Part 1
Anmerkungen zur Transkription
Das Original ist in Fraktur gesetzt. Im Original gesperrter Text ist _so ausgezeichnet_. Im Original fetter Text ist =so dargestellt=.
Weitere Anmerkungen zur Transkription befinden sich am Ende des Buches.
Heimat
Erzählungen
von
Anna Schieber
Elftes bis zwanzigstes Tausend
Verlegt bei Eugen Salzer in Heilbronn
1915
Inhalt
Seite
Der Tunichtgut 3
Zum zweitenmal 55
Von der stummen Kreatur 115
Nichts Besonderes 145
Heimat 163
Der Tunichtgut
Das Glöcklein an der Ladentür der Schmidbergerin bimmelte heut den ganzen Tag. Es hatte ein helles, hohes Stimmlein, und wenn es angestoßen wurde, konnte es lange nicht zur Ruhe kommen. Es war so geschwätzig, wie die Weiber, die sich in dem niedrigen Lädchen trafen und einander die Stadtneuigkeiten erzählten. Es war das Gegenteil von der Schmidbergerin selber, die nicht viel redete um einen Kreuzer, wie die Leute sagten. Sie sagte auch heute nicht viel, wo es doch wahrhaftig wichtige Dinge zu bereden gab. Der Büttel war durchs Städtlein gegangen und hatte es ausgeschellt, daß Krieg sei. Krieg, und die Männer und die Buben mußten fort, ein ganzer Trupp schon heute, die anderen morgen und übermorgen, je nach dem Alter und der Dienstzeit. Krieg gegen die halbe Welt, wenn man alles glauben durfte, was von Mund zu Mund ging. Der Hutmacher Haas kaufte ein halbes Pfund Tabak und sagte, so lang die Schmidbergerin ihn auswog (denn er nahm immer vom offenen): »Wer da wieder heimkommt, das weiß kein Mensch. Man kann froh sein, wenn man Mädle hat und keine Buben, einmal ich bin froh.« Der Hutmacher Haas hatte ein Gallenleiden und darum fast immer einen üblen Humor und seine drei Töchter hatten es nicht am besten bei ihm.
Aber als er das sagte, da nickte die Kreuzbäurin, die zwei Söhne und einen Schwiegersohn hinauslassen mußte, und neben ihr die Schreiner Hübnerin ließ einen tiefen Seufzer fahren, denn sie hatte nur einen einzigen Sohn, der in Ulm bei den Pionieren gedient hatte und der heute nacht noch fortmußte. Der alten Schullehrerin aber liefen ganz still zwei große Tränen herunter, als sie an ihre vier Enkel dachte, an denen ihr Herz hing.
Aber in die entstandene kleine und bedrückte Stille hinein fuhr die Stimme des jungen Polizeidieners Ruckhaber, der sich ein Paar Hosenträger holen wollte und grad noch die Rede vernommen hatte.
»Ihr Leut, jetzt ist keine Zeit zum Kopfhängen,« sagte er frisch, »und wer Buben hat, soll Gott danken, daß sie mitkönnen. Zum Vergnügen geht keiner, das ist gut wissen, aber doch möcht ich den sehen, der sich halten ließ’, wenn’s gegen den Feind geht und fürs Vaterland.«
»Jawohl,« fiel der Fuhrmannsknecht Schorsch Weidler ein, der ein Kistchen Wetzsteine auf der Achsel hatte und sich nach einem Platz umsah, wo er es abstellen könne. »Und im Gegenteil kann man froh sein, wenn man ein Mannsbild ist und muß nicht daheim hinsitzen, wie die Weiber, sondern kann vorne hinstehen und zu den Franzosen sagen: ›Aus dem Weg da, denn nach Deutschland hinein kommt ihr nicht, da muß alles im guten Alten bleiben.‹«
»Fest steht und treu die Wacht am Rhein,« sagte der Polizeidiener dazu, und nun konnte man sehen, wie über die ernsten und stillen Züge der Schmidbergerin ein Lächeln und ein Aufglänzen ging und wie sie vor sich hinnickte, wie eine, die jetzt das gehört hat, was sie selber gern gesagt hätte.
