Heil dir im Siegerkranz!: Erzählung (Zweite Auflage)
Part 8
Ja, das ist Kitty, noch immer schön, schöner denn je, aber nicht zum Erkennen! Um einen halben Kopf gewachsen, das Gesicht länger und schmäler, die Augen größer, die Züge fester herausgemeißelt, das Haar dunkler. Und wie sie sich in den sie umgebenden Wohlstand hineingefunden hat! Nicht nur in ihrem Äußeren, sondern in ihrem ganzen Wesen ist etwas Fremdes, Unbefriedigendes; sie erwidert Annas Küsse zerstreut, befangen, wehrt sie fast von sich ab. »Das ist Käthe,« ruft sie, auf das kleine Mädchen zeigend, »meine kleine Nichte, mein Töchterchen auch, wie du's nimmst. Gieb doch der Tante einen Kuß, Käthchen, und dann spring hinunter zur Haushälterin, sag ihr, sie möge eine Tasse Bouillon zu Fräulein von Hohleisen hinaufschicken, sie weiß schon, welche Zimmer vorbereitet sind. Du nimmst doch eine Tasse Bouillon, Anna, vor dem Lunch. Das Lunch ist heute etwas später wegen des Manövers.«
»Ach, ich habe keinen Hunger,« erwidert Anna Marie gedrückt.
»=L'appétit vient en mangeant=,« versichert Kitty; dann dem geschäftig davonhüpfenden kleinen Mädchen nachsehend, murmelt sie: »Wie die läuft, sie ist selig, wenn ich ihr einen Auftrag gebe. Findest du sie nicht hübsch?«
»Sehr hübsch,« versichert Anna Marie, »sie sieht dir ähnlich ... so wie du warst.«
»Das sagt man mir allgemein,« ruft Kitty lebhaft aus, »alle drei sehen mir ähnlich. Hast du die beiden Jungen nicht bemerkt bei dem Manöver?«
»Ja, der Diener hat mich auf die jungen Herren aufmerksam gemacht.«
»Nicht wahr, sie sehen entzückend aus auf ihren Pferdchen, besonders der kleine? Ich freue mich schon so, dich näher mit ihm bekannt zu machen. Ach, was die drei Kinder hier vergnügt sind! 's ist, als ob sie in Ulmenhof geboren wären, so haben sie sich bereits hineingelebt! Sie waren schon recht matt und blaß, und jetzt ... drei frische Blumen, dafür kann ich nicht dankbar genug sein.«
Damit sind sie die Treppe hinaufgestiegen, sind einen langen Korridor entlang gegangen. Jetzt öffnet Kitty eine Thür und sagt: »Das ist dein Logis; ich hoffe, es gefällt dir, damit du lange bei uns bleibst.«
Wie hohl das alles klingt, wie eine auswendig gelernte Höflichkeitslektion, die man vor dem ersten besten hinplappert!
Die vorbereiteten Zimmer, ein Schlafzimmer und ein Salon, beide mit hellschattierter Crétonne tapeziert, sind so reizend und einladend als möglich, aber was liegt Anna Marie daran. Kaum ein Wort kann sie herausbringen als Erwiderung auf Kittys Phrasen -- anders kann sie die Gemeinplätze der jungen Frau nicht bezeichnen.
Ein Diener in tadelloser Livree bringt den kleinen Imbiß herauf, den Kitty zur Stärkung der Freundin bestellt hat, aber Anna Marie kann nichts essen.
