Heilige Zeiten Weihnachtsblätter

Chapter 6

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Man sieht, kein Sozialismus, nur die reine menschliche Empfindung. Aber seiner politischen Anschauung, seinem Widerwillen und Zorn gegen die Widersacher seiner Meinung läßt Victor Hugo überall die Zügel schießen. Häufig in seinen Kinderliedern kommt der Politiker zur Erscheinung, und am Schlusse des Buches stehen noch einige Gedichte, die er den Kindern zu lesen empfiehlt, wenn sie einst erwachsen seien. So soll man aus der Kinderstube kommen: ein ganzer Mann und ein ganzer Bürger. Vaterland, Freiheit -- die großen heiligen Klänge, die an jedes gute Herz mit Zaubergewalt schlagen, läßt Victor Hugo in diesen Versen mächtig erklingen. Wir streiten nicht mit ihm über seine poetische Behandlung der Deutschen -- er ist Franzose; aber unsere Poeten könnten von ihm lernen, wie man ein großer Dichter sein kann, ohne vor den Gewaltigen dieser Welt den Rücken zu beugen, und daß die zarteste Empfindung stolze, trotzige Männlichkeit nicht auszuschließen braucht. Haben sie dies einmal begriffen und diese Einsicht in Gesinnung verwandelt, so kann auch einmal unsern Weihnachtstisch ein Buch in deutscher Zunge schmücken, das mit dem schönen Buche von Victor Hugo um den Preis der Zartheit und Männlichkeit streitet.

(Am 25. Dezember 1877)

Aus der Kinderstube

Geschrieben am Weihnachtsabend 1864

»Oh, wäre ich ein wenig allmächtig und unendlich, ich wollte mir ein besonderes Weltkügelchen schaffen und es unter die mildeste Sonne hängen, ein Weltchen, worauf ich nichts setzte, als lauter dergleichen liebe Kinderlein, und die niedlichen Dinger ließ ich gar nicht wachsen, sondern ewig spielen.« Den ganzen Weihnachtsabend summen mir diese traulichen Worte durch den Sinn, die der treuherzige Walt in den »Flegeljahren« spricht, und ich mußte meinen grün gebundenen, in Gold gepreßten Jean Paul vom Bücherbrett holen, um mich des Wortlautes der gemütvollen Stelle zu versichern. Die Feder will mir aber schier den Dienst versagen, denn alle guten Geister der Weihnachtszeit rumoren durch das Haus. Das ist ein Flüstern und Kichern, ein leises Klopfen an die Wände, ein Huschen und Rascheln und Rauschen, daß man fast an einen Spuk glauben möchte; dazwischen tönen liebliche Kinderstimmen, von freudiger Erwartung und kleiner Ungeduld geschwellt. Auch riecht es im Hause wie harziger Waldesduft, und ein Rauchfaden von Wachskerzen zieht sich ahnungsvoll durch die allzu rasch wieder geschlossene Tür. Geduld ihr Kinder, wißt ihr denn nicht, daß alles Zögern nur den Sinn hat, euch zu überraschen? Ihr seid ja die Könige dieses Festes, und nie sind einem Machthaber der Welt treuere und mehr von Herzen gehende Vasallendienste geleistet worden, als euch. Wenn ihr, liebliche Tyrannen, die unumschränkte Gewalt kennen würdet, die ihr über unsere Gemüter übt! Stärkere Bande, als welche Kinder zwischen Menschen knüpfen, gibt es nicht auf dieser Erde. Man hat euch Unterpfänder der Liebe genannt, und ihr seid's, denn wie oft, wenn der Rausch der Leidenschaft verraucht ist und die Nüchternheit ihr Grau in Grau zu malen beginnt, zieht ihr wieder goldene Fäden zwischen den einander entfremdeten Herzen, ja wenn ihr hingestorben seid in frühem Alter, schwebt ihr noch als einende Schutzengel über Mann und Weib. Ihr seid der nie versiegende Jungbrunnen der Liebe, in den man kein einziges Mal ohne die kräftigste Herzstärkung steigt. Die alte schöne Legende vom langen Christoph erzählt von euch und uns, wie dieser baumstarke Heide ausging in die Welt, um den mächtigsten Herrn zu suchen, und nachdem er selbst den Teufel als zu schwach befunden, einem Kinde den Nacken beugte. In dieser Geschichte sehen wir uns alle versinnbildet. Wem alle Herrlichkeiten hienieden nichts anzuhaben vermochten, wen selbst das Auserlesenste dieser Welt: ein schönes und gutes Weib nicht zu bändigen wußte -- vor einem Kinde, das ihn mit unschuldsvollen Augen anschaut, das ihm die hilflosen Händchen entgegenstreckt, wird er klein und demütig. Solch ein schwaches Geschöpf, das ein Windhauch umwirft, bändigt den wildesten Mann, und wäre ich ein Poet, ich wollte euch die Geschichte von einem Vater erzählen, der von seinem Kinde erzogen wird, und die euch gewiß rühren müßte. Aber selbst hilflos wie ein Kind, schlummert sie mir im Gemüt, und ich kann sie, ob mich auch tausend Wehen plagen, nicht entbinden. An solchen Tagen, wie der heutige ist, kann es einen schmerzen, kein Dichter zu sein.

