Heil dir im Siegerkranz!: Erzählung (Zweite Auflage)
Part 1
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Heil dir im Siegerkranz!
Erzählung von Ossip Schubin.
Zweite Auflage.
Braunschweig. George Westermann. 1891.
Alle Rechte vorbehalten.
Ihrer Durchlaucht Prinzessin Heinrich =XXIV.= Reuß geb. Prinzessin Reuß in dankbarer Erinnerung an schöne Herbsttage in Ernstbrunn zugeeignet.
Erstes Buch.
Sie war eine alte Jungfer, das heißt eine überzählige Kreatur in der Schöpfung, ein Gegenstand des Mitleids für reife -- ein Gegenstand des Gespöttes für unreife Männer, für viele von Familiensorgen überbürdete, sich zwischen unharmonischen ehelichen Zuständen hinschleppende Frauen ein Gegenstand des Neides und Anlaß zu dem Ausruf: »Ach, wer's nur auch so bequem haben könnte auf der Welt!«
Nebenbei war sie eine allgemein beliebte Persönlichkeit. Kaum ein Tag verging, an welchem, mochte sie sich auch wo immer befinden, die Post ihr nicht einen Brief gebracht hätte, welcher die Worte enthielt: »Wann können wir dich erwarten, wann kommst du zu uns?« -- worauf sie fast jedesmal dieselbe Antwort zurückschrieb: »Ich freu mich sehr, daß ihr mich wollt, ich werde trachten es mir einzuteilen, aber vorläufig ...« und dann folgte ohne jedwede Prahlerei, nur als bescheidene Begründung ihres Ablehnens, eine lange Liste von Besuchsverpflichtungen, welche sie bereits auf sich genommen und welchen sie nachkommen mußte, ehe sie einer neuen Einladung folgen durfte.
Kritischere und gescheitere Menschen als sie zerbrachen sich bisweilen den Kopf über den Grund ihrer beständigen Umworbenheit und über das Wesen, welches man mit ihr trieb. Vermögen hatte sie nur gerade, was sie brauchte, um niemand zur Last fallen zu müssen -- für eine österreichische Oberstentochter war das zwar sehr viel, aber um auch den mißtrauischsten unter ihren Bekannten auf den Gedanken zu bringen, die große Freundlichkeit, welche ihr bewiesen wurde, irgend einer Hab- oder Erbschaftsgier beizumessen, war es lange nicht genug. In der Wirtschaft war sie ein wenig umständlich, Whist spielte sie nicht besser als der Durchschnitt unverheirateter Damen. Eigentlich verstand sie sich nur auf zwei Dinge wirklich gut, und zwar darauf: Kranke zu pflegen und Tanzmusik zu spielen; aber ersteres hatten die wenigsten Menschen zu erproben die Gelegenheit gehabt, und letzteres versteht sich eigentlich bei einer Persönlichkeit ihrer Art, die geboren ist eine Begleitung zu der Fröhlichkeit der anderen zu trommeln, von selbst.
Ihre allgemeine Beliebtheit hatte einen anderen Grund. Man hatte sie lieb, weil sie keinen Neid kannte, nicht den Schatten davon! Das sagten ihr alle ihre jungen Vertrauten, deren Glücksgeständnissen sie stets dieselbe gerührte Teilnahme entgegenbrachte, und küßten sie dafür.
Das sagten ihr ebensogut die älteren unter ihren Bekannten und bewunderten sie dafür. Sie lächelte abwehrend zu dieser Bewunderung und erwiderte immer dasselbe:
»Ich begreife euch nicht, es ist ja kein Verdienst dabei!«
Wenn man aber fragte: »Wieso kein Verdienst?« da behielt sie die Antwort für sich.
Sie kannte keinen Neid, weil ihr jedes echte große Menschenglück Mitleid einflößte, weil sie hinter jedem übermütig zum Himmel aufjauchzenden Menschenkind, hinter jedem, dessen irdische Seligkeit die von der Vorsehung gesetzten Mittelmäßigkeitsgrenzen überstieg, und das des Beneidens wert gewesen wäre, das Unglück lauern sah, seine Zeit abwartend, kalt, ruhig und siegessicher!
