Harzheimat: Das Heimatbuch eines Malers
Part 5
Leimhus hatte seine Mietsstube im Jagderhaus. Der Wildschütz und der Vogelsteller paßten gut zueinander in diesem Krähennest, in dem man noch weniger als anderswo Veranlassung hatte, sich gegenseitig die Augen auszuhacken. Das Jagderhaus ist das allerletzte und allerhöchste Häusel im Bergstädtchen. Daß Leimhus gerade dort seine Behausung auftat, hat er nicht des Himmels Fügung allein überlassen. Hier oben war er mit des Herrgotts Vogelgarten in engster Fühlung. Wiesen guckten zum Fenster herein. Dazwischen eingestreut lagen Kartoffeläcker, auf denen es sich im Herbst wunderschön Stieglitzen und Hänflinge stellen ließ. Ganz nahe rauschte der Wald. Man konnte das Zeisigsingen dort, den Schlag der Finken und das Jiffen ziehender Kreuzschnäbel im Jagderhaus hören. So saß der Leimhus mitten im Revier. Und das Schönste an seiner Behausung war, daß sie sich herrlich schnell und ohne allzu heiße Sohlen erreichen ließ, wenn irgendwo auf grüner Flur die Helmspitze des Landjägers blänkerte und die Luft nicht sauber war.
Er hatte die schwärzesten Erfahrungen mit den Hütern der Ordnung gemacht. Gendarm und Förster waren seine geschworenen Feinde. Er ging ihnen aus dem Wege wie eine Katze, der böse Buben den Schwanz geklemmt haben. Beim Vogelstellen hatte er seine liebe Not, auf Stellbusch und Leimruten zu achten und gleichzeitig Umschau zu halten nach Störenfrieden in hellgrüner oder dunkelgrüner Uniform. Sie hetzten ihn. Sie nahmen ihm die Lockvögel fort. Sie waren Schuld daran, daß er mit grausamer Regelmäßigkeit Jahr um Jahr vor das Schöffengericht mußte »wegen unerlaubten Vogelstellens im Rückfalle«. Dann sahen ihn die Bergstadtleute für ein paar Wochen nicht. Es blieb aber nicht immer bei Wochen. Als er damals einen harmlosen Quäker als Nachtigall verkaufte, kams schlimmer. Der Amtsrichter zeigte keinerlei Verständnis für Leimhusens Großzügigkeit und diktierte ihm im Namen des Gesetzes einen langen Urlaub von Leimbüchsel und Jagderhaus.
Des alten Sünders schwarzes Gewissen ward durch die aufgezwungene Muße nicht weißer. Als er heimkehrte, legte er sich auf die Kunstfertigkeit, aus wertlosen Zeisigweibchen gutbezahlte Zeisigmännchen zu machen. Dieser Gedanke war so großartig wie einträglich. Seine Ausführung erreichte er auf einfachste Weise: er träufelte ein wenig Leinöl auf die Unterseite einer Bratpfanne, verrieb das Öl mit dem an der Pfanne haftenden Ruß und strich mit der Fingerspitze der Zeisigsie ein kunstgerechtes schwarzes Plättchen über den Kopf. Durch diesen Schmuck ihrer männlichen Artgenossen lernten freilich die Zeisigweibchen das Singen noch lange nicht. Aber sie gaben ihren Besitzer einer angenehmen Täuschung hin.
Nun ist jedoch ein Zeisig ein ehrliches Waldkind. Er läßt sich auf die Dauer nicht mit fremden Federn schmücken. So hielt das künstliche Plättchen längstens bis zur nächsten Mauserung. Es wuchs wieder ein bescheidenes graues Grün über die Stirn des Zeisigweibchens. Manchem Käufer ging alsdann ein ahnungsvolles Lichtlein auf. Die Gutgläubigen freilich haben das Leimhusensche Kunststück nicht begriffen. Es war auf längere Sicht bemessen und immerhin dauerhafter als ein anderes, das er mit einer Gimpelsie anstellte. Die Gimpelsie sollte ein Gimpelhahn werden. Leimhus malte ihr eine wunderschöne kardinalrote Brust an. Der Herrgott im Paradies hätte es nicht besser machen können. Der Käufer der Dompfäffin aber war unbarmherzig genug, den Vogel eines Tages im Regen stehen zu lassen. Der Regen wusch den roten Kardinal wieder grau. Die Kunstfertigkeit ging zuschanden, -- und des Leimhus Sündenbündel war voll.
