Heilige Zeiten Weihnachtsblätter
Chapter 3
#Dr.# Conrad Schwälble, ein schwäbischer Privatgelehrter, der von der Theologie hergekommen -- denn damals war jeder gebildete Württemberger Theologe oder Theologe wenigstens gewesen -- hatte von einer Stuttgarter Verlagsbuchhandlung die Aufgabe übernommen, den Text von Schillers Werken zu säubern, in sorgsamer Abwägung des Wertes der verschiedenen Lesarten eine sogenannte kritische Ausgabe herzustellen. Zu diesem Behufe hatte er in dem benachbarten Cannstatt eine kleine, stille Wohnung gemietet, die nahe unter dem Dache lag und nur mit einem schräg angebrachten Guckfenster auf den vorüberfließenden Neckar hinaussah. Überdies hatte er sich sein Bäschen Friederike, kurzweg 's Rickele genannt, aus ihrem gemeinsamen Geburtsorte Munterkingen als Gehilfin verschrieben, ein blühendes Mädchen von achtzehn Jahren, ganz in der heimatlichen Mundart groß geworden, aber mit einem ausgesprochenen Sinn für das Höhere und Edlere, wie es in den Büchern zu finden ist. Da sie, frühzeitig verwaist, von jung auf das bittere Brot der Fremde geschmeckt, folgte sie freudig dem Rufe des verwandten Mannes. Als sie bei dem gelehrten Vetter einzog, brachte sie die volle ländliche Atmosphäre mit sich, und sie selbst sah so dorfgeschichtlich aus, daß Schwälble sie mit einigem Befremden willkommen hieß. Die hinaufgestrichenen Haare krönte ein steiles, spitzes Häubchen, von welchem lange breite Bänder, schwarz und an den Rändern ausgezackt, über den ganzen Rücken bis an die Gangadern herabflossen, den anmutigen Busen hielt ein verschnürtes Mieder mit weißen Spitzen, und der Rock war so kurz bemessen, daß er die Knöchel sehen ließ. Jeder andere, als Schwälble, wäre von dieser freundlichen Mädchenerscheinung gerührt gewesen; da er sich aber selbst aus bäuerlichen Verhältnissen herausgearbeitet, wollte er an das »Kafferntum«, wie er sich studentisch ausdrückte, nicht gern erinnert sein. Als er daher sein Bäschen zu ihrem künftigen Berufe, der darin bestand, ihm bei der Herstellung kritischer Texte behilflich zu sein, vorbereitete, legte er ihr den Wunsch nahe, sie in städtischer Tracht um sich zu sehen, die sich nicht nur für Cannstatt, sondern auch für Schiller besser schicke. »Du mußt auch die Toilette deiner höheren Aufgabe tragen!« rief der Philolog aus, um den Ehrgeiz des Mädchens zu stacheln. Wie nun das andere Geschlecht die Veränderung und die Maskerade liebt, war Friederike nicht besonders schwer zu bewegen, ihre bisherige Hülle abzustreifen und moderne Kleidung anzulegen, in die sie -- von einer gewissen steifen Grazie abgesehen -- rascher, als man hätte glauben sollen, hineinwuchs; doch in bezug auf das, was er ihre künftige Aufgabe nannte, stieß er auf einigen Widerstand von ihrer Seite. Ihre literarische Kunde beschränkte sich auf Bibel, Gesangbuch und auf die Gedichte und Schauspiele Schillers, die sie jahrelang mit steigender Begeisterung gelesen hatte, wenn sie, in fremdem Dienste, unartige oder kranke Kinder auf ihren Armen beruhigte oder einschläferte. Nun konnte sie mit ihrem Enthusiasmus, der ins Große und Ganze ging, die scheinbar kleinlichen Bemühungen ihres Vetters nicht vereinigen, die darauf hinausliefen, jedes einzelne Wort Schillers, das je geschrieben oder gedruckt worden, aufs Korn zu nehmen und auf seine Richtigkeit zu prüfen. Schreibfehler, Druckfehler -- welche Kleinigkeit einem Genie gegenüber, das uns ja gerade über alle Grenzen des Verstandes hinausreißt! Schon einmal sei man bestrebt gewesen, ihr den Schiller zu verleiden. Sie habe sich aus seinen Dichtungen ein persönliches Bild von ihm gemacht, so schön, so glänzend, wie das keines andern Mannes. Nun habe ihr eines Tages der Barbier von Munterkingen, als er einem ihrer Pfleglinge Blutegel setzte, mit einer gewissen boshaften Beflissenheit mitgeteilt, daß Schiller ein langer, unbeholfener Mensch mit schlottrigen Knien gewesen, daß er rotes Haar, Sommersprossen, entzündliche Augen gehabt und daß er leidenschaftlich Tabak geschnupft habe. »Himmel und Erde,« habe ich ausgerufen, »das ist nicht wahr, und hab' es auch nie wahr sein lassen. _Meinen_ Schiller trägt der italienische Figurenmann auf dem Kopfe herum, _mein_ Schiller steht auf dem Alten Schloßplatze in Stuttgart, gar net davon zu reden, wie fescht er steht in meinem Innerschten. Ich brauch' keinen Schiller für Bartputzer und Knochenhauer!...