Heil dir im Siegerkranz!: Erzählung (Zweite Auflage)
Part 5
Sein Zorn gegen den alten Wißmuth ging so weit, daß er sich vornahm, sich seine Liebe zu Kitty aus dem Herzen zu reißen. Er versuchte nicht einmal, sie noch zu sehen, teilte ihr nur brieflich die ihn geradezu beschimpfende Abweisung, welche seine Werbung erfahren, mit. Dann schrieb er vierzehn Tage nicht, und dann ...? Nun, dann kam eines schönen Morgens ein dicker Brief an Anna Marie, in dem sich ein acht Seiten langes Manuskript für Kitty befand. Nein, er konnte es nicht aushalten ohne Nachricht von seinem Sonnenstrahl, seiner süßen Frühlingsblüte! Er hatte ein ganzer Mann sein und nichts mehr von sich hören lassen wollen, bis er Kitty mit Fug und Recht aus dem Vaterhause hätte abholen können, aber es ging doch nicht. Nur eine Zeile von ihr alle acht Tage einmal, nur einen Gruß, mehr brauchte er nicht, um sich mit seiner momentan recht drückenden Existenz auszusöhnen -- aber das brauchte er. Wie reizend er schrieb!
In jedem Verliebten steckt ein Dichter, das ist eine alte Geschichte; aber heutzutage sind so wenig Menschen wirklich verliebt!
Kitty schlief drei Tage nicht vor Freude über den wunderschönen Brief.
Herr Wißmuth war indessen überzeugt, daß alles aufs beste eingeleitet sei und daß Kitty schließlich doch die Frau des Herrn Förster werden würde. Er wühlte im vorhinein mit Wollust in der Goldgrube, als welche ihm das Vermögen seines Schwiegersohnes erschien.
»Die Welt geht ihren Weg, die Welt geht ihren Weg, wir erreichen gewiß unser Ziel!« versicherte er alle Tage schmunzelnd Anna Marie -- und Anna Marie schwieg.
Herr Förster that indessen durchaus nichts dergleichen. Der Umstand, daß Kitty einen blutarmen Teufel seiner Herrlichkeit vorzuziehen wagte, hatte seine Eitelkeit ins Schwarze getroffen. Er that jetzt, was er konnte, um seine früher offen zur Schau getragene Neigung zu ihr abzuleugnen, äußerte sich wegwerfend und abfällig über sie gegen alle, die ihn anhören mochten, und zerwarf sich mit allen denjenigen, welche sich unterfingen, ihn an den Umstand zu erinnern, daß er sich einmal für Kitty interessiert habe. Kurz, er benahm sich genau so, wie ein nur mühsam kulturbeleckter Rüpel, dessen innere Roheit durch eine starke Gemütsbewegung aus der Tiefe an die Oberfläche seiner Natur heraufgewühlt worden ist, sich in dem gegebenen Falle benehmen mußte.
Um sich zu zerstreuen und von sich reden zu machen, ließ er das Schloß in Ulmenhof vom Flur bis zum Dachfirst durch einen künstlerischen Frankfurter Tapezierer renovieren, spendete große Summen zur Einrichtung eines Hospitals, bethätigte auch noch anderweitig eine höchst effektvolle Wohlthätigkeit, fuhr täglich mit einem recht vergnügten Gesicht und glänzender Equipage an Kittys Fenstern vorüber und machte Emma Becker den Hof, erweckte in ihr die lockendsten Hoffnungen, die sich leider nach einiger Zeit als unbegründet erwiesen.
Anna Marie blieb, ohne viel Worte zu machen oder Herrn Wißmuth mutwilligerweise zu erbittern, auf Kittys Seite. »Eine sympathische Umgebung ist der einzige Luxus, den zu entbehren mir in diesem Leben je schwer gefallen wäre,« sagte sie oft achselzuckend zu sich selber. »Für Kitty würde es wohl ebenso sein!«
Und indessen geht die Welt ihren Weg, wie Herr Wißmuth richtig behauptet. Aber wohin dieser Weg führt, das ahnt er nicht, das ahnt wohl keiner im Deutschen Reich, während der Blütenzauber des Frühlings 1870 langsam von den Bäumen herunterweht.
