Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken
Part 4
Hier stellt er allen Plänen, die zum Heil der Menschheit gemacht werden, den originellen und humoristischen Gedanken entgegen, statt der Tugendschulen zur Abwechselung einmal Lasterschulen zu gründen und durch die Macht des Gegensatzes zu wirken. Daß Kleist der Verfasser sei, obgleich er in den einleitenden Worten und in den Anmerkungen als Kritiker dieser »abentheuerlichen Unternehmung« spöttisch und vorsichtig auftritt, beweist unzweifelhaft der periodisch ausgeführte Stil, namentlich in den erzählenden Episoden, wo er einmal sogar auf sein zeitweiliges Zusammenleben mit seiner Schwester anspielt. Die Unterschrift Levanus ist eine ironische Hinweisung auf Jean Paul's Levana, das Ganze kein geringer Beweis für seine satirische Ader. In den drei folgenden Aufsätzen werden Telegraphie und Post, die Frage, ob der Luftballon gelenkt werden könne, besprochen. Es sind Actenstücke zu Kleist's Leben, der als Techniker und erfindungslustiger Planmacher seine früheren Studien auf dem Gebiete der Naturwissenschaften praktisch zu verwenden sucht.
Eine viel geringere Ausbeute bieten die Abendblätter für die zweite Hauptabtheilung; Beiträge in Versen sind die Ausnahme. Unter den drei Stücken, als deren Verfasser ich Kleist erkenne, sind die beiden Legenden nach Hans Sachs »Gleich und Ungleich« und »der Welt Lauf«, ohne Zeichen, Holzschnitte in der Art des alten Meisters, dem nur die Grundzüge angehören, und deren freie Behandlung nicht minder meisterhaft ist.[22] Diese Verse erinnern an das Gedicht der Engel am Grabe des Herrn; nur sind sie, dem Stoffe gemäß, in den humoristischen Ton umgebogen. Der Dialog mit dem regelmäßig eingeschalteten »spricht er«, die dramatisch lebendigen Gestalten des tölpelhaften Knechts und der flinken Magd lassen Kleist's Hand nicht verkennen. In den fünf Epigrammen ^xp^ und ^st^ wechseln, wie in seinen anerkannten, Frage und Antwort; die Distichen sind metrisch hier wie dort gleich unbeholfen.
III.
Ueberblickt man diese Nachträge, so gehören sie, mit Ausnahme der dramatischen, allen Stilgattungen Kleist's an; es sind Erzählungen in Prosa und Versen, Dialoge, Briefe, Betrachtungen. Von einer neuen Seite als Kritiker, bedeutender als Satiriker zeigt er sich; die Grundlage seiner Satire ist der Patriotismus. Für Auffassung komischer Contraste war er kaum minder befähigt als für die Behandlung des tragischen Conflicts, nur ist seine Darstellung des Komischen schroff und gewaltsam wie seine Tragik, es fehlt ihr die Ruhe und Behaglichkeit, die er auf dem Gebiet der Erzählung so trefflich zu bewahren weiß, sie wird für die Charaktere vernichtend, wie im zerbrochenen Kruge, wo man zweifeln kann, ob der Hauptträger des Lustspiels noch komisch sei. Auch hier zeigt sich eine Leidenschaftlichkeit, die zum Ingrimm steigt, sobald persönliche Beweggründe hinzukommen. Wenn ihn die sittlichen Anforderungen, denen gegenüber die Welt so klein und elend erschien, auf die Satire hinleiteten, so drängte ihn seine Leidenschaft darüber hinaus zum Pasquill. Seine Epigramme sind meist rein persönlicher Natur, zu Schutz und Angriff für seine Dichtungen gegen die Kritiker gerichtet; sie sind bitter und heftig. Nach der ungünstigen Aufnahme der Penthesilea und des zerbrochenen Kruges schonte er weder Weimar noch Goethe. Ein Pasquill sondergleichen war sein Brief an Iffland, ein »ungeheurer Witz« von der Art, wie er ihn in der Anekdote aus dem letzten Kriege erzählt hat. Um wie viel tödtlicher mußten seine Pfeile sein, wenn der Zorn für das Vaterland sie entsandte, wenn er die ganze Wucht des Hasses auf den Feind seines Volkes schleuderte.
