Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken
Part 6
Inzwischen ist dies ein auf Bestellung der Dänischen Regierung aufgehäufter Vorrath, und wir besitzen bereits, in Relation wie wir mit derselben stehen, den Auftrag dem Kaufmann M. den Marktpreis davon mit 3000 fl. zuzufertigen. Indem wir Euch nun, diesem Auftrage gemäß, die besagte Summe für den Kaufmann M. in guten Landespapieren, demselben auch sechs Wägen oder mehr und Pässe, und was immer zur ungesäumten Abführung der Ingredienzen an den Hafen-Platz erforderlich sein mag,[42] bewilligen, beschließen wir zwar von diesem Eigenthum der Dänischen Regierung Behufs einer Niederbrennung der Vorstädte keine Notiz zu nehmen; indessen habt Ihr das gesammte Personale der untern Polizeibeamten zusammenzunehmen, und alle Gewölbe und Läden der Kauf- und Gewerksleute, die mit diesen Combustibeln handeln oder sie verarbeiten, aufs Strengste und Eigensinnigste zu durchsuchen, damit, dem Entschluß Sr. Excellenz gemäß, unverzüglich die Pechkränze verfertigt und mit Debarrassirung des Glacis verfahren werden möge.
Nichts ist nothwendiger, als in diesem Augenblick der herannahenden Gefahr Alles aufzubieten, und kein Opfer zu scheuen, das im Stande ist dem Staat diesen für den Erfolg des Kriegs höchst wichtigen Platz zu behaupten. Sr. Excellenz haben erklärt, daß wenn ihr auf dem Markt befindlicher Pallast vor dem Glacis läge, sie denselben zuerst niederbrennen und unter den Thoren der Vestung übernachten würden. Da nun unser, sowohl des Burgemeisters, als auch Euer, des Unterbeamten, Haus, in dem angegebenen Fall sind, indem sie von der Q...schen Vorstadt her mit ihren Gärten und Nebengebäuden das Glacis beträchtlich embarrassiren, so wird es bloß von Euren Recherchen und von dem Bericht abhangen, den Ihr darüber abstatten werdet, ob wir den Andern ein Beispiel zu geben, und den Pechkranz zuerst auf die Giebel derselben zu werfen haben.
Sind in Gewogenheit u. s. w.
4. Brief eines politischen Pescherü über einen Nürnberger Zeitungsartikel.
Erlaube mir, Vetter Pescherü, daß ich Dir in der verwirrten Sprache, die kürzlich ein Deutscher mich gelehrt hat, einen Artikel mittheile, der in einer Zeitung dieses Landes, wenn ich nicht irre, im Nürnberger Correspondenten gestanden hat, und den ein Grönländer, der in Island auf einem Kaffeehause war, hierher gebracht hat. Der Zeitungsartikel ist folgenden sonderbaren Inhalts:[43]
»Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Freiheitsschlacht, die bei Regensburg gefochten ward, entschieden haben, als vielmehr die Deutschen selbst. Der tapfere Kronprinz von Bayern hat zuerst an der Spitze der rheinbündischen Truppen die Linien der Oesterreicher durchbrochen. Der Kaiser Napoleon hat ihn am Abend der Schlacht auf dem Wahlplatz umarmt, und ihn den Helden der Deutschen genannt.«[44]
Ich versichere Dich, Vetter Pescherü, ich bin hinausgegangen auf den Sandhügel, wo die Sonne brennt, und habe meine Nase angesehen stundenlang, und wieder stundenlang, ohne im Stande gewesen zu sein den Sinn dieses Zeitungsartikels zu erforschen. Er verwischt Alles, was ich über die Vergangenheit zu wissen meine, dergestalt, daß mein Gedächtniß wie ein weißes Blatt aussieht, und die ganze Geschichte derselben von Neuem darin angefrischt werden muß.
Sage mir also, ich bitte Dich:
1. Ist es der Kaiser von Oesterreich, der das deutsche Reich im Jahre 1805 zertrümmert hat?[45]
2. Ist er es, der den Buchhändler Palm erschießen ließ, weil er ein dreistes Wort über diese Gewaltthat in Umlauf brachte?[46]
3. Ist er es, der durch List und Ränke die deutschen Fürsten entzweite, um über die Entzweiten nach der Regel des Cäsar zu herrschen?
