Dass ihre Kirchenscheine Mängel hatten, war nicht die Schuld der Kinder. Sein Vater hatte nicht gestohlen, aber man braucht auch nicht zu stehlen, wenn man sechstausend Kronen Gehalt hat und tun und lassen kann, was man will. Es wäre ja lächerlich oder abnorm gewesen, wenn er gestohlen hätte.

Und Herr Theodor ging wieder in die Schule und da fühlte er, was es heisst, eine Erziehung erhalten zu haben: hier wurde niemand wegen eines kleinen Schnitzers schikaniert, hier wurden die eigenen Schwächen wie die der Eltern ziemlich in Frieden gelassen, hier war man unter seinesgleichen und hier verstanden alle einander.

Nach der Schule „nahm man die Parade ab“; schlich in ein Café, um einen Likör zu trinken; schliesslich ging man in den Fechtsaal. Und wenn er hier vom Leutnant mit Herr angeredet wurde, alle diese Jünglinge mit geschmeidigen Gliedern, freiem Benehmen und heiteren Mienen sah, alle sicher, dass zu Hause ein gutes Mittagessen auf sie warte, fühlte er, dass es zwei Welten gibt, eine obere und eine untere. Dann packte es ihn wie ein böses Gewissen, wenn er an den dunkeln Kirchensaal und die tristen Menschenkinder dachte; deren sämtliche Wunden und heimliche Mängel wurden unbarmherzig mit dem Vergrösserungsglas gemustert, damit die Unterklasse der wahren Demut teilhaftig würde, ohne welche die Oberklasse ihre liebenswürdigen Schwächen nicht in Frieden geniessen konnte. Damit war etwas Unharmonisches in sein Leben gekommen.

* * * * *

Wie auch Herr Theodor zwischen seinem natürlichen Verlangen nach den halbbekannten Lockungen des Lebens und seiner neuerworbenen Lust, dem ganzen Leben den Rücken zu kehren und seinen Sinn auf den Himmel zu richten, hin und her geworfen wurde, das Gelübde, das er der Mutter gegeben, brach er nicht. Die häufigen Konfirmationsstunden in der Kirche, mit den Kameraden und unter dem Geistlichen, verfehlten nicht, auf ihn Eindruck zu machen. Er war oft düster und grübelte, hatte ein Gefühl, das Leben sei nicht so, wie es sein müsse. Es war ihm, als sei einmal ein unerhörtes Verbrechen begangen werden, das jetzt durch massenhafte Betrügereien verhüllt werde; er glaubte eine Fliege zu sein, die in das Netz der Spinne geraten war und sich bei jedem Versuch, ein Loch zu reissen, immer mehr verwickelte, um schliesslich erstickt zu werden.

Eines Abends, denn der Geistliche benutzte alle Effekte, um den harten Köpfen der jungen Burschen zu imponieren, hatten sie im Chor der Kirche Unterricht gehabt. Es war im Januar. Zwei Gasflammen erleuchteten das Chor und zeigten die Marmorfiguren des Altars in verzerrten Proportionen. Die ganze grosse Kirche mit ihren beiden einander kreuzenden Tonnengewölben lag im Halbdunkel. Im Hintergrund sah man die blanken Zinnpfeifen der Orgel, welche die Gasflammen des Chores schwach reflektierten; darüber bliesen die Engel zum jüngsten Gericht ihre Posaunen, sahen jetzt aber nur wie finstere, drohende, übernatürlich grosse Menschenfiguren aus. Die Kreuzgänge endeten in vollständiger Dunkelheit.

