Harzheimat: Das Heimatbuch eines Malers
Part 4
Der Fremdling übersieht sie zumeist. Selten, daß sich einer wundert, woher so unvermittelt an einer Waldlehne oder einem Wiesenhang ein ebener Plan entsteht, der aus dem Berg herauszukommen scheint, sich vorschiebt und wieder jäh in den Hang hinabstürzt. Der Bergmensch aber weiß, daß er hier auf einem Stücklein Boden steht, das durch die Arbeit der Väter geheiligt ist. Vor langen Jahren haben sie hier nach Silber und Blei geschürft. Hoffnungsvolle Namen gaben sie ihren Gruben. Aber diese erwiesen sich nicht allezeit als Goldene Rose oder Schatzkammer, waren nicht immer Silberlilie und Treuer Friederich; blinkten auch nicht auf die Dauer wie eine Engelskrone oder der Morgenstern. Und die Gnade Gottes und Gottes Segen waren ihnen nicht allen beschieden. Nicht überall lohnte die Ausbeute. Die Zubuße war größer denn der Gewinn. Dann versuchten die Alten ihr Glück an anderer Stelle. Das Gebirge reichte weit. Erz wuchs in jedem Berg. Sie gruben in den Oberschichten des Gesteins. Sie stiegen viele Lachter tief in die Erde hinab. -- Alle diese Gruben sind vergessen. In den Chroniken des Harzheimatlandes heißen sie in ihrer Gesamtheit: Der Alte Mann.
Der Alte Mann waren aber auch die ersten Bergknappen, die die Hoffnung auf blinkenden Segen in die Harzberge lockte. Sie brachten ein regsames Getriebe in den stillen Wald Hercynia. Der Schwarze Tod entriß ihnen Schlägel und Eisen. Krieg und Not verschüttete die Gruben.
Die nachfolgenden Geschlechter gingen mit frischem Hoffen ans Werk. Sie gruben, wurden fündig, teuften ab und begruben wieder. Manche leuchtende Silberader schlug man an. Viele blanke Taler wurden geprägt, von denen Seine Hochfürstliche Gnaden, der Herzog von Braunschweig und Lüneburg, den Zehnten in sein Säckel taten. Dann traf man beim Weiterbauen auf taubes Gestein. Oder Wasser und Widerwärtigkeiten geboten Feierabend. Die Gewerkschaft nahm ihr Gezäh und wanderte weiter. Die alten Gruben blieben vergessen liegen. So liegen sie heute noch. Stollen und Schächte stürzten ein. Das wertlose Gestein aber, das aus ihnen zu Tage gefördert wurde, lagert an der alten Stätte wie ehedem.
Jahrhunderte sind seither über die Halden hinweggegangen. Moos und Gras haben sie zugedeckt. Wälder wuchsen darauf. Wälder wurden gefällt und wuchsen wieder. Und von den Menschen, die einst diese »Hallen« aufstürzten, blieb im Harzheimatland nichts als ihre Sprache, die hart ist wie Fäustelschlag. Und eins noch hinterließen sie: den Mut eines zähen Tiefenbezwingertums. Ihre Nachfahren sind ein furchtloses Bergmannsgeschlecht geblieben, das stolz ist auf einen Beruf, der geliebt und verstanden sein will und von dem sie singen:
Gott hat uns einst die Gnad’ gegeben, Daß wir vom edlen Bergwerk leben ...
Wenn ich auf verfallener Halle stehe, beginnt alte Zeit zu erzählen. Dort muß der Stollen gewesen sein. Eine verwaschene Runse am Hang, die unvermittelt abbricht. Die Schachtstangen, die ihn einst stützten, sind morsch zusammengeknickt und vergangen. Das Erdreich stürzte nach. Das Loch im Berg tat sich zu. Das Stollenwässerchen suchte sich einen Weg und blieb als Bergquell zurück. Über die Runse wuchs Moos. Fichtennadeln stäubten hernieder. Rippenfarn und Weidenröschen siedelten sich an. Wind wehte Tannzapfensamen herbei. Lustig sproß ein Fichtenhorst empor und überdeckte das bloßliegende Gestein. Die schartige Wunde am Berg verheilte zur Narbe. Und auch über die Steinhalden wuchs der Wald. Moos und Tannennadeln wieder polsterten das Gerümpel aus. Fichten krallten ihre Wurzeln tief hinein. Wo am Steilhang der Halle ein Regensturz das neue Erdreich wegwusch oder ein Hirsch seine Fährte durch die Oberschicht drückte, schimmern graue und weiße Steine her. Das Berg, heißt es der Bergmann. Kalkspat, Schieferspat, sagt der Gelehrte. Die Bergkinder aber suchen an solchen Stellen nach einem Glänzlein Kupferkies oder Zinkblende und sind glücklich, »Goldsteine« gefunden zu haben.
