Heil dir im Siegerkranz!: Erzählung (Zweite Auflage)
Part 9
»Ich bin dir sehr dankbar dafür,« erwiderte Anna förmlich. Die Knie zitterten unter ihr, sie setzte sich nieder, um ihre Aufregung besser zu beherrschen. Kitty schlug die Augen zu ihr auf. Was für Augen! so voll tiefer Beschämung und grenzenloser Seelenpein. Eine Minute verging; Kitty griff geistesabwesend nach einem Buch, das auf dem Tische lag -- sie ließ das Buch fallen. Plötzlich wendete sie sich zur Thür, drehte den Schlüssel um, dann mit der Hast eines Verdurstenden, der auf eine Quelle losstürzt, eilte sie auf Anna Marie zu, und neben ihr zusammenbrechend, barg sie den Kopf in ihrem Schoß. Ein Weilchen schluchzte sie stumm, während Anna Marie tief erschüttert ihr weiches Haar streichelte. Endlich hob sie das Haupt, und noch immer am Boden kauernd, die Wange gegen das Knie der Freundin gestützt, stieß sie hervor: »Ich hab dir vorgelogen, den ganzen Tag, ich kann nicht mehr! Sieh mich nicht so an -- ich kann's nicht aushalten. Immerfort ist mir's dabei, als ob du mich fragtest, wie ich das im stande war. Ja wie ... mein Gott!« Kitty grub sich beide Hände in ihr Haar und schrie es ganz schrill in die Nachtstille hinaus: »Wegen der Kinder hab ich's gethan! Das mußt du doch erraten haben -- wenigstens das! Ich dachte an nichts mehr als an die Kinder. Eins von ihnen wurde krank. Du weißt nicht, was das ist, einen so zarten, hilflosen Wicht wimmern und sich krümmen und vor deinen Augen hinschwinden sehen, und weißt auch nicht, wie einem so ein Kind ans Herz wächst, wenn man es aus einer Todkrankheit herausgepflegt hat! Als der kleine Hans wieder gesund war, hatte ich vergessen, daß ein anderer so geheißen -- ich dachte an nichts mehr als an die Kinder, und was nicht mit ihnen zusammenhing, fühlte ich nicht! Und als gar die abscheuliche Frau ins Haus kam und ich merkte, daß ... ach, ich konnt's nicht aushalten, die Kinder so verkümmern zu sehen -- an Leib und Seele verkümmern! Ich verkaufte mich meinem Mann, ja ich verkaufte mich für eine Summe, die er auf mich schreiben ließ, um die Zukunft der Kinder zu decken, und dafür, daß er mir erlaubte, die Kinder unter sein Dach zu nehmen!«
Kitty schwieg. Anna Maries Herz klopfte stark und schnell. Sie heftete die Augen auf den blauen Himmel über den rauschenden schwarzen Baumkronen, auf den blauen Himmel, aus dem Milliarden von goldenen Sternen herausglitzerten -- dieselben Sterne, die damals heruntergestrahlt hatten auf das Leichenfeld von Sedan. Wie unwesentlich erschien eine kleine Menschenexistenz gegen diese leuchtende Unendlichkeit, und doch, welche Fülle von Schmerz hatte Platz in so einem armseligen, der Fäulnis geweihten Menschenherzen!
