Part 8
Als Jungfer Christiane so weit gekommen war, klopfte es sachte an ihrer Herzenstür an, und als sie aufmachte, stand ein Büblein davor, das sie mit Freuden hereinließ. Sie kannte es schon von Mutterleibe an, es war eines Lehrers Sohn und ihr nächstes Nachbarskind gewesen. Seine Mutter war gestorben, als er sich von ihr hinweg die Tür in diese Welt herein suchte. Eine Ahne hatte ihn aufgezogen, die war alt und müd von Arbeit und Kummer gewesen und hatte nicht viel Kinderfreude mehr fassen und austeilen können. Aber das Büblein war sonnenhungrig gewesen und war aus seines Vaters Haustür gegangen, um einzufangen, so viel sein Herzlein brauchte. Da war er auf Jungfer Christiane gestoßen, die hatte damals noch eine Freude am Zeithaben und ein warmes, geruhiges Herz, kein brennendes. Grad so eins, wie ein Kind es braucht. Und es war eine Freundschaft entstanden: es gibt irgendwo ein schönes Bilderbuch, da guckt eine dicke, runde, strahlende Frau Sonne über einen Gartenzaun, und in dem Garten steht eine Sonnenblume und lacht ihr grad ins Gesicht und sieht ihr so sonnenähnlich, grad als ob sie ihr Junges wäre. So war die Freundschaft. Jungfer Christiane hatte immer einen Schwanz von Kindern an sich hängen, aber das waren so Kinder, die kamen und gingen, eine Geschichte und eine Birne holten, und im übrigen mit einem kurzen Bändel am Herzen ihrer Mütter angebunden waren. Die Mütter durften nur einen kleinen Zuck an dem Bändel tun, so sprangen sie ihnen zu, von allem weg und auch von der Jungfer Christiane weg, da war gar nichts zu wollen, und das mußte auch so sein. Aber so war es mit dem Lehrersbüblein nicht. Sein Vater meldete sich vom See weg, denn er war ihm zu traurig geworden, und das Büblein ließ er vorderhand da; eigentlich ließ er es der Jungfer Christiane. Das war nicht die Meinung, aber es machte sich so, da kam es auf die Meinung nicht an.
Sie pflanzten miteinander Frühjahrs- und Sommer- und Herbstblumen auf das Muttergrab und auf noch ein paar andere Gräber, die der Jungfer Christiane am Herzen lagen. Die hießen sie ihre Gärtlein. Da war ein Muttergärtlein, das blühte den ganzen Sommer lang von Herzensgrund wie ein lebendiges Mutterherz; und ein Herkules-Davidsgärtlein, das gehörte einem alten Pfarrer. Von dem wußte Jungfer Christiane viel zu erzählen, denn er war blind geworden und hatte als blind immer noch gepredigt und sein Hund hatte ihn herumgeführt. In diesem Gärtlein blühte Immergrün, das war ganz wie ein Teppich darüber hingezogen, und ein paar weiße Lilienstengel wuchsen dazwischen heraus. Und da war noch ein Urschelesgärtlein, das gehörte einem ganz kleinen, schneeweißen Engelein, das war bloß ein einziges Jahr auf der Welt geblieben und dann wieder fortgeflogen. Es bekam in jedem Frühling ein Teppichlein von Vergißmeinnicht und Tausendschönchen, und in der Mitte saß ein Busch mit fliegenden Herzen, die man Kinderherzen nennt. Und das mußte alles so sein, wie es war, und alles hatte seinen guten Grund, warum es so sein mußte. Den wußten sie miteinander. Das heißt, Jungfer Christiane wußte ihn und sie erzählte alles, was drum und dran war, ihrem Büblein. Wenn sie an schönen Sommerabenden ihre Gärtlein begossen hatten, so saßen sie wohl noch eine Weile ins Dunkelwerden hinein auf der Kirchhofsmauer. Die war hoch und fest und hatte breite Öffnungen wie Fenster gegen den See hinaus. Darin saßen sie und hörten, wie das Wasser leise gegen das Ufer hergezogen kam und wie die Wellchen mit dem losen Kies spielten. Und sahen, wie die Sonne tief und tiefer sank und das Wasser vergoldete. Eine lange, schimmernde