Heil dir im Siegerkranz!: Erzählung (Zweite Auflage)

Part 4

Chapter 43,687 wordsPublic domain

Unterdessen hatte man Anna Marie eine kurze Rast gegönnt, ein Leierkasten, den der Kammerdiener drehte, vertrat ihre Stelle. Fräulein von Mühlhausen forderte sie auf, mit ihr im Park spazieren zu gehen. Anna Marie zeigte sich immer bereit zu allem, was die anderen von ihr verlangten, diesmal um so mehr, als ihr selbst darum zu thun war, ein bißchen nach Kitty zu sehen, was die scharfsinnige Hildegard sofort bemerkte. »Sie suchen Kitty?« sagte sie, indem sie Anna Maries spähenden Blick beobachtete. »Die ist nicht weit, vor einem Augenblick habe ich sie mit meinem Vetter Altenried in den Garten verschwinden sehen. Herr Förster hat sie auch gesehen, er war wütend. Es ist komisch, Herr Förster ist in Kitty verliebt, die ihn nicht mag, und Kitty ist in meinen Vetter verliebt, der nun -- der jedenfalls durchaus nicht daran denkt, sie zu heiraten. Als gewissenhafter Mensch hat er ihr das auch deutlich gezeigt, aber sie hat nicht verstehen wollen. Ich bin fest überzeugt, sie hat ihn aufgefordert, sie in den Garten zu begleiten.«

Anna Marie sah Hildegard sehr betreten an. Sie wußte noch nicht, daß Hildegards hervorragendste Eigenschaft (außer der Erhabenheit) die Wahrheitsliebe war, das heißt das, was sie für Wahrheitsliebe hielt, nämlich eine drängende Sucht, jedem Menschen so viel Unangenehmes ins Gesicht zu sagen als möglich. Ehe Anna noch eine Antwort bei der Hand hatte, fuhr die Mühlhausen fort: »Mir ist es immer komisch, was einige Mädchen alles daran wenden, um die Männer an sich zu locken; ich hatte immer genug zu thun, die Männer von mir abzuwehren.« Fräulein von Mühlhausen hatte eine schwarze Spitzenmantille um Kopf und Schultern geworfen und sah sehr malerisch und über die Maßen verlockend aus. »Mein Gott, hat sie vielleicht zu viel Champagner getrunken?« fragte sich Anna Marie. Aber der Champagner hatte nichts damit zu thun, Fräulein von Mühlhausen war einfach in jenem Zustand persönlicher Mitteilungswut, welcher jedesmal über sie kam, sobald sie sich mit einem halbwegs geduldigen Wesen im =tête-à-tête= befand. Sie leistete in solchen Fällen das Merkwürdigste an Anspielungen auf ihre geheimnisvollen Reize, auf ihre sehr hohe Begabung, ihre Verehrer und ihre Heiratsanträge. Welche Reihe von abgewiesenen Freiern! -- ein Prinz von Geblüt, ein pensioniertes gekröntes Haupt -- Fräulein von Hohleisen konnte nicht recht herausbringen, ob es der letzte Kaiser von Mexiko oder der vorletzte Prätendent des damals vakanten spanischen Königsthrons war -- Berühmtheiten jeder Kategorie, deutsche Standesherren und einfache italienische Principi u. s. w. Anna Marie lauschte staunend, verblüfft, und sah zugleich etwas verwundert an der verkümmerten Gestalt des neben ihr herwandelnden alten Mädchens nieder. Erst allmählich dämmerte es in ihrer arglosen Seele auf, daß Hildegard von Mühlhausen im höchsten Maß von dem Verfolgungswahnsinn gewisser alter Jungfern geplagt war, die in jedem Mann einen Freier sehen und beständig Heiratsanträge abweisen, wo keine drohen. Sie war eine von den Persönlichkeiten, denen die Phantasie reichlich durch Illusionen ersetzt, was ihnen das Schicksal an wirklichen Glücksgütern vorenthalten hat. »Ja, ich hab mich von jeher tapfer halten müssen, um dem Ideal meines Lebens treu zu bleiben,« versicherte Hildegard nach einer Weile selbstgefällig.

