Heimatlos Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die Kinder lieb haben, 1. Band
Part 4
Aber nun hielt auf einmal der Kutscher still, denn es mußte ein Halt gemacht und ein Mittagessen eingenommen werden. Als er den Rico hinunterschwang, hielt er ihm sorgfältig seine Kappe fest, denn da war all das Geld drin, und Rico hatte genug zu tun, seine Geige zu halten.
Der Kutscher war ganz vergnügt, als er die Kappe in Ricos Hand abgab und sagte: »So ist's recht, nun kannst du auch Mittag haben.«
Die Studenten sprangen hinunter, einer nach dem anderen, und alle wollten nun den Geiger sehen, denn sie hatten ihn nicht recht sehen können von ihrem Sitze aus, und als sie nun das schmächtige Männlein sahen, da ging die Verwunderung und die Heiterkeit erst recht wieder an; sie hätten der guten Stimme nach einen größeren Menschen erwartet, nun war der Spaß doppelt groß. Sie nahmen das Büblein in ihre Mitte und zogen mit Gesang ins Wirtshaus ein. Da mußte denn an dem schöngedeckten Tisch der Rico zwischen zwei der Herren sitzen und sie sagten, er sei nun ihr Gast, und legten ihm alle drei miteinander jeder ein Stück auf den Teller, denn keiner wollte ihm weniger geben, und ein solches Mittagessen hatte Rico in seinem ganzen Leben noch nie eingenommen.
»Und von wem hast du dein schönes Lied, Geigerlein?« fragte nun einer von den dreien.
»Vom Stineli, es hat es selbst gemacht«, antwortete Rico ernsthaft.
Die drei sahen sich an und brachen in ein neues, schallendes Lachen aus.
»Das ist schön vom Stineli«, rief der eine, »nun wollen wir es gleich hoch leben lassen.«
Rico mußte auch anstoßen und tat es ganz fröhlich auf Stinelis Gesundheit.
Nun war die Zeit um, und als man wieder zum Wagen herantrat, kam ein dicker Mann auf Rico zu, der hatte einen so gewaltigen Stock in der Hand, daß man denken mußte, er habe einen jungen Baum ausgerissen. Er war in einen festen, gelb-braunen Stoff gekleidet von oben bis unten.
»Komm her, Kleiner«, sagte er, »du hast so schön gesungen. Ich habe dich gehört hier drinnen im Wagen, und ich habe es auch mit den Schafen zu tun wie du; siehst du, ich bin ein Schafhändler, und weil du so schön von den Schafen singen kannst, mußt du von mir auch etwas haben.« Damit legte er ein schönes Stück Silbergeld in Ricos Hand, denn die Kappe war indessen geleert und alles in die Tasche gesteckt worden.
Dann stieg der Mann in den Wagen an seinen Platz und Rico wurde vom Kutscher wie eine Feder hinaufgehoben; dann ging's wieder davon.
Wenn der Wagen nicht zu rasch fuhr, wollten die Studenten immer gleich Musik haben, und Rico spielte alle Melodien, deren er sich nur erinnern konnte vom Vater her, und zuletzt spielte er noch: »Ich singe dir mit Herz und Mund.«
An dieser Melodie mußten die Studenten ganz sanft entschlafen sein, denn es war alles still geworden, und nun schwieg die Geige auch, und der Abendwind kam milde herangeweht, und leise stiegen die Sternlein auf am Himmel eins nach dem anderen, bis sie strahlten ringsum, wo Rico hinsah. Und er dachte an Stineli und die Großmutter, was sie nun tun, und es fiel ihm ein, daß um diese Zeit die Betglocke läutete und die beiden ihr Vaterunser beteten. Das wollte er auch tun; es war dann so, wie wenn er bei ihnen wäre, und Rico faltete die Hände und betete unter dem leuchtenden Sternenhimmel andächtig sein Vaterunser.
Zwölftes Kapitel.
Es geht noch weiter.