4. Ist er es, der den Kurfürsten von Hessen ohne Kriegserklärung aus seinem Lande vertrieb, und einen Handlungscommis -- wie heißt er schon? -- der ihm verwandt war, auf den Thron desselben setzte?[47]
5. Ist er es, der den König von Preußen, den ersten Gründer seines Ruhms, in dem undankbarsten und ungerechtesten Kriege zu Boden geschlagen hat, und auch selbst nach dem Frieden noch mit seinem grimmigen Fuß auf dem Nacken desselben verweilte?[48]
6. Ist es dagegen der Kaiser Napoleon, der durch unglückliche Feldzüge erschöpft, die deutsche Krone auf das Machtwort seines Gegners niederzulegen genöthigt war?[49]
7. Ist er es, der mit zerrissenem Herzen Preußen, den letzten Pfeiler Deutschlands, sinken sah, und, so zerstreut seine Heere auch waren, herbei geeilt sein würde ihn zu retten, wenn der Friede von Tilsit nicht abgeschlossen worden wäre?[50]
8. Ist er es, der dem betrogenen Kurfürsten von Hessen auf der Flucht aus seinen Staaten einen Zufluchtsort in den seinigen vergönnt hat?[51]
9. Ist er es endlich, der sich des Elends, unter welchem die Deutschen seufzen, erbarmt hat, und der nun, an der Spitze der ganzen Jugend, wie Anteus, der Sohn der Erde, von seinem Fall erstanden ist, um das Vaterland zu retten?
Vetter Pescherü, vergieb mir diese Fragen; ein Europäer wird ohne Zweifel, wenn er den Artikel liest, wissen was er davon zu halten hat. Einem Pescherü aber müssen, wie Du selbst einsiehst, alle die Zweifel kommen, die ich Dir vorgetragen habe.
Bekanntlich drücken wir mit dem Wort Pescherü Alles aus, was wir empfinden oder denken, drücken es mit einer Deutlichkeit aus, die den andern Sprachen der Welt fremd ist. Wenn wir z. B. sagen wollen: es ist Tag, so sagen wir: Pescherü; wollen wir hingegen sagen: es ist Nacht, so sagen wir: Pescherü. Wollen wir ausdrücken: dieser Mann ist redlich, so sagen wir: Pescherü; wollen wir hingegen versichern: er ist ein Schelm, so sagen wir: Pescherü. Kurz, Pescherü drückt den Inbegriff aller Erscheinungen aus, und eben darum, weil es Alles ausdrückt, auch jedes Einzelne.
Hätte doch der Nürnberger Zeitungsschreiber in der Sprache der Pescherüs geschrieben! Denn setze einmal der Artikel lautete also Pescherü, so würde Dein Vetter[52] nicht einen, nicht einen Augenblick bei seinem Inhalt angestoßen sein. Er würde alsdann mit völliger Bestimmtheit und Klarheit also gelesen haben:
»Es sind nicht sowohl die Franzosen, welche die Schlacht, die das deutsche Reich dem Napoleon überliefern sollte, gewonnen haben, als vielmehr die bemitleidenswürdigen Deutschen selbst. Der entartete Kronprintz von Bayern hat zuerst an der Spitze der rheinbündischen Truppen die Linien der braven Oesterreicher, ihrer Befreier, durchbrochen. »Sie sind der Held der Deutschen!« rief ihm der Verschlagenste der Unterdrücker zu; aber sein Hertz sprach heimlich: »ein Verräther bist Du, und wenn ich Dich werde gebraucht haben, wirst Du abtreten!«
5. Die Bedingung des Gärtners. Eine Fabel.
Ein Gärtner sagte zu seinem Herrn: »Deinem Dienst habe ich mich nur innerhalb dieser Hecken und Zäune gewidmet. Wenn der Bach kommt und deine Frucht-Beete überschwemmt, so will ich mit Hacken und Spaten aufbrechen, um ihm zu wehren; aber außerhalb dieses Bezirkes zu gehen, und, ehe der Strom noch einbricht, mit seinen Wogen zu kämpfen, das kannst du nicht von deinem Diener verlangen.«
Der Herr schwieg.
