Heil dir im Siegerkranz!: Erzählung (Zweite Auflage)
Part 2
Herr Wißmuth ist holländischer Abstammung, was er mit prahlerischer Vorliebe immer wieder erzählt und was im übrigen sein Äußeres deutlich verrät. Er ist ein Mann von mittleren Jahren und mittlerer Größe, mit kurzen, dicken Gliedern, kurzen Händen, kurzen Fingern und einem kreisrunden Gesicht, das bis auf den unternehmend aufgesträubten kleinen Schnurrbart glatt rasiert ist und aus dem zwei schmale, auffallend kleine Augen lebenslustig in die Welt hineinfunkeln.
Sein stark gekraustes rötliches Haar ist an der Seite gescheitelt und über der Stirn in ein mächtiges Toupet aufgekämmt. Man sieht es ihm sofort an, daß er zu denjenigen gehört, die mit sich selbst stets zufrieden sind und über die ihre Umgebung sich häufig ärgert.
Er ist nicht gerade dumm, sondern nur verwirrt im Kopfe, phlegmatisch, aber mit beständig aus seinem Phlegma aufsprühenden, fingerlangen Begeisterungen, von denen nie eine stark genug ist, seinen fetten und schweren Körper in die Höhe zu ziehen. Dazu noch gründlich faul, wo es sich um eine ernste und nutzbringende Thätigkeit handelt, hingegen freilich von einer gemeinschädlichen Betriebsamkeit in allerhand nebensächlichen Dingen, wie Veranstaltung schlechter musikalischer Produktionen, Marken sammeln, Altertümer aufstöbern, Inserate in Zeitungen einsenden behufs Abschaffung öffentlicher Übelstände, Verfassen von anonymen Briefen und massenhaftem Klavierspiel.
Nach all dem wird es niemand wunder nehmen, daß er es auf der Welt zu nichts gebracht als zum Bürgermeister von Lindenbergen, ein Ehrenamt, in dem er sich sehr wichtig vorkommt und das ihm Geld kostet.
Am allerschlechtesten ist's ihm mit der Bleistiftfabrikation geglückt, welche ihn auch bis an den Rand des finanziellen Abgrundes gebracht hat. Den verhältnismäßigen Wohlstand, in welchem er sich momentan befindet, hat er einer alten Anverwandten zu verdanken, welche ihm ein ansehnliches Vermögen unter der Bedingung vermacht hat, er möge sich für immer von seinem Geschäft zurückziehen.
Er ist ein unerquicklicher Familienvater und ein ermüdender Hausherr. Beides hat Anna Marie seit dem gestrigen Tage bereits genugsam zu konstatieren Gelegenheit gehabt. Seit gestern hat sie im ganzen ungefähr sechs Stunden vierhändig mit ihm spielen müssen, und selbst jetzt, wo -- am Frühnachmittag nach ihrer Ankunft ist's -- bereits alles so zu sagen mit einem Fuß in der Luft steht, um dem Fest entgegen zu eilen, welches Herr Förster behufs Einweihung von Ulmenhof veranstaltet, hat er die geduldige Österreicherin noch an seinen Lieblingsflügel, einen zugleich weich ansprechenden und sonoren Bechstein, festgenagelt, um »in aller Eile« ein letztes Mal die neunte Symphonie von Beethoven mit ihr zu spielen.
Da sie bereits Toilette gemacht hat und ihr kreppbesetztes schwarzes Paradekleid -- sie trägt noch immer Trauer für den Tricktrackonkel -- ihr etwas zu eng in den Ärmeln ist, so findet sie momentan diesen musikalischen Frondienst recht unbequem. Herrn Wißmuth ist das höchst gleichgültig.
Er spielt natürlich den Baß, weil er da mit großer Ungeniertheit falsch darauf lostrommeln kann. Wenn es irgendwie nicht klappt, so ist Anna Marie daran schuld, _er_ rast darauf los, ob sie mitkommt oder nicht, und kräht, während sie verzweifelnd die Hände in den Schoß legt, mit beständig ins Falsett umschnappender dünner Tenorstimme den Violinpart zu seinem Accompagnement.
