Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken
Part 7
_Fr._ Woran hiengen sie mit unmäßiger und unedler Liebe?
_Antw._ An Geld und Gut, trieben Handel und Wandel damit, daß ihnen der Schweiß ordentlich des Mitleidens würdig von der Stirn triefte, und meinten ein ruhiges, gemächliches und sorgenfreies Leben sei Alles, was sich in der Welt erringen ließe.
_Fr._ Warum also mag das Elend wohl, das in der Zeit ist, über sie gekommen, ihre Hütten zerstört und ihre Felder verheeret worden sein?
_Antw._ Um ihnen diese Güter völlig verächtlich zu machen, und sie anzuregen nach den höhern und höchsten, die Gott den Menschen beschert hat, hinanzustreben.
_Fr._ Und welches sind die höchsten Güter der Menschen?
_Antw._ Gott, Vaterland, Kaiser, Freyheit, Liebe und Treue, Schönheit, Wissenschafft und Kunst.
Neuntes Kapitel. Eine Nebenfrage.
_Fr._ Sage mir, mein Sohn, wohin kommt der, welcher liebt? In den Himmel oder in die Hölle?
_Antw._ In den Himmel.
_Fr._ Und der, welcher haßt?
_Antw._ In die Hölle.
_Fr._ Aber derjenige, welcher weder liebt noch haßt: wohin kommt der?
_Antw._ Welcher weder liebt noch haßt?
_Fr._ Ja! -- Hast Du die schöne Fabel vergessen?
_Antw._ Nein, mein Vater.
_Fr._ Nun? Wohin kommt der?
_Antw._ Der kommt in die siebente, tiefste und unterste Hölle.
Zehntes Kapitel. Von der Verfassung der Deutschen.[62]
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[Zwölftes Kapitel.]
wo sie sie immer treffen mögen, erschlagen.
_Fr._ Hat er dies Allen oder den Einzelnen befohlen?
_Antw._ Allen und den Einzelnen.
_Fr._ Aber der Einzelne, wenn er zu den Waffen griffe, würde offtmals nur in sein Verderben laufen?
_Antw._ Allerdings, mein Vater, das wird er.
_Fr._ Er muß also lieber warten, bis ein Haufen zusammengelaufen ist, um sich an diesen anzuschließen?
_Antw._ Nein, mein Vater.
_Fr._ Warum nicht?
_Antw._ Du scherzest, wenn Du so fragst.
_Fr._ So rede!
_Antw._ Weil, wenn jedweder so dächte, gar kein Haufen zusammenlaufen würde, an den man sich anschließen könnte.
_Fr._ Mithin -- was ist die Pflicht jedes Einzelnen?
_Antw._ Unmittelbar auf das Gebot des Kaisers zu den Waffen zu greifen, den Anderen, wie die hochherzigen Tyroler,[63] ein Beispiel zu geben, und die Franzosen, wo sie angetroffen werden mögen, zu erschlagen.
Dreizehntes Kapitel. Von den freiwilligen Beiträgen.
_Fr._ Wen Gott mit Gütern geseegnet hat, was muß der noch außerdem für den Fortgang des Kriegs, der geführt wird, thun?
_Antw._ Er muß, was er entbehren kann, zur Bestreitung seiner Kosten hergeben.
_Fr._ Was kann der Mensch entbehren?
_Antw._ Alles bis auf Wasser und Brod, [das] ihn ernährt, und ein Gewand, das ihn deckt.
_Fr._ Wie viel Gründe kannst Du anführen, um die Menschen, freiwillige Beiträge einzuliefern, zu bewegen?
_Antw._ Zwei. Einen, der nicht viel einbringen wird, und Einen, der die Führer des Kriegs reich machen muß, falls die Menschen nicht mit Blindheit geschlagen sind.[64]
_Fr._ Welcher ist der, der nicht viel einbringen wird?
_Antw._ Weil Geld und Gut gegen das, was damit errungen werden soll, nichtswürdig sind.
_Fr._ Und welcher ist der, der die Führer des Kriegs reich machen muß, falls die Menschen nicht mit Blindheit geschlagen sind?
_Antw._ Weil es die Franzosen doch wegnehmen.
Vierzehntes Kapitel. Von den obersten Staatsbeamten.
_Fr._ Die Staatsbeamten, die dem Kaiser von Oesterreich und den ächten deutschen Fürsten treu dienen, findest Du nicht, mein Sohn, daß sie einen gefährlichen Stand haben?