« So konnte Friederike, als die echte Landsmännin des jugendlichen Schiller, zum Verdrusse und Schrecken ihres Vetters blitzen und wettern. Man kann sich denken, wie sie sich als arme Sünderin und verdammte Seele fühlte, wenn Schwälble aus einem Manuskripte oder einer ersten Ausgabe Schillers vorlas und sie, ihm gegenüber in einer andern Ausgabe nachlesend, von allen Unterschieden der Interpunktion und Schreibung Rechenschaft geben mußte. Sie hieß dieses Geschäft zum größten Ärger ihres Vetters »die Purpurgewänder Schillers auftrennen«. »Was Ypsilon oder I,« konnte sie dann erzürnt ausrufen, »was Strichpunkt oder Doppelpunkt -- der Dichter bleibt der Dichter, und ein verdächtiges Wort -- verschrieben oder verdruckt -- macht uns selbst zum Dichter! Wenn ich einmal verheiratet bin, schaffe ich mir einen Reutlinger Nachdruck Schillers an, und ich freue mich schon im voraus, wie ich mich an diesem saftigen Unkraut erholen werde ...« Solchen leidenschaftlichen Ausbrüchen gegenüber, denen er freilich, ganz im Hintergrunde seines Wesens, eine gewisse Berechtigung nicht absprechen konnte, ließ sich Schwälble mit Salbung über die Würde des Textkritikers aus, und gerne bezeichnete er mit den Worten des größten deutschen Meisters dieser Wissenschaft und Kunst als die Aufgabe der philologischen Kritik: »den Schriftsteller selbst sich so ähnlich als möglich zu machen«. Dergleichen Worte glitten an dem Bäschen spurlos ab, der er ins Gesicht sagte, daß sie keinen Wahrheitssinn habe. Das ließ sie einfach auf sich beruhen, doch brachten es Zeit und Gewohnheit mit sich, daß sie sich mit ihrer Beschäftigung aussöhnte und sie mit nicht mehr Aufwand von Gedanken betrieb, als Nähen und Stricken. Auch sprach sie von beendigten Bänden als von fertig gestrickten Strümpfen.
So waren sie vom frühesten Frühling an bis in den Sommer hinein fleißig gesessen und hatten Schillers Gedichte und Dramen sämtlich ins Reine gebracht. Nun nahmen sie die Prosa-Schriften in Angriff. Es war an einem heißen Juli-Nachmittag, als sie Schillers Abhandlung: »Von den notwendigen Grenzen des Schönen, besonders im Vortrage philosophischer Wahrheiten«, zu lesen begannen. Auf dem Tische von Friederike, die dem Guckfenster gegenübersaß, stand eine Schüssel saurer Milch, und daneben hatte sie sich, wenn etwa Durst und Hunger mahnten, dünne Schnitten von Hausbrot zum Eintunken zurechtgelegt. Schwälble seinerseits machte sich mit einer mächtigen Tabakspfeife, einem sogenannten System, zu schaffen: langes Weichselrohr, Porzellankopf mit ausgeschweiftem Wassersack, beweglicher Schlauch und unendlicher Mundspitz. Er hatte sie mit gelbem Knaster gestopft und paffte jedesmal, so oft er ein Komma fehlen ließ oder einen Schlußpunkt markierte; wenn eine Stelle längeres Nachdenken in Anspruch nahm, ließ er den Rauch langsam durch die Nase streichen. So begann Schwälble mit breitem Behagen zu lesen, und das Bäschen unterbrach ihn, wo die beiden Lesarten nicht stimmten. Darauf schrieb er, um die echte Lesart in den Text aufzunehmen und die unrichtige oder verdächtige in die Anmerkungen zu verweisen. Kaum aber hatten sie ihre Arbeit aufgenommen, als vom Neckar herauf laute Stimmen erschollen, die im Chorus das Lied sangen: »Und der Reutelinger Wein ist ein guter, guter Wein, denselben wollen wir trinken und eineweg lustig sein!« Friederike, die den Blick sofort durch das Guckfenster schießen ließ, gewahrte unten ein Schiff voll Tübinger Studenten, von denen einer auf das Vorderteil des Fahrzeuges gesprungen war und die Mütze gegen ihr Fenster schwenkte. Sie wurde rot und schlug die Augen nieder. Schwälble aber, dem bei dem Gesange der alte Student ins Blut geschossen war, schaute vom Buche auf und murmelte vor sich hin: »Eineweg lustig sein!