Heil dir im Siegerkranz!: Erzählung (Zweite Auflage)
Part 3
Der Speisesaal war etwas kahl, wie vorläufig noch alle Räume des Schlosses, die Wände hell, in einer einzigen, längst verblaßten, kaum erkennbaren Farbe gemalt und oben längs der Zimmerdecke mit einer schmalen Weinlaubguirlande verziert, die auch an allen Ecken neben einem dunkelbraunen Streifen gerade herunterlief. Ein paar Empirebüffetts, lächerlich klein für das große Zimmer, machten außer dem Speisetisch, um den die Gäste saßen, die einzige Einrichtung aus. Dieser Tisch, reich und glänzend besetzt, stand im schreiendsten Widerspruch zu der puritanischen Einrichtung des übrigen. Wie viel Silber, Aufsätze, Kandelaber -- alles ein wenig zu glänzend, überladen und geschmacklos verschnörkelt; die Blumen in den Jardinieren zu dicht aneinander gedrängt, aber reich und bunt und einen berauschenden Duft ausatmend, Rosen, Tazetten und Maiglöckchen mit leichtem Farnkraut vermischt! Dazu eine Batterie von Gläsern neben jedem Teller und das Speiseservice von buntgemaltem modernem Meißener Porzellan. Die Vorhänge waren zugezogen, um das lange Frühlingszwielicht hinauszusperren; die massenhaften Wachskerzen in den silbernen Armleuchtern, sowie in dem großen, mit geschliffenen Glaspendeloques behangenen venetianischen Luster, einem Luster, wie man ihn sonst nur in den Empfangsräumen alter Paläste sieht, strahlten hell.
Kitty sah wunderhübsch und etwas verdrießlich aus und gab ihrem jungen Nachbar -- außer seinem Reichtum genoß er noch die Auszeichnung, mit den Abkömmlingen verschiedentlicher Frankfurter Berühmtheiten weitschichtig verwandt zu sein -- einsilbige Antworten. Der Hausherr, welcher sie so nahe neben sich placiert hatte, als es die Etikette ihm gestattete, richtete von Zeit zu Zeit über die zwei Personen hinüber, die ihn von ihr trennten, an sie Bemerkungen. Fräulein von Hohleisen beobachtete indessen ihren jungen Nachbar. »Kein Wunder, daß sich die Kleine für ihn interessiert,« dachte sie bei sich.
Als echte Österreicherin vermochte sie noch immer nicht sich darüber zu trösten, daß dieser »charmante junge Mensch« verurteilt war, bei der Infanterie zu dienen, doch mußte sie gestehen, daß man ihm den Infanteristen nicht anmerkte. Sie bedauerte ihn nur immer aufrichtiger für diesen Beweis seiner Armut.
Er war groß, eher größer als der Hausherr, von kräftigem Wuchs, aber sehr schlank, mit der Schlankheit seiner fünfundzwanzig Jahre und seiner vornehmen Herkunft. Das schmale Gesicht, bis auf den leichten Schnurrbart glatt rasiert, hatte das etwas zu lange Kinn, welches Fräulein von Hohleisen auf allen Ahnenbildern der Altenrieds bemerkt hatte, ein sehr feines Profil, und unter der breiten, nicht allzu hohen Stirn, die im Gegensatz zu dem Rest des Gesichts schneeweiß war, blickten, von dichten horizontalen Brauen beschattet, ein Paar tiefliegende, mandelförmige dunkelblaue Augen. Diese Augen blieben immer ernst, selbst wenn die etwas vollen Lippen lachten. Die Haltung des jungen Menschen war stramm und frei zugleich, was in seiner abwechselnd zur Steifheit oder Schlaffheit neigenden Umgebung besonders auffiel, seine Manieren waren bescheiden und verbindlich ohne aufdringliche Dienstfertigkeit.
Er hatte das Herz Annas erobert, ehe er noch ein Wort zu ihr gesprochen. Mit dem Reden war's überhaupt schwach bei ihm bestellt. Sie begriff, warum es ihm schwer fiel. Und doch fühlte sie den Wunsch, in seinem Inneren etwas weiter vorzudringen, Kittys halber.