»Ich hatte ihn geheiratet aus Verzweiflung,« hub Kitty von neuem an; ihre Stimme klang matt und heiser, sie schleppte die Worte mühsam über ihre vom Fieber heißen Lippen. »Alles in mir war starr -- davon, was ich auf mich genommen, hatte ich mir keine rechte Vorstellung gemacht, ich war zu stumpf, zu elend dazu, und -- die Erinnerung war tot, ich glaubte es zum wenigsten ... ach!«
Mit einemmal richtete sich Kitty auf. Ihr Haar aus dem Gesicht streichend, stand sie vor Anna Marie, mit weit aufgerissenen Augen, totenbleich. »Aber jetzt lebt die Erinnerung in mir -- kannst du dir das vorstellen? -- das Grauen hat sie lebendig gemacht, das Grauen vor meinem Mann! Du hast keine Ahnung, was das für ein Grauen ist -- und zu gleicher Zeit ...« Kitty stützte sich mit einer Hand auf die Platte des Tisches, neben dem sie stand, und schloß die Augen -- »jetzt wandelt er neben mir Tag und Nacht, er, den ich vergessen hatte; ich höre seine Stimme, ich fühle seinen Kuß, und mitten aus dem Grauen, ja mitten aus dem Grauen heraus, kommt mir ein Durst nach Glück! Ich denke mir, wie das so gewesen wäre! ... Wenn ich wenigstens ruhig träumen dürfte, ich hielte alles aus; aber so ... nicht eine Minute in den vierundzwanzig Stunden von einem Sonnenaufgang zum anderen frei sein, nicht eine Stunde allein sein dürfen, wenn's meinem Mann nicht beliebt! Es giebt keine Gefangenschaft wie die! Was soll ich thun -- was soll ich thun! Anna, hilf mir!«
Eine lange Pause folgte; draußen seufzte der Nachtwind in den Bäumen, und die Sterne über ihnen funkelten aus dem Himmel heraus.
Nach einigem Nachdenken sagte Anna: »Eine Trennung von deinem Manne müßte zu erreichen sein; wenn du dich vor dem Aufruhr, den die Sache veranlassen würde, nicht scheust, so laß alles liegen und stehen und komm zu mir. Ich will dich mit Freuden bei mir behalten und dich vor deiner Qual schützen, so gut ich kann.«
»Ach du Gute, du Liebe!« Mit einem jubelnden Ausruf stürzte Kitty auf Anna zu, die sich aufgerichtet hatte und die Arme nach ihr ausstreckte. Plötzlich blieb sie stehen, griff sich an die Stirn -- »Aber die Kinder!« murmelte sie vor sich hin, ohne Anna anzuschauen.
»Nimm sie mit, wir beide zusammen werden es noch fertig bringen, sie zu ernähren, sie vor Kälte und Hunger zu schützen und zu anständigen Menschen zu erziehen.«
»Ja, ja,« murmelte Kitty -- »du bist engelsgut. -- Ernähren, vor Kälte und Hunger schützen ... aber die Zukunft -- die Summe, welche ich von ihm genommen hab für die Kinder, um ihre Zukunft zu sichern -- die ... die ...!«
»Gieb sie zurück,« sagte Anna Marie, ohne einen Augenblick zu zögern.
»Wie kann ich sie zurückgeben,« ächzte Kitty, »ich hab mich ja verkauft um der Kinder willen! Ja, früher -- früher wär ich wohl auf deinen Vorschlag eingegangen; jetzt aber -- ich kann nicht mehr! Verachte mich, Anna! aber die Kinder fühlen sich wohl in dem neuen Reichtum, sie freuen sich daran, ich könnte sie nicht mehr darben sehen; und wenn ich noch einmal zu wählen hätte, ich nähme die ganze Marter noch einmal auf mich um der Kinder willen!«
»Kitty!« rief Anna Marie entsetzt, ihr voll in die Augen sehend; aber Kitty wich ihrem Blick aus, und den Kopf abwendend, murmelte sie, mit den Achseln zuckend, fast trotzig: »Es ist so!«
Anna Marie maß sie vom Kopf bis zu den Füßen kalt und streng. »Und wenn es so ist,« sagte sie, »wenn es so ist, so beklage dich nicht; unter den Umständen hast du kein Recht dazu.«
»Anna!« rief Kitty flehentlich, die kleinen Hände ausstreckend. Aber Anna Marie wendete sich ab.
Da seufzte Kitty tief, senkte den Kopf und verließ das Zimmer.
* * *
Die Nacht, welche auf diese Auseinandersetzung folgte, verbrachte Anna Marie schlaflos. Anfänglich kochte noch die Empörung über Kittys Schwäche in ihr. »Wie hat sie das thun können! Eher hätte sie sich umbringen sollen -- es wäre alles besser gewesen als _das_!« wiederholte sie sich unaufhörlich.