Wenn man sagen darf, der Mensch trage sein Schicksal in der eigenen Brust, in seinen Anlagen sei es ihm beschieden, so gilt das von ihm. Sehr verschiedene Elemente lagen in seiner Seele neben einander, er bestand gewissermaßen aus mehreren Menschen; bald trat dieser bald jener hervor, oder sie führten unter einander einen dämonischen Krieg, dem er mit einer eisigen Selbstentäußerung zusehen konnte, als sei es ein Spiel fremdartiger Gewalten. Und doch war die Gesammtheit dieser ringenden Kräfte nichts anderes als er selbst. In doppeltem und dreifachem Gegensatze fühlte er sich gegen Welt und Menschen, die er abwechselnd mied, verachtete, haßte und bekämpfte. Eine rastlose Unruhe trieb ihn zum Wirken in welcher Gestalt auch immer; aber ebenso zog es ihn in die abgeschiedenen Räume rein geistiger Arbeit, die ihre Welt aus sich auferbaut. Da lagen wieder zwei Wege vor ihm, beide gleich einladend; für den einen drängte sich ihm der Verstand als Führer auf, während Herz, Gefühl und Phantasie ihn auf den andern locken wollten. Er hatte eine entschiedene Lust am Abstracten, die Dinge sich durch den Schematismus des Verstandes zu unterwerfen, schien ihm der einzig würdige Beruf, und während seine scharfe überall ins einzelne dringende Beobachtung ihm die Welt als eine Masse zusammenhangsloser und doch unfreier Atome zeigte, setzte er ihr den Stolz des unabhängigen Denkers entgegen, der, auf die Allmacht des Gedankens trotzend, sich seine Stelle erobern will. Er ist überzeugt, es sei möglich, das Schicksal zu leiten, aus sich heraus will er seinen Lebensplan bilden; das Kennzeichen eines freien Menschen, der nach sichern Principien handelt, ist Consequenz, Zusammenhang und Einheit des Betragens. Wer keinen Lebensplan hat, schwankt zwischen unsichern Wünschen und ist eine Puppe am Drahte des Schicksals. Dieser Zustand scheint ihm verächtlich, bei weitem wünschenswerther wäre ihm der Tod. Er wählt die Wissenschaft als Führerin, und welche eher als die Philosophie, die dem bildungsgierigen Jünger Sicherheit des Erkennens und Handelns zugleich verheißt? Aber _die_ Wissenschaft erscheint doch nicht als Philosophie allein, sie spaltet sich in viele Wissenschaften, und seines ersten Entschlusses ungeachtet verfällt er bald dem Zweifel. Am Ende ziehen alle ihn in gleicher Weise an. Soll er nur einer folgen? Aber er kann sich nicht vergraben wie der Maulwurf im Loch, wie die Raupe einspinnen im Blatt. Soll er ruhelos von einer zur andern gehen? Aber ebenso wenig vermag er stets auf der Oberfläche zu schwimmen. Er leidet Tantalusqualen, weil er in seinem Heißhunger nicht alles zugleich verschlingen kann, und voll Widerwillen stößt er die ganze Mahlzeit von sich.
Er sucht die Wahrheit, weil sie Wahrheit ist. Aber ist sie auf diesem Wege zu finden? Was hat ihm die abstracte Wissenschaft nicht verheißen, und was hat sie gehalten? Er wird ein Opfer der Zweifel, die sie erweckt, es scheint ihm unmöglich irgend etwas zu wissen, irgend ein Eigenthum zu erwerben, das uns über das Grab folgt, alles Mühen und Ringen ist vergeblich; ihn ekelt vor Büchern und allem was Wissenschaft heißt, möge man aufgeklärt oder unwissend sein, man hat dabei ebensoviel verloren als gewonnen. Er beklagt die traurige Klarheit, die ihm geworden, die ihm alles, was ihn umgiebt, und ihn selbst in seiner armseligen Blöße zeigt. Der Verstand, die nagende Skeptik haben sich selbst vernichtet: »Jede erste Bewegung, alles Unwillkürliche«, ruft er aus, »ist schön, und schief und verschroben alles, sobald es sich selbst begreift. O, der Verstand, der unglückliche Verstand! Studiere nicht zu viel, folge dem Gefühl!« Hatte er doch schon früher bei seinen logischen Studien geseufzt: »nur im Herzen, nur im Gefühle, nicht im Kopfe, nicht im Verstande wohnt das Glück, es kann nicht wie ein mathematischer Lehrsatz bewiesen werden.«[23]
