Heil dir im Siegerkranz!: Erzählung (Zweite Auflage)

Part 7

Chapter 73,525 wordsPublic domain

Herr Sadis war seit dem Jahre 1870, wo er sich durch seine flink abwechselnde Hausse- und Baisse-Börsengymnastik ein Vermögen erspielt, ein so verwegener Spekulant geworden, daß er sich eines schönen Tages anläßlich einer besonders kühnen Unternehmung den Hals gebrochen hatte, das heißt, er hatte sich ihn abgeschnitten, um sich nicht bankerott erklären zu müssen.

Seine Witwe, die er völlig mittellos zurückließ, suchte mit ihren drei Kindern Schutz unter dem väterlichen Dach. Sie war wie erdrückt und verdammt von dem Schicksalsschlag, der sie, da sie von dem Stand der Geschäfte ihres Mannes nichts geahnt, wie ein Blitz aus heiterem Himmel getroffen hatte. Ihr Mut war gebrochen, ihre Gesundheit bedroht, dabei war sie durch ihren jahrelangen Wohlstand dermaßen verwöhnt, daß sie die Hände kaum mehr zu rühren vermochte und, anstatt selbst irgendwo zuzugreifen, mehr Bedienung brauchte und Umstände im Hauswesen verursachte, als ihre drei Kinder zusammen. Von früh bis abend that sie nichts, als sich über die Undankbarkeit ihrer Frankfurter Bekannten beklagen und Briefe an ein paar alte Schuldner ihres Mannes schreiben, welch letztere leider durchaus nicht gesonnen schienen, ihren Verpflichtungen nachzukommen, so daß Frau Sadis nie die Papier- und Postkosten dieser äußerst unfruchtbaren Korrespondenz herausschlug. Kitty sah das klar, aber sie ließ die Schwester gewähren. Mein Gott, dieses ewige Gekritzel war doch wenigstens eine kleine Zerstreuung, ein Sorgenableiter für die Tiefgebeugte. Wenn Bertha Sadis nicht Briefe schrieb, so weinte sie. In diesen beiden Beschäftigungen gipfelte ihre ganze Thätigkeit.

Entweder wird man von zu viel Weinen mager, oder man wird dick. Bertha Sadis gehörte zu denjenigen, welche dick wurden. Sie wurde unförmlich, was zu ihrer Unbeholfenheit noch beitrug. Die Mühe der Erziehung und Pflege der Kleinen lastete somit ausschließlich auf Kitty. Mit welchem Eifer sie sich derselben widmete! Die Kinder hingen bald an ihr wie die Kletten, und sie betete sie an. Sie waren übrigens reizend, alle drei. Merkwürdigerweise sahen sie weder Vater noch Mutter, sondern, und zwar recht auffallend, Kitty ähnlich. Zwei Jungen waren's und ein Mädchen. Das mittlere war ein Mädchen. Kitty zog die Knaben vor. Sie schrieb einmal anläßlich dessen an Anna Marie:

»Ja, du hast's erraten, ich hab die Jungen, oder wie du unverbesserliche Österreicherin sagen möchtest, die ›Buben‹ lieber als das Mädchen -- wegen der allgemeinen Wehrpflicht, und weil sie's überhaupt schwerer haben im Leben, wenigstens Knaben in den Verhältnissen, in welchen meine armen, kleinen Schützlinge aufwachsen werden.

Es ist dies nicht die landläufige Ansicht, ich weiß wohl, aber es ist meine Ansicht. Männer müssen das Leben tiefer, ernster auffassen als wir Frauen, sie dürfen sich ihm gegenüber nicht in tröstliche Täuschungen einspinnen, sondern müssen seiner ganzen Häßlichkeit unerschrocken in die Augen sehen, sie müssen arbeiten, oft ohne Lust, manchmal mit versagender Kraft, damit die schwachen Geschöpfe, die von ihnen abhängen und deren Glück ihr Glück ausmacht, sorglos zu feiern vermögen; solche Männer, wie ich sie aus den zwei reizenden Knirpsen herauserziehen möchte, die Gott unter meine Hut gestellt hat.

