Heinrich von Kleist's politische Schriften und andere Nachträge zu seinen Werken

Part 2

Chapter 23,398 wordsPublic domain

Ohne besondere Veranlassung zur Herausgabe und andern Arbeiten hingegeben, hatte ich mich längere Zeit bei diesem Ergebniß beruhigt, als die Briefe Kleist's an seine Schwester mich zu jenen politischen Bruchstücken zurückführten; denn was etwa noch gefehlt hätte, ein bestimmtes Zeugniß des Verfassers selbst, fand sich hier. Am 17. Juni 1809 nach der Schlacht von Wagram und dem Waffenstillstand von Znaym schrieb er von Prag aus, wohin ihn seine Hoffnungen auf Oesterreich geführt hatten, an seine Schwester: »Gleichwohl schien sich hier durch B. (Brentano?) und die Bekanntschaften, die er mir verschaffte, ein Wirkungskreis für mich eröffnen zu wollen. Es war die schöne Zeit nach dem 21. und 22. Mai, und ich fand Gelegenheit meine Aufsätze, die ich für ein patriotisches Wochenblatt bestimmt hatte, im Hause des Grafen v. Kollowrat vorzulesen. Man faßte die Idee, dieses Wochenblatt zu Stande zu bringen, lebhaft auf, Andere übernahmen es, statt meiner den Verleger herbeizuschaffen, und nichts fehlte als eine höhere Bewilligung, wegen welcher man geglaubt hatte, einkommen zu müssen. So lange ich lebe, vereinigte sich noch nicht so viel, um mich eine frohe Zukunft hoffen zu lassen, und nun vernichten die letzten Vorfälle nicht nur diese Unternehmung, -- sie vernichten meine ganze Thätigkeit überhaupt.«

Also ein Theil der Aufsätze, die Kleist im Frühjahr 1809 für ein patriotisches Wochenblatt bestimmt hatte, ist in diesen Blättern enthalten, nach allen äußeren Zeugnissen kann seine Autorschaft keinem Zweifel unterliegen. Heutiges Tages indeß, wo es darauf ankommt den Stoff der abgeschlossenen Litteraturperiode zu sammeln und zu sichten, wird man bisher unbekannte Schriften eines bedeutendern Dichters nicht leicht aus der Hand geben, ohne sie einer allseitigen Durchforschung unterworfen zu haben, auch wenn ihre Aechtheit feststeht. Es ist daher gerathen, auch diese Briefe und Aufrufe nach Form und Inhalt näher zu prüfen; auch schon aus dem Grunde, weil dies zugleich für einige andere Stücke, deren Kleistischer Ursprung äußerlich weniger verbürgt ist, den erforderlichen Maßstab gewähren wird. Um die stilistische Gestaltung dieser politischen Aufsätze zu beurtheilen, wird man zunächst auf eine etwas allgemeinere Betrachtung der Prosa Kleist's hingewiesen.

