Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken
Part 5
In derselben Stimmung sind die satirischen Briefe entstanden. Nicht entschieden genug können die offnen oder geheimen Bundesgenossen der Feinde im Vaterlande selbst der Verachtung preisgegeben werden. Der rheinbündische Officier, der sich mit dem elenden Troste entschuldigt, ein Deutscher könne seinen Landsleuten im Hauptquartier Napoleon's durch Milderung der Einquartirung die besten Dienste leisten; das Landfräulein, wie Kleist von seiner Thusnelda sagte, eins von den Weiberchen, die einfältig genug sind, »sich von französischen Manieren fangen zu lassen«, das den Verführer heirathen will, an dessen Rock das Blut ihrer Brüder und Verwandten klebt; der Festungscommandant, der die Häuser der Bürger verbrennt und die Vertheidigungsmittel aus der Stadt schafft; sie alle waren nur zu getreue Abbilder ganzer Classen von Verräthern. Man wußte ja, welche schmachvollen Eroberungen die Franzosen in den Familien gemacht hatten, und mochten auch manche Schilderungen böswillig übertrieben sein, so war es doch z. B. eine amtlich festgestellte Thatsache, daß eine sechszigjährige Wittwe einen zwanzigjährigen französischen Soldaten heirathete, und zu dessen Gunsten ihren eigenen Sohn enterbte. Was will des Dichters Satire bedeuten gegen diese furchtbarste Satire der Thatsachen? Die Commandanten von Cüstrin und Magdeburg hatten ja kurz vor der Capitulation die Vorstädte niederzubrennen gedroht oder wirklich niedergebrannt; und in dem Königlichen Publicandum vom 6. December 1806 waren sie, und diese ganze Gattung, bezeichnet worden als Knechte, »die ihre Pferde absträngen, um davonzujagen.«[29]
War diese Satire zermalmend, so war der Gedanke, die Trugpolitik des Feindes als System darzustellen und die Lügenkünste der französischen Journale nach Lehrsätzen zu entwickeln, vielleicht der geistvollste, den Kleist in dieser Ideenverbindung hatte. Er war im Sinne Swift's gefaßt. Was ein politischer Weiser, der dies Treiben an der Quelle studiert hatte, der Graf Schlabrendorf davon sagte, stellte Kleist systematisch dar: »Es ist gar keine Kunst, eine Unwahrheit zu erfinden. Jeder Flachkopf kann das. Die eigentliche Kunst besteht darin, aus zweien Sätzen, die, jeder einzeln, wahr sind, durch arglistige Zusammenstellung einen dritten herauszubringen, der eine Lüge ist. Das ist die vornehmste Art der Rabulisterei, aber auch zugleich die gemeinste.« Oder wie Kleist die Aufgabe stellt: »Alles was in der Welt vorfällt, zu entstellen, und gleichwohl ziemliches Vertrauen zu haben.« Mit sarkastischer Folgerichtigkeit entwickelt er den ganzen Vorrath von Trug- und Gewaltmitteln, und der letzte Zweck ist: »die Regierung über allen Wechsel der Begebenheiten hinaus sicher zu stellen, und die Gemüther, allen Lockungen des Augenblickes zum Trotz, in schweigender Unterwürfigkeit unter das Joch derselben niederzuhalten.«[30]
Diesen geheimen Künsten des Feindes gegenüber konnte dem Volke nicht eindringlich genug wiederholt werden, was es zu thun habe, um sich aus dem Elende zu retten. Keine Form war dem furchtbaren Humor geeigneter als der Katechismus, der die christlichen Grundwahrheiten als Gebote Gottes lehrt, und in dem Alte und Kinder Trost und Heil suchen. Einige Jahre früher hatten die Gründer der romantischen Schule gar manches zur Religion machen wollen; hier sollte mit der Vaterlandsliebe als Religion Ernst gemacht werden. Hatte der Kosmopolitismus sich der religiösen Weihe gerühmt, so war auch das Volk, das deutsche Volk, die lebendige Darstellung eines Gedankens aus dem göttlichen Geiste, und die Heils- und Rettungslehre vom Vaterlande sollte Alten und Jungen eingeprägt werden.