Der älteste heißt Fritz; er ist, dessen solltest du dich übrigens besser erinnern als ich, die damals nicht mehr wußte, was um mich herum vorging, mitten im Feldzug von Anno 1870 geboren worden, und darum hat man ihn nach unserem wundervollen Kronprinzen getauft.

Er ist prächtig, so aufgeweckt und schneidig, mit schrecklich viel Lust zum Soldatenspielen, obgleich er erst vier Jahre zählt. Zuweilen geht mir's quer durchs Herz, wenn ich ihn, seinen kleinen Blechhelm auf dem Kopf, einen Kindersäbel in der Hand, Hurra schreiend eine Schanze nehmen seh, die manchmal aus einem alten Schiebkarren, am häufigsten bloß in seiner Einbildungskraft besteht. Aber ich möcht ihn doch nicht anders haben und will auch seinen kecken Mut nicht verstümmeln durch allzu ängstliche Zügelung und Überwachung, so schwer mir gerade das fällt.

Er soll so werden wie der, dessen Andenken für mich immer das Heiligste auf der Welt bleiben wird, genau so wie der, selbst wenn er so enden müßte -- selbst dann!

Mein Liebling ist der jüngste, der kleine Hans. Es ist ein Zufall, daß er Hans heißt, aber mich freut's. Er ist auch der schönste von allen dreien, blond mit krausen Härchen, in die sich die Sonnenstrahlen verfangen, wenn ich mit ihm auf dem Arm durch den Garten geh, und mit so lieben, großen blauen Augen. Einmal hab ich mich mit ihm auf die alte Birkenbank gesetzt, unter dem Apfelbaum, du weißt, die Bank, auf der wir damals zusammengesessen haben, du, er und ich, an dem Frühlingstag, den du uns gegönnt hast. Und da sind mir plötzlich Gedanken gekommen -- allerlei Gedanken, wie das alles hätte so werden können, und daß der Kleine da auf meinem Knie eigentlich mein eigenes Söhnchen hätte sein dürfen -- und plötzlich hat mich das Schluchzen geschüttelt, ach so ein Schluchzen! Da hat sich der Kleine mit einem Händchen an meinem Halskragen angeklammert, um sich auf meinem Schoß aufzustellen, und hat mir alle meine Thränen weggeküßt. Seit der Zeit wein ich nicht mehr.

Aber glaub du nur ja nicht, daß ich darum weniger an meinen lieben Toten denke. Nein, das wird dasselbe bleiben mein lebenlang. Seinem Andenken geschieht kein Eintrag durch die neuen Interessen, an denen ich mich aufrichte, und ich glaube, er selbst würde sich freuen, daß mir dieser Trost beschieden ward, daß der Schatz an Liebe in meinem Herzen, von dem ich gar nichts wußte, ehe er ihn gehoben -- denn früher war ich ein vergnügungssüchtig, oberflächlich Ding wie nur eine --, dieser große Reichtum, mit dem ich nichts mehr anzufangen wußte, seit ich ihn ihm nicht mehr geben konnte, und der mir die ganzen leeren Jahre lang das Herz abgedrückt hat -- endlich, endlich jemandem zugute kommt.

Ich soll wieder hübsch geworden sein, sagt man mir, und ich bin wohler und heiterer, das fühl ich selbst. Vorige Woche hatte ich einen Heiratsantrag. Du kannst dir denken, wie mir dabei zu Mute war, und gestern blieb Herr Förster, dem ich in Frankfurt, wohin ich gefahren war, um eine Trommel für Hänschens ersten Geburtstag zu kaufen, begegnete, stehen, um mir nachzustarren. Ach du lieber Herrgott!