_Antw._ Allerdings, mein Vater.
_Fr._ Warum?
_Antw._ Weil, wenn der korsische Kaiser ins Land käme, er sie um dieser Treue willen bitter bestrafen würde.
_Fr._ Also ist es für jeden, der auf einer wichtigen Landesstelle steht, der Klugheit gemäß, sich zurückzuhalten, und sich nicht mit Eifer auf heftige Maasregeln, wenn sie ihm auch von der Regierung anbefohlen sein sollten, einzulassen?[65]
_Antw._ Pfui doch, mein Vater; was sprichst Du da!
_Fr._ Was? -- Nicht?
_Antw._ Das wäre schändlich und niederträchtig.
_Fr._ Warum?
_Antw._ Weil ein Solcher nicht mehr Staatsdiener seines Fürsten, sondern schon, als ob er in seinem Sold stünde, Staatsdiener des Korsenkaisers ist, und für seine Zwecke arbeitet.
Funfzehntes Kapitel. Vom Hochverrathe.
_Fr._ Was begeht derjenige, mein Sohn, der dem Aufgebot, das der Erzherzog Carl an die Nation erlassen hat, nicht gehorcht, oder wohl gar durch Wort und That zu widerstreben wagt?
_Antw._ Einen Hochverrath mein Vater.
_Fr._ Warum?
_Antw._ Weil er dem Volk, zu dem er gehört, verderblich ist.
_Fr._ Was hat derjenige zu thun, den das Unglück unter die verrätherischen Fahnen geführt hat, die den Franzosen verbunden, der Unterjochung des Vaterlandes wehen?
_Antw._ Er muß seine Waffen schaamroth wegwerfen, und zu den Fahnen der Oesterreicher übergehen.
_Fr._ Wenn er dies nicht thut, und mit den Waffen in der Hand ergriffen wird, was hat er verdient?
_Antw._ Den Tod, mein Vater.
_Fr._ Und was kann ihn einzig davor schützen?
_Antw._ Die Gnade Franzens, Kaisers von Oesterreich, des Vormunds, Retters und Wiederherstellers der Deutschen.
Sechszehntes Kapitel. Schluß.
_Fr._ Aber sage mir, mein Sohn, wenn es dem hochherzigen Kaiser von Oesterreich, der für die Freiheit Deutschlands die Waffen ergriff, nicht gelänge, das Vaterland zu befreien: würde er nicht den Fluch der Welt auf sich laden, den Kampf überhaupt unternommen zu haben?
_Antw._ Nein, mein Vater.
_Fr._ Warum nicht?
_Antw._ Weil Gott der oberste Herr der Heer-Schaaren ist, und nicht der Kaiser, und es weder in seiner noch in seines Bruders, des Erzherzog Carls, Macht steht, die Schlachten, so wie sie es wohl wünschen mögen, zu gewinnen.
_Fr._ Gleichwohl ist, wenn der Zweck des Kriegs nicht erreicht wird, das Blut vieler tausend Menschen nutzlos geflossen, die Städte verwüstet und das Land verheert worden.
_Antw._ Wenngleich, mein Vater!
_Fr._ Was? Wenngleich! -- Also auch, wenn Alles untergienge, und kein Mensch, Weiber und Kinder mit eingerechnet, am Leben bliebe, würdest du den Kampf noch billigen?
_Antw._ Allerdings, mein Vater.
_Fr._ Warum?
_Antw._ Weil es Gott lieb ist, wenn Menschen ihrer Freiheit wegen sterben.
_Fr._ Was aber ist ihm ein Gräuel?
_Antw._ Wenn Sclaven leben!
2. Politische Aufrufe und Betrachtungen.
1. Einleitung [zur Zeitschrift Germania].
Diese Zeitschrift soll der erste Athemzug der deutschen Freiheit sein. Sie soll Alles aussprechen, was während der drei letzten, unter dem Druck der Franzosen verseufzten, Jahre in den Brüsten wackerer Deutschen hat verschwiegen bleiben müssen: alle Besorgniß, alle Hoffnung, alles Elend und alles Glück.
