Harzheimat: Das Heimatbuch eines Malers
Part 3
Von meinem allerersten Kirchgang ist mir nur die Erinnerung an drei merkwürdige Dinge geblieben. Das eine war ein schwarzer Mann. Er hatte ein weißes Bäffchen um und stand auf einem grünen und goldenen Balkon. Von dort aus sprach er irgendetwas vom lieben Gott. Die andere Merkwürdigkeit war ein Mensch mit einem Hauskäppel. Der ging zwischen den Bänken umher und hielt den Leuten einen klingelnden Sammetbeutel unter die Nase. Das größte Wunder jedoch war der Taufengel. Er schwebte von der Decke hernieder und hielt in den Händen ein Taufbecken. Ich aber verstand seine Sendung nicht. Verstohlen fragte ich meine Mutter, was denn eine »Biermamsell« in der Kirche solle.
So hatte mir das Gotteshaus sein Rätsel nicht erklärt. Und als ich hernach den Kirchenbrink hinabstieg, blieb hinter mir das gleiche Geheimnis, das es vordem gewesen.
Osterfeuer
Am Osterheiligabend hat kein Bergstadtjunge Zeit, Abendbrot zu essen. Der Geruch verbrannter Fichtenhecke und brennenden Fichtenharzes prickelt ihm in der Nase. Das Osterfeuer wird angesteckt. Da bleibt für unwichtige Dinge nicht Muße. Jeder hegt zudem in sich die Überzeugung, daß ohne ihn das Osterfeuer nicht brennen und die ganze Herrlichkeit nur halb so schön sein würde, wenn seine Fackel nicht dabei wäre. Neben Ruscheln und Schneeschuhlaufen hat er nicht vergessen, frühzeitig genug seine Osterfackel herzurichten. Der Vater hat das Fichtenstämmlein aufgespalten und zersplissen, damit die Fackel ein gutes Feuer gibt. Sie steht schon lange zum Trocknen am Herd. Sie ist auch schon beim Bäcker gewesen. Der hat sie, nachdem Brot und Kuchen fertig waren, in den Backofen geschoben. Nun ist sie ausgedörrt bis aufs Mark und ist braun und schwarz geworden. Die Rinde will schon abblättern, -- hei, wird das ein Geflacker werden!
Wenn sich auf den Wiesen die ersten dunklen Stellen zeigen, der Schnee weggeht und die Berge scheckig werden, schleppen die Bergstadtjungens die Fichtenhecke für ihr Osterfeuer zusammen. Unermüdlich ziehen sie in den Bergwald und bis in die entferntesten Hauungen, ihr Bündlein Hecke zu holen. Das »Heckeschleppen« ist für jeden Harzheimatjungen Ehrenpflicht. Jeder hat den Ehrgeiz, seinem Ortsteil den Ruhm des schönsten und größten Osterfeuers erringen zu helfen. So entsteht zwischen den oberländischen und unterländischen Buben ein Wettstreit, der friedlicher abgeht, als wenn sie mit wehenden Fahnen und Holzsäbeln gegeneinander zu Felde ziehen und grimme Schlachten schlagen.
Am Ostersonnabend wird die Fichtenhecke kunstvoll um den Osterbaum getürmt. Es ist ein erwartungsfrohes Treiben auf dem Osterfeuerplatz. Keiner denkt früher an zu Hause, bis es Zeit wird, die Fackel zu holen.
Osterfeuer im Harzheimatland!
In den Straßen des Bergstädtchens liegt die kühle Dämmerung des Vorfrühlingsabends. Aus Eisschollen und Schneeresten und winterkalter Erde dampft Nebel. Der Ostervollmond guckt über die Berge. Durch die Gassen zieht ein Duft wie von tausend Weihnachtsbäumen. -- Ihr Armen im Flachland! Und wenn ihr noch soviel Strohbündel und Teertonnen und Pech zuhauf türmt, euer Osterfeuer wird immer ein stinkendes Räuchlein bleiben. In den Bergen aber ist’s reine Opferflamme, in der nichts brennt, denn das der Fichtenwald hergegeben hätte.