Kittys Augen werden glänzend, und dunkelrote Flecken treten auf ihre blassen Wangen heraus. Ihr Gesichtsausdruck ist nicht der einer wirklich vergnügten Person. »Sie überwindet sich offenbar,« denkt Anna Marie bei sich, »aber zu was die Komödie vor mir?«
»Ich hab mich so gefreut auf dich,« versichert die junge Frau, immer rascher und rascher sprechend; »daß du so bald kommen würdest, hab ich gar nicht erwartet.«
»Wirklich nicht?« ruft Anna Marie mit nicht mehr zu unterdrückender Bitterkeit aus, »dann thut es mir sehr leid, überhaupt gekommen zu sein. Ich war dumm, auf deinen Brief hin bildete ich mir wirklich ein, du brauchtest mich.«
Im nächsten Augenblick bereut sie ihre Heftigkeit. Kitty ist totenblaß geworden. Sie nimmt die Hand ihrer alten Freundin und drückt sie demütig an ihre Lippen. »Anna! ich bitte dich, sei nicht so böse,« ruft sie flehend, »und ... fahr mich nicht so an, ich kann's nicht aushalten! Ich bin wie ein Kartenhaus, man braucht mich nur anzurühren, so fall ich in mich zusammen. Wenn du wüßtest, wie schwer mir's ist ...! Aber es ist undankbar von mir, und schließlich, es ist ja alles nicht so arg ... nur meine Gesundheit ist ein wenig angegriffen -- das alte Herzleiden -- du weißt! Der Brief an dich ist auch in solch üblem Augenblick entstanden; kaum war er fort, so wär ich ihm am liebsten nachgelaufen. Was mußt du dir gedacht haben -- und es ist alles nicht so, ich bin ganz zufrieden ...« Plötzlich bricht sie ab, ihr Gesicht nimmt einen horchenden Ausdruck an, der sich langsam in Abscheu und Schrecken verwandelt. Sie zittert an allen Gliedern.
Ein schwerer Tritt nähert sich dem Boudoir, dann klopft es an der Thür.
»Mein Mann!« sagt Kitty. Nie wird Anna den Ton ihrer Stimme vergessen!
Im nächsten Augenblick tritt er ein.
»Hoffentlich störe ich nicht,« beginnt er, worauf er sich ziemlich steif vor Anna Marie verbeugt und sie, an seine alte Bekanntschaft mit ihr anknüpfend, willkommen heißt. Er ist sich ziemlich gleich geblieben, nur ist seine Figur jetzt noch schwerfälliger und sein Gesicht stärker gerötet, auch tritt ein Ausdruck brutaler Sinnlichkeit deutlicher als früher darauf hervor.
Anna Marie reicht ihm die Hand und sagt etwas Höfliches; er achtet nicht darauf. Während sie spricht, blickt er auf Kitty.
»Ich hab's ja gewußt, du hast dich wieder aufgeregt,« bemerkt er gereizt; »du weißt, was der Arzt dir anbefohlen hat -- vor allem keine Aufregung!«
»Ja, ja, Karl,« murmelt Kitty demütig, »aber ich versichere dir, _die_ Aufregung hat mir nicht geschadet.«
»Das kennt man,« ereifert sich Herr Förster, »die Frauen sind alle so! Was ihnen angenehm ist, das schadet ihnen nie, wenn sie sich aber den geringsten Zwang anlegen sollen, dann schützen sie ihre Nerven vor und legen sich zu Bett.«
»Ich versichere dir, daß ich mich morgen nicht zu Bett legen werde,« erwidert Kitty hastig begütigend.
»Das hoff ich,« repliziert Herr Förster, »und drum bitte ich dich, deine Kräfte zu schonen, damit du mich nicht vor meinen Gästen beschämst!«
»Ich werde mein möglichstes thun, ich versprech's dir,« murmelt Kitty.
»Was ich noch sagen wollte -- die Offiziere speisen heute bei dem General in Ilmenau, sie fallen also diesen Abend weg beim Diner; morgen ist ein Liebesmahl in Hanau, an dem sie teilnehmen, doch haben sie mir versprochen, bei uns zu soupieren. Für zehn Uhr kannst du das Abendessen bestellen, Kitty!«
Kitty ist leichenblaß geworden, die unheimlichen roten Flecken unter ihren Augen abgerechnet, aber sie lächelt und erwidert nichts.