Rico war auch entschlafen. Er erwachte daran, daß ihn der Kutscher packte, um ihn herunterzunehmen. Nun stieg alles aus und herunter, und die drei Studenten kamen noch auf den Rico zu und schüttelten ihm die Hand und wünschten ihm viel Glück auf seine Reise. Und einer rief: »Grüß uns auch freundlich das Stineli!«
Dann verschwanden sie in einer Straße und Rico hörte, wie sie noch einmal anstimmten: »Und die Schäflein, und die Schäflein.«
Nun stand Rico da in der dunkeln Nacht und hatte gar keinen Begriff, wo er war, und auch nicht, was er tun sollte. Da fiel ihm ein, daß er nicht einmal dem Kutscher gedankt hatte, der ihn doch so weit hatte mitfahren lassen, und er wollte es gleich noch tun.
Aber der Kutscher war mitsamt den Pferden verschwunden, und es war dunkel ringsum: nur drüben hing eine Laterne, auf diese ging Rico zu. Sie hing an der Stalltür, wo die Pferde eben hineingeführt wurden. Daneben stand der Mann mit dem dicken Stock, er schien auf den Kutscher zu warten. Rico stellte sich auch hin und wartete desgleichen.
Der Schafhändler mußte ihn in der Dunkelheit nicht gleich erkannt haben; auf einmal sagte er erstaunt: »Was, bist du auch noch da, Kleiner, wo mußt du denn deine Nacht zubringen?«
»Ich weiß nicht, wo«, antwortete Rico.
»Das wäre der Tausend! um elf Uhr in der Nacht ein solches bißchen von einem Buben wie du, und im fremden Lande --«
Der Schafhändler mußte seine Worte völlig herausblasen, denn in der Erregung kam er nicht gut zu Atem; er endigte aber seinen Satz nicht, denn der Kutscher kam aus dem Stalle, und Rico lief gleich auf ihn zu und sagte: »Ich habe Euch noch danken wollen, daß Ihr mich mitgenommen habt.«
»Das ist gerade gut, daß du noch kommst, jetzt hätte ich dich über den Rossen vergessen und wollte dich doch da einem Bekannten übergeben. Eben wollte ich Euch fragen, guter Freund«, fuhr er, zum Schafhändler gewandt, fort, »ob Ihr nicht das Büblein mitnehmen würdet, weil Ihr doch ins Bergamaskische hinabgeht. Es muß an den Gardasee hinunter, irgendwohin; es ist so eins von denen, die so hin und her -- Ihr versteht mich schon.«
Dem Schafhändler kamen allerhand Geschichten von gestohlenen und verlorenen Kindern vor Augen, er schaute Rico im Schein der Laterne mitleidsvoll an und sagte halblaut zum Kutscher: »Er sieht auch so aus, als ob es nicht sein rechtes Futteral wäre, in dem er steckt. Er wird wohl in ein Herrenmäntelchen hineingehören. Ich nehme ihn mit.«
Nachdem er noch einen Schafhandel mit dem Kutscher besprochen, nahmen die beiden Abschied voneinander, und der Schafhändler winkte Rico, daß er mit ihm kommen solle.
Nach einer kurzen Wanderung trat der Mann in ein Haus und unmittelbar in eine große Wirtsstube ein, wo er sich mit Rico in einer Ecke niederließ.
»Nun wollen wir einmal deine Barschaft ansehen«, sagte er zu Rico, »daß wir wissen, was sie erleiden mag. Wohin mußt du unten am See?«
»Nach Peschiera am Gardasee«, war Ricos unveränderliche Antwort. Er zog nun seine Geldstücke alle hervor, ein artiges Häuflein kleiner Münzen und oben darauf das größere Silberstück.
»Hast du nur das eine gute Stück?« fragte der Händler.
»Ja, nur das, von Euch hab' ich's«, entgegnete Rico.
