Haschisch: Erzählungen

Part 2

Chapter 23,595 wordsPublic domain

Meine Tätigkeit bestand in der Leitung eines nach deutschem Muster begründeten musikalischen Klubs, in dem sich die Gesellschaft von H. angeblich zur Pflege klassischer Komponisten versammelte. Die eigentliche Ursache der Zusammenkünfte war jener geistlose Flirt, den das provinziale englische Bürgertum so über alles liebt, worin es beständig die Instinkte verflüchtigt, ohne nach stärkeren Entladungen zu verlangen. Die hartnäckige Weigerung, sonst an der Geselligkeit teilzunehmen, meine ziemlich extravaganten Halsbinden und Westen setzten bald die zweifelhaftesten Gerüchte über mich in Umlauf. Obwohl mir, dem interessanten Fremden, alle Häuser dieser vor Neugier und Langeweile vergehenden Stadt offenstanden, fühlte ich mich nur zu einem Kreis ein wenig hingezogen, der für die Gesellschaft überhaupt nicht da war, da ihm die verachtetsten Menschen angehörten. In einem Keller der übelsten Vorstadt versammelten sich nachts die Mitglieder einer kleinen hungrigen Schauspielertruppe, deren groteske, oft recht abgeschmackte Sitten mich immer noch mehr anzogen, als die abgezirkelten jener blutlosen Gesellschaft. Diese Schauspieler, zum Teil verkommene Talente, hatten sich der einzigen Panazee ergeben, die gegen den Jammer des englischen Lebens besteht: dem Whisky. Ich verbrachte mit ihnen, meist nüchterner als sie, in dem rauchigen trüben Keller eine Reihe von Winternächten, die mich vielleicht sonst zum Selbstmord getrieben hätten, und nicht eher verliess ich die hagern, pathetischen Zecher, als bis ich sie mit verzerrten Gesichtern in der Emphase der Betrunkenheit ihre Lieblingsrollen durcheinander schreien hörte. Wenn ich dann, von Müdigkeit übermannt, diese Stimmen nicht mehr ertrug, stieg ich in die reine Winternacht empor und unterschied noch in dem ferndumpfen Geheul unter dem harten Schnee Verse aus Hamlet und König Lear. Oft beklagte ich selbst diese Ausschweifungen, die mich halbe Tage verschlafen liessen. Aber immer wieder floh ich zu den Schauspielern; denn wenn der Abend kam, jener feuchte neblige Abend, mit seinen Schauern der Kälte und des Schreckens, dann trat in mein Zimmer das dümmste der Gespenster, dessen Namen wir uns schämen einzugestehen, das es besonders auf die germanischen Rassen abgesehen zu haben scheint: die Sentimentalität. Wie oft hatte ich die Nachmittage über einem Buche verbracht, das mich weit von der Wirklichkeit entfernte, aber leise, wenn die Dämmerung kam, fühlte ich, wie sich die feucht-kalten Hände des Gespenstes, die zu liebkosen scheinen möchten, um meine Stirn, über die Augen legten und mich am Weiterlesen hinderten. Ein Wort hatte vielleicht begehrliche Schwächen in mir erweckt und nun war ich für den Abend der grausamen Macht verfallen. Oder zwischen mein Klavierspiel tönte eine gleichgültige Stimme vom Vorplatz herein, oder ich atmete den Duft des Tees, einer Zigarette, und ich war ein Sklave der nie in ihrer Entsetzlichkeit genannten Gewalt, denn man begnügt sich vor ihr wie über eine süsse Torheit zu lächeln. Ich aber behaupte, dass uns dieser hinterlistige Feind in den Rausch stösst, wenn wir gern nüchtern blieben, dass er Angst vor uns selbst, vor dem Alleinsein erweckt, denn wir wissen, dass er dort auf den Möbeln liegt, Düfte aus gottlob vergessenen Stunden erweckt, alberne Melodien aus dem Flügel lockt und auf den Blumen der Tapeten Gestalten schaukeln lässt, die uns zurufen, und zwar mitleidig, dass wir das Leben versäumt haben. Wir halten das nicht aus, wir rennen davon und alles, was uns der Zufall entgegenwirft, ist uns recht, um über einige Stunden hinwegzukommen. Und dieses unsinnige Wesen daheim tut dann beleidigt, ja als verletzten wir unser Bestes, und aus Widerspruch gegen dieses altjüngferliche Gespenst Sentimentalität besudeln wir uns nach Kräften.