Indem hört man von neuem Schritte draußen, polternde, kleine Schritte diesmal, dann greift eine Hand an die Klinke, und ein frisches, zwitscherndes Stimmchen ruft atemlos: »Dürfen wir herein?«
Alle drei Kinder stürzen herein, der kleine Hans, in dunkelblauem Matrosenkostüm und roten Strümpfen, an der Spitze. Kaum daß man sie bewogen hat, die neue Tante mit gebührendem Respekt zu begrüßen, so drängen sie sich um Kitty herum. Hans, der schon ein ziemlich großer Bengel ist, springt ihr auf die Knie, umhalst und küßt sie und erzählt, zwischen jedem Wort nach Atem schnappend -- so sehr hat er sich getummelt, ihr seine Nachrichten zu bringen --: »Es war wunderschön, Tante Kitty, so schade, daß du nicht dabei warst. Herr von Delormes hat uns dem General vorgestellt und der General hat lange mit uns geplaudert und er sagt, wenn wir groß sind, müssen wir beide Offiziere werden.«
Kittys Gesicht hat sich verändert, es strahlt vor Stolz und Freude, seitdem sich die kleine Schar um sie herum versammelt hat. Aber auch an Förster hat sich eine Wandlung vollzogen. Zum erstenmal erspäht Anna in seinem Blick eine Spur von Wohlwollen; offenbar teilt er bis zu einem gewissen Grad Kittys Gefallen an diesen lieblichen Kindern, betrachtet sie als sein Eigentum, ist stolz auf ihre Schönheit, auf ihren Freimut, auf ihre Zutraulichkeit im Verkehr mit großen Herren, die ihm sein lebenlang ein gewisses heiliges Grauen eingeflößt haben. Er streicht ihnen über das Haar und läßt sich von ihnen alle Einzelheiten ihrer Triumphe erzählen. Dann sich an Anna wendend, meint er: »Ich lasse Ihnen die drei Schreihälse hier zu Ihrer Unterhaltung, gnädiges Fräulein, werfen Sie dieselben nur hinaus, sobald sie Ihnen lästig geworden sind. Dich, Kitty, muß ich bitten, ein wenig mit mir auf mein Zimmer zu kommen, ich habe noch allerhand mit dir zu besprechen wegen morgen abend.«
»Ja, wegen des Festes,« murmelt Kitty, von neuem den Kopf senkend.
»Was für ein Fest?« fragt Anna Marie unruhig.
»Ich veranstalte alle Jahre eine kleine Privat-Sedanfeier,« erklärt Herr Förster, »und da ich heuer das Glück habe, mehrere unserer Helden unter meinem Dach zu beherbergen -- sieben Offiziere liegen bei uns im Quartier --, so möchte ich alles daran wenden, die Feier dieses Jahr recht glänzend zu gestalten.«
Damit verschwinden er und Kitty. »Großer Gott!« ruft Anna Marie aus, wie sich die Thür hinter ihm geschlossen hat.
»Warum sagst du großer Gott?« fragt der kleine Hans, indem er altklug den blonden Kopf der linken Schulter zuneigt, »kannst du auch keine Offiziere leiden, wie Tante Kitty?«
»Kann Tante Kitty keine Offiziere leiden?« fragt Anna.
Der ältere Junge Fritz fällt seinem kleinen Bruder überlegen ins Wort: »Ach was, der versteht das ja noch nicht; gegen die Offiziere hat die Tante nichts, sie kann nur den Krieg nicht leiden, und die Offiziere regen sie auf, weil die sie an den Krieg erinnern!«
»Aber was bist du wieder einmal gescheit,« ereifert sich der kleine Hans, »der Krieg und die Offiziere, das gehört ja zusammen, die Offiziere sind doch nicht nur zum Anschauen. Wenn der Friede assekuriert wäre, da würde bald kein anständiger Mensch in der Armee dienen.«
»Das ist ja selbstredend, du plapperst doch nur nach, was ich dir neulich gesagt habe, du Grasaffe,« behauptet Fritz; »aber deswegen hab ich doch recht und die Tante hat nichts gegen Offiziere -- nur gegen den Krieg. Aber der Krieg muß doch sein, wenn die Ehre des Vaterlandes ihn fordert.«
Trotz ihrer großen Verstimmung verbeißt Anna Marie ein Lächeln.