Nach einem Weilchen machte sie einen kühnen Angriff. »Wie alt waren Sie, als Sie Ulmenhof verließen?« fragte sie rund heraus.
Er schrak ein wenig zusammen, sah zu ihr auf. Die Frage hätte leicht etwas Unzartes haben können. Aber aus Annas grauen Augen sprach so viel Teilnahme, daß der junge Mann sofort merkte, er habe eine Freundin an dem grauhaarigen Mädchen gewonnen.
»Zehn Jahre,« sagte er.
»Und seit der Zeit haben Sie das Schloß nicht besucht?«
»Nein.«
»Dann muß es für Sie recht unangenehm sein, es das erste Mal unter so vielen Fremden wiederzusehen.«
Sie sprach in einem unbefangenen mütterlichen Tone zu ihm, als ob sie ihn sein lebenlang gekannt hätte. Ihre Stimme, ihr Blick, ihr ganzes Wesen that ihm wohl. Offenbar war die Sympathie zwischen ihm und ihr gegenseitig.
»Habe ich mir das so sehr anmerken lassen?« sagte er, indem ein Lächeln seine Mundwinkel hinaufkrümmte, das Lächeln, hinter dem ein Mensch seines Schlages eine peinliche Gemütsbewegung versteckt. »Es ist sonst nicht meine Art, aber ich bin heute etwas zerstreut. Ich bitte Sie sehr, mich zu entschuldigen, gnädiges Fräulein.«
»Man müßte ein Unmensch sein, um Ihnen Ihre Verstimmung übel zu nehmen,« erklärte Anna energisch; »ich hätte eigentlich gar nicht von diesem Thema anfangen sollen, aber ich kann Ihnen so gut nachempfinden. Ich habe etwas Ähnliches erlebt; auch unser Landgut, das, auf dem ich einen Teil meiner Mädchenjahre verbrachte, ist verkauft worden. Es war lange nicht so schön wie Ulmenhof, aber ich hatte es doch unbeschreiblich lieb. Zehn Jahre, nachdem ich Abschied davon genommen -- unter wieviel Thränen! -- schlich ich mich heimlich an den Gartenzaun heran, hinter dem ich fremde Kinder laufen hörte; die Frau des neuen Besitzers erblickte mich und forderte mich auf, einzutreten. Keine Möglichkeit, mich dem zu entziehen! Die neuen Menschen waren sehr nett gegen mich, =selon leurs lumières=!« -- ohne ein bißchen Französisch kommt Anna nicht durch -- »ich wurde gefeiert, bewirtet, dann schleppten sie mich zwei Stunden lang in Haus und Garten herum, um mir die von ihnen angebrachten Verbesserungen zu zeigen. Mein armer Garten! wie sah der aus! ich konnte ihn gar nicht finden zwischen all den neuen Teppichbeeten, Springbrünnlein und wohlgepflegten Bosketts. Das Haus erschien mir unter seiner neuen Tünche wie geschminkt. Als ich mich entfernte, hatte ich die Heimat verloren, selbst die Erinnerung daran war jetzt verzerrt und verzeichnet, ich konnte sie nicht mehr deutlich in mir wachrufen. Nun, zum wenigsten war ich für immer von meinem Heimweh geheilt.«
»Mich wird von meiner Liebe zu Ulmenhof nichts mehr heilen,« erklärte der junge Altenried immer noch lachend. »Wenn ich tot bin, geh ich in Ulmenhof um,« sich etwas zu Anna neigend. »Sie begreifen vielleicht, gnädiges Fräulein, daß es mir, alles Heimweh beiseite, eine unbeschreibliche Genugthuung wäre, den jetzigen Besitzer hinauszuquälen. Hm! im Leben dürfte mir's kaum beschieden sein!