Die Leute gingen nach und nach, und andere kamen herein und draußen vor dem Laden sagte die Schlosserin ein bißchen giftig: »Die Schmidbergerin hat gut lachen. Ihr Mann ist tot und ihr Lausbub, ihr verkommener, ist in Amerika in guter Sicherheit, die braucht niemand ins Feuer zu schicken.«
Aber die Weiber waren selber erbaut und gerührt von der guten Rede der zwei jungen Männer und sie spürten auch selber etwas von dem Großen, das da auf schweren Flügeln herangesaust kam, und sagten nur: »Ein Kreuz ist so und das andere anders, es hat ein jedes sein Päckle,« und strebten eilfertig ihren Häusern zu, denn da war die Arbeit zu Haufen, ungerechnet das, daß man noch jeden Augenblick da sein wollte, so lange die Ausziehenden daheim waren.
Die Schmidbergerin hatte aber nicht »gut lachen«, und lachte auch nicht. Sie tat den ganzen Tag ihre Schuldigkeit im Laden und schenkte denen, die zum b’hüet Gott sagen unter ihre Tür traten, ein paar Zigarren oder auch eine gute Münze auf unterwegs je nach ihrem Stand und Vermögen, und gab ihnen mit stillen Gesicht gute, feste Händedrücke mit auf den Weg. Aber als sie am Abend die Holzläden vor das Schaufenster und vor die Tür getan und die Riegel geschlossen hatte, da ging sie in ihr Gärtlein hinter dem Haus, beugte sich zu einem rotblühenden Nelkenstock herunter und sagte mit schwerer Stimme: »O Gottlieb!« Und in dem Wort lag so viel Kummer und so viel Liebe und so viel vergebliche Sehnsucht und Sorge, als ein volles, zugeschlossenes und geduldiges Mutterherz nur fassen kann. Der Nelkenstock nahm ein paar große, warme Tropfen in seine offenen Blüten auf, obgleich der Abendhimmel klar und licht war, und vielleicht duftete er darauf noch stärker als vorher. Der Nelkenstock stammte noch von ihrem Gottlieb; er war aus einem Ableger von demjenigen gezogen, der das Mansardendach vor seiner Bubenkammer mit seinen purpurnen Blüten überschüttet hatte. Darum war er der Mutter ans Herz gewachsen. Aber Antwort konnte er doch nicht geben auf das dringliche Fragen ihres Herzens:
Bub, lieber Bub, wo bist du? und was schaffst du? und wenn du noch lebst, wie mag dir’s zu Mut sein, wenn du es hörst, daß das Land in Gefahr und Not ist? Gleich ist dir’s nicht, so wenig wie mir. Wenn ich dir’s nur sagen könnt’! Wenn ich dir nur einen Strauß von den Nelken an den Helm stecken könnte und einen in den Gewehrlauf, und hinter dir drein gucken, wie andere Mütter ihren Buben. Ich tät’ dich nicht halten, wenn ich auch dürfte, und ich könnt’ auch nicht. So einen Hitzkopf, wie dich.
Da mußte die Mutter in all ihre suchenden Gedanken hinein lächeln, wenn sie dachte, daß sie ihren Buben vom Kriege zurückhalten wollte, falls er da wäre; den und halten, wenn er etwas wollte!
Sie stand auf und ging das Gartenweglein hinunter, bis da, wo der kleine Garten an die Wand des Nachbarhauses anstieß. Dort setzte sie sich müde auf das Bänklein, das der Gottlieb noch gemacht hatte, eh’ er fortging von ihr. Das war jetzt sechs Jahre her. Damals war er sechzehn gewesen, klein und mager, ein leibarmes Bürschlein. Kein Mensch hätte vom bloßen Ansehen wissen können, wie wild und hitzig und ungefügig er war, wenn ihm etwas gegen den Strich ging. Höchstens an dem steil aufstehenden Haar sah es, wer es wußte, und an den Augen, die aus tiefen Höhlen heraus Funken schießen konnten. Wie er jetzt wohl aussah? Sie besann sich oft darüber. Im Traum und im Wachen sah sie ihn vor sich. Aber immer wie damals, und sie hätte doch so gerne sein jetziges Bild gehabt. Seine Schulkameraden hatten jetzt Schnurrbärte und waren ausgewachsene junge Männer.
