Heimatlos Geschichten für Kinder und auch für solche, welche die Kinder lieb haben, 1. Band
Part 11
'Er wird auch Wege finden, Da dein Fuß gehen kann.'«
Nun legte die Mutter sich müde hin und entschlief, und Wiseli wollte sie nicht wecken. Es legte sich mäuschenstille an sie heran, und bald schlief es auch ganz fest. So brannte die kleine, matte Lampe in dem stillen Stübchen fort, immer matter, bis sie von selbst erlosch und das Häuschen dunkel dastand auf dem hellen Mondscheinplatz.
Als am folgenden Morgen die Nachbarin um das Haus herum zum Brunnen ging, schaute sie durch das niedere Fenster in das Stübchen herein, wie sie immer tat im Vorbeimarsch. Da sah sie, wie Wiselis Mutter auf dem Kissen schlief und wie das Kind daneben stand und weinte. Das kam ihr so sonderbar vor, sie mußte nachsehen, was da geschehen sei. Sie machte ein wenig die Tür auf und sagte: »Was hast du, Wiseli; ist die Mutter kränker?« Wiseli schluchzte zum Erbarmen und stöhnte hervor: »Ich weiß nicht, was die Mutter hat.«
Das arme Kind ahnte wohl, was mit der Mutter war, aber es konnte ja nicht begreifen, daß es sie verloren hatte. Sie war ja noch da, aber sie war entschlafen für das ganze Erdenleben, sie hörte nicht mehr, wie ihr Wiseli sie rief. Die Nachbarin trat zu dem Kissen am Fenster und schaute die schlafende Frau an; dann trat sie erschrocken zurück und sagte: »Geh schnell, Wiseli, lauf und hol deinen Vetter-Götti, er soll auf der Stelle herkommen, du hast ja sonst niemand, und es muß jemand zu der Sache sehen; lauf recht, ich will warten, bis du wiederkommst.« Das Kind lief davon, aber es konnte nicht lange so weiter laufen, sein Herz war so schwer und alle seine Glieder zitterten so sehr, daß Wiseli auf einmal mitten auf dem Wege sich hinsetzen und laut weinen mußte, denn jetzt wurde es ihm immer deutlicher in seinem Herzen, daß die Mutter nicht mehr erwachen werde. Es stand dann wieder auf und lief weiter, aber zu weinen konnte es nicht mehr aufhören, denn in seinem Herzen wurde der Jammer immer größer. Am Buchenrain, wohl eine Viertelstunde von der Kirche weg, stand das Haus von dem Vetter-Götti, wo Wiseli jetzt eben ankam und weinend unter die Tür trat. Die Base stand in der Küche und fragte kurz: »Was ist mit dir?« Wiseli sagte halblaut zwischen dem Schluchzen durch, die Nachbarin habe es geschickt, daß der Vetter-Götti schnell komme zur Mutter. Die Base sah das Kind an, sie mochte denken, es sei mit der Mutter schlimm, denn weniger barsch, als sie sonst redete, sagte sie: »Ich will es ihm sagen, geh nur wieder heim, er ist jetzt nicht da.« Da kehrte Wiseli wieder um und kam schneller zurück, als es vorwärts gekommen war, denn es ging ja noch zur Mutter. Die Nachbarin stand vor der Tür, drinnen hatte sie nicht warten wollen, es war ihr nicht heimlich. Aber das Wiseli schlich hinein und setzte sich ganz nahe zur Mutter, so wie es die Nacht durch neben ihr gesessen hatte; da saß es ganz still und weinte und von Zeit zu Zeit sagte es halblaut: »Mutter!« Sie gab keine Antwort mehr. Da sagte Wiseli, sich zu ihr hinbeugend: »Gelt, Mutter, du hörst mich wohl, wenn du jetzt schon im Himmel bist, und ich dich nicht mehr hören kann.« So saß das Wiseli noch neben seiner Mutter und hielt sie fest, als schon die Mittagszeit vorüber war. Da trat der Vetter-Götti in das Stübchen, schaute sich ein wenig darin um und rief dann die Nachbarin herein. »Ihr müßt die Frau hier zurecht machen, Ihr wißt schon, wie ich meine«, sagte er, »so daß alles fertig ist zum Wegholen. Dann nehmt den Schlüssel zu Euch, daß da nichts wegkommt.« Dann wandte er sich zu Wiseli und sagte: »Wo sind deine Kleider, Kleines? Such sie zusammen und pack sie in ein Bündelchen, dann gehen wir.« -- »Wohin gehen wir denn?« fragte Wiseli zaghaft. -- »Heim gehen wir«, war die Antwort; »an den Buchenrain, da kannst du bei uns sein, du hast niemand mehr auf der Welt, als deinen Vetter-Götti.« Das Wiseli befiel ein lähmender Schrecken, -- nach dem Buchenrain sollte es gehen und da daheim sein. Es hatte von jeher eine große Furcht vor der Base gehabt und jedesmal eine Zeitlang vor der Tür gewartet, wenn es dem Vetter-Götti etwas hatte berichten müssen, aus lauter Angst, die Base fahre es an. Dann war der älteste Sohn im Hause, der gewalttätige Chäppi, und dann kamen noch der Hans und der Rudi, die warfen allen Kindern Steine nach. Bei denen sollte es nun daheim sein.