« Dann las er weiter und weiter, ohne zu bemerken, daß die Bemerkungen des Bäschens immer seltener wurden und zuletzt ganz aufhörten. Er kam zu der Stelle der Schillerschen Abhandlung: »Bei dem wissenschaftlichen Vortrage werden die Sinne ganz und gar abgewiesen, bei dem schönen werden sie ins Interesse gezogen. Was wird die Folge davon sein? Man verschlingt eine solche Schrift, eine solche Unterhaltung mit Anteil, aber wird man um Resultate gefragt, so ist man kaum imstande, Rechenschaft davon zu geben. Und sehr natürlich! denn die Begriffe dringen zu ganzen Massen in die Seele, und der Verstand erkennt nur, wo er unterscheidet; das Gemüt verhält sich während der Lektüre viel mehr leidend als tätig, und der Geist besitzt nichts, als was er tut ...« Und Schwälble wiederholte mit Nachdruck: »Als was er tut,« indem er von Friederike eine Gegenäußerung erwartete. »Bäsle,« fragte er sie endlich, »hast du in deinem Text _tut_ oder _tat_?« Da keine Antwort erfolgte und er nach ihr schaute, sah er sie zu seinem Schrecken eingenickt und die vollen Schlummerrosen auf ihren Wangen blühen.
»Du schläfst?« rief Schwälble scharf aus, indem er das Mädchen beim Arme ergriff. Und als sie, sich ermunternd, ihre treuherzigen braunen Augen weit aufschlug, wiederholte er mit dem Ausdrucke tiefsten Unglückes: »Du schläfst!« Hierauf, als sich ihm in seiner philologischen Angst das Bild seines Stuttgarter Auftraggebers plötzlich stellte, faßte er seinen Schmerz in die Worte zusammen: »O Rickele, was wird der Herr von Cotta sagen!«
An der Ruhe der anmutigen Sünderin entzündete sich Schwälbles Zorn, und in der Aufregung seines Gemütes trat der volle Schwabe auf seine Lippen. »Noi, noi,« brach er los, indem er vom Stuhle aufsprang und die Stube mit starken Schritten maß, »noi, d' Weibsbilder hent koi wisseschaftlichs G'wisse! Was wißt ihr, mit euren Zöpfen und verhimmelten Augen, wie es einem Philologen zumut ist! Mir geht ein unterdrückter Doppelpunkt, ein unterschlagenes Ausrufungszeichen im Wachen und Traume nach, wie einem Mörder das Gespenst eines Erschlagenen. Ein Buchstabe zu viel oder zu wenig versalzt mir die Suppe, vergällt mir den Wein. Für solche Gemütsleiden habt ihr kein Verständnis, kein Gefühl!«
In ihrer Verlegenheit hatte Friederike eine Brotschnitte in die Milch getaucht und aß sie langsam ab. Schwälbles Donnerwetter ging nach einer Weile in einem warmen Regen nieder. Er setzte sich wieder zu Friederike, und indem er seine Hand auf die ihrige legte, fragte er sie mit freundlicher Stimme: »Sag, Bäsle, wo hast du denn hingedacht?« Und sie erzählte ihm hierauf, daß ihr bei seinem Lesen nach und nach die Sinne vergangen seien; daß sie an einem murmelnden Bache zu sitzen meinte, der manchmal aufrauschte und manchmal schwieg, und wie sie im Halbschlummer einen warmen Hauch in ihrem Gesichte fühlte, und wie dann, als sie die Augen öffnete, ein Mann von ihr gegangen und, schön wie eine überirdische Erscheinung, mit leuchtendem Haupte in der Abenddämmerung verschwunden sei. Schwälble lachte auf und meinte, der Engel habe wohl ausgesehen wie ein Tübinger Stiftler in den Ferien: schwarz und weiß gewürfelte weite Beinkleider mit hängenden Quasten und eine bunte Mütze auf dem Kopfe. Ein »forscher« Himmelsbürger! »Er wird wohl aus Munterkingen gebürtig sein und Fritz geheißen haben.« Friederike, die leicht errötete, sagte nicht nein, und da der Bann einmal gebrochen und der Name ihres lieben Munterkinger Kameraden, der sie erst noch vorhin vom Neckar heraufgegrüßt hatte, genannt war, rückte sie mit einer Bitte heraus, die ihr schon lange auf dem Herzen gelegen. »Du, Vetter,« sagte sie, »sei nicht bös; aber der Staudenmayer Fritz hat mir einen Spruch in mein Stammbuch geschrieben, den ich nicht lesen kann. Er sieht so dumm aus, er muß griechisch oder gar hebräisch sein.« Sie reichte dem Vetter das aufgeschlagene Buch, worin geschrieben stand:
_Munterkingen_, 1. Mai 1846.