« Er schwieg einen Augenblick, dann hub er von neuem an: »Wissen Sie, woran ich dachte, als ich so stumm neben Ihnen saß, gnädiges Fräulein? Ich beschäftigte mich damit, die Möbel an ihre alten Plätze zu rücken. Hier fand ich mich anfänglich gar nicht zurecht. Die beiden Büffetts gehörten in unser altes Speisezimmer. Diesen Saal bewohnten wir eigentlich nicht, er war zu groß für unsere Verhältnisse, wie übrigens das ganze Schloß. Nur zu Weihnachten wurde er geheizt, der Christbaum wurde immer darin angezündet, dort unter dem Bild der Urgroßmutter -- das ist meine Urgroßmutter, die Frau in dem weißen Kleide und mit dem Gürtel unter den Schultern. Mein Gott, an unserem ganzen Christbaum hing nicht ein Viertel von den Wachskerzen, die heute hier verbrannt werden. Er malte immer nur eine kleine Lichtinsel in den großen Raum hinein, alles übrige blieb dämmerig. Aber es war so schön, sich aus der Dämmerung heraus in diese Lichtinsel zu stürzen, man freute sich so an jedem bunten Bilderbuch, an jedem Spielzeug, jeder vergoldeten Nuß. Der Aufbau wurde alle Jahre ärmlicher, aber je ärmlicher er wurde, desto lauter freute man sich, schon um den Eltern ein Vergnügen zu machen. Es war doch schön,« setzte er leiser, wie zu sich selbst sprechend, hinzu, »bis in die Sorgen hinein war's schön!«
»Leben Ihre Eltern noch?« fragte Anna.
»Sie befehlen, gnädiges Fräulein?«
Altenried hatte nicht aufgehorcht.
»Ich fragte, ob Ihre Eltern noch leben.«
»Mein Vater starb bald, nachdem Ulmenhof verkauft war. Die Sorgen hatten zwar aufgehört, aber er konnte sich in das Stadtleben nicht hineingewöhnen. Wir thaten, was in unserer Macht lag, um's ihm lustig zu machen, wir sagten immer, daß wir Ulmenhof gar nicht entbehrten, daß es viel amüsanter sei in der Stadt. Aber er glaubte uns nicht. Er sah uns immer so ängstlich von der Seite an, als ob er uns um etwas gebracht hätte, der Arme, gerade als hätte er etwas dafür gekonnt. Als er Ulmenhof übernahm, war es bis zum Wetterhahn hinauf verschuldet. Wie hätte er sich da heraushauen sollen! Das einzige, was man ihm allenfalls zum Vorwurf machen konnte, war, daß er ein Mädchen ohne Mitgift geheiratet ... aber ... wir hätten keiner eine andere Mutter haben wollen!«
»Ihre Mutter lebt noch?«
»Ja, Gott sei Dank!«
»Und Sie haben mehrere Geschwister?«
»Zehn Stück.« Altenried lächelte, während er Anna von Hohleisen diese verblüffende Mitteilung machte, aber er zuckte munter die Achseln: »›'s ist kein Krüppel, kein Trottel, kein schlechter Kerl darunter,‹ damit entschuldigt sich meine Mutter jedesmal, wenn man ihr den allzu großen Kindersegen zur Last legt, mit dem sie meinen Vater beglückt hat.«
»Sie sind der Älteste?«
»Nein, ich stecke mitten drin.«
»Und Ihre Mutter ist noch wohlauf?«
»Ja, gottlob. Sie trägt ihr Schicksal rüstig und ist sogar sehr heiter, obgleich sie ihre Witwentrauer nie abgelegt hat. Meine Mutter ist eine wunderschöne alte Frau. Sie sieht Ihnen etwas ähnlich, gnädiges Fräulein.« Kaum waren die Worte gesprochen, so wurde er verlegen.
Anna lachte. »Ich hab's Ihnen nicht übel genommen,« versicherte sie dem jungen Mann gutmütig, »im Gegenteil, in meinem Alter freut man sich über jedes Kompliment.«
»Aber meine Mutter ist natürlich viel älter als Sie, gnädiges Fräulein,« beeiferte sich Altenried zu versichern.