Seine prosaischen Schriften, äußerlich weniger umfassend als die versificirten Dichtungen, bestehen aus Erzählungen und Briefen. Nur in jenen erscheint er in voller bewußter Kraft, in ihnen wird man daher den Schriftsteller studieren können, während diese vom Augenblicke eingegeben, ungleich und schwankend, bald lehrhaft, bald fieberisch erregt und abspringend den Menschen und den jähen Wechsel seiner Stimmungen auch in der Form zeigen. In der darstellenden Prosa ist er Meister, so daß Tieck der Ansicht war, hier entfalte sich sein Talent vielleicht noch glänzender als im Drama. Könnte man einige Auswüchse beseitigen, die in seiner Natur wurzeln und von der vollendetern Handhabung der Form unabhängig sind, man würde von seinen acht Erzählungen die vier ersten größeren und sorgfältig durchgearbeiteten mustergültig nennen können. In der Haupttugend aller Erzählung beruhen ihre Vorzüge, in der durchsichtigsten Gegenständlichkeit. Ueberall treten Personen und Verhältnisse in festen und kräftigen Umrissen, bis zur sinnlichen Greifbarkeit deutlich hervor. Alles ist Bewegung, Leben, That, nirgend eine Stockung, eine todte Beschreibung, die sich abmüht viele einzelne Züge zusammen zu lesen, und es eben darum nie zu einem ganzen Bilde bringt, während hier die glückliche Einflechtung _eines_ unscheinbaren Zuges auf einzelne Personen und ganze Gruppen einen hellen Rückstrahl wirft, der das Ganze in neuem überraschendem Lichte erscheinen läßt. Weil der Dichter diese Gestalten als ob sie lebten mit seinem Auge sah und darstellte, erweckt er in der Seele des Lesers, diesem unbewußt, die Kraft des dichterischen Nachschaffens. Mit der Selbstentäußerung eines Geschichtschreibers oder Dramatikers verschwindet er hinter seiner Darstellung, nirgend sieht man ihn mit zufahrender Hand in das Spiel hineingreifen und die Täuschung ungeschickt selbst zerstören, nirgend sich mit seinen Empfindungen und Betrachtungen aufdrängen; auch nicht in den Reden und Handlungen der Personen findet man ihn, weil sie überall ganz eigenthümlich, aus ihrer Stimmung, unter diesen gegebenen Umständen fühlen und handeln. Nur aus der Gesammtwirkung aller Kräfte, die er spielen läßt, ist sein letzter Gedanke zu erkennen. Und weil er seinen Menschen so wenig als sich selbst Abschweifungen philosophierender Betrachtung oder überschwellenden Gefühls verstattet, haben sie nichts von der idealistischen Weise anderer Dichtergestalten; sie sind vielmehr von einer realistischen Derbheit, die in Härte und Schroffheit übergehen kann, aber eben darum scheinen sie aus Phantasiegeschöpfen zur Höhe historischer Charaktere, in denen sich ganze Menschengattungen und Zeiten darstellen, emporzuwachsen.

Er selbst nähert sich dadurch, so weit sich das von dem Dichter sagen läßt, der Grenze des Geschichtschreibers. Ohne es sein zu wollen, oder auch nur den Anspruch des historischen Romanstils zu erheben, hat ihn sein historischer Realismus auf den geschichtlichen Boden geführt. Unmittelbar aus dem Leben, aus Gegenwart oder Vergangenheit schöpft er den Stoff, wie schon seine Vorliebe für die Anekdote beweist, die er da und dort aufgegriffen hat, und von denen er manche bis zur Erzählung ausspinnt. Auf diese lebendige Quelle deutet er bei der »Marquise von O.« mit dem wichtigen Zusatze, der sich nur im Phöbus, nicht aber in den Ausgaben findet, selbst hin: »Nach einer wahren Begebenheit, deren Schauplatz vom Norden nach dem Süden verlegt worden.«[6] Wieder aber hat er diese Episode, in der er die ganze Fülle seines Talents entfaltet, in den Hintergrund des großen gleichzeitigen Revolutionskrieges eingefügt. Ebenso hat er im »Kohlhaas«, dem »Erdbeben in Chili«, der »Verlobung in St. Domingo« sich großen historischen Verhältnissen entweder angeschlossen, oder deren Natur an einem einzelnen Falle meisterhaft dargestellt; wie denn die erste Erzählung, sicherlich ohne daß er es beabsichtigte, zugleich eine ergreifende Darstellung des Ständekampfes geworden ist, der unter der Nachwirkung der Reformation in ganz Deutschland entbrannte. Selbst die Verirrungen, in denen er unerwartet eine andere Seite seines Innern herauskehrt, und sich mit vollständiger Verleugnung des historischen Charakters auf das Gebiet des dunkeln Wahns verlocken läßt, dienen nur dazu, die Kraft seiner Darstellung in hellerem Lichte erscheinen zu lassen; denn auch die Traumgebilde seiner Phantasie hat er so mit Fleisch und Blut zu bekleiden gewußt, daß man sie sieht, ohne an ihre Wahrheit zu glauben. Sein »Kohlhaas« bleibt trotz des unhistorischen Vornamens Michael und trotz des mythischen Kurfürsten von Sachsen, bei dem der Historiker von Fach nur mit Haarsträuben an den standhaften Johann Friedrich denken kann, nach Auffassung und Darstellung eine fast vollendete historische Erzählung, deren Grundzüge dem Thatsächlichen entsprechen. Denn die Zurückhaltung der Pferde, die Rechtsverweigerung und Verschleppung sächsischer Seits, die Niederbrennung der Vorstadt von Wittenberg, das Gespräch mit Luther sind historisch.[7] Nach ihrer Kunstform könnte sie ohne Uebertreibung ein in Prosa ausgelöstes Epos genannt werden.