Aber noch ein Mittel giebt es, welches den Mann groß macht und über alle Zweifel hinweghebt, es ist Handeln, das besser ist als Wissen; denn »es liegt eine Schuld auf dem Menschen, die wie eine Ehrenschuld jeden, der Ehrgefühl hat, unaufhörlich mahnt.« Auch ihn treibt der Ehrgeiz, dieses gefährliche Ding, dessen Folgen für ein empfindliches Gemüth nicht zu berechnen sind. Er durstet nach Thaten und Erfolgen auf irgend einem Felde. Aber wie soll man handeln, wenn man nicht weiß, was recht ist? Wird sich für ihn eine Stelle finden, wo Pflicht und Neigung, That und Einsicht zusammengehen? Umsonst sieht er sich danach um; umsonst klagt er sich des allgemeinen Fehlers der Deutschen an, »deren Verstand durch einige scharfsinnige Lehrer einen Ueberwitz bekommen habe, der sie die alte geheimnißvolle Kraft der Herzen verachten läßt.« Umsonst sagt er sich und seinen Lebensplänen zum Trotz: »die Ueberlegung findet ihren Zeitpunkt weit schicklicher nach als vor der That«; die Menschen machen einen falschen Gebrauch von ihr; während sie das Gefühl für künftige Fälle reguliren soll, hemmt sie jetzt nur die That, die sich aus der augenblicklichen Eingebung, nicht aus der Berechnung ergiebt. Er hat Recht, denn die That ist unmittelbar eins, wie Blitz und Schlag; wer wirklich handelt, hat keine Zeit zu rechnen, und wer berechnet, handelt nicht. Doch zum stoßweisen ja gewaltsamen Handeln gebricht es ihm weder an Entschluß noch Kraft; mit dem rasenden Muthe eines verzweifelnden Spielers will er dann alles auf eine Nummer setzen, er greift über sein Ziel hinaus, und was anfangs sorgliche Ueberlegung war, endet als klägliche Uebereilung. Denn was kommt bei allen Erfahrungen heraus? Eines ganzen Lebens bedarf man, um leben zu lernen, Niemand ahnt den Zweck seines Daseins, und die Vernunft reicht nicht hin, die Seele und die Dinge zu begreifen. Und an dieses räthselhafte Ding, »das wir besitzen, wir wissen nicht von wem, das uns fortführt, wir wissen nicht wohin, ob wir darüber schalten dürfen, eine Habe, die nichts werth ist, wenn sie uns etwas werth ist, ein Ding, wie ein Widerspruch, flach und tief, öde und reich, würdig und verächtlich, vieldeutig und unergründlich«, an dieses Ding ist der Mensch gefesselt durch Naturnothwendigkeit! Da giebt es keine Verantwortlichkeit, wir mögen thun, was wir wollen, wir thun recht! Fürwahr jene orakelhaften Verse, die in Thun über der Hausthüre zu lesen waren, und die Kleist so liebte:
Ich komme, ich weiß nicht von wo, Ich bin, ich weiß nicht was, Ich fahre, ich weiß nicht wohin;
waren sein Lebenszeichen, nur der vierte Vers:
Mich wundert, daß ich so fröhlich bin!
paßte auf ihn nicht.[24]
In der Knechtschaft der Schulmeinungen, die er sich auferlegt hat, vermag sich seine reiche Natur nicht zu entfalten; nun er sie abgeworfen hat, und die Skeptik ihm auch das Handeln verleidet, durchbrechen Gefühl und Phantasie, so lange gewaltsam zurückgehalten, jeden Damm um so mächtiger. Nur seinem Herzen will er folgen, er ist überzeugt, wenn ein Werk nur recht frei aus dem Schooße des menschlichen Gemüths hervorgehe, dann müsse es auch der ganzen Menschheit angehören. Vergessene oder ungeahnte Kräfte regen sich, aus der Fülle lebendiger Anschauungen beginnt die Phantasie ihre schaffende Thätigkeit, er fühlt sich als Schöpfer ideeller Gestalten. Als Künstler winkt ihm jetzt ein höchstes Ziel, der Lorbeer des Dichters, und seinem Namen soll ein Platz unter den Sternen nicht fehlen. Es gehört zu den Dunkelheiten in Kleist's Leben, daß die Zeit, wo er sich der Dichtung entschieden zuwandte, nicht mit Sicherheit festzustellen ist. Im Sommer 1801 in Paris, wohin er vor seinen abstracten Studien geflohen war, angeblich um praktische Zwecke zu verfolgen, einsam im endlosen Menschengewühle, versenkt er sich in seine Phantasien; wie ein stiller Tag nach dem Sturme steigt die Ruhe in seiner Seele wieder auf, und zum ersten Mal verräth er, daß er ein dichterisches Geheimniß habe. Aber der Friede ist nur von kurzer Dauer. Rastlos arbeitet er. Während ihm angstvoll das Höchste zu erreichen, der Schweiß von der Stirne rinnt, und er jeden Blutstropfen seines