Als die Mutter mit ihren Gedanken so weit war, sah sie ihre Tochter von weitem die Gasse heraufkommen. Sie hatte eine breite, gedrungene Gestalt, so jung sie war, und sie ging ein wenig schwerfällig, denn sie stand vor der Geburt ihres ersten Kindes. Unter einer Haustür blieb sie stehen und sprach zu jemanden, den man nicht von hier aus sehen konnte, ins Haus hinein. In dem Haus wohnte eine Freundin von ihr, deren Mann morgen fort mußte.
»Die Lene wird froh sein, daß der Jakob nicht in den Krieg muß,« dachte die Schmidbergerin. Denn der Tochtermann hatte einen stark verkürzten Fuß und war militärfrei.
»Ich weiß nicht, ich gönn’s ihr, zumal jetzt, wo das Kind um den Weg ist. Aber ich, wenn ich jung wär, ich glaub’ es wär mir ein Leid, wenn meiner nicht mitkönnte. Grad wenn ich ihn gern hätte und einen Stolz auf ihn haben möchte.«
Die Mutter fühlte sich oft nicht recht eines Blutes und einer Art mit der Tochter, die ihr doch nie Sorgen und Kummer gemacht hatte. Die Lene war wohl mehr ihres Vaters Tochter, brav, nüchtern und ein wenig phlegmatisch. Den Flaschner Bäuerle hatte sie genommen, weil er ihr ähnlich war und weil er ein gutes Geschäft hatte. Von dem Bruder sprach sie nicht gern. Sie schämte sich seiner, denn er war als ein Tunichtgut in aller Leute Mund und hatte mehr Streiche verübt als sonst irgend ein Bub im Städtlein, noch eh’ er seiner dritten Meistersfrau bloß aus Zorn über ein paar empfangene Ohrfeigen einen Stein durchs Fenster und an den Kopf geworfen hatte.
Der Vater hatte damals den Gottlieb halb tot geprügelt und am andern Morgen war der Bub fortgewesen und hatte noch Geld mitgenommen. Seither prophezeiten alle Schluderbacher, daß er ein böses Ende nehmen werde, und nur seine Mutter hielt an ihm fest und meinte, es sei doch ein guter Kern in ihm, der eines Tages herauskommen werde. Wie eben die Mütter sind, besonders wenn sie, wie die Schmidbergerin, so ein Büblein schon mit in die Ehe gebracht haben und nun ihrer Lebtag meinen, sie haben etwas an ihm gutzumachen.
Die Lene hielt aber zu ihrem Vater, der darüber verstorben war, daß der Bub, den er gehalten hatte wie seinen eigenen, seiner Meinung nach, ein Tunichtgut sei und bleibe. Auch wollte der Flaschner Bäuerle nicht viel von dem Schwager wissen und war froh, daß er fort sei.
So war die Mutter allein mit ihrem heimlichen Kummer und ihrer großen Liebe und auch allein mit ihrem warmen und raschen Herzen, das sie aus ihrer Jugend mit herübergebracht hatte und das immer noch feurig schlagen konnte, wo etwas Großes und Lebendiges geschah. Sie hätte gern einen Helden aus ihrem Haus und Blut dem Vaterland gestellt, dem sie sich plötzlich mit allen Sinnen verwachsen und verwandt fühlte, seit es angegriffen und in Not war.
»Wenn nur auch gewiß alle gehen und ihre Schuldigkeit tun,« dachte sie ein wenig sorgenvoll und ließ ihre Gedanken in allen Häusern, die sie kannte, herumgehen.
»Ach was, sie werden schon,« wies sie sich zurecht. »Wenn Not an Mann geht, weiß ein jeder, wo er hingehört.« Und wie zur Bestätigung dieses Gedankens klang von weitem ein Lied auf, von vielen Männerstimmen im Marschieren gesungen. »Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt.«
Da schossen dem einsamen Weib die Tränen in die Augen vor einer heiligen Freude und Liebe.