Für Anna Marie, so wie sie nun einmal beschaffen war und ihre vollen fünfzig Jahre lang in romantischer Überspanntheit neben dem Leben hinexistiert hatte, ohne sich auch nur ein einzigmal praktisch hineinzumischen, gab es nichts Demütigenderes, Beschämenderes auf der Welt als gerade das. »_Das_« bedeutete: eine Ehe wie die, in welche sich Kitty hineingefügt. Trotz ihrer unendlichen Güte war Anna Marie doch ein wenig erstarrt in der unbeirrten, schroffen Reinheit, die ihr Lebenselement ausgemacht hatte.
Nach einem Weilchen verflüchtigte sich ihr Zorn gegen Kitty. Das Mitleid gewann die Oberhand. Sie machte sich nun Vorwürfe darob, das blasse zitternde Geschöpf so hart angelassen zu haben. Wie hatte sie, deren Edelmut stets frei und unbehindert seine geraden, vom Schicksal fein säuberlich geebneten Pfade entlang gewandelt war, sich erkühnen dürfen, ein armes Ding zu verurteilen, das sich in einer so verwickelten Lage befand wie Kitty!
Mein Gott, seinen geraden Weg gehen auf Kosten eigener Entbehrung, das war ja nichts -- aber ihn gehen quer über die neu erblühte Freude von drei zarten Geschöpfchen, an denen man mit jeder Herzensfaser hängt, das war freilich ein ander Ding.
»Arme Kitty! arme süße, kleine Kitty!« murmelte sie einmal um das andere, »sehr stark war sie ja nie, sie hatte immer mehr Herz als Verstand. Solche Geschöpfe begehen manchmal ein Verbrechen aus Liebe.«
Mit einemmal schlich sich ein neues Mißbehagen kalt und beklemmend um ihr Herz. Sie dachte an die von Herrn Förster geplante Sedanfeier.
Ein Feuerwerk, Lärm, Militärmusik -- sie setzte sich im Bett auf, ein kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn. Wie sollte Kitty das überstehen. Sie hätte alles in der Welt geben mögen, um ihr die Qual zu ersparen, und fühlte doch, daß sie gegen Herrn Försters Eigensinn hilflos war. Seine Eifersucht war offenbar wach geworden, wie sollte man von ihm verlangen, daß er Rücksichten zeigen sollte gegen Kittys Liebeserinnerungen. Es hieße seine Grausamkeit reizen, nur daran zu rühren.
Anna Marie konnte nicht helfen -- sie konnte nur die Hände ringen und schluchzen.
* * *
Die Tafel ist gedeckt. Mit einer Art Andacht blickt Bernhard, der alte Kammerdiener, auf die geschmackvolle Ausstattung derselben nieder; der lange Tisch ist in ein Blumenbeet verwandelt, aus dem die flachen, mit wundervollem Obst besetzten silbernen Schüsseln hervorglänzen. Es steht weniger Silber auf dem Tisch als zu Herrn Försters Junggesellenzeit, und das wenige ist anderer Art.
Rosa Wachskerzen in schweren silbernen Armleuchtern, jede Kerze mit einem kleinen Lichtschirm versehen, werfen ihr liebkosendes Geflimmer über die Blumen und Schüsseln, über die Reihen von scharf geschliffenen Krystallgläsern, über die goldverschnörkelten, mit Blumensträußen bemalten Teller. Kitty selbst hat das Decken der Tafel überwacht. Es ist seltsam genug, daß sie, für welche die ganze Welt momentan in Trümmern liegt, sie, die keinen Atemzug schöpfen kann, ohne Schmerz zu empfinden, noch darauf hält, daß der Tisch in ihrem Hause ordentlich aussehen möge.