»Es wird schon gehen mit der Zeit, aber du findest dich noch nicht in meine Auffassung hinein,« sagt er regelmäßig, wenn er endlich stehen bleibt, um sie mitzunehmen. »Eins, zwei, drei ...« und dabei wandern seine kurzen Finger, die Takte zählend, über die Noten hin.
Nachdem er vergeblich einen bequemen =starting point= gesucht, sagt er ruhig: »Das Beste ist, wir fangen von vorn an.«
Arme Anna Marie!
Inmitten seines energischen Gehämmers zieht er die Hände vom Klavier und sagt: »War das nicht ein Wagen?« Damit springt er an das Fenster und lehnt seinen fetten, schwammigen Oberkörper spähend auf die weltvergessene Straße hinaus.
Er sieht allerhand Anheimelndes, was ihn nicht interessiert: eine Reihe altväterischer Giebelhäuser, eine braune Mauer, über die eine Wirrnis von blühenden Frühlingsbäumen hinüberragt, einen Ziehbrunnen gerade in dem Winkel zwischen der braunen Mauer und einem vorspringenden Haus, eine Magd mit breitem, rotem, stumpfem und gutmütigem Gesicht, barhaupt mit im Genick aufgestecktem dünnem Zopf, die, die nackten Arme auf den Eimer gelehnt, einem Burschen nachblickt, der, ein Veilchenbüschel hinterm Ohr, trotzig an ihr vorübergeht, ohne ihren Blick zu erwidern -- alles das sieht er; das aber, wonach er ausspäht, das sieht er nicht.
Unzufrieden brummend kehrt er zu dem Flügel zurück.
Da tritt Kitty in das Klavierzimmer herein, sehr hübsch, mit sehr roten Wangen und der etwas feierlichen Befangenheit, welche einem ganz jungen Mädchen das Bewußtsein verleiht, ein neues Kleid anzuhaben, das ihm besonders gut steht. Es ist aber auch ein wunderschönes Kleid, weiß vom Saum bis zum Hals hinauf, auch die Schärpe ist weiß, und Kitty sieht entzückend darin aus. Sie ist davon überzeugt, kann es aber nicht erwarten, daß ihr's jemand bestätigt.
»Sind Hildegard Mühlhausen und Emma Becker noch nicht gekommen?« fragt sie so obenhin, nur um zu beweisen, daß sie gewiß nicht hereingekommen ist, um sich loben zu lassen.
»Nein, ich begreife nicht,« sagt Herr Wißmuth, »ich habe ihnen so streng eingeschärft, pünktlich zu sein. Anna Marie kann ihren Part der Jubelkantate zwar, aber eine Ensembleprobe ist doch nötig!«
Herr Wißmuth hat nämlich zu der festlichen Gelegenheit ein kleines Quartett komponiert, das er mit dem klangvollen Titel »Jubelkantate« bezeichnet.
»Ich begreife die beiden nicht!« sagt Herr Wißmuth, noch immer aus dem Fenster spähend. »Ach, endlich, da sind sie!« ruft er, »endlich!« und eilt ihnen entgegen.
Indes hebt Anna Marie ihr Lorgnon an ihre schönen, etwas hervorstehenden grauen Augen und betrachtet Kitty.
»Allerliebst siehst du aus,« ruft sie, »charmant, zum Fressen herzig!«
Die Worte, welche bei der Österreicherin den höchsten Ausdruck der Bewunderung ausmachen, erfüllen Kitty mit Stolz. Sie eilt auf Anna zu, um sich abküssen und streicheln zu lassen, wozu sie eine große Neigung hat. Anna aber wehrt sie ab. »Um Gottes willen bleib, wo du bist, ich mach dich ja ganz schwarz -- so ein Trauerrab wie ich und ein Schneeglöckerl wie du, das paßt nicht zusammen« -- dabei streichelt sie, sich behutsam von der weißen Pracht der Kleinen fernhaltend, Kittys Wangen und flüstert ihr ins Ohr: »Hast du dich für Herrn Förster so schön gemacht?«
Herr Wißmuth reißt die Thür auf, glückstrahlend und mit dem Ausruf: »Da bring ich meine jungen Damen!« worauf zwei weibliche Wesen mit ihm in das Musikzimmer treten.