Es bedurfte einer Zeit wie die jetzige, um einem Blatt, wie das vorliegende ist, das Dasein zu geben. So lange noch keine Handlung des Staats geschehen war, mußte es jedem Deutschen, der seine Worte zu Rathe hielt, ebenso voreilig als nutzlos scheinen zu seinen Mitbrüdern zu reden. Eine solche Stimme würde entweder völlig in der Wüste verhallt sein, oder -- welches fast noch schlimmer gewesen wäre -- die Gemüther nur auf die Höhen der Begeisterung erhoben haben, um sie in dem zunächst darauf folgenden Augenblick in eine desto tiefere Nacht der Gleichgültigkeit und Hoffnungslosigkeit versinken zu lassen.
Jetzt aber hat der Kaiser von Oesterreich an der Spitze seines tapfern Heeres den Kampf für seiner Unterthanen Wohl, und den noch großmüthigeren für das Heil des unterdrückten und bisher noch wenig dankbaren Deutschlands unternommen. Der kaiserliche Bruder, den er zum Herrn des Heers bestellte, hat die göttliche Kraft, das Werk an sein Ziel hinauszuführen, auf eine erhabene und rührende Art dargethan. Das Misgeschick, das ihn traf, trug er mit der Unbeugsamkeit der Helden, und ward in dem entscheidenden Augenblick, da es zu siegen oder zu sterben galt, der Bezwinger des Unbezwungenen, -- ward es mit einer Bescheidenheit, die dem Zeitalter, in welchem wir leben, fremd ist.[66]
Jetzt oder niemals ist es Zeit den Deutschen zu sagen, was sie ihrerseits zu thun haben, um der erhabenen Vormundschafft, die sich über sie eingesetzt hat, allererst würdig zu werden; und dieses Geschäfft ist es, das wir, von der Lust am Guten mitzuwirken bewegt, in den Blättern der Germania haben übernehmen wollen.
Hoch, auf dem Gipfel der Felsen soll sie sich stellen und den Schlachtgesang herabdonnern ins Thal! Dich, o Vaterland, will sie singen und deine Heiligkeit und Herrlichkeit, und welch ein Verderben seine Wogen auf dich heranwälzt! Sie will herabsteigen, wenn die Schlacht braußt,[67] und sich mit hochroth glühenden Wangen unter die Streitenden mischen und ihren Muth beleben, und ihnen Unerschrockenheit und Ausdauer und des Todes Verachtung ins Herz gießen; -- -- und die Jungfrauen des Landes herbeirufen, wenn der Sieg erfochten ist, daß sie sich niederbeugen über die so gesunken sind, und ihnen das Blut aus der Wunde saugen. Möge jeder, der sich bestimmt fühlt dem Vaterlande auf _diese_ Weise zu -- -- --
2. [Aufruf.]
Zeitgenossen! Glückliche oder unglückliche Zeitgenossen -- wie soll ich euch nennen? daß ihr nicht aufmerken wollet, oder nicht aufmerken könnet. Wunderbare und sorgenlose Blindheit, mit welcher ihr nichts vernehmt! O, wenn in euren Füßen Weissagung wäre, wie schnell würden sie zur Flucht sein! Denn unter ihnen gährt die Flamme, die bald in Vulcanen herausdonnern, und unter ihrer Asche und ihren Lavaströmen Alles begraben wird. Wunderbare Blindheit, die nicht gewahrt, daß Ungeheures und Unerhörtes nahe ist, daß Dinge reifen, von welchen noch der Urenkel mit Grausen sprechen wird, wie von atridischen Tischen und Pariser und Nanter Bluthochzeiten? Welche Verwandlungen nahen! Ja, in welchen seid ihr mitten inne und merkt sie nicht, und meint, es geschähe etwas Alltägliches in dem alltäglichen Nichts, worin ihr befangen seid! -- ^G. v. J.^ S. 13.[68]
Diese Prophezeiung -- in der That, mehr als einmal habe ich diese Worte als übertrieben tadeln hören. Sie flößen, sagt man, ein gewisses falsches Entsetzen ein, das die Gemüther, statt sie zu erregen, vielmehr abspanne und erschlaffe. Man sieht um sich, heißt es, ob wirklich die Erde sich schon unter den Fußtritten der Menschen eröffne; und wenn man die Thürme und die Giebel der Häuser noch stehen sieht, so holt man, als ob man aus einem schweren Traume erwachte, wieder Athem. Das Wahrhaftige, was darin liegt, verwerfe man mit dem Unwahrhaftigen, und sei geneigt die ganze Weissagung, die das Buch enthält, für eine Vision zu halten.