Braune und gelbe Rauchschwaden quellen aus dem Heckenaltar. Sie ballen sich zu wogenden Wolken und wachsen wie eine unendliche Säule in den Nachthimmel. Prasselnd fressen sich Flammen durch Harz und Fichtennadeln und lecken hinauf in den Osterbaum. Feurige Lohe knattert durch seine Äste, wirft einen Feuerschein auf Rauch und Menschen und zerstiebt in sprühenden Funken. Mit Feuer und Rauch wird der Winter von dannen gejagt. Das Rasen der Flammen ist Erlösungsjauchzen.
Um das Feuer her schwenken die Harzheimatkinder ihre Fackel, rufen Fitfaat! und ziehen rauschende Flackerfeuerkreise um ihre Köpfe. Über der Bergwiese tanzen tausend Irrlichter. Der Frühlingsnachthimmel malt sein Schwarzblau hinter dies Bild der Frühlingsfreude, die in Großen und Kleinen lebt und bei jedem neuen Osterfeuer neu lebendig wird.
Osterfeuer sind Freudenfeuer, mit denen die Menschen den Sieg des Lenzes über den Winter feiern. Dem Bergmenschen aber, der die Faust des Winters am härtesten spürt, sind sie Dankesopfer.
Das Fest zwischen Ostern und Pfingsten
Wenn zwischen Ostern und Pfingsten die Lerchen das erste Grün aus dem fahlen Lederhosengelb der Bergwiesen hervorgetrillert haben, putzt der Kuhhirt sein Koppels. Und die Bergstadtleute feiern einen hohen Festtag. Der steht nicht im Kalender. Er wird auch nicht von der Kanzel herab verkündet. Und in der Mitternacht vorher rührt sich im Glockenhaus kein Glockenstrang, ihn gebührend einzuläuten.
Und doch hätte er beides verdient.
Denn dieser Sonntag, an dem nach langer Wintersnot die Kühe zum ersten Male wieder auf die Bergweide gehen, ist wie eine Bannlöse. Unten im Land ist mit Vogelsang und Apfelbaumblühen längst der Frühling eingezogen. Er will auch hinauf ins Harzheimatland. Aber der Winter hat alle Täler verklüftet und treibt ihn mit Schneeschauern zurück. Graue Wochen lang geht ein Kämpfen hin und her. Die Schneewehen an den Hängen wollen nicht kleiner werden. Auf den Straßen kleben schmutzige Eisschollen. Regen und Schnee platschen durcheinander. Durch die Wälder rauscht der Sturm. Das Flöten der Drossel, die den Frühling rufen will, wird von seinem Rasen übertönt. Die Bäche tosen. Die Luft ist erfüllt mit aufgeregtem Gebrause. Es ist nicht Winter, es ist nicht Frühjahr.
Das ist der Bergstadtleute böseste Zeit. Niemand sehnt sich mehr nach dem Frühling als sie. Keiner begrüßt ihn dankbarer.
Wenn aber die Kühe wieder auf die Weide treiben, ist ihnen das wie die frohe Botschaft: Der Lenz ist da, nun muß sich alles wenden. Oft genug freilich prasselts mit Hagelschauern hinein in diese Frühlingshoffnung. Aber der Bann ist gebrochen.
Ein Aufatmen geht durch die Menschen. Es ist ein Freuen in ihnen, das niemand kennt und keiner mit Namen nennen kann. Doch jeder fühlt es. Und diese Freude leuchtet in jungen und alten Augen, guckt aus allen Fenstern und wartet in allen Gassen, daß das Horn des Kuhhirten zum ersten Male tutet.
Keine Frühlingsschalmei kann schöner klingen!
Dann tun sich die Stalltüren auf. Ketten fallen klirrend nieder. Die Kühe werden losgebunden. Ihr Fell ist blank gestriegelt. Bunte Bänder flattern an den Hörnern als festfroher Schmuck.