Die Jugend der beiden ist von verschiedener Beschaffenheit. Emma Becker steht im selben Alter wie Kitty, und Hildegard von Mühlhausen in dem von Anna Marie.
Über Emma Becker giebt's nicht viel zu sagen, als daß sie eine Pensionatsfreundin Kittys ist, eine Frankfurterin, Waise, von rheinländischen Eltern abstammend, klug und gesetzt über ihr Alter hinaus, lebenslustig, etwas schwerfällig, etwas anspruchsvoll, mit beiden Augen nach einer guten Partie ausspähend, und ohne ein Fünkchen Poesie im Leib, nicht reich -- aber mit allen Gewohnheiten einer reichen Person behaftet, weshalb sie beständig darauf angewiesen ist, von einem ihrer sehr vermögenden Verwandten zum anderen zu reisen und ihre ganze Rente auf die Begleichung ihrer Schneiderrechnung zu verwenden.
Hildegard von Mühlhausens Charakteristik ist weniger leicht abzufertigen. Sie ist der letzte verarmte und verkümmerte Sproß eines alten Adelsgeschlechts. Ihre Mutter war in ihrer Jugend Hofdame und ihr Vater in seinem hohen Alter General, ihr Bruder war ein Taugenichts, hat sein und ihr kleines Vermögen verschlemmt und ist in Amerika elend zu Grunde gegangen. Gegen Hildegard ist nie etwas einzuwenden gewesen, jeder, der je mit ihr in Verkehr gestanden, versichert, »sie sei ein durch und durch nobles Wesen«. Keiner hat diesen Verkehr bis zu einem vertraulichen, freundschaftlichen Grad fortzusetzen gesucht, denn der Verkehr ist unerquicklich, wie der mit allen Menschen, die das Leben von einem allzu erhabenen Standpunkt aus betrachten und den anderen beständig ihre hohe Vollkommenheit unter die Nase reiben.
Hildegard von Mühlhausen leidet im höchsten Maße an Erhabenheit; sie ist ebenso neidlos wie Anna Marie -- aus Erhabenheit, weil ihr gar nichts zu beneiden würdig dünkt, seitdem ihr das Schicksal das höchste Glück versagt, das es zu vergeben hat -- das nämlich, als _Mann_ auf die Welt gekommen zu sein. Sie ist fest überzeugt davon, daß ihre Seele eigentlich bestimmt war, in einem männlichen Körper zu wohnen, und daß, wenn sie ein Mann gewesen wäre, sie es wenigstens bis zu einem Napoleon oder Bismarck gebracht hätte. Neben dem Unglück, durch ihre Weiblichkeit verhindert worden zu sein, dies hohe Ziel zu erreichen, erscheinen ihr alle die zahlreichen Miseren ihres Lebens geringfügig.
Unter allen Umständen liegt's ihr am Herzen, zu beweisen, daß sie sich aus nichts etwas macht. Sie ist immer erhaben. Sie unterzieht sich den langweiligen Pflichten ihres armseligen kleinen Hausstandes (sie wohnt in kümmerlichen Verhältnissen allein) mit demselben, jedes Interesse an ihrer Beschäftigung verleugnenden Märtyrergesicht, mit dem sie bei einem Diner ihr Champagnerglas leert oder bei einem Hausball eine Quadrille tanzt. Ihr ganzes Wesen ist immer durchdrungen von sittlicher Herablassung.
Sie ist groß und sehr dünn, sehr brünett, mit braunen Augen in einem verkümmerten, scharfkantigen Rassegesicht und trägt ein weißes Musselinfähnchen, das Kitty recht gut kleiden würde, in dem sie sich aber wie eine Fliege im Milchtopf ausnimmt.
»Wie spät!« ruft Kitty.
»Ich bin seit einer Stunde bereit; ich bin immer verläßlich,« erklärt Hildegard von Mühlhausen, »aber Emma kam nicht.«
»Die Frank ließ mich so lange warten mit meinem Kleid,« erklärt Emma Becker, »ich war schon außer mir.«
»Wie kann man außer sich geraten über die Unpünktlichkeit einer Schneiderin!« bemerkt sinnend Hildegard von Mühlhausen.