O du, der du so sprichst, du kömmst mir vor wie etwa ein Grieche aus dem Zeitalter des Sülla, oder aus jenem des Titus ein Israelit.
»Was? dieser mächtige Staat der Juden soll untergehen? Jerusalem, diese Stadt Gottes, von seinem leibhaftigen Cherubime beschützt, sie sollte, Zion, zu Asche versinken? Eulen und Adler sollten in den Trümmern dieses salomonischen Tempels wohnen? Der Tod sollte die ganze Bevölkerung hinwegraffen, Weiber und Kinder in Fesseln hinweggeführt werden, und die Nachkommenschafft in alle Länder der Welt zerstreut, durch Jahrtausende und wieder Jahrtausende[69] verworfen, wie dieser Ananias prophezeit, das Leben der Sclaven führen? Was?«
3. Was gilt es in diesem Kriege?
Gilt es, was es gegolten hat sonst in den Kriegen, die geführt worden sind auf dem Gebiete der unermeßlichen Welt? Gilt es den Ruhm eines jungen und unternehmenden Fürsten, der in dem Duft einer lieblichen Sommernacht von Lorbeern geträumt hat? Oder die Genugthuung für die Empfindlichkeit einer Favorite, deren Reitze, vom Beherrscher des Reichs anerkannt, an fremden Höfen in Zweifel gezogen worden sind? Gilt es einen Feldzug, der, jenem spanischen Erbfolgestreit gleich, wie ein Schachspiel geführt wird, bei welchem kein Herz wärmer schlägt, keine Leidenschafft das Gefühl schwellt, kein Muskel, vom Giftpfeil der Beleidigung getroffen, emporzuckt? Gilt es ins Feld zu rücken von beiden Seiten, wenn der Lenz kommt, sich zu treffen mit flatternden Fahnen, und zu schlagen und entweder zu siegen, oder wieder in die Winterquartiere einzurücken? Gilt es eine Provinz abzutreten, einen Anspruch auszufechten, oder eine Schuld-Forderung geltend zu machen, oder gilt es sonst irgend etwas, das nach dem Werth des Geldes auszumessen ist, heut besessen, morgen aufgegeben, und übermorgen wieder erworben werden kann?
Eine Gemeinschafft gilt es, deren Wurzeln tausendästig,[70] einer Eiche gleich, in den Boden der Zeit eingreifen; deren Wipfel, Tugend und Sittlichkeit überschattend, an den silbernen Saum der Wolken rührt, deren Dasein durch das Drittheil eines Erdalters geheiligt worden ist; eine Gemeinschafft, die, unbekannt mit dem Geist der Herrschsucht und der Eroberung, des Daseins und der Duldung so würdig ist, wie irgend eine; die ihren Ruhm nicht einmal denken kann, sie müßte denn den Ruhm zugleich und das Heil aller Uebrigen denken, die den Erdkreis bewohnen; deren ausgelassenster und ungeheuerster Gedanke noch, von Dichtern und Weisen auf Flügeln der Einbildung erschwungen, Unterwerfung unter eine Weltregierung ist, die in freier Wahl von der Gesammtheit aller Brüder-Nationen gesetzt wäre. Eine Gemeinschafft gilt es, deren Wahrhaftigkeit und Offenherzigkeit gegen Freund und Feind gleich unerschütterlich geübt, bei dem Witz der Nachbarn zum Sprichwort geworden ist; die über jeden Zweifel erhoben, dem Besitzer jenes ächten Ringes gleich, diejenige ist, die die Anderen am Meisten lieben; deren Unschuld, selbst in dem Augenblick noch, da der Fremdling sie belächelt, oder wohl gar verspottet, sein Gefühl geheimnißvoll erweckt; dergestalt, daß derjenige, der zu ihr gehört, nur seinen Namen zu nennen braucht, um auch in den entferntesten Theilen der Welt noch Glauben zu finden. Eine Gemeinschafft, die weit entfernt in ihrem Busen auch nur eine Regung von Uebermuth zu tragen, vielmehr, einem schönen Gemüth gleich, bis auf den heutigen Tag an ihre eigne Herrlichkeit nicht geglaubt hat; die herumgeflattert ist unermüdlich, einer Biene gleich, Alles, was sie Vortreffliches fand, in sich aufzunehmen, gleich als ob nichts von Ursprung herein Schönes in ihr[71] selber wäre; in deren Schooß gleichwohl (wenn es zu sagen erlaubt ist!) die Götter das Urbild der Menschheit