Und da ich nun nicht fliegen kann, gehe ich gut bürgerlich zu Fuße und schaffe mir einen Stock, auf den ich mich stütze. Mir sind allerhand Bilder durch die Hand gelaufen, die sich als Weihnachtsgeschenke empfehlen. Da halte ich einen säuberlich gearbeiteten Kupferstich fest, der mich als ein Idyll der deutschen Familie aufs lieblichste anmutet. Es ist das Bild: »Nach der Taufe,« von Ludwig Knaus. Wie ich die grauen Schatten anblicke, werden sie warm und lebendig, und da blüht das früher geschaute Werk in heiteren Farben vor mir auf, gleich wie eine dürre Jerichorose, im Advent ins Wasser gestellt, um Weihnachten wieder lebendigen Trieb in sich verspürt.

Ein Fatschenkindlein, kaum vierzehn Tage alt, ist der Held dieses liebenswürdigen Gemäldes. Es wird nach Jahren einmal erfahren, daß es heute getauft worden, und wie hoch es bei dieser Gelegenheit hergegangen. Wie es jetzt daliegt, in rot geränderten Flanell gebunden, mit einer von blauen Seidenbändern besetzten Haube angetan, hat es keine Ahnung, daß es dem natürlichen Heidentum, welches wir alle mit auf die Welt bringen, soeben abgesagt und Glied einer höheren Gemeinschaft geworden, ja es weiß ebenso wenig wie wir, die ihm neugierig ins Gesicht gaffen, ob es ein Mägdlein ist oder ein Knabe. Die Wahrheit zu sagen: Das Ding schaut herzlich dumm, und als ob es von einem scharfen Lichtstrahl geblendet wäre, in die Welt hinein, und gewiß ist die ganze unergründliche Mutterliebe oder das eifersüchtige Selbstgefühl des Vaters vonnöten, um diese Kinderzüge, welche die Natur kaum aus dem Groben herausgearbeitet, schön zu finden. Wie bedenklich ist die tief eingesattelte Nase noch in Unordnung, wie unreif Mund und Stirne, und wie notdürftig kann der innere Mensch zu den Augen, den lieblichen Fenstern der Seele, herausschauen! Und doch ist es schon mehr als acht Tage her, seit der mittelbare Urheber dem Neugeborenen den ersten Kuß (ein ausschließlich im Rausch der Vaterfreude genießbares Glück) auf den Mund gedrückt. Dem jungen Geschöpf kommt unsere kalte Welt bei jedem Atemzuge noch untröstlich vor, denn es träumt noch von der schönen Wärme, die es -- dem dunklen Gefühl muß es wie eine Ewigkeit vorkommen -- mütterlich umhüllte. Aber siehe, für das verlorene sonnenwarme Eden winkt hinten in der Bauernstube als mächtiger Tröster der grüne Kachelofen, und was mehr bedeutet als alle grünen Kachelöfen der Welt -- Teilnahme und Liebe kommt dem Kinde von allen Seiten entgegen. Ja wir fürchten, dem armen Wurm droht mehr Liebe, als ihm gesund sein wird. Der treffliche Pfarrer des Ortes, der seine gedeihlichen etliche und sechzig Jahre mit behäbiger Gelassenheit trägt, schaukelt, inmitten der Stube sitzend, den jungen Weltbürger auf seinen Armen und ist in liebevolles Anschauen des kleinen Meerwunders dermaßen vertieft, daß wir ungeladenen Gäste des Taufschmauses nicht einmal seine gemütvollen Augen (denn gemütvoll müssen sie sein) erschauen können. Dem Pfarrer zur Rechten steht ein altes Bäuerlein, dem die Augen vor lauter Wollust des Schauens schier aus dem Kopfe fallen wollen, und zur Linken des geistlichen Herrn beugt sich ein mit einer schwarzen Florhaube aufgeputztes Mütterchen über das Antlitz des Kindes, als wollte es sich selbst (man kennt den Zauber) im Wasserspiegel eines Kübels sehen. Wir hören das liebe Geschwätz der guten alten Leute: wie das Kind dem Vater gleichsieht! meint die Alte -- nein, der Mutter! wirft das graue Bäuerlein ein, und beide meinen das Gegenteil des Geschlechtes, nämlich im Grunde jedes sich selbst. Mit nichten, sagt gelassen der geistliche Herr, die Nase hat das Kind vom Vater, von der Mutter aber die Augen -- und Hochwürden bedenken nicht, daß besagtes Kind fast noch keine Nase und kaum etwas, das ein Christ Augen nennen wird, im Kopfe hat. Wie dem auch sei, jene zwei alten Bauersleute sind die schlimmsten Feinde des gefeierten Täuflings, sie sind seine Großeltern. Sie werden mit der Zeit die Erziehungsmethode der Eltern kreuzen, dem Kind Zuckerwerk zustecken und es verhätscheln, als gäbe es keine Schwerkraft in der Welt, keine Rippenstöße und Ohrfeigen. Ach, die Gebeine der guten Alten werden längst modern, und du, o Kindlein, seiest du nun ein Bub oder Mädchen, wirst dann erfahren müssen, welch ein hartes und herbes Ding das sei, was man Leben nennt. Wir gönnen dir deinen Kindheitshimmel, mögest du nicht allzu jäh auf die Erde fallen!