Herzens für den Buchstaben geben möchte, entflieht die Begeisterung, der Verstand schleicht herbei, und indem er einzelne Mängel aufdeckt, flüstert er ihm hämisch und selbstquälerisch ins Ohr, Vollendung sei ihm doch nicht gegeben. Was soll er länger die Kraft an ein Werk setzen, das ihm zu schwer ist? Am Einzelnen geht das Ganze zu Grunde, verzweifelnd zerstört er mit eigener Hand ein Dichterwerk, das auf den höchsten Ruhm Anspruch hat, kaum in irgend einem Augenblicke seines Lebens stolzer als jetzt, wo er vor keinem lebenden Dichter aus den Schranken weicht, sondern sich vor der Größe eines kommenden, ein Jahrtausend im Voraus beugt. Demjenigen, der das ausspricht, was er gewollt hat, ist ein Denkmal gewiß![25]
Doch irgendwo muß es auch für ihn einen Balsam geben; schon der bloße Glaube daran stärkt ihn. Aber wo? Mit dem Waffenhandwerk und der Kantischen Philosophie hat er es versucht, mit Hebeln und Schrauben will er die Natur bezwingen, er ist Dichter und will Bauer werden, er will sich frei selbst bestimmen, das Schicksal leiten, und fühlt sich bald als eine jener Drahtpuppen, die er so tief verachtet; überall tritt seinen Plänen ein dunkles Etwas entgegen, das sie mit furchtbarer Dialektik in ihr Gegentheil umwendet und ihn selbst hin- und widerwirft. Mit dem Forschen, Dichten, Handeln hat er es versucht, überall Stück- und Flickwerk gefunden, während seiner Seele das Ganze vorschwebt; abhängig, bedingt in allem fühlt er sich, und nach dem Letzten, Unbedingten geht sein Streben. Da er es nicht findet, stürzt er, der strenge Realist, sich in den Abgrund des mystischen Geheimnisses, wo er das Ganze in seinem Urzusammenhange zu erfassen meint.
Auch das ist ein Räthsel in Kleist's Leben, wann er sich dieser dunkeln Richtung, die ein Ergebniß seiner wachsenden Hoffnungslosigkeit war, zuerst überlassen habe. In den vertraulichen Briefen findet sich kaum eine Spur davon, sie sind nach wie vor im Tone bitterer Verachtung oder rationell scharf gehalten. Auch seine ersten Dichtungen sind weit davon entfernt, die Schroffensteiner in ihrer grausigen Härte durchaus realistisch, ebenso Penthesilea, Robert Guiskard. Nach dem Unglück von 1806 schrieb er noch seine beiden Lustspiele und gleichzeitig die Marquise von O. Dagegen zeigt sich dieser dunkle Schatten zuerst im Kohlhaas, milder im Käthchen von Heilbronn, dessen erste Bruchstücke im Mai 1808 erschienen, und in voller Stärke in den Beiträgen zu den Abendblättern. Der Wendepunkt mag die Gefangenschaft in Frankreich im Frühjahr 1807 gewesen sein; auch hier, in der Einsamkeit seiner Zelle, beschäftigt er sich dichterisch. Aber immer düsterer scheinen sich die Wolken um ihn zusammengezogen zu haben. So zerrten ihn abstracter Verstand und verzehrendes Gefühl, trockner Schematismus und glühende Phantasie, gemeine Deutlichkeit und dunkle Mystik, himmelstürmender Muth und ermattende Verzagtheit einer willenlosen Beute gleich hin und her. Die Phantasie verdunkelte den Verstand, der Verstand hemmte die Phantasie, beide lähmten die Kraft des Handelns, gegenseitig verdarben sie ihr Spiel. Jede allein hätte einen tüchtigen Menschen ausstatten können, sie alle in diesem Maße vereinigt, vernichteten den Besitzer, der für sein Glück zu viel oder zu wenig hatte. Das fühlte er nur allzuwohl; in schmerzlicher Verzweiflung ruft er aus: »Die Hölle gab mir meine halben Talente, der Himmel schenkt dem Menschen ein ganzes oder gar keins!« So ward er immer bitterer gegen die Menschen, die ihn nicht verstehen, nicht verstehen können, denn er versteht sich selber nicht![26] Hätte Kleist, wenn man dieser Betrachtung nachgehen darf, eine große sittliche Kraft in sich getragen, er hätte den Streit seines Innern durch Unterwerfung unter ein oberstes Gesetz zur Ruhe gebracht; hätte er die Selbstbescheidung besessen, ein Talent still anzubauen, sei es, der wissenschaftlichen Forschung, oder, wozu er gewiß viel höhern Beruf hatte, allein der Poesie zu leben, vielleicht daß er gerettet worden wäre!