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Die Obstbäume haben längst ihr duftiges weißes Blütenkleid mit einem ernsten, eintönigen grünen Blättergewand vertauscht und hängen voll kleiner, harter und vorläufig noch sehr saurer Früchte, die Heckenrosen am Wegsaum sind verblüht, die Gartenrosen erheben ihre stolzen Häupter rot, weiß, blaßrosa, gelb mit rötlichem Schimmer. Welche Fülle von Rosen! -- nirgends blühen sie schöner als an dem Fenster Kittys, das heißt dem einen ihrer zwei Fenster, das in den Garten sieht, denn die zwei anderen Fenster von Kittys Schlafzimmer -- es ist ein Eckzimmer -- sind kahl, die gehen auf die Straße hinaus.
Zwei wunderschöne weiße Rosen haben sich frisch entfaltet über Nacht, zwei weiße und eine blutigrote. Kitty sieht von ihrem Schreibtisch hinweg, wo sie eben im Begriff steht, einen Brief zu schreiben, zu den Rosen hinüber, die im hellen Julisonnenschein wie Edelsteine glühen. »Wenn Hans die sehen könnte!« denkt sie bei sich, wie sie immer an Hans denkt, sobald ihr irgend etwas Hübsches oder Liebes im Leben begegnet -- da hört sie die Stimme ihres Schwagers. Was hat der hier zu thun so unerwartet? Wäre ihrer Schwester vielleicht ein Unglück zugestoßen? Ihr immer nur allzu leicht beunruhigtes Herz klopft hochauf. Nein, um die Schwester handelt es sich nicht. Jetzt hört sie den Schwager deutlich sagen: »Diesmal ist's Ernst! -- ein Telegramm aus Berlin -- die Armee mobilisiert.« Kitty zittert am ganzen Leibe.
»Eine Deroute auf der Börse, wie ich sie seit sechsundsechzig nicht erlebt. Das bedeutet Krieg!«
»Ja, das bedeutet Krieg,« erklärt Herr Wißmuth wichtig.
»Hab ich eine Nase,« berühmt sich Herr Sadis, »seit vierzehn Tagen spekulier ich auf Baisse -- famos!«
»Du imponierst mir,« erklärt Herr Wißmuth.
Kitty steht inmitten des Zimmers, blaß und zitternd. Hat sie richtig gehört? Krieg ... Krieg ... ach, wer weiß, was für ein Krieg das sein mag -- ein Krieg zwischen Rußland und Persien -- ein Krieg zwischen Rußland und Österreich und der Türkei ... Da tritt Anna Marie zu ihr, sehr bekümmert. Drei Schritte macht ihr Kitty entgegen, dann bleibt sie stehen, macht eine kleine unbeholfene Bewegung mit den Armen wie ein angeschossener Vogel, der die Flügel regt und nicht mehr fliegen kann, und murmelt: »Die Armee mobilisiert -- welche Armee?«
»Die preußische,« sagt Anna Marie.
* * *
Sie hatte nichts davon geahnt, nein, nichts von dem, was seit mehreren Tagen in allen Zeitungen stand, daß ein hohenzollernscher Prinz sich die Krone von Spanien hatte aufs Haupt setzen wollen, die Krone, die, ein Angelhaken für unternehmende junge Fürsten mit Hang zum Regieren und ohne momentane Beschäftigung, damals fast so zudringlich feilgeboten wurde wie heute die Krone von Bulgarien -- daß Frankreich eingeschritten war, hochmütig, schroff, aufreizend, und Deutschland ihm durch eine kriegerische Demonstration geantwortet hatte, durch ein einschüchterndes Säbelrasseln. Wie hätte sie das wissen sollen, sie las ja keine Zeitung, sie kümmerte sich nicht um Politik. Wer sollte ihr davon reden? Die einzige, die es hätte thun können, war Anna Marie, aber die hütete sich wohl. »Es hat Zeit, es hat Zeit,« sagte sie sich, »wer weiß, vielleicht ziehen die Wolken vorüber, sie sind schon oft vorübergegangen, wozu die Kleine beunruhigen!«
Aber die Wolken zogen nicht vorüber, das Wetter stieg empor finster und schnell, ehe man sich's versah, war auch schon der ganze Himmel schwarz, am 19. Juli war der Krieg erklärt!