»Was ist das Ideal Ihres Lebens?« fragte Anna Marie.

»Die heilige Unabhängigkeit meines Herzens und meiner Person.«

»Unter allen Umständen?« fragte Anna Marie etwas kopfschüttelnd und ungläubig.

»Unter allen Umständen,« versicherte Hildegard mit Überzeugung. »Die Ehe ist etwas so Unästhetisches. Was ist Ihre Ansicht?«

»Ich weiß nicht,« sagte Anna Marie gewissenhaft; »in meiner Jugend hatte ich keine Zeit, ans Heiraten zu denken, und es hat sich schließlich nie jemand viel um mich bekümmert. Als zum erstenmal die Frage ernstlich an mich herantrat, war ich zu alt.«

»Das ist ja ganz thöricht, Sie sind jetzt noch nicht zu alt,« versicherte Fräulein von Mühlhausen tröstend und höflich.

»Nun, vielleicht hätte es eine andere an meiner Stelle immerhin noch probiert,« meinte Anna Marie lachend, »aber ich -- mit einem Wort, ich hatte ein zu romantisches Temperament, um mich in eine Ehe hineinzufügen, die zu meinen Jahren gepaßt hätte.« Kaum waren die Worte von ihren Lippen gefallen, so wurde sie dunkelrot, sie schämte sich, so viel von sich selbst gesprochen zu haben.

Auf Fräulein Hildegard hatte das naive Geständnis gar keinen Eindruck gemacht, die dachte immer nur an sich.

»Ich bin nicht im mindesten romantisch,« versicherte sie, »mir ist alle Liebe entsetzlich, ein jeder Mann wurde mir widerwärtig in dem Augenblick, wo ich merkte, daß er Lust bekam, mir einen Kuß zu geben. War das bei Ihnen nicht der Fall?« Die erhabene Hildegard forderte diese Vergleiche mit ihrer Umgebung natürlich immer nur heraus, um ihre eigene sittliche Höhe an der Kleinheit der anderen zu bemessen. Diesmal wurde selbst die gutmütige Anna Marie etwas ungeduldig. »Ich muß aufrichtig gestehen,« rief sie, »daß ich nicht oft --« doch ohne den Satz zu Ende zu sprechen, schlug sie die Hände zusammen und rief halb freudig halb erschrocken: »Jesus Maria!« worauf sie, ohne Hildegard weiter zu beachten, auf die beiden jungen Leute zueilte, die sie soeben neben der Flora sitzend erblickte, und ihren rätselhaften katholischen Ausruf in die Worte übersetzte: »Aber Kinder! was ist euch denn eingefallen?«

»Thue nur nicht so verzweifelt,« rief Kitty trotzig, »es geht dir doch nicht vom Herzen. Ich hab dir's ja angesehen, ganz genau hab ich dir's angesehen, daß du dir nichts Besseres für mich wünschtest. Wie solltest du auch!« Und Kitty heftete ihre von Glück und Liebe strahlenden Kinderaugen auf Altenried.

»Ich hoffe, daß wir Ihrer Sympathien sicher sind, gnädiges Fräulein,« sagte der junge Offizier, der, im Gegenteil zu Kitty, eher etwas verlegen war. »Mein Geständnis ist schneller gekommen, als ich gedacht hatte!«

»Daran bin ich allein schuld,« versicherte Kitty gelassen, »ich habe ihn gezwungen sich auszusprechen!«

Altenried sah erst Kitty, dann Anna Marie an, dann legte er den Arm um Kitty. »Gnädiges Fräulein, Sie haben keine Ahnung, wie lieb, wie --« Die Stimme brach ihm, er küßte Kitty auf die Stirn.

»Und das nennen die Menschen Liebe!« murmelte Fräulein von Mühlhausen, indem sie mit einem essigsauren Gesicht und vom Kopf bis zu den Füßen eingehüllt in Erhabenheit danebenstand und zusah. »Ich begreife wirklich nicht, wie das zwei vernünftigen Wesen Freude machen kann.«

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Um eine Stunde später war es still in Ulmenhof.

