Heimatlos Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die Kinder lieb haben, 1. Band
Part 9
Diese ganze, lange Halde bildete zur Winterszeit den herrlichsten Schlittweg, der weit und breit zu finden war; wohl zehn Minuten lang konnte man da auf dem Schlitten sitzen bleiben, ohne abzusteigen; denn war man vom Hause des Obersten an bei diesem ersten, steilen Absatz einmal recht in den Zug gekommen, so gingen die Schlitten vorwärts ohne Nachhilfe bis hinunter auf die Aarestraße. Diese unvergleichliche Schlittenbahn machte denn auch das Lebensglück einer großen Schar von Kindern aus, die alle, sobald nur die alte Schulstubentür sich öffnete, sich herausstürzten, ihre Schlitten vom Haufen rissen, den sie im Vorhof bildeten, und mit Windeseile dem Schlittweg zurannten, wo die Stunden verflogen, man wußte nicht wie, denn unten am Berge war man immer im Augenblick, und beim Heraufsteigen dachte man so eifrig ans nächste Hinunterfahren, daß es unmerklich schnell getan war. So brach immer zum großen Schrecken der Kinder die Nacht herein, lang ehe sie erwartet war, denn dies war die Zeit, da fast alle nach Hause gehen mußten. Da folgte dann gewöhnlich noch ein ziemlich stürmisches Ende, denn da wollte man schnell noch einmal fahren und dann noch einmal und dann nur noch ein einziges Mal, und so mußte dann alles noch in größter Eile zugehen, das Aufsitzen und das Abfahren und wieder die Rückkehr den Berg hinauf. Da war auch ein Gesetz errichtet worden, daß keiner sollte hinunterfahren, während die anderen hinaufstiegen, sondern hintereinander sollten alle abfahren und miteinander alle zurückkehren, damit kein Gedränge und Schlittenverwickelungen entstehen könnten. Manchmal aber gab es doch allerlei ungesetzliche Verwirrungen, besonders auf diesen drangvollen Schlußfahrten, da dann keiner zuletzt sein und etwa noch zu kurz kommen wollte. So war es auch an einem hellen Januarabend, da vor Kälte die Schlittenbahn laut knisterte unter den Füßen der Kinder und der Schnee nebenan auf den Feldern so hart gefroren war, daß man hätte darauf fahren können wie auf einer festen Straße. Die Kinder aber waren alle glühend rot und heiß dazu, denn eben waren sie im angestrengten Lauf den ganzen Berg heraufgeeilt, ihre Schlitten nachziehend und sie nun stracks umwendend und sich darauf stürzend, denn es hatte Eile; drüben stand schon hell der Mond am Himmel und die Betglocke hatte auch schon geläutet. Die Buben hatten aber alle gerufen: »Noch einmal! Noch einmal!« Und die Mädchen waren einverstanden. Aber beim Aufsitzen gab es eine Verwirrung und einen großen Lärm: drei Buben wollten durchaus auf demselben Platze mit ihren Schlitten stehen, und keiner wollte auch nur einen Zoll zurückweichen und später abfahren. So drückten sie einander auf die Seite hin, und der breite Chäppi wurde von den beiden anderen so gegen den Rand des Weges hin gestoßen, daß er ganz in den Schnee hineinsank mit seinem schweren Keßlerschlitten und fühlte, daß er unter ihm stecken blieb. Eine große Wut ergriff ihn beim Gedanken, daß die anderen nun abfahren möchten; er schaute um sich. Da fiel sein Blick auf ein kleines, schmales Mädchen, das neben ihm im Schnee stand; es war ganz bleich und hielt beide Arme in seine Schürze gewickelt, um wärmer zu haben, aber es zitterte doch vor Frost an seinem ganzen dünnen Körperchen. Das schien dem Chäppi ein passender Gegenstand zu sein, seine Wut daran auszulassen.