Ein Mann wie Kleist konnte nur der Partei angehören, die Preußen je eher je besser in den Kampf führen, alles an alles setzen und lieber ruhmvoll untergehen, als schmählich leben wollte. Nur zu Stein, Scharnhorst, Gneisenau konnte er stehen, zu den sogenannten Exaltirten, wie damals die deutsche Partei genannt wurde. Volksbewaffnung, Volkskrieg war ihr Gedanke; der Norddeutsche konnte so gut, wie Spanier und Tiroler, sein Joch zertrümmern, Katt, Dörnberg, Schill erhoben sich, das Maß war übervoll, das Volk genug geknechtet, geschmäht, getreten, um endlich in voller Wuth hervorzubrechen. Was Staatsmänner beriethen und Generale vorbereiteten, sprach er 1808 in der Hermannsschlacht als letztes Rettungsmittel aus; wie Gneisenau wollte sein Hermann, die Germanen sollten Weib und Kind zusammenraffen, ihre Güter verkaufen, die Fluren verwüsten, die Heerden erschlagen, die Plätze niederbrennen, denn der That bedarf es, nicht der Verschwörung, Schwätzer mögen Deutschland zu befreien mit Chiffern schreiben und einander Boten senden, die die Römer hängen, er will einen Krieg
Entflammen, der in Deutschland rasselnd Gleich einem dürren Walde um sich greifen Und auf zum Himmel lodernd schlagen soll! -- -- Die ganze Brut, die in den Leib Germaniens Sich eingefilzt, wie ein Insectenschwarm, Muß durch das Schwerdt der Rache jetzo sterben. -- -- Die Guten mit den Schlechten. Was! Die Guten! Das sind die Schlechtesten! Der Rache Keil Soll sie zuerst vor allen Andern treffen!
Und das sollte von der Bühne herab verkündet werden; am 1. Januar 1809 sandte Kleist die Hermannsschlacht dem Wiener Burgtheater; sein Schauspiel schien ihm des Erfolges sicher zu sein. Das ist auch der Grundton seines Katechismus.[31]
In sechszehn Capiteln spricht er von Deutschland überhaupt, von der Liebe zum Vaterlande, von der Zertrümmerung des Vaterlandes, vom Erzfeind, von der Erziehung der Deutschen, der Verfassung der Deutschen, den freiwilligen Beiträgen, den obersten Staatsbeamten, vom Hochverrathe. Die fehlenden Capitel handelten augenscheinlich von den Mitteln, den Erzfeind zu bekämpfen, von der Organisation des Kampfes, vom Aufstande des Volks. Auch hier geht er von der Gegenwart aus. Auf der Karte giebt es seit 1805 kein Deutschland mehr. »Wo find ich dies Deutschland? wo liegt es?« lautet die bittere Frage. Dennoch hat es ein unverlierbares Dasein in der Liebe derer, die ihm anhangen, weil es das Vaterland ist. Aber es ist zertrümmert worden von dem Korsenkaiser, den die Deutschen nie beleidigt haben, und der sie mitten im Frieden unterjocht. Und warum that er es? »Weil er ein böser Geist ist, der Erzfeind, der Anfang alles Bösen, das Ende alles Guten!« So braust der Strom eines vernichtenden Zornes hin, der umsonst nach Ausdrücken und Bildern sucht, durch die seine ganze Fülle sich ergießen könne. Der Deutsche soll sich vergegenwärtigen, was er gelitten habe, des Morgens, wenn er sich vom Lager erhebt, des Abends, wenn er zur Ruhe geht; die höchsten Güter, die Gott dem Menschen verliehen, »Gott, Vaterland, Kaiser, Freiheit, Liebe und Treue, Schönheit, Wissenschaft und Kunst« soll er wieder erringen, den Erzfeind hassen, aus allen Kräften bekämpfen, alles entbehren, alles opfern, und wenn auch kein Mensch am Leben bliebe, dennoch müßte gekämpft werden, »weil es Gott lieb ist, wenn Menschen ihrer Freiheit wegen sterben, weil es ihm ein Gräuel ist, wenn Sclaven leben!«
