Heilige Zeiten Weihnachtsblätter

Chapter 2

Chapter 23,245 wordsPublic domain

Der verstimmte Weltflüchtling setzt sich in eine Ecke, von welcher aus er den Schanktisch überblickt. Die Stube ist leer und erscheint noch leerer, weil sie hell erleuchtet ist. Die Wanduhr pendelt scharf und bestimmt, wie das Gewissen der Zeit; nur manchmal scheint sie in Gedanken anzuhalten, aber dem weiter ausgeholten Pendelschlage folgt ein beschleunigter, und das Gleichgewicht ist wieder hergestellt. Der Ofen wärmt den einsamen Gast wohltuend an. Eine Flasche Wein! Nachdenklich leert er das erste Glas, das zweite rascher. Der Schanktisch fesselt seinen Blick, wo zu oberst die blanken Weinkühler glänzen, die einen in geradlinigen Lichtern, die anderen mit der ganzen Fläche; das Auge gleitet zu einigen geschliffenen Kristallgläsern herab, die das Licht buntfarbig und so unruhig brechen, als hätten sie etwas mitzuteilen. Ein Glas und wieder ein Glas! Während der stille Zecher den Schanktisch nicht aus dem Auge läßt, ohne indessen den Glanz der funkelnden Geschirre mehr wahrzunehmen, vernimmt er das ferne Rollen eines Wagens, welches sein Ohr für das stets in der Luft webende Geräusch, das man Weltgeräusch nennen kann, erschließt. Er horcht tiefer und tiefer hinein in dieses Geräusch, er will es in seinen einzelnen Bestandteilen erraten, erkennen. Nach und nach scheinen sich Töne loszulösen aus diesem Chaos, ein Ton, zwei Töne, drei -- ein zusammengestimmter Dreiklang von wohlbekannten Stimmen. Der erste Ton kommt aus einem lebendigen Munde; er klingt so warm, so tief, so zum Herzen sprechend, und siehe, da erscheint sie ja selbst, die Mutter, wie er sie in seinen jungen Jahren gekannt. Sie nimmt ihn bei der Hand, hebt ihn auf den Arm, küßt ihn. Dann trägt sie ihn zu einem kleinen Bette, worin ein kleines rosiges Mädchen liegt und lacht. Es ist seine Schwester, der zweite Ton, den er gehört. Nun umfängt ihn eine Atmosphäre, wie er sie lange nicht empfunden: eine gemütliche Wärmestrahlung, eine humanisierte Luft -- die Atmosphäre der Familie. Er steht vor dem Weihnachtsbaum; er holt rote Ostereier unter dem Bette hervor; er betrachtet die Birkenrute über dem Spiegel mit geheimem Respekt. Er hört den Vater abwechselnd freundlich und strenge reden -- er sieht ihn nicht, denn der Vater ist jung gestorben. Dann die schönen Stunden und Tage mit seiner Schwester: diese rückhaltlose Mitteilung, diese unschuldige Zärtlichkeit, diese Liebe ohne Nebengedanken -- ja, denkt sich der stille Zecher, der wieder ein Glas leert, wen der Himmel liebt, dem gibt er eine Schwester ... Und die dritte Stimme, die höchste des Dreiklangs? Der einsame Gast blickt sinnend in sein Weinglas. Wie Weihrauchduft steigt es auf, und er glaubt in der Kirche zu sein. Eine Trauung wird vollzogen; aber das Mädchen, an dessen reizender Gestalt sein Auge hängt, reicht einem fremden Manne die Hand. Dieses Ja aus geliebtem Munde, wie hat es geschmerzt, wie schmerzt es noch! Ein Wort zur unrechten Zeit, wie das meinige, das sie mir entfremdet! Und wieder leerte er ein Glas, seufzte und fuhr mit der Hand über die Stirne. Der schöne Dreiklang begann abzuklingen, herab vom höchsten Tone an, und nur der Grundton, der von der Mutter kam, hielt länger an, bis er sich in das allgemein summende Geräusch auflöste, das von dem Rollen eines vorüberfahrenden Wagens verschlungen wurde. Wieder glänzten die Weinkühler über dem Schanktische, und die Kristallgläser fingen das Licht auf und brachen es in bunten Strahlen. Auf der Wanduhr, die geräuschvoll ausholte, schlug es 1 Uhr.