Hans, neben dessen Bett ich dies schreibe, während er sein Vormittagsschläfchen hält, ist aufgewacht, durch einen kleinen, kichernden Vogelschrei hat er mir's gemeldet. Soeben habe ich das Gitter seines Bettchens heruntergelassen. Er sitzt zwischen seinen Kissen, die goldenen Härchen zerzaust, die Wänglein rot vom Schlaf, und schaut mich aus runden, blauen Augen feierlich an. O dieser gerade, vertrauensvolle Kinderblick -- der Blick, der in uns sein allmächtiges Schicksal sieht, seinen Gott, der ihm willkürlich Freud und Leid austeilt! Wenn man sich denkt, daß man seinem Flehen einmal nicht gerecht werden könnte, ihm antworten müßte, ich kann nicht, ich kann nicht!

Vorläufig kann ich noch alles, was er von mir will -- lieber, dummer, hilfloser kleiner Hans! Er will, daß ich ihn ankleiden und ihm seine Suppe bringen soll. Ich freu mich schon darauf. Hätt's nicht geglaubt, daß ich's noch einmal lernen würde, mich an irgend etwas im Leben zu freuen!

Dein in alter, herzlicher Dankbarkeit

Kitty.«

Als Anna Marie dieses Schreiben erhielt, war ihr's, als ob man ihr eine Last vom Herzen genommen hätte, und sie sagte: »Gott sei Dank!« Sie sagte »Gott sei Dank« auch, als Kittys früher regelmäßig zweimal des Monats eintreffende Briefe seltener und seltener wurden, denn für sie war es ein Beweis, daß Kitty zufrieden und beschäftigt war und ihrer Teilnahme entraten konnte.

Dann aber machte sie eine Entdeckung, die sie betrübte. Wie alle Menschen, deren sich nach jahrelangem, quälendem Herzenshunger ein neues Interesse bemächtigt, ging Kitty vollständig auf in dieser neuen Empfindung -- sah und fühlte nichts mehr, was nicht damit zusammenhing. Die Kinder füllten ihre ganze Existenz aus, sie beugte ihren Geist zu deren physischen Bedürfnissen und sich kaum entfaltendem Seelenleben nieder, ohne auch nur einen Gedanken mehr übrig zu behalten an das, was darüber hinausging. Sie wurde, so schien es Anna Marie, hausbacken, kleinlich, eng, und in Bezug auf alles, was nicht mit ihrem neuen Liebesfanatismus zusammenhing, sogar peinlich nüchtern.

Des alten Freundes erwähnte sie gar nicht mehr. Wenn sie von irgend etwas, das sich nicht auf ihre drei Schützlinge bezog, schrieb, so waren es allerhand häusliche Sorgen, die sie andeutete, ohne dieselben zu erklären. Wie hätte sie auch können, da es sich hauptsächlich um ihren Vater handelte.

Wie Anna Marie zwischen den Zeilen zu lesen glaubte, schien sich Herr Wißmuth auf seine alten Tage einem sehr unregelmäßigen Lebenswandel ergeben zu haben, das bißchen Vermögen, das ihm von seinem ehemaligen Wohlstand noch übrig geblieben, zerfloß dabei zwischen seinen Händen wie Wachs.

Dann kam die Nachricht von dem Tode Berthas, die nach qualvollen Leiden an der Wassersucht verschieden war, dann die Nachricht von Herrn Wißmuths Wiedervermählung und zwar mit einer untergeordneten Person, einer Kellnerin im Gasthaus zum Löwen in Lindenbergen, die bereits jahrelang seine Geliebte gewesen war. Dann folgte eine lange, lange Pause in dem einst so regelmäßigen Briefwechsel der beiden Freundinnen, und endlich eines Tages erhielt Anna ein paar Zeilen von Kitty, in welchen diese tief beschämt um ein kleines Darlehen bat.

Natürlich sandte ihr Anna äußerst bestürzt alles, worüber sie an barem Gelde augenblicklich verfügte.