So predigte er die Religion der volksthümlichen Selbständigkeit, des nationalen Hasses, so dachten und sprachen Stein, Blücher, Fichte. »Man muß der Nation das Gefühl der Selbständigkeit einflößen«, schrieb Scharnhorst an Clausewitz, »man muß ihr Gelegenheit geben, daß sie mit sich selbst bekannt wird, daß sie sich ihrer selbst annimmt; nur erst dann wird sie sich selbst achten, und von Andern Achtung zu erzwingen wissen!« Und Stein an Wittgenstein: »Die Erbitterung nimmt in Deutschland täglich zu, und es ist rathsam, sie zu nähren und auf die Menschen zu wirken. -- Die spanischen Angelegenheiten machen einen sehr lebhaften Eindruck und beweisen handgreiflich, was wir längst hätten glauben sollen. Es wird sehr nützlich sein, sie möglichst auf eine vorsichtige Art zu verbreiten.« Endlich Blücher: »Mein Rath ist zu den Waffen unsere und die gantze deutsche Nation aufzuruffen, den vaterländischen boden zu verteidigen, die waffen im allgemeinen nicht ehender nieder zu legen, bis ein Volck, daß uns unterjochen wollte, vom dießseitigen Reinufer vertrieben sei; jeder deutsche der mit den waffen wider uns getroffen werde, habe den Tod verwürkt; ich weiß nicht, warum wihr uns nicht den Tihrollern und Spaniern gleich achten wollen!« So der Held, der Staatsmann, der Dichter.
Doch dazu waren in Preußen die Dinge noch nicht reif; aber um so mächtiger erhob sich Oesterreich, das, seiner alten Natur entsagend, sich an die Kraft des Volkes wandte. Wie zündende Funken schlugen die Aufrufe des Kaisers und des Erzherzogs Karl ein, als deren Verfasser man Friedrich Schlegel und Gentz nannte. »Wir kämpfen«, sagte der Erzherzog in seinem Aufruf an die deutsche Nation, »um die Selbständigkeit der österreichischen Monarchie zu behaupten, um Deutschland die Unabhängigkeit und National-Ehre wieder zu verschaffen, die ihm gebühren. Dieselben Anmaßungen, die uns jetzt bedrohen, haben Deutschland bereits gebeugt. Unser Widerstand ist seine letzte Stütze zur Rettung. Unsere Sache ist die Sache Deutschlands!« Und in einem andern: »Die Masse der Nation selbst hat sich in ihrem gerechten Unwillen erhoben und die Waffen ergriffen! -- Der jetzige Augenblick kehrt nicht zurück in Jahrhunderten! Ergreift ihn, damit er nicht für Euch auf immer entfliehe! Ahmet Spaniens großes Beispiel nach! -- Zeiget, daß auch Euch Euer Vaterland und eine selbständige deutsche Regierung und Gesetzgebung theuer sei, daß Ihr Entschluß und Kraft habt, es aus der entehrenden Sclaverei zu reißen, es frei, nicht unter fremdem Joche erniedrigt, Euren Kindern zu hinterlassen.«[32] Noch einmal erhoben die Habsburger das Banner des deutschen Volkes, sie gaben das Zeichen zum Kampf, und noch einmal leuchteten das alte Kaiserthum, das alte Reich in einem zauberischen Glanze volksthümlicher Größe, den sie seit dem Untergange der Hohenstaufen in Wirklichkeit nie gehabt hatten. Die Vergangenheit enthielt was die Zukunft versprach, was der Gegenwart fehlte. Daher, wie bei vielen Andern, die zum österreichischen Heere eilten, auch bei Kleist, dem Brandenburger, die Begeisterung für Oesterreich, für Franz den Zweiten, den alten Kaiser, den Vormund, Vater und Wiederhersteller der Deutschen, »der den großmüthigen Kampf für das Heil des unterdrückten und bisher noch wenig dankbaren Deutschland unternommen hat«; für den Erzherzog Karl, der »die göttliche Kraft das Werk an sein Ziel hinaus zu führen dargethan hat.«
Wohin dieser Kampf für Gottes heilige Ordnung endlich führen mußte, ahnte er; wie der Deutsche zum Deutschen zurückkehren, alle sich gemeinsam umwenden würden gegen den Feind, den Rhein ereilen, um »dann nach Rom selbst aufzubrechen, wir oder unsere Enkel«, damit der Weltkreis endlich Ruhe gewinne. Ueber diese Erfüllung hinaus sah er _einen_ Herrscher an der Spitze des Vaterlands, von dem er im Prinzen von Homburg sagte:
Das wird sich ausbaun herrlich, in der Zukunft, Erweitern unter Enkels Hand, verschönern, Mit Zinnen, üppig, feenhaft, zur Wonne Der Freunde und zum Schrecken aller Feinde.[33]
So eilte sein Seherblick über fünf verhängnißvolle Jahre fort; in seinem Prinzen von Homburg ahnte er den künftigen York und nahm die Siege von 1813 und 1815 voraus. Doch nicht so gut wie seinem Helden ward es ihm selbst. Den Glauben an den Sieg der ewigen Mächte, der den Dichter begeisterte, vermochte der Mensch nicht festzuhalten, und sein Zweifel führte ihn in den Tod. Weil sein Dichterglaube der Zeit voraneilte, verließen ihn die Zeitgenossen; und kraftlos schien sein Wort zu verhallen. Die Hermannsschlacht, der Prinz von Homburg kamen nicht zur Darstellung, nicht einmal zum Druck; seine Aufrufe, die ganz Deutschland galten, mußte er bei verschlossenen Thüren vorlesen, dann wurden sie vergessen. Er hatte gehofft, jetzt werde Deutschland sich erheben, es erhob sich nicht; er hatte gehofft, jetzt werde Oesterreich siegen, es ward geschlagen. Auch die Hoffnung auf die Rettung des Vaterlandes, an der er sich noch einmal aufgerichtet hatte, scheiterte, und er mit ihr. Hätte er sterben können auf dem Schlachtfelde, mit dem Degen in der Faust, wie sein Vorfahr Ewald von Kleist, wie Theodor Körner, er wäre glücklich gewesen. Er ist gefallen wie Schill, weil es noch nicht an der Zeit war; aber nicht wie der Held, dessen Untergang noch ein Sieg ist, sondern im Streite mit sich selbst. Zu seinem Verderben reichen sich jetzt Phantasie und Verstand die Hände, die Verzweiflung, die ihm von jener ausgemalt wird, beweist ihm dieser, und mit trügerisch kalter Ueberlegung, die er unaussprechliche Heiterkeit nennt, wird er fremden Blutes schuldig und giebt sich dann den Tod. Voreilig greift er in sein Geschick, beraubt sich des Höchsten, was er ersehnt hat, und in tragischer Ueberstürzung endet der tragische Dichter.
Kleist hat sich selbst gerichtet, aber seine Stelle in der Litteratur und Geschichte unseres Volkes bleibt ihm unvergänglich. Jene Zeit hat seinen Mahnruf überhört; desto eindringlicher tönt er zu uns herüber; es ist die Stimme des Propheten, die sich nach mehr als fünfzig Jahren warnend aus dem Grabe erhebt. Oder hätten wir etwa Veranlassung, sie heute zu überhören? Wäre sie wirklich nur ein geschichtliches Zeugniß vergangener Zeiten? Wollte Gott, wir könnten es sagen! Noch ist der Ueberwitz bei uns zu Hause, noch treiben wir Handel und Wandel im Schweiße des Angesichts, während andere die Früchte deutscher Arbeit genießen; noch hadern die Hirten um eine Hand voll Wolle, noch gilt das Ganze als Verrath am Einzelnen, und jeder Zoll will ein König sein. Wieder haben sich die Epigonen der Eroberer erhoben und werfen ihre lüsternen Blicke auf die deutsche Erde, wieder spinnt die Trugpolitik die unsichtbaren zähen Fäden ihres Netzes, wieder heulen die Wölfe an den deutschen Marken. Sollte das alte Chaos je wiederkehren? Wäre das möglich nach so vielen Opfern, schweren Kämpfen und schmerzlichen Erfahrungen? Nimmermehr! Auch Völker lernen aus der Geschichte, nur langsamer als der Einzelne; schwerer hat keines dafür gezahlt, als das deutsche. Möge es durch die That zeigen, es habe Kleist's großes Wort endlich erkennen gelernt:
»Vergebt, vergeßt, versöhnt, umarmt und liebt euch!«
Nachtrag zu Heinrich von Kleist's Werken.