[Greek: ... nyni de menei pistis, elpis, agapê, ta tria tauta; meizôn de touton hê agapê.]
_Friedrich Staudenmayer_, #Cand. theol.#
Schwälble las mit Wohlgefallen an dem Klang der Worte: #Nyni de menei pistis, elpis, agape, ta tria tauta; meizon de tuton he agape.# »Diesen Spruch, Bäsle, mußt du dir, deines Leichtsinns wegen, ein wenig verdienen. Sprich mir nach und übersetze mit mir! Also: #Nyni# nun, #de# aber -- oh, könnt' ich dir die Bedeutung der Wörtchen #men--de# auseinandersetzen, die im Griechischen so schmuck und beziehungsreich sind, wie eure Ohrgehänge und Schürzenbänder. Doch weiter im Text! Also: #pischtis# -- sprich nur herzhaft #_pisch_tis# aus, obgleich die gezierten Norddeutschen #pistis# sagen. Was meinst du: wenn die alten Griechen die Wahl gehabt zwischen Berlin und Stuttgart, hätten sie nicht Stuttgart vorgezogen, schon um der fröhlichen Lage und des lieblichen Weines willen? Neckerwein, Schleckerwein! #Pischtis#, #elpis#, #agape#, Glaube, Hoffnung, Liebe; #ta# die, #tria# drei, #tauta# diese, zu deutsch: diese drei. #Meizon de#, das größere aber, oder sagen wir gleich: das größte aber --« »Halt,« fiel ihm hier Friederike ins Wort, »halt, ich hab's! Das Größte aber ist die Liebe. Das ist Paulisch' erster Brief an die Korinther, Kapitel dreizehn.« Und dann begann sie feierlich die ewigen Worte zu sagen: »Wenn ich mit Menschen- und Engelzungen redete, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.« »Und wenn ich weissagen könnte,« fiel der Philolog ein, »und wüßte alle Geheimnisse und alle Erkenntnis, und hätte allen Glauben, also, daß ich Berge versetzte, und hätte der Liebe nicht, so wäre ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe den Armen gäbe, und ließe meinen Leib brennen, und hätte der Liebe nicht, so wäre es mir nichts nütze.« »Die Liebe ist langmütig und freundlich,« setzte wieder Friederike ein, »die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Mutwillen, sie blähet sich nicht. Sie stellt sich nicht ungebärdig, sie suchet nicht das Ihre, sie läßt sich nicht erbittern, sie trachtet nicht nach Schaden.« »Sie freuet sich nicht der Ungerechtigkeit,« fuhr der Vetter kräftig fort, »sie freuet sich aber der Wahrheit; sie verträgt alles, sie glaubet alles, sie hoffet alles, sie duldet alles.« Den Schlußvers aber ließ sich Friederike nicht nehmen: »Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größeste unter ihnen!...« Die beiden guten Menschen hatten sich ganz warm gesprochen und ließen ruhig und selig ihre hohe Stimmung ausklingen. Es war so ruhig in der Stube, daß man den leisen Pulsschlag der Stille zu vernehmen meinte. Endlich brach Schwälble das Schweigen, indem er, wie für niemanden gesprochen, vor sich hinsagte: »Das ist ein Evangelium über dem Evangelium. Wenn auch sämtliche Kirchtürme stumm geworden, so werden diese Worte noch immer die Welt erschüttern und beglücken. Streut sie unter die Menge, und Religion wird euch entgegenwachsen.«