Zu ihrem großen Erstaunen erhielt sie die Summe binnen wenigen Tagen zurück mit einem linkischen und sehr verlegenen Zettel Kittys. Dann schrieb Anna Marie mehrmal, ohne daß ihr eine Antwort zu teil wurde. Von jener Zeit ab stockte die Korrespondenz. Da, an einem leuchtenden Frühlingstag im Jahre 1880, erhielt Anna die gedruckte Anzeige der Vermählung Kittys mit Herrn Karl Förster. Das Blatt fiel Anna aus der Hand; als sie es wieder aufnahm, um den Tag der Vermählungsfeier festzustellen, bemerkte sie, daß diese um fast drei Wochen zurückdatierte. Die Anzeige zitterte in ihrer Hand. »Sie hat sich vor mir geschämt,« murmelte sie. »Kein Wunder!«

Es verletzte sie bis ins Innerste, daß Kitty, sei's auch aus dem herbsten Elend heraus, sich zu dieser Verbindung hatte erniedrigen können.

Sie faßte die Gratulation, mit welcher sie die Nachricht beantwortete, so kurz als möglich. Das durch jahrelange Trennung kaum gelockerte Band, welches sie so lange innig mit Kitty verknüpft, war mit einemmal zerrissen.

* * *

Als Anna Marie die Anzeige von Kittys Vermählung erhalten hatte, war der Frühling noch kaum gekommen; jetzt ist der Sommer beinah vorbei. Damals waren die rosigen Knospen an den Apfelbäumen noch fest geschlossen, jetzt sind die Blüten dahin, die Blätter fangen an zu fallen, erst vereinzelt, bald da eins, bald dort, und die Äste hängen voll bausbackiger runder Früchte, deren grüne Wangen sich rot zu färben beginnen. Es ist der letzte August -- der letzte August 1880. Zehn Jahre sind verflossen, seitdem bei Sedan die zweite französische Kaiserkomödie ihren tragischen Abschluß gefunden hat -- zehn Jahre, seitdem die alten Märchen lebendig geworden sind, seitdem das Deutsche Reich gewaltiger, weltbezwingender denn je, sein in langem Zauberschlaf versunkenes Haupt emporgehoben hat -- zehn Jahre, seitdem der alte Barbarossa von Deutschlands Dichtern und Dichterlingen gnädig und etwas wehmütig zugleich aus dem Kyffhäuser entlassen worden ist.

Anna Maries Haar ist weiß, aber sie ist noch immer eine schöne alte Frau. Ihre Züge haben nichts von deren edlem Schnitt eingebüßt, ihre Haut ist noch immer frisch und ihr Blick ist teilnahmsvoller, ihr Lächeln sympathischer als je.

Sie sitzt in ihrem sehr kleinen, aber traulichen Absteigequartier in Wien beim Frühstück zwischen zwei gepackten Koffern, trinkt abwechselnd ihren Thee und schreibt in aller Eile einen letzten Brief vor ihrer Abreise; denn, wie es ja bereits die zwei gepackten Koffer verraten, soll sie abreisen und zwar, um ihre Cousine Gräfin Ruysbruck, geb. Nikoltschjany, nach England zu begleiten, auf die Insel Wight.

Da klingelte es draußen. »Der Briefträger,« murmelte Anna Marie, kaum den Kopf hebend, vor sich hin und schrieb weiter. Die Jungfer präsentierte ihr den Posteinlauf -- mager genug, ungewöhnlich mager für Anna Marie -- ein einziger dünner Brief, einer aber, der für Anna Marie eine große Bedeutung haben mußte. Sie wechselte die Farbe, als sie ihn erblickte. Er rührte von Kitty her.

Eilig erbrach sie ihn und las:

Meine liebe teure Anna,

mein lieber unvergeßlicher Schutzengel, komm zu mir!

Du lächelst gewiß traurig zu dem Worte Schutzengel. Das grenzenlose Elend, welches mich in meiner Jugend zermalmt, hast du freilich nicht von mir abwenden können; stärker als das Schicksal bist du nicht gewesen, aber doch stärker als ich. Du hättest mich aufrecht erhalten vor mir selbst, und hättest mich davor bewahrt, der bethörendsten aller Versuchungen zum Opfer zu fallen, einer Versuchung, die sich hinter einem falschen Pflichtgefühl versteckt.