Der Geistliche hatte das sechste Gebot ausgelegt. Er hatte von Unzucht in und ausserhalb der Ehe gesprochen. Wie Unzucht zwischen Ehegatten getrieben wird, das konnte er nicht auseinandersetzen, trotzdem er selber verheiratet war; aber ausserhalb der Ehe, da wusste er Bescheid. Dann kam er zum Kapitel der Selbstbefleckung. Als er das Wort nannte, ging es wie ein Rauschen durch die Jünglingsschar, und mit weissen Wangen und hohlen Augen starrten sie ihn an, als sähen sie ein Gespenst. Solange er von den Strafen der Hölle sprach, waren sie ziemlich ruhig; als er aber aus einem Buch Berichte vorlas, wie Jünglinge im Alter von fünfundzwanzig Jahren an Rückenmarkschwindsucht gestorben waren, da sanken sie auf den Bänken zusammen und fühlten den Boden unter sich wanken! Schliesslich erzählte er die Geschichte von einem Jungen, der im Alter von zwölf Jahren in ein Irrenhaus kam, um mit vierzehn Jahren zu sterben, im Glauben an seinen Erlöser. Da war es ihnen, als sähen sie hundert gewaschene Leichen an Stangen aufgestellt. Nur ein Heilmittel gegen dieses Übel gebe es: Jesu teure Wunden. Doch wie die gegen zu frühe Mannbarkeit anzuwenden seien, das zeigte er nicht. Aber man solle weder tanzen noch ins Theater gehen noch Spielstuben besuchen, vor allem aber sich des Weibes enthalten: das heisst das Gegenteil tun von dem, was man in Wirklichkeit tun müsste. Dass dieses Laster dem sozialen Gesetz, der Mann sei erst mit einundzwanzig Jahren mannbar, bis zur Vernichtung widerspricht, wurde mit Schweigen übergangen. Ob dieses Laster durch frühe Ehen verhindert werden kann, indem man allen ein notdürftiges Essen verschafft, statt wenigen Schmäuse, wurde dahingestellt. Das Resultat war: man solle sich Jesu in die Arme werfen, das heisst in die Kirche gehen und die Sorge um die Welt der Oberklasse überlassen.

Nach dieser Zurechtweisung bat der Geistliche die fünf Ersten auf der ersten Bank, dazubleiben; er wolle mit ihnen allein sprechen; nach und nach werde er es mit allen so machen. Die fünf Ersten sahen aus, als seien sie zum Tode verurteilt. Ihre Brust fiel in den Rücken, weil sie nicht Atem holen konnten; und wenn man genauer nachgesehen, hätte man gefunden, dass sich ihr Haar einige Zentimeter auf den Wurzeln in die Höhe gerichtet und feucht über den Schädel einer Leiche lag. Alles Blut war aus den Augenbetten gewichen; wie zwei runde Glaskugeln, in Handschuhleder eingenäht, sahen die Augen aus, unbeweglich, nicht wissend, ob sie zu einem Bekenntnis herauskriechen oder sich mit einer kühnen Lüge verbergen sollten.

Das Gebet wurde gesprochen und das Lied von Jesu Wunden gesungen; heute abend aber wurde es von Lungenkranken angestimmt und hörte zuweilen ganz auf oder wurde von einem trocknen Husten, gleich dem von Durstigen, unterbrochen. Dann begannen sie zu gehen. Einer von den fünf versuchte hinauszuschleichen, wurde aber vom Geistlichen zurückgerufen.

Es war ein furchtbarer Augenblick. Herr Theodor, der auf der ersten Bank sass, gehörte zu den fünf. Ihm war unangenehm zu Mut. Nicht weil er eine Sünde in diesem Sinne begangen, sondern weil er es in seinem Innersten als eine Kränkung für einen Mann empfand, sich so entkleiden zu müssen. Die vier andern setzten sich weit von einander. Der Gürtler, der unter ihnen war, versuchte zu scherzen, aber der Witz blieb ihm im Halse stecken. Sie sahen vor sich Polizei, Gefängnis, Hospital, und im Hintergrund das Irrenhaus. Sie wussten nicht, was ihnen bevorstand, dass es aber eine Art Stäupung war, das fühlten sie wohl. Ein Trost, der einzige in der Betrübnis war, dass _er_, Herr Theodor, dabei war. Sie wussten nicht, warum es ein Trost war, aber sie fühlten es in der Luft, dass ihm, dem Sohn eines Professors, nichts Böses geschehen könne.

– Kommen Sie, Wennerström, sagte der Geistliche, der das Gas in der Sakristei angesteckt hatte.

Wennerström ging und die Tür wurde geschlossen. Die vier sassen da, jeder auf seiner Bank, und versuchten alle möglichen Stellungen, um den Körper zur Ruhe zu bringen; aber es ging nicht.

