Heimatlos Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die Kinder lieb haben, 1. Band

Part 16

Chapter 161,169 wordsPublic domain

Der gute Andres konnte nichts sagen, die hellen Tränen liefen ihm die Wangen hinunter; dabei aber lachte ihm eine solche Freude aus den nassen Augen, daß es dem Wiseli nicht bange wurde. Als er aber endlich etwas sagen wollte, da hörte man nichts davon, denn in dem Augenblick wurde mit einem ungeheuren Knall die Tür aufgeschlagen und herein sprang mit einem Satz bis mitten in die Stube der Otto, dann machte er noch einen großen Sprung über einen Stuhl weg und rief: »Juhe, wir haben's gewonnen, und das Wiseli ist erlöst!« Hinter ihm stürzte das Miezchen hervor, rannte gleich auf seinen Freund los und sagte mit bedeutungsvollem Winken gegen die Tür hin: »Jetzt, Andres, wirst du gleich sehen, was kommt zum Genesungsfest!«, und eh' es noch fertig gesprochen, arbeitete der Bäckerjunge sich zur Tür herein mit einem so ungeheuren Brett auf dem Kopf, daß er in der Tür stecken blieb und nicht damit weiterdringen konnte. Aber von hinten kam eine kräftige Hand, die hob und schob und stützte das wankende Gebäude, bis es glücklich in der Stube angelangt und auf den Tisch gesetzt war, den es gänzlich bedeckte, von oben bis unten. Denn Otto und Miezchen hatten ersonnen, aus ihren Sparbüchsen zum Genesungsfest den allergrößten Rahmkuchen machen zu lassen, den ein Mensch machen könnte. Da er nun zu klein geworden wäre als runder Kuchen, so hatte man ihn viereckig gemacht, so daß er den Ofen ausfüllte von vorn bis hinten und nun den ganzen Tisch bedeckte. Auf den Boden hin stellte nun die Trine, die hinter dem Bäckerjungen hilfreich hereingekommen war, ihren großen Korb nieder; da war ein schöner Braten darin und stärkender Wein dazu, denn die Frau Oberst hatte gesagt, heute habe der Andres gewiß noch keinen Bissen gegessen, und vielleicht noch dazu das Wiseli nicht, und so war es auch, und jetzt merkte es auch das Wiseli auf einmal, als es alle die einladenden Sachen vor sich sah. Nun setzte sich die ganze Gesellschaft zu Tisch, und man konnte gar nicht absehen, wer von allen das fröhlichste Gesicht am Tische hatte. Vor allem mußte der Riesenkuchen in der Mitte zerschnitten und die Hälfte auf den Boden gelegt werden, daß man Platz bekam, und nun folgte ein Festessen von so fröhlicher Art, daß noch gar nie ein fröhlicheres stattgefunden hat, denn jedem, das an diesem Tisch saß, war sein höchster Wunsch in Erfüllung gegangen.

Wie es nun spät geworden war unter all der Freude und man endlich vom Tisch aufstehen mußte -- denn die Trine stand schon lange bereit zum Abholen --, da sagte Andres: »Heut' habt ihr das Fest bereitet, aber auf den Sonntag will ich auch eins bereiten, dann kommt ihr wieder, und das soll das Fest des Einstandes sein für mein Töchterchen.«

Nun schüttelten sich alle die Hände in der frohen Aussicht auf ein neues herrliches Fest und auf die immerwährende Befriedigung, das Wiseli beim Schreiner Andres zu wissen. Unter der Tür aber gab Wiseli dem Otto noch einmal die Hand und sagte:

»Ich danke dir hunderttausendmal für alles Gute, Otto. Der Chäppi hat mir auch nie mehr etwas an den Kopf geworfen, weil er nicht durfte; das habe ich nur dir zu danken.«

»Und ich danke dir auch, Wiseli«, entgegnete Otto; »ich habe gar nie mehr die Fetzen auflesen müssen in der Schule; das habe ich nur dir zu danken.«

»Und ich auch«, behauptete Miezchen, denn es wollte nicht weniger erfreuliche Erfahrungen gemacht haben.