»Ach, ich bitt Sie, auf ein graues Haar mehr oder weniger kommt's nicht an,« erwiderte die Österreicherin, »zu den jungen Hasen gehör ich ja auch schon längst nicht mehr. Wenn ich zur richtigen Zeit geheiratet hätte, könnte ich jetzt fast einen so großen Sohn haben, wie Sie sind, und unter uns gesagt, es wäre mir ganz recht.«
Das war ein sehr komischer Ausspruch. Anna von Hohleisen sagte manchmal unmögliche Dinge -- sie war bekannt dafür --, aber immer so, daß es sie gut kleidete.
Während der junge Mensch sie etwas erstaunt ansah und noch keine Erwiderung auf ihre Worte gefunden hatte, fuhr sie lachend fort: »Es wäre gar nicht übel, sich für seine alten Tage eines solchen Verehrers zu versichern, wie ihn Ihre Mutter an Ihnen hat!« Und dabei griff sie nach ihrem Champagnerglas und sagte mit ihrem lieben Lächeln: »Stoßen wir auf gute Freundschaft an, Herr von Altenried.«
»Von Herzen gern, gnädiges Fräulein!« Während die Gläser der beiden aneinanderklangen, suchte Anna das Gesichtchen Kittys -- sie merkte wohl, daß der Blick ihres Nachbarn denselben Weg genommen, doch blieb er nicht auf Kitty haften, sondern glitt sofort wieder ab.
»Gefällt sie ihm nicht, oder wagt er sich nicht an sie heran seiner Armut halber?« fragte sich Anna von Hohleisen. Und der Zweifel gab ihr einen Stich durchs Herz. Es war ihr sehr darum zu thun, daß Kitty diesem jungen Menschen gefallen solle.
Das Diner nahte seinem Ende. Die Diener trugen die Dessertaufsätze herum -- Herr Wißmuth hatte ein sehr rotes Gesicht und wässerige Augen und riß unermüdlich Knallbonbons entzwei mit seiner jungen Nachbarin, der er dann schmunzelnd die Devisen vorlas.
Herr Förster hatte soeben einen Toast ausgebracht auf die »neuerblühte Rosenknospe in der Wetterau« und streckte dabei sein Champagnerglas Kitty entgegen.
»Herr Förster macht Fräulein Kitty den Hof,« bemerkte Altenried in einem Tone, von dem Anna sich fragte, ob er wirklich gleichgültig war oder nur so klingen sollte.
»Darüber kann kein Zweifel herrschen,« entgegnete ihm Anna.
»Er hat recht,« sagte Altenried, mit den Bonbonhülsen auf seinem Dessertteller spielend, »es läßt sich nicht leugnen, daß Fräulein Wißmuth prächtig nach Ulmenhof passen möchte.«
»Ja, sie gefällt ihm,« dachte Anna; »aber liebt er sie?«
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Kitty hatte keinen Zweifel darüber, nein, nicht den geringsten Zweifel. Sie wußte, daß Altenried von ihr wegschaute, weil Herr Förster ihr Aufmerksamkeiten erwies, weil er ein armer Teufel war und Herr Förster eine gute Partie. Mit achtzehn Jahren fühlt man so etwas genau -- später irrt man sich, quält sich mit mißtrauischen Zweifeln ab, oder macht sich lächerlich durch mühsam festgehaltene Illusionen -- aber mit achtzehn Jahren irrt man sich nicht!
Kitty wußte ganz gut, wie es im Herzen Altenrieds aussah -- der einzige dunkle Punkt in dieser Verwickelung war für sie, wie ihn dazu bekommen, ihr seine Liebe einzugestehen. Das Schlimmste war, daß er, wie er ihr selber mitgeteilt, noch dieselbe Woche abreisen sollte.
* * *
Jetzt war das Diner vorbei; man hatte sich von neuem in der Vorhalle versammelt. Die Stimmung war um ein bedeutendes gemütlicher geworden; alle Gäste sprachen lauter als vor dem Essen und waren stärker gefärbt. Man merkte, daß man sich nicht weit vom Rhein befand.
Man hatte sich nach gut deutscher Sitte die Kreuz und Quere die Hände gereicht, hatte Kaffee und Chartreuse getrunken, die Damen hatten den Herren gnädigst die Erlaubnis erteilt, in ihrer Gegenwart eine Cigarette zu rauchen.