Das Herz zog sich ihr jedesmal im Leibe zusammen, wenn sie einen Menschen es aussprechen hörte: »Ich bin glücklich!« Sie dachte dann sofort an alles mögliche, an allerhand knapp neben ihr zerschmetterte, für immer vernichtete Glückseligkeit, am häufigsten aber an das Schicksal ihrer kleinen Lieblingscousine Kitty.
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Die Geschichte datierte schon ziemlich weit zurück, so weit, daß sie die meisten, welche sie mit erlebt, nicht mehr genau wußten. Aber Anna Marie pflegte ihre Erinnerungen wie ihre Gräber, letztere vergrasten und erstere verblaßten bei ihr nie!
* * *
Im Frühling 1870 war's. Anna Marie trug gerade Trauer für einen alten Onkel, den sie fünf Jahre lang Tag und Nacht gepflegt und der ihr zum Lohn für ihre Aufopferung das schön eingelegte Tricktrackspiel vermacht hatte, über dessen grünes Tuch sie alle Abend geduldig mit ihm die Würfel hingerollt. Dieses schäbige Legat hatte alle Welt in Verwunderung gesetzt, nur nicht Anna Marie. Anna fand es rührend und weinte dem Onkel aufrichtige Thränen nach. Sie befand sich damals in Pest, wo der geizige Tricktrackonkel -- er hieß Graf Silvaschy und gehörte zur besten ungarischen Aristokratie -- gestorben war, als sie einen Brief von einem anderen Onkel erhielt, von einem bürgerlichen diesmal, einem Bleistiftfabrikanten, welcher mit der bereits seit Jahren verstorbenen Tante Anna Maries verheiratet gewesen war und sich jetzt nach Abwickelung seiner ziemlich matten Geschäfte in das Privatleben zurückgezogen hatte, und zwar in ein Städtchen unweit von Hanau -- Lindenbergen hieß es und stand mitten in der fetten, von ergiebigen Rübenfeldern und mächtigen Obstbaumalleen reich gesegneten Wetterau.
Herr Wißmuth, so hieß der Bleistiftonkel, brauchte, wie er es unumwunden erklärte, Anna Marie notwendig. Seine älteste Tochter Bertha hatte sich bereits vor zwei Jahren verheiratet, und Kitty, die zweite, war aus der Pension heimgekehrt. Sie war noch zu jung, um ohne ältere weibliche Stütze im Hause zu bleiben. Herr Wißmuth ersuchte nun Anna Marie, für einige Zeit zu ihm zu ziehen. »Es wird vielleicht nicht allzu lang dauern, bis sich die Verhältnisse konsolidiert haben, dann kann ich dich freigeben,« schloß er sein Schreiben. Er sprach von Anna Marie gerade, als ob sie ein nützliches Möbel gewesen wäre, auf das er ein Recht hatte Beschlag zu legen. Das aber war Anna Marie gewohnt. Es fiel ihr nicht weiter auf; was ihr aber auffiel, das waren die Worte: »Es wird nicht lange dauern, bis sich die Verhältnisse konsolidiert haben.« Was meinte er wohl damit? Wollte er ein zweites Mal heiraten, oder schwebte etwas in der Luft für Kitty?
Sie war noch nicht mit sich einig geworden darüber, und auch nicht darüber, ob sie der in einigermaßen zum Widerspruch reizendem, befehlendem Ton gehaltenen »Einmahnung« des Herrn Wißmuth Folge leisten sollte, oder der viel liebenswürdiger ausgedrückten Einladung einer Cousine in Wien, als der Postbote ihr einen zweiten Brief brachte, einen Brief, den Anna Marie sofort als von ihrer Cousine Kitty herrührend erkannte und infolgedessen hastig erbrach. Er lautete:
Liebe, liebe Anna Marie!
Bitte, bitte, bitte, komm. Ich freu mich so schrecklich auf dich und brauche dich so. Wenn du nicht kommst, so bin ich unglücklich, und ich habe gar keine Lust, unglücklich zu sein, gerade jetzt nicht. Das Leben ist so schön! Ich bitte dich, komm. Ich küsse dich zweitausendmal und bleibe, dich bestimmt erwartend,
deine Cousine Kitty.