Als nun in dem Stübchen alles still geworden war und der Mondschein leise durchs Fenster hereinkam, bei dem der Schreiner Andres abgesessen war, während das Wiseli noch alles aufräumen wollte, da kam es zu ihm heran und sagte, indem es seine Hände faltete:

»Vater, soll ich nicht den Liedervers der Mutter dir laut vorbeten? Ich hab' ihn heut' Abend immer wieder leise für mich sagen müssen, den will ich gewiß mein ganzes Leben lang nie vergessen.«

Andres war sehr zufrieden, den Vers zu hören, und Wiseli schaute zu den Sternen auf und sagte tief aus seinem Herzen heraus:

»Befiehl du deine Wege, Und was dein Herze kränkt, Der allertreu'sten Pflege Des, der den Himmel lenkt.

Der Wolken, Luft und Winden Gibt Wege, Lauf und Bahn, Der wird auch Wege finden, Da dein Fuß gehen kann.«

* * * * *

Von diesem Tage an war und blieb das allerglücklichste Haus im ganzen Dorf und im ganzen Land das Häuschen des Schreiners Andres mit dem sonnigen Nelkengarten. -- Wo seither das Wiseli sich blicken ließ, da waren alle Leute so freundlich mit ihm, daß es nur staunen mußte. Denn vorher hatten sie es nie beachtet, und der Vetter-Götti und die Base gingen nie am Haus vorbei, ohne schnell hereinzukommen und ihm die Hand zu geben und zu sagen, es solle auch zu ihnen kommen.

Über diese Wendung war das Wiseli froh, denn es hatte immer einen heimlichen Schrecken gehabt beim Gedanken, was der Vetter-Götti zu allem sagen werde. So war Wiseli von aller Angst befreit und ging fröhlich seinen Weg; im stillen aber dachte es oftmals: »Der Otto und die Seinigen waren gut mit mir, als es mir schlecht ging und ich gar niemand mehr auf der Welt hatte; aber die anderen Leute sind erst freundlich mit mir geworden, seit es mir gut geht und ich einen Vater habe; ich weiß ganz gut, wer es am besten mit mir meint.«

Druck von Friedrich Andreas Perthes, Aktiengesellschaft, Gotha.

[Anmerkungen zur Transkription: Diese elektronische Buch wurde auf Grundlage der ca. 1920 erschienenen siebzehnten Auflage erstellt; das Buch bildet den ersten Band der Serie »Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die Kinder lieb haben« von Johanna Spyri. Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller im elektronischem Buch gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.

S. 025: sa daß es Rico ein Mal über das andere -> so daß S. 028: in den Korpf gesetzt -> Kopf S. 070: schanten zwei große Augen -> schauten S. 073: [Punkt ergänzt] wollten mit ihrem Lied beginnen. S. 152: [öffnendes Anführungszeichen ergänzt] »Ach nein, Max« S. 165: [öffnendes Anführungszeichen ergänzt] »und dann möchte ich S. 199: kein Wort sagen zn wollen -> zu S. 232: denn ich dem Augenblick -> in dem Augenblick

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. Textauszeichnungen wurden folgendermaßen ersezt:

Sperrung: _gesperrter Text_ Antiquaschrift: #Antiquatext# ]

[Transcriber's Note: This ebook has been prepared from the scans of a seventeenth edition copy, published ca. 1920; the book forms the first volume of the series »Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die Kinder lieb haben« by Johanna Spyri. The table below lists all corrections applied to the original text.

p. 025: sa daß es Rico ein Mal über das andere -> so daß p. 028: in den Korpf gesetzt -> Kopf p. 070: schanten zwei große Augen -> schauten p. 073: [added period] wollten mit ihrem Lied beginnen. p. 152: [added opening quotes] »Ach nein, Max« p. 165: [added quotes] Kartoffeln abreißend, »und dann möchte ich p. 199: kein Wort sagen zn wollen -> zu p. 232: denn ich dem Augenblick -> in dem Augenblick

The original book is printed in Fraktur font. Marked-up text has been replaced by:

Spaced-out: _spaced out text_ Antiqua: #text in Antiqua font# ]