Jetzt steht sie mit Anna Marie in der Halle und stellt ihr die soeben eingetretenen Offiziere vor -- sieben an der Zahl -- ein Oberst, ein Oberstlieutenant, zwei Majore, ein Hauptmann, zwei Lieutenants; der Oberst blond, schön, ritterlich (der Prinzessinnentänzer heißt er unter seinen Kameraden), französischer Abstammung, leichtblütig, gutmütig, nicht ohne Anlage zu phantastischen Übertreibungen, immer beflissen, sich populär zu machen, unglücklich, wenn sich unter den Anwesenden ein einziges Geschöpf, und sei's auch nur ein Hund, befindet, dessen Gunst er sich noch nicht zu erwerben vermocht hat; -- der Oberstlieutenant, ein Bürgerlicher im Gegensatz zu seinem aristokratischen Obersten, nicht ganz zufrieden damit und mit Vorliebe von den Familienpapieren erzählend, die vor drei Generationen bei der Belagerung von Danzig verloren gegangen sind, im übrigen von allem läppischen Strebertum frei, ungemein schneidig, sehr beliebt trotz seiner burschikosen Manieren, gutmütig wie ein Kind, lebenslustig, diensteifrig, ehrgeizig; -- der erste Major, ein echter pommerscher Junker aus sehr gutem Hause, mit dem weißen Malteserkreuz um den Hals, starken markigen Zügen, kleinen, nüchtern und scharf in das Leben hineinblinzelnden Äuglein und vollen Lippen unter einem kurzgestutzten grauen Schnurrbart, äußerlich verbindlich gegen einen jeden, von einem Frankfurter bis zu einem Hottentotten, innerlich fest von der absoluten Superiorität des preußischen Junkertums dem Rest des Weltalls gegenüber überzeugt, aber unbeugsam, pflichttreu, verläßlich, ehrentüchtig durch Erziehung, Standeshochmut und ererbte Naturanlage, nicht unanregend in der Konversation, wenn man ihn nämlich auf sein Lieblingsthema zu bringen weiß, d. i. die langsame und stetige Entwickelung von Preußens Größe, und allezeit bereit, darüber einen kleinen historischen Vortrag zu halten; -- der zweite Major, ein geborener Levantiner, der nur durch Zufall in die preußische Armee hineingeraten zu sein scheint und der mit seiner fatalistischen Gleichgültigkeit und seinen ironisch die Wichtigkeit des Lebens verspöttelnden großen, traurigen Augen in seltsamem Gegensatz zu der Strammheit der anderen drei Herren steht, die den Dienst und das Leben so ernst nehmen; -- der Hauptmann gedrückt wegen zu langsamen Avancements, die Lieutenants jung, heiter und sehr mager.
Kitty hat für jeden von ihnen ein freundliches Wort; Förster, welcher unterdessen eingetreten ist, beobachtet sie genau.
Sie steht noch im Begriff, Anna Marie die Namen der Herren zu nennen, als es von dem ersten Treppenabsatz in die Halle heruntertönt:
A--ach, wie freuen wir uns, Da--aß zum Feste hier U--uns so froh vereint Dieser Jubeltag!
Kitty hebt die Augen -- es ist ein Stück achtzehntes Jahrhundert, das dort auf der Treppe steht. Man hat die Rumpelkammer ausgeplündert, um sich zu kostümieren, alle sind kostümiert, die Damen frisiert und gepudert, die Herren -- Herr von Manz und der Hofmeister -- in weißseidenen Strümpfen, in Atlaskniehosen und gestickten Röcken und Westen, Herr Wißmuth, der in Ulmenhof natürlich nur ohne seine Frau empfangen wird, hat seine gewöhnliche Tracht anbehalten und steht, energisch dirigierend, mitten unter dem phantastischen Häuflein. »Leise, sehr leise,« hat er von ihnen verlangt --
Ach, wie freuen wir uns, Daß zum Feste hier Uns so froh vereint Dieser Jubeltag.
Es ist wie ein Reigen von Gespenstern, die sich ungebeten an ein Menschenfest herandrängen.
Die Offiziere applaudieren frenetisch, da die Sänger jetzt die Treppe herabtänzeln. Kitty hält die Hände auf eine Stuhllehne gestützt.
»Was hat unsere schöne Hausfrau nur heute?« fragt der Oberstlieutenant den türkischen Major. »Haben Sie je solche Augen gesehen?«
»Ja, einmal zum Schluß einer Parforcejagd bei einem Hirsch, als er, von den Hunden müdgehetzt, zusammenbrach. Ich habe seit der Zeit nie mehr eine Parforcejagd mitreiten wollen. Brr! Das Nachlaufen ist lustig genug -- aber das Einholen ist ein gruseliges Vergnügen!« Der Major ist ein nervöser weichlicher Mensch, obgleich er sich tapfer geschlagen hat.