Indessen ging in der Stube des Gelehrten die gewohnte Beschäftigung ihren ruhigen Gang, nur Friederike war trauriger gestimmt, als gewöhnlich, weil der Fritz aus Munterkingen, der sich doch vor etlichen Tagen so fröhlich gemeldet, nicht zum Vorschein kommen wollte. Sie hing trüben Gedanken nach, und als sie mit dem Vetter Schillers Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen kritisch säuberte, sagte sie sich, bei einer entstehenden Pause, ganz innerlich das melancholische Liedchen vor:
's ischt no net lang, Daß g'regnet hat, Die Bäumle tröpflet no; I han amal a Schätzle ghat, I wollt, i hätt' es no --
und siehe, das Liedchen wirkte wie eine Zauberformel. Es klopft, und Fritz Staudenmayer steht, ganz schwarz gekleidet, vor ihnen und lädt die Freunde zu seiner ersten Predigt ein, die er als Vikar in Munterkingen hält. #Dr.# Conrad Schwälble, der als Theologe das in Schwaben übliche Trauerspiel im Gemüte gehabt und als Geistlicher seine Erfahrungen gemacht hatte, ging nicht gern in die Kirche und versprach dem jüngeren Freunde, das Bäschen zu schicken, an dem ihm, wie er glaube, ohnehin mehr liege, als an ihm. Fritz und Friederike sahen einander errötend an. Schwälble hielt Wort, und Friederike saß in der Kirche, als Fritz zum ersten Male predigte. Er predigte über den Text: »Nun aber bleibet Glaube, Hoffnung, Liebe; aber die Liebe ist die größeste unter ihnen.« Ihr klangen die Ohren, und der junge Geistliche wußte mit seiner Beredsamkeit alles Menschliche in ihrem Gemüte dermaßen aufzuregen, daß sie vor Glück weinte. Nach der Predigt schlich sie seitwärts an den Bach, um mit ihrem vollen Herzen allein zu sein. Fritz ging ihr nach. Er traf sie an ihrem Lieblingsplätzchen, wo das Murmeln des Wassers sie diesmal an ihren lesenden Vetter erinnerte, der ihr leid tat, weil er die Gehilfin vermißte. Fritz sah ernst aus und sprach heiter, und in ihr, die ebenso ernst gestimmt war, brach wider ihr Gefühl der Mutwillen aus, und sie warf dem geliebten Manne die rasch erschnappten griechischen Brocken hin: #»Nyni de menei pischtis.«# -- »Was, du kannst Griechisch?« rief er erstaunt aus. -- »O nein, Fritz, ich bin bloß der Papagei meines Vetters; aber wenn du es willst, so lerne ich Griechisch.« -- »Geh, Rickele, du bischt mehr wert, als der beschte griechische Klassiker ...!« So legte der Scherz den Ernst nahe, und Fritz fragte das erglühende Mädchen zum ersten Male, ob sie ihm für das Leben angehören wolle. Sie kämpfte mit sich selbst und brachte nur schwer die Worte hervor: »Fritz, ich muß dir etwas sagen, das ich dir bis jetzt verheimlicht habe. Ich habe ... im Schlaf ... im Traum ... ein Mannsbild ... geküßt. Nein, er hat mich geküßt ... aber ... ich habe rasch nachgeküßt. Ich habe treulos an dir gehandelt.« -- »Aber so besinne dich ein wenig, Rickele. War es nicht hier am Bach?« -- »Ja!« -- »Vor einem Jahre, zur Sommerszeit?« -- »Ja!« -- »In der Abenddämmerung?« -- »Ja!« -- »O du liebes Kind, da bin ich der Sünder. Ich bin dir damals nachgeschlichen, habe dir halb schalkhaft, halb schüchtern einen Kuß geraubt und bin dann als ein glücklicher Betrüger davongegangen.« -- »Gottlob!« rief Friederike erleichtert aus. »Da hat doch wieder einmal der Vetter recht gehabt: Der Engel ist ein Tübinger Stiftler gewesen.« Und an den jungen Mann sich wendend, fragte sie zärtlich: »Du, Fritzle, hascht me au a bissele lieb?« -- »O viel und ewig,« rief Fritz, indem er das Mädchen umarmte.