Täglich wartete ich auf einen Umschwung in meinem Leben, denn ich konnte mir nicht denken, dass diese ernsthaften, vorsichtigen Händlerfamilien ihre musikalischen Bedürfnisse lange Zeit durch ein so zweifelhaftes Wesen, wie ich war, befriedigen würden.

Eines Morgens unterbrach ein ausserordentliches Ereignis diesen Winter. Ich erhielt einen Brief mit dem Poststempel der Stadt. Die Schrift war offenbar verstellt. Unter der üblichen steifen Korrektheit der englischen Kalligraphie beobachtete ich eine auffallende Beweglichkeit der Züge, phantastisch angelegte Majuskeln, die mich überraschten. Ich suchte vergeblich nach einer Unterschrift. Das Schreiben lautete:

»Zweifellos, mein Herr, sind Sie der bemerkenswerteste Mensch in H., was übrigens nicht viel heissen will. Seit voriger Woche bin ich von einer Reise zurück und beobachte überall, dass sich die Einbildungskraft dieser Stadt fast ausschliesslich mit Ihnen befasst. Ich habe Sie nicht gesehen, aber man sagt mir, dass Sie totenhaft hässlich sind. Ich möchte Sie kennen lernen. Da mich das Äussere eines Menschen -- besonders der nicht angelsächsischen Rassen -- sehr leicht abschreckt, möchte ich mich mit Ihnen unterhalten ohne Sie zu sehen; wie, das lassen Sie meine Sorge sein. Vorläufig schreiben Sie mir nur, ob es Ihnen der Mühe wert scheint, die Bekanntschaft einer Persönlichkeit zu machen, die Ihnen nichts anderes verrät, als dass sie eine Dame ist.« »Es scheint mir der Mühe wert,« schrieb ich ohne Zögern, denn selbst ein schlechter Scherz hätte meinem Leben Abwechslung gebracht. Ich brauchte nicht lange nach der Baumhöhle im James Park zu suchen, wo ich meine Antwort niederlegen sollte.

»Ich halte Sie für klug genug,« so endete der Brief, »den Reiz dieses Abenteuers nicht durch Belauern des Abholers zu stören. Sollten Sie die Geschichte durch eine Unklugheit verderben, so hätte ich eine missglückte Unterhaltung zu bedauern.«

Am nächsten Tag erhielt ich folgende Einladung: »Montag nachmittag sechs Uhr erwartet Sie Ecke Pier Road und King Street ein Coupé, das Ihnen der Kutscher auf die Parole >Miramare< öffnen wird.«

In der Tat fand ich dort an dem bestimmten Tag in der Dunkelheit des frühen Winterabends unter einem Gasarm ein Coupé. Der Kutscher starrte, einer ägyptischen Basaltgottheit ähnlich, regungslos vor sich hin. Auf den Ruf »Miramare« sah ich ihn eine kurze automatische Handbewegung machen. Der Wagen öffnete sich von selbst. Das elektrisch beleuchtete Innere war in Resedafarbe gepolstert und strömte einen leichten Verbenengeruch aus. Sofort schloss sich hinter mir die Tür und der Wagen setzte sich in Bewegung. Auf einem Eckbrett fand ich Zigaretten. Ich wollte auf den Weg achten, doch als ich die Vorhänge zurückschlug, bemerkte ich, dass statt der Fenster hell polierte Holzplatten in die Wagenschläge eingelassen waren. Zum Öffnen der Türen gab es keinerlei Handhaben. Ich war also ein Gefangener, bis es dem basaltnen Kutscher einfiele, auf den Knopf zu drücken. Nur ein undurchsichtiger Ventilationsapparat an der Decke verband mich mit der Aussenwelt. Die fast lautlose Bewegung der Gummiräder machte mir unmöglich zu unterscheiden, ob ich über Pflaster fuhr oder ob wir die Stadt etwa verlassen hätten. Die Fahrt dauerte erheblich länger als eine einfache Strecke in der kleinen Stadt; doch der Kutscher konnte ja den Auftrag haben, durch Umwege meine Vermutungen irre zu leiten. Mein Aufenthalt in der duftenden Helle dieses rollenden Boudoirs war indessen durchaus erträglich. Ich versuchte die Zigaretten, deren auserlesene Qualität ich feststellte. Plötzlich hielt der Wagen an. Während ich draussen Stimmen vernahm, erlosch die elektrische Birne. Der Schlag öffnete sich. Ich sah ein verschneites Gehölz, ein Stück Nachthimmel und ein anderes Coupé. In wenigen Sekunden glitt geschmeidig wie ein fremdländisches Tier eine schwarzgekleidete Gestalt herein, die so dicht verschleiert war, dass ich weder Alter noch Statur erkennen konnte. Sofort schloss sich der Schlag hinter ihr, der Wagen fuhr weiter. Das Wesen hatte sich in der Finsternis neben mir niedergelassen. Ich beschloss, sie zuerst reden zu lassen. Vorläufig war nichts wahrzunehmen, als das Knistern und der Duft schwerer Seide. Dann sagte eine sichere ziemlich tiefe Frauenstimme:

»Geben Sie mir bitte Ihre Streichhölzer.«

Ich fühlte ihre Hand an meinem Arm. Sie verbarg meine Zündhölzer, wie mir schien, in ihrem Kleid.

»Geben Sie mir Ihren Revolver!« sagte sie darauf kurz und bestimmt.

»Ihren Revolver«, drängte sie.

Ich versicherte ihr, dass ich nie einen Revolver bei mir führe, da ich mir bei meiner Erregbarkeit mehr Unheil als Schutz damit schaffen würde.

»Ausser heute,« bemerkte sie halb ironisch.

»Ich hatte schlimmstenfalls einen boshaften Scherz zu erwarten,« erklärte ich, »dazu hätte mir dieser Stock genügt; mit Vergnügen liefere ich ihn aus.«

»Danke, vor einem Stock habe ich keine Angst.«

»Aber vor einem Revolver?«

»Solch ein Instrument«, erwiderte sie rasch, »gibt einem Abenteuer so leicht den Anstrich von faits divers für die Morgenzeitung.«

In diesem Augenblick bemerkte ich, wie sie etwas Hartes auf das Wandbrett legte. Leise erhob ich die Hand, um den Gegenstand zu befühlen und machte dabei unvorsichtigerweise ein Geräusch.

»Was tun Sie?« fragte sie.

»Ich suche meine Handschuhe.«

Sofort bereute ich diese dumme Ausflucht.

»Ich hätte Lust, Licht zu machen«, rief sie lachend, »um zu sehen, ob Sie jetzt erröten.« Ich kam mir vor wie ein Schulknabe.

»Ich gestehe, mir eine Blösse gegeben zu haben,« sagte ich, »aber verrät es nicht auch eine Schwäche, dass Sie es für nötig hielten, einen Revolver mitzubringen, während ich waffenlos kam?«

»Insofern haben Sie sogar schon einen Sieg zu verzeichnen,« antwortete sie, »als Sie mein Vertrauen besitzen. Ich glaube Ihnen nämlich, dass Sie waffenlos sind.«

»Darf ich Ihnen die Hand drücken?«

»Damit Sie mich mit einem Mal durchschauen? Nun, ich habe Pelzhandschuhe an. Hier haben Sie eine maskierte Hand, deren Gestalt nichts verrät.«

Ich konnte bereits merken, dass ich es mit keiner Bovary zu tun hatte, sondern mit einer ganz bewusst handelnden Frau von abgefeimter Spitzfindigkeit. Manchmal schwieg ich minutenlang; das machte sie nervös.

»Sie haben wohl heute einen schlechten Tag?« fragte sie.