Hinterher hat er nur wieder zu Pinsel und Farbtopf gegriffen, wenn er daheim in seiner Stube hockte und Vogelhäusel anstrich.
Seine Stube war eine lebendige Vogelhecke voll Flispern und Flattern. In ihr gediehen außer acht Menschlein ein halbes hundert Waldvögel. Tat man die Tür auf, blaffte dem Eintretenden ein greifbar dicker Dunst entgegen. Einen Augenblick blieb man im Zweifel, ob man zuerst über die Luft staunen oder aber den Lärm bewundern sollte, der mit gleicher Ungeheuerlichkeit aus Leimhusens Bude drang. Das war ein Gedüdel und Trätschen, Zwitschern, Pfeifen, Flöten, als wenn alle Vögel des Bergwaldes zum Wettbewerb angetreten seien. Und war doch weiter nichts als Verzweiflung, Sehnsucht und Leid. Eine menschliche Unterhaltung konnte in dem wirren Durcheinander nur auf geräuschvolle Weise geschehen. Wer draußen vorüberging und das Prahlen und Belfern in der Vogelbude hörte, mochte meinen, es entlüde sich dort ein häusliches Gewitter. Das war durchaus nicht immer der Fall. Es ist nicht leicht, sich harmlos zu unterhalten, wenn fünfzig Vogelkehlen dareinreden.
Alle die Stimmen, die dort aus Drahtkäfigen und Holzbauern sich ein Wörtlein mitzusprechen erlaubten, konnten sich hören lassen. Es waren nicht die Schlechtesten, die Leimhus in Kost und Unterkunft behielt. Jeder Waldsänger, der unter seine Botmäßigkeit geriet, wurde auf Herz und Nieren geprüft. Leimhus führte über seine Gäste ungeschrieben Buch. Eine Art Wertliste, in der jeder nach Kunst und Gaben seinen Platz angewiesen bekam. Wer auf dieser Wertliste zu unterst stand, stand auf der Verkaufsliste sicherlich zu oberst. Dies Verfahren wich zwar erheblich von ehrsamen Geschäftsgrundsätzen ab. Aber Vogelsteller haben ihre eigene Moral, und Leimhus hatte die allereigenste. Er machte es umgekehrt wie die Schuster, die die schlechtesten Stiefel für sich behalten.
Zu seiner Ehrenrettung soll jedoch gesagt sein, daß es leichter ist, mit Bedacht ein paar gute Stiefel herzurichten, als es dem Zufall überlassen zu müssen, ob einem gute oder schlechte Vögel auf die Leimrute flattern.
Mit dem Wörtlein gut oder schlecht waren Leimhusens Urteile indes nicht abgeschlossen. Seine Ohren hörten unendlich fein und waren strenge Kritiker. Der Außenstehende hatte Mühe, in die Mysterien des Vogelsangs einzudringen und all die kniffligen Unterschiede zu begreifen, die der Vogelsteller beachtete. Wenn dem Laien aus Baumesgrün herab ein Fink zujubelt, freut er sich darüber und sagt: Hört doch den Finken an! -- weil er gemeinhin nur eine Art von Finken kennt. Leimhus dagegen hätte sogleich die Ohren gespitzt. Und sogleich wäre auch das Finklein säuberlich in die ihm gebührende Rangordnung eingefügt worden. Denn bei Leimhus hatte die Gattung Buchfink im Gegensatz zu allen Naturforschern der Welt mindestens sechs Unterarten. Er schied sie reinlich danach auseinander, ob ihnen der Herrgott einen Schlag mehr oder weniger, grober, feiner, heller, dunkler, dünner oder voller in das Kehlköpflein gelegt hatte.
Da war zunächst der König unter den Finken, der Reiterjakzieher oder Reiterfexier. Er führte auch den stolzen Namen Rollreiter. Sein Schlag war Schmettern und Rollen: zizizirrrrrreiterjakjakjakzirkel! Er konnte die Finkennarren im Harzheimatland um die Ruhe bringen. Um seinetwillen vergaßen sie Essen, Trinken und Schlafen.