Wie die Stimmen vorüberzogen und verklangen, schlug eine einzelne Stimme an ihr Ohr. Sie kam aus dem offenen Fenster des Nachbarhauses, in dessen Nähe sie saß. Es war eine tiefe Männerstimme und sie gehörte dem Weber Boßhardt, der das Haupt der kleinen Pietistengemeinde des Städtleins und der Stundenhalter war. Die Schmidbergerin horchte auf. Boßhardt betete den Abendsegen mit seiner kleinen Hausgemeinde. Sein Sohn und der Knecht mußten heut in der Nacht noch fort, dann blieb der alte Mann, der ein Witwer war, allein mit der Hauserin.
Die Schmidbergerin tat unwillkürlich die Hände zusammen beim Zuhören. Es waren die großen, feierlichen Worte eines Psalms, die in die tiefe Dämmerung herausfielen.
»Denn er hat seinen Engeln befohlen, daß sie dich behüten auf allen deinen Wegen, daß sie dich auf den Händen tragen und du deinen Fuß nicht an einen Stein stößest. Auf den Löwen und Ottern wirst du gehen, und treten auf den jungen Löwen und Drachen. Er begehret meiner, so will ich ihm aushelfen, er kennet meinen Namen, darum will ich ihn schützen.«
Als der Vorleser so weit war, fiel wieder naher Soldatengesang in die Stille hinein, und das Fenster wurde von innen leise zugemacht.
»Jetzt segnet der Jedele seinen Sohn und seinen Knecht zum Auszug,« dachte die Schmidbergerin. »Er läßt einen jeden ein Blättchen aus dem Ziehkästlein mit den Bibelsprüchen herausgreifen als Wegzehrung. Und er sagt ihnen zum Abschied, daß er daheim tun wolle, wie Aaron bei der Amalekiterschlacht, der oben auf dem Berge die Arme zum Himmel streckte, so lang unten im Tal die Schlacht tobte. Da nehmen sie einen Rückgrat mit von daheim und im Kugelregen fällt ihnen auf einmal ein, daß der alte Mann in Schluderbach für sie zu Gott ruft und daß sie siegen müssen.«
Sie seufzte. »Mein Gottlieb ist bei Nacht und Nebel aus dem Fenster gestiegen und hat den Rücken voll blutiger Striemen gehabt von seinem Stiefvater. Seinen rechten hat er nicht gekannt. Und seine Mutter hat ihn müssen laufen lassen ohne ein b’hüt Gott. Und was aus ihm geworden ist, weiß sie nicht.«
Sie zog ihren Geldbeutel aus der Tasche, und aus einem verschlossenen Fach desselben einen ganz zerlesenen Zettel. Sie konnte ihn auswendig, aber sie wollte die Schriftzüge ansehen. Sie waren alles, was sie seitdem von ihrem Buben hatte.
»Liebe Mutter, ich bin in Amerika. Das Geld kann ich noch nicht schicken, aber sobald es mir möglich ist, schicke ich es. Ich schaffe in einer Ziegelei, es ist streng, aber schlagen tut mich niemand und auch niemand sagt, daß ich ein Lump werden müsse. Liebe Mutter, ein Lump werde ich nicht, und an Dich denke ich immer. Wenn ich etwas Rechtes geworden bin, schreibe ich wieder.
Dein Sohn Gottlieb.«
Es war dunkel geworden. Die Mutter tat den Zettel, den sie nicht gelesen, nur hergesagt hatte, wieder an seinen Platz.
Das Gartentürlein knarrte. Die Tochter kam den Weg herunter; sie hatte ihren Schwatz beendigt und wollte noch nach der Mutter sehen. Seit sie das Kind unter dem Herzen trug, zog sie es eher als vordem einmal zu ihr.
»Ich hab’ Dir bloß noch guten Abend sagen wollen, Mutter,« sagte sie.