Aus Kittys großen Kinderaugen blitzte ein Gewitter von Ungeduld, Herr Förster hatte sie eine volle Viertelstunde mit schönen Redensarten festgenagelt -- Altenried stand indes mit einem verdrießlichen Gesicht am anderen Ende der Halle, und Kitty klopfte das Herz vor Angst, er könnte sich auf französisch aus dem Staube machen, ehe sie noch Gelegenheit gefunden haben würde, ein Wort mit ihm zu reden. Der Gedanke war unerträglich. Indessen hatte eine der Damen gefragt, ob denn nicht einer der Anwesenden einen Walzer spielen könne. Anna Marie hatte sich bereitwillig an den Flügel gesetzt und hämmerte mit Macht und dem österreichischen Walzerrhythmus, der ihr im Blut steckte, die »Geschichten aus dem Wiener Wald« in die Tasten hinein.
Eine Minute später walzte alles. Herr Wißmuth sehr unternehmend und den Ellenbogen altmodisch zusammenknickend, natürlich mit dem blutjungen Mädchen, neben dem er bei Tisch gesessen und in das er augenscheinlich bis über die Ohren verliebt war, Hildegard von Mühlhausen mit einem Offizier, den sie um eine Kopflänge überragte und bei jedem Schritt vom Boden aufhob. Der Offizier tanzte offenbar aus Pflichtgefühl, und Hildegard gab sich den Anschein, ein Opfer zu bringen. Sie war nie erhabener, als wenn sie sich aus Gefälligkeit den kleinlichen Vergnügungen gewöhnlicher Menschen unterzog. Emma Becker tanzte -- ja selbst die dicke Rheinweinkönigin schnaufte in den Armen eines höflichen Jünglings seelenvergnügt in der Halle herum. Herr Förster hatte natürlich sofort Kitty engagiert. Sie trachtete so schlecht zu tanzen als möglich, um ihn rasch los zu werden; da das keinen Eindruck auf ihn machte, schützte sie Atemlosigkeit vor. Ehe er sie widerwillig genug losließ, um sich als höflicher Hausherr einer anderen Dame zur Verfügung zu stellen, drückte er ihr zärtlich die Hand.
Kitty merkte es kaum und hatte keine Zeit sich darüber zu ärgern. An seiner sich entfernenden Gestalt vorbei blickte sie zu Altenried hinüber, so einschmeichelnd, als sie es überhaupt zu stande brachte, und das war nicht wenig. Einen Moment that Altenried, als ob er nichts merkte, dann -- nun, dann ging er ruhig auf sie zu.
»Herr von Altenried, was haben Sie heute eigentlich gegen mich?« fragte sie ihn mit einer wundervoll altklugen Miene streng.
»Ich gegen Sie, gnädiges Fräulein?« Er lächelte unwillkürlich, und sie fuhr, die Achseln in die Höhe ziehend, mit einem komisch feierlichen Gesichtsausdruck fort: »Ich kann nichts dafür, daß mir Herr Förster den Hof macht.«
»Können Sie wirklich nichts dafür?« sagte er etwas mutwillig. »Nun, da darf ich's Ihnen auch nicht weiter zur Last legen; ich dachte wirklich, Sie hätten plötzlich Ihre Meinung von ihm geändert.«
»Es dürfte doch noch einige Zeit dauern, ehe das geschieht,« entgegnete Kitty.
Anna Marie hämmerte noch immer gutmütig darauf los, die »Dorfschwalben« jetzt.
»Dürfte ich bitten,« sagte Altenried.
Kitty nickte, und schon wirbelte sie im Arm des jungen Mannes fort, von der süß hinschmachtenden Musik getragen in einem Meer von warm pochender Jugendseligkeit.
Anna Marie blickte ihnen nach, mitten aus ihrer Thätigkeit am Klavier heraus. Sie sahen sehr hübsch aus miteinander, wie nur zwei junge Menschen mit sich instinktiv einander anschmiegenden Bewegungen.
»Wie gut er walzt für einen Preußen!« dachte Anna, die von österreichischem Lokalpatriotismus nicht ganz frei war.