Manchem Mütterlein, das nur ein paar kümmerliche Morgen Pachtwiese ernten kann, rutscht mit dem Ruf des Hirtenhorns eine Sorge vom Herzen. Der Heuboden hat ein arges Loch bekommen. Dem Bergmenschen ist sein Vieh nicht Inventar. Er lebt mit seinen Tieren und sieht ihre Not nicht nur mit den Augen. Er fühlt sie im Herzen mit. Und so begrüßt er das erste Frühlingsgrün an den Hängen wie eine Gottesgabe, die die Berge ihm darreichen für seine Tiere. Froh und kümmernisbefreit läßt er sie nun hinaus: Kumm, Resel, Orschel, Herschel, Liesel, -- kumm!
Die Braunen treten zaudernd über die Schwelle. Sie können noch nicht daran glauben, daß sie die Kette nicht mehr an der Krippe festhält. Und das Taglicht blendet nach dem langen Stalldämmer. Wieder ein zaghafter Schritt. Nun stehen sie draußen und gucken und wundern sich.
Dann geht ihnen ein Erinnern auf an die goldene Freiheit in den Bergen. In übermütigen Sprüngen und Kapriolen hopsen sie davon. Sie schlagen aus in wilder Freude, als wollten sie die Winterfesseln weit von sich schleudern. Die Temperamentvollsten geben ihr Freiheitsbehagen mit den Hörnern kund. Es ist ein Raufen und Stoßen bald hier, bald dort. Bis der Hirtenhund Ordnung schafft oder die Peitsche eines Jungen über die Kämpfenden hinknallt. Klitsch--klatsch--paatsch! -- Das Peitschenknallen gehört zu diesem Festtag wie die Herde selbst. Das wäre kein Bergjunge, der sich nicht wochenlang im Peitschenschlagen geübt und der nicht den Ehrgeiz hätte, die beste, schlankste »Schwippe« zu haben für diesen Tag, auf den sich alle freuen.
Manche Bicktanne wandelt sich zum Peitschenstiel. Die Kaufleute können nicht genug Klappschnüre schaffen, und der Sattler muß die Riemen bündelweis schneiden. Wenn dann der große Tag da ist, wird die Schwippe geschmückt mit der Schwester schönstem Haarband, -- und ein Knallen geht los auf allen Gassen. Klitsch--klatsch--paatsch! hallen die Berge wider. Klitsch--klatsch--paatsch! kommt’s im Echo von den Hauswänden. Der kleinste Knirps ist mit heiligstem Eifer dabei. Selbst die Alten können es nicht verwinden, noch einmal die alte Kunst zu üben. Und es wird erst ruhig im Städtchen, wenn die Herde heimwärts zieht und die Stalltüren sich wieder schlossen.
Unfug, sagst du? -- Nein, auch das Peitschenknallen ist eine Äußerung der Frühlingsfreude. Wie soll ich’s nennen?
Wenn du’s als Bergjunge nicht gefühlt hast, du wirst’s als Nörgler nicht erjagen.
Johannistag
Tripp -- trapp -- Käsenapp, Heute ist Johannistag!
Die Erinnerung an unsere Johannistage kräuselt mir durch den Sinn wie ein Gerank aus bunten und schönen Dingen. Fichtengirlanden schlingen sich lustig durcheinander. In ihrem Grün glühen Pappelrosen. Fliedertrauben quellen daraus hervor, und Nachtviolen tupfen blaurote Punkte hinein. Eierschalenkränze baumeln im Wind. Verlockend streicht um Johannisbaum und Ringelreihen der Duft warmer Blätterkuchen. Lieder klingen. Die Luft ist voll Sonne und Freude und das Herz voll Kinderseligkeit. Ich fühle weiche Mädchenhände in den meinen, spüre in der Nase den Geruch von frischgestärkten weißen Sonntagskleidern und Haarpomade. Haarschleifen flattern. Zöpfe wippen. Alle diese verführerischen Dinge erregen in der Jungenbrust das harmlose Räuschlein ersten Verliebtseins. Der schüchterne Bergbube mausert sich zum Ritter. Irgendwo im Johannistagsreigen glüht ihm ein heimliches Flämmchen, dem alle Lieder gelten. Glück wird Singelseligkeit:
Wo treff’ ich meinen Schäfer an, Wo werd’ ich ihn wohl finden, Der mir mein Herz erleichtern kann? Wohl unter einer Linden? Unter einem grünen Busche, Da ich meinen Schäfer suche, Unter einer Linden, Da werd’ ich ihn schon finden.