Diesen Zwiespalt, den er überall wiederfand, hat er in seinen Dichtungen unter verschiedenen Formen dargestellt, jene geheimnißvolle Wandelung, wie Menschen und Verhältnisse in räthselhafter Verkettung ihre ursprüngliche Natur und Freiheit verlieren, um zu werden, was sie nicht werden wollen; Tugenden verkehren sich in Laster, aus der besten Absicht wächst das Verderben empor, und wie zum Hohne menschlicher Weisheit, führt der Frevel zur Versöhnung. Durch den abgeschmackten Aberglauben eines einfältigen Mädchens gehen blutsverwandte Familien in den Schroffensteinern zu Grunde; Penthesilea's heiße Liebe verzerrt sich zum todbringenden Vampyrismus; Kohlhaas wird durch sein Rechtsgefühl zum Verbrecher und Landschädiger, und für zwei Pferde fallen Menschen und Städte als Sühnopfer; die Selbstverleugnung der jungen Creolin bringt ihr den Tod von der Hand des Geliebten; der ritterliche Kämpfer für Tugend und Recht erliegt im feierlichen Gottesgericht; und im Findling wird der väterliche Wohlthäter von der Schlange, die er im Busen erwärmt hat, zu Tode gestochen. Umgekehrt wird der thierische Frevel in der Marquise v. O. wider aller Menschen Erwarten zur sühnenden Liebe; im Erdbeben von Chili werden durch den Untergang Tausender in einem plötzlichen Naturereigniß im Augenblicke des Todes der Inquisition ihre Opfer entrissen, freilich um ihn gleich darauf während des Dankgebetes für die wunderbare Rettung desto furchtbarer zu erleiden; und in der heiligen Cäcilie werden die Sünder zu Boden geschmettert, als sie die Hände zum Tempelraube erheben. In der Heilung (I, 3, 2) wird der Wahnsinn durch den Wahnsinn geheilt; und im Grabe der Väter (I, 3, 3) eine Ehe im Grabe geschlossen. Satirisch gewendet erscheint dieselbe Ansicht in dem »allerneuesten Erziehungsplan« (I, 5, 1), der eine Schule der Tugend durch das Laster zu errichten vorschlägt. Milder sind Käthchen von Heilbronn und der Prinz von Homburg. Dort wird der ritterliche Starrsinn durch die reine Natur des einfachen Mädchens unterworfen, hier wird der Prinz träumend ein rettender Schlachtenheld, um wachend in eisiger Todesfurcht zu verzagen. Eine großartige Wendung erhält dieser Gedanke in der Hermannsschlacht; aus der tiefsten Knechtschaft erwächst die Freiheit, darin liegt hier zugleich die Versöhnung. Aber überwiegend sind es Nachtstücke, fern von allem Idealismus der classischen Periode.
Ueberhaupt steht Kleist in entschiedenem Gegensatze zu Goethe und Schiller. Ihrer ausgleichenden Classicität setzte er mit kühner Hand den schreienden Zwiespalt, das Grausige in seiner Nacktheit entgegen, den allgemeinen idealen Gestalten derb realistische, dem Antiken das volksthümlich Deutsche, Provinzielle, unbekümmert ob seine Dissonanzen das verwöhnte Ohr zerschnitten, und seine lebenswahre Grobheit dem classisch gebildeten Sinne brutal schien. Goethe's und Schiller's Dichtung war in ihrer Wurzel deutsch, aber doch kosmopolitisch vielseitig; Kleist hat seine Räthsel in deutsche Stoffe und Charaktere hineingelegt, er war volksthümlich und einseitig. So griff er als vaterländischer Dichter in den großen Kampf der Befreiung ein.