Auch sind seine Erzählungen von der modernen Novelle, dem historischen Roman und dem, was heute dafür gelten will, sehr verschieden. Die Novellenhelden sind überwiegend Träger der Reflexion, sie kämpfen die Gegensätze nicht nach außen wirkend, durch die That aus, sondern in dialectischem Ringen mit sich selbst, sie ziehen die ganze Welt in den Strom ihrer Betrachtungen hinein, und dessen ungeachtet verblassen sie zu Schatten, die nach dem Lehrbuche sprechen. Andererseits in den neueren sogenannten historischen Romanen, die mit der Macht der Geschichte den Zauber der Dichtung zu verbinden wähnen, werden die historischen Riesen auf das zwerghafte Maß einer schwächlichen Phantasie herabgedrückt, die eigentlich nur deshalb ihre Zuflucht zur Geschichte nimmt, weil diese mit der unübersehbaren Fülle eigenthümlicher Gestalten der dürftigen Erfindung zu Hülfe kommt. Der falsche Schein historischer Kenntniß soll die Mängel der Dichtung verdecken, und schließlich verliert jede von beiden den reinen und ursprünglichen Charakter durch die Verbindung mit der anderen.

So sehr Kleist Dramatiker ist, so vermeidet er doch in der Erzählung in der Regel den unmittelbaren Dialog, der in neueren Novellen so die Oberhand gewonnen hat, daß der verkehrte Versuch einer wörtlichen Uebertragung in das Drama hat gewagt werden können. Dagegen hat er im vollsten Verständnisse dieser Darstellungsweise die indirecte Rede überwiegend gebraucht. Auch da, wo seine Personen direct reden müßten, ist er epischer Berichterstatter, er läßt sie nicht aus dem Rahmen des Ganzen selbständig heraustreten, sondern verwandelt ihre Rede in ein Handeln, von dem er zu erzählen hat. Es ist bemerkt worden, sein dramatischer Dialog verrathe in den unruhigen Sprüngen, in dem hastigen Hin- und Wiederfliegen von Frage und Antwort, wodurch die Lebhaftigkeit zwar gesteigert wird, die innere Erregtheit des Dichters; seiner erzählenden Rede ist diese Zerrissenheit durchaus fremd. Mit gleichem Wellenschlage fließt sie wie ein breiter Strom dahin, auf dem der Hörer sich mit stets gleicher Theilnahme von einer Windung zur andern tragen läßt.