Ja, der Krieg war erklärt zwischen Frankreich und Preußen! So sagte man damals, denn an Deutschland hatte man längst zu glauben aufgehört.
Was war denn Deutschland? -- ein theoretischer Begriff, der außer Kurs gekommen war, weil sich keine praktische Substanz dahinter verbarg; etwas, das Geographie studierenden Kindern viel Kopfzerbrechen verursachte und von dem die wenigsten vermochten, es deutlich zu erfassen. Deutschland -- Deutschland! -- früher war es allenfalls etwas gewesen, etwas Mächtiges, Großartiges, ja fast mystisch Poetisches; jetzt aber -- jetzt war es eine Art politisches Aquarium mit größeren und kleineren Fischchen, von denen jedes nach seinem eigenen Kopfe mit dem Schwänzchen zappelte und von denen nie zwei Lust hatten, sich zu einer gemeinsamen Aktion zu vereinigen. Anno sechsundsechzig hatte der preußische Hecht zwar eine ganze Reihe der kleineren Fischchen verschlungen, aber die Fischchen hatten es ihm sehr übel genommen und zappelten in seinem Magen gewaltig weiter, ja setzten alles daran, ihn zu veranlassen, sie wieder auszuspeien.
Die Freiheitskriege hatte man vergessen, während in Frankreich Malakoff und Solferino die Siegeslegende der großen Armee von neuem belebt hatten.
Keiner von den politischen Zuschauern, den neutralen Mächten hätte damals auf Deutschland gewettet; der einzige, der an dem Siege Frankreichs zweifelte, das war der Kaiser der Franzosen selbst und ein paar hellsehende Männer, die ihn gewarnt, ohne es vermocht zu haben, ihn vor seiner eigenen Schwäche zu retten.
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Kitty stellte keine Betrachtungen an über die politische Lage; ob Preußen mit Frankreich kämpfen sollte oder mit der Türkei oder mit Afghanistan, war ihr einfach gleichgültig. Es kämpfte, es rief seine Söhne unter die Fahnen, und das Leben seiner Söhne, das Leben Hans von Altenrieds war gefährdet. Das war alles, was sie von der politischen Situation verstand.
* * *
Fräulein von Mühlhausen saß in ihrem kleinen Stübchen, in dem es ziemlich wüst aussah, obgleich es längst elf Uhr geschlagen hatte; die Ilias in der Voßschen Übersetzung vor sich aufgeschlagen, eine Tasse Kaffee neben sich. Der Kaffee blieb ungetrunken und die Ilias wurde nicht umgeblättert; Fräulein von Mühlhausen war nicht in der Stimmung, sich ihrer physischen und geistigen Ernährung zu widmen. Ihr ganzes Sein ging wieder einmal auf in ihrer Verzweiflung darüber, daß _sie_, Hildegard von Mühlhausen, kein Mann war. Seit der Kriegserklärung grämte sie sich darüber mehr als je.
Ihr Zimmerchen war hauptsächlich mit Photographien nach Raphael und Michelangelo möbliert, die uneingerahmt und nur mit Reißbrettnägeln befestigt an der Wand hingen, im übrigen mit Disteln, für welche sie eine ausgesprochene Vorliebe hegte und von denen sie einen großen Vorrat aus der Campagna mitgebracht zur Erinnerung an eine italienische Reise, die den Glanzpunkt in ihrem Leben gebildet hatte. Mitten zwischen all dem Kehricht hing eine Photographie von ihr selbst und zwar im neapolitanischen Kostüm.
Da das kleine Gemach sonst reichlich mit Staub und Spinngeweben garniert war, so machte es im ganzen mehr den Eindruck eines Ställchens als den einer Wohnstube.
Fräulein von Mühlhausen seufzte allenfalls über diesen Übelstand, wenn sie ihn bemerkte, was nur anläßlich eines Zusammenpralls mit der Außenwelt geschah, aber sie that nichts, um ihn zu ändern, dazu war sie viel zu erhaben und zu faul.