Am Rand der breiten Chaussee, die nach Ilmenau führte, ging ein junger Offizier, den Säbel unter dem Arm. Zwischen den blühenden Obstbäumen, die rechts und links die Straße umsäumen, zog sich hoch über seinem Haupt ein breiter blauer Streifen dicht mit Sternen besäet, und der junge Mensch wünschte sich die Sterne aus dem Himmel auf die Erde herunter, nur um sie seiner Braut als Spielzeug in den Schoß werfen zu können. Jeder Blick des Mädchens, jedes liebe, unschuldige, übereilte Wort tauchte aus seiner Seele auf, während er so dahinschritt durch die stille Nacht -- rings um ihn die duftenden grünen Getreidefelder und die blühenden Bäume, über ihm der Himmel. Ein Wagen kam an ihm vorüber, rasch und leicht. Er trat in den Schatten, um nicht gesehen zu werden.

Er hatte sich bis dahin nicht viel aus seiner Armut gemacht und aller Neid war ihm fremd gewesen, aber heute gab's ihm einen Stich durchs Herz. Es demütigte ihn, daß er Kitty so gar nichts zu bieten vermochte. Und plötzlich fing seine Phantasie an zu arbeiten. Auf welche Weise wäre es denn möglich, seine Zukunft etwas glänzender zu gestalten? Er hatte einen sehr reichen Onkel, den er allenfalls beerben konnte, aber der Onkel war noch jung, er gönnte ihm sein Leben -- und dann -- eine Erbschaft, die man unter elf Personen teilt! Er konnte dem Militärdienst entsagen, in ein Comptoir eintreten und Unsummen an der Börse gewinnen. Aber von diesem Gedanken wendete er sich unmutig ab, nein, das lag ihm nicht im Blut, es würde doch nichts Gutes dabei herauskommen.

Was blieb übrig -- ruhig seine nüchterne Werkeltagspflicht zu thun, genügsam von zehn Jahren zu zehn Jahren ein kümmerliches Avancement abwarten. -- Er ballte die Faust und stampfte mit dem Fuß auf den Boden. Noch eins war möglich, es konnte Krieg kommen! Sein Blut pochte stärker. Krieg! Krieg! Das größte, edelste Hazardspiel der Welt! Er dachte nicht an das Furchtbare, das mit dem Krieg verbunden war, er dachte nur, daß der Krieg einen weiteren Spielraum bot für die Entwickelung seiner Fähigkeiten, eine Gelegenheit, seine Berufspflichten ernster, aufopfernder auszuüben, eine Möglichkeit, sich rascher emporzuschwingen, etwas zu erringen mit dem Einsatz seiner ganzen Persönlichkeit. Eine tolle Begeisterung überkam ihn, ein gräßlicher, dringender Wunsch. In demselben Moment schwirrte eine Sternschnuppe aus dem blauen Himmel herunter.

Das Herz des jungen Menschen blieb stehen. Er kannte den Aberglauben, welcher behauptet, daß der Wunsch, auf den, kaum daß er aus unserem Herzen aufgestiegen ist, eine Sternschnuppe antwortet, vom Schicksal erfüllt werden soll. Und plötzlich wurde ihm kalt. Wie hatte er etwas so Entsetzliches wünschen können -- entsetzlich nicht für ihn, aber für so viele andere.

Ihm war's, als bedeckten sich die Felder ringsum mit Leichen ... und doch! Er hatte echtes Soldatenblut in den Adern -- das alte Raubritterblut der Altenrieds. Was bedeutete das denn eigentlich, unter den Fahnen zu stehen in nicht absehbarer Friedenszeit? Ein Offizier, der zu nichts anderem diente, als seiner Mannschaft den Ceremonien- und Tanzmeister abzugeben -- ein Offizier, dem nie Gelegenheit geboten worden war, sein Leben in die Schanze zu schlagen, war doch ein recht armseliger Wicht!

Zur selben Zeit lag Kitty, die Arme unter dem Kopf, in ihrem Bettchen und träumte ihrerseits in die Zukunft hinein, glücklich bis in jede Fingerspitze, aber bescheiden und still -- eine Zukunft, in der sie Hand in Hand mit ihm denselben Weg gehen würde, einen ganz schmalen Weg, aber rechts und links mit Blumen besetzt, nach denen sie sich bücken mußten, um sie zu pflücken -- ja, sich tief bücken. Aber je tiefer sie sich danach bückten, um so mehr freuten sie sich daran.