Durch einsame Gassen schlich der stille Zecher nach Hause. In seiner Stube angekommen, stellte er das Licht vor einen großen Käfig, in welchem ein grauer Vogel, ein einsamer Spatz saß. Er reizte ihn mit den Fingern, und das muntere Tier flog mit hellem Pfiff auf ihn los. »Armer Kerl!« rief er dem Vogel zu, »wo hast du dein Weibchen?« Und statt aller Antwort fing der Spatz so schön zu singen an, daß der Frager wie gebannt stand und horchte. »Du hast recht, gutes Tier, wer nicht lieben darf, muß singen. Und habe ich heute nicht auch auf meine Weise gesungen, innerlich, wenn auch tonlos? Und überdies, ich habe es doch viel besser als du, abgesehen von den vielen darbenden Mädchenherzen, denen doch die Liebe alles sein sollte. Ich bin ein Mann, und dem Manne gehört die ganze Welt.«

(Am 25. Dezember 1883)

Alte Mädchen

Wie gewöhnlich, wenn die Weihnachtszeit herannaht, habe ich wieder die Nase voll Tannenduft, und diese von der Kindheit her vererbte angenehme Gewohnheit, die ich noch jetzt in jedem Sinne grün nennen möchte, stimmt mich mitteilsam, soweit ein von Natur so kurz angebundener Mensch auf solche freigebige Bezeichnung Anspruch machen darf. Doch schäme sich des Kindes in ihm, wer da will -- wir wollen nicht die Philister sein, die altklug von der Höhe ihrer Weisheit herabschauen, wenn unseren Kindern der Wald ins Haus wächst und in jedem Tannenwedel das Harz sich rührt und das warme Gemach mit Wohlgeruch erfüllt. Das ist der wahre Duft der Seligkeit, die Atmosphäre des Kinderhimmels. Das riecht nach Glück und bringt es auch, erschiene es nun in Gestalt von funkelnden Diamanten oder vergoldeten Walnüssen. Ich höre es wieder in den Wänden rieseln, als ob tausend geschäftige Geister ihr Wesen trieben; die Türklinke knackt leise, ohne daß jemand in die Stube tritt, und ein Rascheln und Flüstern geht durch das Haus, welches man nicht allein dem geschüttelten Rauschgold zuschreiben möchte. Die Familiengeister gehen um, zumal der hundertfältig sich teilende Geist der Mutter, der jedes Bedürfnis kennt und wahrt, vom aufgezogenen Saume des zu langen Unterröckchens bis zum Seelenheile des kleinen Naturheiden, der ihrem Schoße entsprossen. Zwischendurch, wenn eine ferne Tür aufgeht, erschallt frisches Kindergelächter, oder ein zärtlich fortgescholtenes neugieriges Gesicht guckt in das Zimmer herein. Aber die heranwachsenden Mädchen sind schon vom Geiste der Mutter beseelt, denn während die Gute selbst, jeden Wunsch bedenkend, den Familienbaum rüstet, putzen sie für arme Kinder eine kleine Tanne, auf deren Spitze sie ein nacktes Knäblein setzen, welches sehr gesund aussieht, und von dem in kindlichen Kreisen die Sage geht, daß es die Welt erlöst habe. Und die Sage hat recht. Kinder, kleine wie große -- wenn sie groß geworden, heißt man sie Genies -- erlösen die Welt noch täglich, und am heutigen Kindertage, ihr Kleinen, ist unsere Seligkeit nur ein Abglanz der eurigen. Die kleinen Heilande blicken uns aus ihren großen Kinderaugen erstaunt an; sie kennen die arge Welt noch nicht und spielen lächelnd mit einer Passionsblume.