I. Prosa.
1. Politische Satiren.
1. Brief eines rheinbündischen Officiers an seinen Freund.[34]
Auf meine Ehre, mein vortrefflicher Freund, Sie irren sich. Ich will ein Schelm sein, wenn die Schlacht von Jena, wie Sie zu glauben scheinen, meine politischen Grundsätze verändert hat. Lassen Sie uns wieder einmal nach dem Beispiel des schönen Sommers von 1806 ein patriotisches Convivium veranstalten (bei Sala schlag ich vor,[35] er hat frische Austern bekommen und sein Burgunder ist vom Beßten), so sollen Sie sehen, daß ich noch ein ebenso enthousiastischer Anhänger der Deutschen bin wie vormals. Zwar der Schein, ich gestehe es, ist wider mich. Der König hat mich nach dem Frieden bei Tilsit auf die Verwendung des Reichsmarschalls Herzogs von Auerstädt,[36] dem ich einige Dienste zu leisten Gelegenheit [hatte],[37] zum Obristen avancirt. Man hat mir das Kreutz der Ehrenlegion zugeschickt, eine Auszeichnung, mit welchem ich, wie Sie selbst einsehen, öffentlich zu erscheinen, nicht unterlassen kann; ich würde den König, dem ich diene, auf eine zwecklose Weise dadurch compromittiren.
Aber was folgt daraus? Meinen Sie, daß diese Armseeligkeiten mich bestimmen werden, die große Sache, für die die Deutschen fechten, aus den Augen zu verlieren? Nimmermehr! Lassen Sie nur den Erzherzog Carl, der jetzt ins Reich vorgerückt ist, siegen, und die Deutschen, sowie er es von ihnen verlangt hat, ^en masse^ aufstehen, so sollen Sie sehen, wie ich mich alsdann entscheiden werde.[38]
Muß man denn den Abschied nehmen und zu den Fahnen der Oesterreicher übergehen, um dem Vaterlande diesen Augenblick nützlich zu sein? Mit nichten! Ein Deutscher, der es redlich meint, kann seinen Landsleuten in dem Lager der Franzosen selbst, ja in dem Hauptquartier des Napoleon, die wichtigsten Dienste thun. Wie mancher kann der Requisition an Fleisch oder Fourage vorbeugen; wie manches Elend der Einquartirung mildern?
Ich bin mit wahrer Freundschafft u. s. w.
N. S.
Hierbei erfolgt feucht, wie es eben der Courier überbringt, das erste Bülletin der französischen Armee. Was sagen Sie dazu? Die Österreichische Macht total pulverisirt, alle Corps der Armee vernichtet, drei Erzherzöge todt auf dem Platz![39] -- Ein verwünschtes Schicksal! Ich wollte schon zur Armee abgehn. Herr von Montesquiou, hat, wie ich höre, das Bülletin nunmehr anhero gebracht, und ist dafür von Sr. Majestät mit einer Tabatiere, schlecht gerechnet 2000 Ducaten an Werth beschenkt worden.