Hand in Hand -- Hand in Hand -- bis in den Sonnenuntergang hinein!

* * *

Anna Marie sitzt in ihrem Zimmer und schreibt Briefe. Es ist die Beschäftigung, die ihr im Leben infolge ihres großen Bekanntenkreises am meisten Zeit wegnimmt. Ihre massenhafte Korrespondenz ist die Steuer, welche sie für ihre Beliebtheit zahlt.

Kitty kniet unten im Garten vor einem Gemüsebeet, in das sie abwechselnd mit einem spitzigen Stück Holz Löcher bohrt und aus einem blauen Papiersäckchen Samen streut. Sie trägt eine verwaschene, rot ausgenähte blaue Ärmelschürze, die noch von ihrer Pensionszeit herrührt und ihre biegsame, junge Gestalt völlig einhüllt, ein Paar hirschlederne Handschuhe, mit denen sie ungeniert in der Erde wühlen kann, und einen großmächtigen Strohhut. Ein dicker, brauner Dachshund, dem ihre kauernde Position befremdlich erscheint, springt laut bellend um sie herum und setzt seine dicken Vorderpfoten abwechselnd auf ihre Schultern und auf ihren Rücken. Das ist ihm gnädigst gestattet. Wenn er sich aber unterfängt, seine Pfoten in das schön geglättete, wie geriebene Schokolade aussehende Gemüsebeet zu pflanzen, das seine Herrin bearbeitet, dann -- wird ihm eine fürchterliche Strafpredigt zu teil.

Mit dem herrschaftlichen Schloßgarten von Ulmenhof hat der Garten, in dem Kitty arbeitet, nichts gemein. Hinter dem Haus ziehen sich großmächtige, rechtwinklige Beete, von Salbei, Lavendel und Erdbeeren eingefaßt und in kleinere, von winzigen Pfaden getrennte Felder abgeteilt, aus denen hohe, alte Obstbäume aufragen, wahre Patriarchen von Obstbäumen; Birnbäume, etwas schwerfällig, mit umfangreichem Stamm und ziemlich regelmäßig gebauten Kronen, ganz übersäet von dichten Blütenbüscheln, weiß wie Engelsflügel, aber einen widerlichen Hauch ausatmend; Apfelbäume von viel unregelmäßigerem Wuchs mit graugrünen, flaumigen Blättchen, zwischen roten Knospen und rosigen Blüten, Blüten mit dunkelgelben Staubfäden und seinem scharfem Geruch; Pflaumenbäume, in kleinwinzige, betäubend süß duftende weiße Blüten eingehüllt; und zu Füßen der Obstbäume grelle Sonnenfünkchen mitten zwischen dem grauen Schattenteppich herumtanzend, und in ihren blühenden Kronen ein Heer von Finken, die lustig ein Loblied des Frühlings singen -- so sieht es um Kitty herum aus.

Kitty singt mit den Finken um die Wette, nur viel weicher und süßer als sie. Mit einemmal verstummt sie -- sieht auf. Ein langer Schatten zieht sich über den Kies bis zu ihren Füßen hin, und hinter dem Schatten steht ein junger Offizier, die Hand an der Mütze, lächelnd und von Glück und Lebenslust strahlend. Sie stößt einen kleinen Freudenschrei aus, dann ihren Blick in den seinen tauchend, murmelt sie nur: »Ach, wie lieb!« Bei ihrer raschen Wendung ist ihr der Hut vom Kopf gefallen. Waldmann, der Dachshund, ergreift sofort die Gelegenheit, ihn zwischen die Zähne zu nehmen und mit ihm davon zu galoppieren -- der junge Offizier will ihm nach, um ihm seine Beute zu entreißen, aber Kitty ruft: »Laß ihn, es ist ein alter Hut,« und sie zuckt mit den Achseln.