Das Wiseli stand bleich und unbeweglich vor Schrecken da. »Du mußt dich nicht fürchten, Kleines«, sagte der Vetter-Götti freundlich; »es sind wohl mehr Leute bei uns im Hause als da, aber das ist desto lustiger für dich.« Wiseli legte still seine Sachen zusammen in ein Tuch und knüpfte je zwei Zipfel davon kreuzweis ineinander; dann band es sein Tüchlein um den Kopf und stand fertig da.
»So«, sagte der Vetter, »nun gehen wir«, und schritt der Tür zu. Auf einmal schluchzte Wiseli laut auf: »Dann muß ja die Mutter ganz allein sein.«
Es war wieder zu ihr hingelaufen und hielt sie fest.
Der Vetter-Götti stand ein wenig verblüfft da; er wußte nicht recht, wie er dem Kinde erklären sollte, wie es mit seiner Mutter sei, wenn es das nicht von selbst begriff, denn Erklären war nicht seine Sache, das hatte er nie probiert; er sagte also: »Komm jetzt, komm! Ein Kleines, wie du eins bist, muß folgen; komm und mach nur kein Geschrei, das hilft gar nichts.« Wiseli würgte sein Schluchzen hinunter und folgte lautlos dem Vetter-Götti durch die Tür nach. Nur einmal sah es noch zurück und sagte ganz leise: »Behüte Gott, Mutter!« Dann wanderte es mit seinem Bündelchen am Arm aus dem kleinen Hause, wo es daheim gewesen war. Eben als die beiden miteinander querfeldein gingen, kam von oben herunter die Trine gegangen, einen gedeckten Korb am Arm tragend. Noch stand die Nachbarin unter der Tür und schaute dem Vetter-Götti und dem Kinde nach. Die Trine trat auf sie zu und sagte: »Heute bring' ich der kranken Frau was Rechtes, aber ein wenig spät, wir haben den Herrn Onkel zum Besuch, da wird es immer spät.« -- »Und wenn Ihr auch am Morgen früh gekommen wäret, so wäret Ihr zu spät gekommen heut', sie ist in der Nacht gestorben.« -- »Es wird doch nicht sein«, rief die Trine erschrocken aus; »ach du mein Trost, was wird meine Frau sagen.« Damit kehrte die Trine um und lief stracks ihren Weg zurück.
Die Nachbarin trat in das stille Stüblein ein und machte Wiselis Mutter so zurecht, wie sie in ihrem letzten Bettlein liegen mußte.
Viertes Kapitel.
Beim Vetter-Götti.
Als das Wiseli hinter dem Vetter-Götti drein in das Haus hereintrat am Buchenrain, da kamen die drei Buben aus der Scheune hergestürzt, liefen hinter der Ankommenden her in die Stube herein und stellten sich mitten drin auf, und alle drei sperrten die Augen auf an das Wiseli hinan, das ganz schüchtern dastand. Aus der Küche kam die Base herein und schaute das Wiseli ebenfalls an, wie wenn sie es noch nie gesehen hätte.
