Heil dir im Siegerkranz!: Erzählung (Zweite Auflage)
Part 10
Jetzt tanzen sie alle zu schmachtend leichtsinnigen Walzern von Strauß, die Anna Marie ihnen spielt, unermüdlich mit dem verteufelten Rhythmus, der jedem richtigen Österreicher im Blute steckt. Kitty tanzt nicht, ihr Herzleiden enthebt sie dieser Verpflichtung.
Etwas vereinsamt sitzt sie in einem Winkel der großen Halle und hört zu. Es sind dieselben Walzer, die Anna Marie vor zehn Jahren gespielt hat, in dieser selben Halle, sie kann keine neuen, die »Geschichten aus dem Wiener Wald« sind's und die »Dorfschwalben«, und andere altmodische Tanzweisen, bei denen sich eine selige Schwermut mitten in den wirbelnden Reigen der leichtsinnigen Walzermelodie mischt.
So sieht sie Anna Marie sitzen, wenn sie von ihrer gutmütigen und geräuschvollen Beschäftigung aufblickt. Sie fragt sich, was in ihr vorgeht.
Nach einer Weile steht Kitty auf und blickt hinaus. Am Himmel flimmert Stern an Stern über den schwarzen Bäumen, aus dem Boden dringt ein süßer, weicher Hauch, 's ist wie ein Frühlingshauch mit Veilchenduft geschwängert -- der Atem der langsam hereinbrechenden Verwesung ist's. Kitty wird sich nicht klar darüber, der süße Hauch mischt sich in ihre Träume und ihre Träume tragen sie in den Frühling zurück. Wie das alles aus ihrer Seele auftaucht, jedes Wort, jeder Blick, jeder Kuß! Und heute ist es zehn Jahre her, daß er zum letztenmal an sie gedacht hat! Durch ihre Adern schleicht sich eine Sehnsucht nach dem Frühling ihres Lebens, nach ihm, nach dem, was hätte sein können. Immer neue Bilder tauchen in ihr auf voll lockender Schönheit, ein wahnsinniges Verlangen rüttelt an ihrem Herzen. Ach, ihn noch einmal sehen, noch einmal in den Armen halten und dann sterben! Sie denkt an den thörichten Gespensterglauben, der mit Ulmenhof zusammenhängt. Es zittert ihr in allen Fibern. Wenn es möglich wäre!
Tiefer, immer tiefer geht sie in den Park hinein, der schwermütige Leichtsinn der Tanzmusik klingt schwächer in das Rauschen der großartigen, kantig verstutzten Lindenkronen.
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»Was sagen Sie denn zu der Episode während des Soupers?« fragt Frau Stutzmann ihren jungen Vetter Manz in den Pausen eines Walzers.
»Ich verstand nicht ganz, aber ich denke, es handelte sich um Altenried,« meint Herr von Manz. »Zum Glück hat Frau Förster die Sache noch gut aufgenommen.«
»Der Oberstlieutenant hat mich heut übertroffe; was, Willy?« meint Frau von Manz, an ihren Sohn herantretend. »Ihr sprecht doch von der Geschichte mit dem Medaillon?«
»Ja.«
»Es war schauerlich,« meint Frau Stutzmann, »besonders wenn man bedenkt, daß die arme Förster im höchsten Grade herzleidend ist, von einem Augenblick zum anderen kann's aus sein mit ihr.«
»Ich hab meine Sterne gedankt, daß alles noch so gut abgelaufe ist,« sagt Frau von Manz. »Nein, wenn etwas passiert wäre bei Tisch! Schrecklicher Gedanke! Ich hätt mich nie davon erholt!«
Mit einemmal zieht Anna Marie die Hände vom Klavier, wendet den Kopf und horcht ... Was ist das? ... Tram-tam ... erst klingt's dumpf und unheimlich, wie ferner Hagel, der noch in den Wolken steckt, dann wird der Schall rhythmischer, deutlicher -- tram -- tam, tram -- tam ... Wie oft hat Anna Marie diesen Laut gehört im Morgengrauen oder bei hellem Sonnenschein. Die Schritte eines heranmarschierenden Regiments.
Der alte Kammerdiener öffnet die auf den Park hinausmündenden Flügelthüren der Halle weit und teilt den Herrschaften mit, daß das Feuerwerk beginnen werde.
Sie eilen alle hinaus, die Damen und die Herren, in den Park, in dem bereits die ganze Einwohnerschaft der Umgebung des zu erhoffenden Schauspiels harrend versammelt steht. Man sieht sie, ein groteskes Gedränge von dummstarrenden, grobklotzigen Gesichtern, über das ein verzerrender, gelbroter Lichtschein zuckt. Ksch! ... eine Rakete schwirrt zum Himmel hinauf -- noch eine.
Die Militärmusik schmettert einen grellen Marsch dazu. Eine Beängstigung, deren sie nicht Herr werden kann, hat sich Anna Maries bemächtigt. Wo ist Kitty? Sie eilt in Kittys Zimmer -- nichts. In das Zimmer der Kinder eilt sie. Die Kinder sind alle aus ihren Betten herausgekrochen und starren, eilig von der Kinderfrau in warme Hüllen verpackt, aus dem Fenster, um das Feuerwerk zu sehen. Aber von der Tante Kitty wissen sie nichts, die Tante war den ganzen Abend nicht bei ihnen, »nicht einmal, um uns gute Nacht zu sagen und Bonbons zu bringen,« beklagt sich der kleine Hans.
