Harzheimat: Das Heimatbuch eines Malers
Part 6
Nun hatten aber viele der Sünderwinkelsleute schandbarerweise ihre oberharzische Sprache verlernt. Zudem wird im Himmel gemeinhin nur Hochdeutsch gesprochen, weil das nicht so grob klingt. Und so fuhr Leimhus fort: Hört zu! (Das ö fiel ihm sehr schwer!)
Was Ihr alles vorgebracht habt, ist schön. Ich glaube Euch aber nur die Hälfte. Ihr meint, Finkenfangen wäre eine leichte Sache. Ihr irrt Euch. Jedenfalls ist es leichter, einer Wittfrau sechs Meter Holz zu stehlen oder den Schießer in der Grube um ein Paket Dynamitpatronen zu betrügen. Und mit Dynamit zu fischen, ist eine Gemeinheit und keine Kunst. Schwerer ist es schon, dem Oberförster die Forellen vor der Haustür wegzufangen. Ist aber auch kein Kunststück. Und ein Stück Wilpert schießen und hinterher drei Meineide schwören, auch nicht. Wenn aber einer im Wald einen guten Finken ausgemacht hat und ganz genau diesen bestimmten Finken und keinen beliebigen andern auf die Leimrute bringt, -- ich sage Euch, wer das fertigbringt, der kann was.
Und nun begann Leimhus vom »Finkenstandern« und von den Finessen des Finkenfangs zu erzählen. Er mußte dabei notwendigerweise von einigen teuflischen Tierquälereien berichten. Aber er kam mit seiner Erzählung nicht zu Ende. Man war im Sünderwinkel belauscht worden. Dem Leimhus blieb das Wort im Munde stecken: der himmlische Ordnungshüter trat herein. Der Finkensteller verbarg das Gesicht. Ausgerechnet er mußte wieder als Sündenbock entlarvt werden. Als wenn ihn das Mißgeschick auch im Himmel verfolgte! Er war froh, nicht die allerschlechtesten Schlechtigkeiten ausgekramt zu haben. Eine Strafverfügung kam allerdings doch:
Der weiland Vogelsteller Leimhus wird verurteilt, zur Sühnung sündiger Taten und behufs endlicher Besserung bis auf Widerruf wie ein Lockfink an einen Pfahl gebunden zu werden.
Seitdem ists im Sünderwinkel sehr still und sittsam geworden. Und mit dem Finkenfang im Harzheimatland ists auch nichts mehr. Die Vogelsteller fürchten, im Himmel Leimhusens Verdammnis teilen zu müssen. -- Die Finken aber singen seither viel lustiger.
Die Bergbachkönigin
Es muß einer schon Märchenaugen haben, wenn er ihr heimliches Krönlein sehen will. Aber soviel sieht jeder doch, daß sie ein königliches Kleid anhat: welcher Fisch im Bergbach auf und ab hat so schöne rote und orangegelbe Punkte auf dem Schuppenleib! Und so himmelblaue Ringe! -- Das Rotfederle schmückt sich zum Hochzeitszug wohl mit roten Brustflossen und das Elritzel hat einen silbernen Bauch. Der Rotzkopf mit dem dicken Kopf und dem breiten Maul hat außer den goldenen Augen eigentlich nichts an Schönem, womit er prunken könnte, und der stille Schlammbeißer im Mühlengraben auch nicht viel: an die Schönheit der Bergbachkönigin reicht keines heran.
Als noch der Dottersack an ihr baumelte, war sie ein unbeholfenes Forellenkind, das mucksstill in der Uferhöhle eines Murmelwässerleins lag. Es war dunkel in dieser Kinderstube. Das bißchen Tageslicht, das sich dort hinein verlor, mußte sich durch Fichtendämmerung und einen Vorhang von herabhängenden welken Wurmfarnwedeln und Rispensträhnen hindurchstehlen. Das Wurzelgewirr einer Fichte griff tief in die Höhle hinab und krallte mit hundert Fingern Kiesel und Geröll fest. Das gab schützenden Halt, wenn die Schneewasser kamen und das Dotterkindchen mitnehmen wollten. Seine Mutter hatte die Kinderstube mit Klugheit und Fürsorge ausgesucht.