Und drei Frühlinge kamen und verheerten mit ihren Gewässern das Land. Der Gärtner triefte von Schweiß, um dem Geriesel[53], das von allen Seiten eindrang, zu steuern; umsonst; der Seegen des Jahrs, wenn ihm die Arbeit auch gelang, war verderbt und vernichtet.
Als der vierte kam, nahm er Hacken und Spaten und gieng auf's Feld.
»Wohin?« fragte ihn sein Herr.
»Auf das Feld, antwortete er, wo das Uebel entspringt. Hier thürm' ich Wälle von Erde umsonst, um dem Strom, der brausend hereinbricht, zu wehren: an der Quelle kann ich ihn mit einem Fußtritt verstopfen.«
Landwehren von Oesterreich! Warum wollt ihr bloß innerhalb eures Landes fechten?[54]
6. Lehrbuch der französischen Journalistik.
Einleitung.
§ 1.
Die Journalistik überhaupt ist die treuherzige und unverfängliche Kunst das Volk von dem zu unterrichten, was in der Welt vorfällt. Sie ist eine gänzliche Privatsache, und alle Zwecke der Regierung, sie mögen heißen wie man wolle, sind ihr fremd. Wenn man die französischen Journale mit Aufmerksamkeit liest, so sieht man, daß sie nach ganz eignen Grundsätzen abgefaßt worden, deren System man die _französische Journalistik_ nennen kann. Wir wollen uns bemühen den Entwurf dieses Systems, so wie es etwa im geheimen Archiv zu Paris liegen mag, hier zu entfalten.
Erklärung.
§ 2.
Die _französische Journalistik_ ist die Kunst das Volk glauben zu machen, was die Regierung für gut findet.
§ 3.
Sie ist bloß Sache der Regierung, und alle Einmischung der Privatleute, bis selbst auf die Stellung vertraulicher Briefe, die die Tages-Geschichte betreffen, verboten.
§ 4.
Ihr Zweck ist die Regierung über allen Wechsel der Begebenheiten hinaus sicher zu stellen, und die Gemüther, allen Lockungen des Augenblicks zum Trotz, in schweigender Unterwürfigkeit unter das Joch derselben niederzuhalten.
Die zwei obersten Grundsätze.
§ 5.
_Was das Volk nicht weiß, macht das Volk nicht heiß._
§ 6.
_Was man dem Volke dreimal sagt, hält das Volk für wahr._
Anmerkung.
§ 7.
Diese Grundsätze könnte man auch Grundsätze des Talleyrand nennen. Denn ob sie gleich nicht von ihm erfunden sind, so wenig wie die mathematischen von dem Euklid: so ist er doch der Erste, der sie für ein bestimmtes und schlußgerechtes System in Anwendung gebracht hat.
Aufgabe.
§ 8.
Eine Verbindung von Journalen zu redigiren, welche 1. Alles, was in der Welt vorfällt, entstellen, und gleichwohl 2. ziemliches Vertrauen haben?
Lehrsatz zum Behuf der Auflösung.
Die Wahrheit sagen heißt allererst die Wahrheit _ganz_ und _nichts als_ die Wahrheit sagen.
Auflösung.
Also redigire man zwei Blätter, deren Eines niemals lügt, das Andere aber die Wahrheit sagt: so wird die Aufgabe gelößt sein.
Beweis.
Denn weil das Eine niemals lügt, das Andere aber die Wahrheit sagt, so wird die _zweite_ Forderung erfüllt sein. Weil aber jenes verschweigt was wahr ist, und dieses hinzusetzet was erlogen ist, so wird es auch, wie jedermann zugestehen wird, die _erste_ sein. ^q. e. d.^
Erklärung.
§ 9.
Dasjenige Blatt, welches niemals lügt, aber hin und wieder verschweigt was wahr ist, heißt der _Moniteur_, und erscheine in officieller Form; das Andere, welches die Wahrheit sagt, aber zuweilen hinzuthut was erstuncken und erlogen ist, heiße ^Journal de l'Empire^, oder auch ^Journal de Paris^, und erscheine in Form einer bloßen Privat-Unternehmung.
Eintheilung der Journalistik.
§ 10.
Die französische Journalistik zerfällt in die Lehre von der Verbreitung 1. _wahrhaftiger_, 2. _falscher_ Nachrichten. Jede Art der Nachricht erfordert einen eigenen _Modus der Verbreitung_, von welchem hier gehandelt werden soll.