Um die Halden schleicht der Fuchs. Über Pfifferlingen und Reizkern wölben sich Fichten. Junge, in denen das Rotkehlchen singt, alte, in deren Zweiggewirr Eichhörnel hupfen. Die Arbeit des Alten Mannes hat ein Waldidyll übersponnen.
Manchmal streicht in dunklen Nächten der Bergmönch hier vorbei. Sein silbernes Geleucht blitzt durch das Holz. Am St. Barbaratage aber läutet heimlich dort ein Schachtglöcklein. Wer Märchenohren hat, der hört es ...
So oft ich an solcher Stätte weile, muß ich still sein. Mir ist, als täte sich der Berg auf. Weit hinten im schwarzen Loch des Stollens sehe ich Grubenlichter flackern. Hämmer sausen auf Handbohrer hinab. Eisen klingt auf Eisen den harten Takt der Arbeit vor Ort. Spitzhacken knirschen sich in das Gestein. Polternd gehen felsige Wände nieder. An den Seiten des Stollens sickert Wasser herab, perlt in klingenden Silbertropfen von der Decke und kommt als Bächlein zu Tage. Auf der Stollensohle bilden Bretter einen ebenen Weg. Schiebkarren rollen darauf aus der Tiefe hervor. Urväter begrüßen mich mit geisterhaftem Glückauf. Auf Schachthut und Hinterleder und Grubenkittel klebt feuchter Schmutz. Sie schieben den schweren Karren auf die Halde hinaus. Bollernd stürzt das Gestein den Hang hinab ...
Glückauf, Alter Mann!
Deine Hände sind voll Schwielen. Der Berg hat dich bleich gemacht. Deine Augen blicken ernst. Harte Arbeit grub harte Falten in dein Gesicht. Bergmannsarbeit ist immer Last gewesen. Dem Knappen von heute hat die Neuzeit hilfreiche Handhaben gegeben. Ihr jedoch waret auf euch selbst gestellt. Ihr wußtet nichts von Bohrmaschinen und Preßluft. Jedes Loch in Felsenwand mußte die Eisenkraft eurer Hände und Arme ertrotzen. Euch trug keine Fahrkunst hinab in Schachtes Tiefen. Für euch gabs nur den Sprossenweg der Leiter, die Fahrt, auf denen eure müden Beine aufwärts und abwärts stiegen viele Lachter. Euer Beutelchen Schwarzpulver war schwach. Es sorgte dafür, daß der Arbeit genug übrigblieb. Dynamit und Donarit schaffen euren Nachfahren reinere Tafel. Und was ihr fördertet, nahm euch keine leicht dahingleitende Feldbahn ab. Euch blieb nichts, als das Sielen über die Schulter zu schlagen und den Karren in die Hand zu nehmen oder die Faust um den Griff des Göpels zu spannen, der ächzend den Erzeimer emporwand. Kein Förderseil, bewegt durch die Kraft einer Maschine und gebändigt durch einen Hebeldruck, glitt hinab in die Tiefe. Unten glühte kein elektrischer Faden. Kein Karbidlicht warf grellen Schein auf marmorne Erzadern. Zu eurer Arbeit leuchtete nichts als das schwelende Flämmchen eurer Unschlittlampe. Das armselige Geleucht ist ein Bild eures Lebens gewesen.