»Verschwenderin!« bemerkt Altenried, ihr mit dem Finger drohend, »so bereitest du dich darauf vor, die Frau eines armen Lieutenants zu werden!«

Noch immer auf der Erde kauernd, mit der einen Hand auf den roten Kies gestützt, sieht sie zu dem jungen Mann auf und lacht: »Ob ich mich darauf vorbereite! Sieh nur« -- sie deutet auf ein langes Stück Erde -- »das habe ich alles mit Gemüse bepflanzt. Es ist reizend, sein eigenes Gemüse zu pflanzen, und es kommt so billig. Wenn wir verheiratet sind, werde ich den Gemüsegarten allein bestellen.«

Was für ein entzückendes Geschöpfchen! Ihr weiches, volles und doch durchdringendes Stimmchen allein könnte genügen, ihn um den Verstand zu bringen; jedes Wort, das sie spricht, thut ihm wie eine Liebkosung wohl und regt ihm zugleich alle Nerven auf. Am liebsten möchte er sie in die Arme schließen und mit ihr bis an das äußerste Ende der Welt fliehen -- irgend wohin, wo ihn niemand mehr in der vollständigen, ungestörten Besitznahme ihrer bezaubernden kleinen Persönlichkeit stört. Und während ihm dieser wilde Traum in den Adern spukt, steht er wohlerzogen und ruhig vor ihr und sagt: »Wenn wir verheiratet sind, werden wir wahrscheinlich gar keinen Garten haben.«

»So!« meint Kitty, »das ist schade«; dann gleichmütig die Achseln zuckend, ruft sie: »aber wenigstens ein paar Blumentöpfe vor den Fenstern, das ist auch schön!«

»Hm! es scheint, daß nichts im stande ist, dir die Freude an unserer armseligen Zukunft zu verkümmern,« sagt Altenried und lacht gerührt, ohne jedoch den Schatten wegzulachen, der seine Augen verdunkelt.

»Nichts!« sagt sie. Sie ist jetzt aufgesprungen und sieht ihm forschend so zu sagen bis in die Seele hinein. »Nichts!« wiederholt sie etwas leise, und dann setzt sie plötzlich hinzu: »nichts, als deine langen Gesichter.«

»Ich hab eben Sorgen für zwei, Kitty,« murmelt er, »und wenn ich mir vorstelle, wie du für den Luxus geschaffen bist, drückt mich meine Armut, das ist wahr.« Bei diesen Worten will er den Arm um sie legen, sie aber wehrt ihn heftig von sich ab.

»So sprich doch nicht immer von deiner Armut,« ruft sie zornig; »glaubst du etwa, ich hätte mich dir genähert, wie ich's gethan hab, wenn du ein reicher Mann gewesen wärst? Nein! niemals hätt ich's gethan; das versteht sich von selbst. Reiche Menschen haben immer Freunde mehr als genug, aber du ... um dich war mir so leid; ich dachte, es würde dir ein Trost sein, jemand zu haben, der an dir teilnimmt, jemand, der sich auf dich freut, wenn du müde vom Dienst nach Hause kommst, jemand, der dir deine Existenz zurecht rückt und sie ausschmückt, so gut es geht. Aber wenn du vor ein paar erbärmlichen Sorgen zurückschreckst, so ist ja das alles nicht nötig. Weiß Gott nicht. Es kann ganz gut beim alten bleiben. Ich werde mich nur in Grund und Boden schämen dafür, daß ich mich dir an den Kopf geworfen hab, aber -- sterben werde ich daran nicht! Adieu!« Und damit wendet sie sich großartig ab und will von dem jungen Mann forteilen und bricht beim dritten Schritt in Thränen aus.

Als ob er sie gehen ließe!

»Kitty!« ruft er, sie trotz ihres heftigen Widerstandes in die Arme schließend, »Kitty, du hast recht, hundertmal recht; ich hätte dein Opfer ruhig und dankbar hinnehmen müssen, anstatt kleinlich an dessen Größe herumzumessen; aber begreifst du denn nicht, daß es traurig für mich ist, alles zu nehmen und nichts geben zu können, nichts als Plage und Entbehrungen! Das sind meine Brautgeschenke, Kitty!« Und dabei hält er ihren Kopf an seine Schulter und sieht sie an, sehr traurig und unendlich zärtlich.