^Cap. I.^ Von den wahrhaftigen Nachrichten.
^Art. 1.^ Von den guten.
Lehrsatz.
§ 11.
_Das Werk lobt seinen Meister._
Beweis.
Der Beweis für diesen Satz ist klar an sich. Er liegt in der Sonne, besonders wenn sie aufgeht; in den ägyptischen Pyramiden; in der Peterskirche; in der Madonna des Raphael, und in vielen andern herrlichen Werken der Götter und Menschen.
Anmerkung.
§ 12.
Wirklich und in der That: man mögte meinen, daß dieser Satz sich in der französischen Journalistik [nicht] findet. Wer die Zeitungen aber mit Aufmerksamkeit gelesen hat, der wird gestehen, er findet sich darin; daher wir ihn auch dem System zu Gefallen hier haben aufführen müssen.
Corollarium.
§ 13.
Inzwischen gilt dieser Satz doch nur in völliger Strenge für den _Moniteur_, und auch für diesen nur bei guten Nachrichten von außerordentlichem und entscheidendem Werth. Bei guten Nachrichten von untergeordnetem Werth kann der Moniteur schon das Werk ein wenig loben, das ^Journal de l'Empire^ aber und das ^Journal de Paris^ mit vollen Backen in die Posaune stoßen.
Aufgabe.
§ 14.
_Dem Volk eine gute Nachricht vorzutragen?_
Auflösung.
Ist es z. B. eine gänzliche Niederlage des Feindes, wobei derselbe Kanonen, Bagage und Munition verloren hat und in die Moräste gesprengt worden ist, so sage man dies, und setze das Punctum dahinter. (§ 11) Ist es ein bloßes Gefecht, wobei nicht viel herausgekommen ist, so setze man im Moniteur eine, im ^Journal de l'Empire^ drei Nullen an jede Zahl, und schicke die Blätter mit ^Courieren^ in alle Welt. (§ 13)
Anmerkung.
§ 15.
Hierbei braucht man nicht nothwendig zu lügen. Man braucht nur z. B. die Blessirten, die man auf dem Schlachtfelde gefunden, auch unter den Gefangenen aufzuführen. Dadurch bekömmt man zwei Rubriken, und das Gewissen ist gerettet.
^Art. 2.^ _Von den schlechten Nachrichten._
Lehrsatz.
§ 16.
Zeit gewonnen, Alles gewonnen.
Anmerkung.
§ 17.
Dieser Satz ist so klar, daß er, wie die Grundsätze, keines Beweises bedarf, daher ihn der Kaiser der Franzosen auch unter die Grundsätze aufgenommen hat. Er führt in natürlicher Ordnung auf die Kunst dem Volk [eine] Nachricht zu verbergen, von welcher[55] sogleich gehandelt werden soll.
Corollarium.
§ 18.
Inzwischen gilt auch dieser Satz nur in völliger Strenge für das ^Journal de l'Empire^ und für das ^Journal de Paris^, und auch für diese nur bei schlechten Nachrichten von der gefährlichen und verzweifelten Art. Schlechte Nachrichten von erträglicher Art kann der Moniteur gleich offenherzig gestehen, das ^Journal de l'Empire^ aber und das ^Journal de Paris^ thun als ob nicht viel daran wäre.
Aufgabe.
§ 19.
_Dem Volk eine schlechte Nachricht zu verbergen?_
Auflösung.
Die Auflösung ist leicht. Es gilt für das Innere des Landes in allen Journalen Stillschweigen, einem Fisch gleich. Unterschlagung der Briefe, die davon handeln, Aufhaltung der Reisenden, Verbote in Tabagien und Gasthäusern davon zu reden, und für das Ausland Confiscation der ^Journale^, welche gleichwohl davon zu handeln wagen; Arretirung, Deportirung, und Füselierung der Redactoren; Ansetzung neuer ^Subjecte^ bei diesem Geschäfft: Alles mittelbar entweder durch Requisition, oder unmittelbar durch Detaschements.
Anmerkung.
§ 20.
Diese Auflösung ist, wie man sieht, nur eine bedingte, und früh oder spät kommt die Wahrheit ans Licht. Will man die Glaubwürdigkeit der Zeitungen nicht aussetzen, so muß es nothwendig eine Kunst geben dem Volk schlechte Nachrichten vorzutragen. Worauf wird diese Kunst sich stützen?