Das gefiel dem Mann, daß er allein ein großes Stück gegeben hatte und daß es der Junge gut wußte; er bekam Lust, ihm gleich noch etwas zu geben. Als nun gerade das Essen vor sie hingestellt wurde, nickte der behäbige Mann seinem kleinen Nachbar zu und sagte: »Das bezahl' ich und das Nachtlager auch; so kommst du morgen aus mit deinem Vermögen.«
Rico war so müde von all dem Singen und Geigen und Fahren den ganzen Tag, daß er kaum mehr essen konnte, und in der großen Kammer, wo er zusammen mit seinem Beschützer die Nacht zuzubringen hatte, war er kaum in sein Bett gestiegen, als er sofort in einen tiefen Schlaf sank.
Am frühen Morgen wurde Rico von einer kräftigen Hand aus seinem festen Schlaf aufgerüttelt. Er sprang eilends aus seinem Bett; sein Begleiter stand schon reisefertig da mit dem Stock in der Hand.
Es währte aber gar nicht lang, so stand auch Rico zur Abreise bereit, die Geige im Arm. Erst traten die beiden in die Wirtsstube ein und Ricos Begleiter rief nach Kaffee. Dann ermunterte er den Jungen, er solle nur recht viel davon zu sich nehmen, denn nun komme eine lange Fahrt und eine solche, die Appetit mache.
Als das Geschäft zur Zufriedenheit abgetan war, zogen die Reisenden aus, und nach einer Strecke Wegs kamen sie um eine Ecke herum, und -- wie mußte Rico da die Augen auftun -- auf einmal sah er einen großen, flimmernden See vor sich, und ganz erregt sagte er: »Jetzt kommt der Gardasee.«
»Noch lange nicht, Bürschlein; jetzt sind wir am Comersee«, erklärte sein Schutzherr. Nun stiegen sie in ein Schiff und fuhren viele Stunden lang dahin. Und Rico schaute bald nach den sonnigen Ufern, bald in die blauen Wellen, und es wehte ihn heimatlich an. -- Jetzt legte er mit einem Male sein Silberstück auf den Tisch.
»Was, was, hast du schon zuviel Geld«, fragte der Schafhändler, der, mit beiden Armen auf seinen Stock gestützt, erstaunt dem Unternehmen zusah.
»Heute muß ich bezahlen«, sagte Rico, »Ihr habt's gesagt.«
»Du gibst doch acht, wenn man dir etwas sagt, das ist etwas Gutes; aber sein Geld legt man nicht nur so auf den Tisch, gib mir's einmal her.«
Damit stand er auf und ging, sich nach der Bezahlung umzusehen. Als er aber seinen dicken Lederbeutel hervorzog, der ganz voll solcher Silberstücke war, denn er war auf einer Handelsreise begriffen, da konnte er's nicht übers Herz bringen, des Bübleins einziges Stück herzugeben, und er brachte es wieder zurück samt der Karte und sagte:
»Da, du kannst's morgen noch besser brauchen; jetzt bist du noch bei mir und wer weiß, wie es dir nachher geht. Wenn du einmal da unten ankommst und ich nicht mehr bei dir bin, findest du dann auch ein Haus, wo du hinein mußt?«
»Nein, ich weiß kein Haus«, antwortete Rico. Der Mann hatte ein großes heimliches Erstaunen zu bewältigen, denn des Bübleins Geschichte kam ihm sehr geheimnisvoll vor. Er ließ aber nichts merken und fragte auch nicht weiter; er dachte, da komme er doch nicht ins klare; der Kutscher müsse ihm dann einmal Aufschluß geben, der wisse wohl mehr von allem, als das Büblein selbst. Mit diesem hatte er großes Mitleid, denn es mußte nun bald noch seinen Schutz verlieren.
Als das Schiff stillstand, nahm der Mann Rico an die Hand und sagte: »So verlier' ich dich nicht und du kommst besser nach, denn jetzt heißt's gut marschieren; die warten nicht.«
Rico hatte zu tun, den guten Schritten nachzukommen. Er schaute weder rechts noch links und auf einmal stand er vor einer langen Reihe ganz sonderbarer Rollwagen. Da stieg er auf einem Treppchen hinein, dem Begleiter nach, und nun fuhr Rico zum ersten Male in seinem Leben auf einer Eisenbahn. Nachdem man so eine Stunde lang gefahren war, stand der Schafhändler auf und sagte: »Jetzt kommt's an mich, da sind wir in Bergamo, und du bleibst ruhig sitzen, bis dich einer herausholt, denn ich habe alles eingerichtet, dann steigst du aus und bist da.«
»Bin ich dann in Peschiera am Gardasee?« fragte Rico. Das bestätigte sein Beschützer. Nun bedankte sich Rico recht schön, denn er hatte wohl verstanden, wie viele Guttaten ihm dieser Mann erwiesen hatte, und so schieden sie und es tat jedem leid, daß er vom anderen wegkam.