Was sie allenfalls geleistet hätte, wenn sie als Mann auf die Welt gekommen wäre, wird bis in die Ewigkeit hinein eine offene Frage bleiben. Als Frau leistete sie nicht viel, sie war weichlich, stand spät auf, liebte das Wohlleben über alles und verausgabte alle ihre hervorragende Thatkraft im Konditional.
Draußen regnete es in Strömen.
»Ach, wenn ich nur ein Mann wäre!« schrie Fräulein von Mühlhausen ins Leere und rang ihre kleinen Hände. Sie war fest überzeugt, daß sich in diesem Falle die sämtlichen Vorzüge Bismarcks, Moltkes und des Königs in ihr vereinigt hätten.
Da klingelte es sehr scharf. »Um Gottes willen, wer kann denn das sein?« rief sie entsetzt und hielt die Falten ihres fleckigen, himmelblauen Morgenrocks über dem Magen zusammen. Es klingelte noch einmal, noch schärfer.
Hildegard erhob sich seufzend.
»Auguste!« rief sie in ihre Schlafstube hinein, wo ihr dienstbarer Geist beschäftigt war, »haben Sie nicht klingeln gehört?«
Auguste hatte nichts gehört, sie stand, den Kehrbesen und einen Staubfetzen in der Hand, beim Fenster und las Wallensteins Tod.
Auguste war ein Erziehungsresultat Hildegards, die sich ihrer von Jugend auf angenommen, wofür sich Auguste dadurch erkenntlich zeigte, daß sie Fräulein von Mühlhausen jetzt umsonst, das heißt für Kost, Wohnung und Kleidung bediente. Leider war sie um einen halben Kopf kleiner als Hildegard, dabei aber schönheitswidrig breiter, weshalb ihr die abgelegte Garderobe Fräulein von Mühlhausens sonderbar saß. Sie wischte den Staub nie auf und machte das Bett häufig erst nachmittags, aber alle ihre Mängel deckte sie in den Augen ihrer Herrin durch eine schwärmerische Vorliebe für Schiller. Daß sie neben dieser Vorliebe für Schiller eine ausgesprochene Vorliebe für Unteroffiziere besaß, ahnte Hildegard nicht.
»Machen Sie doch auf, es klingelt zum drittenmal,« rief Hildegard ärgerlich; »ich komme ja rein um die Ohren! Öffnen Sie doch!« Selber zu öffnen, wäre Fräulein von Mühlhausen als eine Entwürdigung erschienen. Die Möglichkeit war ihr vielleicht einfach noch nicht eingefallen.
Auguste öffnete. Draußen in der Küche, die zugleich als Vorzimmer diente, hörte man Säbelgeklirr. Die kriegerische Mühlhausen fuhr auf. Indem legte sich eine Hand auf die Klinke ihrer Thür. »Darf ich herein, Hilde?« fragte ziemlich schroff eine tiefe männliche Stimme. »Hans!« rief Hildegard sehr aufgeregt und trat ihm entgegen.
Trotz ihrer großen Verachtung des männlichen Geschlechts, einer Verachtung, die etwas schwer zusammenzureimen war mit ihrer schreienden Verzweiflung darüber, nicht als Mann auf die Welt gekommen zu sein, hatte Hildegard eine Schwäche für ihren Vetter von Altenried. Keiner, der ihn an diesem verregneten Julitag zu ihr hätte hereinstürmen sehen, hätte ihr das verübelt. Die Augen glänzten ihm aus dem Gesicht heraus, seine Wangen waren brauner, seine Brust schien breiter als im Frühjahr. »Grüß Gott, Hilde!« rief er munter, indem er seine vom Regen triefende Mütze auf den Tisch warf mitten zwischen ihren Homer und ihren kalten Kaffee. »Verzeih, daß ich dir so viel Wasser in die Wohnung mitbringe, mein Mantel richtet in der Küche draußen eine ganze Überschwemmung an. Na, wie geht's?«
»Wie's eben einem armen Geschöpf gehen kann, das verurteilt ist, hinter den Coulissen der Weltbühne einem glänzenden Schauspiel, bei dem ihm keine Rolle zugefallen ist, zusehen zu müssen!«
»Arme Hilde!« rief er etwas humoristisch aus.