Nun seid ihr lange eingefahren zur letzten Schicht. Ob ihr den Bergmannstod starbt tief unter der Erd’ und man euch im weißen Sarg nach Hause trug, ob eure bergsüchtige Lunge auf dem Strohsack verröchelte, -- wer weiß, wo ihr euren Feierabend fandet. Über eure Schächte ging die Zeit. Erde deckt Mühsal und Last. Erde deckt alles Hoffen auf Goldene Rose und Silberlilie.
Aber die Gnade Gottes mag mit euch sein. Und der Morgenstern möge euch leuchten wie ein gleißender Anbruch im Schacht.
Reicht mir die Schwielenfaust:
Glückauf, Alter Mann!
Mein Gruß ist Hochachtung und Ehrfurcht.
Schpinne
Weiß der Himmel, wie sich der gute Alte diesen Spitznamen erworben hat!
Die Spitznamen im Bergstädtchen sind nicht immer Liebkosungen. Sie verlieren zwar mit der Zeit Sinn und Ätze. Kein Mensch denkt sich etwas dabei. Aber sie bleiben an ihrem Träger haften wie Vogelleim und erben sich fort auf Kindeskind.
Wenn einer damals in der Bergstadt nach Herrn Karl Riese gefragt hätte, wäre er lange irre gegangen. Und die Bergstadtleute hätten die Gegenfrage gestellt: Welchen Riesen meinen sie, den, den, den oder den? Fünfe, sechse, hätten sie hergezählt und an jeden ehrsamen Namen Riese ein Anhängsel mit Eigenprägung gehängt, das sie alle säuberlich auseinanderhielt.
Hätte darum der Fremdling gefragt: Wo wohnt der Riesen-Schpinne? dann würde das eine eindeutige Frage gewesen sein, die über den Gesuchten keinen Zweifel übrigließ. Und jedes Kind auf der Gasse wäre mit dem Bescheid zur Hand gewesen: Beim Bruch-Guste!
Das war nun freilich auch noch keine klare Ortsbezeichnung. Aber der Bruch-Guste ihr Haus war leicht zu finden.
Von der Straße im Tal zweigt sich ein Gäßchen ab. Es hupft mit einer klapprigen Holzbrücke über einen Bach und will hinauf zur Straße am Berg. Das Gäßchen muß aber einen Winkel machen. Denn just hinter der Brücke steht ihm das Haus von der Bruch-Guste im Wege. Das steht dort ganz allein und betrachtet aus seiner Zurückgezogenheit mit stillem Schmunzeln die Hinterseiten der Häuser auf der anderen Seite des Baches. Mit einem Auge kann es gerade noch durch die Gasse zur Straße gucken. Neben dem Steintritt mit der hölzernen Bank läßt ein Brünnlein sein Kristallwasser in einen uralten Eichentubben pladdern.
Dies Haus gehörte der Bruch-Guste.
Dem Zufall, daß es an einer bruchigen Wiese stand, verdankte seine Eigentümerin ihren Beinamen.
In dem Haus am Bruch trieb die gute Frau Guste eine fleißige Milchwirtschaft. Es roch dort immer nach Buttermilch und Molken. Wenn die auf die Diele führende Stalltür offen stand, wehte warmer Stalldunst dazwischen. Dieser Mischduft gehört in meiner Erinnerung untrennbar mit jenem Haus zusammen, in dem eine Treppe hoch mein Freund Riesen-Karel, genannt Schpinne, zur Miete wohnte.
Seine Stube war, wie die meisten Bergmannsstuben im Bergstädtchen, halb Gebrauchszimmer, halb unantastbare kalte Pracht.
Die Alltagshälfte lag im warmen Bereich des Ofens. Im Ofenwinkel stand das schwarze Waschbecken aus Gußeisen. In dieser Ecke geschah nach vollendeter Schicht die gründliche Reinigung vom Schmutz der Grubenarbeit. Dann wurde das gestreifte flanellene Arbeitshemd an den Ofen gehängt und mit Feierabendshemd und Kamisol vertauscht. Auf der anderen Seite des Ofens, wo der Eßtisch seinen Platz hatte, wartete währenddem schon der Kaffee mit der eingebrockten Semmel. Zum Eßtisch gehörten zwei Bretterstühle. Die paar Rohrstühle in der guten Stubenhälfte wären für den Eßtisch zu schade gewesen.