»Kannst du einem nicht aus dem Wege gehen, du lumpiges Ding du? du brauchst nicht hier zu stehen, du hast ja nicht einmal einen Schlitten. Wart nur, ich will dir schon aus dem Wege helfen.« Damit stieß der Chäppi seinen Stiefel in den Schnee hinein, um dem Kinde eine Schneewolke entgegenzuwerfen. Es floh zurück, so daß es bis an die Kniee in den Schnee hineinsank, und sagte schüchtern: »Ich wollte nur zusehen!« Der Chäppi stieß eben seinen Stiefel noch einmal in den Schnee hinein, als ihn von hinten eine so erschütternde Ohrfeige traf, daß er fast vom Schlitten herunterfuhr. »Wart du!« rief er außer sich vor Erbitterung, denn sein Ohr sauste, wie es noch kaum je gesaust hatte, und mit geballter Faust kehrte er sich um, seinen Feind zu treffen. Da stand einer hinter ihm, der hatte eben seinen Schlitten zurechtgestellt zum Abfahren, und schaute nun ganz ruhig auf den Chäppi nieder und sagte: »Probier's!« Es war Chäppis Klassengenosse, der elfjährige Otto Ritter, der öfter mit dem Chäppi kleine Verschiedenheiten auszugleichen hatte. Otto war ein schlanker, aufgeschossener Junge, lange nicht so breit wie der Chäppi; aber dieser hatte schon mehr als einmal erfahren, daß Otto eine merkwürdige Gewandtheit in Händen und Füßen besaß, gegen welche der Chäppi sich nicht zu helfen wußte. Er schlug nicht zu, aber die geballte Faust hielt er immer in die Höhe und wuterfüllt rief er: »Laß du mich gehen, ich habe nichts mit dir zu tun!« -- »Aber ich mit dir«, entgegnete Otto kriegerisch. »Was brauchst du das Wiseli dorthinein zu jagen und ihm noch Schnee anzuwerfen; ich habe dich wohl gesehen, du Feigling, der ein Kleines verfolgt, das sich nicht wehren kann.« Damit kehrte er verächtlich dem Chäppi den Rücken und wandte sich dem Schneefelde zu, wo das bleiche Wiseli noch immer stand und zitterte. »Komm heraus aus dem Schnee, Wiseli«, sagte Otto beschützend. »Siehst du, du klapperst ja vor Frost. Hast du wirklich gar keinen Schlitten und hast nur zusehen müssen? Da, nimm den meinen und fahr einmal hinunter, schnell, siehst du, da fahren sie schon.« Das bleiche, schüchterne Wiseli wußte gar nicht, wie ihm geschah; zwei-, dreimal hatte es zugeschaut, wie eines nach dem anderen auf seinem Schlitten saß, und gedacht: »Wenn ich nur ein einziges Mal ganz hinten aufsitzen dürfte«, wo schon drei auf einem Schlitten saßen. Nun sollte es allein hinunterfahren dürfen und dazu auf dem allerschönsten Schlitten mit dem Löwenkopf vorn, der immer allen anderen zuvorkam, weil er so leicht war und hoch mit Eisen beschlagen. Vor lauter Glück stand Wiseli ganz unschlüssig da und schaute nach dem Chäppi, ob er es nicht vielleicht zu prügeln gedenke zur Strafe für sein Glück. Aber der saß jetzt ganz abgekühlt da, so als wäre gar nichts geschehen, und Otto stand so schutzverheißend daneben, daß ihm der Mut kam, sein Glück zu erfassen; es setzte sich wirklich auf den schönen Schlitten, und da nun Otto mahnte: »Mach, mach, Wiseli, fahr ab«, so gehorchte es, und hinunter ging's, wie vom Winde getragen. In der kürzesten Zeit hörte Otto die ganze Gesellschaft wieder herankeuchen, und er rief entgegen: »Wiseli, bleib unter den Vordersten und sitz gleich noch einmal auf und fahr zu; nachher müssen wir gehen.« Das glückliche Wiseli setzte sich noch einmal hin und genoß noch einmal die langersehnte Freude. Dann brachte es seinen Schlitten und dankte ganz schüchtern seinem Wohltäter, mehr mit den freudestrahlenden Augen, als mit Worten, dann rannte es eilig davon. Otto fühlte sich sehr befriedigt. »Wo ist das Miezi?« rief er in die sich zerstreuende Gesellschaft hinein. »Da ist es«, ertönte eine fröhliche Kinderstimme, und aus dem Knäuel heraus trat ein rundes, rotbackiges kleines Mädchen, das der Bruder Otto als kräftiger Schutzmann bei der Hand faßte und nun mit ihm dem väterlichen Hause zueilte, denn es war heute spät geworden; die erlaubte Zeit des Schlittens war ziemlich lange überschritten.
Zweites Kapitel.
Daheim, wo's gut ist.