»Aber ich bitte dich, Hildegard, wenn ich auf ein so hübsches Kleid zu lange hätte warten müssen, wär ich auch unruhig geworden,« versichert Kitty, und Emma mit Andacht betrachtend, setzt sie hinzu: »Dein Kleid ist wunderschön!«
»Wenn's nicht einmal hübsch wäre,« seufzt Emma Becker; »ich bitte dich« -- wichtig auf das aus dem Atelier Albert Franks stammende Meisterwerk herabsehend -- »ein einfaches Musselinkleid und kostet hundert Thaler! Geradezu unverschämt, nicht wahr!« Emma seufzt selbstgefällig in dem schmeichelhaften Bewußtsein, daß es zum höchsten Frankfurter Chik gehört, unter der Unverschämtheit Albert Franks zu leiden.
»Hundert Thaler!« lacht Kitty, »meins kostet kaum so viele Groschen, aber ich bin eben darauf angewiesen, mich billig einzurichten. Bis zu einer sehr reichen Frau werd ich's in diesem Leben nicht bringen!« Bei diesem Ausspruch schließt sie die Augen halb und lacht leise vor sich hin.
»Warum solltest du nicht eine gute Partie machen?« sagt die phlegmatische Emma (sie ist nämlich höchstens durch ihren Schneider in Harnisch zu bringen) protegierend.
»Warum?« -- ein etwas mutwilliges Lächeln kräuselt Kittys Lippen -- »vielleicht, weil mir's nicht allzusehr darauf ankommt.«
Hildegard und Emma haben ihre alte Bekanntschaft mit Anna Marie erneut, Herr Wißmuth die verschiedenen sauber abgeschriebenen Stimmen seiner »Jubelkantate« zusammengesucht (sie waren in die vierhändigen Noten geraten). »Ich bitte, meine Damen!« ruft er jetzt, beide Arme hoch in die Luft hebend.
A--ach, wie freuen wir uns, D--aaaß zum Feste hier U--uhns so froh vereint Dieser Jubeltag!
Die Damen stellen sich in Positur. Emma Becker singt Sopran, Anna Marie Mezzosopran, Kitty den ersten, Hildegard den zweiten Alt.
»Ausgezeichnet!« ruft Herr Wißmuth begeistert. »Vergessen Sie nicht, meine Damen, kaum daß Sie die Halle betreten haben, gruppieren Sie sich um Herrn Förster; plötzlich stampfe ich mit dem Fuß und Sie schmettern los: ›A--aach, wie freuen wir uns‹, es wird großen Effekt machen!«
War das nicht ein Wagen?
»Ja, es ist Bertha!« sagt Kitty, aus dem Fenster blickend, »sie versprach sich aufzuhalten, um jemand von uns mitzunehmen.«
»Wer fährt mit uns!« ruft jetzt, etwas atemlos in das Musikzimmer hineinstürmend, ein kurzer breitschulteriger Mann mit einem stark gefärbten, selbstbewußt dreinschauenden Gesicht, sehr weißen Zähnen unter einem dicken, blonden Schnurrbart und einem herausfordernd funkelnden Brillantring an dem kleinen Finger seiner sorgfältig gepflegten linken Hand. Es ist Herr Walter Sadis, der Mann von Kittys älterer Schwester, ein wohlhabender Mensch, der sich eifrig bemüht, das Vermögen, welches bereits sein Vater auf der Börse gewonnen hat, zu vermehren.
»Wer fährt mit uns?« ruft er, »zu viel Luft und Platz darf man meiner Frau natürlich nicht wegnehmen -- bei ihrem Zustand, aber für eine Person ...«
Herr Sadis verbringt seine ganze freie Zeit damit, die heiligen Rechte seiner Frau auf Luft und Platz zu verteidigen.
Kitty lacht ihn aus; ihr Vater, dem, wie allen beinahe bankerotten Geschäftsleuten, fremdes Geld imponiert, erteilt ihr einen Verweis; Herr Sadis schneidet Gesichter, worauf man sich schließlich dahin vereinigt, daß die vier unverheirateten Damen in Emma Beckers Landauer, oder vielmehr in dem Landauer, den der Onkel, bei dem sie zu Gast ist, ihr geborgt hat, fahren sollen, und daß Herr Wißmuth, als der am wenigsten Luft und Platz Raubende, sich dem Ehepaar anschließt.