Wenn ich aber bei den Kindern dankbar zu Gast sitze und mich an ihrer Seligkeit sonne, so muß ich jedesmal der Stiefkinder des Glückes gedenken, denen der Himmel nur graue Tage und öde Nächte beschert. Ich will nicht von den Armen reden, denn was ist arm und reich? Wir sind nie reich genug, um den hohen Flug unserer Wünsche zu erreichen, und selten so arm, daß wir nicht täglich einen Sonnenstrahl der Freude einfangen könnten. Ich will von wahrhaft armen Wesen sprechen, die so oft, wenn alles sich freut, traurig beiseite stehen, traurig und unbeachtet, wenn nicht gar verachtet. Diese Aschenbrödel der bürgerlichen Gesellschaft, am Weihnachtstage, als dem Feste der Kinder, doppelte Aschenbrödel, sind -- das Wort will kaum aus der Feder -- die alten Mädchen. Alte Mädchen! Mädchen und alt! Es besteht ein solcher Widerspruch zwischen diesen beiden Wörtern, daß sie selbst erstaunt sind, so hart nebeneinander zu stehen. _Mädchen_ -- ein Geschöpf voll Verheißung, eine blühende Anweisung auf Leben, Genuß und Glück! Und _alt_ -- der Abgrund alles Unwünschenswerten!

So grausam aber diese Bezeichnung auch sein mag, sie ist nicht grausamer als das Geschick der damit Bezeichneten. Ein altes Mädchen sein, heißt ein Schicksal tragen, an welchem eigene Verschuldung nur in den seltensten Fällen einen bedeutenden Anteil hat. Man ist meistens ein altes Mädchen, wie man ein Genie ist: ohne Verdienst oder Schuld, nur mit dem schneidenden Unterschied, daß dem Genie, weil es das selbstverständlich Göttliche ist, alles als Verdienst, dem alten Mädchen aber, weil es ein schicksalsvolles Unglück trägt, alles als Schuld angerechnet wird. Es gibt im strengsten Sinne notwendigerweise alte Mädchen: Natur und gesellschaftliche Verhältnisse wollen es so; was aber notwendig ist, gerade das an mir verspottet und verlacht zu sehen, ist das unbarmherzigste und unerträglichste. Ein altes Mädchen fordert, wenn nicht Mitleid, doch Mitgefühl heraus.

Schon in frühen Zeiten hat die Frage der alten Mädchen die Geister beschäftigt. Mit seiner heiteren Anschaulichkeit schildert der Vater der Geschichte eine babylonische Sitte, die es mit unserem Gegenstande zu tun hat. »In jedem Dorfe,« erzählt Herodot, »wird alle Jahre einmal also getan: Wenn die Mädchen mannbar geworden, so mußten sie alle zusammengebracht und auf einen Haufen geführt werden. Ringsumher stand die Schar der Männer. Sodann hieß der Ausrufer eine nach der andern aufstehen und versteigerte sie. Zuerst die allerschönste; dann, sobald diese um vieles Geld erstanden war, rief er eine andere aus, welche nächst dieser die schönste war, aber alle mit dem Beding, daß sie geehelicht würden. Was nun die Reichen unter den Babyloniern waren, die da heiraten wollten, die überboten einander, um die Schönste zu bekommen; was aber gemeine Leute waren, denen es nicht um Schönheit zu tun war, die bekamen die häßlichen Mädchen und noch Geld dazu. Denn wenn der Ausrufer alle schönen Mädchen verkauft hatte, so mußte die Häßlichste aufstehen, und nun rief er diese aus, bis sie dem Mindestfordernden zugeschlagen wurde. Das Geld aber kam ein von den schönen Mädchen, und auf diese Art brachten die schönen die häßlichen an den Mann ...« So weit Herodot. Dieser babylonischen Methode, eine soziale Frage zu lösen, hängt doch, vom übrigen Bedenklichen abgesehen, ein großer Fehler an: sie legt einen schwankenden Maßstab zugrunde. Denn was ist häßlich? Es gibt immer noch eine Häßlichere, also keine unbedingt Häßliche. Häßlich sein, ist noch kein Hindernis, reizend zu sein, und wie oft -- es gehört zu den Geheimnissen der Liebe -- werden die schönsten Männer von häßlichen Frauen beseligt. Häßliche Mädchen, die ihre schöne Seele nicht an den Mann gebracht haben, sind die Minderzahl unter den alten Mädchen.