Rico saß nun ganz still in seiner Ecke und hatte Zeit zum Staunen, denn es bekümmerte sich kein Mensch mehr um ihn. So mochte er wohl gegen drei Stunden unbeweglich dagesessen haben, als der Zug wieder einmal anhielt, wie schon mehrere Male.
Jetzt trat ein Wagenführer herein, nahm den Rico beim Arm und zog ihn in Eile aus dem Wagen und die Treppe hinunter. Dann deutete er die Anhöhe hinab und sagte: »Peschiera«, und im Nu war er wieder im Wagen droben und verschwunden, der Zug sauste weiter.
Dreizehntes Kapitel.
Am fernen, schönen See.
Rico entfernte sich einige Schritte von dem Gebäude, wo der Zug angehalten hatte, und schaute um sich, dieses weiße Haus, der kahle Platz davor, der schnurgerade Weg in der Ferne, alles kam ihm so fremd vor, das hatte er in seinem Leben nie gesehen und er dachte bei sich: »Ich bin nicht am rechten Ort.« Er ging traurig weiter, den Weg hinab, zwischen den Bäumen durch; nun machte der Weg eine Wendung, und Rico stand da wie im Traum und rührte sich nicht mehr. Vor ihm lag funkelnd im hellen Sonnenschein der himmelblaue See mit den warmen, stillen Ufern, und drüben kamen die Berge gegeneinander, in der Mitte lag die sonnige Bucht, und die freundlichen Häuser daran schimmerten herüber. Das kannte Rico, das hatte er gesehen, da hatte er gestanden, gerade da, diese Bäume kannte er; wo war das Häuschen? Da mußte es stehen, ganz nah; es war nicht da.
Aber da unten war die alte Straße, o, die kannte er so gut, und dort schimmerten die großen, roten Blumen aus den grünen Blättern; da mußte auch eine schmale, steinerne Brücke sein, dort über den Ausfluß vom See, dort war er so oft hinübergegangen; man konnte sie nicht sehen.
Plötzlich rannte Rico, von brennendem Verlangen getrieben, hinauf auf die Straße und hinüber, da war die kleine Brücke -- er wußte alles --, da war er darübergegangen und jemand hielt ihn an der Hand -- die Mutter. Mit einem Male kam das Gesicht der Mutter ganz klar vor seine Augen, wie er es nie mehr gesehen hatte, viele Jahre; da hatte sie neben ihm gestanden und ihn angeschaut mit den liebevollen Augen, und den Rico übernahm es, wie noch nie in seinem Leben.
Neben der kleinen Brücke warf er sich auf den Boden und weinte und schluchzte laut: »O, Mutter, wo bist du? Wo bin ich daheim, Mutter?«
So lag er lange Zeit und mußte sein großes Leid ausweinen, und es war, als wollte sein Herz zerspringen und als sei es ein Ausbruch von allem Weh, das ihn bisher stumm und starr gemacht, wo es ihn getroffen hatte.
Als sich Rico vom Boden erhob, war die Sonne schon weit unten und ein goldener Abendschein lag auf dem See. Nun wurden die Berge violett, und ein rosiger Duft lag rings über den Ufern. So hatte Rico seinen See im Sinne gehabt und im Traum gesehen, und noch viel schöner war alles, nun er es wieder mit seinen Augen sah. Rico dachte in einem fort, wie er so dasaß und schaute und nicht genug schauen konnte: »Wenn ich doch das alles dem Stineli zeigen könnte!«
Nun war die Sonne untergegangen und das Licht erlosch ringsumher. Rico stand auf und schritt der Straße zu, wo er die roten Blumen gesehen. Von der Straße ging ein schmaler Weg dahin. Da standen sie, ein Busch am anderen, es war aber wie ein Garten anzusehen; es war freilich nur ein ganz offener Zaun darum herum, und im Garten waren Blumen und Bäume und Weinranken, alles durch- und ineinander zu sehen.