Lehrsatz.
§ 21.
Der Teufel läßt keinen Schelmen im Stich.
Anmerkung.
§ 22.
Auch dieser Satz ist so klar, daß er nur erst verworren[56] werden würde, wenn man ihn beweisen wollte, daher wir uns nicht weiter darauf einlassen, sondern sogleich zur Anwendung schreiten wollen.
Aufgabe.
§ 23.
_Dem Volk eine schlechte Nachricht vorzutragen?_
Auflösung.
Man schweige davon (§ 5) bis sich die Umstände geändert haben. (§ 15). Inzwischen unterhalte man das Volk mit guten Nachrichten, entweder mit wahrhaftigen aus der Vergangenheit, oder auch mit gegenwärtigen, wenn sie vorhanden sind, als: Schlacht von Marengo, von der Gesandschafft des Persenschachs[57] und von der Ankunft des Levantischen Kaffes, oder, in Ermangelung aller, mit solchen die erstunken und erlogen sind; sobald sich die Umstände geändert haben, welches niemals ausbleibt, (§ 20) und irgend ein Vortheil, er sei groß oder klein, errungen worden ist, gebe man (§ 14) eine pomphafte Ankündigung davon, und an ihren Schwanz hänge man die schlechte Nachricht an. ^q. e. des.^
Anmerkung.
§ 24.
Hierin ist eigentlich noch der Lehrsatz enthalten: _wenn man dem Kinde ein Licht zeigt, so weint es nicht_; denn darauf stützt sich zum Theil das angegebene Verfahren. Nur der Kürze wegen, und weil er von selbst in die Augen springt, geschah es, daß wir denselben ^in abstracto^ nicht haben aufführen wollen.
Corollarium.
§ 25.
Ganz _still zu schweigen_, wie die Auflösung fordert, ist in vielen Fällen unmöglich, denn schon das Datum des Bülletins, wenn z. B. eine Schlacht verloren und das Hauptquartier zurückgegangen wäre, verräth dies Factum. In diesem Fall _antedatire_ man entweder das Bülletin, oder aber _fingire einen Druckfehler_ im Datum, oder endlich lasse das Datum _ganz weg_. Die Schuld kommt auf den Setzer oder Corrector.
7. Katechismus der Deutschen, abgefaßt nach dem Spanischen, zum Gebrauch für Kinder und Alte.[58] In sechzehn Kapiteln.
Erstes Kapitel. Von Deutschland überhaupt.
_Frage._ Sprich, Kind, wer bist Du?
_Antwort._ Ich bin ein Deutscher.
_Fr._ Ein Deutscher? Du scherzest. Du bist in Meißen gebohren, und das Land, dem Meißen angehört, heißt Sachsen!
_Antw._ Ich bin in Meißen gebohren, und das Land, dem Meißen angehört, heißt Sachsen; aber mein Vaterland, das Land dem Sachsen angehört, ist Deutschland, und Dein Sohn, mein Vater, ist ein Deutscher.
_Fr._ Du träumest! Ich kenne kein Land, dem Sachsen angehört, es müßte denn das rheinische Bundesland sein.[59] Wo find ich es, dies Deutschland, von dem Du sprichst, und wo liegt es?
_Antw._ Hier, mein Vater. -- Verwirre mich nicht.
_Fr._ Wo?
_Antw._ Auf der Karte.
_Fr._ Ja, auf der Karte! -- Diese Karte ist vom Jahr 1805. -- Weißt Du nicht, was geschehn ist im Jahr 1805, da der Friede von Preßburg abgeschlossen war?
_Antw._ Napoleon, der korsische Kaiser, hat es nach dem Frieden durch eine Gewaltthat zertrümmert.[60]
_Fr._ Nun? Und gleichwohl wäre es noch vorhanden?
_Antw._ Gewiß! -- Was fragst Du mich doch!
_Fr._ Seit wann?
_Antw._ Seit Franz der Zweite, der alte Kaiser der Deutschen, wieder aufgestanden ist, um es herzustellen, und der tapfre Feldherr, den er bestellte, das Volk aufgerufen hat, sich an die Heere, die er anführt, zur Befreiung des Landes anzuschließen.