Man wird aus allen möglichen Gründen ein altes Mädchen, aber zumeist, weil die Natur die Geschlechter ungleich verteilt hat und weil die Verhältnisse der bürgerlichen Gesellschaft nicht danach angetan sind, das gesamte Liebeskapital der Mädchen fruchtbringend anzulegen. So sind die meisten alten Mädchen reine Opfer. Alle die verschiedensten menschlichen Motive spielen zwischendurch. Das alte Mädchen ist oft aller Romantik voll. Sie hat einen Roman gehabt, einen erlebten oder einen erträumten. Er ist ihr gestorben, er hat sie für eine andere verlassen, oder er hat ihr stilles Werben nicht bemerkt. Sie hat ihr Glück vielleicht versäumt, es unbedacht ausgeschlagen, oder es ist nie so nahe an sie herangetreten, daß sie es mit der Hand erreichen konnte. Sie sieht sich von der höchsten Aufgabe der Frauen ausgeschlossen, und der Kummer darüber geht ihr zeitlebens nach, wenn sie nicht zufällig eine Amazone oder eine Heilige ist. Manche nennen sie glücklich, denn wenn sie die Freude nicht habe, so fehle ihr dafür auch das Leid. Daß sie aber auch die Freude des Leids nicht hat, das vergessen die meisten. Glück im höchsten Sinne zu gewähren, ist ihr benommen. Frauen können so beglücken, daß in ihnen selbst, sogar unter Kummer und Sorgen, eine Fülle des Glücks wohnen muß. Oder ist nur diese überschwengliche Fähigkeit, beglücken zu können, ihr wahres Glück? Ein unberührter Schatz von Liebe ruht oft in dem Herzen alter Mädchen und geht ungenützt mit ihnen zu Grabe. Ihre verfehlte Bestimmung können sie nicht vergessen, selbst wenn sie ihr Leid ins Kloster tragen. Die Nonne noch spielt mit der Liebe, mit der Ehe. Da ihr das Nächste nicht erreichbar gewesen, streckt sie die Arme nach dem Fernsten aus; aber nur, um es ihren Bräutigam zu nennen. Schöner sieht man alte Mädchen in irdischer Tätigkeit walten, indem sie, wenn auch innerlich verblutend und ihre Tränen verschluckend, zu Schutzgenien ihrer jüngeren Geschwister, ihrer Familie oder gar fremder Kinder werden. Würden sie hassen, so hätten sie ihr Los verdient.

Ich sehe etwas Heiliges in guten alten Mädchen, wie überhaupt im Unglück, wo über der eigenen Verschuldung, falls sie vorhanden, eine höhere Macht entscheidend gewaltet hat. Man wird mich wohl am Ende als den Pindar der alten Jungfern verlachen. Sei es drum! Tausende mögen mich verspotten, wenn ich am heutigen Freudentage nur einem jener Wesen, die zu den Opfern der Gesellschaft gehören, mit einem einzigen Worte wohlgetan habe.

(Am 25. Dezember 1876)