»Im Gegenteil, den besten, seit ich in H. lebe. Und Sie?«

»Ich langweile mich ein wenig.«

»Zu Ihrer Erheiterung will ich Ihnen verraten, dass Sie in diesem Augenblick genau dasselbe erleben, was der Mann so oft vor Frauen empfindet. Aus Scheu vor der Banalität fürchten Sie, die notwendigen ersten Worte auszusprechen. Ich weiss, Frauen amüsiert diese Angst der Männer sehr, denn sie merken, dass man sie zu ernst nimmt. Sie würden ja gar nicht nachdenken, ob es banal ist, wenn man über das Wetter spräche. Ich will nun auch einmal kritiklos sein, wie eine Frau. Fragen Sie mich doch einfach, wie es mir in H. gefällt, ob es in Deutschland ebenso schön ist . . .?«

»Aber Sie können das alles doch auch ungefragt sagen,« erwiderte sie verblüfft, fast gekränkt.

»Mir kommt es ja gar nicht darauf an, zu reden,« sagte ich lachend. »Es langweilt mich nicht im geringsten mit einer Unbekannten, unter der ich mir nach Belieben eine Semiramis oder die Otéro vorstellen kann, schweigend durch unbekannte Gegenden zu rollen und ihr zu überlassen, mir die ausserordentlichsten Überraschungen zu verschaffen. Aber wenn Sie sprechen wollen, stehe ich gerne zur Verfügung.«

»Ist das eigentlich eine Unhöflichkeit?« fragte sie naiv. »Da ich Sie selbst noch nicht kenne, finde ich es interessanter, an Cleopatra zu denken, als an eine Gouvernante aus den Romanen von Mrs. Bradford.«

»Nun will ich Ihnen freiwillig die Hand geben,« sagte sie plötzlich, »ich glaube, mir von dem Abenteuer etwas versprechen zu dürfen.«

Langsam schoben sich kühle, trockene Finger auf die meinen. Ich, fühlte eine jener schlanken, fast etwas zu knochigen Hände mit langen, an den Gelenken etwas ausbuchtenden Fingern, deren zitternde Beweglichkeit stets andere Formen hervorzubringen scheint.

»Glauben Sie, dass ich schön bin?« fragte sie, während ich im Dunkeln mit ihrer Hand spielte, die sich langsam in der meinen erwärmte.

»Nein,« erwiderte ich, »aber Ihre Hand verrät eine Seele, die das Schönsein überflüssig macht.«

»Ah,« rief sie, wie es schien, entrüstet, überrascht und verlegen zugleich. Sie rückte weg. Da ich mich gleich ihr schweigend in die Ecke lehnte, begann sie wieder nervös:

»Warum, glauben Sie, habe ich diese ganze Geschichte eingeleitet?«

»Vermutlich aus Neugier?«

»Vermutlich? Halten Sie mich denn für ganz temperamentlos?«

Statt einer Antwort schlang ich heftig die Arme um sie; während sie sich wehrte, bahnte ich mir den Weg zu ihrem verschleierten Antlitz und drückte meine Lippen auf die ihren. Der Widerstand wurde immer schwächer unter einem Kuss, währenddessen ich den Pudergeruch von nicht mehr in allererster Jugend blühenden Wangen einsog. Ihr dünner feiner Mund jedoch hatte etwas so naiv Anschmiegendes, dass ich den -- vielleicht irrigen -- Eindruck empfing, als entdeckte sie zum erstenmal die Wonnen eines Kusses. Plötzlich stiess sie mich von sich, als hätte ich sie durch irgend etwas verletzt.

»Sie gefallen mir nicht mehr,« sagte sie kurz.

»Weil Ihre Neugier sich nicht so schnell befriedigen lässt, als Sie glaubten?«

»Und Sie? Sind Sie denn zufrieden?«

»Noch lange nicht!« erwiderte ich kühl.

»Und das sagen Sie so ruhig?«

»Durchaus, weil ich der Befriedigung gewiss bin.«

»Das ist stark.«

»Finden Sie?«

Ich presste sie wieder in die Arme. Sie suchte sich los zu machen.