»Arme kleine Kitty,« murmelte Anna Marie, nachdem sie das Zettelchen durchgelesen, und plötzlich überkam sie jene mit Angst vermischte Rührung, welche sie jedesmal beschlich, wenn ein Menschenkind das Leben besonders schön finden wollte. »Mir scheint in der That, daß da die Verhältnisse Lust haben sich zu konsolidieren, aber -- vielleicht in anderer Richtung, als mein Onkel Wißmuth sich's denkt. Wenn mich nicht alles irrt, so braucht die Kleine einen Bundesgenossen. Nun, wir müssen doch erst sehen, um wen sich's handelt.« Damit aber stand es in Anna Marie fest, daß Kitty momentan nicht sich selbst überlassen bleiben dürfe, weshalb sie sich entschloß, die Einladung Herrn Wißmuths anzunehmen, und sofort an die Cousine in Wien eine Absage sandte. Die Cousine in Wien hatte sie zwar aufgefordert, mit ihr eine Reise an die oberitalienischen Seen zu machen, welche kennen zu lernen schon lange zu Anna Maries Lieblingswünschen zählte. Aber das war Nebensache.
* * *
Kitty war immer Anna Maries besonderer Liebling gewesen, schon wie sie noch ein dickes, schwersprechendes Baby war. Das Ziel, welches sie sich gesteckt, als sie sich zum erstenmal selbständig auf die zarten Füßchen aufgestellt und mit weit ausgestreckten Händchen und kleinen, so zu sagen stammelnden Tritten über das Zimmer gewankt, das war Anna Marie gewesen -- an Annas Knie hatte sie ihre kleinen Ellenbogen aufgestützt, als sie endlich atemlos und triumphierend ihre Wanderung beschloß.
Anna sah sie noch genau vor sich in dem gehäkelten weißen Kleidchen, das sie ihr selber fabriziert, und das Hals und Ärmchen frei ließ -- was für einen Hals und was für Ärmchen! und dazu ein Gesichtchen! das reizendste Gesichtchen, das man sich ausdenken konnte, weiß, zart wie eine frisch entfaltete Frühlingsblüte und mit großen leuchtenden Augen drin.
Seit jenem Tag, wo das dicke Baby seine winzigen Ellenbogen so vertrauensvoll auf das Knie seiner Cousine gestützt, hatte eine Art Schutz- und Trutzbündnis bestanden zwischen der großen Anna und der kleinen Kitty, ein Bündnis, das trotz vielfacher Trennung der Alliierten weiter geführt worden war bis auf den heutigen Tag.
»Wie sich die Kleine nur herausgewachsen haben mag?« fragte sich Anna Marie, indem sie etwas vor Hanau ihr Handgepäck zusammenrückte und ihren Anzug zurechtschob. Sie war ohne Unterbrechung, außer mehrfachen Übersteigens, von Pest nach Hanau gefahren, dennoch sah sie weder besonders schmutzig noch besonders müde aus. Sie hatte die gerade Haltung und frische Hautfarbe, das heißt die prachtvolle Gesundheit einer geborenen Krankenpflegerin. Sie war noch immer eine schöne Person, obgleich ihre grauen Schläfen und vollen Schultern die Vierzigerin verrieten. Ihre Züge waren regelmäßig, die Gestalt stattlich, wenn auch etwas zu stark, die Hände sehr zart. Sie trug einen grauen Staubmantel und einen glockenförmigen schwarzen Hut, den sie der Bequemlichkeit halber abgelegt hatte und jetzt aus dem Netz herunterlangte, um ihn auf ihr tadellos geglättetes Haar zu setzen.
»Wie sie sich nur herausgewachsen haben mag?« fragte sie sich, indem sie an das Fenster des Coupés herantrat. Das letzte Mal hatte sie Kitty als hochaufgeschossenes, fünfzehnjähriges Mädchen in einem Dresdener Pensionat gesehen, sehr mager, mit sehr langen Armen und Beinen und fast ohne Körper, noch immer hübsch, aber offenbar in einem schwankenden Übergangsstadium, in dem man nicht recht wußte, welchen Weg ihre weitere Entwickelung einschlagen würde, den der Schönheit oder den der erträglichen Mittelmäßigkeit. Da hielt der Zug. Nicht ohne kleine Umständlichkeiten verließ Anna Marie von Hohleisen das Coupé.
Das kleine Häuflein Handgepäck neben sich, auf dem sandigen Bahndamm stehend, hielt sie ihr Lorgnon an die Augen und sah sich nach zwei Sachen um: nach einem Träger, und ob ihr jemand entgegengekommen war.
Ehe sie sich noch darüber klar geworden, rief ihr ein Stimmchen, das tief und weich wie das einer Amsel klang, entgegen: »Anna, Anna!« und zwei warme, junge Arme schlangen sich um ihren Hals.
Das war Kitty!
Nachdem Anna sie recht herzlich abgeküßt, schob sie sie etwas weiter von sich, um sie genauer zu betrachten, und lächelte zufrieden. Kitty war keine Schönheit, aber noch weniger hätte man sie ihrem Äußeren nach unter die erträglichen Mittelmäßigkeiten zählen können. Sie war ganz einfach reizend, entzückend, unbeschreiblich. Weiß der liebe Himmel, wie sie's angefangen, aber sie hatte jetzt wieder ihr altes Babygesicht, nur etwas größer und mit schmäleren Bäckchen, in allem Übrigen genau, die großen Augen, das Lächeln, die Grübchen, ja selbst die blumenfrische Hautfarbe, alles das war da; nur war der Blick in den Augen tiefer, und mitten zwischen die mutwilligen Grübchen hinein spielte ein Ausdruck gerührter Zärtlichkeit.
Kein Zweifel, die Zustände hatten eine Neigung sich zu konsolidieren, dachte Anna Marie.
Um weniges später war das Handgepäck zum drittenmal gezählt, die große Bagage ausgelöst und die beiden Damen saßen in dem Mietwagen, mit dem Kitty der Freundin entgegengekommen war, und fuhren an schönen, im ersten zartgrünen Frühlingsschimmer prangenden Gartenanlagen ihrem Ziel entgegen.
Der Weg von Hanau nach Lindenbergen ist reich an landschaftlichen Schönheiten. Man fährt an dem verlassenen Rokokoschloß eines längst verschollenen Duodez-Souveräns vorbei, an von schattigen Gärten umflossenen anderen weniger vornehmen, aber beinah ebenso stimmungsvollen Landhäusern, an glatten Teichen, in denen sich mächtige Bäume spiegeln, durch hochstämmige Lindenalleen, durch einen ernsten Fichtenwald -- kurz durch allerhand was das Auge erfreut.
Die beiden Damen zeigten sich diesen Schönheiten gegenüber ungnädig -- sie hatten keine Zeit, sich damit zu befassen.
Eine Weile saßen sie stumm nebeneinander und blickten sich nur ab und zu lächelnd an. Endlich begann Anna: »Und nun, du Schalk, erzähle mir doch, zu was du mich jetzt, gerade jetzt so notwendig brauchst?«
»Ich dich?« Kitty machte große Augen, als ob sie nicht verstände, nein nicht im mindesten verstände.
»Du hast mir ja doch geschrieben,« drang Anna in sie.
»Ach! ... ja richtig -- das war nur so Gerede -- ich wollte dich durchaus herbekommen,« schwatzte Kitty, und als ihr Anna noch einmal, noch ernster in das entzückende Gesichtchen sah, da wurde sie plötzlich rot -- dunkelrot. Aber anstatt eine deutliche Antwort zu geben, rieb sie ihre weiche Wange nur einschmeichelnd an der vollen Schulter der Freundin und murmelte einmal um das andere: »Du gute Anna, du liebe alte Anna, ich freue mich so, daß du da bist!« Und plötzlich sich weit über den Wagenschlag hinausbeugend, rief sie: »Ein Reh -- dort -- hast du's gesehen?«
Nein, es war nichts aus ihr herauszubringen. Sie wurde nur beständig rot und sah glücklich aus, und Anna Hohleisen seufzte.
* * *
Die landschaftlichen Schönheiten waren vorüber, zum wenigsten hatten sie ihren romantischen Charakter verloren. Was davon übrig blieb, war idyllischer Natur. Der Wagen fuhr jetzt durch eine Allee von krummstämmigen Apfelbäumen mit blütenbeladenen Ästen, die sich weit über die Straße hinstreckten. Die Sonne schien hell in die Blüten hinein, und zwischen den weißrosigen Zweigen sah man in den leuchtenden blauen Himmel hinauf, in dem sich ein paar Schwalben undeutlich wie rasch hinschwirrende schwarze Punkte tummelten; eine jede sah aus, als ob sie wenigstens sechs Flügel habe.
Rechts und links zogen sich saftig grüne Getreidefelder hin.
Der Frühlingsatem stieg wie ein berauschender Weihrauch zum Himmel, aus dem grünen Getreide rang er sich empor, aus den schwellenden Baumrinden, zwischen welchen hier und dort ein großer, durchsichtiger Tropfen gelben Harzes hervorquoll, aus den noch unentwickelten grünen Blättchen, aus den Apfelblüten, aus der Erde, ja selbst aus dem gärenden Wasser in den Gräben.
Der Wagen bog in einen Flecken ein. Mit Vergnügen ruhten die Augen der Österreicherin auf diesem anheimelnden deutschen Nest -- auf den hochgiebeligen Häusern mit vorspringendem Oberstockwerk, mit grauen Balken in den Wänden und Blumentöpfen in den Fenstern. Klip klap ... rollte der Wagen über das unebene, aus großen flachen, willkürlich aneinander gefügten Steinen bestehende Pflaster.
Am äußersten Rande des Fleckens, in seltsamem Widerspruch zu dem bescheidenen Kleinleben, erhob sich hinter einem rostigen Eisengitter mit allerhand wilden Fratzen in seinen Schnörkeln ein großes Gebäude mit einem Mansardendach und Barockverzierungen, das Anna Maries Aufmerksamkeit fesselte.
Der Kutscher verlangsamte das Tempo. Offenbar stimmte sein Geschmack mit dem Wohlgefallen der Österreicherin überein, auch in seinen Augen war das Haus ein interessantes, eingehender Betrachtung durchaus würdiges Objekt.
»Schloß Ulmenhof,« bemerkte er mit Würde, indem er sich nach den beiden Damen umwendete.
»Wie heißt der Besitzer?« fragte Anna Marie.
»Förster,« erwiderte Kitty.
»Ach so, Förster,« murmelte Fräulein Anna.
»Du wunderst dich,« meinte etwas boshaft lächelnd Kitty, »findest offenbar, daß der Name schlecht zu dem alten Herrensitz paßt. Das ist richtig. 's ist auch für keinen Namens Förster erbaut worden. 's ist ein trauriges Haus, es hat in den letzten fünfzehn Jahren beständig den Besitzer gewechselt, jedem neuen Besitzer ist was drin zugestoßen. Der eine hat aus Zufall seinen eigenen Sohn erschossen, der andere hat sich selbst den Hals gebrochen. 's ist wie ein Pferd, das keinen anderen Reiter auf sich duldet als seinen ersten Herrn, alle anderen wirft es ab!«
»Dann wundere ich mich eigentlich, daß dieser Herr Förster den Mut hatte, es zu erwerben,« bemerkte Anna Marie nachdenklich.
»O, Herr Förster kennt keine Vorurteile -- darüber ist er hinaus. Er gehört zu den Liberalen,« sagte Kitty, indem sie ihre feinen Mundwinkel mißbilligend herabzog.
»Steht ihr im Verkehr?«
»Ja!«
»Und ist er nett?« fragte Fräulein Anna, indem sie versuchte, dem jungen Mädchen in die Augen zu sehen.
»Papa findet's,« erwiderte Kitty, die Brauen zusammenschiebend, trotzig.
Anna Marie wußte jetzt genau die Hälfte von dem, was sie wissen wollte.
Das ominöse Haus, das sich mit seinen Besitzern nicht vertrug, war längst außer Sicht, wieder rechts und links nichts als grüne Saatfelder, die man zwischen den grauen Baumstämmen schimmern sah, die zarten Halme unermüdlich im leisen Atem des Frühlings erschauernd, zitternd, sonnendurchleuchtet und kleine winzige Schatten werfend, die ganzen Felder wie mit Goldsand bestreut, in den sich ein dunkler Staub hineinmischte, und über der Straße rosig weiße Blüten, zwischen denen man den Himmel sah.
Plötzlich war's Anna, als durchliefe das junge Mädchen neben ihr derselbe süße Schauer, der das junge Getreide durchbebte. Sie sah auf.
Ein Reiter trabte die Straße entlang, ein schöner, blonder, junger Offizier war's, dem die Uniform gut saß. Er legte die Hand an die Mütze. Kitty wurde unruhig, der Reiter parierte sein Pferd. »Halten Sie einen Augenblick,« rief Kitty dem Kutscher zu.
»Erlaube, daß ich dir Herrn von Altenried vorstelle,« rief Kitty verlegen und altklug zugleich. »Meine Cousine Fräulein von Hohleisen. Waren Sie bei uns, Herr von Altenried?«
»Ja, gnädiges Fräulein; da ich niemand getroffen, kehrte ich um. Ich habe mir erlaubt, Ihnen das Buch zu bringen, das Sie wünschten.«
»O ich danke -- und wie geht es Ihrer Tante?«
»Recht gut ...« Das inhaltreiche Gespräch kam ins Stocken. Der Kutscher sah sich um -- sollte er zufahren? Baron von Altenried legte die Hand an die Mütze.
»Werden Sie ... werden ...« begann Kitty stotternd und hastig.
»Gnädiges Fräulein ...!«
»Werden Sie morgen in Ulmenhof sein?«
»Darf ich fragen, ob Sie dort sein werden, gnädiges Fräulein?« erkundigte sich der junge Offizier, und dabei spielte ein Lächeln um seine frischen Lippen.
»Ja -- glauben Sie denn, daß mir's der Papa erspart?« erwiderte Kitty mit komischer Verzweiflungsmiene.
Der Kutscher pendelte indessen leise mit seiner Peitsche auf und nieder, man sah's seinem breiten Rücken, ja selbst seinen roten Ohren an, wie verständnisvoll er die beiden jungen Leute beobachtete.
»Ich wollte eigentlich nicht kommen,« erwiderte Herr von Altenried, »aber ...« Das Lächeln um seinen Mund trat stärker hervor, der Ausdruck seiner Augen wurde ungewöhnlich innig, fast schwärmerisch.
»Fahren Sie zu, Kutscher,« rief Kitty, indem sie plötzlich eine würdige Miene annahm und sich mit einem herablassenden Kopfnicken verabschiedete.
»Ein netter Bursch,« bemerkte Fräulein von Hohleisen, indem sie ihm, sich aus dem zurückgeschlagenen Wagen herausbeugend, mit der Unbefangenheit ihrer grauen Haare, nachsah -- »wie gut er zu Pferde sitzt -- und er trägt doch die Infanteristenuniform.«
»Ja,« erwiderte Kitty, »es freut ihn nicht sehr, daß er bei der Infanterie dienen muß -- aber er kann sich nicht helfen. Ich glaube, er ist sehr arm,« und Kitty seufzte.
»Nun, weißt du, liebe Kitty, gar so tragisch ist es schließlich nicht, bei der Infanterie dienen zu müssen,« entgegnete Fräulein von Hohleisen vernünftig. Ihr Vater war Oberst eines Ulanenregiments gewesen, infolgedessen hielt sie darauf, ihre Unparteilichkeit zu beweisen.
»Das sagt er selbst,« erwiderte Kitty lebhaft, »er findet es eher komisch. Er findet alles komisch, was ihm unangenehm ist. Er ist einer von denen, die immer über ihre Miseren lachen. Aber mag er darüber lachen oder nicht, es ist doch traurig, wenn man bedenkt, daß er eigentlich heute in Ulmenhof seine Heimat haben sollte. Vor fünfzehn Jahren war der Besitz noch in den Händen seines Vaters.«
»Das ist wirklich traurig,« gestand Anna Marie zu.