Der Kammerdiener meldet, daß angerichtet ist. Herr Förster hat Frau von Manz seinen Arm geboten, Kitty beschließt mit dem Obersten den Zug. Natürlich sitzen Kitty und der Hausherr einander gegenüber in der Mitte der beiden langen Seiten des Tisches.
»Welch wundervolle Blumen!« sagt der Oberst.
Frau von Manz bemerkt über den Tisch hinüber: »Ich laß meine Tafel immer kahl, mich erinnere diese Blumebeete unter Wachskerzeschimmer an eine Katafalk. Mir verdirbt's jedesmal de Appetit!«
»Ich habe, Gott sei Dank, keine so schwachen Nerven,« wirft Fräulein von Mühlhausen ein, deren energische Unausstehlichkeit ihr immer einen guten Platz an der Tafel sichert, sie sitzt an der rechten Seite des Obersten.
Anna Marie neben dem Oberstlieutenant, dessen Platz links von Kitty ist.
Die Mühlhausen setzt alles daran, den Obersten gänzlich zu monopolisieren, sie hat so viel mehr Verständnis für das Militär als Kitty. »Haben Sie die Schlacht von Sedan mitgemacht, Herr von Delormes?« fragt sie den Obersten.
»Ja, gnädiges Fräulein, alle vier waren wir mit dabei, der Oberstlieutenant, meine beiden Majore und ich.«
»Ach, wie ich Sie beneide!« schwärmt das Fräulein.
»Schade, daß das Vaterland momentan für eine Jeanne d'Arc keine Verwendung hat!« bemerkt der an der rechten Seite der Mühlhausen sitzende türkische Major mit seiner schläfrigen Ironie, »da könnten Sie sofort einspringen, gnädiges Fräulein!«
»Die Trommel gerührt, das Pfeifchen gespielet,« summt Fräulein von Mühlhausen unternehmend vor sich hin.
»O hätt ich ein Wämslein und Hosen und Hut!« flüstert leise der ironische Türk, und die Mühlhausen wiederholt, den Kopf hin und her wiegend, mit nur mühsam an sich gehaltener Begeisterung: »O hätt ich ein Wämslein und Hosen und Hut.«
»Denken Sie sich Fräulein von Mühlhausen als Füsilier,« flüstert Herr von Manz Frau Stutzmann zu. Beide lachen.
»Nun, vielleicht haben Sie noch binnen kurzem Gelegenheit, Ihrer Kriegslust Rechenschaft zu tragen, gnädiges Fräulein,« sagt der Oberstlieutenant; »es türmen sich wieder sehr böse Wolken am politischen Horizont.«
»Entsetzlich!« ruft Frau Stutzmann aus, »ich habe zwei Söhne bei den Husaren.«
»Wie kann man so kleinlich sein!« entrüstet sich Fräulein von Mühlhausen.
»Sie erfreuen sich offenbar starker Nerven, gnädiges Fräulein,« sagt der türkische Major, »allen Respekt!«
»Der Krieg ist immer eine Barbarei,« bemerkt Emma Becker. Sie fängt an, sehr weise zu werden aus Verzweiflung, wie die meisten Damen, wenn ihre Schönheit auf der Neige ist.
»Der Gedanke an die vielen geopferten Menschenleben ist gräßlich. Für die Angehörigen der Kämpfenden muß so ein Feldzug allerdings qualvoll sein. Doch stumpft sich auch die Angst ab mit der Zeit.«
»Das ist sehr individuell,« wirft der Oberst lebhaft ein. »Meine Frau versicherte mir, die Todesangst sei für sie, ein paar vorübergehende Fluktuationen abgerechnet, vom ersten bis zum letzten Augenblick dieselbe gewesen!«
»Die Arme!« ruft Kitty, sich zum erstenmal lebhaft in das Gespräch hineinmischend, aus, »ich würde mich sehr freuen, Frau von Delormes kennen zu lernen.«
»Meine Frau ist tot,« erwidert der Oberst.
»Tot!« wiederholt Kitty.