Der Vetter-Götti setzte sich hinter den Tisch und sagte: »Ich meine, man könnte etwas nehmen; das Kleine hat, denk' ich, heut' noch wenig gehabt. Komm, sitz ab«, sagte er, zu Wiseli gewandt, das immer noch auf demselben Platze stand, sein Bündelchen in der Hand. Es gehorchte. Jetzt holte die Base Most und Käse und legte das große Schwarzbrot auf den Tisch. Der Vetter-Götti schnitt ein tüchtiges Stück ab und legte einen Brocken Käse darauf, dann schob er es vor das Kind hin: »Da, iß, Kleines, wirst wohl Hunger haben.«
»Nein, ich danke«, sagte Wiseli leise; es hätte keinen Brosamen herunterschlucken können, denn Leid und Angst und Weh schnürten es so zusammen bis an den Hals hinauf, daß es kaum atmen konnte. Die Buben standen immer da und starrten es an. »Mußt dich nicht fürchten«, sagte der Vetter-Götti ermunternd, »iß nur zu.« Aber das Wiseli saß unbeweglich und berührte sein Brot nicht. Die Base war bis jetzt auch geblieben und hatte das Kind angeschaut von oben bis unten, mit beiden Armen in die Seite gestemmt. »Wenn's dir nicht recht ist, so kannst du's nur bleiben lassen«, sagte sie nun, kehrte sich um und ging wieder in die Küche.
Als der Vetter-Götti sich genugsam erfrischt hatte, stand er auf und sagte: »Nimm's in die Tasche, nachher kommt's dir schon, daß du essen magst, mußt dich nur nicht fürchten.« Damit ging auch er in die Küche hinaus. Wiseli wollte gehorchen und die beiden Stücke in die Tasche stecken, aber diese war viel zu klein, es legte wieder alles auf den Tisch.
»Ich will dir schon helfen«, sagte Chäppi, schnappte die Stücke vom Tisch weg und wollte sie zu dem offenen Mund führen, sie fuhren aber in die Luft hinauf, denn der Hans hatte von unten herauf Chäppis Hand einen tüchtigen Puff gegeben, damit ihr die Beute entfalle und er sie erwische; in dem Augenblick aber huschte der Rudi schnell auf den Boden und haschte den Fang weg. Jetzt stürzten die beiden Größeren auf ihn, und einer fiel über den anderen hinaus, und nun ging es an ein Schlagen und Raufen und Lärmen und Heulen, daß es dem Wiseli angst und bange wurde. Jetzt machte der Vater die Küchentür wieder auf und rief in die Stube hinein: »Was ist das?« Da riefen die drei Buben am Boden alle durcheinander, und es tönte immer wieder: »Das Wiseli wollte nicht«, »das Wiseli hatte keinen« und »weil das Wiseli keins wollte«. Da rief der Vater noch lauter: »Wenn das nicht aufhört da drinnen, so will ich mit dem Lederriemen kommen!« Dann schlug er die Tür wieder zu. Das »da drinnen« hörte aber noch nicht auf, sondern sowie die Tür zu war, ging's erst recht los, denn der Hans hatte erfunden, daß das wirksamste Mittel, den Feind zu erschrecken, sei, ihm in die Haare zu fahren, was die anderen sogleich auch begriffen, und so standen sie nun alle drei jeder mit beiden Händen an den Haaren eines anderen reißend und dazu ein fürchterliches Geschrei ausstoßend. In der Küche saß die Base auf einem Schemel und schälte Kartoffeln. Als ihr Mann die Stubentür wieder zugemacht hatte, sagte sie: »Was hast du mit dem Kind im Sinn? Warum hast du es gleich mit heimgenommen?«
»Es wird, denk' ich, bei jemandem sein müssen; ich bin der Vetter-Götti, und andere Verwandte hat es keine mehr. Und du kannst es ja schon brauchen; so etwas wie du dort machst, kann es dann machen. So kannst du etwas Besonderes tun. Du sagst ja immer, die Buben geben dir mehr zu tun, als eben recht.«
»Ja wegen dessen«, warf die Base hin, »das wird eine schöne Hilfe sein. Du kannst ja hören, wie es zugeht drinnen in der ersten Viertelstunde schon, daß es da ist.«
»Das habe ich schon manchmal gehört, lang eh' das Kleine da war; es hat, denk' ich, nicht viel damit zu tun«, sagte der Vetter ruhig.