Ich breche zusammen unter der Last, die ich in hochmütiger Überschätzung meiner Kraft auf mich genommen. Vielleicht kannst du mir helfen, sie zu tragen, kannst sie mir zum wenigsten derart zurechtlegen, daß ich im stande sein werde, sie weiter zu schleppen. Jedenfalls wird es mir ein Trost sein, dich neben mir zu haben.

Liebe Anna, ich brauche dich so notwendig. Das Leben ist entsetzlich.

Dein in alter dankbarer Liebe

Kitty.

Es überlief Anna Marie kalt, nicht kälter, als da sie die Anzeige von Kittys Vermählung erhalten. Das eine war die Folge des anderen; der Brief hatte kommen müssen nach der Anzeige.

Ein Weilchen saß sie still, am ganzen Körper vor Erregung zitternd, da. Dann öffnete sie ein Fach ihres Schreibtisches, in welchem sie ihre Reliquien aufzubewahren pflegte, und zog das Briefchen hervor, welches Kitty im Frühling 1870 an sie geschrieben.

Die Thränen traten ihr in die Augen, während sie dieselben auf den armen kleinen Zettel heftete, dessen Papier vergilbt, dessen Tinte verblaßt war. Sie las die noch in uncharakteristischer Kinderschrift geformten Worte halblaut vor sich hin:

Liebe, liebe Anna Marie!

Bitte, bitte, bitte, komm. Ich freu mich so schrecklich auf dich und ich brauche dich so. Wenn du nicht kommst, so bin ich unglücklich, und ich habe gar keine Lust, unglücklich zu sein, gerade jetzt nicht. Das Leben ist so schön! Ich bitte dich, komm. Ich küsse dich zweitausendmal und bleibe, dich bestimmt erwartend,

Kitty.

Anna Marie steckte die beiden Briefe, den alten und den neuen, zusammen in einen Umschlag, schrieb darauf »Kitty« und legte das Päckchen in ihren bescheidenen Reliquienschrein zurück.

Die Jungfer kam, um zu melden, daß sie einen Ausgang mache, und zu fragen, ob Anna keinen Brief zu bestellen habe.

Anna Marie hatte keinen Brief für die Post -- derjenige, den sie zu schreiben im Begriff gewesen, galt nicht -- aber zwei Telegramme wollte sie dem Mädchen mitgeben, eins an die Gräfin Ruysbruck, in dem sie sich ab-, und eins an Kitty, in dem sie sich anmeldete.

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Kitty war nicht entgegengekommen auf die Bahn, sondern hatte ihr nur einen Wagen und einen schriftlichen Willkommengruß geschickt.

Anna Marie war ein wenig enttäuscht, sie begriff nicht recht, und während sie in den Kissen des sehr eleganten Viktoria, der sie in Hanau abgeholt hatte, denselben hübschen Weg entlang fuhr, den sie damals mit Kitty gefahren war, überließ sie sich allerhand Betrachtungen. Damals vor zehn Jahren -- und heute ... Wie verschieden war alles! Damals war Frühling gewesen, jetzt war's Herbst, ein früher Herbst. Es hatte stark geregnet in der Nacht, ein süßer Duft von faulendem Holz und faulenden Blättern schwebte über die nasse Erde hin. Alles war still, nur ein leiser, wehmütiger Hauch seufzte in den Kronen der alten Linden, aus weiter Ferne hörte man das eintönige Wimmern einer Dampfdreschmaschine. Mit einemmal schnitt ein scharfer, harter Laut in die Stille hinein. Anna Marie fuhr auf, eins der Pferde begann sich zu bäumen, der Kutscher hatte Mühe, es zu beruhigen. Der Lakai wendete sich indessen, den Hut ans Ohr haltend, nach Anna Marie und bemerkte: »Es sind die Manöver, gnädige Frau!« Der Frauenrang verstand sich für ihn einer so würdigen und stattlichen Dame gegenüber von selbst.