Da droben am Ende stand ein schmuckes Haus mit offener Tür, und im Garten ging ein junger Bursche hin und her und schnitt da und dort große goldgelbe Trauben von den Reben und pfiff wohlgemut ein Lied dazu.
Rico schaute die Blumen an und dachte: »Wenn Stineli diese sehen könnte!« und stand lange unbeweglich am Zaun.
Jetzt erblickte ihn der Bursche und rief ihm zu: »Komm herein, Geiger, und spiel ein schönes Liedchen, wenn du eins kannst.«
Das rief ihm der Knabe italienisch zu, und dem Rico war es ganz sonderbar dabei; er verstand, was er hörte, aber er hätte nicht so sprechen können. Er trat in den Garten ein, und der Bursche wollte mit ihm reden; wie er aber sah, daß Rico nicht antworten konnte, deutete er auf die offene Tür und machte dem Rico verständlich, daß er dort spielen solle.
Rico näherte sich der Tür, sie führte gleich in ein Zimmer hinein. Da stand ein Bettchen darin und daneben saß eine Frau und machte etwas aus roten Schnüren. Rico stellte sich vor die Schwelle und fing an sein Lied zu spielen und zu singen:
»Ihr Schäflein hinunter.«
Als er fertig war, erhob sich aus dem kleinen Bett ein bleicher Kopf von einem Knaben, der rief heraus:
»Spiel noch einmal!«
Rico spielte eine andere Melodie.
»Spiel noch einmal«, tönte es wieder.
So ging es hintereinander fünf- bis sechsmal und immer wieder ertönte aus dem Bett: »Spiel noch einmal!«
Nun wußte Rico nichts mehr; er nahm seine Geige herunter und wollte fortgehen. Da fing der Kleine an zu schreien: »Bleib da, spiel wieder, spiel noch einmal!« Und die Frau war aufgestanden und kam zu Rico her. Sie gab ihm etwas in die Hand, und Rico wußte erst nicht, was sie wollte; aber es kam ihm wieder in den Sinn, daß Stineli gesagt hatte: wenn er an einer Tür geige, so gäben ihm die Leute etwas. Dann fragte die Frau freundlich, woher er komme und wohin er gehe? Rico konnte nicht antworten. Sie fragte, ob er mit seinen Eltern da sei? da nickte er Nein; ob er allein sei? er nickte Ja; wohin er jetzt gehen wolle so am Abend? Rico schüttelte unsicher den Kopf. Da kam die Frau ein Mitleid an mit dem kleinen Fremden und sie rief den Burschen herbei und befahl ihm, er solle mit dem Knaben nach dem Wirtshaus zur »Goldenen Sonne« gehen, da verstehe der Wirt vielleicht die Sprache des kleinen Musikanten, denn er sei lange fort gewesen. Dem solle er sagen, er solle den Knaben über Nacht behalten auf ihre Rechnung und ihn auch morgen auf den rechten Weg stellen, wohin er müsse, er sei ja noch so jung -- »nur ein paar Jahre älter als der meinige«, setzte sie mitleidsvoll hinzu --, und er solle ihm auch etwas zu essen geben.
Der Kleine aus dem Bett schrie wieder: »Er muß noch einmal spielen«, und ließ nicht ab, bis die Mutter sagte: »Er kommt ja morgen wieder, jetzt muß er aber schlafen und du auch.«
Der Bursche ging nun dem Rico voran, und dieser wußte nun wohl, wohin er komme, er hatte die Worte der Frau verstanden.