»So«, entgegnete die Base eifrig, »hast du denn nicht gehört, daß sie alle miteinander etwas von dem Wiseli riefen?«
»Sie werden etwas rufen müssen, das war nie anders«, meinte der Vetter. »Diesem Kleinen wirst du, denk' ich, wohl noch Meister werden, es ist kein bösartiges, das habe ich schon gemerkt, es kann auch folgen, besser als die Buben.« Das war der Base fast zu viel. »Ich meine, es war nicht nötig, daß man es jetzt schon gegen die Buben aufstifte«, sagte sie, die Häute immer schneller von den Kartoffeln abreißend, »und dann möchte ich nur das wissen, wo das Kind schlafen soll.«
Der Vetter schob ein paarmal die Kappe auf seinem Kopf hin und her, dann sagte er geruhlich: »Man kann nicht alles an einem Tag machen. Es wird wohl bis jetzt in einem Bett geschlafen haben, denk' ich, und das wird es wieder bekommen. Morgen will ich dann zum Pfarrer gehen; heut' kann es auf der Ofenbank schlafen, da ist's ja warm. Dann kann man einen Verschlag machen, wo es in unsere Kammer hineingeht; da kann man sein Bett hineinschieben.«
»Ich habe mein Lebtag nie gehört, daß man zuerst das Kind bringt und dann acht Tage nachher das Bett, das dazu gehört«, warf die Base hin, »und dann möcht' ich auch wissen, wer das bezahlen muß, wenn man noch bauen soll, um des Kindes willen.«
»Wenn uns die Gemeinde das Kleine zuerkennt, so muß sie auch etwas an den Unterhalt geben«, erklärte der Vetter; »ich nehme es dann noch immer billiger an, als ein anderer es tun würde; es ist ihm auch am wohlsten bei uns.«
Mit dieser Überzeugung ging der Vetter in den Stall hinaus und rief noch zurück, der Chäppi solle ihm nachkommen. Es war schwierig für die Base, sich Gehör zu verschaffen drinnen in der Stube, als sie den Auftrag ausrichten wollte. Da standen noch die drei im hitzigsten Gefecht, vom lautesten Kriegsgeschrei begleitet. »Es nimmt mich nur wunder, daß du dem so zusiehst und kein Wort zum Frieden sagst«, warf die Base dem Wiseli hin, das sich scheu an die Wand drückte und sich kaum rühren durfte. Nun wurde der Chäppi in den Stall geschickt, und die beiden anderen liefen ihm nach. »Kannst du stricken?« fragte dann die Base das Wiseli; es sagte schüchtern: ja, Strümpfe könne es stricken. »So nimm die«, sagte die Base und nahm aus dem Schrank einen großen braunen Strumpf heraus mit einem Garn fast so dick wie Wiselis Finger. »Du bist am Fuß, gib acht, daß er nicht zu kurz wird, er ist für den Vetter-Götti.« Nun ging sie wieder in die Küche, und Wiseli setzte sich auf die Ofenbank und mußte den langen Strumpf auf seinem Schoß zusammenhalten, der war so schwer, daß er ihm ganz die Hände herunterzog, wenn er hing, so daß es die Nadeln nicht führen konnte. Es hatte aber kaum recht angefangen an seiner Arbeit, als die Base wieder hereinkam. »Du kannst jetzt herauskommen in die Küche«, sagte sie; »du kannst sehen, wie ich alles mache, so kannst du mir an die Hand gehen nach und nach.« Wiseli gehorchte und sah draußen der Base zu, so viel es konnte; aber immer schossen ihm wieder die Tränen in die Augen, und dann sah es nichts mehr, denn es mußte denken, wie es war, wenn es so der Mutter nachlief in die Küche, und wie sie mit ihm redete und es immer wieder streichelte, und es an ihr hing. Es fühlte aber wohl, daß es nicht herausweinen dürfe, und schluckte und schluckte, daß es fast meinte, es werde erwürgt. Die Base sagte ein paarmal: »Gib acht! so weißt du's nachher.