Part 10
Aber sie dachte nicht daran, daß es so sei und wußte es nicht. Doch aber sah sie aus der Ferne das Schiff daherfahren, das den Sieg und den Frieden bringt und sah das beides, Sieg und Frieden, noch einen Tag lang sich in den Augen und auf dem Gesicht des jungen Kämpfers ausbreiten, dem sie den schweren Stein aus dem Weg geschafft hatte. Dann, als der nächste Abend niedersank, drückte sie ihm die Augen zu.
* * * * *
Es ging ein stiller Zug durch Wald und Wiesen und grünes Gelände talabwärts zu einem Kirchhof, der lag an einer sonnigen Halde und war anzusehen wie ein freundlicher Garten.
Kameraden trugen den Sarg, der war mit ein paar Kränzen geschmückt. Was gehen konnte, ging mit. Mit den Schwestern ging Jungfer Christiane. Im Tal unten gesellten sich Leute dazu, viele Frauen und auch ein paar Männer und ein Lehrer mit Schulkindern, die sangen am Grabe ein andächtig schönes Lied.
Neben ein paar frischen Hügeln war ein Bett gemacht, da hinein senkten sie den Sarg. Es sei Heimatboden, sagte der Pfarrer und gedachte auch derer, die draußen starben in der Fremde und im Feindesland. Da hoben die Weiber an zu schluchzen, denn die Ehre, die sie dem Fremden antaten, war auch den ihrigen vermeint. Es waren ihrer schon viele gefallen, die hatten sie nicht zur Ruhe geleiten können. Nun ließen sie ihr Herz walten und weinten über die Gräber der Unbekannten hin und gelobten sich auch, sie zu pflegen. Das alles, und daß man über das Grab hinschoß, Beten und Singen und Glockenläuten, und die Blumen, die hinunterfielen, nahm Jungfer Christiane als einen reichen Zins ihrer Reise und ein Erbe in sich hinein, da sie die Einzige war, die ihm nahe stand, den man hier begrub mit Dank und Ehren.
Als sie aber vom Grab hinweggingen, hörte sie hinter sich eine Stimme sagen: »Das wird, denk’ ich, die Mutter sein?« und eine andere antworten: »Behüte, es sind keine Verwandten gekommen. Es ist, soviel ich weiß, eine alte Kindsmagd oder Nachbarin von früher her, sie geht ihn nicht näher an.«
Da hatte sie gleich ihr Teil und einen kleinen Stich ins Herz.
Der Lehrer kam aber zu ihr her und fragte, ob sie nicht wolle in die Kirche kommen, es sei da eine schöne Musik zu hören auf der Orgel und Gesang von einer Sängerin, lauter ernste, schöne Lieder, und es sei noch Zeit vor dem Zug. So etwas höre man nicht alle Tage.
Da ging sie hinter den Leuten drein und saß andächtig unter ihnen und die brausenden Orgeltöne strömten über sie hin.
»Das ist,« sagte sie zu sich selber, »vorhin gewesen, daß du nicht hochmütig wirst.«
Und zog sich den Splitter aus dem Gemüte.
»Das tät dir passen, wenn man dich als die Mutter ansehen möchte. Oder auch gar, wenn du sie wärest.«
Mit dem kam die Sängerin und sang mit einer Stimme wie eine Glocke ein Halleluja übers andere in die Kirche hinein.
Und dann wieder die Orgel, ganz zart und fein und manchmal wie aus weiter Ferne.
In diese linden Töne eingehüllt, zog Jungfer Christiane das Fazit ihrer Kriegstätigkeit.
»Also es ist eine Gnad’ von Gott, daß ich hab’ dürfen dem Büblein helfen seinen Abschied machen.
Soviel hätt’ ich mir gar nicht geschätzt.
Wir können nicht alle große Dinge tun.
Und jetzt geh’ ich heim an meinen Platz. Weil doch alle müssen helfen Stellung halten.«
Über dem allem vergaß sie die Leute um sich her und auch ein wenig die Musik, doch aber nicht so, daß ihr nicht etwas tröstlich und hoch den Sinn erhoben hätte. Sie wurde es nur nicht so recht gewahr.
Es war auch wie ein Strom, der trug sie durch eine Stunde hindurch lind auf seinen Wellen dahin.
Auf einmal aber brauste ein Jubelsturm von oben herunter und nach dem Sturm gingen die Türen auf, da strömte Licht und Sonne hinein und die Leute standen auf und verliefen sich.
Da stand auch Jungfer Christiane auf und ging durch die Leute hindurch an die Bahn.
Dann kam der Zug, der trug sie heimzu.
Im gleichen Verlag sind von Anna Schieber erschienen:
Alle guten Geister ...
Roman. 43.--45. Aufl. Ungeb. Mk. 4.--, gebunden Mk. 5.--.