Bahn zog sie darüber hin, darauf hätte man in den purpurgoldenen Himmel hineinschreiten können, wenn man ganz, ganz leichte Füße gehabt hätte. Ein Schifflein schwamm vielleicht weit draußen und fuhr über die goldene Bahn hinüber. Ein Dampfschiff kam gefahren und viele Menschen waren drauf, die fuhren alle irgendwohin, heim etwa, aber wo war ihr Heim? Da gab es viel zu berichten. Das Büblein hörte gläubig zu und zweifelte nie und war ihm alles Wahrheit und lebendiges Leben. Und jenseitige Ufer glänzten herüber. Wenn es dunkel wurde auf der Welt, brannten tausend Lichter in die Nacht hinein. Dann fing irgendwo eine Glocke an zu läuten über den See hin und rief eine andere an, die gab ihr Antwort. Eine um die andere kam und auch die in dem Kirchlein, das in dem schönen Totengarten stand, sang ein frommes Lied in den Abend hinein. Da sangen die beiden Freunde auch eins, eh’ sie heimgingen. Sie hatten aber ein Lieblingslied, das sangen sie Sommer wie Winter am öftesten, obgleich es ein Sommerlied war und ganz in die helle Sonne gehörte und auch aus ihr heraus entstanden war. Das war das Lied: Geh aus, mein Herz, und suche Freud’. Das liebten sie sehr. Sie sangen aber nur die Verse, die zum Sommer gehörten und ihn vor Augen malten, denn für die andern war das Büblein noch zu klein. Jungfer Christiane hatte eine tiefe und etwas rauhe Stimme, schier wie eine Männerstimme. Damit wurde sie viel geneckt, daß sie einen veritablen Baß habe. Aber ihrem Büblein kam ihr Singen schön vor und ihr Erzählen auch.
Ja, aber wo war es jetzt? und warum mußte es bei Nacht und aus weiter Ferne her an ihr Herz treten und anklopfen?
Darüber ist nur zu sagen, daß Jungfer Christiane das mit dem Anklopfen geträumt haben muß, denn es saß bei Tag und Nacht, Sommers und Winters darin, doch aber in einer verschlossenen Kammer, denn es brauchte keinen freien Aus- und Eingang, da es nur eine schöne und liebe Erinnerung war seit langem.
Es lebte irgendwo auf der Welt, in Sachsen, wenn man es hier am See recht wußte, und war ein junger Mann, wahrscheinlich schon ein beinah’ ausstudierter, und war wohl auch im Krieg. Da wußte man dann freilich auch nicht, ob es noch lebte, das Büblein nämlich von ehedem.
Eines Tages, es war schon ein fleißiger Schüler gewesen, wurde im Kirchhof ein neues Gärtlein angelegt, das gehörte der Ahne. Aber Jungfer Christiane mußte es allein pflegen. Denn ehe noch die frischen Kränze auf dem Hügel welk waren, fuhr ihr Büblein mit seinem Vater auf dem Dampfschiff davon, denn es mußte jetzt eine rechte Erziehung bekommen von Männerhand, es war höchste Zeit dazu. Es kam dann in verschiedenen Männerhänden herum, denn der Vater starb auch bald. Man wußte etwas von einem reichen Vetter in Sachsen, der es geholt hatte. Dann waren noch ein paar Spuren da: Ansichtskarten von Ferienreisen, die waren auch schon alt. Das letzte war ein Gruß, den hatte ein Reisender gebracht, der war mit dem jungen Studenten irgendwo, in Leipzig glaub’ ich, auf eine merkwürdige Weise zusammengetroffen vor ein paar Jahren. Dem hatte er gesagt: ich muß wieder einmal an den See. Sobald ich frei bin, komme ich. Aber er war nie gekommen.
Als Jungfer Christiane am andern Morgen erwachte, beschloß sie, keiner Menschenseele, auch ihren Hausleuten nicht, ein Wort von ihrem Nachterleben mitzuteilen. Denn sie hätte jetzt nicht mehr schwören können, was Traum und was Wachen gewesen war, es war ihr untereinander gekommen wie Samen aus aufgegangenem Säcklein. Bloß den ersten Anfang hatte sie beizeiten auf die Seite getan und der war ihrer Meinung nach nichts zum Erzählen.