»Ja! vierzehn Tage nach meiner Heimkehr aus dem Feldzug ist sie gestorben; ein akutes Nervenfieber hat sie dahingerafft. Der Arzt sagte mir, ihr Nervensystem sei einfach verbraucht gewesen von den Aufregungen des Kriegsjahres.«
Bei diesen Worten heftet der Oberst die Augen auf Fräulein von Mühlhausen. Diese aber wirft ihren gepuderten Kopf -- sie ist als Werthers Lotte kostümiert -- unternehmend in den Nacken und sagt: »Sie war eben keine echte Soldatenfrau!«
Der Oberst beugt sich über seinen Teller -- kein Mensch findet auf diesen verblüffenden Ausspruch eine Erwiderung.
»Haben Sie je einen Angehörigen im Felde gehabt?« fragt der Oberst nach einem Weilchen.
»Zwei Vettern und drei Onkel auf einmal,« versichert die Mühlhausen überlegen, »meine Familie hat immer massenhaft in der Armee gedient.«
»Nun, dann müssen Ihre zwei Vettern und drei Onkel Ihrem Herzen nicht sehr nahe gestanden sein,« entscheidet der Oberst trocken.
»Sie begreifen meinen Standpunkt nicht,« erklärt die Mühlhausen und blickt auf den Obersten herunter wie von einem Turm. »Ich wüßte niemanden, der mir in meinem Leben näher gestanden wäre als Hans von Altenried; als das Vaterland jedoch das Opfer seines Lebens forderte, grollte ich nicht. Das muß man so mitnehmen!«
»Hm! ich hätte wirklich große Lust, einmal Gelegenheit zu haben, Sie im Kugelregen zu beobachten,« bemerkt der türkische Major.
»Ich würde mich tapfer behaupten, davon können Sie überzeugt sein,« renommiert die Mühlhausen. »Das immer mehr überhand nehmende empfindsame Entsetzen vor dem Krieg, welches die moderne Gesellschaft auszeichnet, kenne ich einfach nicht. Ich für mein Teil hätte lieber sieben Kugeln im Leib als die Sticheleien einer Freundin nach einem Cotillontriumph. Lieber einen Feldzug als eine Ballsaison! Ich kann mir nichts Schöneres denken, als so vorwärts zu stürmen mitten im Kugelregen und Siegesjubel!«
Die Blicke der sämtlichen anwesenden Männer richten sich jetzt auf die dürre verkümmerte Figur der kriegslustigen alten Jungfer. Um die kleinen, runden Augen des breitschulterigen Junker Majors (von Teufelsegg heißt er) zuckt es spöttisch, und seine starken Lippen nehmen einen strengen Ausdruck an, indem er sagt: »Nur gemach, gnädiges Fräulein! Gegen das Vorwärtsstürmen im Krieg hab ich nichts. Wenn einmal der erste Moment vorüber ist, hat's was für sich. 's ist das Umsehen, das mir unbehaglich ist. Es ist nicht der Tag der Schlacht, an den ich mich ungern erinnere, aber der Tag, der darauf folgt!«
»Da haben Sie recht, Teufelsegg,« bekräftigt der Oberstlieutenant. »Wenn ich so an ein paar Episoden nach Sedan gedenke, so ... besonders die eine Geschichte ...!« Er schüttelt sich ein wenig!
»Welche Geschichte?« fragt plötzlich Kitty mit harter herrischer Stimme.
»Ich hatte einen Kameraden fallen sehen neben mir, meinen besten Freund. Gott! ist mir's damals quer durchs Herz gegangen, daß ich mich nicht einmal neben ihm habe aufhalten können, um ihm beizustehen!« Er hält inne, blickt sich verlegen um, macht sich offenbar Vorwürfe darüber, bei dieser festlichen Gelegenheit seiner Umgebung mit einem traurigen Eindruck zur Last zu fallen.
»Nun?« fragt Kitty über die Blumen hinüber.