»Lang aufhalten kann ich mich nicht mehr. Der Jakob will noch an den Bahnhof gehen und ich geh’ auch mit. Um zehn Uhr fährt der Zug ab mit den Unsern, unser Geselle ist auch dabei. Den Jakob kenn ich gar nicht mehr. Er schimpft den ganzen Abend über seinen kurzen Fuß. ›Wenn ich den nicht hätte, könnt’ ich mit hinaus,‹ sagte er. ›Wie an der Kette komm’ ich mir vor.‹« Sie gingen miteinander aufs Haus zu. Im Gehen bückte sich die Tochter hie und da zu den Blumen, die in schmalen Rabatten längs des Weges blühten. Ein voller Strauß entstand unter ihren Händen.
»Den will ich dem Christoph geben, unserem Gesellen. Er ist fremd hier und hat keinen Schatz und keine Mutter. Man kann ihn doch nicht so hinauslassen.«
Die Mutter sah sie beifällig und freundlich an.
»Nimm auch von den Nelken,« sagte sie.
»Was, von deinem heiligen Nägelesbusch?« staunte die Tochter.
»Den hat sonst kein Mensch anrühren dürfen! Als der Jakob mein Bräutigam war, hab’ ich ihm einmal eine Nelke anstecken wollen, da hast du gleich gesagt: Laß den Stock in Ruh’, der ist mein allein. Der Jakob hat sich geärgert damals, wenn er auch nichts gesagt hat!«
»Das ist heut eine andere Sache. Hörst du, wie sie singen auf der Landstraße drüben? »O Deutschland, hoch in Ehren,« singen sie. Das sind die von Holderwies und vielleicht die von Ambach dabei. Die kommen vom Acker weg und vom Hof und Haus. Alles lassen sie hinter sich und singen noch, wie wenn sie zu einem Fest gingen. Das Herz möcht’ man sich aus der Brust nehmen und ihnen geben, nicht bloß ein paar Blumen.« Der Mutter Stimme zitterte vor Bewegung.
Die Tochter suchte durch die Dunkelheit ihr Gesicht.
»Dich kennt doch auch kein Mensch,« sagte sie. »Immer bist du anders, als man jetzt meint. Du lachst anders und heulst anders als andere Leut. Hast doch auch schon viel durchgemacht, und jetzt, wenn Krieg ist, und du könntest froh sein, daß du niemand fortschicken mußt, tust du, wie wenn dich alles am meisten anginge. Was ist? was hast denn?«
Es drang ein leise schluchzender Laut durch die Stille.
»Laß mich nur sein, wie ich bin,« sagte die Schmidbergerin, und schluckte ihre Bewegung hinunter.
»In dich geht alles langsamer hinein, als in mich. Du wirst’s schon auch noch spüren, wie das ist, was wir jetzt erleben, und daß wir alle aneinander hangen, alles was deutsch ist, wie einer Mutter Kinder, und daß wir der Mutter nichts geschehen lassen. Ich hab’ immer alles so stark spüren müssen, meiner Lebtag schon. Ich mach mich nicht mehr anders. Gut’ Nacht, Lene.«
»Gut’ Nacht, Mutter.«
* * * * *
Wie die Tage nun kamen, einer nach dem andern, schwoll ihr Inhalt und das Geschehen, das sie brachten, zu einer unerhörten, ungeheuren Fülle an. Wer hat sie miterlebt und wird sie je vergessen? Da sei Gott vor, daß aus Deutschlands Herzen jemals schwinde, was da Offenbarung wurde aus den Tiefen der Volksseele herauf: wir gehören zusammen; wir stehen, wie eine Mauer gegen die Feinde. Laßt sie zuhauf kommen, so viele ihrer sind, Deutschland geht nicht unter. Es ist ein innerstes Wissen geworden, daß wir siegen werden. Ein leidenschaftliches Sich-Hingeben von allen, ein Sich-Opfern können, ein stilles, tiefes Gott-Gedenken: Du hilfst uns.