Sie hatte einen guten Grund zur Vorsicht in diesen Dingen, denn sie stand im Verdacht, daß sie hie und da aus eigenem dazutut, wenn sie eine Sache wiedererzähle. Es werde unversehens eine Geschichte daraus. Er sei ihr angeboren, ihre Großmutter habe es auch so gehabt, die habe es aus dem Ärmel schütteln können. Es war schon lange ein Wort für sie geprägt, das sie durch die Welt schleppen mußte. Das riefen ihr die Alten und manchmal sogar die Kinder entgegen, wenn sie sich verstieg, etwa ein verblaßtes Träumlein ein bißchen aufzufärben oder dergleichen. »G’schichtleslügere,« riefen sie dann lachend und freuten sich sehr, daß sie alles viel deutlicher und fadengerader wußten.
Das war, behüte Gott, nicht bös gemeint. Im Gegenteil, es lag ein bißchen gutmütige Neckerei darin und ein bißchen Staunen: wie bringt sie jetzt das auch alles zusammen? und eine Aufforderung: »Sag’s nur, sag’ dein Sach’, man braucht’s ja nicht zu glauben.«
Aber das war dennoch alles der Jungfer nicht recht. Denn sie träumte und erlebte, fühlte und dachte so manche Dinge, die ihr ganz unzweifelhaft und gewißlich wahr erschienen, und die sie nicht verspottet wissen wollte, auch nicht im Guten, gar und überhaupt nicht. »Wenn nur ich weiß, was ich weiß,« dachte sie manchmal stolz für sich, wenn ihr ein Absonderliches niemand von Grund aus glauben wollte. Aber als sie sich das Stillschweigen vornahm an diesem Morgen, spürte sie schon halb und halb, daß doch nichts daraus werde.
Es brauchte nur jemand zu fragen: »Gut geschlafen, Jungfer Nane?« oder so, dann sah man es ihr schon auf hundert Schritte an, daß etwas mit ihr umging. Denn sie hatte ein Gesicht wie ein Spiegel, sie konnte nichts verstecken.
Zweitens aber beschloß sie, und das konnte eher etwas werden, nicht zu rasten, bis sie die Adresse von ihrem Büblein habe, und wenn sie sie habe, und es sei richtig im Feld, ihm ein Paar selbstgestrickte Socken zu schicken. Denn es möge ein Mensch reich sein oder nicht, so brauchte er Socken, und es sei dann noch die Frage, ob man auf allen gleich gut laufe, auf gekauften wie auf selbergestrickten mit allen Segenswünschen drin. Überhaupt sei jetzt eine andere Zeit als vordem. Man trete wieder näher zusammen, wie die Berge bei einem Gewitter und -- Zeit hin, Zeit her -- ihr Büblein und sie seien noch lang nicht die Entferntesten.
* * * * *
Es steht ein Haus auf einer weltfernen, waldigen Höhe. Still ist es da, still. Wenn der Pfiff einer Lokomotive durch die klare Sommerluft heraufgetragen wird, oder der ferne, fast verklingende Hall einer Glocke oder das Schlagen einer Uhr von irgend einem Turm, so sagen die Bewohner des Hauses zu einander: ’s gibt ander Wetter, es ist so hörsam. Sie haben es gelernt, Luft, Wind und Wetter zu beobachten. Lange genug sind sie unter freiem Himmel gewesen und haben ihre Sinne geschärft vor dem Feind, die vielleicht vordem verkümmert waren in der Fabrik, in Stuben, Werkstätten und Schulen. Wer unter ihnen hat vor dem Krieg mit scharfem Aug’ die kleinste Bewegung auf einer kleinen Bodenwelle wahrgenommen? oder einen sich verändernden Punkt auf einer fernen Felskuppe? wessen Ohr hat das leiseste Knacken im Gebüsch gemeldet oder ein kleines Summen in der Luft? vielleicht das der Jäger, Wanderer oder Pfadfinder unter ihnen.
Aber derer sind nicht allzuviele.