Als Otto und seine Schwester durch die lange, steinerne Hausflur hereinstürmten, trat die alte Trine aus einer Tür und hielt ihr Licht in die Höhe, um besser zu sehen, was dahergetrappelt kam. »So, endlich!« sagte sie, halb zankend, halb wohlgefällig. »Die Mutter hat schon lange nachgefragt, aber da war kein Bein zu sehen, und acht Uhr hat's geschlagen vor weiß kein Mensch wie langer Zeit.« Die alte Trine war schon Magd in der Familie gewesen, als die Mutter der beiden Kinder zur Welt kam; so hatte sie große Rechte im Hause und fühlte sich durchaus als Glied desselben, eigentlich als Haupt, denn an Alter und Erfahrung war sie die erste. Die alte Trine war durchaus vernarrt in beide Kinder ihrer Herrschaft und sehr stolz auf alle ihre Anlagen und Eigenschaften; das ließ sie aber nicht merken, sondern sprach immer im Tone halber Entrüstung von ihnen, denn das fand sie heilsam zu ihrer Erziehung. »Schuhe aus, Pantoffeln an!« rief sie jetzt, Ordnung gebietend; der Befehl wurde aber gleich darauf von ihr selbst vollzogen, denn sofort kniete sie vor Otto hin, der sich auf einem Sessel niedergelassen hatte, und zog ihm die nassen Schuhe aus. Die kleine Schwester stand unterdessen mitten in der Stube still und rührte sich nicht, was sonst nicht ihre Art war, so daß die alte Trine während ihrer Arbeit ein paarmal hinüberschielte. Jetzt war Otto gerüstet, und Miezchen sollte auf dem Sessel sitzen; aber es stand noch auf demselben Platze und rührte sich nicht. »Nu, nu, wollen wir warten, bis es Sommer wird, dann trocknen die Schuhe von selbst«, sagte die Trine, auf ihren Knieen harrend. »Bst! bst! Trine, ich habe etwas gehört; wer ist in der großen Stube?« fragte Miezchen und hob den Zeigefinger etwas drohend in die Höhe. »Alles Leute mit trockenen Schuhen, und andere kommen nicht hinein. Jetzt wag's und sitz nieder«, mahnte Trine. Aber anstatt zu sitzen, machte Miezchen einen Sprung und rief: »Jetzt hab' ich's wieder gehört, so lacht der Onkel Max.« -- »Was?« schrie Otto und war mit einem Satz bei der Tür. -- »Wart! wart!« schrie Miezchen nach und wollte gleich mit zur Tür hinaus; aber jetzt wurde es abgefaßt und auf den Stuhl gesetzt, die alte Trine hatte jedoch einen schweren Stand mit den zappelnden Füßchen. Indessen gelang die Arbeit, und nun stürzte Miezchen zur Tür hinaus und hinüber in die große Stube hinein und direkt auf den Onkel Max los, der richtig dort im Lehnstuhl saß. Da war nun ein großer Freudenlärm und ein Grüßen und ein Willkommenrufen in allen Tönen, und in das Gelärm der Kinder stimmte der Onkel Max wacker mit ein, und es währte geraume Zeit, bis sich der Tumult etwas gelegt hatte und die Festfreude einen ruhigen Charakter annahm. Denn ein Fest für die Kinder war die Erscheinung des Onkels jedesmal und aus triftigen Gründen. Der Onkel Max war ihr besonderer Freund; er war fast immer auf Reisen und kam nur alle paar Jahre einmal zum Besuch; dann gab er sich aber mit den Kindern ab, als gehörten sie ihm selber an, und was er für wunderbar herrliche Sachen in allen Taschen für sie brachte, das war gar mit nichts zu vergleichen, denn es war alles ganz fremdartig und zauberhaft. Der Onkel Max war ein Naturforscher und reiste in allen Winkeln der Erde umher und aus jedem brachte er etwas Eigentümliches mit.