Doch hast du einen Schutzengel, einen holdseligeren kann man sich kaum wünschen. Es ist die lieblich erblühende Jungfrau, rotes Häubchen auf blondem Haare, die jenem alten Strobelkopf -- deinem Großvater -- über die Achsel schaut. Wie alle geistig gesunden Mädchen sich als künftige Mütter denken oder träumen, so scheint auch diese bäuerliche Schönheit, indem ihr Blick auf dem Täufling ruht, mit ahnungsvoller Seele über jenen rätselhaften Brunnen, aus welchem die Kinder geschöpft werden, zu schweben. Ein holdes Unschuldsgesicht, in welchem die Geheimnisse der Liebe traumhaft aufdämmern. Sie ist die Schwester der Mutter und Pate des Kindes. Ihr Schützling wird viel Liebe bei ihr finden, doch nicht übertrieben, denn Klugheit und Energie können ihre Züge nicht verleugnen; nur steht zu befürchten, daß sie zu rasch aus dem Haus heiraten werde, denn jetzt schon laufen ihr die jungen Bursche des Dorfes auf Tritt und Schritt nach ...

Diese ganze Gruppe, deren Mittelpunkt das Wickelkind, nimmt die rückwärtige Langseite der zum Taufschmaus hergerichteten Tafel ein. Auf der Bank gegenüber, den Rücken gegen unser Auge gekehrt, sitzt sehr nachlässig (denn die Gouvernante weilt noch in Genf) ein junges Mädchen, die Ellbogen auf den Tisch gestemmt und gleichgültig dreinschauend; der wohlbeschlagene Schuh ist ihr vom rechten Fuß gefallen, so daß man letzteren in seiner naturwüchsigen Schönheit durch den eng anliegenden Strumpf hindurch bewundern mag. Neben ihr, aus dem lang herabfallenden Tischtuch, taucht ein schwarzer Rattenfänger auf, der vor lauter Haaren kaum aus den Augen schauen kann; aber die weit heraushängende scharlachrote Zunge predigt überzeugend genug die von Kaffeegeruch und Kuchenduft aufgestachelte Gier nach Fraß. Was dieses aufgeregte Tier gern tun möchte, vollbringt in reichlichem Maße sein Tischnachbar, ein junger, kräftiger Bauernbursch, welcher, völlig unberührt von der feierlichen Gelegenheit, seinem Kaffee und dem stattlich aufgegangenen, von Rosinen durchspickten Gugelhupf tüchtig zusetzt. Nicht einmal die neben ihm zur Tür hereintretenden neuen Gäste vermögen ihn in seiner eifrigen Arbeit zu stören.