Frauenalter

So weit ich die Frauen kenne, ist es der sehnlichste ihrer Wünsche, gleich den olympischen Göttern in ewig blühender Jugend zu leben, und die schwerste ihrer Kümmernisse, einem reizlosen Alter anheimzufallen. Der Kampf, den eine Frau gegen das auf sie eindringende Alter besteht, ist in keinem Heldengedicht verzeichnet, obwohl er hartnäckiger und erbitterter sein kann als irgendein anderer Kampf; er hat seine wechselnden Erfolge, sein Hin- und Widerschwanken, seine Ausfälle und Ratschläge, und schließlich, da das Alter doch unbesiegbar scheint, seine stumme, gramvolle Niederlage. Nichts gleicht an schmerzlicher Kraft den stillen Tränen, den erwürgten Seufzern, dem innerlichen Verbluten einer stolzen Frau, deren welker Hand das Zepter entfällt, mit dem sie über die Herzen zu gebieten lange gewohnt war. Solches Schicksal scheint bitterer zu sein als der Tod, denn es verlangt von dem Menschen, daß er sich selbst überlebe. Wenn sich die Frauen gegen das Alter sträuben, so haben sie ihre guten Gründe. Der Abschied von der Jugend, zuletzt von dem Schein der Jugend, den auf die Wange festzubannen alle Spezereien Arabiens nicht mehr vermögend sind, verurteilt sie in den Augen der Welt zu einer geradezu beschämenden Rolle; lange gelebt zu haben, wird ihnen als eine Art Verbrechen ausgelegt, und zwei Worte, die man vor Frauen nie aussprechen sollte, die Worte: alt und häßlich, werden ihnen mehr oder minder deutlich zu verkosten gegeben, ja die Reigenführer solcher Unart sind zumeist alte Männer. Welcher Undank in dieser schnöden Auffassung des Frauenalters liegt, braucht man wohl kaum zu sagen. Für wen werden sie denn alt, als für uns und unsere Kinder? Was erschöpft ihre Jugend, als die großherzige Freigebigkeit, mit welcher sie Freuden gewähren und Schmerzen übernehmen? Wie oft sind die frühzeitigen Falten in ihrem Gesicht nichts anderes als die Furchen des Kummers, den ihnen die Ihrigen bereitet, als das Rinnsal der Tränen, die sie um uns geweint haben? Wir vernichten sie und verachten sie -- eine Barbarei, deren nicht einmal der vom Himmel vergessene Mann fähig sein sollte, welcher junge Frauenliebe nur flüchtig genossen und nicht ihre mit den Jahren wachsende Kraft und Innigkeit an sich erprobt hat. Was man einmal recht von Herzen geliebt, das, sollte man meinen, könnte nicht altern, und die älter werdenden Augen müßten es immer jung erblicken. »Ihr blüht!« müßte man zu den weißen Haaren sagen, und zu der Falte um den Mund: »Du lächelst!« und das ist keine Lüge, sondern nur das Wunder der Liebe. Dieses Wunder häufiger zu machen, liegt zu einem guten Teil in der Hand der Frauen, und wenn ich zuerst die Männer angeklagt habe, so mögen es auch die Frauen dulden, wenn ich sie -- nicht etwa gleichfalls anklage, sondern nur ein klein wenig ins Gebet nehme. Da möchte ich nun sagen, daß viele Frauen die Kunst nicht verstehen, mit dem Alter sich auf einen freundschaftlichen Fuß zu setzen, daß sie bald zu alt sind für ihre Jahre, bald zu jugendlich (nicht etwa zu jung) für ihr Alter. Ferne sei es von mir, den Schulmeister zu spielen, wozu mir die Natur jede Anlage versagt hat, und den Schulmeister vollends gegenüber den Frauen, die einen Pedanten höchstens heiraten, aber nie von ihm lernen; ich will nur einige Meinungen mitteilen, die sich um das angeschlagene Thema drehen -- Meinungen, die ebenso schlicht als unmaßgeblich sind. Es ist heute Weihnachtsabend, das Fest der Kinder und jungen Leute, und wenn ich von meinem Papier aufsehe, erblicke ich, in Gläser gestellt, schlanke Barbarazweige, welche die grünen Augen öffnen, und die rührende Jerichorose, die, gestern noch dürr und kahl, im Wasser aufquillt und ihre Dolden füllt. Ich kann heute an nichts Altes glauben, am wenigsten an das Alter der Frauen.