* * *
»Auf was warten wir denn eigentlich?«
Es ist Herr Wißmuth, der diese Frage stellt. Die Jubelkantate ist längst vorüber. Kitty hat inmitten ihres Parts plötzlich angefangen zu lachen, was der Erhabenheit des Eindrucks etwas Eintrag gethan. Der angejubelte Hausherr hat sich aber sofort bereit erklärt, den Lachkrampf Kittys als eine Nervosität zu bezeichnen, und war tief gerührt von der Aufmerksamkeit. Die Gäste sind alle versammelt und stehen in der mit alten Bildern und Waffen ausgeschmückten Vorhalle des Schlosses, die während der guten Jahreszeit als Empfangsraum benutzt wird, auf das Zeichen harrend, daß angerichtet ist.
Etwa zwanzig Personen sind's; ein paar Offiziere aus Hanau und Homburg, eine Gutsbesitzersfamilie aus der Umgebung, der Rest Frankfurter, lauter wohlerzogene, sehr gut gekleidete, etwas zur Korpulenz neigende, fabelhaft reiche Leute, die alle sehr stolz darauf scheinen, Frankfurter zu sein. Man ist etwas vor der angesagten Dinerstunde gekommen, um den neuen Besitz Herrn Försters genau in Augenschein zu nehmen, sämtliche Räume mit ihm zu begehen und ihm Ratschläge betreffs der Ausschmückung derselben zu erteilen; jetzt hat man das Vergnügen ausgenossen. Man weiß nicht recht, was mit sich anzufangen.
Es ist sechs Uhr, man fängt an hungrig zu werden; am hungrigsten ist Herr Wißmuth, besonders deshalb, weil er ahnt, daß seinen Gaumen ein sehr großer Genuß erwartet. Herr Sadis steht neben dem Lehnstuhl, in dem sich seine hübsche, starke, rotblonde Frau ausgestreckt hat, und verteidigt wie gewöhnlich ihre Rechte auf Luft und Platz gegen jeden unbefugten Eingriff. Emma Becker sitzt zwischen zwei tadellos gekleideten Frankfurter Dandies und befleißigt sich, selbe eifersüchtig gegeneinander zu hetzen. Kitty sitzt mit einem ellenlangen Gesicht in einer Ecke allein und hat Lust zu weinen. Der Hausherr steht inmitten seiner Gäste und hält eine Abhandlung über moderne Kulturbedürfnisse und die Verbesserungen, welche er in Ulmenhof einzuführen gedenkt, wobei er nach Kitty schielt.
»Sie können sich gar nicht denken, wie mir zu Mute ist!« seufzt Hildegard Anna Marie von Hohleisen zu, an welche sie sich vielleicht nur aus dem Grunde geklettet hat, weil Anna Marie ihr als die einzige ebenbürtige Persönlichkeit unter den Anwesenden erscheint; denn, wenn Hildegard von Mühlhausen auch über alles mögliche erhaben ist, über Standesvorurteile ist sie's nicht. Sie spricht das Wort freilich »Standesüberzeugungen« aus.
»Sie können sich nicht vorstellen, wie mir zu Mute ist!« klagt sie. »Ich bin eine nahe Verwandte der Altenrieds, meine ganze Kindheit habe ich in Ulmenhof verbracht, denken Sie sich in meine Lage hinein!«
Fräulein von Hohleisen versucht teilnehmend auszusehen, sieht aber nur zerstreut aus, was daher rührt, daß sie, anstatt sich in Hildegard von Mühlhausens Lage zu versetzen, sich mit der Beobachtung des Hausherrn beschäftigt, der während der langen Schloßbesichtigung Kitty durch auffallende Huldigungen ausgezeichnet hat. Er ist ein Mann mit einem breiten Nacken und einem roten vollen Gesicht, dessen ziemlich regelmäßige Züge durch einen Ausdruck latenter Roheit verunstaltet sind, etwa sechsunddreißig Jahre alt, groß, mit einer schwerfälligen, aber nicht von Comptoirbeschäftigungen beeinflußten Erscheinung. Als sehr junger Mann durch den Tod seines Vaters von jeglichem oberherrlichen Zwang befreit, hat er sich damals sofort vom Geschäft zurückgezogen, um das Leben zu genießen, und er hat es offenbar genossen bis auf die Neige. Dabei macht er einen sehr robusten, keineswegs abstrapazierten Eindruck, den Eindruck eines Menschen, der sich vieles gegönnt, nie etwas zum Fenster hinausgeworfen, der mit allem Haus gehalten hat, selbst mit seiner Gesundheit. Jetzt hat er das Leben hinter sich und scheint den Zeitpunkt günstig zu finden, eine Familie zu gründen und seine Junggesellenschiffe zu verbrennen.