Und Vater und Mutter? wird man fragen. In einem Lehnstuhle sitzt die Wöchnerin, eine liebliche schlanke Gestalt, und wendet kein Auge von ihrem Jüngstgeborenen. Ihr Gesicht erstrahlt im höchsten und verführerischsten Glanze weiblicher Schönheit, der immer vorhanden, wo ursprünglich edle, aber durch physische Leiden alterierte Züge von einer innigen Gemütsfreude verklärt werden. Nur glauben wir, daß diese an sich so schöne und erquickliche Frauengestalt durch einen Mißgriff in diese Bauernhütte geraten sei; sie scheint mehr Bildung zu besitzen, als ihre bescheidene Lage mit sich bringt: den Auerbach hat sie jedenfalls gelesen und vielleicht auch den Schiller. Desto bauernhafter und fast in unerlaubter Weise uninteressant ist der betreffende Vater. Von seinem neuen Glücke scheint er fast nichts zu wissen, er beschäftigt sich mit einem älteren Töchterchen, das er in den Armen hält, und welchem er Backwerk in den Kaffee tunkt. Vater und Mutter, sowohl jedes für sich als in ihrem Gegensatze betrachtet, zerreißen ein wenig die glückliche Stimmung des übrigen Bildes, und der die Stube erfüllende Kaffeeduft, welcher, gleich einem Atem der Behaglichkeit, aus den bunt geblümten Geschirren raucht, hat viel Mühe, die Einheit der Stimmung wieder herzustellen. Einiges zu diesem Behufe tut auch die in der Behausung vorhandene Literatur, eine Bibel und ein Kalender -- Schriftwerk genug, um den Bedürfnissen sowohl der Welt als der Ewigkeit zu genügen.

Wie aber hätte ich Zeit und Raum, die aufdringliche alte Schwiegermutter Kritik zu Wort kommen zu lassen? Hinter mir brennt schon der Weihnachtsbaum, und wenn ich nicht rasch abbreche, stürmen mir die Kinder den Schreibtisch.

(Am 28. Dezember 1864)