Mit Vorliebe baut Kleist lange Perioden, architectonisch erheben und schließen sie sich, ohne je zu erstarren; der Belege im einzelnen bedarf es kaum, jede Seite bietet sie dar. Aus vielen herausgegriffen möge folgende Periode hier eine Stelle finden:[8] »Der Roßhändler, _dessen_ Wille durch den Vorfall, _der_ sich auf dem Markt zugetragen, in der That gebrochen war, wartete auch nur, _dem_ Rath des Großkanzlers gemäß, auf eine Eröffnung von Seiten des Junkers oder seiner Angehörigen, _um_ ihnen mit völliger Bereitwilligkeit und Vergebung alles Geschehenen entgegenzukommen: _doch_ eben diese Eröffnung zu thun, war den stolzen Rittern zu empfindlich, _und_ schwer erbittert über die Antwort, _die_ sie von dem Großkanzler empfangen hatten, zeigten sie dieselbe dem Kurfürsten, _der_ am Morgen des nächstfolgenden Tages den Kanzler, krank _wie_ er an seinen Wunden darniederlag, in seinen Zimmern besucht hatte.« Der Wendepunkt dieser Periode liegt in dem _doch_, durch das sie in zwei gleich wiegende Hälften getheilt wird; jede hat zwei obere Nebensätze, die einen untern in sich umfassen, in dem eine nähere Begründung gegeben wird; beide schließen mit der Andeutung des Zieles ab, das erreicht werden soll. Der thatsächliche wie stilistische Nachdruck liegt auf den letzten Worten, sie leiten die Bewegung weiter. Umsonst versucht der Roßhändler seinen Zweck zu erreichen, um so besser erreichen die Ritter, die keine Versöhnung wollen, den ihren, die Rache. Man gewinnt den vollsten Ueberblick der Parteien, ihrer Stimmung, ihres Verhältnisses zu einander, ihrer Erfolge. Kleist's Perioden sind kunstvoll ohne verwickelt, reich ohne überladen zu sein, vielgliederig ohne Leben und Bewegung zu verlieren. Es ist ein Beweis bedeutender Meisterschaft, wenn man sich dem Zuge der deutschen Sprache zu weitläufigen Satzgefügen überlassen darf, weil die strenge Fassung, die nichts Ueberflüssiges hinzufügt, die Möglichkeit eines Vorwurfs der Weitläufigkeit nicht einmal aufkommen läßt.

Noch verschlungener werden sie, wenn sich die mittelbare Rede zu entfalten beginnt, sei es, daß sie den Dialog einführe, oder über Seelenvorgänge berichte. Selten nur wird durch steigende Lebendigkeit die mittelbare Rede in die unmittelbare fortgerissen, wie in folgender Periode, die ebenfalls charakteristisch ist:[9] »Luther, der unter Schriften und Büchern an seinem Pulte saß, und den fremden besonderen Mann die Thür öffnen und hinter sich verriegeln sah, fragte ihn: _wer_ er sei und was er wolle? _und_ der Mann, _der_ seinen Hut ehrerbietig in der Hand hielt, hatte nicht sobald mit dem schüchternen Vorgefühl des Schreckens, _den_ er verursachen würde, erwiedert: _daß_ er Michael Kohlhaas der Roßhändler sei; als Luther schon: »weiche fern hinweg!« ausrief, _und indem_ er vom Pult erstehend nach einer Klingel eilte, hinzusetzte: »dein Odem ist Pest und deine Nähe Verderben!« Häufig dagegen zieht sich die indirecte Rede leicht und geschickt durch die längsten Wendungen hin, bisweilen freilich, auch über die Grenze des Erlaubten hinaus. So wird z. B. in der »Marquise von O.« der Inhalt einer Rede in einer Reihe von Sätzen, die durch ein fünfzehnmal wiederholtes daß -- daß -- verbunden sind, wiedergegeben.[10] Ich weiß nicht, ob Kleist die Novellen des Cervantes studiert oder auch nur gekannt hat; aber lebhaft wird man an die hohe Gegenständlichkeit der Darstellung, an den vollen klaren Fluß der getragenen Perioden des Spaniers erinnert.