Kitty gefällt ihm offenbar sehr, aber sein Gefühl für sie ist dasselbe, wie er es für so und so viele hübsche Tänzerinnen und Schauspielerinnen empfunden hat, nur ist er bereit, für ihren Besitz einen bedeutend höheren Preis zu zahlen. Summa Summarum ist er Anna Marie außerordentlich unsympathisch und dieselbe hat bereits längst entschieden, daß er nichts weniger als ein passender Lebensgefährte für ihren Liebling wäre.
»Aber auf was warten wir denn eigentlich,« wimmert Herr Wißmuth mit immer kläglicherer Betonung.
Diesmal hat der Wirt seine Frage gehört. Er zieht seinen tadellosen Chronometer und stellt etwas mißliebig fest, daß es bereits ein Viertel nach sechs geworden ist.
»Wir warten auf Altenried,« erklärt er hierauf in einer runden volltönenden Stimme, der Stimme eines Menschen, der sich sein lebenlang sehr wichtig vorgekommen ist. »Er hat mir keine Absage geschickt, infolgedessen kann ich nicht anders, als annehmen, daß er noch kommen wird.«
»Habe Sie de -- Alteried eingelade?« fragt eine ziemlich umfangreiche Dame mit einem tiefen, herzförmigen Ausschnitt in einem burgunderroten Atlaskleid und mit sechs Reihen Perlen um den Hals. Sie heißt Frau von Manz, war einmal eine berühmte Schönheit und ist ebenso bekannt für ihren gemütlichen Frankfurter Dialekt, wie für ihre Bundestagsabenteuer und die unermüdliche Betriebsamkeit, mit der sie, jedem Widerstand Trotz bietend, auf der socialen Leiter eine Sprosse nach der anderen erklimmt. Sie modelt ihr Benehmen nach dem der Königin von Preußen, der sie ähnlich zu sehen glaubt. Ihre majestätische Haltung steht in ebenso komischem Widerspruch mit ihrem gemütlichen Dialekt, wie ihr Frankfurter Bürgerstolz mit ihrer Sehnsucht nach Hofluft.
»Ja, gnädige Frau, da ich mit Altenried im Verkehr stehe, ist das wohl selbstverständlich,« versichert Herr Förster. Sein Mienenspiel drückt bei diesen Worten eine großartige Bescheidenheit aus, so beiläufig, als ob man ihn mit Gewalt gezwungen hätte, eine verdienstvolle Handlung einzugestehen.
»Wie kommt er denn eigentlich in die Gegend?« fragt Frau von Manz weiter, indem sie sich mit einem stark klappernden Fächer Kühlung zuweht.
»Er ist bei seinem Vetter, dem Grafen Solingen in Ilmenau, zu Besuch,« erklärt Herr Förster.
»Und warum habe Se de Solinge nicht auch eingelade?« fragt die ehemalige Bundestagskoryphäe ziemlich indiskret.
»Ich habe ihn aufgefordert zu kommen, er hat aber abgelehnt wegen eines Unwohlseins,« erklärt Herr Förster.
»Sonderbar,« meint Frau von Manz -- man nennt sie gewöhnlich die Rheinweinkönigin, weil ihr verstorbener Mann den größten Teil seines Vermögens in Johannisberger und Rüdesheimer gemacht haben soll -- »ich möcht schwöre, daß ich dem Solinge heut auf der Zeil begegnet bin.«
»Solingen ist ein sehr armer Teufel, es demütigt ihn offenbar, mit wohlhabenden Leuten zusammenzukommen,« erklärt Herr Förster mit nicht zu beunruhigendem Selbstbewußtsein.