»Lassen Sie mich oder ich schelle dem Kutscher.«

»Schellen Sie!«

Ohne dass ich eine Bewegung von ihr wahrgenommen, hielt der Wagen. Im selben Augenblick öffnete sich der Schlag, um sie hinauszulassen und schloss sich wieder. Die elektrische Birne erglühte, der Wagen setzte sich in schnelle Bewegung. Ich befand mich wieder als einsamer Gefangener in der duftenden Helle des Boudoirs. Sollte ich mir durch zu schnelles Vorgehen das Abenteuer verdorben haben, währenddessen ich vielleicht das Idol meiner Träume umarmte oder eine antike Kurtisane zu mir herabgestiegen war? Am meisten neigte ich jedoch dazu, mir eine grünäugige Perverse mit kleinen Katzenzähnen vorzustellen. Plötzlich unterbrach das Anhalten des Wagens meine Gedanken. Der Schlag öffnete sich, ich stieg aus und befand mich an der bekannten Strassenecke. Noch ehe ich Zeit gefunden, dem Kutscher eine Münze zu geben, fuhr der Wagen davon. Ich stand am Weg wie ein Bettelknabe, der, aus einem Märchentraum erwacht, sich in der Wirklichkeit noch nicht wieder zurechtzufinden weiss.

Eine Woche lang mochte ich über das Abenteuer gegrübelt haben, als mir eines Morgens wieder ein Brief der Unbekannten gebracht wurde. In einem von dem vorigen weit entfernten Stadtviertel würde mich ihr Coupé am nächsten Abend um dieselbe Stunde erwarten.

Wieder war ich während einer halben Stunde ein Gefangener in dem hellen rollenden Boudoir. Als der Wagen anhielt, erwartete ich eine Wiederholung der Vorgänge des letzten Zusammentreffens. Statt dessen befand ich mich in dem Hof eines palastähnlichen Gebäudes. Vor mir stieg eine Freitreppe, die von zwei Kandelabern erleuchtet wurde, zum Hochparterre hinauf. Oben erwarteten mich zwei Diener, die stumm ein Glasportal öffneten, durch das ich in ein helles, durchwärmtes Treppenhaus trat. Man schob mich gewissermassen durch eine Flügeltür in ein dunkles Zimmer. Meine Füsse fühlten einen dichten Teppich. Ich atmete jenen seltsamen Duft von feinem Holz und schweren Seidenstoffen, der in üppigen, wenig betretenen Räumen herrscht. Langsam tastete ich mich bis zu einem Sessel. Dann hörte ich, wie an einer entfernten Wand eine Tür auf- und zugeschoben wurde.

»Wo sind Sie, mein Freund?« fragte die mir bekannte tiefe Stimme mit einem Ton von Vertraulichkeit, der mich nach unserem letzten Abschied überraschen musste. »Bleiben Sie, ich werde Sie finden.«

Ich vernahm, wie sie über den Teppich herankam, dann fühlte ich ihre Hände in meinem Haar.

»Folgen Sie mir!« flüsterte sie.

Wieder umschloss ich jene magere Hand, die mich führte. Ich atmete die laue vertrauliche Atmosphäre, die Frauen ausströmen, welche ganze Wintertage unter leichten Gewändern in ihren warmen parfümierten Gemächern geblieben sind. Wir traten in ein anstossendes, sehr heisses Zimmer, worin feuchte tropische Pflanzen leben mussten. Sie zog mich auf einen Divan. Das Dunkel war so undurchdringlich, dass ich nicht einmal vermuten konnte, auf welcher Seite sich die Fenster befanden.

»Ich habe Sie nun gesehen,« begann sie, »man hat Sie mir gezeigt.«

»Das ist ein Kompliment,« erwiderte ich.

»Wieso?«

»Dass Sie dennoch das Abenteuer fortsetzen.«

»Ich finde Sie in der Tat totenhaft hässlich. Aber das ist Ihre Chance bei mir.«

»Dann sind Sie ja lasterhaft.«

»Und das Laster, Sie zu lieben, heisst Satanismus,« sagte sie leise lachend.

»Ich fürchte, Ihre Lasterhaftigkeit ist nur literarisch«, erwiderte ich plötzlich skeptisch.