»Ja, arme Hilde, fürwahr!« wiederholte die Mühlhausen tragisch. »Wie ich dich beneide, du spielst mit, du hast deine Rolle in dem Stück!«
»Eine kleinwinzige Rolle, aber endlich; auch die muß anständig durchgeführt werden!« rief Altenried, »ein jeder thut, was er kann!«
»Wenn's nur jeder thäte,« seufzte Hildegard elegisch, »an dir hatte ich keine Zweifel, du bist ein echter Altenried, und ein Altenried thut seine Pflicht.«
»Mach doch keine Phrasen über etwas, das sich von selbst versteht,« schnitt ihr der junge Offizier unwillig in ihren Redefluß hinein.
»Aber du freust dich doch auf den Krieg?« rief Hildegard zudringlich.
»Natürlich freu ich mich,« sagte er einfach, »das heißt« -- er kraute sich hinter dem Ohr -- »auf dem Gewissen möcht ich ihn nicht haben, den Krieg; aber ich freu mich, mitthun zu dürfen. Ein jeder freut sich, wenn er einmal die Gelegenheit findet zu zeigen, was allenfalls in ihm steckt. Und dann ist es ein großartiger, ein edler Krieg, man ist mit dem ganzen Herzen dabei. Nur um die arme Kitty ist mir leid!«
Er hatte sich in einen Lehnstuhl, ein spindelfüßiges Möbel, das noch aus der Zeit der französischen Invasion zu stammen schien, niedergelassen und legte die verschränkten Arme vor sich auf den Tisch.
»Wir haben Marschbefehl bekommen, vor drei Tagen -- in Homburg hatten wir heute sechs Stunden Rast -- ich hab mich frei gemacht, um herüberzukommen. Du weißt, wie ich mit dem alten Wißmuth stehe -- hast du etwas dagegen, daß ich die Kleine hier erwarte, um Abschied zu nehmen?«
Fräulein von Mühlhausen zog die Mundwinkel herunter; sie hatte sich der Täuschung hingegeben, ihr Vetter sei gekommen, um von _ihr_ Abschied zu nehmen -- davon erwähnte sie natürlich nichts -- sie warf nur ihren zerzausten, heute noch nicht frisierten Kopf zurück und meinte: »Du weißt, ich bin nicht wie die sentimentale Hohleisen, ich habe kein Interesse an Liebesaffairen, und deine Verlobung mit der kleinen Wißmuth ist nicht nach meinem Geschmack -- im übrigen ...«
Von neuem hörte man draußen klingeln. Ohne der Liebenswürdigkeit seiner Base weitere Aufmerksamkeit zu schenken, eilte Altenried hinaus. Kitty und Anna Marie standen in der kleinen, nach Seifenschaum, dumpfigem Holz und fettigen, ranzigen Überbleibseln riechenden Küche. Kitty war totenblaß, sie zitterte am ganzen Leibe. »Aber Kitty!« rief Altenried; anfänglich irrte sein Blick etwas unruhig an Hildegard und ihrem dienstbaren Geist herum, deren ihn aufmerksam beobachtende Gegenwart ihn einzuengen schien, dann sah er nichts mehr als Kitty. Er nahm sie in seine Arme und zog sie in das mit Disteln und Staub garnierte Wohnzimmer hinein. Hildegard wollte ihm folgen, Anna Marie aber packte sie beim Arm. »Haben Sie denn gar keine Barmherzigkeit in sich?« fuhr sie die kriegerische alte Jungfer an. Wenn es sich darum handelte, die Ruhe eines Kranken oder eines Unglücklichen zu hüten, zeigte sich Anna Marie energisch.
»Ist es denn passend?« rief Hildegard zimperlich.
Da aber maß sie Anna Marie vom Kopf bis zu den Füßen mit einem wahrhaft vernichtenden Blick, worauf Fräulein von Mühlhausen ein wenig errötete und ihre unanständige Prüderie momentan an den Nagel hing.