Der Oberstlieutenant berichtet weiter: »Es ließ mir keine Ruhe, noch an demselben Abend erkundigte ich mich nach ihm, suchte ihn. Ich kam in eine erbärmliche Hütte, die mit Verwundeten vollgepfropft war. Ersparen Sie mir die Beschreibung, ich werde krank, wenn ich der Stickluft gedenke. Zu achten lagen sie da nebeneinander auf dem Stroh; zwei Leichen mitten unter den anderen. Ich trachtete natürlich unseren tapferen Märtyrern, so gut ich's vermochte, beizustehen. In einer Ecke lag einer, welcher meine besondere Teilnahme erweckte. Ein schöner blonder Mensch war's, groß, schlank, und mit einem sehr vornehmen Gesicht, kaum in der Mitte der zwanzig. Er war gräßlich zugerichtet, der rechte Arm knapp an der Schulter abgerissen, der Körper zerschossen. Es gewährte mir Trost, zu sehen, daß er bereits im Hinüberziehen war. Zugleich merkte ich an der Art, wie er mit den Schultern arbeitete und den Kopf zu heben versuchte, daß ihn noch eine letzte Unruhe quälte. Dann riß er mit der Linken an sich herum, konnte aber nichts mehr fest anfassen. Ich beugte mich zu ihm und zog ein kleines Medaillon aus seiner Brust. Armer Narr! aufmachen konnte er's nicht mehr. Ich öffnete es für ihn und hielt's ihm unter die Augen. Ob er es noch deutlich hat sehen können, weiß ich nicht, aber den Blick hat er darauf geheftet. Dann hat er danach gegriffen, die Hand folgte nicht mehr, er tastete daneben. Endlich mühsam brachte er's bis an seine Lippen. Dann wendete er den Kopf von mir ab gegen die Wand, seufzte ein einziges Mal, aber so, wie ich's nie vergessen werde. Ein paar Minuten darauf war's mit ihm vorbei. Das Weiterleben war ihm unter den Umständen nicht zu wünschen. In die Heimat zurückkehren und seine Braut nicht einmal in die Arme schließen können, muß gräßlich sein!«
»War die Braut hübsch?« fragt Emma Becker neugierig.
»Entzückend!« versichert ihr der Oberstlieutenant mit Begeisterung. »Ich habe nie etwas Hübscheres gesehen. Ein Kindergesichtchen mit großen zärtlichen Augen, die Haare in langen Locken um die Schultern, mit einem breiten Band zurückgebunden, das oberhalb der Stirn in eine Schleife verknüpft war; allerliebst -- und sehr jung, die Verlobung konnte auch nicht weit zurückdatieren, denn auf dem Medaillon waren die Worte eingraviert: Zur Erinnerung an den 5. Mai 1870.«
»Der fünfte Mai -- komisch, das ist ja der Tag deiner Hauseinweihung, Förster,« bemerkt humoristisch und unbefangen Herr Wißmuth. »Erinnerst du dich nicht mehr an das erste Fest, das du uns in Ulmenhof gegeben hast?«
Aber Herr Förster thut nichts dergleichen, er erhebt sich und bringt einen Toast aus auf den Kaiser und die Armee.
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Es werden sehr viele Toaste ausgebracht und sehr viele Champagnergläser geleert.
Immer schwüler wird der Duft der Blumen, die Gläser klingen hell durcheinander, hell und schrill.
Sobald die Tafel aufgehoben ist, sieht sich Anna Marie nach Kitty um. Wenn sie erwartet, etwas Vergrämtes, Blasses zu sehen, so irrt sie sich. Auf ihren Wangen sind die Röslein erblüht, und in ihren sonst so starren, dunklen Augen schimmert ein zärtlicher Glanz.
»Kitty!« flüstert Anna Marie, indem sie den Arm um sie legt. Recht zu finden, was Kitty gethan hat, dazu vermag sie sich auch heute nicht zu bringen, aber böse sein kann sie ihr nicht mehr. Kitty schmiegt sich an sie wie in der alten Zeit. »Meine Anna!« murmelt sie und drückt die Hand der Freundin an ihre Lippen.
»Sie wollen tanzen, ich soll ihnen aufspielen dazu,« flüstert Anna Marie, »ist dir's nicht unangenehm?«
»Ach nein, spiel nur, die alten Walzer spiel, ich höre sie noch manchmal im Traum!« murmelt Kitty. »Spiel nur!« Dann küßt sie Anna Marie und flüstert: »Sei mir nicht bös!« und Anna Marie drückt sie an sich.