Dem Rollreiter folgte in der Rangordnung der kleine Weide. Er trug sein Verslein zierlich und manierlich vor: widdewiddewiddedadadaweitakel!
Dann kam der grobe Weide: üüüschorschorweitakel!
Und der Buschgefärr: zizizibuschgefärr!
Diese vier waren in den Augen des Vogelstellers der Beachtung wert. Was dann aber aus der Gattung Fink etwa noch sang: ziziziquatschmarakel! oder: latschlatschlatschzwetschenkern! oder: üsüsüsjebzwiakel! oder: ziziziweinzieher! -- das alles war minderwertig und kam unter die anrüchige Rubrik: Latscher.
Auch die Kreuzschnäbel waren nicht alle in die gleiche Gesangsschule gegangen: Ripp-ripp-ripp! machte der Ripper, ein helles Kliff-kliff-kliff! der Kliffer. Der beste Lockvogel unter ihnen war der Klitscher: Klitsch-klitsch-klitsch!
In solcher Art war alles, was an Finken und Grünitzern, Zeisigen, Rotkehlchen, Hänflingen, Stieglitzen, Gimpeln, Zwunschen, Quäkern, Zetschern und Lessigen in Leimhusens Vogelbude hing, nach Klasse und Rasse und Rassigkeit wohlgeordnet und unterschieden.
Ihrer Wertordnung entsprechend war auch das Verhältnis, das Leimhus zu jedem einzelnen seiner Pflegebefohlenen einnahm. Wenn er die Futtertüten aus der Ecke holte und mit zerbeultem Zinnlöffel dem einen Mohn, dem anderen Rübsamen ins Näpfchen schüttete, hatte er für alle ein Wörtlein bei der Hand. Diese einseitig geführte Zwiesprache war nicht immer freundlich. Manchmal lag eine Art rauher Herzlichkeit darin, sprang auch wohl ein Fünklein Seele hinein. Sie wurde um so wärmer, je mehr der kleine Sänger das Wohlwollen seines Brotherrn besaß.
Kumm, Hansel! Host schien gesunga. -- Un du, Kläner, host gestern fein gelockt, -- heite kriegste än Happen meh’! -- Na, du nacketer Zessig? Singe witte net, oder frassen immerzu. -- Wos saht denn nu äner zu dissen Haneflig! Hot wieder dos ganse teire Futter verorzt. Wart, Jerrich, dich will ich Moses larna! Heite gitts nischt!
So ließ er Sonne scheinen über die Gerechten und Donner poltern über die Ungerechten.
Nach dem Füttern ward die bunte Schar nach draußen gehängt. Dann bekam jedes Fenster eine Umrahmung voll Farbe und Musik und hüpfenden Lebens. Sie verrieten die »Firma«. Leimhus brauchte ein Aushängeschild wirklich nicht. Ein werbenderes hätte sich auch schlecht denken lassen. Man sah nicht nur, daß es im Jagderhaus zweifellos Vögel zu kaufen gab. Gelegentlich konnte der Vorübergehende, wenn auch nicht sehr augenfällig, bemerken, daß der Vogelsteller auf Ergänzung seines Bestandes bedacht war. Hier und dort staken wie harmlose Zierate Leimruten an den Käfigen.
Das war freilich nur geringfügiger Nebenbetrieb. Leimhusens hohe Zeit kam, wenn im Herbst die Vögel zu ziehen begannen.
Das Herannahen des Vogelzuges war sozusagen zu riechen, -- das heißt, wenn einer in der Nähe des Jagderhauses wohnte. Zu pünktlicher Zeit traf Leimhus seine Vorbereitungen. Auf seinem Herd bruzzelte ein Eisentopf voll Leinöl. Das stinkende Räuchlein, das sich darüber bildete und zu Schornstein und Hintertür hinausstrebte, war schlechterdings von keiner Nase unbemerkt zu lassen. Dann schnupperten die Nachbarsleute, und über ihr Gesicht ging ein verständnisinniges Lächeln. Leimhus indes stand vor dem Herd und rührte und probierte und kochte so lange, bis das dünne Öl zum zähen Vogelleim zusammengeschmurgelt war. Er entnahm ihm mit einem Span eine Probe, prüfte sie sachgemäß zwischen zwei Fingern und verwahrte den klebrigen Klumpen im Leimbüchsel.