Überhaupt diese Sonntagshälfte!
Die Mutter Riesen hielt auf peinlichste Ordnung in ihrem Schmuckkästlein. Es war kein Fältchen in der Kommodendecke. Die Kalkspat- und Zinkblendedrusen darauf und die Glaskugeln hatten immer den gleichen Platz. Die Lichtbildständer auf dem runden Sofatisch mußten ihre Füße immer genau in dieselbe Stelle der Damastdecke drücken. Und die Mutter Riesen hätte nicht schlafen können, wäre nicht der Kattunüberzug über dem Sofa nach jedem Feierabendschläfchen des Alten erst wieder säuberlich glattgezupft worden.
Zwischen ein paar Sechser- und Achtergeweihen an der Wand tackte eine Schwarzwälderuhr. Der Schatten ihres Messingpendels tupfte an den Kerbschnittrahmen eines vergilbten Soldatenbildes, an dem eigentlich nur noch ein roter Uniformkragen und zwei schwarze Augenpunkte deutlich geblieben waren. Das war das Rekrutenbild meines alten Freundes.
70 ist er mit nach Frankreich gewesen. Auch Anno 66 hat er mitgemußt. Aber die Preußenkugeln hörte er nicht pfeifen. Sein Marsch nach Langensalza fand frühzeitig ein Ende. Wenn er damals für sein Hannoverland keine Lorbeeren pflücken konnte, blieb er ihm doch im Herzen treu. Zuweilen versuchte er mit invaliden Knochen noch einmal einen preußischen Parademarsch. Aber seine Gedanken verloren sich dabei zurück in seine Soldatenzeit unter dem blinden König. Da ging es lustig zu, wenn in den Heidemanövern die »Attolerie« mit »grasgriene Äppel« schoß, -- wahrhaftigen Gott! Des Alten Augen leuchteten. Und wie lautgewordenes Erinnern summte die alte hannoversche Soldatenweise durch seinen Bart: »O Hannes, wat ’en Haut!« Wenn die Rede auf 66 kam, grollte er. Es blieb kein gutes Haar an den Preußen. Als der Urheber des Unglücks aber galt für ihn unumstößlich der General Manteuffel. »Wenn dar verfluchte Manteiffel net gekumme wär!«
Um Langensalza wob er eine strahlende Gloriole. Der Ort hatte etwas Heiliges für ihn, von dem er nur in Verehrung sprach. Aber immer und immer wieder flackerte in seine Welfenandacht der Name Manteuffel hinein wie ein rotes Tuch, das seinen Haß herausforderte.
Da mochte er ein anderes und wirkliches rotes Tuch lieber. Das war sein Scheibenweiserrock. Der Alte bekleidete bei der Schützenbruderschaft den löblichen Posten eines Scheibenweisers. Wenn er Sonntag nachmittags den roten Rock angezogen hatte und die weiße Hose dazu, sah er prächtig aus. Zur Uniform gehörte eine schwarzsamtene Parforcejagdmütze. Und wenn der Alte noch lange Lackstiefel getragen hätte, hätte man ihn für einen richtigen Parforcereiter halten können. Die krummen Beine freilich und der Struppelbart wollten nicht recht zu der stolzen Tracht taugen. Aber diese Umstände taten meiner Bewunderung für meinen Freund keinen Abbruch. Es war immer ein kleiner Festzug, wenn im Sommer die beiden Scheibenweiser Sonntag für Sonntag die funkelnagelneuen Scheiben vom Tischler holten und im Trommeltakt des Schützentambours zu den Scheibenständen zogen. Abseits von jedem Stand lag ein Steinhäusel für die Scheibenweiser. Wenn die Scheiben befestigt und Pflockkasten und Nummerntafeln an Ort und Stelle gebracht waren, verkrochen sich die Scheibenweiser in ihrem steinernen Unterschlupf wie Mauerspinnen.
Manchmal durfte ich mit ins Scheibenweiserhäusel. Diese Gunst machte mich stolz und glücklich.