Es war gute zehn Minuten bis zum Städtchen hin. Da mitten in einem Gäßchen trat der Bursche in ein Haus und unmittelbar in eine große Wirtsstube ein, die war dick voller Tabaksrauch und eine Menge Männer saßen an den Tischen herum.
Der Bursche richtete seinen Auftrag aus, und der Wirt sagte: »Es ist gut«, und die Wirtin kam auch gleich herbei und beide sahen sich den Rico von oben bis unten an. Wie aber die Gäste, die am nächsten Tische saßen, die Geige sahen, riefen gleich mehrere von ihnen: »Da gibt's Musik«, und einer rief: »Spiel auf, Kleiner, gleich, lustig!« Und sie riefen alle so durcheinander, daß der Wirt kaum fragen konnte, was der Rico für eine Sprache rede und woher er komme. Rico antwortete nun in seiner Sprache, daß er über den Maloja heruntergekommen sei, und daß er alles verstehe, was sie hier sagen, aber nicht so reden könne. Der Wirt verstand ihn und sagte, er sei auch schon da droben gewesen und sie wollten noch miteinander reden, aber jetzt solle er etwas geigen, denn die Gäste riefen noch immerfort, sie wollten Musik haben.
Da fing Rico gehorsam an zu spielen, und zwar wie immer mit seinem Liede, und sang dazu. Aber von den Gästen verstand keiner ein Wort von dem Gesang, und die Melodie kam den Zuhörern wohl ein wenig einfach vor. Die einen fingen an zu schwatzen und zu lärmen, die anderen riefen, sie wollten etwas anderes, einen Tanz oder etwas Schönes.
Rico sang unentwegt sein Lied zu Ende, denn wenn er es einmal angefangen hatte, dann sang er es durch. Wie er nun fertig war, besann er sich: einen Tanz konnte er nicht spielen, er kannte keinen; das Lied von der Großmutter ging noch langsamer, und sie konnten wieder nichts verstehen; jetzt kam ihm in den Sinn und er stimmte an:
#»Una sera In Peschiera« --#
Kaum waren die ersten melodischen Töne dieses Liedes erklungen, so entstand eine völlige Stille, und mit einem Male ertönten von da und dort und von allen Tischen her die Stimmen, und es wurde ein Chor, so schön wie Rico nie einen gehört hatte, daß er ganz in Begeisterung kam und immer feuriger spielte, und die Männer alle sangen immer eifriger, und war ein Vers zu Ende, so fing Rico gleich mit festem Zuge den neuen an, denn er wußte noch wohl von dem Vater her, wo es aufhörte. Und wie nun der Schluß kam, da brach aber nach dem schönen Gesang ein solcher Lärm los, wie Rico noch keinen gehört hatte. Alle die Menschen riefen und schrieen durcheinander und schlugen vor Freuden die Fäuste auf den Tisch, und dann kamen sie alle mit ihren Gläsern auf den Rico los, und aus jedem sollte er trinken, und zwei schüttelten ihm die Hände und einer die Schultern, und alle miteinander schrieen ihn an und machten vor lauter Freudenspektakel dem Rico angst und bange, daß er immer blässer wurde. Er hatte aber ihr eigenes Peschiera-Lied gespielt, das nur ihnen gehörte und das nie ein Fremder lernen konnte, und er hatte es fest und rein gespielt, als wäre er einer von Peschiera; das konnten die lebhaft empfindenden Peschierianer gar nicht genug aussprechen und sich freuen über den Wundergeiger und Brüderschaft mit ihm trinken.
Nun aber kam die Wirtin dazwischen mit einem Teller voll Reis und einem großen Stück Huhn oben darauf; sie winkte dem Rico und sagte es den Leuten, sie sollten ihn in Ruh' lassen, er müsse nun essen, er sei ja kreideweiß vor Anstrengung. Dann stellte sie seinen Teller auf einen kleinen Tisch in der Ecke und setzte sich zu ihm und ermunterte ihn, brav zu essen, das könne einem so mageren Bürschchen nur gut tun.
Rico fand auch sein Nachtessen vortrefflich, denn seit dem Kaffee am frühen Morgen hatte er keinen Bissen mehr gesehen, und zu dem Fasten hatte er so viel erlebt heute!