=Velhagen & Klasing’s Monatshefte=: »Mit heller Freude und daneben mit einem verwunderten Kopfschütteln muß ich heute von einem Buche erzählen, das anders ist als andere Bücher, das wie eine schöne Predigt ist und doch mehr als eine Predigt, das Menschen vor uns hinstellt, die wir zu Vätern, Brüdern, Schwestern, Freunden haben möchten, das alles Gute in uns anspannt, das uns fröhlich und getrost macht, und das nach diesem Leben, in dem die Geigen oft so unrein klingen, uns ein anderes ahnen läßt, wo sie rein tönen. Wie ein Märchen aus einer schönen, verlorenen Heimat ist das Buch, aber vielleicht wie jedes gute Märchen voll der höchsten Wahrheit, und hinter ihm steht eine so tröstliche Zuversicht, eine so tapfere Gewißheit, eine so klare Menschlichkeit, daß unser Herz längst Ja und Amen zu dem Buche sagt, wenn der kritische Verstand mit leisem Vorbehalt noch bei dem »Ja -- aber« ist!«
»... All denen, die sich an Raabe erquicken, die aus dem Jörn Uhl einst »Mut des reinen Lebens« tranken, sei dieses Buch empfohlen, das gewiß einen Abstand von den genannten Meisterwerken hält, aber verwandter Art und einen Teil ihrer Kraft in sich hat.«
=Dr. C. Busse.=
Wanderschuhe und andere Erzählungen
11.--15. Tausend. Ungeb. Mk. 2.50, gebunden Mk. 3.50.
=Basler Nachrichten=: »Es sind feine stille Geschichten ohne viele und große Ereignisse; aber es ist eine so trauliche Zwiesprache mit den einfachsten Dingen, eine solche Verklärung des Krähwinklichen, Kleinstädtischen, so viel Andacht zum Unbedeutenden, so viel »Achthaben auf die Gassen«, daß man wohl stellenweise von einem süddeutschen Raabe sprechen darf. Was sie aber bietet, trägt nicht den Stempel talentierter Gefolgschaft, sondern läßt höchstens auf vorhandene Wesensverwandtschaft schließen«.
Ferner:
... und hätte der Liebe nicht
Weihnächtliche Geschichten. 41.--50. Tausend. In Lwd. geb. Mk. 1.--, in Leder geb. Mk. 2.50.
=Dr. C. Busse in Velhagen und Klasing’s Monatshefte=, Febr. 1913: »Es sind kleine Erzählungen, rührend, herzstärkend, gütig; sie predigen von der Liebe, die das Höchste ist, in der wir brennen und verbrennen sollen, die sich selbst gibt. Reinstes Christentum, vor dem wir alle uns beugen, weil es ja nichts anderes ist als reinstes Menschentum, strahlt hier durch erzählerische Verkleidung, und wer auch _nach_ Weihnachten noch weihnachtlich gestimmt ist, soll das Büchlein mitnehmen.«
Amaryllis und andere Geschichten.
21.--30. Tausend. In Lwd. geb. Mk. 1.--, in Leder geb. Mk. 2.50.
=Nationalzeitung= (Basel): »Wieder genießen wir die schönen Vorzüge der Dichterin: lebendige und liebe Beobachtung, oft starke Stimmung, oft feinen Duft und einen eigentümlich anziehenden ganz romantischen Klang.«
Sum, sum, sum! Ein Liederbüchlein für die Mütter und ihre Kinder. Mit farbigen Bildern von _Else Rehm-Vietor_. 3. Tausend. Geb. Mk. 2.20.
=Freie Bayerische Schulzeitung=: »Bei unserer Ausschau nach neuen Bilderbüchern begegnen wir zunächst einem lieblichen Bändchen, das gar nicht groß tut. In feinbuntem modischem Format kann es sich als Bilderbuch wohl mit den besseren Sachen von Mauder und Caspari messen. Neben kräftig Landschaftlichem fällt die Milderung der Buntheit durch Verwendung origineller Halbtöne und die drollige Naivität angenehm auf. Und erst die Texte! =Hier erleben wir etwas ganz selten gewordenes: Die Verse heben die Bilder noch. Ja, es sind wirklich wieder einmal echte Dichtungen darunter, die das Thema von Kind, Vögelein und Blümlein in einer neuen Tonart geben, und Mutter wie Kind zu wohlig warmer Herzenszwiesprache anzuregen vermögen.=«
Druck: Christliches Verlagshaus, Stuttgart.
Weitere Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.
Korrekturen:
S. 59: hinliegen → hinlegen dann lieber gleich {hinlegen} und sterben
S. 143: mißlaunt → mißgelaunt war {mißgelaunt} aus irgend einem Grund