Zweites Kapitel. Von der Liebe zum Vaterlande.
_Fr._ Du liebst dein Vaterland, nicht wahr, mein Sohn?
_Antw._ Ja, mein Vater, das thu ich.
_Fr._ Warum liebst Du es?
_Antw._ Weil es mein Vaterland ist.
_Fr._ Du meinst, weil Gott es geseegnet hat mit vielen Früchten, weil viele schöne Werke der Kunst es schmücken, weil Helden, Staatsmänner und Weise, deren Namen anzuführen kein Ende ist, es verherrlicht haben?
_Antw._ Nein, mein Vater; Du verführst mich.
_Fr._ Ich verführte Dich?
_Antw._ Denn Rom und das ägyptische Delta sind, wie Du mich gelehrt hast, mit Früchten und schönen Werken der Kunst und Allem, was groß und herrlich sein mag, weit mehr geseegnet als Deutschland. Gleichwohl, wenn Deines Sohnes Schicksal wollte, daß er darin leben sollte, würde er sich traurig fühlen, und es nimmermehr so lieb haben, wie jetzt Deutschland.
_Fr._ Warum also liebst Du Deutschland?
_Antw._ Mein Vater, ich habe es Dir schon gesagt!
_Fr._ Du hättest es mir schon gesagt?
_Antw._ Weil es mein Vaterland ist.
Drittes Kapitel. Von der Zertrümmerung des Vaterlandes.
_Fr._ Was ist Deinem Vaterlande jüngsthin widerfahren?
_Antw._ Napoleon, Kaiser der Franzosen, hat es mitten im Frieden zertrümmert, und mehrere Völker, die es bewohnen, unterjocht.
_Fr._ Warum hat er dies gethan?
_Antw._ Das weiß ich nicht.
_Fr._ Das weißt Du nicht?
_Antw._ Weil er ein böser Geist ist.
_Fr._ Ich will Dir sagen, mein Sohn: Napoleon behauptet, er sei von den Deutschen beleidigt worden.
_Antw._ Nein, mein Vater, das ist er nicht.
_Fr._ Warum nicht?
_Antw._ Die Deutschen haben ihn niemals beleidigt.
_Fr._ Kennst Du die gantze Streitfrage, die dem Kriege, der entbrannt ist, zum Grunde liegt?
_Antw._ Nein, keineswegs.
_Fr._ Warum nicht?
_Antw._ Weil sie zu weitläuftig und umfassend ist.
_Fr._ Woraus also schließest Du, daß die Sache, die die Deutschen führen, gerecht sei?
_Antw._ Weil Kaiser Franz von Oesterreich es versichert hat.
_Fr._ Wo hat er dies versichert?
_Antw._ In dem von seinem Bruder, dem Erzherzog Carl, an die Nation erlassenen Aufruf.
_Fr._ Also wenn zwei Angaben vorhanden sind, die Eine von Napoleon, dem Korsenkaiser, die Andere von Franz, Kaiser von Oesterreich, welcher glaubst Du?
_Antw._ Der Angabe Franzens, Kaisers von Oesterreich.
_Fr._ Warum?
_Antw._ Weil er wahrhaftiger ist.
Viertes Kapitel. Vom Ertzfeind.
_Fr._ Wer sind Deine Feinde, mein Sohn?
_Antw._ Napoleon und, so lange er ihr Kaiser ist, die Franzosen.
_Fr._ Ist sonst niemand, den Du haßest?
_Antw._ Niemand auf der ganzen Welt.
_Fr._ Gleichwohl, als Du gestern aus der Schule kamst, hast Du Dich mit jemand, wenn ich nicht irre, entzweit?
_Antw._ Ich, mein Vater? Mit wem?
_Fr._ Mit Deinem Bruder; Du hast es mir selbst erzählt.
_Antw._ Ja, mit meinem Bruder! Er hatte meinen Vogel nicht, wie ich ihm aufgetragen hatte, gefüttert.
_Fr._ Also ist Dein Bruder, wenn er dies gethan hat, Dein Feind, nicht Napoleon der Korse, noch die Franzosen, die er beherrscht?
_Antw._ Nicht doch, mein Vater! -- Was sprichst Du da?
_Fr._ Was ich da spreche?