Doch auch bei dem Meister ist das wahrhaft Vollendete immer noch nicht das Gewöhnliche. Jeder Schriftsteller hat Angewohnheiten des Stils, geringfügig scheinende Eigenthümlichkeiten, die um so häufiger sein können, je leichter sie sich dem Blick, der auf das Ganze gerichtet ist, entziehen. Aber er kommt dadurch in Gefahr, aus dem Stil in die Manier zu gerathen, und er wird ihr verfallen, wenn der freie Ausdruck des Inhalts von der bequemen Gewohnheit geleitet wird, statt sie zu leiten. Wie Goethe hat auch Kleist dergleichen Angewohnheiten. Es ist die Vorliebe für gewisse Bindewörter, die er gebraucht, um die Spannung des Lesers zu steigern oder herabzustimmen. Am auffallendsten ist das unzählige Mal wiederkehrende »dergestalt daß«, das er als anschaulichere Redeweise dem nüchtern »so daß« vorzieht. Durch alle Erzählungen läßt sie sich verfolgen, im Kohlhaas allein sind ohne große Mühe ein Paar Dutzend Beispiele dafür aufzufinden. Nicht minder häufig ist der Gebrauch von »gleichwohl«, wo es eine Bedingung, einen unerwarteten Gegensatz ankündigen soll, den man mit »dennoch, dessen ungeachtet« einleiten würde. Ferner die gleichzeitige Ereignisse oder Erwägungen vorführende Redensart »nicht sobald -- als«, für »kaum, in dem Augenblick als«; ebenso »inzwischen«, dann das gleichgültige oder ungeduldig abweisende »gleichviel«, das bedingende »falls« für »wenn.« Alle diese Lieblingswendungen sind auch den Dramen, namentlich dem prosaischen Dialog, nicht fremd.[11] Dagegen hat sich Kleist von einem andern Fehler, dem auch die Größten verfallen sind, um so reiner erhalten, von widerlich störender Wortmengerei. Fremdwörter braucht er in der Regel nur da, wo etwa Kunstausdrücke unvermeidlich sind, überall bietet sich ihm an der rechten Stelle das rechte deutsche Wort ungesucht dar. Hier übertrifft er Schiller und den alternden Goethe bei weitem. Es ist der Ausdruck seiner deutschen Natur; eben darum greift er auch bisweilen selbst im Verse zu Provinzialismen, die nichts weniger als edel, aber sehr bezeichnend sind.

Faßt man dies Alles zusammen, den künstlerischen Bau der Perioden, seine Vorliebe für die mittelbare Rede, die Reinheit seines Ausdruckes, die unbewußten stilistischen Gewohnheiten, so gewinnt man eine Anzahl von Merkmalen, nach denen sich mit ziemlicher Gewißheit feststellen läßt, ob man es mit Kleist's Wort und Schrift zu thun habe oder nicht.

II.

Die vier satirischen Briefe bilden gewissermaßen ein dramatisches Ganzes, sehr verschiedene Personen sprechen sich über dieselben Ereignisse, jede in ihrer Weise aus. Der rheinbündische Officier, das Landfräulein, der Burgemeister; diesen ironischen Charakteren steht der politische Pescherü mit seinen einfachen Betrachtungen als Chor gegenüber. Der erste Brief ist in kurz abschneidender französirender Standessprache geschrieben. Das Landfräulein schreibt, wie schon der Eingangssatz beweist, in der verschlungenen Weise Kleist's; architectonisch durchgeführt sind Perioden wie die »Allein, wenn die Ansicht u. s. w.« oder: »Aber die Beweise, die er mir, als ich zurückkam u. s. w.«, denen die beiden letzten des Briefes, mit ihrem »inzwischen« und »gleichwohl« an die Seite gestellt werden können. In dem Schreiben des Burgemeisters (I, 1, 3) gilt es, die pedantische Langstiligkeit amtlicher Erlasse darzustellen; der Wortschwall ironisirt sich selbst, er soll betäuben und über die Schmählichkeit des Inhalts täuschen. Bezeichnend ist die unübersehbare Periode: »Indem wir euch nun diesem Auftrage gemäß u. s. w.«

Der Brief des politischen Pescherü (I, 1, 4) stellt neun genau abgefaßte Fragen auf; in der fünften heißt es: »Ist er es, der den _König_ von Preußen -- zu Boden geschlagen hat, und auch selbst nach dem Frieden noch mit seinem _grimmigen Fuß auf dem Nacken_ desselben _verweilte_«? Diese Bezeichnung vollständigster Vernichtung ist ein Lieblingsbild Kleist's. Im fünften Auftritt der Penthesilea sagt Asteria:

Den _Fußtritt_ will er, und erklärt es laut, _Auf deinen königlichen Nacken setzen_;

im neunten Auftritt wiederholt Penthesilea:

Laßt ihn den _Fuß gestählt_, es ist mir recht, _Auf diesen Nacken setzen_!