Als das Nesthäkchen einen langen dunklen Winter lang so in der Höhle gelegen hatte und Wurmfarn und Rispen wieder grün wurden, fiel sein unbehilflicher Dottersack ab. Mit diesem Ereignis begann ihr Leben. Sie war ein flinkes Forellenprinzeßlein geworden, das flugs auszog, sich die Welt zu besehen. Es war lustig, sich zwischen Steinen und Geröll zu tummeln. Oder im ruhigen Wasser zu stehen, sich von Sonnengeflimmer überfluten zu lassen und nach winzigen Mücken zu schnappen! Und das hatte sie schnell gelernt.
Aber sie brachte nicht nur den richtigen Forellenhunger aus der Kinderstube mit. Sie kam bald hinter alle die kleinen Schliche und Kniffe, die eine Forelle kennen muß. Sie merkte, daß unruhige Wasser schlechte Sicht nach oben gewähren und den Flossen viel Arbeit machen. Sie war schon eingeweiht darin, daß ein sich bewegendes Etwas am Bach selten etwas Gutes bedeutete und man gut tat, sich zu verstecken. Sie wußte, daß Steine wohl Schutz boten, die Uferhöhle aber besseren gewährte. Sie konnte sich im Falle der Not auch schon richtig drücken, an einen Stein klemmen oder in eine Felsspalte und mit gekrümmtem Schwanz unbeweglich verharren, als ob sie ein zufälliges Stück vom Bachboden oder ein Bröcklein Tannenast war. Aber auch das wußte sie bald, daß der allerletzte Ausweg aus aller Bedrängnis immer der lebendige Strudel war, in den kein Harzjunge, kein Eisvogel und keine Wasseramsel hinabschauen konnte.
Sie hat sie alle kennengelernt und ihretwegen Reißaus genommen hundertmal bachauf und bachab.
Ein paar Sommer lang ist das Prinzeßlein dem Quellwässerchen treu geblieben. Dann wurde es größer. Der Hunger wuchs auch, und es zog hinab zum rauschenden Wildbach. In einem schwarzen Wasserloch fand es ein herrliches Jagdrevier. Das Wurzeldach einer Wetterfichte schattete darüber. Und so tief war die Höhle darunter, daß auch der längste Arm eines Wildfischers nicht hineinreichen konnte.
In dem Loch kam das Bergwasser zur Ruhe, hielt einen Augenblick inne, um Atem zu schöpfen vor der rastlosen Weiterfahrt. Dort wuchs das Prinzeßlein zur Königin heran. Sie verbarg sich unter dem Wurzeldach, lauernd, ob nicht das Wasser eine zappelnde Fliege hertrüge, eine Spinne, einen ringelnden Wurm, ein verunglücktes Waldkäferlein oder gar einen vorwitzigen Frosch. Ratsch -- ratsch gings dann, das Wasser schlug einen schnellen, gurgelnden Wirbel, und die Buntgefleckte stand wieder am alten Platze, als sei nichts geschehen.
Im November, als im Bergwald der Brunftschrei des Rothirsches verhallt war, kam ihr die Wanderlust ins Blut, und eine geheimnisvolle Macht trieb sie talauf in junge Gewässer. Ein Wandergespan gesellte sich zu ihr, der der gleichen Naturstimme folgte und bachauf zog. Es war ein glatter Forellenkavalier. Er umschwärmte und umwarb sie. Da merkte die Bergbachkönigin, daß sie verliebt war. Und sie verlebten heimliche Liebesnächte unter Steinen und in Uferhöhlen. --
In einer schwarzen Nacht stand sie allein im ruhigen Wasser, verlassen von ihrem Galan. Über dem Bergwald wälzten sich Schneewolken. Da irrte ein Lichtschimmer am Bach herauf. Die Bergbachkönigin hielt neugierig still. Sie sah nicht die finsteren Schleichgestalten hinter dem Licht, ahnte nicht ihr Verhängnis.