Mit dem Leimkochen aber waren die Vorbereitungen zum Vogelfangen nicht erschöpft. Der Leimrutenvorrat mußte ergänzt werden. Dünne Salweidenruten wurden geholt, geschält und angespitzt, damit sie sich in die Dietle stecken ließen. Die Dietle waren Endchen von Himbeerzweigen, die wegen ihres weichen Marks als Hülse dienten und das Verbindungsstück zwischen Leimrute und Dorre herstellten. Dorre, so hieß der Stellbusch und war weiter nichts als ein dürres Buchen- oder Weidenbüschlein. Aber die Dorre war sperrig und verräterisch. Viel einfacher und unauffälliger war die Klatte. Eine Klatte sah ganz harmlos aus:
Aber wenn sie aufgestellt und verbrämt war, ward sie zum Teufelswerkzeug:
Wenn die Zugzeit begann, war Leimhus wohl vorbereitet. Früh, wenn im Bergstädtchen noch alles schlief, stand er auf und nahm Witterung. Schwamm Nebel über Wald und Wiesen und wehte der Wind aus Westen, schmunzelte er. Die Aussichten waren günstig. Er tappte in die Vogelbude zurück. Auch dort schlief noch alles. Nur der Kernbeißer war wach und warnte mit mißtrauischem hsp! hsp! Unsanft wurden die Lockvögel vom Nagel genommen und in Rucksack, Handkoffer oder sonst ein wenig verräterisches Behältnis getan. Ehe der Morgen graute, standen Lockvögel und Stellbüsche an ihrem Ort. Leimhus verzog sich in den Hintergrund.
Im Aufstellen der Fanggeräte war er kein Pfuscher. Er verfügte über das nötige Pfündlein Erfahrung und wußte, daß Zeisige, Kreuzschnäbel und Dompfaffen nicht auf die niedrigstehende Dorre flogen. Deshalb wurden Klatte oder Dorre an eine Stange gebunden und hoch aufgerichtet. (Doch nicht zu hoch, die Feldpolizei hatte gute Augen!)
Stieglitze und Hänflinge dagegen flogen gern zur Erde. Für sie blieb das Stellbüschlein, wohl gespickt mit Leimruten, am Boden stehen. Der Lockvogel stand daneben. Er sang sich das Leid und die Sehnsucht nach Freiheit aus der Brust. Sein Ruf ward vielen seiner Genossen zum Verderben. Was an Leimhusens Leimruten hing, war ihm verfallen. Die Gefangenen wurden herabgenommen und in den Brotbeutel gesteckt. Damit war ihr Los entschieden: ade Wald, Sonne, Freiheit! Fortan spann sich ihr Leben ab auf zwei armseligen Sprunghölzchen. Ein enger Käfig voll Schmutz und Ungeziefer war ihre Welt. Die Schwingen, fröhlichen Flug gewohnt durch Luft und Wälderweite, flatterten sich am Käfiggitter blutig. Das Gefangensein wurde langsame und grausame Hinmarterung.
Viele freilich zogen das bessere Los und starben, ehe sie noch der Vogelsteller daheim aus dem Brotbeutel nahm. Ungezählt viele, die der Herrgott schuf dem Wald zur Lust und _allen_ Menschen zur Freude. Sie wurden Opfer der Tücken eines Herzlosen.
Ob die kleinen Toten ihn nicht wie eine furchtbare Anklage umschwirrt haben, als auch dem Leimhus sein Stündchen schlug? Ob das Gewissen lebendig wurde, als das Leben sterben wollte?
Irgendwo in der Fremde ist er verkommen. Unstät, heimatlos. Im Bergstädtchen wußte keiner, wo er geblieben war. Saß er im Gefängnis? Zog er mit der Vogelkiepe durchs Land?