Ein Mädel steht unterm Baum. Es winkt schüchtern einen Knaben aus dem Reigen zu sich herein:
Herr Schäfer, Sie bleiben stillestehn, Mir däucht, ich sollt Sie kennen, Warum woll’n Sie so von mir gehn Und sich so von mir trennen? Ei, so will ich mich zu Sie (!) wenden, Fassen Sie an beiden Händen, Und Sie werden desgleichen Und mir ein Küßlein reichen!
Leider geschah das nun nicht. Unsere Alten waren glücklicher daran. Bei ihnen gehörte das Küssen zum Johannistag wie der Johannisbaum und die Johannislieder.
Aber trotzdem klang es fröhlich weiter:
O wie glücklich ist die Stund’, Da ich meinen Schäfer fund!
Nun stand der Schäfer im Kreis. Seine Schäferin war indes in den Reigen zurückgetreten. Und das Schäferlied wiederholte sich in der Umkehrung:
Wo treff’ ich meine Schäferin an, Wo werd’ ich sie wohl finden, Die mir mein Herz erleichtern kann? ...
Bis eine neue Weise im Kreis erscholl:
Ich bin ein lustiger Weidemann, Ich suche mir ein Revier. Ein Hirschlein, das ich schießen kann, Ein hübsches munteres Tier. Es gibt der munteren Tier’ so viel, Der Jäger nimmt sich eines zum Ziel: Puhf! Der Schuß, der ist geschehen, Man muß das Wild besehen!
Das Lied vom Hirschlein setzte sich fort:
Jagt mir doch das Hirschlein aus der Weide! Du und du bist meines Herzens Freude. Wechselt mir die spanischen Pistolen, Daß ich kann mein’ Schatz bald wieder holen! Ei, so komm doch her, mein Kind, Weil ich dich jetzt wiederfind’. Treu um Treu und liebe mich, Und vergiß das Küßlein nicht!
Das war freilich wieder eine Mahnung mit schwachem Ergebnis. Für uns Arme und Nüchterne blieb’s bei der Entsagung:
In dem schönen Rosengarten Eine Dame zu erwarten, Die mir schenket einen Kuß, Die mir schenket einen Kuß.
Und was nützte das Klagelied:
O Jammer, Jammer! höret zu, Was ich euch sagen werde. Ich hab’ verloren meinen Schatz, Der mich so treu geliebet hat. Macht auf, macht auf die Gartentür, Ob ich ihn hier nicht finde!
Und daß das Mädel winkte:
Schau her, schau her, hier ist mein Mann, Hier fall ich ihm zu Füßen. Und der mich einst geliebet hat, Den werd ich einstmals küssen. Nun steh ich wieder auf zu dir Und mache einen Diener für!
Aber fort doch mit den ewigen Herzensdingen!
Es fuhr ein Bauer ins Holz, Es fuhr ein Bauer ins Holz, Es fuhr ein Bauer ins Kermesholz, Ki--ka--Kermesholz, Es fuhr ein Bauer ins Holz.
Der Bauer nahm sich ein Weib, Der Bauer nahm sich ein Weib, Der Bauer nahm sich ein Kermesweib, Ki--ka--Kermesweib, Der Bauer nahm sich ein Weib.
Das Weib nahm sich ein Kind, -- Das Kind nahm sich ’ne Magd, -- Die Magd nahm sich ’en Knecht, -- Ki--ka--Kermesknecht!
Der Bauer schied von dem Weib, Das Weib schied von dem Kind, -- Das Kind schied von der Magd, -- Die Magd schied von dem Knecht.