Sie blieben ungestört. Er hatte sie zu dem Sofa geführt, auf dem Hildegard gesessen -- ein schmales, spindelbeiniges Ding, mit hartem Roßhaarstoff überzogen -- offenbar in naher Verwandtschaft zu dem Lehnsessel stehend.
»Aber Kitty!« sprach er leise, fast vorwurfsvoll, »ist das eine Aufführung für eine Soldatenbraut?«
»O, ich weiß, es ist schlecht von mir,« erwiderte sie, sich mühsam fassend, »erbärmlich, dir so den Mut zu nehmen!«
»Mir den Mut zu nehmen? ... Aber Kitty, glaubst du, daß du das könntest?« rief er, die Stirne runzelnd, entschieden unzufrieden, fast streng.
Sie legte die Hand an die Stirn. »Mit mir darfst du nicht rechten,« sagte sie matt, als ob ihr von vielem Weinen schwindelte, »ich bin nicht mehr bei mir, wahrscheinlich red ich Unsinn -- ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe.«
Die Luft in dem niedrigen Stübchen war dumpf und drückend. Altenried erhob sich, riß eins der morschen Fenster auf, ein Fenster, aus dessen Rahmen es durch tausend Ritzen hereinzog und an dem er doch mit Berserkerkraft rütteln mußte, ehe es aufging. Über eine Palissade von Kaktussen hinüber, die stachelig und plump den Sims verzierten -- es waren die Lieblingsblumen Hildegards --, strich die Regenluft in das Zimmer, feucht und kühl.
»Kitty! sei vernünftig, bedenke, wie viele Frauen und Mädchen sich in deinem Fall befinden,« redete Altenried, sie enger an sich ziehend, in sie hinein.
Sie hob den Kopf. »Ja,« murmelte sie, indem sie mit starren entsetzten Augen vor sich hinblickte, »wie viele -- Tausende -- Hunderttausende -- Hunderttausende -- Hunderttausende!« Sie wiederholte mechanisch das eine Wort, obgleich es längst jeden Sinn für sie verloren hatte.
Es ging ihm kalt durch alle Glieder, zum erstenmal begriff er, was der Krieg eigentlich mit sich brachte.
»Es ist eine schwere Zeit, Kitty!« murmelte er etwas heiser, »gut, ich gesteh dir's zu -- aber eben darum muß jeder seinen Teil tapfer tragen -- du zu Haus so gut als wir anderen im Feld.«
»Hans, da predigst du umsonst,« rief sie, sich gerade aufrichtend, mit einer kurzen, abwehrenden Handbewegung, »laß es lieber bleiben. _Die_ Tapferkeit, die darin besteht, hinter sicheren Mauern geborgen, die Hände in den Schoß zu legen und sich nicht zu fürchten um das Leben derer, die draußen im Kugelregen stehen, die wirst du mir nicht beibringen. Versuch's nicht!«
Da predigte er nicht mehr -- aber er suchte sie hoffnungsvoll zu stimmen. Sie sollte sich freuen, daß ihm Gelegenheit geboten würde, sich auszuzeichnen -- die Hindernisse, welche seiner Verbindung mit ihr im Wege standen, würden in sich zerfallen -- er würde avancieren, man avanciert nur rasch im Krieg.
Wieder unterbrach sie ihn. »Dein Trost ist bitter, Hans, man avanciert, weil die Kugeln Platz machen,« sagte sie. »Sprich nicht mehr davon!«
Und wie er sie hilflos und traurig ansah, da legte sie ihre beiden Arme um seinen Hals und flüsterte: »Sprich gar nichts mehr, es ist nichts mehr zu sagen, laß mich nur still neben dir bleiben und mich an dir freuen bis zum letzten Augenblick, das ist alles, was du für mich thun kannst. Wie viel Zeit hast du noch für mich?«
Er zog seine Uhr aus der Tasche und legte sie vor sich auf den Tisch, um die Zeit nicht zu versäumen, dann hielt er sie ruhig an sich und barg ihr Gesichtchen an seine Brust, wie eine zärtliche Mutter den Kopf ihres Kindes, das sich vor einem Gewitter fürchtet. Er sagte nichts Vernünftiges mehr, er flüsterte ihr nur mehr Liebesworte zu und küßte sie.