Derweilen sie sich noch die Köpfe zerbrachen, pilgerte seine Seele dunkle Pfade, die nicht heimkehren ins Jagderhaus. Er drehte keine Leimruten mehr auf. Nahm auch keine mehr zwischen seine Zähne und zog mit dem Schuhriemen den Leim wieder von den Ruten. Seine Lippen spitzten sich nicht mehr zum Lockpfiff.
Als er vor die Himmelpforte kam, hat ihn der Herrgott jämmerlich an beiden Ohren gezaust.
Der Sünderwinkel
Der liebe Gott kann nicht gegen sein gütiges Herz. Er müßte ja sonst nicht der liebe Gott sein. Und so kam Leimhus trotz seines umfangreichen Sündenregisters schließlich doch in den Himmel.
Aber der Himmelsvater mochte ihn nicht gerade im Allerheiligsten behalten. Er ließ ihm abseits ein Plätzlein anweisen, das für den alten Sünder würdig genug erschien. Leimhus kam in die Ecke, wo Frevler ähnlichen Schlages der Läuterung unterzogen wurden und warten mußten, bis sie zu richtigen Engeln wurden. Damit hatte es bei vielen sehr lange Weile.
Gewissermaßen als Sündenspiegel war über der Pforte zu jenem schwarzen Winkel ein Schildlein angebracht. Und darauf stand zu lesen:
Fischefangen und Vogelstelln Verdarb schon manchen Junggeselln.
Es waren aber nicht nur Vogelsteller und Forellenstecher dort. Holzdiebe, Finkenblender, Dohnensteller und Wildschützen machten die Runde voll. Und es traf sich, daß der Leimhus viele bekannte Gesichter aus dem Harzheimatland dort wiedersah. Als ob der Herrgott eigens für die oberharzischen Sünder einen besonderen Raum geschaffen hätte. Das war auch so. Und damit hatte es folgende Bewandtnis: Der liebe Gott hatte sie zuerst alle recht schief und böse angeguckt, als sie oben um Einlaß baten. Aber da er einsah, daß er eigentlich selbst Schuld war an ihren Vergehen, indem er sie unten auf der Erde in ein so verführerisches Stücklein Natur setzte, in welchem allenthalben die Hirsche springen und Vögel singen und der Wald wächst und in den Bächen die Forellen schnappen, -- indem der Himmelsvater solcherlei Betrachtungen anstellte, drückte er ein Auge zu und hieß sie eintreten.
Er argwöhnte jedoch, sich mit den genannten Menschenkindern sozusagen Läuse in den Pelz zu setzen. Und da er ihren verderblichen Einfluß auf die übrigen Himmelsbewohner fürchtete, schuf er jene Ecke für die Waldsünder aus dem Harzheimatland.
Daß gemeinhin nur solche Landsleute in diesem Winkel aufgenommen wurden, hätte einer nicht nur aus dem bedenklichen Eingangsschild schließen können. Wenn er genau zusah, konnte er unter dem Spruch noch ein handschriftlich hinzugefügtes Sprüchlein entdecken. Das hieß folgendermaßen:
Es krine die Danne, Es waxe das Aehrz, Gott schenke Uns alle Ein frehliges Hertz.
Der liebe Gott hatte zuerst wieder über diese Schmiererei schelten wollen. Doch dann lächelte er. Und er dachte: Ein feines Sprüchlein haben sie sich ausgesucht. Es liegt Heimatstolz und Heimatliebe darin. Sie ehren die Gaben, die du ihrer Heimat zudachtest. Und sie bitten um das Beste, das du Menschen schenken kannst: ein fröhliches Herz. Welche Lebensweisheit! Nicht Gut und Geld wünschen sie. Sie sind zufrieden mit dem Segen ihrer Berge und finden ihr Glück in der Fröhlichkeit des Herzens.
So dachte der liebe Gott und ließ das Sprüchlein bestehen. Und da er kein Kleinigkeitskrämer ist und nur das Herz ansieht, stieß er sich auch nicht an der mangelhaften Rechtschreibung. Der den Wahlspruch einstmals in einer Heimwehstunde hinkritzelte, hatte zu seinen Lebzeiten nur alle Sonnabende die Pochjungenschule besuchen können und wußte mit der Spitzhacke besser Bescheid denn mit der Feder. Er wollte kein Kunstwerk malen: nur seine Liebe ausschütten, wie sie in der Sprache der Heimat über seine Lippen kam.