Indessen hat sich die kleine Käthe an sie herangeschlichen. »Ach, ich weiß es besser als die Jungen,« flüstert sie ihr ins Ohr, »die Tante hat einmal einen Offizier lieb gehabt und der ist bei Sedan gefallen -- du weißt, die große Schlacht, wo wir die Franzosen geschlagen haben -- und seitdem kann sie keine Uniformen sehen, das hat mir unsere alte Veronika erzählt; aber sag nichts davon, es kränkt die Tante, wenn man davon spricht, und den Onkel -- o, vor dem dürftest du's schon gar nicht erzählen, den macht's wütend. Ich hab ihn einmal gefragt, ob's wahr ist, und da hat er mir eine Ohrfeige gegeben.«
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»Dreizeh bei Tisch!«
Es ist Frau von Manz, welche diese mit einem abergläubischen Schauder verbundene Bemerkung macht, dieselbe korpulente Rheinweinkönigin, welche bei Anna Maries erstem Besuch Ulmenhofs den Hausherrn vor den dort umgehen sollenden Spukgespenstern gewarnt hat.
»Dreizehn bei Tisch!« Damit tritt sie von ihrer unbefugten Inspektion der Lunchtafel in die Halle, wo die sämtlichen vom Manöver zurückgekehrten Gäste versammelt sind.
Man wartet auf das Erscheinen der Hauswirte und Annas, um sich in den Speisesaal zu begeben, wartet nicht ohne eine gewisse Ungeduld, denn man hat einen tüchtigen Hunger vom Manöver mitgebracht. Frau von Manz zählt heute wie vor zehn Jahren zu den Löwinnen von Frankfurt, obgleich sie bereits einen erwachsenen Sohn hat. Sie ist noch stärker als früher, was sie nicht verhindert, rüstig bis in die höchsten Sprossen der socialen Leiter hinaufzuklimmen. Das ihr zur Wohlthätigkeit im größten Maßstabe einen weiten Spielraum eröffnende Feldzugsjahr hat ihr in dieser Richtung gewaltigen Vorschub geleistet; der greise Heldenkaiser hat sie seitdem bereits zweimal besucht, und sie ist mit dem Luisenorden ausgezeichnet worden.
»Dreizehn bei Tisch -- mir ist das sehr unangenehm, es ist das eine Rücksichtslosigkeit der Hauswirte!« wiederholt sie verdrießlich.
»Wer von uns ist zu viel?« ruft gutmütig Frau Stutzmann, die Schwägerin der Rheinweinkönigin, eine noch immer sehr hübsche Witwe von einigen vierzig Jahren; »ich eß mit den Kindern am Katzentisch.«
»Ach, das nützt nichts,« ereifert sich Frau von Manz, »wenn einmal die Tafel für dreizeh gedeckt war, giebt's a Unglück; 's ist ohnehin nicht geheuer in Ulmehof. Es spukt ja hier, daß alles wettert. Meine Jungfer ist heute im tiefste Negligé heruntergelaufe gekomme aus ihrem Stübche zu mir mitte in der Nacht, weil sie's rings um sich wie Gespenster hat rausche gehört. Noch ein Minutche länger, und der junge Herr von Altenried wär ihr erschiene, behauptete sie.«
»Ihre Jungfer ist eine Person mit krankhaft aufgeregten Nerven,« bemerkt Fräulein von Mühlhausen. Wegen absoluter Unmöglichkeit, auf eigene Kosten allein weiter zu leben, und weil ihr dienstbarer Geist Auguste ihr mit einem Korporal untreu geworden ist, hat Hildegard im Laufe des Feldzugsjahres einen Gesellschafterinnenposten bei Frau von Manz angenommen. Das Wohlleben hat nichts dazu beigetragen, die noch immer latenten Keime ihrer Liebenswürdigkeit zu entwickeln. Sie ist unangenehm gegen jeden und reibt ihre erhabenen Weltanschauungen noch immer mit unverdrossener Energie allen ihren minder erhabenen Mitmenschen vor. Sie grämt sich auch noch immer darüber, kein Mann zu sein, was sie nicht verhindert, die geringen Vorteile ihrer weiblichen Position, wie z. B. das Recht, impertinente Bemerkungen zu machen, die niemand von einem Mann dulden würde, recht gründlich auszunützen.