Endlich saß die Gesellschaft geordnet um den Tisch herum und die dampfende Schüssel brachte noch völlige Besänftigung in die aufgeregten Gemüter, denn von der Schlittbahn wurde immer ein richtiger Appetit mitgebracht. »So«, sagte der Papa, über den Tisch hinüberblickend, wo an der Seite der Mutter das Töchterchen fleißig arbeitete, »so, so, heut' hat also das Miezchen keine Hand für seinen Papa, noch hab' ich keinen Gruß bekommen, und jetzt ist keine Zeit mehr dazu.«
Etwas zerknirscht schaute das Miezchen von seinem Teller auf und sagte: »Aber Papa, aber ich habe es nicht mit Fleiß getan und jetzt will ich gleich --«, und damit stieß sie mit großer Anstrengung den Sessel zurück; aber der Papa rief: »Nein, nein, jetzt nur keine Ruhestörung. Da gib die Hand über den Tisch hin, das übrige wollen wir nachher bestellen; so ist's recht, Miezchen.« -- »Wie hat man eigentlich das Kind getauft, Marie? Ich war zwar auch dabei, aber ich habe keine Ahnung davon, welcher Name in der Kirche ausgesprochen wurde, Miezchen doch nicht?« sagte der Onkel lachend. »Wirklich warst du dabei, Max«, entgegnete seine Schwester, »da du des Kindes Pate bist. Es erhielt damals den Namen Marie; sein Papa machte daraus ein Miezchen, und Otto hat den Namen noch recht unnütz vervielfältigt.« -- »O nein, Mama, wirklich nicht unnütz«, rief Otto ernsthaft herüber. »Siehst du, Onkel, das geht nach ganz bestimmten Regeln. Wenn dies kleine nichtige Wesen ordentlich und sanftmütig ist, dann nenn' ich es Miezchen; das geschieht aber selten, und im gewöhnlichen Leben nenn' ich es daher Miezi. Wird es aber bös, dann sieht es ganz aus wie ein kleiner Katzenreuel und muß Miez genannt werden, der Miez.«
»Ja, ja, Otto«, tönte es nun zurück, »und wenn du bös wirst, dann siehst du ganz aus wie ein -- wie ein --« »Wie ein Mann«, ergänzte Otto, und da dem Miezchen eben kein Vergleich zu Gebote stand, so arbeitete es jetzt um so emsiger an seinem Brei herum. Der Onkel lachte laut auf. »Das Miezchen behält recht«, rief er; »seinen Geschäften obliegen ist besser, als auf Schmähungen antworten.« »Aber, Kinder«, setzte er nach einer Weile hinzu, »nun bin ich mehr als ein Jahr nicht hier gewesen und ihr habt mir noch gar nichts erzählt; was habt ihr denn alles erlebt unterdessen?« Die neuesten Ereignisse erfüllten zunächst den Sinn der Kinder: so wurde gleich mit großer Lebhaftigkeit, meistens im Chor, die eben erlebte Geschichte erzählt, wie der Chäppi das Wiseli behandelt, wie es fror und im Schnee stand und keinen Schlitten hatte und endlich doch noch zu zwei Fahrten kam. »So ist's recht, Otto«, sagte der Papa; »du mußt deinem Namen Ehre machen, für die Wehrlosen und Verfolgten mußt du immer ein Ritter sein. Wer ist das Wiseli?« -- »Du kannst das Kind und seine Mutter kaum kennen«, sagte die Mama, zu ihrem Manne gewandt; »aber der Onkel Max kennt Wiselis Mutter recht gut. Du kannst dich doch noch auf den mageren Leineweber besinnen, Max, der unser Nachbar war. Er hatte ein einziges Kind mit großen braunen Augen, das oft bei uns im Pfarrhaus war und so schön singen konnte; kommt dir da die Erinnerung daran wieder?«
Bevor aber die weiteren Erinnerungen zur Verhandlung kamen, steckte die alte Trine ihren Kopf zur Tür herein und rief: »Der Schreiner Andres möchte gern der Frau Oberst einen Bericht abgeben, wenn er nicht stört.« Diese harmlosen Worte bewirkten eine wahre Verheerung in der Gesellschaft. Die Mutter legte den Servierlöffel, mit dem sie soeben dem Onkel entgegenkommen wollte, beiseite, sagte eilig: »Um Entschuldigung, ihr Herren!« und ging davon. Otto sprang so stürmisch auf, daß er seinen Stuhl hintenhinaus warf und dann selbst darüber stürzte, als er fortgaloppieren wollte. Das Miezchen hatte ähnliche Taten vor, aber der Onkel hatte seine ersten Bewegungen zum Aufruhr gesehen und hielt es nun mit beiden Armen fest. Aber es zappelte jämmerlich und schrie: »Laß los, Onkel, laß los. Im Ernst, ich muß gehen.«
»Wohin denn, Miezchen?«
»Zum Schreiner Andres. Laß schnell los! Hilf, Papa, hilf!«
»Wenn du mir sagst, was du vom Schreiner Andres willst, so lass' ich dich los.«
»Das Schaf hat nur noch zwei Beine und keinen Schwanz, und nur der Schreiner Andres kann ihm helfen. Jetzt laß los.« Nun stürmte auch das Miezchen fort. Die Herren schauten einander an, und Onkel Max schlug ein helles Gelächter auf und rief: »Wer ist denn der Schreiner Andres, um den deine ganze Familie sich zu reißen scheint?«
»Das mußt du besser wissen als ich«, entgegnete der Oberst; »es wird wohl ein Jugendfreund von dir sein, und das Fieber der Verehrung wird auch dich noch ergreifen, es muß in eurer Familie sein, bei uns hat es die Mutter verbreitet. Ich kann dir so viel sagen, daß der Schreiner Andres völlig der Grundstein meines Hauses ist, auf dem alles feststeht und entschieden auseinandergehen würde, sollte dem Hause dieser Halt entkommen. Der Schreiner Andres ist hier Rat, Trost, Heil und Hilfe in der Bedrängnis. Strebt meine Frau nach einem Hausgerät, von dem sie gar nicht weiß, wie es aussehen soll, noch wozu man es braucht, -- der Schreiner Andres erfindet es und schafft es zur Stelle. Bricht Feuers- oder Wassersnot in der Küche oder im Waschhaus los, -- der Schreiner Andres greift in die Elemente und bringt das Feuer ins Stocken und das Wasser in Fluß. Macht mein Sohn einen recht dummen Streich, -- der Schreiner Andres dreht ihn wieder zurecht. Schmeißt meine Tochter das sämtliche Hausgeräte entzwei, -- der Schreiner Andres leimt es wieder zusammen. So ist der Schreiner Andres recht eigentlich die stützende Säule meines Hauses, und wenn diese zusammenbrechen würde, so gingen wir alle in Trümmer.«
Die Mutter war unterdessen wieder eingetreten, und wohl zu ihrem Besten schilderte der Vater die Verdienste des Schreiners Andres so eingehend. Onkel Max lachte, daß es schallte.