Ksch ... Immer noch sprühen die Raketen, immer noch schmettert die Musik.
Anna Marie eilt hinunter. Es ist ja gräßlich -- das kann Kitty nicht aushalten, sagt sie sich. Wenn sie ihrer nur habhaft werden könnte, um Kittys Kopf in ihren Schoß zu bergen, damit sie diesen schrecklichen Lärm nicht hört!
In der Halle begegnet sie Herrn Förster, ungeduldig herumstampfend mit einem sehr finsteren Gesicht. »Ist Kitty oben, versteckt sie sich?« fährt er Anna Marie an.
»Sie ist nicht oben, ich suchte sie vergebens.«
»Aber sie muß doch erscheinen, um den Obersten zu beglückwünschen zum Schluß des Feuerwerks!« ruft Förster. »Wo könnte sie sein?«
Plötzlich zuckt's auf in Anna Marie. Mein Gott! -- ja dort ... Tief eilt sie in den Schatten hinein, von Zeit zu Zeit durchflammt ihn das Licht einer aufstrebenden Feuergarbe.
Weiter ... weiter ...
Ein lauter Schrei, ein Schrei jubelnder Volksbewunderung tönt durch den Park, ein schrill durcheinander klingendes Ah -- ah in allen Tonarten.
Da -- was ist das ...
Mitten in dem Lärm hört Anna Marie etwas wie das Aufrauschen einer geknickten Blüte, die zu Boden fällt. Noch ein paar Schritte macht sie -- dann --
Dort neben der steinernen Gartenbank, wo sich die Delphine in dem versiegten Bassin herumkrümmen im Sand, halb an den Sitz der Bank gelehnt, liegt etwas Weißes.
Kitty!
Anna Marie beugt sich über sie.
»Großer Gott! Kitty, was ist dir?« ruft sie. Aber Kitty antwortet nicht.
Anna Marie versucht sie aufzurichten; wie schwer und steif sie ist.
Immer lauter, schriller wird das Geschrei der Menge. Der ganze Park erschauert von Jubelrufen.
Da hebt Kitty mühsam den Kopf -- blickt auf --
Dort zwischen den Sternen steht es in Flammenschrift, ein kurzes, großmächtiges Wort:
_Sedan!_
»Sedan!« murmelt Kitty kaum hörbar, zuckt zusammen, ringt nach Atem, ihr Kopf sinkt auf Anna Maries Knie, schwer, leblos.
»Sedan!« schreit die Menge hundertstimmig. »Sedan, Sedan! Vivat hoch!« und die Kapelle spielt:
Heil dir im Siegerkranz!
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Die Wiederbelebungsversuche blieben vergeblich. Als der Arzt kam, sagte er, man möge sich nicht mehr mit der Leiche herumquälen, alle Mühe und Sorge sei umsonst.
Anna Marie wachte neben der Toten, die ihr altes liebes Kindergesicht zurückgewonnen hatte und mit kalten Lippen lächelte.
Der Arzt hatte dem Todesanlaß Kittys einen gelehrten, griechisch klingenden Namen gegeben; in der ganzen Umgebung aber hieß es, daß Hans von Altenried der jungen Frau erschienen war, um ihr das Todesurteil zu künden.
Fräulein von Mühlhausen setzte ihre ganze Dialektik daran, dieses Gerücht zu widerlegen, Frau von Manz schenkte ihm jedoch unbedingten Glauben.
»Ich hab's Ihne ja immer gesagt,« behauptete sie, »die Alterieds dulde's nit, daß ein Fremder ihre Besitz entweiht.«
Nach dem Begräbnis Kittys hatte Herr Förster mit Anna Marie eine lange Unterredung, von der er mit rotgeweinten Augen zurückkehrte.
Er bestand darauf, für die drei Lieblinge Kittys sorgen zu dürfen, als ob Kitty noch am Leben wäre.
Die beiden Jungen wurden in einer Kadettenschule untergebracht, das Mädchen nahm Anna Marie zu sich.
Der Ulmenhof steht leer.
Man spricht davon, das schöne, alte Schloß einem wohlthätigen Zweck zu widmen.
Druck von George Westermann in Braunschweig.
[ Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt. In dieser Transkription werden _gesperrt_ gesetzte Schrift sowie Textanteile in =Antiqua-Schrift= hervorgehoben.
Der Halbtitel wurde entfernt.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,
Seite 61/62: "Osterreicherin" geändert in "Österreicherin" (erwiderte die Österreicherin)
Seite 107: "," eingefügt (durch eine kriegerische Demonstration geantwortet hatte, durch ein)
Seite 115: "«" eingefügt (»Arme Hilde!« rief er)
Seite 126: "!" eingefügt (Aber nein! Weiter -- immer)
Seite 131: "." eingefügt (Mit einemmal verstummte Kitty.)
Seite 168: "Weichen" geändert in "Weilchen" (Ein Weilchen saß sie still)
Seite 199: "." eingefügt (seitdem ich wieder Uniformen sehe.)]
End of Project Gutenberg's Heil dir im Siegerkranz!, by Ossip Schubin