« Sie ließ es dann aber stehen und fuhr in der Küche herum. So ging es eine gute Zeit lang, dann hörte man ein ganz erschreckliches Gestampfe auf dem Hausgang, und die Base sagte: »Mach schnell die Tür auf, sie kommen«; denn der Lärm kam vom Vetter und den Buben her, die draußen den Schnee von den Schuhen stampften. Wiseli machte die Tür nach der Stube auf und die Base hob eine große Pfanne vom Feuer und fuhr eilends damit in die Stube hinein, wo sie den ganzen Haufen geschwelter Kartoffeln auf den Schiefertafeltisch ausschüttete. Dann lief sie zurück und brachte ein großes Becken voll saurer Milch herein und sagte: »Leg auf den Tisch, was in der Schublade liegt, so können sie zusitzen.« Wiseli zog schnell die Schublade aus, da lagen fünf Löffel und fünf Messer, die legte es hin, und nun war der Abendtisch fertig. Der Vetter und die Buben waren hereingekommen und saßen gleich fest auf den Bänken am Tisch den Fenstern entlang. Unten am Tisch stand ein Stuhl; darauf hin wies nun der Vetter-Götti und sagte: »Es kann, denk' ich, dort sitzen, oder nicht?«
»Freilich«, sagte die Base, die auch einen Stuhl für sich bereit hatte auf der Seite gegen die Küche zu, sie saß aber nur eine Sekunde darauf still, dann lief sie wieder in die Küche und kam zurück und saß geschwind wieder zu einem Löffel voll Milch nieder; dann lief sie von neuem. Es wußte niemand, warum das so sein mußte, denn das Kochen war ja ganz zu Ende; aber es war immer so, und wenn der Vetter einmal sagte: »Sitz doch und iß einmal«, so kam sie erst recht in die Eile und sagte, sie habe nicht Zeit, so lang zu sitzen, und der Sache draußen werde wohl jemand nachsehen müssen. Als sie jetzt zum zweiten Male hereingeschossen kam und eilig eine Kartoffel schälte, fiel ihr Wiselis Untätigkeit auf, das neben ihr saß, die Hände in den Schoß gelegt. »Warum issest du nicht?« fuhr sie es an. »Es hat keinen Löffel«, sagte Rudi, der auf der anderen Seite neben ihm saß und schon lange den Grund herausgefunden hatte, warum jemand an einem Tisch sitzen kann, ohne zu essen, solange noch etwas da ist. »Ja so«, sagte die Base; »wem wäre es aber auch in den Sinn gekommen, daß man auf einmal sechs Löffel haben muß, man brauchte ja immer nur fünf, und ein Messer wird auch sein müssen. Warum kannst du aber auch nichts sagen? du wirst wohl wissen, daß man zum Essen einen Löffel braucht.« Diese Worte waren an das Wiseli gerichtet.
Es schaute die Base scheu an und sagte leise: »Es ist gleich, ich brauche keinen, ich habe keinen Hunger.« -- »Warum nicht?« fragte die Base; »bist du anders gewöhnt? Ich habe nicht im Sinn, zu ändern.« -- »Es ist, denk' ich, besser, man lasse das Kleine zuerst ein wenig gehen, man muß es nicht zu fürchten machen«, sagte der Vetter-Götti beschwichtigend; »es kommt schon besser.« Nun ließ man das Wiseli in Ruh', die anderen setzten ihre Tätigkeit noch eine gute Zeit lang fort. Das Kind saß unbeweglich dabei, bis endlich der Vater aufstand, noch einmal die Pelzkappe vom Nagel nahm und nach der Stallaterne suchte, denn der Fleck sei krank geworden, da mußte er noch einmal hinaus. Der Tisch war schnell wieder in Ordnung. Die Kartoffelschalen wurden mit den Händen in das leere Milchbecken heruntergewischt, dann die Schiefertafel abgewaschen, und wie die Base damit zu Ende war, sagte sie, zu Wiseli gewandt: »Du hast gesehen, wie ich's mache, das kannst du von nun an tun.« Jetzt setzte sich der Chäppi wieder fest hinter den Tisch; er hatte seinen Griffel und sein Rechenbuch geholt und machte Anstalten, seine Rechnungsaufgaben vor sich auf den Tisch zu schreiben. Erst starrte er aber eine Weile auf das Wiseli hin, das seinen braunen Strumpf wieder vorgenommen hatte, aber sehr hilflos dasaß, denn es konnte keine Masche sehen in seinem Winkel, und zum Tisch zu sitzen, auf dem die trübe Öllampe stand, wagte es nicht.