reiner als in irgend einer andern aufbewahrt hatten. Eine Gemeinschafft, die dem Menschengeschlecht nichts in dem Wechsel der Dienstleistungen[72] schuldig geblieben ist, die den Völkern, ihren Brüdern und Nachbarn, für jede Kunst des Friedens, welche sie von ihnen erhielt, eine andere zurückgab; eine Gemeinschafft, die an dem Obelisken der Zeiten stets unter den Wackersten und Rüstigsten thätig gewesen ist; ja, die den Grundstein desselben gelegt hat, und vielleicht den Schlußblock darauf zu setzen bestimmt war. Eine Gemeinschafft gilt es, die den Leibnitz und Guttenberg gebohren hat, in welcher ein Guericke den Luftkreis wog, Tschirnhausen den Glanz der Sonne lenkte, und Keppler der Gestirne Bahn verzeichnete; eine Gemeinschafft, die große Namen, wie der Lenz Blumen, aufzuweisen hat; die den Hutten und Sickingen, Luther und Melanchthon, Joseph und Friedrich auferzog; in welcher Dürer und Cranach, die Verherrlicher der Tempel, gelebt, und Klopstock den Triumph des Erlösers gesungen hat. Eine Gemeinschafft mithin gilt es, die dem ganzen Menschengeschlecht angehört;[73] die die Wilden der Südsee noch, wenn sie sie kennten, zu beschützen herbeiströmen würden; eine Gemeinschafft, deren Dasein keine deutsche Brust überleben, und die nur mit Blut, vor [dem] die Sonne verdunkelt, zu Grabe gebracht werden soll!
4. Einleitung [zu den Berliner Abendblättern]. Gebet des Zoroaster. (Aus einer indischen Handschrift, von einem Reisenden in den Ruinen von Palmyra gefunden.) (1. October 1810.)
Gott, mein Vater im Himmel! Du hast dem Menschen ein so freies, herrliches und üppiges Leben bestimmt. Kräfte unendlicher Art, göttliche und thierische, spielen in seiner Brust zusammen, um ihn zum König der Erde zu machen. Gleichwohl, von unsichtbaren Geistern überwältigt, liegt er, auf verwundernswürdige und unbegreifliche Weise, in Ketten und Banden; das Höchste, von Irrthum geblendet, läßt er zur Seite liegen, und wandelt, wie mit Blindheit geschlagen, unter Jämmerlichkeiten und Nichtigkeiten umher. Ja, er gefällt sich in seinem Zustand; und wenn die Vorwelt nicht wäre und die göttlichen Lieder, die von ihr Kunde geben, so würden wir gar nicht mehr ahnden, von welchen Gipfeln, o Herr! der Mensch um sich schauen kann. Nun lässest du es, von Zeit zu Zeit, niederfallen, wie Schuppen, von dem Auge Eines deiner Knechte, den du dir erwählt, daß er die Thorheiten und Irrthümer seiner Gattung überschaue; ihn rüstest du mit dem Köcher der Rede, daß er, furchtlos und liebreich, mitten unter sie trete, und sie mit Pfeilen, bald schärfer, bald leiser, aus der wunderlichen Schlafsucht, in welcher sie befangen liegen, wecke. Auch mich, o Herr, hast du, in deiner Weisheit, mich wenig Würdigen, zu diesem Geschäft erkoren; und ich schicke mich zu meinem Beruf an. Durchdringe mich ganz, vom Scheitel zur Sohle, mit dem Gefühl des Elends, in welchem dies Zeitalter darnieder liegt, und mit der Einsicht in alle Erbärmlichkeiten, Halbheiten, Unwahrhaftigkeiten und Gleisnereien, von denen es die Folge ist. Stähle mich mit Kraft, den Bogen des Urtheils rüstig zu spannen, und, in der Wahl der Geschosse, mit Besonnenheit und Klugheit, auf daß ich jedem, wie es ihm zukommt, begegne: den Verderblichen und Unheilbaren, dir zum Ruhm, niederwerfe, den Lasterhaften schrecke, den Irrenden warne, den Thoren, mit dem bloßen Geräusch der Spitze über sein Haupt hin, necke. Und einen Kranz auch lehre mich winden, womit ich, auf meine Weise, den, der dir wohlgefällig ist, kröne! Ueber Alles aber, o Herr, möge Liebe wachen zu dir, ohne welche nichts, auch das Geringfügigste nicht, gelingt: auf daß dein Reich verherrlicht und erweitert werde, durch alle Räume und alle Zeiten, Amen!