Mit Schiller ging es ziemlich rasch zur Neige. Sie lasen und säuberten noch zusammen den Aufstand der Niederlande und den Dreißigjährigen Krieg; dann, während an der kritischen Ausgabe gedruckt wurde, arbeitete Friederike an der durch Schiller bezahlten Aussteuer. Als sie ihren ersten Knaben zum ersten Male ins Freie trug, kam auf der Post ein großes Paket an. Als es die Frau öffnete, fiel ein starker Band heraus, auf welchem zu lesen war: »Schillers sämtliche Werke. Historisch-kritische Ausgabe, besorgt von #Dr.# Conrad Schwälble« -- »und Friederike Staudenmayer« hatte der schalkhafte Vetter mit Bleistift dazu geschrieben. Die junge Mutter sah lächelnd zu ihrem Knaben auf.
(Am 24. Dezember 1882)
Die Kunst, arm zu werden
Als mein alter Kanarienvogel kurz vor Weihnachten wieder zu singen begann, dachte ich bei mir selbst: Das muß doch eine fröhliche Zeit sein, wenn selbst dieser betagte Herr, kaum einer gründlichen Mauser entgangen, sich ein neues goldenes Gefieder wachsen läßt und in die Stube hineinschmettert, daß einem die vier Wände fast zu eng werden. Und als ich ihm vollends ein duftiges Tannenreis in den Käfig steckte, da sang er immer heftiger, wobei er auf der hölzernen Sprosse langsam tanzte und seinen blaßgelben Flederwisch wie trillernd bewegte. Nach diesem Vogel zu schließen, sieht es in der Welt unendlich heiter aus. Freilich, er hat seinen Hanfsamen, sein frisches Wasser, sein Stückchen Zucker, und somit seine glückseligen Feiertage; aber für uns Menschen, wenigstens für die Mehrheit, ist er kein Verkünder gegenwärtigen Glückes, höchstens ein Prophet der Zukunft. Denn wenn man den Leuten durch das Fenster schaut -- nicht aus schnöder Neugier, sondern aus Teilnahme -- wird man leicht gewahr, daß die Weihnachtsfreude nicht aus dem Vollen schöpft. Es fehlen Äste an den Tannenbäumen, und die vorhandenen sind nicht so schwer behängt wie sonst; die Wachslichter scheinen nicht so lustig wie ehemals zu flimmern, und ihr Qualm legt sich wie beengend und beängstigend auf die Brust. Hinter dem Lächeln der Erwachsenen lauert die Sorge, und selbst die Kinder streifen mit scheuem Blick die Gaben des Festes, um fragend in die Augen der Alten zu schauen. Braucht man erst noch zu sagen, woher diese bängliche Stimmung kommt? Man kennt die alte Sage, wie das Gold sich in Kohle verwandelt. Die Sage ist zur Wirklichkeit geworden, daher der Kummer. In feuerfestem Verschluß sind die meisten Werte über Nacht verkohlt und verbrannt, und als man morgens öffnete, fand sich nur noch ein Häuflein Staub vor, der vor dem ersten Hauch in die Lüfte flog. Seit jenem Augenblick hängt es wie eine Aschenwolke über diesem Lande, und in diesem trüben, aussichtslosen Dunstkreis will das Volk fast verzagen. Mit verschränkten Armen steht die Staatsweisheit da und scheint über dieses Trauerspiel zu lächeln; sie gibt sich die Miene eines unschuldigen Kindleins und verläßt ihre bequeme Stellung nur, um mit ausgestrecktem Finger auf die Schuldigen zu deuten. Man spricht von einzelnen schuldigen Häuptern, wenn die beredsame Predigerin Not laut um Hilfe ruft! Man weist eine über den Dilettantismus hinausgehende ausgiebige Staatshilfe als ein sozialistisches Mittel zurück, während doch Handel und Wandel des ganzen Volkes daniederliegt! Was ist denn der Staat, wenn nicht die Gemeinsamkeit des Volkes? Und wenn der Staat dem notleidenden Volke beispringt, wem hilft er denn als sich selbst?... Ich überlasse die praktische Beantwortung dieser Fragen der Zukunft, indem ich zur Linderung der Not oder doch wenigstens zur Milderung der pessimistischen Anschauungen ein Hilfsmittel mehr moralischer als politischer Art empfehlen möchte. Dieses Hilfsmittel ist die Kunst, arm zu werden.