Märchenhaftes

Friedrich Mitterwurzer

Man soll Märchen nicht dichten wollen. Märchen dichten sich selbst! So dachte und sagte man zu einer Zeit, da in Sitte und Recht, in Mythus und Dichtung die naturwüchsige Entwicklung als Grundgesetz für Menschen und Dinge galt. Das hinderte aber die Leute keineswegs, neue Sitten einzuführen, neue Gesetze zu machen, neue Glaubenssätze zu prägen und neue Märchen zu erfinden. Das Leben ist aber stärker als die Lehre. Was neue Märchen betrifft, so spielt uns der Zufall gerade zu dieser Kinder- und Hausmärchenzeit ein zierlich gebundenes und gepreßtes Bändchen in die Hand: »König Drosselbart«, ein Gedicht von E. Bügner (Wien, Carl Gerolds Sohn). Die sinnige Behandlung, welche die Umwandlung der hochmütigen Königstochter aus äußeren Umständen mehr in das Gemüt hineinverlegt, verrät eine Damenhand, und die ungewöhnliche Sprachgewandtheit, die hier waltet, läßt auf literarische Blutsverwandtschaft schließen. In dem Namen Bügner klingen fast sämtliche Konsonanten und der sie beherrschende Vokal des Namens eines berühmten Wiener Historikers wieder, der einst mit jugendlich starker Hand die Grundlinien der Geschichte Österreichs gezogen und in diesen Jahren das alte historische Märchen von dem edelgesinnten und mißhandelten Königssohne Don Carlos zerstört hat. König Philipp und König Drosselbart! Unsere Töchter sorgen dafür, daß die Märchen nicht aussterben ... Märchen, die sich selbst gedichtet haben -- Volksmärchen -- und Märchen, die gedichtet worden sind -- Kunstmärchen -- werden übrigens immer noch in gewisser Weise auseinandergehalten. Ob Friedrich Mitterwurzer, als er die Wiener wiederholt zu seinen Märchenvorlesungen einlud, an diesen Unterschied gedacht hat, ist sehr zweifelhaft. Sein genialer Kollege Bernhard Baumeister wies letzthin einen doktrinären Schauspieler, der ihn durch gelehrte Dokumente von seiner eigenen Künstlermeinung abbringen wollte, mit den Worten zurück: »Gehen Sie nur mit solchen Floskeln und Flausen! Ich bin ein alter Puppenspieler und spiele einfach, was in meiner Rolle steht.« So im besten Sinne gedankenlos mag auch Mitterwurzer gehandelt haben, als er auf sein Programm zweierlei Märchen setzte: ein gedichtetes und ein gewachsenes. Das gedichtete Märchen »Vom unsichtbaren Königreich« entnahm er Richard Leanders »Träumereien an französischen Kaminen«, und das gewachsene »Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen« holte er sich aus der Märchensammlung der Brüder Grimm. Mit dem Buche in der Hand stand Mitterwurzer vor der Hörerschaft, aus der Knaben und Mädchen bis herab zu einem Alter von vier Jahren ihre neugierigen Köpfe reckten. Er las, wenn man das lesen nennen kann. Lesen, erzählend lesen, war wohl der Grundcharakter des Vortrages, aber über dem Lesen entwickelte sich ein lebendiges Spiel, das sich, begleitet von mehr andeutenden als ausgeführten Mienen und Gebärden, auf der ganzen Tonleiter der Sprache hin und her bewegte. Man fand in ihm wieder den hochbegabten Künstler, der uns die alten Figuren des Benedixschen Lustspiels wieder nahegebracht, der die Gestalten von Ibsen und Sudermann beseelt, der uns einen König Philipp vorgeführt, welcher nicht Tyrann, sondern Mensch war, und der überhaupt die halb eingeschlummerte Schaulust des Burgtheater-Publikums wieder geweckt und befeuert hat. Er schlug bei seinen Märchenvorlesungen einen traulichen, treuherzigen Ton an, traf die Stimmung jeder Situation und hob mit Vorliebe die dramatischen Momente hervor. Ein ganz eigenes Talent entwickelte er in der Landschaftsschilderung, die erst im modernen, im gedichteten Märchen ihre Stelle gefunden hat. Im Märchen »Vom unsichtbaren Königreiche« wird ein Flußtal geschildert, in das der Mond scheint: Wellen und Wald rauschen und erzählen seltsame Sachen. Durch gedehnte Worte eröffnet uns der Vorleser die Aussicht in das lange Tal; er läßt im Worte die Musik der Landschaft widerklingen, man sieht hörend die Natur. Die Beschreibung schließt mit dem Satze: »Es war ein wunderbares Tal!« Da nimmt sich Mitterwurzer das Wort »wunderbar« heraus. Er läßt das schöne Wort musikalisch wirken, er läßt es klingen, ohne daß er singt. Aus dem dunkleren »u« bricht das helle »a« wie ein Tag aus der Dämmerung. Wir haben nie eine herrlichere Wortmusik gehört.

In der Pause zwischen den beiden Märchen dachten wir uns in unsere Knabenzeit zurück. In unserem Hause war eine Magd, die rote Hanne, die aus ihrem Geburtsort Wiesensteig im Filstale einen sprudelnden Reichtum von Märchen mitgebracht hatte. Ihr Gedächtnis war erstaunlich, und es machte ihr Vergnügen, aus der Fülle ihrer Erinnerungen mitzuteilen. Sie konnte sich wohl messen mit der berühmten hessischen Märchenfrau der Brüder Grimm. An Winterabenden, wenn sie spinnend am Ofen saß, den Flachs von dem Rocken zog und die gedrehte Spindel tanzen ließ -- denn damals spann man sich die Leinwand noch selbst, schickte das Garn zum Weber, die Weben auf die Bleiche -- dann begann die Magd zu erzählen und tat es so lange, bis nicht sie, sondern wir Kinder erschöpft waren. Dann hörten wir die Spindel wohl noch in den Halbschlummer herein surren und freuten uns schon auf den nächsten Abend. Die rote Hanne sprach nicht ganz so, wie Mitterwurzer las. Ihre Erzählung hatte mehr epischen Fluß, arbeitete das Gespräch und die dramatischen Momente nicht so stark hervor. Mitterwurzers Methode hat aber auch ihren Vorteil, besonders dem modernen Märchen gegenüber. Es ist, wie wenn ein Diamant aus seiner Fassung springt und nun auch an den Stellen, die früher bedeckt waren, zu funkeln beginnt. Das echte Volksmärchen, wie das »Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen«, wehrt sich vielleicht ein wenig gegen diese Behandlung, weil die Erzählung hier ohne subjektive Zutat ist. Ein heiterer Ton geht durch dieses köstliche Märchen, der gleich im Anfang angeschlagen wird. »Immer sagen sie: es gruselt mir, es gruselt mir! Mir gruselts nicht. Das wird wohl eine Kunst sein, von der ich auch nichts verstehe.« Hinter dieser Heiterkeit scheint sich aber ein stolzes Nationalgefühl zu bergen, das mit Bismarck sagen kann: »Wir fürchten uns vor niemand!« Ja, hinter diesen scherzenden Märchen sehen wir die Deutschen, wie sie kämpfend in die Weltgeschichte treten, kämpfend nicht bloß aus Not, sondern auch aus Lust am Kampfe, daher sie in Byzanz und Rom Verfechter fremder Sachen sind und heute noch in ihren bunten Wämsern, treu und schlagfertig, in den Vorhöfen des Vatikans stehen.