2. Brief eines jungen märkischen Landfräuleins an ihren Onkel.
Theuerster Herr Onkel,
Die Regungen der kindlichen Pflicht, die mein Hertz gegen Sie empfindet, bewegen mich, Ihnen die Meldung zu thun, daß ich mich am 8ten d. von Verhältnissen, die ich nicht nennen kann, gedrängt, mit dem jungen Hrn. ^Lefat^, Capitain bei dem 9. französischen Dragonerregiment, der in unserm Hause zu P... einquartiert war, verlobt habe.[40]
Ich weiß, gnädigster Onkel, wie Sie über diesen Schritt denken. Sie haben sich gegen die Verbindungen, die die Töchter des Landes, so lange der Krieg fortwährt, mit den Individuen des französischen Heers vollziehn, oftmals mit Heftigkeit und Bitterkeit erklärt. Ich will Ihnen hierin nicht ganz Unrecht geben. Man braucht keine Römerinn oder Spartanerinn zu sein, um das Verletzende, das allgemeine betrachtet darin liegen mag, zu empfinden. Diese Männer sind unsere Feinde; das Blut unserer Brüder und Verwandten klebt, um mich so auszudrücken, an ihren Röcken, und es heißt sich gewissermaßen, wie Sie sehr richtig bemerken, von den Seinigen lossagen, wenn man sich auf die Parthei derjenigen herüber stellt, deren Bemühen ist sie zu zertreten, und auf alle ersinnliche Weise zu verderben und zu vernichten.
Aber sind diese Männer, ich beschwöre Sie, sind sie die Urheber des unseeligen Kriegs, der in diesem Augenblick zwischen Franzosen und Deutschen entbrannt ist? Folgen sie nicht, der Bestimmung eines Soldaten getreu, einem blinden Gesetz der Nothwendigkeit, ohne selbst oft die Ursach des Streits, für den sie die Waffen ergreifen, zu kennen? Ja, giebt es nicht Einzelne unter ihnen, die den rasenden Heereszug, mit welchem Napoleon von Neuem das deutsche Reich überschwemmt, verabscheuen, und die das arme Volk, auf dessen Ausplünderung und Unterjochung es angesehen ist, aufs Innigste bedauern und bemitleiden?
Vergeben Sie, mein theuerster und beßter Oheim! Ich sehe die Röthe des Unwillens auf Ihre Wangen treten! Sie glauben, ich weiß, Sie glauben an diese Gefühle nicht; Sie halten sie für die Erfindung einer satanischen List, um das Wohlwollen der armen Schlachtopfer, die sie zur Bank führen, gefangen zu nehmen. Ja, diese Regung, selbst wenn sie vorhanden wäre, versöhnt Sie nicht, Sie halten den Ihrer doppelten Rache für würdig, der das Gesetz des göttlichen Willens anerkennt und gleichwol auf eine so lästerliche und höhnische Weise zu verletzen wagt.
Allein, wenn die Ansicht, die ich aufstellte, allerdings nicht gemacht ist, die Männer, die das Vaterland eben[41] vertheidigen, zu entwaffnen, indem sie unmöglich, wenn es zum Handgemenge kömmt, sich auf die Frage einlassen können, wer von denen, die auf sie anrücken, schuldig ist oder nicht: so verhält es sich doch, mein gnädigster Onkel, mit einem Mädchen anders; mit einem armen schwachen Mädchen, auf dessen leicht bethörte Sinne, in der Ruhe eines monatlangen Umgangs, alle Liebenswürdigkeiten der Geburt und der Erziehung einzuwirken Zeit finden, und das, wie man leider weiß, auf die Vernunft nicht mehr hört, wenn das Herz sich bereits für einen Gegenstand entschieden hat.