Kinder schöpfen ihr Glücklichsein aus bescheidenen Dingen. Wenn ich mich in der Erinnerung zu meinem rotrockigen Freund ins Scheibenweiserhäusel zurückversetze, wirds mir warm ums Herz. Ein Spürlein Glück blieb hangen. So muß es echt gewesen sein.
Und ich kam mir sehr wichtig vor, wenn ich dem Alten einen Holzpflock, eine Nummerntafel zureichen durfte. Wenn ein Schuß fehlgegangen war, winkte er pfiffig ab. Konnte er aber eine 20 anhängen, schwenkte er mit einer Großartigkeit ohnegleichen seine Mütze. Tupp-tupp-tupp wurde schnell das Loch zugeklopft. Dann gings im Laufschritt zurück ins Häusel. Hinter den krummen Beinen wehte der Rockschoß wie eine rote Fahne.
Als diese Beine zum Laufen zu alt und der Atem zu kurz geworden waren, zog mein Freund die Scheibenweisermontur aus und verschlief seine Sonntagnachmittage daheim auf dem Kanapee.
Des Alltags aber war er der unermüdliche Schaffer in meinem Vaterhause. Es war nichts in Hof und Haus, an dem seine Hand nicht half. Und was er schuf, schuf er mit der Treue und Verläßlichkeit der Alten.
Sein eigenstes Reich war unser Holzhof.
Ich sehe ihn noch mitten zwischen Bergen geschnittener Scheite. Ich höre bei jedem Niedersausen der Axt oder des eisernen Fäustels ein hechelndes »hach, hach!« Und höre das knatternde Auseinanderbersten knorriger Stuken. Ein gottverdammter Fluch folgt, wenn die Keile nicht anziehen wollen und sich festbeißen in widerspenstigen Wurzelknorren.
Von Zeit zu Zeit wendete er den Kopf zur Seite.
Prtsch! gings dann.
Das Priemen war des Alten einzige Leidenschaft. Das »Priemelbichsel« in seiner Westentasche, das so harzig war wie die Weste selbst, bildete sein Heiligtum. Er hätte es nicht missen können. Wenn er in die Westentasche griff, das einstige Pomadenbüchslein hervorzog und mühsam ein Endchen von der schwarzen Rolle abbiß, ging ein Behagen über sein Gesicht. »Wos muß der Mensch han!« Prtsch! Eher konnte er schon auf den Branntweinbuddel verzichten, den er heimlich in der Holzbanse versteckte. Von Zeit zu Zeit, wenn die Kehle zu trocken war vom Holzstaub, -- und Holzhacker haben gemeinhin trockene Kehlen, -- tat er einen geschämigen Schluck. Er vermißte den Nordhäuser nicht. Aber alle Vierteljahr einmal wurde der Alte schwach. Dann blitzten die kleinen schwarzen Augen noch feuriger unter dem Schirm seiner Baschlikmütze her. Das waren die Stunden, wo der Alte gern einmal wieder Parademarsch machte und sein Herz wieder jung wurde ...
Dies gute, treue Herz, das so lebensfrisch klopfte in der invaliden Bergmannsbrust: »Junge, ich, -- ich schterb noch lange net!«
Und ist doch bald gestorben.
Als ich von seinem Tod erfuhr, war ich in der Fremde. Die Nachricht zerriß etwas in mir. Das blutete und schmerzte. Ich floh die Enge gleichgültiger Menschen. Auf einer Waldhöhe fand ich mich wieder. Einsamkeit war um mich her. In duftblauer Ferne weit hinten lagen die Harzheimatberge.
In der Stunde, wo sie meinen alten Freund zu Grabe trugen, habe ich seinen Namen in die Rinde einer Wetterbuche geschnitzt ... Fremder ist mir die Fremde nur noch einmal gewesen: als man im Maienmond darauf auch meinen Vater begraben hatte.
Der Jagder
Lasterhafte Zungen reden ihm nach, er habe die Namen seiner dreizehn Kinder nicht gewußt. Aber er wußte, daß sie alle einen gottgesegneten Hunger hatten. Und noch besser wußte er, daß es ein Kunststück war, mit einem Bergmannstaglohn dreizehn hungrige Mäulchen sattzukriegen. Bei Kartoffeln und Salz und trockenem Brot werden die Wangen schmal.