Indem biegt der Wagen aus der Lindenallee in die Heerstraße, über die sich die Apfelbäume neigen. Zwischen den krummen, grauen Stämmen erblickt Anna Marie auf den Stoppelfeldern endlose Reihen von Soldaten platt auf dem Bauch ausgestreckt mit ausgespreizten Beinen und das Gewehr an der Wange; Offiziere zu Fuß, Offiziere zu Pferde mit lautem Kommando hin und her galoppierend über Stoppeln und Schollen; kleine, rote Fähnchen in den Boden eingerammelt, gegen den flachen Horizont zu im Sonnendunst blinkend etwas wie einen breiten Streifen von weißlichem und gelbem Metallglanz, der sich langsam zu zerteilen und zu verdunkeln scheint -- ein heranmarschierendes Regiment, von dem man anfangs nichts als das Geblitz der Waffen und blanken Knöpfe gesehen hat; auf dem hohen Feldrain zahllose Zuschauer, ein oder der andere Gutsbesitzer aus der Umgebung zu Pferd, ein paar schäbige Kareten mit abgeschundenen Rädern und altersgrauem Lederzeug, bespannt mit tief eingesattelten Schindmähren, die sich mit den dünnen Schwänzen, so gut es geht, gegen die fetten blauen Herbstfliegen wehren, und angefüllt mit aufgeputzter, eroberungslustiger, kleinstädtischer weiblicher Schaugier; ein junger Forstgehilfe zu Pferd, mit einem ziegelroten Gesicht, sehr dick und vom Kopf bis zu den Füßen grün angezogen, so daß er aussieht, als ob er im Begriff stünde, sich langsam in einen Laubfrosch zu verwandeln; ein Marketenderkarren, an den ein wahnsinnig wimmernder und bellender Hund angebunden ist; große Haufen neugieriger Zerlumptheit rings herum; und etwas weiter in dem Feld, knapp neben der Aktion, so nah, als es überhaupt zulässig ist, ein Break und ein Landauer, beide dicht mit Menschen besetzt -- auf dem Bock des Breaks eine elegante, üppige weibliche Gestalt, einen Operngucker in der Hand. »Ist das nicht Emma Becker?« fragt sich Anna Marie.

Da der Wagen, welcher sie von der Bahn geholt, einer ihm die Straße versperrenden Truppenbewegung halber halten muß, der Diener sich infolgedessen verpflichtet fühlt, Fräulein von Hohleisen zu unterhalten, wendet er sich nach ihr um und sagt, auf die beiden Equipagen im Manöverfeld deutend: »Das sind unsere Herrschaften, gnädige Frau.«

»Ist Frau Förster dabei?« fragt nicht ohne Aufregung Anna Marie.

Der Diener schüttelt den Kopf. »O nein!« sagt er betrübt, »die gnädige Frau hat keinen Sinn dafür, sie kann das Schießen nicht vertragen. Sie ist nicht so fürs Militär; aber die anderen Damen, du mein Gott! jeden Tag rücken sie aus mit der Truppe und bleiben draußen, solange noch ein Soldat auf dem Felde ist!«

Der Diener hat selbst noch bis vor einem halben Jahr und zwar bei den Ziethenhusaren gedient, daher seine ritterliche Besorgnis um Anna Maries Unterhaltung, sowie seine respektvolle Zutraulichkeit.

Während er noch spricht, bemerkt Anna Marie zwei kleine Jungen auf allerliebsten schottischen Ponies, der eine etwa zehn, der andere kaum sieben Jahre alt, beide, jeder seinem Alter gemäß, sehr elegant herausgeputzt, beide gerade im Sattel sitzend und offenbar mit Leib und Seele dabei.