Hier lege ich Ihnen ein Zeugniß bei, das Hr. ^v. Lefat^ sich auf die Forderung meiner Mutter von seinem Regimentschef zu verschaffen gewußt hat. Sie werden daraus ersehen, daß das, was uns ein Feldwebel von seinem Regiment von ihm sagte, nämlich daß er schon verheiratet sei, eine schändliche und niederträchtige Verläumdung war. Hr. ^v. Lefat^ ist selbst vor einigen Tagen in B.-- gewesen, um das Attest, das die Declaration vom Gegentheil enthält, formaliter von seinem Obristen ausfertigen zu lassen. Ueberhaupt muß ich Ihnen sagen, daß die niedrige Meinung, die man hier in der ganzen Gegend von diesem jungen Manne hegt, mein Herz auf das Empfindlichste kränkt. Der Leidenschaft, die er für mich fühlt, und die ich als wahrhaft zu erkennen, die entscheidendsten Gründe habe, wagt man die schändlichsten Absichten unterzulegen. Ja, mein voreiliger Bruder geht soweit mich zu versichern, daß der Obrist, sein Regimentschef, gar nicht mehr in B.-- sei --, und ich bitte Sie, der Sie sich in B.-- aufhalten, dem Ersteren darüber nach angestellter Untersuchung die Zurechtweisung zu geben. Ich leugne nicht, daß der Vorfall, der sich vor einiger Zeit zwischen ihm und der Kammerjungfer meiner Mutter zutrug, einige Unruhe über seine sittliche Denkungsart zu erwecken geschickt war. Abwesend, wie ich an diesem Tage von P.-- war, bin ich gänzlich außer Stand über die Berichte dieses albernen und eingebildeten Geschöpfs zu urtheilen. Aber die Beweise, die er mir, als ich zurückkam und in Thränen auf mein Bette sank, von seiner ungetheilten Liebe gab, waren so eindringlich, daß ich die ganze Erzählung als eine elende Vision verwarf, und von der innigsten Reue bewegt, das Band der Ehe, von dem bis dahin noch nicht die Rede gewesen war, jetzt allererst knüpfen zu müssen glaubte. -- Wären sie es weniger gewesen, und Ihre Laura noch frei und ruhig wie zuvor!
Kurz, mein theuerster und beßter Onkel, retten Sie mich!
In 8 Tagen soll, wenn es nach meinen Wünschen geht, die Vermählung sein.
Inzwischen wünscht Hr. ^v. Lefat^, daß die Anstalten dazu, auf die meine gute Mutter bereits in zärtlichen Augenblicken denkt, nicht eher auf entscheidende Weise gemacht werden, als bis Sie die Güte gehabt haben ihm das ^Legat^ zu überantworten, das mir aus der Erbschaft meines Großvaters bei dem Tode desselben zufiel, und Sie, als mein Vormund bis heute gefälligst verwalteten. Da ich großjährig bin, so wird diesem Wunsch nichts im Wege stehn, und indem ich es mit meiner zärtlichsten Bitte unterstütze, und auf die schleunige Erfüllung desselben antrage, indem sonst die unangenehmste Verzögerung davon die Folge sein würde, nenne ich mich mit der innigsten Hochachtung und Liebe u. s. w.
3. Schreiben eines Burgemeisters in einer Festung an einen Unterbeamten.
Sr. Excellenz der Hr. Generallieutenant von F., ^Commendant^ der hiesigen Garnison, haben sich auf die Nachricht, daß der Feind nur noch drey Meilen von der Festung stehe, auf das Rathhaus verfügt, und daselbst, in Begleitung eines starken Detaschements von Dragonern, 3000 Pechkränze verlangt, um die Vorstädte, die das Glacis embarrassiren, danieder zu brennen.
Der Rath der Stadt, der unter solchen Umständen das Ruhmvolle dieses Entschlusses einsah, hat, nach Abführung einiger renitirenden Mitglieder, die Sache ^in pleno^ erwogen, und mit einer Majorität von 3 gegen 2 Stimmen, wobei meine wie gewöhnlich für 2 galt, und Sr. Excellenz die 3 supplirten, die verlangten Pechkränze ohne Bedenken bewilligt. Inzwischen ist nun die Frage, und wir geben Euch auf Euch gutachtlich darüber auszulassen,
1. Wie viel an Pech und Schwefel, als den dazu gehörigen Materialien, zur Fabrication von 3000 Pechkränzen erforderlich sind; und
2. ob die genannten Combustibeln in der berechneten Menge zur gehörigen Zeit herbeizuschaffen sind?
Unseres Wissens liegt ein großer Vorrath von Pech und Schwefel bei dem Kaufmann M. in der N..schen Vorstadt, P..sche Gasse Num. 139.