Tiefer Schmerz erfaßte ihn, als er den ungeheuern Sturz aller Verhältnisse überschaute. Schon im Herbst 1806 rief er seiner Schwester zu: »Es wäre schrecklich, wenn dieser Wüthrich sein Reich gründete! Nur ein sehr kleiner Theil der Menschen begreift, was für ein Verderben es ist, unter seine Herrschaft zu kommen. Wir sind die unterjochten Völker der Römer.« In diesen Worten liegt der Keim seiner Hermannsschlacht. Er selbst fällt in die Hand des Feindes, mit jedem Siege wächst das Verderben, er zweifelt, ob in hundert Jahren noch Jemand im deutschen Norden deutsch sprechen werde.[27] In dem einen Leiden des Vaterlandes geht jetzt alles Leid, auch das seine auf. Der Ingrimm, der an seinem Herzen wie ein Geier nagt, wendet sich von den kleinen Menschen und Verhältnissen auf die großen und größten, auf den Dämon der Zeit, auf Napoleon den Korsenkaiser. In der erstarkenden Liebe zum alten Vaterlande sammelten sich seine Kräfte noch einmal. Sie war nicht blos ein verneinender Haß gegen das Fremde, für ihn ward sie eine Läuterung, aus der seine Dichtung reiner hervorging, und seine drei großen vaterländischen Dramen erwuchsen. Er hatte wieder ein Ziel gefunden; es war kein willkürliches, durch die großen Ereignisse ward es ihm gegeben, es war die Wiedererweckung des erstorbenen Gefühls für Freiheit und Volksehre. So dichtete er die Hermannsschlacht, ein gewaltiges politisch historisches Doppelbild, das in der Vergangenheit das Unheil der Gegenwart und das Heil der Zukunft im Spiegel der Poesie erscheinen ließ. Seine Römer und Germanen bedeuten Franzosen und Deutsche, und doch sind sie nichts weniger als Typen; es sind Menschen aus dem Volke der Welteroberer und der Urgermanen; gerade hier hat sich die Dichterkraft glänzend bewährt.
Rom und sein Augustus will in Deutschland nur einen Fürsten dulden, »der seinem Thron auf immer sich verbinde.« Es kennt diese kleinen Herren, die um ein Wort, einen leeren Vorzug, eine scheinbare Selbständigkeit, die nur durch Demüthigung vor dem fremden Herrscher erkauft werden kann, streiten, und lieber diesem als einem aus ihrer Mitte sich unterwerfen. Sie fallen sich »wie zwei Spinnen« an, und
-- Es bricht der Wolf, o Deutschland, In deine Hürde ein, und deine Hirten streiten Um eine Hand voll Wolle sich!
Aber das römische Bündniß wird Unterdrückung, die verheißene Freiheit Knechtschaft, das Gebiet der Neutralen wird schonungslos verletzt, »es wird jedwedem Gräuel des Krieges Preis gegeben«, und die Abtrünnigen um den Lohn der fluchwürdigen Feigherzigkeit betrogen. Ausgepreßt wird das deutsche Land bis auf den letzten Blutstropfen, denn »für wen erschaffen ward die Welt, wenn nicht für Rom?« Wie Elephant und Seidenwurm zu Roms Schmuck hergeben müssen, was die Natur ihnen verlieh, so der Deutsche; er ist eine Bestie, »die auf vier Füßen in den Wäldern läuft«, und ausgeweidet und dann gepelzt wird. Wer erkennte nicht in dem Latier, »der keine andere Volksnatur verstehen konnte und ehren als nur seine« den Franzosen? Napoleon's höhnende Politik, die mit zweizüngiger List die Schwachen umgarnt, Krieg führt mitten im Frieden, das Markten deutscher Fürsten in Paris um Fetzen deutschen Gebiets, das Anfachen der Eifersucht Oesterreichs und Preußens, die Kriecherei der Rheinbündler, das Hinzerren der Schwäche Preußens, die blutige Verwüstung Hessens, Thüringens, der preußischen Lande? Varus mit seinem schneidenden Wort:
Was bekümmerts mich? Es ist nicht meines Amtes Den Willen meines Kaisers zu erspähn. Er sagt ihn, wenn er ihn vollführt will wissen;
ist das lebendige Ebenbild jener eisernen Marschälle, Mortier, Ney, Davoust; und Ventidius, der galante Friseurkünste treibt, einer der jüngeren französischen Officiere, die im Boudoir der Damen die gefährlichste Politik geheimer Verführung trieben.[28]