Heimat: Erzählungen

Part 4

Chapter 44,056 wordsPublic domain

»Ich muß heim,« sagte sie, »der Schorschle wird aufgewacht sein und schreien und der Daniel muß in die Schule. Ich komm wieder, so schnell als möglich komm’ ich wieder, mit dem Fuhrwerk und dem Mittagessen und den Kindern.«

Ob der Mann mit heimgehe, fragte sie gar nicht. Was wird denn der Hausvater davonlaufen mitten im Heuet, und was soll er denn daheim tun?

Sie kehrte sich aber noch ein paarmal um, ehe sie im Hölzle verschwand und strich mit den Augen am Mann hinauf und hinunter. Denn diese wollten sich nicht gern von seinem Anblick trennen, erst recht nicht, da sie sahen, auch er schicke die seinen hintendrein so lang als möglich. Er hatte ein anderes Gesicht mitgebracht, als er fortgenommen hatte und das machte der Bart nicht allein. Man sah es, wenn er still war, und darum hatte die Schuhmacherin immer wieder etwas zum Reden aufs Tapet gebracht, weil ihr das Gesicht weh tat. Weil etwas Fremdes drin war.

»Der Dötlesvetter hätt’ nicht gleich dabei sein sollen,« sagte sie plötzlich, und dann überfiel sie auf einmal nachträglich noch das Heimweh, das sie um ihn getragen hatte, so stark, daß es ihr ein paar Herzstöße gab und ein warmer Regen niederging aus den Augen ohne vorherige Anmeldung. Aber es war doch nur ein Sonnenregelein.

Denn: »Was heulst denn jetzt, dumms Weib,« sagte sie sich; »hättst lang Zeit dazu gehabt, jetzt ist er da und du brauchst nicht alles auf einen Sitz zu wissen, was ihn angeht. Es kommt schon nach und nach heraus. Jetzt bringst ihm seine Kinder und machst ihm das Herz warm. Er wird’s nötig haben, denk’ ich.«

Und damit war auch schon die Steige erreicht, die fußelte sie hinunter, wie ein ganz Junges, und wer sie sah, der brauchte nicht zu fragen: »Was ist dir auch Gutes passiert, Schuhmacherin?« denn immer von neuem tat sie es ungefragt kund:

»Mein Johann ist im Urlaub da. Droben heuet er auf der Hölzleswiese.«

* * * * *

Jetzt wenn man ein Herz hätte für die Schuhmacherin und wäre zufällig gerade in Hirzenbach, so möchte man ihr wohl ein bißchen zur Hand gehen. Denn sie muß ruhig dasitzen und den Schorschle stillen, der aufgewacht ist und bloßgestrampft, und der schreit, als ob er die ganze Welt zum Zeugen aufrufen möchte, daß er Hunger hat und daß die Mutter nicht da ist. Für ihn ist alles recht und in Ordnung, so bald er an der Quelle liegt, umfangen von Mutterarmen. Er nimmt sich auch recht herzlich Zeit zum Sattwerden, setzt hie und da ab und guckt ausruhend um sich her. Zum Beispiel der Bändel an der Mutter Leibchen, der ist ihm neu, nach dem langt er und spielt damit. Es wäre am schönsten, wenn man’s grad immer so ließe, wie es jetzt ist. Dem Schorschle gefällt es so am allerbesten.

Aber die Mutter ist heute nicht so bei der Sache wie sonst manchmal. Sie sagt von Zeit zu Zeit: »Mach’, Büble, meinst ich hab’ nur so Zeit zum hinsitzen?« Alle Arbeit rings umher steht auf und ruft: Schuhmacherin komm! Sie sollte drei Paar Hände und Füße haben, daß sie die Großen fertig macht und mit Essen versorgt, die Stuben sauber macht, so daß der Mann, wenn er heimkommt nach so langer Zeit, sieht, sie hat die Sache im Stand. Und so ist’s mit Werkstatt, Stall und Küche. Alles soll grüß Gott zu ihm sagen, wenn er kommt. Da oben sind Spinneweben über dem Fenster, die sieht sie, so lange der Schorschle ganz pomadig schmatzt, und möchte aufstehen und den Besen holen.