Die Rheinweinkönigin zuckt die Achseln. Sie ist nicht dumm, trotz ihrer zahlreichen Schrullen. »Hm!« macht sie ruhig, »wenn mich nicht alles täuscht, läßt Sie der Alteried auch im Stich. 's ist ihm nicht übel zu nehme. 's muß ein sonderbares Gefühl sein, so in ei' Haus zu trete, das einem Fremde gehört und von dem man sich sagt, das Haus sollt eigentlich mei Haus sein! Es hat überhaupt Mut dazu gehört, Ulmehof zu kaufe.«
»Wieso?« fragt etwas übellaunig Herr Förster.
Die Rheinweinkönigin klappert nur schläfrig mit ihrem Fächer, und einer der anwesenden Herren nimmt das Wort.
»Man behauptet, es spuke in Ulmenhof jedesmal, wenn ein neuer Besitzer darin auftaucht,« erklärt der Herr. »Der letztverstorbene Altenried geht dann in dem Schloß um und zwar so lange, als bis der jeweilige Besitzer durch einen Unglücksfall vertrieben wird. Das Haus will, wie es scheint, keinem anderen gehören als einem Altenried.«
»Thörichter Aberglaube!« brummt Herr Förster, dessen Stirn sich verfinstert hat. »Wenn Altenried sich übrigens nicht bald zeigt, werde ich servieren lassen.«
»Das denk ich auch,« versichert Herr Wißmuth mit Überzeugung.
»Ich kann nicht anders vermuten, als daß ihm etwas zugestoßen ist,« meint Herr Förster. Die arme Kitty hat nur gerade Zeit gehabt, totenblaß zu werden, als die Thür aufgeht und Altenried erscheint.
»Sie haben sich etwas verspätet,« bemerkt Herr Förster mit würdiger Zurechtweisung, und Herr Wißmuth setzt witzig hinzu: »Sind wahrscheinlich zu Fuß gegangen, Herr Baron.«
Der junge Mensch errötet ein wenig. »Sie haben's erraten,« sagt er ruhig.
»Nun, da müssen Sie ja todmüde sein!« bemitleidet ihn Herr Förster, »zwischen Ilmenau und Solingen liegt ja eine ganze Provinz.«
»Ach, lumpige zwei Stunden, für einen Infanteristen ist das nichts,« entgegnet Altenried; »wenn ich mich nur bald genug auf den Weg gemacht hätte, aber ich erfuhr erst im letzten Moment, daß das Reitpferd meines Vetters krumm sei, mit den Wagenpferden war er am Morgen nach Frankfurt gefahren. Ich bitte sehr, meine Unpünktlichkeit zu entschuldigen.«
»Es ist Ihnen unter den Umständen als hohes Verdienst anzurechnen, daß Sie überhaupt gekommen sind,« sagt Herr Förster in einem Ton, daß es Altenried in den Händen juckt. Da begegnen seine Augen dem Blick Kittys! Was für ein Blick! zärtlich, empört, begeistert, kindlich unbefangen! Es war doch der Mühe wert, zwei Stunden zu Fuß zu gehen für diesen Blick!
Indem meldet der Kammerdiener, daß angerichtet ist. Herr Förster führt die Rheinweinkönigin zu Tisch und fordert Herrn von Altenried auf, Fräulein von Hohleisen seinen Arm zu bieten. Arme Kitty! Sie beißt sich die Lippen. Ehe sie sich dessen versieht, hat sie sich am Arm eines der beiden Frankfurter Dandies, die soeben noch Emma Becker den Hof gemacht haben, dem Zuge angeschlossen. Man muß sich fügen! Der einzige, welcher das nicht einsieht, ist Herr Wißmuth, der triumphierend das allerjüngste und hübscheste der anwesenden Frankfurter Mädchen zu Tisch führt, was übrigens die ganze, sorgfältig kombinierte Tafelordnung Herrn Försters umstößt. Aber das ist Herrn Wißmuth trotz all seines Respekts für das Geld seines Wirtes gleichgültig.
* * *