Die hierher gebracht wurden, das sind die mit mürben Lungen und versagenden Herzen, mit zitternden, zersägten, verbrauchten Nerven, die, denen keine Kugel oder Granate ins Gebein fuhr und die dennoch wund sind, totwund mancher unter ihnen. Die Sinne sind wohl scharf geworden, bis zur Schmerzhaftigkeit, aber die Kräfte sind verbraucht. Doch ist es ihnen schier zu still hier oben. Nur nach und nach geschweiget sich die innere Unruhe, die noch aufs Horchen, Lauern, Beobachten gespannt ist. Manch einer fährt aus dem Schlaf, wenn ein Uhu schreit oder wenn das Käuzlein mit flatterndem Flügelschlag gegen die Scheiben fährt, vom früh brennenden Nachtlicht angezogen.
»Hier« schreit er und sucht tastend nach der Waffe.
Zwei Gewalten sind es, die die Unruhe stillen und das Leben auf der Höhe, in der großen, einsamen Weite, lieb machen: das wiederkehrende Leben, dessen erstes Stadium, eine wohlig tiefe Müdigkeit, der leise keimenden Kraft vorangeht und so sanft streichelt und den fernen Höllenlärm vertosen läßt -- und der nahende Tod, der ungesehen von dem einen, den er erlösen will, dennoch schattende Flügel über ihn breitet, daß ihm Fernes und Nahes versinkt auf eine stille Weile, eh’ der letzte, schwere Kampf anhebt.
Einer von ihnen, der letzteren einer, lag eines Tages am Rand der sonnigen Waldwiese unter den rotleuchtenden Föhren. Sie hatten ihn hier herausgetragen, weil er gemeint hatte, er könne hier draußen leichter atmen als in der engen Stube.
»Es geht mir besser,« sagte er und ließ sich einen Sonnenstrahl, der auf seiner Decke spielte, durch die Hände scheinen.
»Da doch das Fieber vorbei ist und das Bluten aufgehört hat. Nun geht es wieder aufwärts, nicht?«
Die Schwester nickte ihm gut zu, mütterlich. Sie hatte die letzten schweren Tage mit ihm durchlebt, er hatte ein Zutrauen zu ihr.
Sie hätte ihm sagen können: »Nein, es geht nicht aufwärts. Es ist die Stille vor dem Sturm,« oder so etwas.
Aber das tat sie nicht. Wo sollte sie den Mut hernehmen, ihm die leichte, linde Sonnenstunde zu verkürzen?
Ein paar Leute gingen auf dem schmalen Fußweg in der Nähe vorbei, Touristen.
Man hörte sie reden und sah ihre Kleider, ihre leicht ausschreitenden Füße.
»Sind das Verwundete da drüben?« fragte einer. »Die Soldaten dort?«
»Nein, es sind nur Kranke,« sagte der andere.
Dann waren sie vorüber.
Die Schwester sah ihren Kranken an. Der lächelte, ein wenig bitter zwar, aber er lächelte doch.
»So etwas hätte mich früher rasend gemacht,« sagte er. »Nur Kranke! Ach was, was wissen denn die? Am besten, man ist ganz still. Man kann’s ihnen doch nicht in die Ohren schreien, was man durchgemacht hat. Ein Fuß weg oder ein Arm -- es braucht nicht einmal so viel zu sein -- allen Respekt -- aber krank, das kann doch jeder werden, das ist noch lang nichts. Na« -- er machte eine wegwischende Handbewegung.
»Sind dumme Leut,« sagte die Schwester. »Sie verstehen’s nicht besser.
Dumm und gleichgültig. Wer’s nicht in sich hat, den macht auch der Krieg nicht anders. Lassen wir’s.
Aber was ich schon fragen wollte, Roland, haben Sie eigentlich keine Verwandten, die Sie einmal besuchen könnten? Der Doktor erlaubt’s, daß jemand kommt. Sie wissen, er ist Ihnen gut gesinnt. Er meint, es würde Ihnen Freude machen.«
Der Kranke schüttelte leise den Kopf.
»Ich habe einen männlichen Verwandten, der kann nicht kommen. Es ist ein Fabrikant weit weg in Sachsen. Er steckt bis über die Ohren im Geschäft. Wissen Sie, Kriegslieferungen. Nein, ich wüßte niemand.«
Er hatte ein junges Gesicht; seit der Bart entfernt war, sah man erst, wie jung. Aber es war schmal und hart und hatte gar nichts Frohes.