Sobald er auch seinen Teller leer hatte, fielen ihm die Augen zu vor Müdigkeit. Der Wirt war auch an den Tisch getreten und lobte den Rico für sein Spiel und fragte ihn, wem er angehöre und wohin er wolle. Rico sagte, indem er seine Augen mit Mühe offen hielt, er gehöre niemandem, und er wolle nirgendshin.
Da ermunterte ihn der Wirt freundlich, er solle nur ohne Kummer schlafen gehen, morgen könne er dann die Frau Menotti wieder besuchen, die ihn hierher geschickt habe; die sei eine gar gute Frau und könne ihn vielleicht als Knechtlein gebrauchen, wenn er nicht wisse, wohin.
Aber die Wirtin riß den Mann immer noch am Ärmel, so als ob er nicht sagen sollte, was er sagte; er redete aber doch fertig, denn er begriff nicht, was sie wollte.
Nun fingen die Männer an den Tischen wieder zu lärmen an, sie wollten noch einmal ihr Lied gespielt haben. Da rief aber die Wirtin: »Nein, nein, am Sonntag dann wieder; er fällt ja um vor Müdigkeit.« Damit nahm sie den Rico an der Hand und führte ihn hinauf in eine große Kammer, da hing das Roßgeschirr an der Wand, und in der einen Ecke war Korn aufgeschüttet, und in der anderen stand sein Bett. In wenigen Minuten lag Rico darin und schlief tief und fest.
Später, als in dem Hause alles still geworden war, da saß der Wirt noch an dem Tischchen, wo Rico gesessen, und die Frau stand vor ihm -- denn sie war noch am Aufräumen -- und sagte mit Eifer: »Den mußt du der Frau Menotti nicht wieder zuschicken; ein solches Bürschchen kann ich gerade gebrauchen zu allerhand Geschäften, und hast du denn nicht bemerkt, wie er geigen kann? Sie wurden ja alle wie wild davon. Gib acht, das gibt einen Geiger ab, wie keiner ist von unseren dreien, und Tänze spielen lernt der schon, dann hast du ihn für nichts an allen Tanztagen und kannst ihn noch ausleihen. Den mußt du gar nicht mehr aus der Hand lassen, er sieht manierlich aus und gefällt mir; den behalten wir.«
»Es ist mir auch recht«, sagte der Wirt und sah ein, daß seine Frau etwas Vorteilhaftes ausgedacht hatte.
Vierzehntes Kapitel.
Neue Freundschaft und die alte nicht vergessen.
Am Morgen darauf stand die Wirtin unter der Haustür und hielt ihre Umschau über das Wetter und was sich etwa über Nacht ereignet habe. Da kam der Bursche der Frau Menotti dahergegangen; der war zugleich Herr und Knecht auf dem schönen, fruchtreichen Gute der Frau, denn er verstand die Garten- und Feldarbeit und regierte und besorgte alles selbst und hatte es gut. Darum pfiff er auch fortwährend.
Als er nun vor der Wirtin stand, stellte er das Pfeifen ein wenig ein und sagte: wenn der junge Musikant von gestern Abend noch nicht weiter sei, so solle er zur Frau Menotti herüberkommen, das Büblein wolle ihn noch einmal geigen hören.
»Ja, ja, wenn es der Frau Menotti nur nicht zu stark pressiert«, sagte die Wirtin, indem sie beide Arme in die Seite stemmte, zum Zeichen, daß sie nicht in der Eile sei. »Vorderhand liegt der Musikant oben in seinem guten Bett und schläft noch tapfer, und ich gönne ihm seinen Schlaf. Der Frau Menotti könnt Ihr sagen, ich wolle ihn einmal vorbeischicken, denn er gehe nicht weiter, sondern ich habe ihn auf- und angenommen für gut; denn er ist ein verlassenes Waisenkind, das nicht wußte, wohin, und nun ist er wohl versorgt«, setzte sie mit Nachdruck hinzu.
Der Bursche ging mit seinem Auftrag.