»Mach’ ein bißle, Schatzenkind.«

Zum Mittagessen muß sie auch etwas rechtes herschaffen. Denn was mag er draußen gegessen haben? Sie muß ihn jetzt herpflegen, es muß ihm wohl sein. Und daneben muß sie sich regen, daß sie zeitig wieder hinauskommt, nicht bloß weil das Heu gespreitet sein muß, auch sonst, überhaupt. Wenn doch der Mann da ist.

Der Daniel, das Lenele und der Nero stehen um sie herum und staunen, als sie die Botschaft vom Vater hören. Das heißt, der Nero staunt nicht. Er ist bloß zu höflich, als daß er sagt: Ich hab’ dir’s doch schon lang gesagt. Er wedelt ganz anständig mit dem Schwanz, wie ein Diplomat, der in einem Salon von einer Sache hört, die er längst weiß, aber nicht wissen darf sozusagen, und der sich verbeugt: »Ach, was Sie nicht sagen. Das ist mir ja sehr interessant.«

Gern aber sähe man dem Daniel und dem Lenele ins Herz, was wohl in der Zeit seines Fortseins aus dem Vater geworden ist bei ihnen. Sie haben ihn noch nie in der Uniform gesehen. Er ist abgereist mit einem steifen Hut, im braunen Anzug und mit einer blaugrün gestreiften Krawatte, einen Reisesack in der Hand. In dem Reisesack hat er sonst Schuhe ausgetragen auf die Höfe in der Umgegend. Nun aber ist er, dem Hörensagen nach, ein Soldat und wird wohl ein Gewehr haben und einen Säbel, und mit beiden wird er wohl Franzosen oder Engländer oder Russen, oder auch alle Arten, die schwere Menge umgebracht haben. Das ist hochinteressant, aber auch ein bißchen grausig, bloß ein bißchen. Eigentlich ist es prachtvoll; man muß machen, daß man ihn sieht, denn wie er aussieht, das weiß man nicht mehr recht, es ist schon so lang her, daß er fort ist.

Als der Schorschle endlich einmal fertig ist und im Wagen liegt und die zwei Großen zum Waschen und Kämmen drankommen, wundert sich die Mutter, wieso sie denn immer die Köpfe zusammenstrecken, wie ein paar junge Wagengäule, und es miteinander wichtig haben mit Wispern und Flüstern. Aber sie ist zu stark überlenkt mit der Arbeit, als, daß sie viel früge, entläßt den Daniel in die Schule und das Lenele zur Dötlesbas um einen Strauß aus dem Garten für die blaue Blumenvase, und fährt im Haus herum wie auf Rädchen, um allem nachzukommen.

Wenn sie aber die Gabe hätte, ein bißchen weiter hinauszusehen, als bis an die Stubenwand, so sehe sie gleich darnach einen Buben, der listig und verstohlen seinen Schulsack in das Häuschen im Schulhof legt, dann auf seinen Barfüßen springt, so schnell sie ihn tragen wollen, bis an den großen Nußbaum vor dem letzten Haus, und dort umheräugt, ob ihm niemand auf den Fersen ist. Und sähe ein Mädelein mit zwei frischgeflochtenen Zöpfen, das nichts weniger als zur Base, das gleichfalls, durch Grasgärten und Hecken hindurch, zu dem Nußbaum hintrottet und dort den Bruder findet. Sähe, wie die zwei miteinander die Steig hinauflaufen, der Hölzleswiese zu, wo der Vater ist.

Vielleicht ist es gut, daß sie’s nicht sieht. Denn Schand- und ehrenhalber müßte sie ihnen nachlaufen und sie zur Pflicht zurückführen. Auch macht sich’s vor dem Vater immerhin schlecht, wenn sie die zwei Großen so wenig am Leitseil hat, daß sie nur grad durchgehen, wenn’s ihnen einfällt. Und sie hat doch keine Zeit zum Nachlaufen und keine Lust zum Ärgern.