»Dummheit, woher soll es denn froh sein?« dachte die Schwester. »Er ist totkrank und ganz aufgebraucht.« Aber sie vermißte es dennoch. Sie hätte ihm gern irgendwo einen Arm voll Freude gelangt. Sie meinte, es müßte leicht zu durchsonnen sein, wenn da etwas wäre, so recht zum Freuen.
»Sind Sie denn in Sachsen daheim?« fragte sie.
»Ihre Sprache ist nicht so, daß man’s denkt. Ich weiß nicht recht, wo ich Sie hintun soll.«
»Ich weiß es auch nicht,« sagte er.
»Nein, ich bin nicht in Sachsen daheim, und wo bin ich’s denn eigentlich?
Wenn ich das Wort Heimat denke, dann denke ich an den Bodensee.
Dort hat mich meine Mutter auf den Boden gelegt und hat sich davon gemacht.
Nein, nein, sie konnte nichts dafür,« -- er sah den schreckhaft staunenden Blick der Schwester, -- »sie starb an meiner Geburt. Ich habe schon gedacht, es wäre besser gewesen andersherum. Ich statt ihrer. Aber das läßt sich scheint’s nicht ändern, so etwas. Das ist, wie es ist.«
Er sagte das alles mit vielen Pausen, er hatte nicht sehr viel Atem zu verbrauchen.
»Ich kann mich auch nicht beklagen,« fuhr er einmal fort.
»Es waren da Hände, die mich aufhoben. Eine alte Ahne, die mich immer sehr warm anzog. Ich entsinne mich einer dicken wollenen Mütze, die tief über die Ohren ging. Die schien ihr ein Schutzmittel gegen alle Gefahren zu sein.
Einmal raffte ich mich zu einem Bubentrotz auf und warf sie in den See, so sehr haßte ich sie. Aber sie ward wieder aufgefischt und getrocknet. Man kann seinem Schicksal nicht entgehen.«
Die Schwester mußte ins Haus zurück. Da war noch viel Arbeit.
»Nein, warten Sie,« sagte der Kranke.
»Das muß ich noch sagen. Da war noch eine Nachbarin, das war die Badefrau, sie versorgte die Seebadeanstalt.
Die hatte, scheint mir, etwas wie Mutterliebe für mich. Ich war fast immer bei ihr. Ich hatte schreckliches Heimweh nach ihr, als ich vom See fortkam.
Damals war ich sieben Jahre alt.«
»Nun müssen Sie still sein,« sagte die Schwester.
»Sonst wird’s zuviel. Und ich muß auch ins Haus. Sie wissen wohl, da sind noch andere, die auf mich warten. Ich komme bald wieder.«
Er sah ihr nach, wie sie über die Waldwiese ging. Es war so etwas Beruhigendes in ihrem Anblick, sogar von hinten noch, so etwas ganz und gar Zuverlässiges, Festes, Tüchtiges. Es war, als könne sie sogar den Tod abhalten.
Der war ihm nahe gewesen, das wußte er. Es war behaglich, jetzt so dazuliegen in linder Schwäche; bald, dachte er, würde auch diese sich heben. Dann kam das Leben wohl wieder dran.
Als die Schwester im Haus verschwunden war, ging sie stehenden Fußes zum Doktor.
»Er hat niemanden, den er kommen lassen kann,« sagte sie. »Er steht so ziemlich allein.«
»Ja, dann müssen wir ihm eben allein das Letzte tun,« sagte der Doktor.
»Er weiß es nicht?«
»Nein.« Sie machte eine zugreifende Bewegung mit beiden Händen, die der Doktor an ihr kannte. Sie hatte die Schwerkranken.
Die Bewegung machte sie immer, wenn sie im Geist eine Sache ganz und gar auf sich nahm.
Ihr Kranker spann derweil seine Gedankenfäden weiter.
Der Himmel war hoch und dunkelblau, ein paar Krähen flogen über die Föhren hin, Falter wirbelten herum, Insektenvolk summte um blühendes Heidekraut, ein paar Ameisen marschierten hintereinander drein an dem Baum hinauf, unter dem der Liegestuhl stand.