Sie schließt die Augen und murmelt: »Entbehrungen giebt es für mich keine neben dir, und die Plage kann mich nur freuen!«

Indem veranlaßt das Rauschen eines weiblichen Gewandes die beiden sehr ineinander vertieften jungen Leute, aufzusehen.

Anna Marie ist's, die auf sie zukommt, wie gewöhnlich überquellend von Teilnahme und Wohlwollen, dennoch nehmen ihre Züge bei dem unerwarteten Anblick Altenrieds einen auffällig befremdeten Ausdruck an. Sie beantwortet die ehrerbietige Verbeugung des jungen Mannes nur flüchtig, und sich an Kitty wendend, sagt sie: »Kitty, ich begreif eigentlich nicht recht, wie du Baron Altenried empfangen konntest, ohne mich zu avisieren. Ich hab dir gestern bewiesen, daß ich dir keine unnützen Hindernisse in den Weg legen will, aber schließlich mußt du mir doch auch einiges Vertrauen entgegenbringen.«

»Die Schuld würde in jedem Fall eher mich treffen als Kitty,« wirft Altenried ein, »aber ich versichere Ihnen, daß es mir gar nicht eingefallen wäre, meinen Besuch zu verheimlichen, weder vor Ihnen noch vor irgend jemand, gnädiges Fräulein. Ich war eigentlich gekommen, um bei Herrn Wißmuth um die Hand Kittys anzuhalten. Man sagte mir, er sei heute nach Frankfurt gefahren.«

»Und das ist er auch,« murmelt Kitty. »Er geht alle Mittwoch nach Frankfurt, es kommt uns dies heute sehr gelegen.«

»Warum?« fragt etwas beunruhigt Altenried.

»Weil dich infolgedessen Anna Marie auffordern kann, zum Essen zu bleiben.«

»Und wenn dein Vater zu Hause gewesen wäre, so hätte sie das nicht dürfen?« fragt Altenried trocken.

»Wer kann wissen? Mein Vater ist unberechenbar,« sagt gleichmütig, die Achseln zuckend, Kitty.

»Du scheinst dich darauf gefaßt zu machen, daß dein Vater meine Werbung abweist,« ruft der junge Mann etwas empfindlich.

»Möglich ist's,« gesteht Kitty kleinlaut.

»Ja, aber was dann?« fährt er auf.

»Dann wird es doch dazu kommen, was ich gestern umgehen wollte,« sagt Kitty mit einem komischen Seufzer, »wir werden aufeinander warten müssen, bis wir ein Paar grauhaarige verschrumpfte Mumien sind.«

»Aber Kitty!« ruft Altenried, »ich begreife nicht, wie du über so etwas lachen kannst.«

»Wie soll ich nicht lachen,« erwidert ihm Kitty, »wenn ich so fröhlich bin. Mein Gott, ich kann mir nichts Trauriges vorstellen, solange du neben mir bist, und rings um mich herum blühen die Bäume und die Vögel singen. -- Das Leben ist so schön -- selbst wenn wir ein bißchen aufeinander warten müssen, auch das wird noch schön sein. Nur zu wissen, daß du auf der Welt bist und an mich denkst, ist schön!« Und da er nicht sofort antwortet, legt sie ihm die Hand auf die Schulter und sagt treuherzig und mutwillig: »Gar zu lang wird's übrigens auf keinen Fall währen. Der Papa hat in nichts Ausdauer, nicht einmal in der Unvernunft. Eines schönen Tages werd ich ihm unbequem geworden sein, und dann giebt er mich einem jeden, der mich will -- selbst dir.«

»Selbst mir!« murmelt Altenried mit einer Bitterkeit, die Kitty nicht begreift; nur daß sie ihn verletzt hat, bemerkt sie und möcht's ihm abbitten um jeden Preis.

»Hans!« flüstert sie leise.