Der Sünderwinkel war vom Herrgott nicht als Verdammungsort gedacht. Er sollte eine Läuterungsklause sein. Nicht alle, die hier ihren Platz angewiesen bekamen, blieben darin. Nur die Hartgesottensten waren seßhaft. Da die Ecke aber nie leer wurde, tuschelte man im ganzen Himmel, jeder geborene Oberharzer müsse zu seinen Lebzeiten entweder Wildschütz, Holzfrevler, Fischdieb oder Vogelsteller gewesen sein. Manche alles das zusammen.
Leimhus hoffte, im Sünderwinkel auch seinen alten Hausgenossen Jagder anzutreffen. Aber der Jagder befand sich bereits in einer geweihteren Ecke, die dem Allerheiligsten schon näher lag. Er hatte dort mit vielen anderen Invaliden, die einstmals als Zeichen Schlägel und Eisen oder die Wolfsangel führten, ein geruhsames Feierabendstüblein inne.
So mußte sich Leimhus in dem übriggebliebenen Kreis umtun. Er hielt sich zu denen, die auf der Erde selten das Vaterunser gebetet haben und denen trotz ihres jetzigen himmlischen Aufenthalts immer noch kein Heiligenschein wachsen wollte. Man sollte es nicht für möglich halten, welch’ stattliche Zahl alter Knaben dort sitzen geblieben waren. Ein Schuster hockte dort, der vor Zeiten das traurige Geschäft des Finkenblendens im Bergstädtchen zu besorgen hatte. Sogar ein paar Schnapphähne aus dem Dreißigjährigen Kriege räkelten sich da noch herum. Sie wollten Angehörige des ehrsamen Fähnleins der Harzschützen gewesen sein, hatten aber in ihrem Heimatland genotzüchtigt und gebrandschatzt wie die Tillyschen selbst. Das hat ihnen der Herrgott arg ins Kerbholz geschnitten. Denn wer seine Heimat nicht lieb hat oder ihr gar Schaden zufügt, verdient keine Gnade.
Dieser anrüchigen Runde also ward Leimhus zugewiesen.
Glickauf, sagte er und trat ein.
Als er das anzügliche Schild über dem Sünderwinkelspförtlein gelesen hatte, vermutete er, an den richtigen Ort geraten zu sein. Dennoch fragte er verlegen: Kumm ich hier racht? Dr liewe Gott hot mich hierhar beordert. Ich hääß Leimhus. Net von Rachts wahng. Aber mich hahnse unten su getääft.
Herrejeses! Do is ju dr Leimhus! -- riefs ihm aus der Runde entgegen. Kumm mant rein. Dis is die Bucht for die Ewerharzer. Du host grod noch drinne gefahlt! Ober dos Vugelbauer loß mant draußen. Zessing un Haneflige warn in Himmel net geschtellt!
Un ahch käne Gimpels rut ahngeschtrichen! stichelte einer. Jetzt erst bemerkte Leimhus, daß er richtig noch einen Käfig in der Hand hielt. Er stellte ihn an der Pforte nieder und ward, ehe er die vielen Bekannten mit Handschlag begrüßen konnte, am Eingang von einem eisgrauen Männlein zurückgehalten. Das war ein Stadtschreiber gewesen. Der veruntreute vor langer Zeit im Bergstädtchen Witwengelder. Dieser schändlichen Sünde wegen hatte er schon mehrere Menschenalter lang ruhelos auf Erden umgehen müssen. Die Bergstadtleute erzählten sich gruselige Geschichten von ihm. Nun aber bekleidete er seit ein paar hundert Jahren den Posten eines Pförtners im Sünderwinkel. Er zählte auch zu denen, denen es nicht gelang, eine Stufe im Himmel höherzurücken. Zu seinen Obliegenheiten gehörte es, das Wer und Woher aller derer zu buchen, die in den Sünderwinkel verdammt wurden. Leimhus gab auf alle Fragen rechtschaffen Antwort. Als der Stadtschreiber aber fragte: Vorstrafen? da hatte Leimhus leider nicht so viel Finger an den Händen, um die richtige Zahl nennen zu können. Das Stadtschreiberlein mit dem weiten Gewissen merkte die Verlegenheit des Sünders, steckte den Federkiel hinter die Ohren und ließ den Neuankömmling eintreten, ohne alle Spalten in seinem Lebensbuch vorschriftsmäßig auszufüllen.