Und die Hermannsschlacht beginnt mit den Worten:

Rom, dieser Riese, der -- _Den Fuß auf_ Ost und Westen _setzet_, Des Parthers muthgen _Nacken_ hier, Und dort den tapfern Gallier _niedertretend_.

Unter 7 heißt es im Briefe: »Ist er es, der -- Preußen, _den letzten Pfeiler Deutschlands sinken_ sah« --? Und in den ersten Versen der Hermannsschlacht:

Und Hermann der Cherusker endlich, Zu dem wir, als _dem letzten Pfeiler_ uns Im allgemeinen _Sturz Germanias_ geflüchtet --

Endlich in der neunten Frage wird auf den Kaiser Franz folgendes Gleichniß angewendet: »der wie Antäus, _der Sohn der Erde, von seinem Fall erstanden ist, um_ das Vaterland _zu retten_.« In dem Gedichte vom 1. März 1809 an denselben singt Kleist:

O Herr, du trittst, der Welt _ein Retter_, Dem Mordgeist in die Bahn, Und wie _der Sohn der_ duftgen _Erde_ _Nur sank, damit_ er stärker werde, _Fällst du_ von Neu'm ihn an.[12]

Die Fabel »die Bedingung des Gärtners« entspricht in ihrer Fassung den beiden Fabeln, die 1808 im Phöbus erschienen.

In ganz anderem Ton ist das »Lehrbuch der französischen Journalistik« gehalten. Obgleich die knappe Form dieser geschlossenen Reihe von Erklärungen, Lehrsätzen, Aufgaben und Beweisen der entfalteten Rede keinen Raum gestattet, so haben sich doch auch hier die Lieblingswendungen eingeschlichen. Es ist bekannt, welche Neigung Kleist für diese Darstellungsweise und den strengen Beweis hatte. Wie er zuerst meinte, seine Lebensaufgabe auf dem Gebiete der Mathematik gefunden zu haben, so ist er auch später, namentlich in den Briefen, geneigt, wo die Leidenschaft nicht durchbricht, seine Gedanken in streng logische Formeln zu bringen. Leider ist das Lehrbuch der Journalistik in 25 Paragraphen unvollständig. Wahrscheinlich hatte er es zu Ende geführt, doch sind die letzten Blätter verloren gegangen. Den obersten Grundsätzen und Definitionen folgt im Paragraph 10 die Eintheilung der Journalistik mit dem ersten Capitel: »Von der Verbreitung der wahrhaftigen Nachrichten« in zwei Artikeln »von den guten und den schlechten Nachrichten«; ein zweites Capitel von der Verbreitung falscher Nachrichten mußte folgen, und dieses fehlt.

In dem »Katechismus der Deutschen« hat Kleist die Einförmigkeit des katechisirenden Tons, in dem die Antwort das Echo der Frage ist, so zu beleben gewußt, daß er durchaus charakteristisch wird, und einzelne Redewendungen von Vater und Sohn an den dramatischen Dialog, etwa die einfachen Gegenreden Käthchens in der ergreifenden Scene mit ihrem Vater erinnern.[13] Auch andere Anklänge fehlen nicht. Die Schilderung des Erzfeindes findet an mehr als einer Stelle ihr Seitenstück. Sie lautet 7: »Als _einen der Hölle entstiegenen Vatermörder_, der herumschleicht _in dem Tempel der Natur und an allen Säulen rüttelt_, auf welchen er gebaut ist.« Im Käthchen von Heilbronn schleudert der alte Theobald dem Grafen Strahl folgende Worte zu:

Ein glanzumflossener _Vatermördergeist_, _An jeder der_ granitnen _Säulen rüttelnd_, _In dem_ urewigen _Tempel der Natur_, Ein Sohn _der Hölle_, den u. s. w.