Ein Stich fuhr ihr schneidend in den Rücken. Ihr Leib krümmte sich, mit letzter Kraft schlug der Schwanz. Sie wollte fliehen. Aber zu fest saß die Gabel des Wildfischers ...
Der hob die Zappelnde heraus. Ihr Krönlein fiel klingend ins Wasser. Die Bergbachkönigin war Fischfleisch in roher Hand.
Herrgottsplätzlein
Es gibt stille Gründe im Bergwald, die sich der Herrgott als Lieblingsplätzchen zum Rasthalten ausgesucht hat. Die Vögel dort singen viel heimlicher. Die Quellen schwätzen leiser als anderswo. Der Wind überm Wald verhält dort den Atem.
Ein Menschenkind mit einem Gottsucherherzen fühlt solche Herrgottsplätze. Wenn aber einer, der kein Gottsucherherz hat, an solchen Ort kommt, den zupfen Englein leis am Rockzipfel, daß er nicht vorübergehen möchte. Manch einer hört auf die stillen Mahner und hat in der Andacht des Waldes den Herrgott gefunden. Mehr aber gehen vorüber. Für sie ist der Wald Holz. Ihr Herz ist nichts anderes.
Es gibt viele Herrgottsplätzlein im Harzheimatland. Aber eins weiß ich, das ist das schönste von allen.
Kennt ihr den Waldteich im Tale Irgendwo?
Eigentlich ist’s nur ein Tümpelchen, der Rest von einem Teich, dem man vor hundert Jahren oder mehr den Damm durchstach. Wenn der Eisvogel, der an seinen Ufern nach Elritzen und Forellen fischt, fünfzehn, zwanzig Flügelschläge tut, ist er drüber hinweg. Größer ist das Waldteichlein nicht. Braucht’s auch nicht zu sein, denn seine Kleinheit gehört zu seinem heimlichen Zauber. Fichten haben es mit Grün umsponnen und haben sich so dicht herzugedrängt, daß kaum ein Streifen Rasen übrigblieb für ein paar Fingerhüte und Erdbeeren. So wurde aus dem Teich ein weltvergessenes Waldmärchen. Ein grünlockiges Dornröschen, das mit offenem Träumerauge einen tiefen, süßen Schlaf schläft in den Armen des Waldes. Es wird kein Märchenprinz kommen, es aufzuwecken. Es wird erst aufwachen, wenn der Förster die Fichten ringsum mit seinem Messer anritzt und hinterher Holzhauersägen und -äxte die Waldstille verjagen. Dann ist’s aus mit der Märchenherrlichkeit. Wald-Dornröschen verliert sein Krönlein und flieht und kommt nicht eher zurück, bis neuer Wald wachsen will. -- Aber noch steht ja der alte. Wenn über Mittag ein Weilchen die Sonne über seine Wipfel lugt, küßt sie heimlich den Waldteich. Sie guckt nur mit einem Auge ins Waldtal hinab, als ob sie die grüne Dämmerung im Dornröschenstübchen nicht fortschrecken wolle. Das Waldteichlein merkt das, fühlt auch den heimlichen Kuß und lächelt. Wenn aber Schatten über dem Tal lagern und nur an den Gipfelquirlen der Fichten noch Sonnengold flackert, wird das Lächeln des Teiches zu Sehnsucht. Und nachts, wenn Sterne in ihm ihre Zeit verträumen, wird sein Auge ein tiefgründiges Rätsel.
Es ist ein großes Schweigen um den Waldteich herum. Sein Leben ist still wie Wasserspinnenspiel und wie das Leuchten der Wasserhahnenfußblüten auf seinem Spiegel.
Er weiß nichts vom Lärm jenseits der Wälder. Hast und Unrast von da draußen drangen nie hinab in den Einsiedlerfrieden seiner verlassenen Schlucht. Er hört nur das Fichtenrauschen über ihm, das leise Sirren im Schilf, das Wehen in Lattichblättern. Und in stillen Nächten, wenn von den Bäumen rings klingende Tauperlen in den Teich tropfen und das Reh heimlich zur Tränke wechselt, hält er verschwiegene Zwiesprache mit dem Quellchen, das ihm unter Kresse und Baldrian seine Wasser zuführt. Zeisig und Goldhähnchen singen ihm stille Morgenlieder, und abends, wenn warmer Waldwind durch den Talgrund weht und die Drossel schlafen ging, läuten die Unken mit silbernen Glocken.