»Ich begreife eigentlich nicht, auf welchen Grund hin mich dein Vater abweisen wollte,« fährt er auf; »einzuwenden ist schließlich gegen mich nichts, als daß ich wenig Vermögen zu erwarten habe, und wenn _dir_ das recht ist ...?«

»Ob mir's recht ist, Hans, mein lieber, böser Hans!«

»Nun dann ...« Er ballt die Faust. Die Tochter Herrn Wißmuths lieben, die Tochter Herrn Wißmuths heiraten -- das war eine Sache für sich -- Kitty war anbetungswürdig -- aber sich von diesem erbärmlichen Herrn Wißmuth abweisen lassen, nur weil er nicht so viel Geld hatte wie der gemeine Protz, dem jetzt Ulmenhof gehörte, das war unerträglich!

Indem hörte man eine schrille Glocke, die zu Tisch rief.

»Fordere ihn auf, mit uns zu essen, Anna,« bat Kitty, »was der Morgen uns bringt, wissen wir nicht; gönn uns zum wenigsten den einen Tag! Gönn uns den Tag!«

Und Anna gönnte ihnen den Tag!

* * *

Der Morgen brachte nichts Gutes. Herr Wißmuth war in sehr gereizter Stimmung heimgekehrt aus Frankfurt, und dies hauptsächlich deshalb, weil Herr Förster, dem er in der Einfahrt des »Englischen Hofs« begegnet, mit einem kurzen Gruß an ihm vorübergegangen war, ohne ihm Zeit zu gönnen, ihn anzusprechen. Frau von Manz, welcher er seinen Besuch abstattete, hatte ihn über den Grund der plötzlich mit Herrn Förster vor sich gegangenen Veränderung aufgeklärt.

»Der Förster wird doch nicht ein junges Mädche heirate, das mit einem fremde Offizier in de Mondschein hinauslauft. An und für sich ist nicht viel dabei, aber -- es beweist nur, daß sie de Förster nit mag.«

Dies war die Ansicht der Frau von Manz.

Herr Wißmuth fand, daß sehr viel dabei war, und das gab er seiner Tochter sofort bei seiner Rückkehr von Frankfurt zu verstehen. Als den nächsten Morgen Altenried bei ihm vorsprach und um Kitty anhielt, um sie anhielt mit der warmherzigen Innigkeit, die er seiner Natur, mit dem ritterlichen Ernst, den er seiner Erziehung verdankte, wies ihn Herr Wißmuth ab; ja, wies ihn ab, nicht ruhig, vernünftig, mit einer Vertröstung auf die Zukunft und der Aufforderung, sich ein wenig zu gedulden und indessen Beweise von seiner Tüchtigkeit und der Tiefe seiner Neigung für Kitty zu geben, das hätte der junge Mann allenfalls begriffen. Nein, seine Abweisung war schroff, roh und dumm.

»Ich bin ein bescheidener Mann,« sagte Herr Wißmuth, indem er sich bemühte, den jungen Offizier, den er nicht aufgefordert hatte, sich niederzusetzen, von oben herab anzusehen, »ich habe keinen Ehrgeiz. Ein schlichter Bürgerlicher genügt mir zum Gatten meiner Tochter. Ich brauche keinen adeligen Schwiegersohn, dessen Kinder es sich eines Tages in den Kopf setzen könnten, ihren Großvater zu verachten. Ich habe zwar selbst ein Mädchen aus adeliger Familie geheiratet, aus sehr guter adeliger Familie, aber das war etwas anderes. Sie hat sich in allem und jedem nach mir richten müssen, und nicht ich nach ihr. Im übrigen, Herr Baron, befinden Sie sich mir gegenüber in einer gelinden Täuschung, ich meine meinen Vermögensverhältnissen gegenüber. Ich bin kein reicher Mann; die Repräsentation zwingt mich zu gewissen Opfern, welche ich bringe -- Kitty zuliebe bringe -- aber mir einen adeligen Schwiegersohn anzuschaffen, dazu bin ich nicht reich genug. Ich glaube, wir gehen jeder unsere Wege, und je weniger wir Worte verlieren über Ihren mich sehr ehrenden Antrag, desto besser!«

Auf so etwas hätte es eigentlich nur eine Antwort gegeben -- einen Schlag ins Gesicht; da Altenried denselben dem Vater Kittys nicht erteilen konnte, blieb die wohlgesetzte Rede Herrn Wißmuths ohne jegliche Erwiderung.

Um einen Tag später verließ Altenried die Gegend.