In der Hermannsschlacht sind Raub, Brand und Mord ein »_höllenentstiegener_ Geschwisterreigen« und in dem Gedichte »Germania an ihre Kinder« ist es »eines _Höllensohnes_ Rechte«, die das eiserne Joch der Knechtschaft auferlegt. Im Katechismus 9 soll, wer weder liebt noch haßt, wenn es sich um die Freiheit des Vaterlandes handelt, in die tiefste, siebente Hölle, in der Hermannsschlacht der Verräther in die neunte Hölle stürzen. Dort wird die Frage verneint, ob nicht »das Blut vieler tausend Menschen nutzlos geflossen, die _Städte verwüstet_ und _das Land verheert_ worden sei«, wenn man im Kampf unterliege. In dichterischer Sprache wird derselbe Einwand abgewiesen »Germania und ihre Kinder«:

Nicht die Flur ist's, die zertreten Unter ihren Rossen sinkt, Nicht der Mond, der in den Städten Aus den öden Fenstern blinkt, Nicht das Weib, das mit Gewimmer Ihrem Todeskuß erliegt.[14]

Die drei folgenden Stücke (I, 2, 1-3) sind nicht blos ein persönlicher Gefühlserguß, sondern Aufrufe an das Volk, die Kampf und Rache erwecken sollen. Das erste kündet sich als »Einleitung« einer Zeitschrift an, und ist im Tone der glühendsten vom Hasse eingegebenen Beredsamkeit geschrieben; der Erzherzog Karl ist der volksthümliche Held, »_der Bezwinger des Unbezwungenen_«, oder, wie er in dem Siegesliede nach der Schlacht von Aspern genannt wird, »der _Ueberwinder des Unüberwindlichen_.« Germania soll der Name dieser Zeitschrift sein; »_Hoch auf den Gipfel der Felsen_ soll sie sich stellen, und den _Schlachtgesang herabdonnern ins Thal_«, wie in dem Gedichte Germania ihren Kindern zuruft:

Mit dem Spieße, mit dem Stab Strömt _ins Thal der Schlacht hinab_! -- -- _Das Gebirg hallt donnernd_ wieder -- -- -- Und vom _Fels herab_ der Ritter, Der sein Cherub, _auf ihm steht_.

Die Germania der Zeitschrift will singen: »Vaterland, -- welch _ein Verderben seine Wogen_ auf dich _heranwälzt_.« In dem letzten Lied

Kommt _das Verderben_ mit entbundenen _Wogen_ Auf Alles, was besteht, _herangezogen_.

Jene will »_die Jungfrauen des Landes herbeirufen_, wenn der Sieg erfochten ist, daß _sie sich_ niederbeugen über die, so gesunken sind«; und das Lied an den Erzherzog Karl nach der Schlacht bei Aspern singt:

Siehe, die _Jungfraun rief ich herbei des Landes_, Daß sie zum Kranz den Lorbeer flöchten.[15]

Der Grundton der Einleitung ist in dem Gedicht Germania zum gewaltigen Schlachtgesang geworden, und kaum wird man sich der Ueberzeugung verschließen können, gerade für die Eröffnung dieser Zeitschrift sei es geschrieben worden. Der Schluß der Einleitung fehlt; dagegen scheint das folgende Stück, das ohne Ueberschrift mit dem aus einer andern Schrift entlehnten Aufrufe »Zeitgenossen!« beginnt, von Kleist selbst nicht abgeschlossen zu sein, wenigstens die Abschrift ist nicht vollständig, denn mit dem Ausrufe »Was?« bricht der Text mitten auf der Seite ab. Es sollen diejenigen, die sich auf den Trümmern des Vaterlandes in die bequeme Ruhe der Ungläubigkeit einwiegen, aufgeschreckt und ihnen die Augen über den Abgrund, an dem sie stehen, geöffnet werden. Das Ziel des Kampfes wird bezeichnet in dem Aufruf »Was gilt es in diesem Kriege?« Wenn es heißt: »Deren (der deutschen Nation) Unschuld selbst in dem Augenblick noch, da der Fremdling sie belächelt oder wohl gar verspottet, sein Gefühl geheimnißvoll erweckt, dergestalt daß« -- so giebt dazu die Hermannsschlacht ein treffendes Beispiel, wo der Römer von dem Deutschen sagt:

In einem Hämmling ist, der an der Tiber graset, Mehr Lug und Trug, muß ich Dir sagen, Als in dem ganzen Volk, dem er gehört.[16]