So aber ist’s den zwei flüchtigen zumut, wie sie miteinander durch das Hölzle streichen und sich hie und da umsehen, ob niemand hinter ihnen ist: es gibt eine schöne Geschichte, da wirft sich die Heldin dem Helden an die Brust und sagt: »Ich weiß, daß ich sündige, aber ich tue es willig und gern.«

* * * * *

Ein paar Minuten später wußten sie, wie der Vater aussah. Nicht viel anders als sonst, abgerechnet den Bart. So wie jetzt, im gestreiften Hemd, die Ärmel hoch hinaufgeschlagen, rüstig mähend, hatten sie ihn noch irgendwo in einem Gehirnschublädchen von früher her. Den Bart hatte ihnen die Mutter schon angekündigt. Er hatte gar nichts grausiges an sich. Als er seine Jugend sich daherschlängeln sah, lachte er übers ganze Gesicht, ein grüß Gott ums andere. Sie spürten beiderseits, daß sie nah zusammen gehörten; die Kinder schneckelten sich an ihn hin und umfaßten seine feldgraue Hose, und der Vater spürte mit Herzklopfen, was es gewesen wäre, wenn er diese beiden nicht mehr gesehen hätte. Es war nah genug dran gewesen.

Er sah in ihre Gesichter hinein. Das Lenele war ein feines, blondes Dinglein mit einem Schelmenzug um das rote Mäulchen und krummen Haaren rings um das Gesichtlein herum, und es fiel dem Vater auf einmal wie von fernher ein, daß seine blauen Augen schon einmal in einem Gesicht gestanden seien. Aber in welchem? Er hatte doch seine Mutter nicht als Kind gekannt, begreiflich, aber sein Herz beharrte drauf, das Lenele habe die Augen von seiner Ahne, von des Vaters Mutter. Er hatte das Köpflein in seine beiden großen Hände genommen, aber es schüttelte sich darin, es war nicht gern eingesperrt. Da ließ er’s los und das Kind hüpfte um ihn herum, wie ein Gaislein, nur daß es hie und da einen Fuß hinaufzog, der frischen Stoppeln wegen, die in seine Barfüße schnitten.

Der Daniel hatte einen kurzgeschorenen Bubenkopf, wie alle Hirzenbacher Buben einen Kopf haben, möchte man sagen, wenn nicht darauf der Vater sofort sagen würde, daß er den von seinem Buben unter hunderttausend herauskennen würde. So eine lustige und trotzige Stumpfnase habe nicht bald wieder einer und so ein paar Augen im Kopf, ehrlich und treu, wie ein Haushund, und dann eine breite und feste Stirn mit einem ganzen Sternenhimmel von Sommersprossen, »Roßmucken« heißt man sie in Hirzenbach.

»Ja Daniel, ja Büble, da bist?« sagte der Vater und hatte einen Ton in der Stimme, wie man ihn bloß an hohen Festtagen im Leben hat, so ganz von unten herauf.

Der Daniel nickte bloß. Er dachte geschwind streifweise an seinen Ranzen drunten im Schulhof. Aber er warf ihn weit hinter sich und guckte den Vater an, »ehrlich und treu, wie ein Haushund.«

»Bist auch brav gewesen?« fragte der Vater, immer noch in dem Festtagston. Da mußte ihm der Daniel doch die Freude machen, mit einem herzhaften Ja zu antworten. Wenn man grad vom Feld heimkommt. Hoffentlich fragte er auch nicht ins einzelne.

»Soll ich derweil anfangen mit Gras verstreuen?«

Es war vielleicht doch sicherer, das Gespräch ein bißchen zu unterbrechen.

Der Vater staunte über den Eifer des sechsjährigen Buben.

»Pressiert nicht so arg,« sagte er. »Bleib’ nur noch ein bißle bei mir. Kannst dein Sach’ in der Schul’?«

»Mhm.« Das kam ein bißchen gedrückt heraus.

Da dachte der Vater, es pressiere auch nicht mit der Lernfrage, die könne man später besprechen. So ein kleines Büble habe es noch nicht so wichtig damit.

Irgendwo schlug es acht Uhr. Der Vater zählte und stutzte.

»Ja wie ist mir’s denn?« fragte er.

»Die muß falsch schlagen, oder wie?

Die Mutter hat doch gesagt, du müssest in die Schule. Die kann doch noch nicht aus sein? jetzt kommt mir’s erst.«

Da las er die Sündenschuld auf dem Gesicht seines Buben.