»Lacht ihr nur! Lacht ihr nur!« sagte die Mutter. »Ich weiß schon, was ich an dem Schreiner Andres habe.«
»Und ich auch«, bemerkte der Vater mit spöttischem Lächeln.
»Und ich auch!« behauptete das Miezchen herzhaft, das wieder auf seinem Platze saß.
»Und ich auch!« brummte der Otto, dem der Knöchel noch sauste von seinem Sturz über den Stuhl hin.
»So, nun sind wir alle einer Meinung«, bemerkte die Mutter, »nun können die Kinder in Frieden zu Bette gehen.« Auf diese Anzeige hin drohte dem Frieden gleich eine Störung; aber es half nichts, die alte Trine stand schon vor der Tür und wachte, daß die Hausordnung nicht überschritten werde. Die Kinder mußten abtreten, und gleich nachher verschwand die Mutter auch noch einmal, denn die Kinder schliefen nicht ein, ohne daß die Mutter zum Nachtgebet noch an ihre Betten gekommen war.
Als nun alles still und ruhig war, kam die Mutter wieder zu den Herren zurück und setzte sich nun so recht zum Bleiben hin.
»Endlich«, sagte da der Oberst hoch aufatmend, als habe er die Feinde hinter sich. »Siehst du, Max, erst gehört meine Frau dem Schreiner Andres, dann ihren Kindern und dann ihrem Mann, wenn noch etwas übrig bleibt.«
»Und siehst du, Max«, sagte die Mutter lachend, »wenn mein Mann noch so arg höhnt: er mag unseren guten Schreiner Andres gerade so gern wie wir alle; gestehe es nur ein, Mann! Eben hat mir Andres auch für dich noch einen Auftrag übergeben, er hat seine jährliche Summe gebracht und bittet um deinen Beistand.«
»Das ist wahr«, sagte der Oberst; »einen ordentlicheren, fleißigeren, zuverlässigeren Mann kenne ich nicht. Dem würde ich Weib und Kind und Hab' und Gut und alles anvertrauen wie keinem anderen; das ist der ehrlichste, wackerste Mann in unserer ganzen Gemeinde und noch weit darüber hinaus.«
»Jetzt siehst du, Max«, sagte die Frau lachend; »ich konnte doch nicht mehr sagen.« Ihr Bruder lachte mit über den Eifer, in den der Oberst unversehens gefallen war. Dann entgegnete er: »Nun habt ihr mir alle so viel von eurem Wundermann vorerzählt, daß ich wirklich wissen möchte, woher er stammt und wie er aussieht. Habe ich ihn denn noch nicht gesehen hier?«
»Ach, du hast ihn ja so gut gekannt, Max«, entgegnete seine Schwester; »du mußt dich durchaus noch des Andres erinnern, mit dem wir zur Schule gingen. Weißt du denn nicht mehr, wie zwei Brüder zusammen in derselben Klasse mit dir waren? Der ältere war damals schon ein rechter Taugenichts; er war gar nicht dumm, aber tat nichts und blieb darum stecken und kam dann mit dem viel jüngeren Bruder in eine Klasse zusammen, in welcher du auch warst. Du mußt dich gewiß erinnern, er hieß Jörg und hatte ganz schwarzes, steifes Haar. Er bewarf uns, wo er konnte, mit irgend etwas, mit unreifen Äpfeln und Birnen und dann mit Schneeballen, und rief uns überall nach: 'Aristokratenbrut!'«