Als die natürlichen Verwalterinnen der Schönheit und der Anmut glauben die meisten Frauen ihrer Aufgabe nicht mehr gewachsen zu sein, sobald die Jugend von ihnen gewichen ist, und sie lassen sich entweder fallen oder bilden sich eine künstliche Jugend an. Beides ist falsch und entstellt die Frauen. Was nicht einmal in der Dichtung und Kunst gültig ist, wo jedes Alter seine ihm eigentümliche Schönheit entfaltet, wie kann das Geltung haben auf dem der Sinnlichkeit doch mehr entfremdeten sittlichen Gebiete? Auch im Wohlwollen und in der Güte kann Schönheit und Anmut liegen, und man spricht nicht umsonst von einer sittlichen Grazie. Es ist mein Lieblingswort, daß jedes Alter seine Jugend habe und daß es nur darauf ankomme, sich aus der einen Jugend in die andere hinüberzuretten. Ein reifes Mädchen wird eine junge Mutter, und sie kann jung bleiben bis hinauf zur Großmutter und Urgroßmutter. Das Entscheidende liegt nur immer darin, daß man die Gesinnung seines Alters habe (#l'esprit de son âge#). Man muß sich gegen die anrückenden Jahre weder trotzig stemmen, noch ihnen feige weichen; wer sich ihnen widersetzt, den schleppen sie bei den Haaren mit sich; wer ihnen aber freundlich entgegengeht, den führen sie freundlich an der Hand. Das schlimmste aber ist und den Männern gegenüber das allerunklugste, wenn eine Frau vor dem Alter sofort die Waffen streckt; das macht am ältesten, denn die Frau, die sich gegen ihren Feind verzweifelt wehrt, wird wenigstens für kurze Zeit, freilich mit einem um so heftigeren Rückschlag, die Schönheit der Energie besitzen. In vielen Fällen ist es die Angst vor dem Alter, welches die Frauen altern macht; sie verzehrt das Kapital der gegenwärtigen Kraft und macht leichtsinnig Anlehen bei einer späteren Altersstufe. Die Jugend in das Alter hineinzuziehen oder das Alter vorwegzunehmen, kleidet eine Frau gleich übel. Gefallend kann, ja muß sie immer sein; Gefallsucht aber macht das Alter älter. Die Kunst der Einfachheit sollte sich mit der größeren Reife immer mehr vervollkommnen. Keine Koketterie haben, ist auch eine, und vielleicht die feinste. Damit kann sich ein Zug von Mädchenhaftigkeit verbinden, eine bei aller Erfahrung erhaltene Unschuld und Frische der Seele, die ich schon bei siebzigjährigen Frauen angetroffen und bewundert habe. Daß das Alter schlechter macht, könnte man gewissen Erscheinungen gegenüber wohl glauben; aber man kann mit derselben Berechtigung wohl sagen, daß es besser mache. Das Wahre an der Sache wird aber wohl sein, daß das Alter weder schlechter noch besser macht, sondern einfach alle Geheimnisse des Charakters aus dem Menschen heraustreibt. Die Aufgabe der Frau wird es sein, solche hervorschießende Spitzen des Charakters an sich und anderen umzubiegen. Um sich aber unter allen Umständen jung zu erhalten, pflege sie bei sich eine Liebe, ein Interesse, welches sie für die Welt nicht absterben läßt. Ein Weib ohne Liebe gibt sich selbst auf, denn ob sie jünger oder älter sei, die Liebe ist das große Geschäft ihres Lebens. Auch höheren geistigen Interessen, die doch das Salz der Seele sind, bleibe sie nicht fremd, und was in Literatur, Kunst und im großen Weltleben sich regt, trete immerhin an sie heran. Die Feder benütze sie nur zum Briefschreiben, worin die Frauen Meister sind; denn literarische Hervorbringungen sind mit einer Verletzung der weiblichen Schamhaftigkeit verknüpft, welche kaum durch die große Bedeutung des Hervorgebrachten entschuldigt wird. Eine gute und anmutige Frau, welche nicht dichtet, steht mir höher als eine dichtende Frau, denn sie ist selber ein Gedicht.

Das sind nur einige Schlagworte zur Kunst, jung zu bleiben; aber ich werfe sie getrosten Mutes aus, daß sie als gesunder Samen in den Herzen der Frauen wuchern mögen. Ich kann nicht weiterschreiben, denn ich höre das Rauschen des Tannenbaumes, und der ahnungsvolle Duft der Wachskerzen zieht mich vom Schreibtisch. Das ist ja das schöne Fest der Jugend und der Alten, die jung geblieben sind.

(Am 25. Dezember 1875)

's Rickele von Munterkingen

Ein philologisches Idyll