Und es fiel ihm auch einiges aus seiner eigenen Kindheit ein.

»Mändle, Mändle,« sagte er, aber aus einem andern Ton, »wenn mich nicht alles täuscht, bist du hinter die Schul’ gegangen. Hm? sag’s nur. So, so macht’s mein Bub’, wenn ich fort bin im Krieg?«

Er zog noch ein tieferes Register.

»Ich hätt’ gute Lust und tät dich gleich ’rüberlegen. ’S wär ’s einfachste. Ich denk’ aber, dein Lehrer tut’s morgen, ich will’s zu ihm sagen, daß er dir dein Sitzleder versohlt.«

Dem Daniel fiel der ganze Himmel ein.

»Lehrer hab’ ich kein’n, bloß eine Lehrerin.« sagte er mit wackeliger Stimme. »Die haut mich nicht, wenn ich’s ihr sag’, daß« -- da warf die Stimme vollends um und tat ein paar Schluchzer, »daß ich dich hab’ sehen wollen, weil du bist vom Krieg kommen, und -- und weil ich dein Gewehr noch gar nicht gesehen hab’ und dein’n Säbel.«

Das Lenele hatte auch nicht das sauberste Gewissen und besann sich grad, ob es zur Gesellschaft mitschluchzen solle. Da hellte sich auf einmal des Vaters Gesicht wieder auf, als ob es ihn über alles hinüber inwendig freue.

»Die Liebe decket auch der Sünden Menge,« sagte er in seinen Bart hinein, denn er war ein bibelfester Mann.

Und dann nahm er seinem Buben mit einem Schwung auf die Achsel.

»Also dann muß ich dir’s halt zeigen, Alterle,« sagte er laut.

»Wenn du mir’s versprichst, daß du nicht mehr hinter die Schul’ gehst, wenn ich fort bin.«

»Auf Ehr’ und Seligkeit,« sagte der Daniel.

»Nein, so mußt nicht sagen, Büble,« verwies ihm der Vater.

»Du könntest’s einmal vergessen, dann wär’s eine Sünd’.«

»So sagen bei uns alle Buben,« beharrte der Daniel.

»Dann komm, aber halt was du versprichst.«

Als die Mutter kam, fand sie eine helle Glückseligkeit: ihres Mannes Gesicht aufgeschlossen und gegenwärtig und die Kinder um ihn herum, wie die Honigbienen um einen Lilienstengel. Da fiel ihr ein Stein vom Herzen. »Er ist noch der nemlich’ gleich’,« sagte sie zu sich selbst und bot ihm seinen jüngsten Sohn dar, daß er ihn annehme und herze.

* * * * *

Alte und heuerfahrene Leute sagen, es sei in langen Jahren nicht so gewesen, wie heuer, daß man das Heu in einem Tag fertig gebracht habe.

Die Sonne helfe schaffen, weil sie wisse, daß die Männer im Feld stehen fürs Vaterland, und weil unser Herrgott nicht zugebe, daß Deutschland verhungere. Auch keine Kuh und keine Gais im ganzen deutschen Vaterland.

Am Abend dieses Sommertages fuhr der Landwehrmann Johann Berner mit seiner Familie auf dem hochgeladenen Heuwagen in Hirzenbach ein. Als er es liegen sah im geschützten Tal, das Häuflein Häuser um die Kirche her, wie Küchlein um die Gluckhenne, und sah den Rauch aus den Kaminen aufsteigen, und die Kühe zur Tränke gehen an den großen Brunnen und die Kinder spielen auf dem Gänswasen, da ergriff ihn aufs neue das große, andächtige Staunen, das in den letzten geschäftigen Stunden ein wenig geschlafen hatte:

Daß da Friede war und unversehrtes Daheimsein. Nirgends auf den Bergen standen Geschütze und richteten ihre drohenden Schlünde gegen das Tal, nirgends brannten Gehöfte und lagen Häuser in Schutt und starrten Heimatlose auf den Fleck, wo sie glücklich gewesen waren.

Nirgends war der fruchtbare Boden umgegraben, in Gräben und Wälle verwandelt, und sperrten Drahtverhaue den Weg.