Hast du einmal in stiller Waldnacht gelauscht, wenn geheimnisvoll aus dem Dunkel die feinen, ein wenig stumpf gestimmten Silberglocken zu läuten beginnen? Es vergeht dir der Atem vor Freude!
Klünk -- klunk -- klunk -- klünk -- unk -- klunk -- klünk --.
Ein Glöcklein beginnt, zaghaft, lockend. Eins antwortet, viele folgen, und bald läutet es in zauberischem Chor.
Das ist das Ave des Waldteichleins, wo der Herrgott am liebsten Rast hält. --
Warum denke ich oft an dich, du Teich im Waldesgrunde?
Wenn doch des Menschen Seele ein so friedlich Ding wäre wie du! Voll Ruhe und voll Träumen, klar, rein, wunschlos. Und wenn jede in Feierstunden ihr heimliches Silbergeläut hätte!
Alte Steinbrücken
Geht mir doch fort mit ~T~-Trägern und Betonkleisterei!
Baut eure Betonbrücken über Kanäle, wo sie als Kunsterzeugnis zum Kunsterzeugnis taugen. Sooft ihr aber eine Betonbrücke über einen Harzbach legt, möge euch das schlechte Gewissen zwacken, ihr Gotteslästerer und Naturverschandeler! Könnt ihr euch zu einem Bergwasser voll Leben einen betrüblicheren Gegensatz denken als solchen langweiligen Betonbatzen?
Seht euch die Steinbrücken der Alten an.
Es schmiegt sich alles in die Umgebung hinein. Die Brücke wächst aus dem Bach heraus. Das Steingebröckel des Flußbettes ist zu einem Bogen gebändigt. Ist kein Stein darin frisiert und mathematisch zurechtgestutzt. Die Vielfältigkeit des Baches lebt lustig in der Brücke weiter. Sie ist ein Teil von ihm geworden. Es ist nichts Fremdes, Störendes, Langweiliges in die Landschaft gekommen. Alles ist so einfach und kunstlos, und doch sind diese Steinbrücken Kunstwerke und Meisterstücke der Alten ...
Heute bauen sie Betonbrücken. Beton ist billiger, geht schneller und erfüllt denselben Zweck. Zivilisation hat viel Kultur erdrosselt. Was wissen Pfennigfuchser und Bürokraten von dem goldenen Gesetz des Handwerks, das neben dem Zweckmäßigen das Bodenständige, Echte und Schöne fordert!
Das Schöne ...
Du lieber Gott, schicke doch endlich deinen Geist hernieder. Gib den Berufenen Einsicht und ein wenig Sinn für die Schönheit des Harzheimatlandes. Laß sie die Bergbäche, -- deine lustigen Kinder! -- nicht mit Betonklötzen verschandeln. Tue ein Wunder, und laß alle Zementsäcke, die sie an ein Harzbächlein schleppen, steinhart und unbrauchbar werden. Schlag alle Betonbrücken zusammen!
Die steinernen aber behüte noch tausend Jahr.
Die braune Einsamkeit
Sieben Monde beißt sich der Hochharzwinter da oben fest. In dreien führen Regen, Nebel und Wind die Herrschaft. Was überbleibt vom Lauf des Jahres, ist nicht immer Sonnenschein und Wärme.
So ist das Gesicht des Moores ernst geworden. In Not und Bedrängnis hat es das Freuen verlernt. Wenn es lächeln will, wird nicht mehr daraus wie ein müdes, verschüchtertes Augenblinzeln. Die lichte Unendlichkeit des Himmels über ihm ist Schwermut. Seine Bläue stirbt in schwarzen Wasserlöchern. Zwischen Fichten und Sümpfen hockt die Einsamkeit. Hier oben ist ihr Antlitz ein anderes als in den Quellengründen des Bergwaldes. Stille wird zur Melancholie, Schweigen zum Schauern.