»Sie wußte über alles eine Geschichte,« dachte er.
»Wenn ich sie gefragt hätte: was schaffen die Ameisen da droben? sie hätte es gewußt.
Wohin fliegt die dicke Hummel?
Warum schreien die Raben so?
Nie hätte ich umsonst gefragt.
Wer weiß, sie wüßte mir jetzt auch Antwort auf so manches. Also sie lebt noch. Sie hat mir ja Socken ins Feld geschickt, dicke, feste Socken. Daß ich sie nicht mehr brauchen konnte, dafür kann sie nichts. Sie kamen mir hierher nach.«
Da durchfuhr ihn ein Gedanke.
Wer weiß, sie käme mir auch nach, sie selber.
So ist sie, so war sie wenigstens, wenn ich mir’s noch recht denken kann.
Wenn man ihr einen Gefallen tun will, muß man sie um etwas bitten.
Vielleicht bild’ ich mir’s auch ein.
Das macht jetzt, daß der Doktor mich fragen ließ, ob ich mir Besuch wünsche.
Ja, ja, wünschen könnt’ ich mir’s wohl, Herr Doktor.
Es fällt aber keine Mutter vom nächsten Baum, auch keine aus dem blauen Himmel.
Sie aber, die Spielmutter, sie käme vielleicht. Ich weiß noch, daß ich zu ihr sagte: du sollst meine Mutter sein. Ich bin’s aber nicht, sagte sie.
Also, dann spielen wir, du sollst sie sein, sagte ich. Grüß Gott, Mutter.
»Denn ich hätte doch gern eine gehabt. Welches Kind hätte nicht gern eine?«
Der Gedanke kam und ging.
Nein.
Ja.
Nein. Es ist so lang her. Nie mehr hast du ihr geschrieben. Nie bist du an den lieben See gefahren.
Wie konnte ich? ich war doch nicht mein eigener Herr.
Und ich vergaß es auch bei Tag, daß ich nächtlicher Weile oft dort war.
Und ich erlebte so viel anderes. Menschen und Dinge waren da, Schulen und Bücher und die junge Männlichkeit, und andere schöne Gegenden.
»Ja, aber keine Mütter und keine Heimaten.«
Als die Schwester kam mit dem Wärter, um ihn zu holen, sagte er, fast verlegen:
»Ich möchte nun doch um einen Besuch bitten.
Es ist die frühere Nachbarin, von der ich Ihnen sagte. Ich habe mir’s überlegt.
Ich hatte sie fast vergessen, aber nun möchte ich sie doch da haben.«
»Die alte Badefrau?«
Die Schwester sah ihn kopfschüttelnd an. Sie hatten manchmal so sonderbare Wünsche, die Leute in den letzten Stadien.
Er war ein gebildeter junger Mann und offenbar aus guter Familie. Wenn er irgend jemanden aus seinen Kreisen verlangt hätte, eine noch so entfernte Verwandte, »eine mütterliche Freundin,« das hätte man verstehen können. Aber dies hier war doch offenbar nur ein plötzlicher Einfall, eine Laune.
Und die Schwester, die ihm vorhin noch gern einen Arm voll Freude irgendwo her gelangt hätte, sagte nun lächelnd:
»Das ist nicht Ihr Ernst, nicht wahr?
Das ist wohl schon lang her, daß Sie dort als Kind waren.
Und auch: was soll sie hier?«
Sie war nicht zufrieden; sie war nicht damit einig.
Aber der Kranke sagte mit plötzlicher Heftigkeit:
»Doch, es ist mir Ernst. Ich will sie da haben. Was sie hier soll?
Das werden Sie ja sehen. Warum fragen Sie mich, ob ich Wünsche habe, wenn Sie nicht darauf eingehen wollen?«
Er hustete und bekam rote Flecken hin und wieder im Gesicht, so erregt war er.
Da hoben sie den Stuhl auf und trugen ihn ins Haus.
»Wir werden sie schon herkriegen, nun seien Sie nur zufrieden,« sagte die Schwester.