»Du wirst auch etwas tun können«, rief auf einmal Chäppi erbost zu ihm hinüber, »du bist nicht das Geschickteste in der Schule.« Wiseli wußte nicht, was sagen, es war ja gar nicht in der Schule gewesen heute, und es wußte nicht, was zu tun war, es war ja überhaupt ganz aus aller Ordnung und Fassung. »Wenn ich rechnen muß, so mußt du auch, oder dann tu' ich's auch nicht«, rief der Chäppi wieder. Wiseli hielt sich mäuschenstill. »So, dann ist's recht«, fuhr Chäppi lärmend fort, »so tu' ich keinen Strich mehr an der Arbeit.« Damit warf er seinen Griffel weg. »So, so, dann tu' ich auch nichts«, rief der Hans aus und steckte ganz erleichtert sein Einmaleins wieder in den Schulsack, denn das Lernen war ihm das Bitterste, das er kannte. -- »Ich will es schon dem Lehrer sagen, wer an allem schuld ist«, fing Chäppi wieder an, »du kannst dann nur sehen, wie es dir geht.« So hätte Chäppi wohl noch eine Zeitlang seinem bösen Wesen Luft gemacht, wenn nicht der Vater schon aus dem Stall zurückgekommen wäre. Er trug zwei große, leere Futtersäcke auf der Achsel herein und kam damit auf den Tisch zugeschritten. »Mach Platz«, sagte er zu Chäppi, der beide Ellbogen auf den Tisch gestemmt hielt und den Kopf darauf. Dann breitete er die Säcke aus, faltete sie zusammen, noch einmal und noch einmal; dann ging er nach der Ofenbank und legte das Paket darauf hin. »So«, sagte er befriedigt, »das ist gut! Und wo hast dein Bündelchen, Kleines?« Wiseli holte es aus einer Ecke hervor, wo es bis jetzt gelegen hatte, und schaute mit Erstaunen zu, wie der Vetter-Götti das Bündelchen am oberen Ende des Pakets auf die Ofenbank hin drückte, daß es nicht so ganz kugelrund bleibe.
»So, da kannst du schlafen«, sagte er nun, zu Wiseli sich umkehrend; »frieren mußt du nicht, der Ofen ist heiß, und auf das Bündelchen kannst du den Kopf legen, so liegst du wie im Bett. Und mit euch dreien ist's auch Zeit ins Bett, hurtig!« Damit nahm er die Öllampe vom Tisch und ging der Küche zu, die drei Buben stampften hinter ihm her. Bei der Tür kehrte er sich noch einmal um und sagte: »So schlaf wohl. Mußt nicht mehr nachsinnen heut', denn es kommt dann schon besser.« Dann ging er hinaus. Nun kam die Base noch einmal herein mit einem Öllämpchen in der Hand und beschaute sich das Lager. »Kannst du liegen da?« fragte sie. »Du hast es ja warm hier am Ofen, manches hat kein Bett und muß dazu erst noch frieren; es kann dir auch noch so gehen, sei du nur froh, daß du einstweilen unter einem guten Dach bist. Gute Nacht!« -- »Gute Nacht!« sagte Wiseli leise zurück; die Base hatte es aber jedenfalls nicht gehört, denn sie war schon halb draußen, als sie gute Nacht wünschte, und hatte die Tür gleich hinter sich zugemacht. Jetzt saß Wiseli da in der dunkeln Stube, alles war auf einmal ganz still ringsum, es hörte keinen Ton mehr. Der Mond schien ein wenig durch das eine Fenster herein, so daß Wiseli wieder erkennen konnte, wo die Ofenbank war, darauf es schlafen sollte. Es ging nun gleich dahin und setzte sich auf sein Lager. Zum ersten Male heute, seit es die Mutter verlassen hatte, war es nun allein und konnte sich