»Wenn jemandem einer der verstorbenen Altenrieds erscheinen würde, so wär's mir,« erklärt sie jetzt großartig, »ich stehe ihnen unter allen hier Anwesenden am nächsten. Ich glaube nicht, daß einer meiner Vettern sich vergessen würde, in dem Zimmer einer Kammerjungfer umzugehen!«
Fräulein von Mühlhausen trägt ein himmelblaues Battistkleid und einen großen schwarzen Federhut, sie reckt das Kinn in die Höhe, während sie die soeben angeführten, inhaltsschweren Worte ausspricht, und sieht dabei außerordentlich erhaben und ein wenig unternehmend aus.
»Ich leg für keinen Mann die Hand ins Feuer, nicht einmal für sein Gespenst,« sagt gelassen Frau Stutzmann.
Hierauf erklärt Hildegard spitz: »Den Männern im allgemeinen gegenüber mögen Sie ja mehr Erfahrungen haben als ich, beste Frau Stutzmann, aber meine Vettern von Altenried dürfte ich doch etwas genauer kennen als Sie.«
Frau Stutzmann erwidert nichts, sie sagt nur so halb vor sich hin, halb zu Herrn von Manz, dem Sohn der Rheinweinkönigin, einem sehr hübschen jungen Mann mit braunem sympathischem Gesicht und offenbar viel Johannisberger in den Adern, der ihr über die Schultern guckt, während sie in einem Haufen alter Photographien kramt:
»Warum sich das Monopol der Moral immer in den Händen von so ausgesucht unangenehmen Persönlichkeiten befindet! Es schadet dem Vertrieb ungeheuer!«
»Und bringt den Artikel in Mißkredit,« flüstert Herr von Manz.
»Auf welche Art ware Sie denn eigentlich mit dem reizende Alteried verwandt, Fräulein von Mühlhause?« fragt jetzt Frau von Manz.
»Sein Vater und meine Mutter waren Geschwister,« erklärt Hildegard.
»So, wirklich, das ist höchst merkwürdig,« bemerkt sinnend Frau von Manz, »Familienähnlichkeit zwische ihm und Ihne besteht keine!«
»O ja, für den Kenner, aber man muß sich von Jugend an geübt haben, die übereinstimmenden Linien von Rassegesichtern zu beobachten, um es zu bemerken!« erklärt die Mühlhausen.
Solche Liebenswürdigkeiten wechseln die Rheinweinkönigin und das Fräulein von altem Adel alle Tage, dennoch ist die Mühlhausen die einzige Gesellschafterin, welche es längere Zeit hindurch bei Frau von Manz ausgehalten hat. Sie ist nämlich die einzige, welche es je gewagt, ihrer Prinzipalin deren Grobheiten zurückzugeben -- das stellt das Gleichgewicht ihrer gegenseitigen Beziehungen her.
»Ich kann Ihnen übrigens versichern,« fährt Hildegard zu Frau von Manz gewendet fort, »daß ich öfters gefragt worden bin, ob ich Hans von Altenrieds Schwester sei?«
»Seine Tante, meinen Sie vielleicht,« sagt phlegmatisch Frau von Manz.
Fräulein von Mühlhausen wird feuerrot und reißt sich mit einer heroischen Gebärde den Hut vom Kopf -- »Gnädige Frau!« hebt sie an.
»Ja, auf was warten wir denn eigentlich?« bemerkt Frau Stutzmann, einer Scene vorbeugend.
»Auf was warten wir?« fragt Emma Becker. Sie heißt noch immer Becker, und ist noch immer darauf angewiesen, von einem Bekannten zum anderen zu reisen, und ihre Einkünfte an das Begleichen ihrer Schneiderrechnung zu wenden. Sie ist auch noch immer hübsch, aber ihr inneres Gleichgewicht scheint durch ihre lange Einsamkeit einigermaßen gelitten zu haben. Wenn sie keine Courmacher hat, so studiert sie Schopenhauer, und stellt Betrachtungen an über die Nichtigkeit des Daseins.