Dann standen sie zusammen in einer Fensternische. Das Fenster war offen, und man sah den Mond draußen am Himmel in einem Gewimmel von zahllosen Sternen. Die milde, von süßherbem Wohlgeruch geschwängerte Luft strich ihnen um die Wangen.
Einige der Gäste fuhren fort zu tanzen, einige andere gingen paarweise oder zu dreien in den Garten hinaus. Kitty sah ihnen sehnsüchtig nach. »Möchten Sie nicht auch mit mir hinaus?« flüsterte sie, »es muß wunderschön sein jetzt.« Altenried stockte einen Augenblick. Wie oft hatte er sich heute bereits vorgenommen, vernünftig zu sein, aber es wollte ihm nun einmal nicht recht glücken! Ehe er sich's versah, wandelte er draußen neben Kitty über die breiten, roten Sandwege, die vom langsam sinkenden Nachttau feucht waren und auf welche die Schatten der noch dünnbelaubten Fliederhecken zwischen das grelle Mondlicht fielen.
»Ich will Ihnen meinen Lieblingsplatz zeigen,« sagte er leise. Er hatte ganz vergessen, daß Ulmenhof einem Fremden gehörte.
Er führte Kitty an einen runden Platz, um den hohe, in der Manier des Lenotre verstutzte Laubmauern emporragten. Gegen diese Laubmauern hoben sich abwechselnd Statuen und steinerne Bänke ab. Die Mitte des Platzes nahm ein derzeit versiegter Springbrunnen ein, dessen Becken zwei vermooste Delphine schmückten. Der Mond schien grell und verlieh den Statuen ein quälend unbestimmtes Halbleben. Sie sahen auf ihren Sockeln wie verzauberte Menschen aus, die plötzlich von einer wahnwitzigen Sehnsucht befallen worden wären, auf die Erde herunterzusteigen und noch einmal hinauszujubeln in den Frühling.
»Wenn wir uns ein wenig niedersetzten, ein ganz klein wenig,« bettelte Kitty einschmeichelnd.
»Ist es nicht zu kalt?« murmelte er. »Ich will Ihnen einen Umwurf holen.«
»Ach nein!« bat sie, »allein fürchte ich mich,« und sie blickte sich schaudernd nach den Delphinen um. »Es ist nicht kalt. Übrigens --« und lachend schlug sie den Doppelrock ihres weißen Kleidchens über ihren bloßen Kopf, wie eine Wallfahrerin im Regen. Es ließ ihr entzückend, das zarte Blütengesicht sah doppelt verführerisch aus in der weißen Hülle, die sie mit einer Hand unter dem Kinn festhielt. Sie setzte sich auf eine Bank neben die Statue einer Flora mit einem leeren Füllhorn und tänzelnder Pose. Einen Augenblick blieb er stehen, dann setzte er sich auch. Das Blut pochte ihm in allen Fingerspitzen, sein Mund war trocken. Wie herrlich das alles war! Rings um ihn Mondschein und Frühling, und neben ihm Kitty so ruhig und unbefangen, offenbar ahnungslos von dem Gewitter in seinen Nerven. »Man möchte immer hier bleiben,« sagte sie aus einem längeren Schweigen heraus mit ihrem vollen, innigen Kinderstimmchen und blickte ihn aus großen, begeisterten Augen an.
Er sah mühsam von ihr weg. »Nach allem, was ich heute beobachten konnte, hängt es wohl von Ihnen ab, ob Sie für immer hier bleiben wollen oder nicht,« murmelte er heiser.
»Ich hab's Ihnen schon einmal gesagt, ich kann nichts dafür, daß mir Herr Förster den Hof macht,« wies sie ihn humoristisch zurecht. »Wenn Sie auf jemanden böse sein wollen, so müssen Sie auf Herrn Förster böse sein, nicht auf mich.«
»Wie soll ich auf Herrn Förster böse sein,« murmelte Altenried, und plötzlich, fast auffahrend, setzte er hinzu: »Glauben Sie denn, ich würde Sie nicht auch neben mir festzuhalten trachten, wenn mir Ulmenhof gehörte?« So, da hatte er's! Sein armseliges bißchen Selbstbeherrschung war ihm gänzlich abhanden gekommen.