Die Abendglocke auf dem Turm hob ein sanftes Läuten an, das hallte friedlich durch das Tal. Da sprangen die Kinder vom Spiel weg den Häusern zu, wo ihre Mütter auf sie warteten.

An solchen Dörfern vorbei und an arbeitsamen blühenden Städten war er gestern den ganzen Tag gefahren, wie im Traum.

Das alles war Deutschland, war Vaterland, Heimat, und das alles lag in treuer Hut. Noch nie hatte er das Wort Vaterland so inbrünstig gedacht wie auf dieser Fahrt. Er hätte zu jedem Menschen, der ihm begegnete, sagen mögen: Weißt du auch, wie gut du’s hast? Weißt du auch was Krieg ist? Nein, Gott Lob und Dank weißt du’s nicht. Aber es ist doch schad, daß du’s nicht weißt.

Noch um eine Ecke, dann hielten die Kühe (eine davon gehörte dem Dötlesvetter) an der heimatlichen Scheuer.

Ein Haus daneben, keins von den stattlichsten, aber doch das liebste von allen, Blumenbretter vor den Fenstern mit Nägelein, Kapuziner und Winden, ein Nero, der am längsten gewartet hatte und der still und außer sich vor Freude an seinem Herrn emporstieg und inbrünstig schnaufte und wedelte. Daheim, daheim. Die Kinder strebten herunter. Er hob mit starkem Schwung eins ums andere vom Wagen. Der Schorschle schlief und hatte die Fäustlein an den Schläfen, die Mutter hatte ihn im Arm. Da nahm er sie mitsamt dem Büblein. Wenn die Hirzenbacher nicht zugesehen hätten, er hätte sie miteinander ins Haus getragen, es wäre aber gegen allen Brauch gewesen.

* * * * *

Es war eine mondhelle Nacht. Die Schuhmacherin lag wach und sah zu ihrem Mann hinüber, der schlief tief und fest. Lange, volle Atemzüge tat er, es war ein Staat. Zwischen ihnen lag der Schorschle und schnäufelte kurz und leicht, wie halt so ein Kindlein tut, man merkt’s kaum. Die Mutter hatte ihn ins Bett genommen, weil er schrie und nicht mehr einschlafen wollte. Nun war er wieder hinüber ins Traumland. Die Schuhmacherin hätte auch wieder einschlafen können, sie hatte jetzt alles um sich herum, was zu ihr gehörte.

Freilich, auf wie lang? Das war der Wurm im Apfel. Drei Tage war der Mann jetzt da, vier kamen auch. Über die vier hinaus konnte sie noch nicht denken. Der Mann sagte zwar, das sei noch nicht nötig. Sonst seien die vier auch noch verdorben. Wenn ihn nicht alles täusche, stehe in der Bibel etwas davon, daß der Mensch das Leben tagweis nehmen solle, nicht wochenweis. Aber das sagte er wohl, und es stand auch in der Bibel, ob er es aber selber so mache, dessen war sie doch nicht sicher.

Er war oft weit weg mit seinen Gedanken, so daß man ihn errufen mußte; ob er aber hinter sich oder vor sich sah, das wußte dann kein Mensch. Das Weib dachte, es werde beides sein, einmal dies und einmal das. Gestern Abend hatte sie ihm den Schorschle eine Weile zum halten gegeben, so lang sie in den Keller ging. Da hatte er das Bürschlein lustig an seinem Bart herumspielen lassen, so lang sie in der Stube war. Als sie aber wieder hereinkam, merkte er’s gar nicht, guckte dem Schorschle tief in die Augen und sagte ein paarmal hintereinander: »Du arms Büble.« Sie hätte ihn gern gefragt, warum der Schorschle ein arms Büble sei, aber wußte sie es denn nicht selber? es war doch genug, daß sein Vater wieder in den Krieg mußte.

Die Schuhmacherin erhob sich ein wenig, stützte sich auf den Ellbogen und sah dem Mann ins Gesicht. Es lag in einer fahlen Helle, weil der Mond jetzt vorrückte. Die Helle machte ihn vielleicht ein bißchen unruhig, denn er bewegte die Lippen, wie eins manchmal vor dem Aufwachen tut. Es wäre einfach gewesen, den Vorhang zuzumachen, aber der Schuhmacherin war es, als ob sie jetzt etwas erfahre, was sie wissen müsse.