So zog Leimhus beglückt ein in das Gefilde der Halbseligen, froh, endlich zur Ruhe gekommen zu sein. Es war peinlich gewesen, mit schwarzer Seele zwischen allen Heiligen und Seligen hindurch den Weg in diese Ecke suchen zu müssen. Und ausgerechnet mußte er auch den Vogelkäfig in der Hand behalten haben! Nun verstand er erst, weshalb die Engelsbuben so hinter ihm hergekichert hatten.
Er argwöhnte nichts hinter diesem Lachen, weil er ganz in Gedanken und Träumen versunken war. Während er auf verschlungenen Himmelspfaden dahinschlenderte, hatte er nämlich Betrachtungen darüber angestellt, von welcher Art von Vögeln die Engel alle ihre Flügel hergeliehen hätten. Mit wehmütiger Freude erkannte er Finken- und Stieglitzenflügel, solche von Drosseln, Krammetsvögeln, Kreuzschnäbeln, Zeisigen und Bachstelzen. Er sah Hägerflügel, Ringeltaubenflügel, Bussardflügel und Flügel vom Taubenkrümmer. Die Engelsbuben trugen meist Zaunkönigsflügel oder grüne und blaue vom Blaumüllerle. Just als Leimhus ein paar wunderschöne Seidenschwanzfittiche bewundern wollte, war er am Ziel seiner Pilgerfahrt.
Er wurde in der neuen Umgebung schnell warm. Die Geistesverwandten sonderten sich ab und hockten zusammen. Es waren alle diejenigen, denen es in den Augen flackert und die man im Harzheimatland »Fatzen« oder »schlachter Dingerich« zu benennen pflegte. Es begann eine kurzweilige Unterhaltung unter ihnen. Sie tauschten ihre Erinnerungen aus. Jeder hatte davon ein mehr oder minder volles und mehr oder minder schwarzes Sündenköfferlein bei der Hand. Man kann nicht sagen, daß es himmlische Reden gewesen wären, die da geführt wurden. Um jedoch nicht ungebührlich zu erscheinen, geschah jede Unterhaltung im Flüsterton. Und wenn sie lachten oder feixten, steckten sie aus dem gleichen Grunde die Köpfe unter den Tisch. Das taten sie nun recht häufig, wie es von verstockten Sündern nicht anders zu erwarten ist. Sie hatten ihre erdenhafte Art noch nicht abgestreift. Der alte Adam in ihnen kehrte sich immer wieder heraus. Dann flogen ihre Gedanken ins Harzheimatland hinab. Ach, wenn sie hätten hinterherspringen können! Die himmlischen Ambrosiawölklein wandelten sich ihnen zu Harz- und Fichtennadeldüften. Sie zogen sie in durstigen Zügen ein. Das Bergmenschenblut wurde warm. Ihre Augen blitzten, und jeder erzählte von seinen erlaubten oder unerlaubten irdischen Abenteuern, prahlte mit Streichen und Schabernäcken, Boshaftigkeiten, Schlechtigkeiten, Tücken und just mit allem, was auf der Erde nicht hätte laut werden dürfen, geschweige denn im Himmel. Sie logen, daß sich im Harzheimatwald die Fichten bogen. Einem Trumpf folgte immer ein noch besserer. Der Herrgott hatte schon die Richtigen in den Sünderwinkel geschickt!
Schließlich war die Reihe an Leimhus, aus dem Kistlein seiner Erinnerungen auszupacken. Vom Vogelstellen im allgemeinen zu hören, war seinen Himmelskumpanen zu langweilig. Sie hatten diese Kunst mehr oder weniger alle geübt. Sie wollten es auch nicht glauben, daß Leimhus an einem Morgen zweihundert Zetscher gefangen und acht Tage weiter nichts als Zetscher gegessen habe. Er schlug seine Zuhörer erst wieder in Bann, als er vom Finkenfang erzählte.
Härt zu, begann er.