Der alte, engbrüstige Schneider Merz, der schon lang nach dem Tod gejammert hatte, machte sein Fenster auf, wenn die singenden Militärzüge an seinem Haus vorbeifuhren, und sagte zu dem Weber Boßhardt, der ihn besuchte: »Jetzt das muß ich sagen, das tät mich jetzt reuen, wenn ich schon gestorben wäre. Daß ich das noch erleben darf, das freut mich. Jetzt bloß noch so lang, wenn’s Gottes Will’ ist, bis man sieht, wie’s geht.«
»Gehen tut’s gut,« sagte der Weber Boßhardt. »Grad weil’s so viel Feind’ sind, denen wir nichts getan haben, und die sich alle ins Unrecht setzen gegen uns, darum muß es gut gehen. Daß das Wunder und die Hilf’ um so größer ist. So ist’s im Alten Bund auch gewesen. Gib einmal das Buch her.«
Der Schneider gab »das Buch« her und der Weber las:
»Wohl her, sprechen sie, laßt uns sie ausrotten, daß sie kein Volk seien, daß des Namens Israel nicht mehr gedacht werde. Denn sie haben sich miteinander vereinigt und einen Bund wider uns gemacht.
Die Hütten der Edomiter und Ismaeliter, der Moabiter und Hagariter, der Gebaliter, Ammoniter und Amalekiter, die Philister samt denen zu Tyrus.«
Da ging die Tür auf und die Schmidbergerin kam herein mit einer Suppe für den Schneider, der ihr nächster Nachbar war.
»Wißt ihr’s schon?« fragte sie, »die Japaner tun jetzt auch mit und der Landsturm muß fort.«
»Assur hat sich auch zu ihnen geschlagen und helfen den Kindern Lots,« murmelte der Weber.
»Es ist, wie ich sag’! Für das deutsche Volk ist’s eine Heimsuchung, keine leichte. Aber wenn’s wettert, so machen die Kinder, daß sie unter Dach kommen und heim, und so ist’s bei uns auch. Sie kommen alle, man sieht’s jetzt schon. Nicht bloß zum Militär, auch zu unserm Herrgott. Aber für die Feinde ist’s das Verderben.«
Als er das sagte, da glänzte sein trockenes, verknittertes Webergesicht über alle tausend Fältchen hin, wie von einem inwendigen, starken Licht und der Schneider sah ehrfürchtig zu ihm auf.
Die Schmidbergerin ging gleich wieder, denn sie mußte ihren Laden versorgen, und hinter sich drein hörte sie noch den Weber sagen: »Gott, mache sie wie einen Wirbel, wie Stoppeln vor dem Winde.«
Aber sie hatte ein anderes Wort ins Herz gefaßt, das was der Weber von den verlaufenen Kindern gesagt hatte, die heimkommen, wenn’s wettert. Das kam zu einer heimlichen Hoffnung, die schon all die Tage daher in ihrem Herzen das Wort haben wollte, und die Hoffnung wurde stärker und froher daran, so still sie auch vor andern Leuten sein mußte.
Es kamen die Nachrichten von draußen herein, von Schlachten und Siegen und von vielen Verlusten. Die Verluste sah man nicht, man hatte nur ein blutiges und feuriges Bild von so einem Schlachtfeld vor den Sinnen, bis einmal ein Sanitäter auf einen Tag heimkam, der junge Provisor Mergentaler, der einen Lazarettzug begleitet hatte und der im Ochsen den aufhorchenden Männern erzählte, wie es da eigentlich herging. Die Wirtstochter, die ihn gern hatte, sah, daß sein Gesicht sich stark verändert hatte, es sah immer so gerade vor sich hin, wie in eine Ferne, und in der Ferne war Grausiges. Vom Ochsen kam es im Städtlein herum, was er erzählt hatte: ganze Bäche von Blut sah man rinnen, und am Abend, wenn man das Schlachtfeld absuchte, lagen viel stille Leute da unter den jammernden Verwundeten drin. Einer hatte ein Bild von seiner Frau in der Hand. Und neben einem andern lag ein Büchlein, das war rot gefärbt mit seinem Blut, und manche hatten sich in den Grasbüscheln festgekrallt. Aber das Ärgste war, daß der Sanitäter gesagt hatte: »Ihr Leut, es sind da Sachen, die kann kein Mensch wiedersagen, wer die sieht, der verlernt das Lachen für immer.«
Jetzt hätten die Weiber gern die Sachen gewußt, die man nicht sagen kann, denn wer konnte wissen, ob sie nicht gerade einen von den ihrigen angingen. Davon redeten sie hin und her und machten sich schwere Gedanken. Es war aber nicht nur eine, die, wenn sie die Schmidbergerin ansah, dachte, die habe es gut, und habe ihren Buben weit vom Schuß, und sie brauche ihre Lippen nicht so fest zusammenzupressen, sondern könne froh sein, obgleich es wahrhaftig nicht schad wäre um ihr Früchtchen.