Dieses Grauen der Öde scheucht die Menschen zurück. Das Moor hat wenig Freunde. Der Weidmann pirscht dem Rotwild nach. Auf heimlichen Wechseln schleicht der Wilderer durch Bruch und Dickicht. Wenn die Heidelbeeren blau werden, ist die Gimpelbrut flügge. Dann kommt mit den Beerengängern der Vogelsteller herauf. Manchmal verliert sich ein Waldläufer nach hier, dem es auf geraden Wanderpfaden zu langweilig ist. Aussichtspunktmenschen und Modewanderer holen sich nasse Füße und bleiben fort. Gott sei Dank. Ihnen geht der Zauber dieser Urwelt nicht auf. Die melancholische Großartigkeit der Öde ist nichts für Salonseelchen.
Es ist kein ausgelassener Farbenjauchzer im Moor. Jeder Ton der braunen Einsamkeit wirkt herb wie der Geruch, der rings aus Torfmoospolstern dampft. Selbst wenn die Heide blüht, ist’s nur wie verzagtes Leuchtenwollen, Fröhlichseinwollen, das sich nicht durchringt zu befreiender Herzhaftigkeit. Die Seidenköpfe des Wollgrases nicken im Winde: spar die Müh, spar die Müh! Und auch wenn der Herbst Birkengold und Quitschenkarmin über das Moor flackern läßt und im Heidelbeerkraut ein Gesprühe von Gelb und Rot und Lichtgrün entzündet, zur erlösenden Freude wirds nicht: Das Moor kann nicht lächeln.
Still wie die Farben ist das Leben im Moor. Es ist, als ob auf allen Vogelstimmen die Schwermut der Öde lastet. Da ist kein Jubeln und lustiges Geschwatze. Sie würden die Harmonie der Einsamkeit stören. Der Herrgott läßt nichts aus dem Rahmen fallen. Zur Blütenpracht des Apfelbaums paßt Stieglitzengeflister. Hier oben ist kein Platz für Flitter und Firlefanz. Der Zippe Lied ist auf Moll gestimmt. Melancholisch flötet der Dompfaff. Und wenn der Baumpieper singt, ist’s immer die gleiche verhaltene Weise. Unvermittelt bricht sie ab. Der Sänger wagt es nicht, sein Herz auszujubeln. Etwas Unerlöstes ist über allem im Moor, Leidvolles, Entsagendes. Aber alles gehört ins Bild hinein.
Das Krüglein Freude, das ihm beschieden ward, ist nur bescheiden. Und was der Herrgott ihm an Schönheit mitgab, ist still und unaufdringlich. Es muß sie einer suchen. Wenn aber ein rechter Waldläufer kommt, der Auge und Ohr auftut und sein Herz mit hinausnimmt und ein Feinschmecker ist im Naturgenießen, der wird in der Armseligkeit des Moores viel von diesem heimlichen Reichtum finden. Ihm wird das Rosenglockengeläut der Moosbeere zum Erlebnis. Zwergbirke und Brockenmyrte sind ihm Entdeckungen, zu denen er sich entzückt niederbeugt. Im Moorwasser wandelt sich Himmelsblau zu einem Braunviolett voll feiner Farbigkeit. Alles ist von eigener Art und eigenem Klang. Das große Schweigen wird der Offenbarungen voll. Des Herrgotts verschwiegenste Wunder sind die köstlichsten.
Bruchbergwinter
Du bist ewig schön, mein Bruchberg!
Stürme umtoben dich. Zyklone wollen deine Forsten zerknittern. Du trotzt ihnen mit der Ruhe des Titanen. Und mit immer gleicher Gelassenheit schaust du hernieder ins Harzheimatland.
Schön bist du, wenn der Lenzwind durch deine Wildnis harft, im fahlen Morgengrauen der Auerhahn seinen Liebesruf über das Hochmoor schickt und zwischen Wipfelrauschen und Schneewassergeriesel irgendwo die Zippe ihr Frühlingslied flötet.