»Ja, auf was warten wir?« fragt sehr hungrig und etwas unzufrieden eine junge Cousine des Hausherrn, die indessen begonnen hat, mit dem Hofmeister des kleinen Fritz Federball zu spielen.
»Kitty ist doch nicht wieder unwohl geworden? Sie sah beim Frühstück recht elend aus, so blaß und hohlwangig,« bemerkt Emma und fährt sich mit Daumen und Zeigefinger über ihre eigenen runden, etwas zu stark gefärbten Backen. »Gar nicht mehr hübsch!«
»Hübsch wird sie bleiben bis zum letzten Augenblick,« behauptet Frau Stutzmann, »aber zum Erbarmen hat sie ausgesehen.«
»Zum Ins-Grab-Lege,« bekräftigt Frau von Manz und schüttelt sich. »Ach was, ich hab's dem Förster immer gesagt, ich hätt de Ulmehof nie gekauft. Er wird nicht lang drin bleibe. Die Alteried dulde's einmal net, daß der Ulmehof einem andre als ihne gehört. 's ist ein Unglückshaus, und den, de kei Gespenst heraustreibt, de treibt eine Leich hinaus!«
»Um Gottes willen, was meinst du?« ruft ganz entsetzt Frau Stutzmann.
»Wir habe deselbe Arzt,« fährt Frau von Manz gelassen fort, »die Kitty Förster und ich. Und der hat mir gesagt ...«
In dem Augenblick hört man das scharfe Klirren einer Glasvase, die zu Boden fällt. Frau von Manz hält inne, sieht auf ... Ihr Sohn hat sich nicht anders helfen können! Das ist so seine Art: wenn er ihren Redefluß plötzlich zu hemmen für nötig findet, wirft er etwas um.
Die Treppe herunter kommt Anna Marie, umgeben von den drei Kindern, etwas hinter ihr zeigen sich Herr Förster und Kitty.
* * *
Jetzt ist es Abend nach dem Diner. Wieder hat man sich in der großen Halle versammelt. Auf einem geschnitzten Eichentisch stehen noch die zierlichen Kaffeetassen, geschliffene Liqueurgläschen und Flaschen mit verschiedenfarbigem Schnaps, dazwischen ein paar eilig abgerissene Briefumschläge, aus denen ein betriebsamer Markensammler eine Ecke herausgezupft hat, und Zeitungen. Die Abendpost ist bereits eingelaufen und abgefertigt worden, die Gesellschaft hat sich in dem großen Raum zerstreut. Die Damen scheinen die Abwesenheit der Offiziere schmerzlich zu empfinden; Herr von Manz und der Hofmeister, ein strebsamer junger Gelehrter, der sich hauptsächlich Emma Becker widmet, thun ihr möglichstes, die abwesenden Krieger zu ersetzen, aber mit mäßigem Erfolg.
Am tiefsten scheint die erhabene Hildegard von der in den geselligen Kreis hineingerissenen Lücke ergriffen zu sein. Sie hat sich des Armes Anna Maries bemächtigt und durchwandelt jetzt mit ihr die verödeten unteren Empfangsräume des Schlosses.
»An diesem Tisch pflegen sie Whist zu spielen -- hier trinken sie Cognak -- hier saß ich gestern mit einem von ihnen beim Schach,« seufzt sie elegisch. »Ach, Sie können sich nicht vorstellen, wie öde und leer mir heute die Halle erscheint, das alte Soldatenblut rumort mir in den Adern, seitdem ich wieder Uniformen sehe. Man ist nicht umsonst eine Generalstochter.«
Anna Marie horcht zerstreut. Müde, innerlich wund von den peinlichen Eindrücken des Tages, wartet sie schon seit längerem eine Gelegenheit ab, sich unbemerkt zurückzuziehen. Wenn sie sich nur von der alten Schwätzerin losmachen könnte, denkt sie. Vorläufig ist keine Aussicht dazu. Hilfeflehend blickt sie über die Anwesenden hin. In den klugen, jungen Augen des Herrn von Manz scheint einiges Verständnis aufzudämmern.