^x.^
5. Von der Ueberlegung. (Eine Paradoxe.) (7. December.)
Man rühmt den Nutzen der Ueberlegung in alle Himmel; besonders der kaltblütigen und langwierigen vor der That. Wenn ich ein Spanier, ein Italiener oder ein Franzose wäre: so mögte es damit sein Bewenden haben. Da ich aber ein Deutscher bin, so denke ich meinem Sohn einst, besonders wenn er sich zum Soldaten bestimmen sollte, folgende Rede zu halten.
»Die Ueberlegung, wisse, findet ihren Zeitpunkt weit schicklicher _nach_, als _vor_ der That. Wenn sie vorher, oder in dem Augenblick der Entscheidung selbst, ins Spiel tritt: so scheint sie nur die zum Handeln nöthige Kraft, die aus dem herrlichen Gefühl quillt, zu verwirren, zu hemmen und zu unterdrücken; dagegen sich nachher, wenn die Handlung abgethan ist, der Gebrauch von ihr machen läßt, zu welchem sie dem Menschen eigentlich gegeben ist, nämlich sich dessen, was in dem Verfahren fehlerhaft und gebrechlich war, bewußt zu werden, und das Gefühl für andere künftige Fälle zu reguliren. Das Leben selbst ist ein Kampf mit dem Schicksal; und es verhält sich auch mit dem Handeln wie mit dem Ringen. Der Athlet kann, in dem Augenblick, da er seinen Gegner umfaßt hält, schlechthin nach keiner andern Rücksicht, als nach bloßen augenblicklichen Eingebungen verfahren; und derjenige, der berechnen wollte, welche Muskeln er anstrengen, und welche Glieder er in Bewegung sezzen soll, um zu überwinden, würde unfehlbar den Kürzern ziehen, und unterliegen. Aber nachher, wenn er gesiegt hat oder am Boden liegt, mag es zweckmäßig und an seinem Ort sein, zu überlegen, durch welchen Druck er seinen Gegner niederwarf, oder welch ein Bein er ihm hätte stellen sollen, um sich aufrecht zu erhalten. Wer das Leben nicht, wie ein solcher Ringer, umfaßt hält, und tausendgliedrig, nach allen Windungen des Kampfes, nach allen Widerständen, Drücken, Ausweichungen und Reactionen, empfindet und spürt: der wird, was er will, in keinem Gespräch, durchsetzen; vielweniger in einer Schlacht.«
^x.^
6. Betrachtungen über den Weltlauf. (9. October.)
Es giebt Leute, die sich die Epochen, in welchen die Bildung einer Nation fortschreitet, in einer gar wunderlichen Ordnung vorstellen. Sie bilden sich ein, daß ein Volk zuerst in thierischer _Rohheit_ und _Wildheit_ daniederläge; daß man nach Verlauf einiger Zeit, das Bedürfniß einer Sittenverbesserung empfinden, und somit die _Wissenschaft von der Tugend_ aufstellen müsse; daß man, um den Lehren derselben Eingang zu verschaffen, daran denken würde, sie in schönen Beispielen zu versinnlichen, und daß somit die _Aesthetik_ erfunden werden würde: daß man nunmehr, nach den Vorschriften derselben, schöne Versinnlichungen verfertigen, und somit die _Kunst_ selbst ihren Ursprung nehmen würde: und daß vermittelst der Kunst endlich das Volk auf die höchste Stufe menschlicher _Cultur_ hinaufgeführt werden würde. Diesen Leuten dient zur Nachricht, daß Alles, wenigstens bei den Griechen und Römern, in ganz umgekehrter Ordnung erfolgt ist. Diese Völker machten mit der _heroischen_ Epoche, welche ohne Zweifel die höchste ist, die erschwungen werden kann, den Anfang; als sie in keiner menschlichen und bürgerlichen Tugend mehr Helden hatten, _dichteten_ sie welche; als sie keine mehr dichten konnten, erfanden sie dafür die _Regeln_; als sie sich in den Regeln verwirrten, abstrahirten sie die _Weltweisheit_ selbst; und als sie damit fertig waren, wurden sie _schlecht_.
^z.^
3. Erzählungen und Anekdoten.
1. Warnung gegen weibliche Jägerei. (5. 6. November.)