Schön bist du, wenn über deinem Wäldermeer flimmernde Sommerluft zittert und blau, endlos blau die Fernen zu deinen Füßen liegen. Würzdüfte atmen durch das Gehölz. Deine Fichtenhallen sind voll Finkenschlag. Und draußen am Moor, wo rosenfarbene Knabenkräuter im Torfmoos blühen, singt sich der Baumpieper sein Sommerglück vom Herzen. In heimlichen Gründen hütet das Alttier sein Kalb. Fingerhut läßt Purpurglocken über die Waldblößen leuchten, und zwischen Wald und Weite schwebt gelassenen Fluges der Habicht. Wie liebe ich deine Sommertage voll Blau und Grün!
Und schön bist du, wenn Herbstnebel dich mit Dampf umhüllen und deine Fichten und Felsen sich wie Riesen in graue Wolken recken; wenn Borstengras und Quitsche sich herbstlich färben und in reiffrostigen Oktobernächten Hirschschrei durch Hai und Hochwald hallt.
Aber am schönsten bist du doch, wenn dich Schnee und Rauhreif eingesponnen haben. Dann bist du ein Gottestempel geworden. Ein Märchenland voll Schönheit ohnegleichen hat in dir sich aufgetan. Schneefahrt durch deine Hänge ist Andacht.
Wie groß und herrlich ist die Stille, die in der Wintereinsamkeit deiner verschneiten Höhe träumt! Alles Laute ist dir fremd. Du bist schweigsam, wie alles Ewige stille ist. Dein Antlitz ist voll Ernst und voll herber Melancholie. Das Dunkel deiner Wälder kann sich lastend auf die Seele legen. Aber der Winter breitet über das Düster eine lichte Verklärung. Das bang Bedrückende weicht. Deine Ruhe wird Wohltat, Gottesfriede.
Wie köstlich fern liegt das Leben!
Tief unten verdämmert die Welt in silbernem Duft. Was in der Tiefe den Alltag bewegt, nichts von allem dringt hinauf in den Frieden dieser weißen Einsamkeit, in der der Herrgott wohnt.
Des Bergwalds Leben ist zur Ruhe gegangen. Das Hochwild wechselte zu Tal. Wenn nicht eine Marderfährte durch den Schnee tupfte und da und dort das Geläuf der Auerhenne, es könnte scheinen, als sei alles Geschöpf hier oben gestorben.
Die Fichten schlafen. Das Goldhähnchen im Geäst wagt nur ein leises, leises Silbersingen, daß es ihre Ruhe nicht störe. Ihr Schlaf ist tief und fest. Sie beugen sich unter schwerer Bürde und stehen da wie betende Büßer, die schicksalsergeben auf Erlösung harren. Wie nickende Träumer, die von Lenz und Drosselflöten träumen.
Es ist eine große Stille im Wald.
Manchmal rüttelt ein Windstoß an den Wipfeln. Dann rauscht es über die Bäume hin wie klagendes Sehnen: Wann kommst Du wieder, schöner Frühling? ... Es verklingt mit einem leidvollen Mollakkord, leise, schmerzlich, und wieder schläft der Wald.
Sein Schlafgewand ist weiß und rein. Jedes Fichtennädelchen, jedes Rindengeschuppe und Flechtengekräusel ist mit Glitzersternchen umsponnen. Es geht ein heimliches Flimmern durch den Wald, das seinen Ernst lichter macht. Aber nirgends ist eine aufdringliche Helle. Wie in einem Dom ist’s. Er baut sich auf aus Silber und Marmor. Durch grünviolette Scheiben fließt zartfarbenes Dämmerlicht in seine Säulenhallen. Wenn die Sonne hineinschaut, sprüht in Smaragden und Rubinen ein Festgeleucht. Dann ist Feiertag im Dom. Alle Kerzen sind angezündet. Der Wald betet.
Bleibe stehen, o Wanderer, und bete mit. Verhalte den Atem, daß du die Andacht nicht störst. Laß deine Schneeschuhe langsam gleiten, daß ihr Knirschen nicht die Stille zerreißt.
Fühlst du das Pochen des Blutes in der Brust?