_Antw._ Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll.[61] -- -- -- --
[Siebentes Kapitel.]
_Fr._ Das hab ich Dich schon gefragt. Sage es noch einmahl mit den Worten, die ich Dich gelehrt habe.
_Antw._ Für einen verabscheuungswürdigen Menschen, für den Anfang alles Bösen und das Ende alles Guten; für einen Sünder, den anzuklagen die Sprache der Menschen nicht hinreicht, und den Engeln einst am jüngsten Tage der Odem vergehen wird.
_Fr._ Sahst Du ihn je?
_Antw._ Niemals, mein Vater.
_Fr._ Wie sollst Du ihn Dir vorstellen?
_Antw._ Als einen der Hölle entstiegenen Vatermörder, der herumschleicht in dem Tempel der Natur, und an allen Säulen rüttelt, auf welchen er gebaut ist.
_Fr._ Wann hast Du dies im Stillen für Dich wiederholt?
_Antw._ Gestern Abend, als ich zu Bette gieng, und heute Morgen, als ich aufstand.
_Fr._ Und wann wirst Du es wieder wiederholen?
_Antw._ Heute Abend, wenn ich zu Bette gehe, und morgen früh, wann ich aufstehe.
_Fr._ Gleichwohl, sagt man, soll er viel Tugenden besitzen. Das Geschäfft der Unterjochung der Erde soll er mit List, Gewandtheit und Kühnheit vollziehn, und besonders an dem Tage der Schlacht ein großer Feldherr sein.
_Antw._ Ja, mein Vater, so sagt man.
_Fr._ Man sagt es nicht bloß; er _ist_ es.
_Antw._ Auch gut; er _ist_ es.
_Fr._ Meinst Du nicht, daß er um dieser Eigenschafften willen Bewunderung und Verehrung verdiene?
_Antw._ Du schertzest, mein Vater.
_Fr._ Warum nicht?
_Antw._ Das wäre ebenso feig, als ob ich die Geschicklichkeit, die einem Menschen im Ringen beiwohnt, in dem Augenblick bewundern wollte, da er mich in den Koth wirft und mein Antlitz mit Füßen tritt.
_Fr._ Wer also unter den Deutschen mag ihn bewundern?
_Antw._ Die robusten Feldherrn etwa und die Kenner der Kunst.
_Fr._ Und auch diese, wann mögen sie es erst thun?
_Antw._ Wenn er vernichtet ist.
Achtes Kapitel. Von der Erziehung der Deutschen.
_Fr._ Was mag die Vorsehung wohl damit, mein Sohn, daß sie die Deutschen so grimmig durch Napoleon, den Korsen, aus ihrer Ruhe aufgeschreckt hat, bezweckt haben?
_Antw._ Das weiß ich nicht.
_Fr._ Das weißt Du nicht?
_Antw._ Nein, mein Vater.
_Fr._ Ich auch nicht. Ich schieße nur mit meinem Urtheil ins Blaue hinein. Treffe ich, so ist es gut; wo nicht, so ist an dem Schuß nichts verloren. -- Tadelst Du dies Unternehmen?
_Antw._ Keineswegs, mein Vater.
_Fr._ Vielleicht meinst Du, die Deutschen befanden sich schon, wie die Sachen stehn, auf dem Gipfel aller Tugend, alles Heils und alles Ruhms?
_Antw._ Keineswegs, mein Vater.
_Fr._ Oder waren wenigstens auf guten Wegen, ihn zu erreichen?
_Antw._ Nein, mein Vater; das auch nicht.
_Fr._ Von welcher Unart habe ich Dir zuweilen gesprochen?
_Antw._ Von einer Unart?
_Fr._ Ja; die dem lebenden Geschlecht anklebt.
_Antw._ Der Verstand der Deutschen, hast Du mir gesagt, habe durch einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz bekommen; sie reflectirten, wo sie empfinden oder handeln sollten, meinten Alles durch ihren Witz bewerkstelligen zu können, und gäben nichts mehr auf die alte geheimnißvolle Kraft der Hertzen.
_Fr._ Findest Du nicht, daß die Unart, die Du mir beschreibst, zum Theil auch auf Deinem Vater ruht, indem er Dich catechisirt?
_Antw._ Ja, mein lieber Vater.