Es müßte dem Jagder kein Herz unter dem Kamisol geschlagen haben, wenn er nicht in sechsundzwanzig Kinderaugen den Hunger hätte flackern sehen. Aber er sah es gut genug. Und wenn er deshalb zu Zeiten seinen alten Vorderlader unter dem Heu hervorsuchte, Pulverhorn und Zündhütchen in den Brotbeutel steckte und auf verschwiegenen Pfaden in den Bergwald stieg, wars nicht die Jagdleidenschaft allein, die ihn hinaustrieb. Hunger tut weh.
Es gehen im Bergstädtchen viele Geschichten um vom Jagder. Es hat sich um ihn ein krauser Kranz von Wahrheit und Dichtung und voll abenteuerlicher Romantik gewunden. Aber eins wissen alle Histörchen zu berichten: Daß er seinen Schild, wenn es auch ein unrechtmäßig geführter war, rein hielt. Er war keiner von jenen Aasjägern, die mit gehacktem Blei das Alttier vom Kalbe wegschossen und mit Wilpertfleisch Wucher und Schacher trieben. Er hätte auch den Finger nicht krumm gekriegt, wenn ihm ein hochbeschlagenes Muttertier vor die Flinte gekommen wäre. Denn er nahm neben Pulver und Blei sein Herz mit in den Bergwald.
Er wußte jeden Wechsel im Revier. Kein Rudel war ihm fremd. Und knurrte der Magen zu sehr oder puckerte das Blut zu arg: er ging selten auf vergebliche Pürschen. Sein Vorderlader war von grausam großem Kaliber. Wenn er Dampf machte, ging ein Donnern über die Berge. Und wenn seine Bleikugel saß, saß sie gut und erlöste ihr Opfer rasch. Oder sie verprallte an irgendeiner Klippe, klatschte in irgendeine Fichte und tat keiner Kreatur ein Leid.
Der Wald war des Jagders Kirche und Fleischkammer.
Wenn Sonntags die Glocken läuteten, erreichte ihn ihr Klingen sicher irgendwo auf Bergeshöhen, wo er seine Waldandacht hielt auf seine Art. Nicht immer mit der gespannten Büchse, aber stets mit dem hellen, freien Auge des Naturmenschen, dessen Gott in Waldesmitten wohnt.
Zeisige singen die Liturgie, Wald und Weite halten die Predigt.
Und der Jagder ließ sie zu sich sprechen. Es war nicht jederzeit Hingabe und Genießen in dem wohlgepolsterten Kirchenstuhl des guten Gewissens. Denn nicht alle Sonntagmorgen gingen die Förster unten im Bergstädtlein zum Frühschoppen.
Ja ja, die Grünen!
Der Jagder gehörte nicht zu den Rabiaten. Er suchte im Guten mit ihnen auszukommen. Die Leute sagen, es sei sogar ein recht gemütliches Verhältnis zwischen ihm und den Förstern gewesen. Dennoch soll man sein Schicksal nicht herausfordern. So hielt es der Jagder als für das Klügste, im Revier weder Berufenen noch Unberufenen unter die Augen zu kommen. Wenn auf irgendeinem Waldwege, in irgendeiner Schneise das allerletzte Restlein eines Tabakwölkchens hängen geblieben war, stieg ihm ein unbehaglicher Verdacht in die Nase. Er wurde mißtrauisch wie der Fuchs, dem auf verbotenen Raubzügen die Witterung eines Menschen in den Windfang weht und der nun seine Vorsicht verdoppelt.
Es wäre schade um den schönen Vorderlader! Sie haben ihn so manches Mal vergeblich gesucht ...
War es nicht genug, daß sie ihm daheim so und so oft in die Kochtöpfe geguckt, Boden und Keller durchsucht und manche Spießerkeule mit fortgenommen haben? Wenn sie an seinem Häusel vorbeigingen, schnupperten sie, obs im niederwehenden Schornsteinrauch nicht nach Wilpertbraten duftete. Es war ein ewiges Mißtrauen zwischen ihnen. Und so konnten sie sich trotz aller Freundschaft eigentlich gegenseitig nicht gut riechen, der Jagder und die Grünen.