Kitty schwieg und sah bekümmert und zärtlich vor sich hin.
Nach einem Weilchen begann Anna Marie von neuem: »Findet _den_ dein Vater auch nett?«
»Ob er Herrn von Altenried nett findet, meinst du?« fragte Kitty wie aus einem Traum heraus.
Anna Marie nickte.
»Ich weiß nicht, ich habe ihn nie danach gefragt,« sagte Kitty und zuckte die Achseln.
»Und findest _du_ ihn nett?« fragte Anna Marie humoristisch.
Kitty runzelte die Stirn, fast schien's, als ob sie Anna die Antwort schuldig bleiben wolle. Mit einemmal warf sie das Köpfchen zurück, und Anna Marie aus großen, von Entschlossenheit und Thränen glänzenden Augen anblickend, rief sie: »Nun ja ... ich finde ihn nett, sehr nett -- und er ist's auch -- da hast du's.«
Anna Marie wußte jetzt genau, was sie wissen wollte.
Um weniges später hatte der Wagen Lindenbergen erreicht und hielt vor einem langen, schmalen Gebäude mit einem Mansardendach, wie das von Schloß Ulmenhof, aber ohne feudale Embleme und mit einem Kreuz über dem großen, angebröckelten Thorbogen, ein ernstes und stimmungsvolles Haus, das ehemals ein Kloster gewesen und dessen im übrigen sehr einfache Fassade leider durch eine Reihe von gotischen Spitzbogenfenstern, welche ein anspruchsvoller architektonischer Pfuscher in die Wand hatte einsetzen lassen, verunstaltet war. Solche Spitzbogen! Graugemalte Holzrahmen, ganz unorganisch in die alten Fensterlöcher hineingefügt und die leeren Ecken oben ein wenig ausgemauert.
Herr Wißmuth stand am Fuß der Treppe in der Einfahrt und hieß Anna Marie willkommen. »Seid ihr dem Altenried nicht begegnet?« wendete er sich an sein Töchterchen, nachdem er Anna Marie auf beide Wangen geküßt und sich galant ihres kleinsten Handgepäckstücks bemächtigte, um es selbst in ihr Logis hinaufzutragen.
»Ja,« erwiderte Kitty mit anerkennenswerter Gleichgültigkeit, »er sagte, daß er sich bei uns aufgehalten, doch habe er niemand zu Hause getroffen.«
»Niemand zu Hause getroffen?« rief Herr Wißmuth, die Brauen bis in die Mitte seiner übrigens ziemlich niedrigen Stirn hinaufschiebend. »Der gute Mann muß etwas dämlich sein im Kopf. Er ist ja eine halbe Stunde mit mir im Garten spazieren gegangen, dort bei den Pfirsichspalieren.«
»Wirklich, Papa?« bemerkte Kitty staunend und entsetzt -- heimlich mutete sie die Sache eher humoristisch an, aber das brauchte der Papa nicht zu wissen.
»Ja, so wahr ich hier stehe!« versicherte Herr Wißmuth -- »es ist offenbar nicht richtig mit ihm. In unseren alten Adelsfamilien kommt das häufig vor. Sehr alte Familie, die Altenrieds, ausgezeichnete Familie!« Diese Worte sprach Herr Wißmuth zu seiner Cousine, augenscheinlich in der Überzeugung, daß die Mitteilung sie besonders interessieren müsse, »aber sie haben nichts,« setzte er schadenfroh grinsend hinzu.
Sie hatten jetzt einen mit roten Ziegeln gepflasterten Gang, der das Haus in zwei Hälften teilte, erreicht, und Herr Wißmuth stellte die kleine Reisetasche Annas auf einen Strohsessel hin, wobei er aufächzte, als habe er soeben ein großes Unternehmen zu Ende geführt. Bis in das Gemach, welches er seiner jungfräulichen Anverwandten als Wohnung bestimmt hatte, vorzudringen, erschien ihm nicht passend.
* * *