Die Sache war nämlich so: Der Schuhmacher sprach nicht gern vom Krieg und von seinen Erlebnissen draußen überhaupt. Weder im Wirtshaus, noch auf der Gasse, noch daheim.

Er konnte manchmal sagen: »Ihr könnet gar nicht genug Gott danken, daß der Krieg draußen ist und nicht hier. Wenn ich denk’, wie es da aussieht.«

Fragte man ihn aber: »Ja, wie sieht’s denn aus?« so sagt er nur: »O wüst, wüst, seid froh, daß ihr’s nicht sehen müsset.«

Sagte jemand: »Was meinst auch, Schuhmacher, wie’s ausgeht? Du kommst doch draußen herein. Die Zeitungen schwätzen viel, wenn der Tag lang ist,« so wiegte er bedächtig den Kopf: »Ich kann bloß sagen: hereinkommen sie nicht, die Franzosen nicht und die Engländer nicht. Und wenn sie auf den Kopf stehen. Wir lassen sie nicht herein. Mehr kann ich nicht sagen.« Das war viel, aber es war den Hirzenbachern nicht genug. Er hätte erzählen können, was er wollte, man hätte ihm alles geglaubt, weil er von draußen herein kam. Aber kein Mensch wußte, wo sein heiteres, schlagfertiges Mundwerk von vordem hingekommen war. Vom Heuet und von der Ernte und vom Obst, da sprach er gern mit, und gegen die Kinder war er wie immer. Die gingen ihm nicht vom Fuß. Er schaffte den ganzen Tag. Als es regnete, saß er in der Werkstatt und flickte und sohlte alles Schuhwerk im ganzen Hause. Dem Weib machte er ein Paar Sonntagsschuhe. Ihrem Essen tat er alle Ehre an und sagte: »Dich sollt’ man als Feldköchin haben, da wär’ man versorgt,« und lachte sie an dazu.

Wenn der Daniel seine Kameraden in die Werkstatt schleppte, weil sie den Soldaten sehen wollten, so tat er ihnen den Gefallen und legte Ahle und Pechdraht weg und schnallte um, daß sie ihn anstaunen konnten. Auch sang er mit ihnen auf Begehren: »Heimat, o Heimat, bald muß ich dich verlassen« und: »O Deutschland hoch in Ehren« und was sie sonst noch anstimmten. Aber so scharf die Mutter aufpaßte: es ging kein einziger Kanonenschuß los in seinen Reden. Immer redete er von andern Sachen mit den Kindern.

Und das war, das wußte sie für gewiß, weil es ihm grauste, davon zu reden. Sie kannte doch ihren Johann. Er trug etwas mit sich herum, das war so, daß er manchmal tief aufschnaufen mußte. Aber er lud es nicht bei ihr ab. Vielleicht dachte er, sonst müsse sie es nachher schleppen, wenn er fort sei, und es wachse dann ins Ungemessene.

»Was magst du auch erlebt haben ohne mich da draußen?« dachte sie, als sie ihn so ansah. »Das machen viele Jahre an meinem Herzen nicht mehr wett.«

Da wurde auf einmal das tonlose Geflüster laut und der Mann sagte ganz laut: »Ach du barmherziger Gott.« Sonst gar nichts. Aber er sagte es in einem Ton, in dem alles hilflose Grauen und aller Jammer und alles Entsetzen der ganzen Welt beschlossen lag.

Da war es dem Weib, als habe er ihm nun sein ganzes Herz ausgeleert und es wisse von diesem Augenblick an, wie es im Krieg aussehe. Es war so vieles in der Zeitung gestanden und vieles auch von Mund zu Mund geredet worden, das hatte sie teils fassen können, teils auch nicht, aber nun drang ihr der Schrecken ins Herz mit Schießen, Hauen und Stechen, mit Bluten, Stöhnen und Sterben.

Ach du barmherziger Gott.

Jetzt wußte sie es nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Herzen. Das schlug und hämmerte wild.