besinnen, was mit ihm war. Die ganze Zeit bis jetzt war es in einer steten Spannung gewesen, denn alles hatte ihm Angst und Furcht eingeflößt, was es gesehen und gehört hatte, seit es von der Mutter weg war, und noch hatte es gar nicht weiter gedacht, nur von einem Augenblick auf den anderen sich gefürchtet. Nun saß es da, zum ersten Male in seinem Leben ohne die Mutter, und ganz klar und deutlich kam ihm nun der Gedanke, daß es sie gar nie mehr sehen werde, daß es gar nie mehr mit ihr reden und sie hören könnte. Jetzt kam auf einmal ein solches Gefühl der Verlassenheit über das Wiseli, daß es ihm gerade vorkam, als sei es mutterseelenallein und verloren auf der Welt, und gar kein Mensch kümmere sich mehr um es, und so müsse es nun ganz allein und im Dunkeln bleiben und umkommen. Und über das Wiseli kam ein solches Elend, daß es den Kopf auf sein Bündelchen drückte und ganz bitterlich zu weinen anfing und trostlos einmal über das andere sagte: »Mutter, kannst du mich nicht hören? Mutter, hörst du mich nicht?« Aber die Mutter hatte dem Wiseli oft gesagt, wenn es einem Menschen schlimm gehe und er leiden müsse, dann sei er froh, daß er zum lieben Gott im Himmel schreien könne, der höre ihn immer an und wolle ihm gern helfen, wenn gar keine Menschen ihm mehr zuhören wollen oder helfen können. Das kam dem Wiseli in den Sinn, und auf einmal saß es wieder auf und schluchzte laut: »Ach, lieber Gott im Himmel, hilf mir auch. Es ist mir so angst, und die Mutter hört mich nicht mehr!« Und so betete es zwei- oder dreimal, und dann wurde es ein wenig stiller und ruhiger; es gab ihm einen Trost ins Herz, nun es fühlte, daß doch der liebe Gott im Himmel noch da sei, zu dem es eben gerufen hatte, so war es doch nicht ganz, ganz allein. Jetzt stiegen ihm auch die Worte auf, die ihm die Mutter ganz zuletzt noch gesagt hatte: »Wenn du einmal keinen Weg mehr vor dir siehst und es dir ganz schwer wird« -- so war es jetzt schon gekommen, und doch hatte es noch nicht gewußt, wie das kommen konnte, als die Mutter so sagte --, dann, hatte sie gesagt, solle es daran denken, wie es heiße in seinem Liede:
»Er wird auch Wege finden, Da dein Fuß gehen kann.«
Jetzt verstand auch Wiseli mit einem Male, was die Worte bedeuteten, die es vorher nur so hingesagt hatte, denn es war noch nie in der Angst gewesen. Aber jetzt war es ja geradeso, daß es gar keinen Weg mehr vor sich sah und dachte, mit ihm sei es ganz aus, denn vor ihm stand gar nichts mehr als ein großer Schrecken vor jedem Augenblick in des Vetter-Göttis Haus. Es kam aber jetzt ein rechter Trost in sein Herz, wie es wieder und wieder so sagte:
»Er wird auch Wege finden, Da dein Fuß gehen kann.«
So hatte Wiseli noch gar nie empfunden, was es sei, einen lieben Gott im Himmel zu haben, zu dem man rufen kann, wenn man sonst von gar niemandem mehr gehört wird; gar nie bis jetzt hatte es gewußt, wie wohl das tun kann. Es faltete jetzt ganz still seine Hände und fing sein Lied von vorn an, denn es wollte so gern noch etwas mehr vor dem lieben Gott sagen und zu ihm hinauf beten; es sagte auch jedes Wort mit seinem ganzen Herzen, wie nie vorher: