Part 3
Ich weiss nicht wie und in was für Augenblicken ich in den Armen dieser Frau entschlummerte; plötzlich erwachte ich; noch eben hatte ich heisse hohe Wohlgerüche gespürt; nun vernahm ich ein Rauschen von Gewändern, das Schieben einer Tür; um mich erglühten zahllose Lampen. Ich erschrak, als ich mich auf einmal in einem engen, grell erleuchteten Raum befand, wo mich von allen Seiten scheussliche Larven angrinsten, die ihre braunen behaarten Gesichter zwischen riesenhaften Schiessbogen, bunten Federbüschen und anderen phantastischen Geräten wilder Volksstämme herausstreckten. Das war das Boudoir meiner Freundin. Ich trat in das Nachbarzimmer zurück und befand mich in einem hellen, wenig eigenartigen Salon Louis XV. in Erdbeerfarbe. Ein Diener trat ein und sagte:
»Madame ist leidend. Sie bedauert heute nicht empfangen zu können.«
Ich folgte ihm in den Hof, wo mich das Coupé erwartete. Der Kutscher brachte mich wieder an die Strassenecke zurück.
Alle vier bis fünf Tage erhielt ich nun ähnliche Einladungen nach den verschiedensten Vierteln, aber stets brachte mich das Coupé an dasselbe Ziel. Wir sprachen immer weniger zusammen. Was hätten sich auch zwei Menschen sagen sollen, die sich nur ihrer gegenseitigen Körper bedienten zum Vorwand für die Orgien der Phantasie. Nicht mich, sondern den Satan liebte diese Frau. Und wenn sie in der Dunkelheit vor mir lag und schweigend litt, wie ich ihre Linien mit der Hand suchte, wenn mir war, als hätte ich im Gras des Gartens eine umgestürzte Statue gefunden, die unter meiner Berührung lebendig ward, dann liebte ich Lais, dann loderten Städte um mich auf, in die auf den Wink dieser Frau Brandfackeln geflogen waren, wie in meine Seele und nichts war mir ferner, als der Wunsch, sie selbst einmal zu besitzen.
Vor allem schaffte sie mir zum erstenmal im Leben die Befriedigung meiner quälenden Einbildungskraft. Die Liebesräusche der Vergangenheit und der Dichtung, die mir immer unerhörter, geheimnisvoller erschienen waren, als die meinen, brauchte ich nun nicht mehr als schwächlicher Spätgeborener zu beneiden, ich wusste sie neu zu leben. »Warte bis heute abend,« sagte ich mir, wenn sich die Phantasie in müssigen Bildern verschwendete, und es kamen Nächte, wo ich die Adria an die Marmorpaläste schlagen hörte, wo ich dichten Samt neben ihrer Haut fühlte, prunkenden Samt, unter dem ihre Glieder anzuschwellen schienen; eine bös-schöne Dogaressa spielte mit mir und freute sich, dass ich um ihretwillen den Tod verachtete, den ihre Liebe kosten kann. -- Oder aus ihrem Haar stieg der Duft der fränkischen Wälder, ihre Linien wurden weich wie die Lieder, die einst deutsche Mädchen abends am Brunnen sangen . . . Mädchen, die ihre Liebe scheu der Muttergottes _abbetteln_ müssen, dann _einmal alles_ vergessen können, sogar die heimliche Kapelle ihrer Kindergebete, und doch froh sind zu wissen, dass dort die Madonna lächelt, auch dann noch, wenn sie spät zu ihr zurückkommen werden, wenn _er_ draussen in der Fremde ist und blendendere Frauen liebt. -- Und launenhafte Stunden kamen; da rief das spitze kleine Gelächter meiner Geliebten kecke Herzoginnen der Régence hervor; ein fast herb duftender Puder gab ihrer Haut eine kranke Glätte. Und mir war, als sei das Gemach um uns hell und eng, eine Nuss, in der wir auf irgendeinem nicht ganz echten, jedenfalls sehr wenig wilden Meere schwammen. Und unsere Umarmung war wie von dünnen Goldfäden durchwirkt und umsponnen mit kleinen Schnörkeln, welche die Form von Mandeln hatten. Und an solchen Tagen war meine Geliebte sehr kitzlich.
Diese Erlebnisse wären nicht möglich gewesen, hätte sie nicht eine Eigenschaft besessen, die man sonst einer Frau nicht leicht verzeiht. In Wirklichkeit war sie nämlich selbst gar nicht fühlbar; keine Laune, kein Scherz, kein Einfall, keine Wünsche, nichts Unvorhergesehenes. Das, was sie brauchte, schien sie zu finden, ohne mein Zutun. Etwas musste mich aber doch verstimmen: Wenn ich sie auch als mein Werkzeug betrachtete, so war ich noch mehr das ihre. Winkte sie, so kam ich; war sie meiner müde, so entliess sie mich. Erschien ich einmal aus Laune nicht, dann verlor sie darüber kein Wort. Nach einigen Tagen kam immer eine neue Einladung. Dieser Gleichmut ärgerte mich, ich beschloss, sie zu reizen, sie wütend zu machen, indem ich alberne Gründe für mein Wegbleiben erfand. Aber wenn dann ihr Haar duftete, als müsse es in der Sonne rot leuchten, wenn mich ihre hagern Formen in nervöser Hast umkrampften, dass ich nicht wusste, ob sie höchste Qual oder Lust empfand, ob sie mich liebte oder züchtigen wollte, dann vergass ich allen Ärger, alle Absichten; dann fühlte ich mich als der Beichtvater, der die Zelle einer jungen Hexe betritt, die morgen brennen muss und heute noch einmal von der Wollust in sich hineinschlingen will, was sie nur noch fassen kann, die noch schnell so viel fremde Kraft aufzusaugen, zu zerstören begierig ist, als ihr irgend möglich. -- Mein Überlegenheitsdünkel verstummte, wenn ich sie träge und regungslos fand, wie eine Bajadere, die sich eines heissen Morgens im Schatten bizarrer Gewächse gewälzt und gedankenlos zu viele fadsüsse Früchte verschlungen hat. Dann roch sie nach indischen Blumen, sie wusste seltsame Bauchbewegungen, so dass sie mir fast zu üppig vorkam. So vergass ich gern, dass mich vielleicht eine nichtige Dame zum besten hielt. Sie existierte ja gar nicht. Manchmal kam mir der Gedanke, sie zu gewissen erregenden Worten in ihr fremden oder in toten Sprachen abzurichten. Aber ich merkte rechtzeitig, dass dadurch die Lebendigkeit meiner Idole Literatur, Theater geworden wäre, ein kleiner Scherz, den jede Dirne hätte erlernen können. -- Natürlich machte ich mir eine bestimmte Vorstellung von ihr, aber ich kann gar nicht sagen, ob ich sie mir schöner oder hässlicher dachte, als die mir begegnenden Frauen, hinter denen ich sie bisweilen vermutete. Die Ausserordentlichkeit meiner Freuden war gar nicht an einem wirklichen Niveau zu messen.
Obwohl also alle Berührungen mit dem Alltag fern lagen, in denen die Todeskeime der menschlichen Beziehungen liegen, nahm diese ausserordentlichste aller Liebesgeschichten ein so dummes triviales Ende wie eine Sergeantenliebschaft. Die Dame wurde eifersüchtig, allerdings auf meine Idole. Eines Tages fragte sie mich wie eine kleine Näherin, ob ich sie liebe. Und damit ist die Geschichte eigentlich zu Ende. Sie hatte herausbekommen, dass meine Freuden doch glühender und mannigfaltiger waren als die ihren. Durch ihre vorzeitige Neugier waren ihre Sinne nun einmal an meine Gestalt gebunden. Sie war es müde, immer dasselbe Wesen zu küssen, wenn sie es auch in den Flitterwochen Satan genannt hatte. Ich war boshaft genug, sie merken zu lassen, dass sie ohne ihre >ladylike< Vorsicht und Neugier gleich mir über ein Serail verfügen könnte, dass sie dann heute einen delikaten Georges Brummel, morgen einen römischen Gladiator umarmt hätte. Solche Worte trieben sie in ohnmächtige Wut.
»Sie sollen mich nun doch auch kennen lernen,« sagte sie einmal empört, »und wir wollen sehen, ob Sie dann noch Ihre Idole vorziehen.«
Ich erriet, dass sie das Licht aufdrehen wollte.
»Bitte nicht!« rief ich, »ich laufe fort.«
»Sie wollen mich nicht sehen?«
»Sie können unmöglich so schön sein, als ich glauben möchte.«
»Das ist unerhört.«
»Sie wollten doch den Weihrauch eines Idols empfangen.«
Nun hatte sie doch wohl Angst, mich zu enttäuschen. Ohne zu reden verliess sie mich.
Ich erhielt nun keine Einladung mehr. Wochen vergingen, und ich fühlte eine grosse Lücke in meinem Leben, das in ununterbrochener Trostlosigkeit weiterging. Ich war traurig, als sei mir eine gute Geliebte gestorben; aber sobald ich an diese Frau dachte, verging mir alle Sehnsucht. Ich fühlte etwas wie leisen Hohn, eine Art Verachtung für allzu grosse Unterlegenheit, an die zu denken kaum der Mühe wert ist.
Eines Abends war ich allein in dem einzigen Restaurant der Stadt, wo man nach dem Theater speisen konnte. An einem Tisch hinter mir sassen Leute, die bei meinem Kommen noch nicht dagewesen waren: zwei Herren in korrekter schwarzer Abendkleidung; einer hatte einen fast weissen Bart mit ausrasiertem Kinn, der andere war ein blonder junger Mensch mit frischem, sehr englischem Knabengesicht. Zwischen ihnen sass eine blasse Frau von etwa fünfunddreissig Jahren. Sie hatte dunkles Haar, das geradlinig in regelmässigen Löckchen die Stirn abschloss, ein mageres Gesicht von keltischem Typus mit stillen, fast starren braunen Augen. Eine ausserordentliche Distinguiertheit lag über ihr. Den fast zu langen schmalen Mund schmückten sehr weisse, auffallend kleine Zähne -- ein Gesicht, von dem man meinen könnte, es sei einmal schön gewesen; denn irgend etwas fehlt und das schreibt man den Jahren zu; wahrscheinlich aber fehlte es immer. Die Hände waren gross, doch schlank und mit mehreren Opalen geschmückt. Diese drei Menschen hatten eine selbstverständliche anspruchslose Vornehmheit ohne aufdringende Eigenart, wie man es bei Nachbarn im Theater oder an der Table d'hôte gern hat, die durch nichts stören, nicht einmal Interesse erwecken. Dennoch fühlte ich einen Zwang, mich nach ihnen umzudrehen. Ich glaubte zu bemerken, dass mich die Dame gleichfalls beobachtete. »Vielleicht ist es die Unbekannte,« dachte ich gleichgültig, aber dieser Gedanke kam mir natürlich bei sehr vielen Frauen. Ich bestellte Kaffee und benutzte die Gelegenheit, während der Kellner abdeckte, meinen Platz zu wechseln, so dass ich die Fremden vor Augen hatte. Ich bemerkte, wie die Dame unruhig wurde und mit plötzlichem Eifer zu dem alten Herrn sprach. Dieser beglich die Rechnung, die drei verliessen das Restaurant.
Am folgenden Tage erhielt ich zwei Briefe. »Die Komödie ist aus,« lautete der eine in der gewohnten Schrift, »ich fühle mich erkannt, lassen wir die Masken fallen.« Der andere trug ähnliche, doch natürlichere, offenbar unverstellte Züge. Er enthielt eine förmliche Einladung zum Ball bei einer mir völlig unbekannten Dame. Auf unsere phantastischen Orgien schien diese Frau willens, einen unvermeidlichen Flirt zu setzen oder vielleicht wirklich gar eine Liebschaft. Ich aber zog vor, meine phantastische Geliebte nicht aus dem Grab zu erwecken. Helena war in die Immaterialität zurückgekehrt. Um den angebotenen Ersatz anzunehmen, war ich im Augenblick doch zu verwöhnt. Bald verliess ich H. Ich habe die Dame nie wieder gesehen.
* * *
Der Erzähler schwieg. Ich hatte das trostlose Gefühl, dass nun etwas fertig, unwiederbringlich vorbei sei. Ein Leben hörte auf, ohne dass ich tot war. Die anderen schienen ähnliches zu empfinden.
»Eine neue Geschichte,« rief jemand, »diese Leere ist ja unerträglich!«
Wir lagen wie blind in einer dunklen Höhle, hungrig nach der menschlichen Stimme. Unser Leben, unser Wille war erstarrt. Nur die Einbildungskraft wachte und verlangte -- selbst unfruchtbar --, dass ein anderer, Stärkerer, Nüchterner sie mit Vorstellungen füllen solle.
Eine Nacht des achtzehnten Jahrhunderts
UND irgendeiner kam und liess eine helle heitere Musik über uns ergehen, lustig wie eine Gavotte oder eine Passacaglia des achtzehnten Jahrhunderts. Um uns erstand eine helle Kirche, überall schwebten gutgenährte Amoretten, die Fruchtschnüre von Loge zu Loge trugen: gewundene goldgezierte Säulen umgaben ein blau und rosa Altarbild. Und wie lustig die Herzoginnen davor knieten! Wie das nach Puder roch; und alle lachten über den famosen Priester, der sie mit richtigen Taschenspieler-Kunststücken unterhielt. Ich bat den Sakristan, der an mir vorüber wollte, um Erklärung. Liebenswürdig wie ein weltgewandter Jesuit nannte er mir die Namen aller Anwesenden. Der Priester war der berühmte Graf von Saint-Germain, die am prächtigsten gekleidete Dame die Herzogin von Chartres. Wie war ich nur hierher gekommen und was sollte ich an einem Orte tun, wo ich keinen Menschen kannte? (ob ich mich gleich deutlich erinnerte, den Grafen schon einmal auf einem Kupferstich gesehen zu haben). Da fiel mir ein, dass ich ja noch heute mit ihm gespeist hatte, dass er mich irgendwohin mitnehmen wollte, zu Freunden. Ich ärgerte mich, dass er mich nun allein liess.
»Alta-Carrara!« rief ich gereizt.
»Pst, pst,« flüsterte der Sakristan begütigend, »verraten Sie ihn doch nicht, warum denn immer gleich Namen nennen? Hier heisst er Graf von Saint-Germain. Sie müssen ihn im neunzehnten Jahrhundert getroffen haben. Dort nennt er sich Alta-Carrara. Neulich war eine Dame aus dem vierzehnten Jahrhundert hier, die nannte ihn Buonaccorso Pitti, Sie sehen, alles ist relativ,« sagte er pfiffig.
»Und du, unausstehlicher Schwätzer,« fragte ich, »welchem Jahrhundert bildest du dir denn ein, anzugehören?«
»Ich?« fragte er stolz, »natürlich dem achtzehnten, Sie hingegen sind so unhöflich, dass Sie nur in das neunzehnte passen. Ich schreibe heute -- mit Vergunst -- den 15. September 1768.«
Mit einer überaus gezierten Bewegung verliess er mich. Ich hatte eine unbezwingliche Wut auf Alta-Carrara, der noch immer seine Kunststücke vor dem Altare machte. Ich beschloss, einen günstigen Augenblick abzuwarten, um ihn zur Rede zu stellen. Einstweilen zog ich einen langen gewundenen Schnörkel von einer Säule, machte eine Schlinge daraus und stellte mich an der Kirchentür auf. Es dauerte nicht lange, bis der Graf mit einer Verbeugung seinen Zuschauerinnen anzeigte, dass die Vorstellung zu Ende sei. Mit selbstzufriedenem Lächeln durchschritt er die Kirche, von den bewundernden Blicken der Herzoginnen verfolgt. Eben wollte er auf die Strasse treten, als ich ihm meine Schlinge über den Kopf warf. Er wusste nicht recht, was mit ihm vorging, aber als Mann von Welt lächelte er und sagte mit Ironie:
»Ihrer hübschen Tracht nach müssen Sie aus dem neunzehnten Jahrhundert sein. Kann ich Ihnen mit etwas dienen?«
»Tun Sie nicht, als ob Sie mich nicht kennen,« erwiderte ich ärgerlich, »Sie versprachen mir . . . .«
»Oh verzeihen Sie, diese Damen hielten mich ein wenig auf. Nun bin ich wieder ganz der Ihre. Wir haben übrigens noch viel Zeit vor uns« -- dabei zog er seine Uhr aus der Tasche -- »es sind noch über zwanzig Jahre bis zur Revolution. Wir können uns noch lange unterhalten.«
Mein Ärger wurde plötzlich durch ein rasendes Bedürfnis nach ausgelassenster Lustigkeit abgelöst.
»Ich will lachen, schreien, purpurne Visionen haben,« bemerkte ich aufgeregt. Der Graf erschrak ein wenig.
»Wir werden ja sehen,« begütigte er.
Wir stiegen in ein Kabriolett, um nach dem Marais zu fahren. Es war Nacht, aber ungemein belebt in den Strassen. Es musste wohl Karneval sein. Bunte Masken begegneten uns und warfen Blumen in den Wagen. Überall herrschte ausgelassenes trunkenes Geschrei.
»Die Leute wissen, dass es nur noch zwanzig Jahre dauert,« sagte Saint-Germain. »Aber sie stellen es sich schlimmer vor, als es wirklich werden wird. Ich habe ihnen nämlich vorgeschwindelt, die Jakobiner würden ganz Paris niederbrennen und alle, die fortlaufen wollten, erschlagen.«
Saint-Germain konnte sich vor Lachen über diesen Spass kaum halten.
»Warum haben Sie denn das getan?« fragte ich verständnislos.
»Ganz einfach, um ihre Lustigkeit ins masslose zu steigern. Solche kleine weltgeschichtliche Schauspiele sind das einzige Amüsement meines Lebens. Glauben Sie, ich wolle mich langweilen wie der kleinbürgerliche Ahasver? Das hübscheste, was ich mir leistete, war doch die Geschichte mit den Albigensern. Denen habe ich nämlich eingeredet, sie müssten die Sünde durch die Sünde heilen. Im neunzehnten Jahrhundert nennen sie das -- glaube ich -- Homöopathie, similia similibus. Die guten Leute bildeten sich in der Tat ein, sie müssten alles Böse mit Gewalt aus sich heraussündigen. Nun, Sie können sich denken, was das für Szenen gab. Aber ich will Sie nicht mit Beschreibungen ermüden, denn Sie sollen heute etwas Ähnliches in Wirklichkeit sehen.«
»Halten Sie nur Wort!« erwiderte ich etwas ungläubig.
»Ich habe nämlich eine kleine auserlesene Gesellschaft zu einem Fest bei dem Grafen Gilles de Laval eingeladen, den Sie in Deutschland -- so viel ich weiss -- Ritter Blaubart nennen, aber die Gäste wissen selbst nicht, wo sie sich befinden. Man ahnt nur, dass es einen Hauptspass geben wird; verraten Sie also nichts, denn mein Freund Gilles möchte, als Kapuzinermönch verkleidet, unbekannt bleiben. Er liebt das achtzehnte Jahrhundert nicht sehr.«
Unter solchen Gesprächen kamen wir auf der Place des Vosges an. Wir trieben uns einige Zeit, ohne Aufmerksamkeit zu erwecken, unter den Arkaden umher und liessen uns dann in einer Sänfte an das Guisenpalais im Marais tragen. Nachdem wir uns überzeugt hatten, dass die Träger weit entfernt waren, schlüpften wir in eine kleine Gasse, an deren Ende sich ein sehr armseliges Holzpförtchen befand. Der Graf schlug an die Tür. Ein scheussliches altes Weib öffnete. Wir standen in einem feuchtkalten dunklen Vorraum: ich folgte Saint-Germain durch einige schlecht beleuchtete, unangenehme Gänge, bis er stehen blieb, seinen Mantel abwarf und in reicher Hoftracht dastand. Er strich sich das gepuderte Haar zurecht, betrachtete unter einer Kerze in einem Handspiegel sein Gesicht, das er wie ein seidenes Tuch zusammenzufalten und wieder aufzurollen schien, bis ihm eine Lage gefiel. Ich wurde vor Ungeduld ganz nervös. Schliesslich öffnete er eine Tür. Wir traten in einen gelb und silbernen Vorraum. Vor ungeheueren, kerzenlichtüberströmten Spiegeln bewegten sich reichgekleidete Damen und Kavaliere. Eine breite Treppe führte nach einer an die Decke stossenden Flügeltür hinauf; alle schauten gespannt nach dieser Tür. Mein Bedürfnis nach Lustigkeit wich einem faszinierten Starren vor den Lichtfluten, die mich umwogten, vor den bunten kostbaren Gewändern und den heftigen Blumengerüchen. Gebannt liess ich alles über meine Sinne ergehen. Plötzlich trat ein Auvergnat aus der Tür.
»Ah Castel-Bajac,« rief man.
»Alles ist bereit,« sagte Castel-Bajac mit dem pfiffigen Gesicht eines Kochs, der einen neuen Leckerbissen erfunden hat. Er öffnete die beiden Flügel nach der Galerie eines grossen Saales. In höchster Aufregung stiegen nun alle diese eleganten Leute die Treppe hinauf und traten durch die Tür. Ich mischte mich unter sie. Wir nahmen auf der Galerie Platz und blickten in den leeren Saal hinab. Während oben alles um uns her in dem hellen prunkenden Gold- und Spiegelgeschmack des achtzehnten Jahrhunderts gehalten war, dem auch die lustigen reichen Gewänder entsprachen, schien der Saal selbst einen Ausblick in fremde düstere Vergangenheit zu gewähren, in eine ausschweifende sinnlose Gotik voll zitternder wilder Schlinggewächse und Schlangen um die spitzbogigen Fenster, in die finstere unbändige Phantastik des sterbenden Mittelalters voll wüster, henkerhafter Lustigkeit. Der Saal, in dem zahllose lange Kirchenkerzen ein unbestimmtes gelbes Licht verbreiteten, war ganz menschenleer. In der Mitte stand eine lange reiche Tafel, deren Goldgeschirr aus der Kirche genommen schien. Die verblüffendsten Gläserformen ragten zwischen seltenen traumhaften Pflanzen heraus. Ich war erstaunt, dass meine erlauchte Umgebung nicht unten an der Tafel Platz nahm, sondern sie nur von der hellen Galerie aus betrachtete. Plötzlich hörte man draussen Stimmen, die sich dem Saale zu nähern schienen. Zwei weite Türen taten sich auseinander und eine Schar auvergnatischer Bauern in steifem Sonntagsstaat trat schüchtern und verwundert unter der Führung Castel-Bajacs herein. Sie liessen sich mit ihren Weibern um die prachtvollen Tafeln Plätze anweisen und wagten kaum zu reden, während sie bisweilen schüchterne Blicke auf die Galerie warfen, wo man aufgeregt ihnen vertraulich und ermutigend zuwinkte. Man schien ein Hauptvergnügen von ihnen zu erwarten. Es war in der Tat sehr unterhaltend, wie diese steifen Menschen, teils ernste würdige Gestalten, teils plumpe ungeschlachte Lümmel allmählich unbefangener und kühner wurden, je mehr Nahrung sie in sich aufnahmen. Diener reichten ihnen schweigend und würdevoll die Speisen umher und bald schien es ihnen gar nicht mehr seltsam vorzukommen, dass sie sich hier befanden. Jeder hielt sich in seinem Innern von Rechts wegen zu dem Leben eines Grandseigneur bestimmt.
»Sie sind entzückend, diese Leute . . .« sagte eine kleine Marquise.
»Wenn man bedenkt, dass uns ihre Kinder in zwanzig Jahren alle totschlagen werden,« fügte Saint-Germain hinzu.
»Demain donnons au diable un monde turbulent«
trällerte die Marquise nervös. Die Leute auf der Galerie wurden ungeduldig. Man schien auf etwas zu warten, was zu lange ausblieb. Die Bauern überliessen sich indes einer derben aber unterdrückten, pfiffigen Heiterkeit. Da traten sechs Diener in den Saal und brachten in schmalen, sehr langen Karaffen einen dunklen Wein, der als Lieblingsgetränk des schwelgerischen Königs Karls VII. angekündigt wurde. In diesem Augenblick verstummten alle die nervösen, ungeduldigen, witzelnden Bemerkungen auf der Galerie. Es bemächtigte sich aller eine grenzenlose Erregung. Sie blickten sich wie in geheimem Einverständnis an. Die Augen, besonders die der Frauen, schienen ekstatisch zu glänzen. Es war, als ob alle von einer mir unsichtbaren Vision geblendet wurden. Überall um mich her stumme wogende Erregung. Wenn diese Menschen, die irgend etwas Scheussliches verabredet haben mussten, jetzt mit Dolchen übereinander hergefallen wären, hätte ich es noch nicht für das schlimmste gehalten. Es mussten sich viel fürchterlichere Dinge vorbereiten. Diese durch das Vergnügen abgestumpften Leute schienen zu wissen, dass nun etwas selbst für ihre Sinne Unerhörtes kommen würde. Nur der Graf von Saint-Germain hatte seine Ruhe bewahrt. Lächelnd trat er an mich heran.
»Was geht hier vor?« fragte ich, »wohin haben Sie mich geführt? Ist es schon die Revolution?«
»Noch lange nicht,« sagte er milde, »man gibt den guten Leuten nur ein wenig Aroph zu trinken.«
Indessen war unten im Saal das schwarze Getränk in Gläser gegossen worden. Einige der Bauern hatten schon getrunken. Ihre Augen begannen zu blitzen. Sie schauten sich anfangs etwas unsicher an, als glaubten sie ihren eigenen Empfindungen nicht. Dann schienen sie sich gegenseitig zu irgend etwas zu ermutigen. Man zögerte noch, aber in jedem Augenblick konnte die Wut ausbrechen.
»Das ist die Revolution!« rief ich entsetzt. »Diese Bauern werden uns töten. Saint-Germain macht sich über uns lustig, er will uns alle auf der Guillotine sehen.«
Empört und mit unsäglicher Verachtung blickte man sich nach mir um, wie nach einem, der die erregende Vorstellung einer Tragödie durch Nüsseknacken stört.
»Das ist die Revolution!« rief ich wiederholt.
»Und wenn auch,« sagte die Marquise, der mein Geschrei nun doch zu viel wurde.
»Damit machen Sie ihnen keine Angst,« bemerkte der Graf, »übrigens ist es nicht die Revolution.«
Plötzlich packte einer der Bauern seinen Nachbar am Arm, der in ein lautes sinnliches Gelächter ausbrach. Auf dieses Zeichen schienen alle gewartet zu haben. Die vorsichtigen, plumpen Leute schlugen ein brüllendes, johlendes Lachen an. Man schien zu merken, dass sich bisher jeder im geheimen allein für die niedrigste Bestie gehalten und nun freudig überrascht war, die andern genau ebenso zu finden. Jeder trug plötzlich zum grössten Erstaunen seiner Nachbarn die wohlbekannten, von der Kirche verbotenen Begierden auf der Stirn geschrieben. Sie schienen sich auf einmal gegenseitig in ihrer Tierheit zu entdecken. Einer drückte sich gierig an den andern, wobei vorläufig das Geschlecht gar keine Rolle spielte.
»Du Mordskerl . . . . Du Luder . . . .« riefen sie und schlugen sich gegenseitig auf den Bauch.
»Sie sehen, dass das für uns ganz ungefährlich ist,« flüsterte mir der Graf lächelnd zu.
»Ich muss mich entblössen,« rief ein junges Bauernweib.
Viele Männerhände streckten sich nach ihr und entrissen ihr die Kleider.
»Ich auch . . . mir auch!« riefen sie durcheinander.