»Wo werd’ ich denn nicht darauf eingehen?«
Im Stillen dachte sie: »Er erlebt’s ja nicht. Vielleicht will er sie morgen schon nicht mehr. Und zudem: hundertmal für eins kommt sie gar nicht. Das sind Launen.«
Aber vor Nacht noch mußte ein Kamerad den Brief schreiben. Er war ein schreibgewandter Mensch, er schrieb Briefe für das halbe Lazarett.
»Schreib’ aber, gleich soll sie kommen. Laß sehen, ob du es geschrieben hast.«
Aber er bekam es nicht zu sehen. Der Bote gehe gleich ab und es eile, und es sei hier im Zimmer zu dunkel zum Lesen.
Auf Ehre, es stehe in dem Brief: wenn sie zu kommen gedenke, solle sie sogleich kommen. Der Doktor habe diesen Zusatz auch angeordnet.
* * * * *
Nach zwei Tagen war sie da.
Sie war immer noch die Sonne aus dem Bilderbuch. Sie hatte sich gar nicht verändert.
»Ich hätte dich überall erkannt. Unter tausend Menschen, auf einer Weltausstellung, wo es sei, gleich, ohne Frage,« sagte er.
Sie lächelte ihm etwas mühsam zu.
Sie hätte ihn nicht mehr erkannt.
Das war ihr Büblein, das?
Er lag im Bett oder vielmehr er saß, von allen Seiten gestützt.
Seine Augen glänzten. Der Atem pfiff.
»Das laß’ ich mir gefallen, daß du mir hast schreiben lassen,« sagte sie.
Sie sagten ohne weiteres du zu einander wie ehedem.
»Gestern Abend kam der Brief. Den ganzen Tag ist’s mir gewesen: es kommt etwas, es liegt etwas in der Luft. Ein Floh ist mir auf der Hand gesessen.
Weißt du das nicht, daß man sagt: »Floh auf der Hand, ein Brief im Land?« Darauf kann man gehen. Dann hat mir die Katze den Butterteller hinuntergestoßen. Es hat schon lang ein Stück vom Rand gefehlt, es ist nicht schad drum. Er ist in tausend Scherben gegangen. Das bedeutet ein Glück. Und so noch mehr Sachen. Ich kenn’ mich da aus. Das linke Aug’ hat mich gejuckt. Das soll Tränen bringen. Dann ist der Brief gekommen, da hab’ ich’s gewußt.«
Er lachte leise.
»Das war doch nichts zum Weinen?«
»Nein, nein,« sagte sie, »nicht grad. Aber weißt, ich bin so, mir läuft gleich das Wasser herunter. So hat’s meine Mutter auch gehabt. Weil du doch krank bist, das ist mir nicht recht.
Dann wär ich am liebsten in der Nacht noch fortgegangen.
Ich habe gemeint, es müsse noch ein Zug gehen oder ein Schiff.
Du bist doch immer der gleich’ Hurra, haben die Leut’ gesagt.
Jetzt habet ihr einander vierzehn Jahr’ nicht gesehen, es wird’s morgen auch noch tun. Aber mir ist es gewesen, als seiest du erst vorgestern von mir fort.«
Da breitete sich nach und nach ein glücklicher Schein auf seinem Gesicht aus. Er deutete auf den Stuhl an seinem Bett:
»Da setz’ dich hin und rühr’ dich nicht vom Fleck. Du brauchst mir nichts zu tun, die Schwester tut schon alles; sie ist gut und kann alles. Du brauchst nur da zu sein. Das ist so schön. Es ist, als ob du den ganzen See mitgebracht hättest.«
Er atmete schwer und mühsam. Grau und verfallen sah er aus.
»Er wird nicht sprechen dürfen, gelt Schwester?« fragte Jungfer Christiane.
»O doch, er darf schon, so viel es ihn freut. Er spürt schon, was ihm gut tut.« Da wußte Jungfer Christiane genug, und daß es zu Ende ging.
So hatte der Doktor auch gesagt, als ihre totkranke Mutter noch räsen Most verlangt hatte. »Schaden kann da nichts mehr.«
Das brannte sie tief im Herzen. »Es ist ein Glück zum Heulen,« dachte sie.
»Da haben die Zeichen recht geredet. Nun find’ ich ihn wieder, und so.«
Sie ließ sich aber nichts anmerken.