Indes fährt Fräulein von Mühlhausen fort: »Sie haben doch die Liebesgeschichte Kittys mit erlebt, so gut wie ich. Sie erinnern sich, wie sie sich nach Eröffnung des Feldzuges gebärdet hat, wie eine Verrückte -- und jetzt ... Begreifen Sie Ihre Heirat! ... Einen Herrn Förster heiraten, wenn man die Braut Hans von Altenrieds gewesen ist! Wenn ich mir nur um solchen Preis den Wohlstand hätte erkaufen können, wär ich mein Lebtag lang lieber arm geblieben wie ein Bettelmönch!«
Der Atem Anna Maries wird kurz, das Blut pocht ihr in den Schläfen, indessen fährt die Mühlhausen, sich immer noch an ihrem Arm festklammernd, fort: »Ich habe in dieser Hinsicht freilich eine geradezu legendäre Beständigkeit aufzuweisen. Ich war eines der umworbensten Mädchen, die es je gegeben hat -- verstehen Sie mich recht -- ich war umworben, gegen meinen Willen; bis zu einem direkten Heiratsantrag hab ich's nie kommen lassen, dazu braucht man es nicht kommen zu lassen, wenn es einem nicht darum zu thun ist; jedes Mädchen kann es sich so einrichten, ihren Verehrern die letzte Demütigung zu ersparen. Dies ist meine Ansicht -- ich habe die Macht, die ich ohne mein Hinzuthun über die Männer ausübte, nie mißbraucht -- aber ich habe mich auch nie darüber gefreut. Ich habe mich ein einziges Mal für einen Mann interessiert -- ein junger Offizier war's, mit dem ich sechs Stunden lang in einer Postkutsche gefahren bin. Ich habe nie ein Wort mit ihm gesprochen, ich habe ihn seither nicht wiedergesehen, aber ...«
Immer hilfeflehender richten sich Anna Maries Augen auf den verständnisvollen Herrn von Manz. Er entschließt sich endlich, der Nächstenliebe ein großes Opfer zu bringen. Auf die beiden Damen zutretend, sagt er zu Hildegard: »Gnädiges Fräulein, ich hätte eine Bitte an Sie. Möchten Sie nicht eine Partie Bezique mit mir spielen? -- bitte, bitte!«
»Vielleicht wird Fräulein von Hohleisen ...« wehrt sich die Mühlhausen sehr geschmeichelt.
Herr von Manz und Anna Marie wechseln Blicke. »Nein, nein, nein,« entgegnet energisch der junge Mann, »mein Flehen richtet sich an Sie und nicht an Fräulein von Hohleisen. Bitte ...« Er faltet die Hände wie ein Kind, das um Bonbons bettelt.
Mit einem Seufzer entschließt sich Hildegard, Anna Marie freizugeben; dann, während sie am Arm ihres hübschen jungen Ritters dem Spieltisch zuschreitet, sieht sie über ihre Schulter weg nach Anna Marie mit einem Blick, der deutlicher als Worte spricht: »Da sehen Sie's! Noch immer!!!«
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Anna Marie seufzte auf, als sie sich endlich zurückziehen durfte. Mit großer Genugthuung schloß sie die Thür ihres kleinen Salons hinter sich zu. Eine Centnerlast lag ihr auf der Brust. Sie öffnete ein Fenster, die Nachtluft drang herein. Über dunklen Baumkronen sah sie ein großes Stück dicht mit Sternen besäeten Himmels, sonst nichts. Das erste Herbstseufzen rauschte durch die Blätter, die Flamme der Kerze, welche sie auf einen Tisch gestellt hatte, flackerte hin und her.
Da, hastig und heimlich näherte sich ein Schritt der Thür. Die Thür öffnete sich, Kitty trat ein.
»Ich bin nur heraufgekommen, um mich zu überzeugen, ob du nicht etwas brauchst,« murmelte sie.
»Nein, danke,« erwiderte Anna ziemlich kühl, »es ist alles in schönster Ordnung. Ich bin einen derartigen Luxus gar nicht gewohnt.«
»Ich hab mich bemüht, es dir recht hübsch zu machen,« sagte Kitty, demütig das Köpfchen senkend, mit dünner, klangloser Stimme.