Die deutschen Märchen, die sich selbst gedichtet haben -- die Volksmärchen -- sollen uraltes Nationalgut sein. Die Gestalten, die darin auftreten, werden als heruntergekommene heidnische Götter betrachtet, die sich vor christlicher Verfolgung in die Märchentracht versteckt haben. Es gibt wohl welche unter den deutschen Märchen, die dieser Ansicht entsprechen, beispielsweise unser allerliebstes Dornröschen. Wodan, der durch die Strahlengluten reitet, um die schlafende Sonne zu wecken, Siegfried, der durch die wabernde Lohe dringt, um Brünhild zu befreien, der junge Königssohn, der durch die Hecken bricht, um Dornröschen zu holen, sie sind wahrscheinlich eine und dieselbe Gestalt: zuerst als Gott, dann als Held, zuletzt als Märchenprinz. So kann nun jeder deutsche Mann, der ein Weib erwirbt, als Gott, als Held, als Märchenprinz empfinden. Aber nur wenige von den deutschen Märchen sind so bequem auszulegen wie Dornröschen, und selbst die nationale Ursprünglichkeit der deutschen Märchen wird bedenklich, wenn man dieselben Märchen, wie die deutschen, unter verschiedenen Himmelsstrichen und Völkerschaften verbreitet findet. Man kann sagen, das beweise nichts gegen die nationale Ursprünglichkeit der deutschen Märchen. Am Fuße des Himalaya blüht ein Gänseblümchen auf, in einem Tale des Wienerwaldes ein anderes Gänseblümchen, die beide nichts voneinander wissen. Oder nüchterner ausgedrückt: ähnliche Notlagen erzeugen ähnliche Gedanken und Erfindungen, ähnliche Gemütslagen bringen ähnliche Dichtungen hervor. Allein die Ähnlichkeit häufte sich in dem Maße, daß man an Entlehnung denken mußte, und ein deutscher Gelehrter (Theodor Benfey) machte die merkwürdige Entdeckung, daß der größte Teil unserer abendländischen Märchen und Novellen in Indien erfunden ist, woher sie uns auf verschiedenen Umwegen durch Mongolen, Islamiten und Juden zugemittelt worden. So leben wir auch nach dieser Seite hin geistig von den Erfindungen des Orients. Und das letzte: daß Dichtungen sich selbst dichten, ist in der Wissenschaft ein schon fast verschollenes Märchen. Überall, wo etwas Bedeutendes geleistet wird, sei es in der Dichtung, in der Wissenschaft, in der Technik, überall steckt ein einzelner Kopf dahinter, den man freilich nicht immer sieht. Selbst die Sprache, in ihrem Ursprunge das dunkelste Gebiet, ist gewiß durch geniale Griffe einzelner Menschen vorwärts gebracht worden, wobei die Frauen, in deren Mund die Rede so leicht und geschmeidig wird, keineswegs auszuschließen sind. Als der Streit um die Verfasser der deutschen Volksepen im Schwange war, hat Ludwig Uhland das in seiner Anmut so tiefe Wort geschrieben: »Die ganze Masse (des Volkes) ist noch, wie ein Zug von Wandervögeln, in der poetischen Schwebung begriffen, und die einzelnen fliegen abwechselnd an der Spitze.«

Friedrich Mitterwurzer, der stets anregende Künstler, hat uns durch seine Märchenvorlesungen auf diese angenehmen Abwege gebracht, von denen zurückkehrend wir ihn noch einmal dankbar begrüßen.

(Am 25. Dezember 1895)

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