Es war schön, nichts als Liebe und Leid, sehr viele Thränen, und ein paar Küsse, aber schön, trotz allem, die schönste Stunde im Leben der beiden sollte es sein!
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Draußen in der Küche saß Anna Marie mit Fräulein von Mühlhausen auf einer harten, steifbeinigen Küchenbank, Auguste stand daneben mit geballten Fäusten, verlegen teilnahmsvoll.
Hildegard versuchte mitunter etwas zu sagen, aber Anna Marie antwortete nicht. Sie hielt den Blick auf die grünlichen Scheiben des Küchenfensters geheftet, gegen das die Regentropfen laut klirrend anprallten, einer den anderen verwischend, und horchte auf das, was sich nebenan zutrug.
Erst hatte sie die beiden laut reden gehört, dann leiser, immer leiser -- dann nur ein mühsam verhaltenes, röchelndes Schluchzen ...
Ein Säbel klirrte, ein Sessel wurde gerückt -- die Abschiedsstunde hatte geschlagen. Einen Moment, einen kurzen Moment alles still, still, totenstill -- ein leiser, süßer Laut -- noch einer!
Es war vorüber. Altenried stand in der Küche und griff nach seinem Mantel. »Leb wohl, Hilde, ich danke dir für deine Gastfreundschaft,« sagte er, dann Anna bei beiden Händen fassend: »Anna, um Gottes willen, versprechen Sie mir, daß Sie bei ihr bleiben, bis alles ... vorüber ist, so oder so! Sie ist dieser Prüfung nicht gewachsen. Erzählen Sie ihr Märchen, pflegen Sie ihre Hoffnungen bis zum letzten Augenblick, wiegen Sie sie in den Schlaf, und wenn ich fallen sollte ...«
Aus dem anstoßenden Zimmer hörte man einen gräßlichen, halb unterdrückten Wehlaut. Der junge Offizier zuckte zusammen, zögerte, dann verschwand er noch einmal in dem Wohnstübchen. Einen Augenblick später schritt er durch die Küche kerzengerade, sich weder rechts noch links umsehend. Man hörte seinen Säbel laut gegen die Stufen rasseln, während er eilig die steile Treppe hinunterstürzte.
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Die ganze Menschheit hält den Atem an. Die Weltgeschichte hat ein neues Blatt umgewendet! Eine neue Epoche ist hereingebrochen -- ein neues Deutschland ist erstanden!
Ein Sieg folgt dem anderen, man kann sich die Namen der Siege nicht mehr merken; auf Weißenburg folgt Wörth und Spichern und Saarbrücken; die ganze feindliche Armee ist auf dem Rückzug begriffen; dann bei Metz wie viel Siege! man zählt sie nicht mehr! Ja, Deutschland kann den Kopf hoch halten über allen.
Wie ein träger Riese, der Jahrhunderte verschlafen hat, reckt und dehnt sich's, richtet sich empor immer größer und größer, bis es dem tapferen, übereilten, halt- und sittenlosen Feind endlich in seiner ganzen Mächtigkeit gegenübersteht, ernst, männlich, unüberwindlich!
Die an dem Kriege nicht beteiligten Völker staunen atemlos -- man glaubt nicht -- es ist nicht zu glauben, so kann es nicht weiter gehen, irgend ein Hindernis muß kommen und den neuerstandenen nationalen Koloß in seiner vorwärts stürmenden Laufbahn aufhalten! Aber nein! Weiter -- immer weiter!
Ein taumelnder Jubel bemächtigt sich des weiten Deutschen Reiches, des Reiches, das der Stolz auf den ersten gemeinsamen Sieg geeinigt hat; jeder Bettler, der einem anderen Bettler über die Schulter sieht, um an einer Straßenecke das neueste Extrablatt zu lesen, kommt sich um einen Zoll gewachsen vor, nimmt etwas von dem sich immer weiter und leuchtender ausbreitenden Nationalglanz in Anspruch für sich.