»Das verstehe ich nicht.«

»Sie haben vielleicht in London oder in Paris in literarischen Kreisen gelebt, wo es noch vor kurzem für sehr elegant galt, seltenen Lastern zu frönen.«

»Niemals. Nur Finanzleute und bestenfalls Seeoffiziere sind in meine Nähe gekommen. Einen Teil meines Lebens habe ich in Amerika zugebracht. In Paris war ich nie, möchte auch gar nicht hin; ich stelle es mir zu albern vor; in London hielt ich mich nur vorübergehend auf. Mein Vermögen hat mir ein paar Exzentrizitäten gestattet, aber ich habe bis jetzt noch nicht erfahren, was literarische Lasterhaftigkeit ist.«

»Um so besser,« erwiderte ich, »aber woher wissen Sie etwas von Satanismus? Das Wort gehört doch nicht in das Vokabularium amerikanischer Salons?«

»Es macht mir Spass, Ihnen das zu erzählen,« begann sie behaglich. »Schon als Kind reizte mich die Phantastik des Katholizismus, aber glauben Sie mir, es ist nicht mehr, als ein Sport für mich -- ich gebe im Grund keinen Penny dafür -- ich bin Protestantin, und zwar aus Überzeugung; später kaufte ich mir aufs Geratewohl katholische Schriften mit vielversprechenden, beinahe indezenten Titeln, die mich dann freilich meist enttäuschten. Das reizte mich um so mehr. Es ärgerte mich, dass diese Autoren die Geheimnisse, welche sie zu wissen vorgeben, von denen der Protestantismus nichts sagt, für sich zu behalten schienen. Wahrscheinlich ist das alles Gerede, sagte ich mir oft, aber ich wollte durchaus hinter die Schliche dieser Leute kommen. So fiel mir ein Buch über Dämonialität von dem Pater Sinistrari d'Ameno in die Hände . . .«

»Den kennen Sie?« unterbrach ich überrascht.

»Da fand ich die Beschreibung geheimer Zusammenkünfte von Frauen mit sehr sinnenstarken Wesen, genannt Inkubus; niemals hatte ich etwas gehört, was meine Einbildungskraft mehr entflammte. Irgendwo ausserhalb der Gesellschaft einen übersinnlichen Verkehr zu haben, der mit keinem menschlichen Mass zu messen ist, der darum auch keine menschlichen Sittengesetze verletzen, noch eine Dame gesellschaftlich kompromittieren kann, -- denn was der katholische Verfasser da von Todsünde spricht, gilt ja nicht für uns Protestanten -- das schien mir eine so unerhört geniale Idee, eines wirklich vollkommenen Gottes würdig, um besonders intelligente Gläubige zu belohnen, die ihre Handlungen vor der Öffentlichkeit zu verbergen lieben. Mein Leben hatte von jetzt an nur noch den Zweck, dieses ausserirdische Glück zu kosten. Jahrelang lauschte ich auf alles Aussergewöhnliche, das in meine Kreise drang, bis mir vor einiger Zeit eine Chiromantin weissagte, das ausserordentlichste Ereignis meines Lebens würde in diesem Jahre eintreten. Ich begab mich auf Reisen, um dem Wunderbaren zu begegnen. Ermattet und enttäuscht kam ich jüngst zurück.«

»Was mögen Sie auf dieser Reise alles angestellt haben!« warf ich belustigt ein.

»Unterbrechen Sie mich nicht.« Aufgeregt fuhr sie fort: »Wo ich hier in H. erschien, hörte ich von Ihnen. Es war beängstigend, Ihr Name verfolgte mich, wenn ich allein war. Ich war überzeugt, Sie müssten mit dem erhofften Ereignis in Verbindung sein. Unter allen Umständen sollten Sie mir Rede stehen. Vielleicht wären Sie bestimmt, mein Werkzeug zu sein; vielleicht redete der Pater Sinistrari nur symbolisch. Man könnte ja in eine beinahe übersinnliche Beziehung auch zu einem lebendigen Wesen treten, indem man, um den Enttäuschungen und Gefahren der Sinnenwelt zu entgehen, einfach die Augen zumacht. Meinen Sie nicht?«

Mir war ganz und gar nicht zumute wie jemand, der zu einer Schäferstunde gekommen ist. Diese Mischung kalter berechnender Lasterhaftigkeit mit kasuistischer Spekulation und protestantisch-bürgerlicher Beschränktheit konnten einen wirklich aus dem Gleichgewicht bringen; dazu das unbehagliche Gefühl, als Werkzeug zu dienen, gewissermassen herbefohlen zu sein. Um ein peinliches Stillschweigen zu vermeiden, sagte ich:

»Sie haben sich leider alle Möglichkeit zur Befriedigung Ihrer Phantasie geraubt, indem Sie meinen Anblick gesucht haben.«

»Wie hätte ich Sie denn in mein Haus lassen können,« rief sie ganz verwundert, »ohne zu wissen, dass Sie ein Gentleman sind?«

Ich konnte kaum das Lachen unterdrücken. Bis in die vierte Dimension trug diese Angelsächsin die Vorurteile ihrer Klasse.

»Und nun haben Sie diese Überzeugung gewonnen?«

»Nicht nur die,« flüsterte sie, plötzlich wieder erregt; ich fühlte, wie sie mir in der Dunkelheit ganz nahe war. »Ich weiss nun auch, dass Sie wirklich der Erwählte für mein Erlebnis sind. Ich habe die Lichter gelöscht, damit Sie sich vorstellen können, Ihr Idol zu umarmen -- nicht eine Frau, an der Sie tausend Kleinigkeiten stören würden; und diese Urliebkosungen, die sich an keiner Wirklichkeit abnutzen, will ich mir stehlen -- ein Diebstahl! Ich habe Sie gesehen, so wie Sie sind, habe ich mir den Satan gedacht!«

Sie war atemlos. Ich schlug heftig die Arme um sie und war plötzlich ganz von der namenlosen Begier erfüllt, mich mit geschlossenen Augen in den vor mir gähnenden Abgrund zu stürzen.

»Still . . . kein Wort mehr . . .« stöhnte ich wie in dunkeler Angst vor dem Erwachen -- »zerstöre das nicht . . .!« Und ich presste ihr die Lippen zusammen. Widerstandslos, schweigend gehörte sie mir. Ich fühlte mich in undurchdringlicher Nacht, hinter der ich phantastische traumhafte Landschaften vermuten konnte. Zum erstenmal hielt ich das Weib im Arm, dieses dunkle grosse ferne Ewige, das eine Frau niemals ganz verkörpern kann. Alles glühte auf, was sonst ohnmächtige Träume und enttäuschende Wirklichkeiten in mir verschüttet hatten. Ich habe mich niemals so sinnlos bis zum Gefühl der Auflösung verschwendet, als an diesem mageren, geschmeidigen, fremdartigen Leib, der für mich keine Persönlichkeit enthielt, der wirklich das Idol war. Wie sie später behauptete, soll ich bisweilen laut fremdartige barbarische Worte gerufen haben, ähnlich den Naturlauten, die sie von wilden Völkern bei ihren bewusstlosen heiligen Tänzen gehört hatte, ein unwillkürliches Klangwerden höchster Erregungen der Seele, die in das Geheimnisvollste tastet. Sie hatte diese Laute vergessen; sie müssten ihr aber, meinte sie, wieder einfallen, wenn sie den Geschmack gewisser Gifte auf der Zunge spürte, so wie manche Erinnerungen mit Melodien oder Gerüchen verknüpft seien. Ich selbst kann meine Gefühle nur mit denen vergleichen, die ich einmal hatte, als ich in den Alpen mit den Fingerspitzen über einem Abgrund hing und angesichts des Todes mein ganzes Leben, von rückwärts beginnend, in einem Augenblick an mir vorüberziehen sah. So kamen in dieser Umarmung alle Frauen an mir vorbei, die ich gekannt, und ich hatte das Gefühl, alle, alle zu besitzen. Erlebte Umarmungen wiederholten sich in vollkommeneren Vereinigungen, missglückte Abenteuer gestalteten sich neu; einst begehrte unnahbare Königinnen sanken in meine Arme und zum Schluss kamen wundervolle, verschleierte, traumhafte Frauen. Das waren die Geliebten meiner Knabenträume, denen ich früher und glühender gehuldigt, als jenen Lebendigen. Nur wer als Kind solche phantastischen Sehnsüchte gekannt, der mag die Erfüllungen dieser Stunde an der Stärke seiner damaligen, alle wirkliche Liebessehnsucht übersteigenden Wünsche messen.