Was nun? ... Ja was? ... Kitty legte ihm ganz einfach die weiche kleine Hand auf den Arm und sagte: »Und jetzt wollen Sie weiter nichts von mir wissen, nur weil Ihnen Ulmenhof nicht gehört?«
Das weiße Röckchen, das sie noch immer mit der Linken unter dem Kinn festgehalten, war ihr von dem krausen Scheitel heruntergeglitten, der warme Duft ihres Haares streifte seine Wange, ihre großen Augen blickten zu ihm auf.
Was war da noch viel zu machen! Er nahm die kleine Hand, die sie auf seinen Arm gelegt, und küßte sie zwei-, dreimal. »Kitty, Kitty, mein Engel, mein Leben!« rief er. Dann hatte er plötzlich wieder einen Anfall von Vernunft. Sein Atem stockte. »Ich bete Sie ja an,« begann er, »Sie wissen's ja; wenn Sie es nicht gewußt hätten, so wären Sie nicht gegen mich gewesen, wie Sie gewesen sind ...«
»Wahrscheinlich,« sagte Kitty sehr ruhig.
Er mußte unwillkürlich lächeln, mitten in seine Vernunft hinein, dann fuhr er fort: »Aber sehen Sie, Sie sind ja ein Kind, und ich müßte ein ganz schlechter Kerl sein, wenn ich Sie beim Wort halten wollte, da Sie gar nicht wissen, was Sie auf sich nehmen. Sie kennen das Leben nicht, Sie haben mich lieb, weil Sie Mitleid mit mir haben. So etwas gilt nicht, es könnte Sie später gereuen, und dann würden Sie an Ihrer Verlobung schleppen wie an einer schweren Kette, weil Sie doch zu ehrenhaft wären, Ihr Wort zurückzunehmen. Nein, bewahren Sie Ihre Freiheit ungeschmälert. Ich werde thun, was in meinen Kräften steht, um mir eine Existenz zu schaffen, die ich Sie auffordern dürfte mit mir zu teilen. Und sollten Sie dann wirklich noch frei sein und Ihre liebe Hand in die meine legen, dann will ich Ihnen auf den Knien danken dafür. Bis dahin ...« er stockte außer Atem. Er hatte sich selbst reden gehört und gestaunt über seine eigene Beredsamkeit. Alles, was er sagte, kam ihm so überaus stichhaltig vor, daß er selbst nicht begriff, was man dagegen einzuwenden vermöchte. Ein kalter Schauer überlief ihn, eine Angst, es wäre ihm wirklich gelungen, sein schönes Glück wegzuvernünfteln.
Einen Augenblick zögerte Kitty, dann sagte sie: »Bis dahin können wir beide graue Haare haben. Nun, mir ist recht, was Ihnen recht ist, ich warte auf Sie, wenn's sein muß, meinetwegen hundert Jahre. Aber meinen Sie wirklich, daß es der Mühe wert ist, unser Glück hinauszuschieben, bis wir ein Paar trockene alte Mumien geworden sind, nur weil wir dann ein bißchen mehr Geld haben werden?«
»Kitty! -- und Sie könnten sich entschließen, mich jetzt zu heiraten, auf meine Lieutenantsgage und meine zehn Thaler Monatszulage hin?« rief Altenried.
»Ich würde Sie heiraten, wenn ich zugleich Ihre Frau und Ihre Scheuermagd sein müßte,« sagte Kitty, »das wär mir ganz gleich.«
»Kitty --!« Er legte den Arm um sie, ein kleiner, weicher, zitternder Schrei kam von ihren Lippen, halb wie das triumphierende Aufkichern eines Kindes, das seinen Willen durchgesetzt hat, halb wie das Schluchzen eines Weibes, das an der Grenze der höchsten Glückseligkeit steht. Sie schmiegte sich an seine Brust, er drückte den ersten Kuß auf ihre Lippen, und der Frühling freute sich.