Schliesslich kam Wennerström wieder heraus, verweint, aufgeregt, und ging sofort durch den Korridor davon.

Als er auf den Kirchhof, der ganz eingeschneit war, hinauskam, nahm er schnell noch ein Mal durch, was drinnen vorgefallen war. Der Geistliche hatte gefragt, ob er gesündigt habe. Nein, das habe er nicht. Habe er Träume? Ja! Träume sind ebenso sündig, denn sie zeigen, dass unser Herz böse ist, und Gott sieht auf das Herz. Er prüft die Nieren und wird uns ein Mal für jeden sündhaften Gedanken verurteilen, und die Träume sind Gedanken. Gib mir, mein Sohn, dein Herz, sagt Jesus. Geh zu Jesus, bete, bete, bete. Was keusch, was rein, was lieblich ist, das ist Jesus! Jesus von Anfang bis zum Ende, Jesus mein Alles, mein Leben, meine Seligkeit! Kasteiet das Fleisch und seid fest im Gebet, sagt Jesus! Geh in Jesu Namen und sündige hinfort nicht mehr!

Er war empört, aber auch vernichtet. Er konnte es nicht ändern, dass er vernichtet war, und in der Schule hatte er noch nicht soviel gesunde Vernunft gelernt, um sie gegen die jesuitische Sophistik anzuwenden. Den Satz, dass die Träume Gedanken sind, musste er allerdings, mit der Psychologie, die er gelernt, dahin modifizieren, dass sie Phantasien sind; aber Gott sieht nicht auf Worte! Seine Logik sagte ihm, es liege etwas Naturwidriges in dieser frühen Brunst. Mit sechzehn Jahren konnte er sich nicht verheiraten, da er keine Frau versorgen konnte. Aber den nächsten Gedanken, warum er keine Frau versorgen könne, obwohl er mannbar war, konnte er nicht zu Ende denken; wenn er es auch wollte, so hätte er doch vor dem Gesellschaftsgesetz, das von der Oberklasse gemacht war und von Bajonetten beschützt wurde, Halt machen müssen. Also war die Natur auf irgend eine Art verletzt worden, da die Mannbarkeit früher eintrat als die Fähigkeit, Brot zu schaffen. Das war Entartung! Seine Phantasie war entartet, und er wollte sie reinigen durch Entsagungen, Gebet, Kampf.

Als er nach Hause kam, sass der Vater mit den Geschwistern bei Tisch. Theodor schämte sich vor ihnen, als sei er unrein. Der Vater fragte wie gewöhnlich, wann sie konfirmiert würden. Das wusste Theodor nicht. Er ass nichts und schätzte Unwohlsein vor; die Wahrheit aber war, dass er abends nicht zu essen wagte. Er ging auf seine Kammer und setzte sich hin, um eine Schrift von Schartau zu lesen, die er vom Geistlichen erhalten hatte. Sie handelte von der Eitelkeit der Vernunft. Hier, gerade an dem letzten Punkt, wo er aus dem Unklaren herauszukommen glaubte, da erlosch das Licht. Die Vernunft, die ihm zuweilen die schwache Hoffnung gab, sich aus den dunkeln Bergen herausfinden zu können, auch die war Sünde; mehr Sünde als alles andere, denn sie erhob sich gegen Gott, wollte begreifen, was man nicht begreifen sollte! Warum man „es“ nicht begreifen sollte, stand nicht da; aber es war wohl darum: sobald man „es“ begriffen, war der Betrug entdeckt.

Er empörte sich nicht länger, sondern ergab sich! Ehe er zu Bett ging, las er zwei Morgenstimmen aus Arndt, das ganze Sündenbekenntnis, das Vaterunser und „Der Herr segne uns“. Er war sehr hungrig, das empfand er aber mit einer gewissen Schadenfreude, als leide sein Feind etwas Böses.

So schlief er ein. In der Nacht erwachte er. Er hatte geträumt, er sei ausgewesen, habe für zwei Reichstaler zu Abend gegessen und Champagner getrunken und schliesslich sei er mit einem Mädchen in ein besonderes Zimmer gegangen. So stand der ganze furchtbare Abend wieder vor ihm!