Part 4
Alle verliessen ihre Plätze, die Stühle fielen um, das Tafelgerät flog umher, ein irrsinniges Geschrei erhob sich aus dem Menschengewühl. Auf der Galerie konnte man sich vor Entzücken nicht mehr halten. Die Damen riefen erregt zu den Männern hinunter, so wie man Stierkämpfer in der Arena zu ermutigen pflegt. Einige von den Kavalieren auf der Galerie hatten ihre Degen gezogen und warfen sie unter dem Ruf »Blut . . . Blut« hinab. Mitten in diese allgemeine Erregung der Galerie drängte sich plötzlich ein schwarzbärtiger Kapuzinermönch, der sich atemlos bis an die Brüstung Bahn brach.
»O das Leben, das prächtige Leben!« rief er wie verzückt, »ich will baden im Leben!«
Mit diesen Worten riss er sein braunes härenes Kleid ab. Einen Augenblick sah man auf der Balustrade seine nackte, nervige Gestalt, die sich mit schnellem Schwung hinab in das Gewühl schwang. Eine namenlose Wut hatte sich der Bauern bemächtigt. Nur noch Fetzen von Kleidern hingen um die blutenden Körper; die Adern der Männer waren gereckt, die Frauen, die dem Ansturm erlagen, krallten unersättlich die Finger in die neben ihnen liegenden Körper. Manche heulten nach dem Tod, der sie von ihrer unstillbaren Raserei heilen sollte; sie griffen nach den Scherben von Glas und Porzellan, um sich oder andere in wahnsinnigem Lachen zu blenden oder zu töten. Auf der Galerie wusste man vor Vergnügen nicht mehr, was man erfinden sollte: man warf hinunter, was erreichbar war, Wandspiegel, Champagnergläser, Stühle, man riss sogar Portieren herab, schleuderte brennende Kerzen. Nur der Graf von Saint-Germain stand heiter lächelnd dazwischen. Manchmal wollte er reden:
»In London habe ich im vierzehnten Jahrhundert viel amüsantere Sachen gesehen.«
Aber niemand hörte ihm zu.
»Wer hat den Mut, mich hinabzuschleudern?« rief die kleine Marquise, »meine Liebe dem, der es wagt!«
Keiner der Kavaliere schien das für ernst zu nehmen. Plötzlich erhoben sich aus dem Gewoge des Saales die Arme des Kapuziners.
»Kommen Sie, kleine Marquise, Ihre Urahnin war meine erste Geliebte . . .«
»Gilles de Laval,« rief die Marquise ausser sich. »Ich erkenne dich . . . ganz das abscheuliche Porträt . . .«
Sie riss sich die Kleider ab, sprang hinunter und verschwand mit Gilles de Laval wie unter den Wellen des Meeres.
Gilles de Laval . . .! Der Name wirkte faszinierend auf die Frauen. Plötzlich wollten es alle der Marquise gleichtun und schrien, man solle sie hinunterwerfen. Wie von fremder Gewalt getrieben, ergriff einer nach dem andern fast feierlich seine Nachbarin und schleuderte sie über die Brüstung; wenige Sekunden lang konnte man Herzoginnen und Marquisen, die Trägerinnen der schönsten Namen Frankreichs, nackt durch die Luft fliegen sehen.
Mit zerschlagenen Gliedern kamen die Damen unten an. Schwindlig suchten sie sich zu erheben und hinkten ein wenig umher. Ringsum schien indessen das Feuer wie erloschen zu sein. Ein wenig verlegen blickten sie über die Haufen von Gliedmassen und zerschlagenen Geräten. Sie wussten gar nichts damit anzufangen. Und eben hatte man doch noch so ein mutiges Gefühl gehabt. Es ging doch etwas ganz Tolles vor, wo man sich hatte hineinstürzen wollen; und nun, als man unten ankam, war alles aus. Wie gern hätten diese Damen einige kleine Freuden der Grausamkeit genossen! Der Mut war ihnen aber wohl zu spät gekommen. Manchmal krallte sich oder stach noch eine Hand im Todeskrampf nach diesen zarten weissen Körpern, die wie Miniaturwalküren auf dem Schlachtfeld umherwandelten. Bisweilen brachte ihnen sogar ein Finger noch eine mittelmässige Wunde bei und da stiessen sie nette, kleine, verzückte Schreie aus, wie gut gezogene Kinder, die mit kaltem Wasser gewaschen werden und schlotternd rufen: »Hu . . . wie warm.« Die Damen sahen traurig ein, dass sie zu spät gekommen waren, und nun traten gar schon Diener mit Schaufeln in den Saal. Die nackten Marquisen drückten sich verschämt in die Ecken und hielten die Hände über Brust und Schoss. Die Diener öffneten die Fenster und schaufelten die Überreste dieser Feierlichkeit hinaus. Unten im Hofe sah man im ersten Morgenlicht bleiches Menschengebein, das von früheren ausgelassenen Stunden des Grafen Gilles de Laval zeugte. Die Marquisen aber schlichen betrübt und verschämt durch ein Seitenpförtchen hinaus. Sie bereuten, sich ungeschickt benommen zu haben. Die armen Damen hatten sich umsonst entblösst.
Auf der Galerie waren die Zurückgebliebenen in ermattetes Schweigen versunken. Man kam langsam wieder zu Atem. Einige mahnten zum Aufbruch und erhoben sich, Händedrücke wurden getauscht, Verabredungen für den folgenden Tag gemacht. Einige Unermüdliche wollten noch soupieren gehen. Der Graf von Saint-Germain, den man unter keinen Umständen losgeben wollte, entschuldigte sich lächelnd. Er müsse nach Hause fahren, da er noch in dieser Nacht einige Kapitel aus dem Akshara Para Brahma Yog übersetzen wolle. Gegen solche Gründe des gelehrten Grafen pflegte man niemals Einwände zu machen und so verabschiedeten wir uns von diesen höflichen Leuten.
»Haben Sie etwas bemerkt?« fragte mich der Graf, als wir auf der Strasse waren.
»Sehr viel,« erwiderte ich.
»Ich meine, haben Sie bemerkt, dass ich selbst Gilles de Laval bin? So heisse ich im fünfzehnten Jahrhundert.« Triumphierend blickte er mich an.
»Unmöglich; Sie waren doch die ganze Zeit auf der Galerie, Sie sprachen von London . . .«
»Einen Augenblick allerdings; können Sie sich aber erinnern, Gilles und mich nur eine Sekunde lang gleichzeitig gesehen zu haben?«
»Das nicht, aber . . .«
»Nun sehen Sie. Nächstens lade ich Sie zu einem Flagellantenzug nach Italien ein.«
Er half mir in einen Wagen, wo ich sofort einschlief.
* * *
Als ich wieder erwachte, -- ich glaubte länger geschlafen zu haben, als vorher mein ganzes Leben gedauert hatte -- stand eine Schale mit Früchten vor mir, die ich äusserst heftig begehrte, ohne die Kraft zu finden, danach zu greifen. Tränen traten mir in die Augen. Ich fühlte Abscheu vor meinem eigenen Leben, dessen trost- und gedankenlosem Wirbel ich wie durch ein Wunder entronnen zu sein geglaubt hatte. Diese unerreichbaren Früchte würden mir Gesundung bringen, reine, leicht zu erfüllende Wünsche an Stelle fieberhafter Gelüste. Es hatte mich jemand wohlmeinend, aber etwas derb von einem Abgrund gerissen, vor dem ich nichtsahnend stand.
»Wissen Sie nun, wo Sie sind?« fragte lächelnd Alta-Carrara, der mir gegenüber gleich wie ich auf einem Diwan lag.
In dem Zimmer unterhielten sich mehrere Herren. Einige fragten nach meinem Befinden und gaben mir Ratschläge.
»Sie waren dabei,« dachte ich, »als ich mein Leben zwecklos in künstlichen Sensationen vergeudete.« Dennoch freute ich mich, ganz unbekannte Gefühle in mir zu entdecken, etwas wie Reue. Ich fühlte einen bitteren Geschmack, wenn ich an mein Leben dachte, das sich auf eine glühende Einbildungskraft und einen fieberhaft zerlegenden Verstand gegründet hatte.
Es musste jemand meinen Wunsch erraten haben, denn ich fühlte die kühle Herbheit eines Apfels dicht an meinen Lippen. Ich biss hinein und mir war, als witterte ich junge Morgenwinde um mich her. Ich erkannte die Notwendigkeit eines neuen Lebens -- ohne den verhassten Rausch, der noch in mir war. Ich verlangte schwere Aufgaben; Leiden müsste ich erdulden, sie unumwunden vom Schicksal fordern, das mich dadurch um das Beste im Leben betrogen hatte, dass es mir keine Leiden sandte. Ich schämte mich fast. Und doch freute ich mich über die Seltenheit einer solchen Empfindung in einer Seele wie der meinigen.
Alta-Carrara aber begann mit halblauter Stimme zu erzählen:
Karneval
Vor dreissig Jahren, als ich noch die ersten Lektionen in der Schule des Vergnügens empfing, versuchten einmal einige venezianische Nobili eine hübsche Karnevalssitte des achtzehnten Jahrhunderts wieder aufzufrischen. Man versammelte sich in der letzten Nachtstunde, als schon die ersten hellen Schimmer über den Lagunen erschienen, auf der Erberia, und es galt für sehr elegant, möglichst verwüstet auszusehen. Man kam in zerrissenem Maskenkostüm, schlaffe Blumen hingen in dem losen Haar der Frauen; die bleichen Wangen, die flackernden Augen, sollten den Mitmenschen von phantastischen, noch vor einer Viertelstunde genossenen Räuschen erzählen. Man liebte es, die Eifersucht und Mutmassungen der anderen zu erwecken und ihnen zu zeigen, dass man darüber zu lachen verstand. Es braucht dem Kenner des menschlichen Herzens kaum betont zu werden, dass viele der Ankommenden weder aus dem Ballsaal, noch vom Spieltisch, noch aus verschwiegenen kleinen Kabinetten kamen, sondern dass sie sich soeben aus dem Bett erhoben, sorgfältig ihre nachlässige Toilette vorbereitet hatten und der Mode ihren Morgenschlaf opferten. Ich hatte die Nacht in der Sala del Ridotto verbracht, viel getanzt, gespielt und getrunken. Meine Huldigungen galten besonders einer gelbseidenen Maske. Ihre Stimme hatte einen wundervollen warmen Flüsterton, Sie wusste sich weich anzuschmiegen und liess unter der Spitze der Maske grosse weisse Zähne glänzen. Ich war achtzehn Jahre alt und hielt sie mindestens für eine verkleidete Herzogin.
»Führ mich zur Erberia,« bat sie mich gegen Morgen und ich überschritt mit ihr die leere dunkle Piazza. Wir mischten uns unter die lachenden Paare, die am Ufer des Kanals bei der Erberia auf und nieder wandelten.
»Marchesina, ich kenne dich.« rief eine Maske im Vorbeigehen meiner Dame zu
»Doch nur eine Marchesina,« dachte ich.
»Wo ist Ersilia?« fragte im Vorbeistreifen eine Pierrette.
»Krank, sehr krank,« erwiderte meine Begleiterin.
Es legten viele Kähne an der Erberia an, die Nahrungsmittel für den Markt brachten. Eine lachende Kurtisane kaufte einer Bäuerin aus Chioggia für ein Goldstück ihre rauchende Morgenkohlsuppe ab, deren Duft alle Umstehenden lüstern einsogen.
»Mich friert,« sagte meine Freundin Dolcisa, »komm mit mir nach Hause! Du gefällst mir.«
»Wer bist du?« fragte ich fast sprachlos vor Überraschung, denn bis dahin hatte ich allen Grund gehabt, in meiner Begleiterin eine etwas ausgelassene Dame der Gesellschaft zu vermuten.
»Du bist dumm,« sagte sie. Ihre dunklen Augen blitzten unter der Maske. Sie zog mich in eine Seitengasse.
»Bist du wirklich eine Marchesina?« fragte ich verlegen.
»Lächerlich, ein Spitzname.«
»Wer ist Ersilia?« forschte ich nach einer Pause.
»Ach, die arme Schwester Ersilia!« seufzte sie, doch nicht sehr ergriffen, »sie muss sterben, sie flüstert mit ihrer Heiligen und sieht nicht, was wir tun.«
Ich erschrak, ohne nachzudenken, warum.
»Ich bin ein gutes Mädchen,« fuhr sie fort, »ich schenke nicht allen meine Liebe, aber ich bin arm.«
Nun glaubte ich zu wissen, woran ich mich halten konnte. Ihre weiche offene Harmlosigkeit entzückte mich.
Kühle feuchte Morgenluft umwehte uns. Wir gingen schweigend durch die finsteren Gassen und überschritten zahllose schmale Kanäle. Dolcisa wollte um keinen Preis eine Gondel nehmen. Niemand begegnete uns.
Schliesslich traten wir wie in eine Lichtung auf einen kleinen Platz. In der Ecke starrte ein finsterer alter Palazzo. Dolcisa schloss ein wild verschnörkeltes Seitenpförtchen auf und schob mich hinein. Um uns war stickiges Dunkel. Wir gingen über viele krachende ausgetretene Stufen. Vor einer Tür standen wir still.
»Erwarte mich hier,« flüsterte sie, »lass mich zuerst in die Kammer gehn und die Kleider wechseln.«
Sie küsste mich im Dunkeln und trat in die Tür. Ich ging an ein Gitterfenster, durch das die erste Dämmerung in den engen Treppenraum drang. Mein Blick fiel in einen zerfallenen, ehemals gewiss sehr prächtigen Palasthof. Sollte sie doch eine Dame sein, die heimlich einmal ein Karnevalabenteuer haben wollte? Aber diese alten zerfallenen Paläste werden ja oft zu Spottpreisen an alle Welt vermietet. Dolcisa liess mich lange warten. »Vielleicht hat sie nicht den Mut, mich hereinzurufen,« dachte ich und trat leise in das Gemach. Es war dunkel wie draussen. Aus der Ecke vernahm ich leises Seufzen, und mir war, als wälze sich jemand auf einem Lager.
»Sie wartet auf mich,« sagte ich mir, »es ist galant, ihr die Lage so leicht als möglich zu machen.«
Ich ging vorwärts, bis ich an die Kante des Lagers stiess, wo das Weib lag. Unter meinen Küssen stöhnte sie auf, krallte sich um mich und rief zur Madonna. Mich erschreckte diese entsetzliche Erregung.
»Sie ist vielleicht aus Neapel,« reimte ich mir zusammen; ich wusste bereits, dass die Frauen Venedigs anders lieben, ruhig die Küsse schlürfen. Wie es so oft bei diesen schnellen Abenteuern geschieht, überkam mich -- ich will nicht sagen -- Widerwille, aber vollkommene Sattheit im Augenblick nach dem Genuss. Ein unbezwinglicher Trieb nach Alleinsein, nach meinen eigenen Zimmern erfasste mich und mir schien, als sei dieses ganz gewöhnliche Gefühl heute masslos gesteigert, wie bei einem Verbrecher, der vor dem Schauplatz seiner Tat ein Grausen empfindet. Ich sprang auf, sie hielt mich nicht zurück. Durch die Art unserer Zusammenkunft glaubte ich mich berechtigt, ihr ein paar Goldstücke in die Hand zu drücken, die sich krampfhaft schloss. Dann eilte ich hinaus. Auf der Treppe vernahm ich Schritte hinter mir.
»Komm doch, mein Lieber,« rief Dolcisa, »warum gehst du denn fort?«
Zwei nackte Arme umschlangen mich. Eine weiche Wange lehnte sich in der Finsternis an die meine; junger heisser Odem umquoll mein Gesicht. Willenlos liess ich mich wieder die Treppen hinaufziehen. Dolcisa führte mich durch das Gemach, wo ich vorher gewesen, in eine anstossende kleine Kammer. Durch ein Dachfenster floss ganz dünne Dämmerung herein. Auf einem Stuhle hingen schwarze Gewänder und zwei dicke strohgelbe Kerzen lagen darauf.
»Das ist für Ersilia, wenn sie tot ist,« erklärte Dolcisa; ihr weisses Hemd triefte von gespenstischer Helle.
»Mach doch Licht,« sagte ich ein wenig gedrückt.
»Nein, nein; es ist alles so einfach und ärmlich. Wir müssen hier oben wohnen, denn die grossen Säle sind im Winter so kalt; sie sollen auch erst hergerichtet werden. Aber wir haben unser Geld verloren.«
»Bist du eine Marchesina?« fragte ich wieder erstaunt.
»Das kann dir doch gleich sein. Du bist noch ein rechtes Kind.«
Hatte ich sie verletzt? Sie trat an die Wand, wo ein buntes Wachsbild der Muttergottes hing. Davor züngelte hinter rotem Glas ein Ölflämmlein, dessen Schein das Bild rosig benetzte. Dolcisa blies nach der Flamme.
»Was machst du?« fragte ich unruhig.
»So sieht die Madonna nicht, was wir tun.«
Dann kam sie zu mir; wir sanken auf ein Lager und dieses Mal genoss ich die sanfte, schwere, fast etwas träge Umarmung einer Venezianerin.
Dolcisa erhob sich zuerst. Nackt ging sie in das andere Gemach, in das nun auch die Dämmerung drang. Sie näherte sich dem Lager, wo ich vorher gelegen und schob die Hand unter die Laken.
»Tot!« rief sie plötzlich mit leichtem Schrecken. Willenlos sank sie vor dem Bett auf die Knie. Das nackte Weib betete im Dämmerlicht.
Erschrocken sprang ich auf; ich zündete eine der strohgelben Kerzen an. Das Licht hochhaltend, trat ich in das Nebenzimmer. Wie erstarrt blieb ich an der Tür stehen, als der flackernde Schein das Bett erhellte. Dort lag mit glasig blickenden Augen ein wundervolles junges Weib, dem wie eine geheimnisvolle Wolke reiches dunkles Haar um den Kopf wallte. Sie war ganz blass, von unnahbarer weihevoller Schönheit, wie eine antike Götterstatue. Dolcisa kniete vor ihr in hastigen, sich übereilenden Gebeten.
»Sie ist tot!« rief sie, sich umwendend, und etwas wie ein wirklicher Schmerz lag in der tränengedämpften Stimme. »Sie war keine Sünderin wie ich, sie ist als Jungfrau gestorben.«
Zitternd trat ich näher. Dolcisa liess den Blick über die Leiche gleiten, deren prachtvolle weisse Formen halb entblösst vor uns lagen.
»Sie war viel schöner als ich,« seufzte sie und es schien, als wolle sie durch dieses plötzliche Geständnis bei der Toten irgend etwas zu ihren Lebzeiten Versäumtes wieder gut machen. Sie drückte der Schwester die Augen zu und wollte die abstarrenden Arme an den Leib legen. Da bemerkte sie, wie es zwischen den zusammengekrampften Fingern funkelte. Sie entdeckte die Goldstücke. Ich konnte mich kaum aufrecht halten; doch Dolcisa stiess einen Freudenschrei aus:
»Die Madonna war gnädig,« rief sie, »sie hat mein Gebet erhört, nun kann ich der Schwester ein würdiges Begräbnis schaffen.«
Dankbar fiel sie wieder in ihr Gebet zurück.
Es war hell geworden. Ratlos stand ich vor der Gruppe. Ich fragte Dolcisa, oh ich ihr irgendwie dienen könne. Aber sie verneinte und sank sofort wieder in inbrünstiges Gebet. Ich verliess sie.
Zwei Tage ging ich wie verstört umher. Weder in meiner Wohnung, noch in den Strassen fand ich Ruhe vor dem Gedanken, dass ich den Tod umarmt hatte. Am dritten Tag fasste mich eine unbezwingliche Neugier. Ich suchte das Viertel wieder auf, um etwas über die Bewohnerinnen des alten Palazzo zu erfahren. Als ich den kleinen Platz betrat, sah ich eine Menschenmenge, die sich um das weit geöffnete Hauptportal des Palastes geschart hatte. Ein Priester mit zwei Chorknaben trat auf die Strasse. Dann wurde ein schwarzer Sarg herausgetragen, der, mit verschnörkelten Silberblumen verziert, einen Eindruck von Grossartigkeit machen sollte. Man lud ihn in eine gemietete Gondel und breitete die wenigen Kränze möglichst darüber aus. Dolcisa folgte schluchzend in dürftigem, doch aufgeputztem Trauergewand. Sie bestieg eine zweite Gondel, begleitet von einem uralten, gebrechlichen Herrn in altmodischer Eleganz, der sich sehr unbehaglich zu fühlen schien. Einige Personen bestiegen eine dritte Gondel und still schlich der Leichenzug durch die Lagunen. Ich hatte fast besinnungslos zugeschaut.
Der Flüsterton der Umstehenden erhob sich nun zu lebhaftem Plaudern.
»Die armen Marchesinen«, sagte eine Alte . . . »und früher welch' ein glänzendes Leben in dem Palazzo, als der alte Marchese noch lebte . . .« »Sie waren liederlich,« sagte eine dicke Bäckersfrau, »keiner wollte mehr mit ihnen zu tun haben . . .« »Gegen Ersilia kann niemand etwas sagen,« meinte ein junger Mann, »sie war tugendhaft.« Dann gingen viele Stimmen durcheinander: ». . . Schwindsucht, langsames Hinsterben . . . die arme einsame Dolcisa . . . noch so jung . . . aber sie hat den alten Oheim . . . sie wird sich ein glänzenderes Schicksal suchen, als ihn zu Tode zu pflegen . . .«
* * *
Alta-Carraras Erzählung war zu Ende. Um mich her sah und roch ich altes geschnitztes wurmstichiges Holz; ich hörte, wie langsam morsche, jahrhundertealte Marmorpaläste zerbröckelten, an denen Moos wuchs. Überall lag Moderduft; es war zum Ersticken. Man hörte durch die Zeit hindurch die Werke der Menschen faulen. Ringsum rauschten die Jahrhunderte in trüben Dämpfen empor. Alles schien vom Kuss des Todes berührt und war zum Niedergang bestimmt. Ich hatte das dumpfe Gefühl, als trüge ich selbst mit die Schuld, dass die Welt sterben sollte. Ach, ich hatte meine Tage schlecht benutzt. Es hätte anders werden können, wenn ich gewollt. Wie freute ich mich über die Züchtigung, die mir ward. Die Leiden, auf die ich gewartet, begannen. Mir war, als stürzte mitten in der zerbröckelnden Welt etwas klirrend zusammen, was mich in hohem Masse betraf. Es sah zwar, als ich hinblickte, nur aus wie eine Messbude, so eine purpurrot tapezierte mit vergoldeten Spiegeln, vor denen Lampen brennen; darin aber konnte man durch Gucklöcher die Haupthandlungen meines Lebens sehen. Und es war mir höchst fatal, dass so viele Leute hineingeschaut hatten. Das wunderte mich selbst, denn ich war früher stolz gewesen auf mein reiches, buntes Leben.
»Weiter . . . weiter . . .« rief ich, »mehr von dieser bittersüssen Weisheit.« Und wie aus einem Abgrund tauchte ein kräftiger Mann. Er hatte einen blauschwarzen viereckig geschnittenen Bart, wie ein assyrischer Magier und war von violettem Samt umwogt, den er wie eine geliebte Katze streichelte. Er sprach gleichgültig, in fast verächtlichem Ton, der sich aber später zu heftiger Erregung steigerte. Er erzählte:
Die Sünde wider den Heiligen Geist
IN Spanien gab es einmal ein paar junge Leute, die sich einen wirklichen Spass machen wollten. Alles, was an Wahnsinn oder an das Hospital erinnerte, lag ihnen fern. Sie verschmähten auch, berauschende Drogen einzunehmen. Diese höchst schwächlichen Notbehelfe waren der damaligen Zeit nicht gemäss. Man wusste auch nichts vom Spiritismus, dieser Kloake der Mystik, noch von der Hypnose, mit der in unserer wunderlosen Zeit die exakte Wissenschaft nachgehinkt kommt. Es sollten einfach aus der Kraft des Willens heraus, mit Hilfe von Witz, Phantasie, Mut und Gewandtheit unerhörte seelische Schauspiele in andern Personen hervorgerufen werden. Schauspiele, die womöglich ihre Schatten bis ins Jenseits werfen würden -- eine Art Fopperei mit Perspektiven in die Ewigkeit. Die Reihe der Todsünden wird leider fast täglich in unserer Nähe erschöpft. Hier erschlägt einer im Jähzorn die Geliebte, einem andern erweckt eine klägliche Wissenschaft den Hochmut der Gottähnlichkeit, ein dritter überfrisst sich und wie die Missetaten phantasieloser Leute nur immer heissen mögen. Nur einen Frevel gibt es, dem die Kirche schon dadurch eine Sonderstellung anweist, dass sie erklärt, er könne nie vergeben werden; die Priester behaupten sogar, Gott lasse ihn kaum zu: die Sünde wider den heiligen Geist. Die jungen Leute, von denen ich erzählen wollte, konnten sich daher gar nichts Geheimnisvolleres, Sehenswerteres vorstellen, als das Geschehen dieser unerhörten Sünde. Sie wollten vor allem wissen, ob sie überhaupt möglich sei, wie sie sich vollziehen würde, ob Gott dazwischen träte, ob der Weltlauf stillstünde, oder ob sich vielleicht gar nichts ereignete.
Die Sünde wider den Heiligen Geist besteht einfach darin, dass man ihn beleidigt, das Heiligste lästert. Dazu gehören drei Bedingungen: der Wille, das Bewusstsein und die Kraft des Lästerers. Er muss den höchstmöglichen Frevel begehen _wollen_, muss _wissen_, wen er beleidigt und was er damit wagt, also den _Glauben_ haben, er muss durch die _Kraft_ seines Willens, seiner Werke imstande sein, Gott überhaupt zu treffen. Seine Schmähungen dürfen nicht wie das Gebell eines bösen kleinen Hundes abprallen. Ausser von Satan selbst, der, wie man weiss, früher der schönste der Engel war und sich jetzt in beständiger Empörung gegen den Heiligen Geist befindet, kann die Sünde eigentlich nur von einem Heiligen begangen werden, der die im Dienste Gottes erworbene Kraft des Gebetes, des Glaubens, der Berge versetzt, plötzlich gegen Gott selbst wendet.
Man suchte zunächst nach einem geeigneten Opfer. Es fänden sich eine Anzahl Jungfrauen, deren Reinheit sogar Wunder hervorbrachte. Aber es erwies sich, dass ihre Tugend, ihr Glaube doch nicht viel mehr war, als der Mangel an Gelegenheit zum Fall. Wenn sie auch Gott lebendig in sich fühlten, so waren ihnen die Kniffe und Schliche Satans fast ganz unbekannt.