Als sie es ihm zu bunt machten, vergrub er das Pökelfaß mit dem gesalzenen Wildfleisch säuberlich unter dem Moos eines Dickichts draußen im Walde. So fanden sie nichts mehr bei ihm. Aber das Pulver blieb trocken. Der Stutzen rostete nicht.
Er prahlte nicht mit seiner Passion. Er machte auch keinen Hehl daraus. Sein Sonntagsstaat und Stolz war eine grüne Jägerjoppe mit Hirschhornknöpfen und der Schützenhut mit dem Birkhahnspiel hintendrauf. Es lebe, was auf Erden stolziert in grüner Tracht ...
Die Fensterläden seines Hauses, das sie im Bergstädtchen heute noch das Jagderhaus heißen, waren mit bunten Jagdbildern bemalt. Wenn ich als Junge am Jagderhaus vorüber mußte, waren diese Bilder mein ganzes Entzücken. Ich kenne sie alle noch: Den Schützen mit Bergmannskittel und Schachthut, der einen schwarzen Bart hatte wie der Jagder selbst, den Schweißhund, den flüchtenden Zwölfer (ha, der Stolz!), den Auerhahn. Jeder Fensterladen hatte sein Bild, und eins war immer schöner als das andere. Die Leute sagen, der Jagder habe die Grünen damit ärgern wollen. Ich glaubs aber nicht. Der eine freut sich an einem roten Schlips, der andere an einem armseligen Öldruck. Warum soll der Jagder nicht seine Freude an seinen Fensterläden gehabt haben? Sie waren sogar ein Stückchen Kunst, und ihr Ursprung war eine Liebe. (Wenns auch eine verbotene war.)
Nun haben sie ihn lange begraben. Sie betten die Toten so, daß ihr Antlitz gegen Morgen gewendet ist. Von dorther grüßt den toten Jagder der Bergforst aus blauer Höhe. Es war sein liebstes Revier. Nichts Schöneres hätte er sich wünschen können, als den ewigen Schlaf zu schlafen im Angesicht dieser trotzigen Urwelt, der sein Herz gehörte.
Auf dem Hai, das just über die Wälder der Vorberge herschaut, starb sein Enkel den Wilderertod.
Leimhus
Der Leimhus führte seinen Namen mit Fug und Recht: Auf seiner Hose klebte ein zäher Überzug von Vogelleim. Er hielt auf Reinlichkeit. Es wäre nun aber lächerlich gewesen, zum Vogelstellen Seife und Handtuch mitzunehmen oder das Taschentuch, wenn er eins besessen hätte, zu solchen Zwecken zu mißbrauchen. Weil es jedoch unbehaglich war, mit zusammengeklebten Fingern hantieren zu müssen, wischte er die leimbeschmutzten Hände an der Hose ab. Vogelleim trocknet schlecht. Dieser Umstand bedingte einen häufigen Wechsel der Wischstellen. Die Hände fühlten schon den Platz heraus, der jeweils am Hosenboden oder Hosenbein am trockensten war. So bildete sich mit der Zeit eine Pechhaut von bewundernswerter Gleichmäßigkeit auf der Hose. Und durch solcherart Imprägnierung bekam sie unschätzbare Eigenschaften. Sie zerriß nie, war undurchlässig für Luft und Zug, konnte stehen und glänzte wie Leder.
Dies berühmte Beinkleid gab seinem Träger seinen ebenso berühmten Namen.
Leimhus war der zünftige Vogelsteller. Er übte diesen dunklen und nicht unter dem Schutz des Gesetzes stehenden Beruf hauptamtlich aus. Wenn er ein Aushängeschild nötig gehabt hätte, hätte es folgendermaßen aussehen müssen:
~C. LEIMHUS~
~Vogelstellerei und Vogelhandlung. Erstklassige Waldvögel, nur prima Sänger. Besichtigung frei!~
Ein solches Schild hätte aber zuviel ausgeplaudert. So blieb es klüglicherweise ungemalt.