Aber am selben Tag, als die Nachricht kam, daß von den vier Enkeln der alten Schulmeisterin zwei gefallen seien, bekam die Schmidbergerin auch einen Brief, und als sie ihn gelesen hatte, ging sie merkwürdig aufrecht und hellsichtig herum, und das Pfarrersbüblein, das Essig holte, hörte sie hinten im Laden am Essigfaß vor sich hinsummen:
»Frankreich, o Frankreich, wie wird es dir ergehen, wenn du die deutschen Soldaten wirst ersehen.«
Da wunderte sich das Büblein, weil die Schmidbergerin sonst nie so etwas tat, und weil sie aussah, als ob sie etwas von Herzen freue.
Am Abend aber, als sie den Laden geschlossen hatte, ging die Schmidbergerin auf das Bänklein unter dem Fenster des Webers Boßhardt und wartete, bis er heraussah. Da reichte sie ihm fast verschämt den Brief, den sie hinter ihrem Schürzenlatz stecken hatte, und sagte: »Wenn Ihr ihn lesen wollet, Boßhardt; der Mensch braucht einen Menschen, nicht bloß im Leid, auch wenn er eine Freud’ erlebt.«
Der Weber sah sie mit seinen kleinen, hellblauen Augen freundlich an. Denn sein Herz ging über die kleine Gemeinde der Stundenleute hinaus und spürte, wo etwas Lebendiges um ihn her gleich ihm aus unsichtbaren Quellen trank oder sich nach ihnen hinsehnte.
»Kommt aber doch ins Haus, Nachbarin,« sagte er. »Die Lampe brennt schon und ich brauch’ meine Brille zum Lesen.«
Gleich darauf saß die Schmidbergerin auf der langen Bank, die drinnen in der Stube an der Wand hinter dem Tisch entlang lief, neben der Haushälterin, und der Weber saß oben am Tisch bei der Lampe, hatte die Brille auf und las mit der gleichen tiefen Stimme, wie er ein Kapitel aus der Bibel las:
»Lissabon, den ...
Liebe Mutter!
Da wirst Du staunen müssen, daß ich hier bin im Königreich Portugal, das in Europa liegt. Ich bin aber bloß auf der Durchreise hier, denn Du kannst Dir denken, daß ich heimpressiere und zwar nicht nach Schluderbach, sondern sogleich zum Militär, wo man jetzt hingehört. Denn, liebe Mutter, wenn man im Ausland hört, daß alle zusammenstehen und wollen einem sein Vaterland verhauen, dann schießt einem das Blut in allen Adern herum und sucht einen Ausweg, so heiß wird es einem, und man merkt auf einmal, daß man ein Deutscher ist, an was man vorher oft nicht gedacht hat. Und man muß sich keinen Augenblick besinnen, daß man heim muß und mittun.
Liebe Mutter, als ich erfahren habe, daß Krieg ist, da bin ich mit meinem Herrn, der ein Ingenieur ist, hoch im Gebirge in Argentinien gewesen, wo mein Herr eine große Wasserleitung hat bauen sollen. Er ist auch ein Deutscher; ich bin außer ihm der einzige Deutsche an dem Werk gewesen. Als die Botschaft kam, da sind wir beide die Nacht durch gelaufen, manchmal in Sprüngen den Berg hinunter und weiter, immer weiter, und haben fast nichts geredet. Nur einmal hat mein Herr gesagt: »Jetzt kann ich’s wieder wett machen.« Aber was er wett machen wollte, daß weiß ich nicht, bloß das von mir selber.