Bleibe stehen. Und so du ein Gottsucher bist, wird dir der Wald von silbernen Altären herab eine Bergpredigt halten, die du nicht vergißt. Harre aus bis zum feierlichen Amen. Dann wirst du beglückt von dannen ziehen. Und wirst die Fäuste ballen, wenn Johler und Schreier vorüberfahren, die mit ihrem Lärm den Gottesfrieden schänden.
Aber laß die Horden.
Wem _dieser_ Wald nicht die Lippen stumm und die Augen weit macht, der sei dir zu erbärmlich.
Laß sie, und fahre aus dem Kirchendämmer des Gehölzes hinaus und hinauf aufs freie Moor. Über dir wölbt sich Berghimmelunendlichkeit. Bäume und Bäumchen sind zu Boden gedrückt. Rauhreif hat sie verhext. Buckelige Kobolde hocken da. Es schnarchen ungeschlachte Riesen, kauern schlafende Moorhexen, schlummern vermummelte Prinzen und Prinzessinnen. Feuersprühende Drachen schnauben, greuliche Saurier recken sich, -- Gott sei Dank, daß sie starr wurden, just als sie zum Sprung ausholten.
Wenn du Märchenaugen hast und zu glücklicher Stunde hier oben weilst, wird dir auch die Bruchbergkönigin erscheinen. Sie kommt auf einem weißen Hirsch aus dem Walde hergeritten. Über ihren Schultern hängt kostbarer Hermelin. Ein silbernes Krönlein strahlt auf ihrem Blondgelock. Sie reitet schweigend über das Moor. Die Bäume neigen sich vor ihr. Sie nickt ihnen einen milden Gruß zu. In ihren Blauaugen spiegelt sich die weiße Welt.
Nun ist sie vorbei. Du stehst noch und starrst und hältst den Atem an, möchtest vor ihrer Schönheit in die Knie sinken, ihr die Hände küssen oder gar den Mund, und denkst an den Edelknaben und Schön-Rohtraut oder an Tom, den Reimer ... Aber sie ist längst vorbei. Du suchst ihre Spur vergebens. Doch du merkst, daß sie dich verzaubert hat. Heimliche Sehnsucht bleibt in dir brennen. Ewig wirds dich zurückziehen in das Reich der schönen Königinne.
Die Sonne will versinken. Ihr letztes Leuchten streift über die Kämme der Berge. Es malt strahlende Säume um die Fichten, taucht die Wanderer ein in tiefes Orange und überzieht den Brocken drüben mit rotem Gold. Jedes Vorwärtsgleiten der Schneeschuhe ist funkelndes Gesprühe.
Nun ist der Sonne Gutenachtkuß verhaucht. In den Fenstern des Brockenhauses verlischt ein müdes Blinzeln. Dann ist auch für die Höhen die blaue Stunde gekommen, die Wälder und Täler längst erfüllte. Himmel und Schnee werden eins. Es ist Zeit, zur Hütte heimzukehren. Um die Dämmerstunde wachen die Berggespenster auf. Lebe wohl, du schöner Wald!
Die Skihütte
Sie liegt verschlafen im Bergwald.
Es ist nur eine kleine Gemeinde, die den verlorenen Pirschsteig zu ihr zu finden weiß. Im Sommer kommen ein paar Holzhauer hinauf. Sie bleiben nicht lange. Ein paar Tage weht das blaue, fichtennadelduftende Rauchfähnlein ihres Lagerfeuers um die Hütte. Dann ziehen sie wieder hinab. Und manchmal kehrt zu kurzer Rast der Förster bei ihr ein. Stille Gäste, die vom Bergwald das Schweigen lernten wie die Hütte selbst.
Sie hat keinen großen Namen. Und das ist gut. Ihr Zauber ist ihre Verborgenheit, ihre Schönheit die Einsamkeit. Der Bergwald umschmiegt sie mit Dunkel und hütet sie wie ein Berggeheimnis. Sie ist mit ihm verwachsen. Sie lebt sein verschwiegenes Leben mit ihm und kennt alle seine heimlichen Regungen.