»Das sind unsere jungen Herren,« erzählt mit strahlendem Gesicht der Lakai; »wie aufmerksam die zusehen! Erst hatte nur der älteste ein Pferdchen, aber der kleinere gab keine Ruh, bis er sich auch eins ertrotzt hatte. Die gnädige Frau kann dem kleinen nichts abschlagen. Er sitzt übrigens besser als der ältere, 's wird mal ein schneidiger Offizier.«

Anna Marie hört nur mit halbem Ohr. Ihre Augen hängen an den Kindern.

Eine neue Musketensalve!

Ein Aufblitzen von kleinen Flämmchen die Reihe der Gewehrmündungen entlang, das gräßliche hagelartige Gepolter, dicke Streifen Rauch sich erst an der Erde entlang ziehend und in ihren dicken Nebel die platt auf dem Bauch ausgestreckten Soldaten einhüllend, dann sich in große Fetzen zerteilend, die ihrerseits in krause Löckchen zerflattern und langsam emporsteigend verschweben.

»Ich glaub, das war der Schluß,« sagt nach einem Weilchen der militärkundige Lakai.

»Sollen wir zufahren?« fragt der Kutscher. »Wenn wir jetzt nicht fahren, kommen wir mitten unter die Soldaten hinein.«

Anna Marie bittet ihn -- sie bittet immer -- zuzufahren.

Noch einmal blickt sie sich um. Das letzte, was ihr auf dem Manöverfeld in die Augen springt, ist der kleinere der beiden Jungen, der, mit seiner Reitgerte hoch zum Hieb ausholend, auf seinem ungeduldig die Mähne schüttelnden Shetland-Pony querfeldein einem höheren Offizier entgegensprengt, der ihn freundlich zu sich heranruft. Es läßt sich nicht leugnen, sie passen gut zusammen, der hübsche Junge und das mutige kleine Pferd.

* * *

Eine halbe Stunde später steht Anna Marie in der großen Halle Ulmenhofs, der Halle, die, quer durch den Mitteltrakt des Schlosses gehend, auf der einen Seite in das gegen die Straße zu gelegene schmale Vorgärtchen, auf der anderen in den endlosen Park mündet.

Anna Marie sieht sich um -- sucht etwas. Ihr Auge gleitet über die seltenen Waffen und vielen alten Bilder, meist Familienporträts der Altenrieds, an der Wand hin, gleitet über einen sehr schönen, großen Kamin in roter Marmorverkleidung, der in die Mauer eingelassen ist und vor dem ein weißes Bärenfell liegt, über ein Klavier mit einer malerischen Decke aus altem Brokat, über allerhand schöne oder bequeme Möbel, schwere Tische und Stühle nach alten Renaissancemustern geschnitzt aus braungebeiztem Eichenholz, in freundlicher Gemeinschaft mit englischen Lehnstühlen aus Korbgeflecht und mit orientalischen Teppichen bedeckte niedrige Diwans. Überall erblickt Anna die Spuren einer geschmackvollen Hausfrau, die Hausfrau selber erblickt sie nicht. Ein Gefühl demütigender Enttäuschung und noch unklaren, aber um so drückenderen Mißbehagens bemächtigt sich ihrer. Daß Kitty es nicht über sich gebracht, quer durch das Manöver hindurch zu fahren, um sie auf der Bahn zu begrüßen, hat sie begriffen, daß aber Kitty nicht auf der Schwelle des Hauses steht, ungeduldig des Augenblicks harrend, wo sie sich ihr in die Arme stürzen kann, das begreift sie nicht. Die Thränen treten ihr in die Augen, sie nagt ungeduldig an ihrer Oberlippe, als eine Erscheinung, die ihr anfangs völlig fremd dünkt, eine schlanke, vornehme Erscheinung mit weich um sie hinfließendem blaßgrauem Morgenkleid die Treppe herunterkommt; ein kleines Mädchen mit schwarzen Strümpfen und einem gestickten weißen Schürzchen hüpft neben ihr her.

»Anna! Du liebe alte Anna!« Mit den Worten schließt die junge Frau Fräulein von Hohleisen in die Arme.