Der Mann war wieder still und schlief ruhig weiter.

Das Weib aber, das ihn gern geweckt und mit aller Liebe getröstet hätte, zog sich die Decke übers Gesicht, daß er nicht gestört sei, und weinte bitterlich.

* * * * *

Aber was der Schuhmacher in der Nacht herausgestöhnt hatte, das war nicht alles gewesen, was er aus dem Krieg mit heimgebracht hatte und was er davon zu sagen wußte.

Es kam ein Weib drei Stunden weit über Berg und Tal daher, um ihn zu fragen. Da fand sich’s, daß er Dinge erlebt und in sich gesammelt hatte, von der Art, die die Engel Gottes gelüstig machen könnte, Mensch zu sein auf Erden, weil sie in ihrer friedlichen Seligkeit nicht wissen können, was es ist, wenn Brüder das Leben für einander geben, und wenn blutige Streiter noch Herz und Milde für den Feind haben, und wenn Väter überall Väter sind, wo sie auch hinkommen und wo Kinder sind auf der Welt.

Es war am Sonntag nachmittag auf der Hölzleswiese. Der Kirschenbaum bot seine braunroten Früchte an zur Schnabelweide. Auf der Leiter stand der Vater und über ihm in einer Gabel saß der Daniel und ließ die Füße baumeln. Beide brockten eifrig, ohne zu dem Baum zu sagen: mit Verlaub, ich bin so frei, aber mit dem Unterschied, daß der Daniel alles gleich da hinein versorgte, wo es am sichersten ist und nur die Steine hinunterspuckte, und der Vater ein Weidenkörblein anhängen hatte, das sich nach und nach füllte, für die Familie nämlich, die unter dem Baum saß. Von Zeit zu Zeit rief er: »Paß auf, Lenele,« und warf eine Handvoll als Abschlagszahlung in das aufgehobene Schürzlein, versprechend, bald komme er hinunter, es sei jetzt einstweilen genug.

Die Mutter hatte den Schorschle im Schoß und ließ ihn, der seine Füße in Gebrauch nehmen wollte, auf sich herumsteigen, gab ihm liebe Namen und dachte drunterhinein, wenn es morgen nicht Tag würde und sie könnten alle miteinander schlafen bis zum Friedensschluß, so hätte sie nichts dagegen. Denn morgen war derjenige Tag, man weiß schon welcher.

Da kam ein Weib aus dem jenseitigen Wald heraus, nicht aus dem Hölzle, sondern aus dem Frauenzeller Staatswald, der sich lang und dunkel auf der Hochfläche hinstreckt. Es trug schwarze Kleider und hatte ein Körblein am Arm, ging so sachte für sich hin und wiegte manchmal den Kopf, wie wenn es seinen Gedanken im stillen Red’ und Antwort stände. Das sahen sie unter dem Kirschenbaum und dachten: wo mag sie auch hinwollen? sie sieht aus, als ob sie mit einer Leich’ gehen wollte. Es ist aber unseres Wissens keine in der Nachbarschaft.

Als die Wallerin -- sie mußte nämlich an dem Kirschenbaum vorbei -- herzu kam, bot ihr die Schuhmacherin die Zeit mit der Frage: »Auch unterwegs heut?« und empfing mit dem Dank die Gegenfrage: »Da bin ich doch recht nach Hirzenbach?«

Die Schuhmacherin wies ihr Weg und Steg, nicht ohne auf den Busch zu klopfen, wem etwa in Hirzenbach der Besuch zugedacht sei, schon wegen der Wegweisung ins Unter- oder Oberdorf.

Aber sie staunte nicht schlecht, als sie vernahm, daß ihr eigenes Haus vermeint sei, und daß der Weg ihrem Mann zulieb gemacht sei.

»Da könnet Ihr gleich dableiben, Weib,« sagte sie, »der Johann Berner, das ist mein Mann, und er steht da oben auf der Leiter.«

Eh’ sie aber den Mann herunterrief, kam er, der alles gehört hatte, schon Schritt für Schritt die Leiter herunter, machte im währenden Absteigen die Hemdärmel zu und stand gleich darauf vor der Fremden.