Das Ki--ka--Kermeslied war lustig. Wir haben es mit Begeisterung und Inbrunst gesungen. Es bildete eine fröhliche Abwechslung in den Johannistagsliedern und den vielen Volksliedern, die in den Singereigen eingeflochten wurden. Wir schöpften aus unerschöpflichem Born und sangen unverdrossen, bis der Abend kam und wir müde in unsere Kissen krochen.
Dann zog die ganze Johannistagsherrlichkeit noch einmal wie ein bunter Traum durch die Kammer. Das ausgestopfte Männlein, das steif und stumm unter dem Johannisbaum gesessen hatte und dem aus Knopflöchern und Handschuhen die Sägespäne quollen, ward zum Kobold. Es hockte auf der Bettstelle. Es hockte auf dem Deckbett. Es spukte in allen Winkeln und trieb seinen Mummenschanz in des Schläfers heißem Köpfchen, darin ein sonderbarer Leierkasten zu dudeln begann:
Orgel, orgel nort--nort--nort, Wo treff’ ich meinen Schäfer an, Ki--ka Schäfer an. In dem schönen Rosengarten, Es grüne die Tanne, es wachse das Erz, Ki--ka--Kermesholz, Wenn ich den Wanderer frage, O Jammer, Jammer höre zu, Im schönsten Wiesengrunde, Ki--ka--Kermesweib, Die mir schenket einen Kuß, Ki--ka--Kuß. Glück auf, ihr Bergleut’ jung und alt, Ich bin ein lustiger Weidemann, Wenn schwarze Kittel scharenweis, Guten Abend, Gute Nacht ...
So schwirrt es in wirrem Kunterbunt durcheinander. Über dem Bette wächst der Johannisbaum empor und wächst hinauf bis in den Himmel. Ein Paradies öffnet sich darüber. Das ist voll Glück und Seligkeit. Pappelrosenkränze und Heckengirlanden schlingen sich um goldene Pfeiler. Hexenhäusel aus lauter Blätterkuchen und warmen Waffeln bauen sich auf. Sterne leuchten, tausend Sterne. Aber einer ist der hellste. Und wie der Träumer näher zuschaut, wird der Stern zu einem nickelnen Zwanzigpfennigstück, das er glückselig in den Händen hält. Er lächelt im Traum. Wie reich er war, als ihm der Schullehrer heute morgen das blanke Zweigroschenstück gab! Zwei Groschen eigenes Geld, o zwei Groschen!
Ihr gütigen Stifter, die ihr lange im Grabe ruht!
Das Strahlen in den Augen der Harzheimatkinder hat euch Dank in die Ewigkeit hinübergelächelt. Die Zwanzigpfennigstücke sind die Zinsen eures Kapitals gewesen. Eure Güte aber konnte sich nicht schöner verzinsen als mit diesem Glückslächeln auf Buben- und Mädelgesichtern und mit jener Johannistagsfreude, die ihre Backen rot malt und die noch über ihre Augen huscht, wenn sie abends müde in ihre Betten schlüpfen.
Die Waldschenke
Möchtest Du nicht mit mir schnell hinüber über das Gatter und hinunter ins Häusel?
Oder möchtest Du Dich nicht auch hier niederlegen am Rande des Holzes und zwischen Fingerhüten und Ehrenpreis träumen, Stunden verträumen, Tage, Wochen?
Alles in diesem Waldwiesenwinkel ist freundliches Winken: Hier ists gut sein!
Welche Zauberdinge sinds, die so eindringlich locken?
Ein Flecklein Lichtgrün im Tannenduster, Vogelstimmen im Wald, zwischen Blumen ein Plauderbach, -- und weltferne Stille. Mitten in allem ein rotes Dach, unter Bäumen ein paar Holzbänke, eine Laube im Gärtchen ...
Wer könnte vorüberwandern!
Ist kaum ein halbes hundert Jahre her, da war dies Tal erfüllt vom Lärm der Arbeit. Der Bach plantschte über Wasserräder. Pochstempel stampften einen harten Daktylus in die Waldstille: _Paff_ -- paffpaff, _paff_ -- paffpaff. Unter ihrem Schlag barst Erzgestein zu Kies und Staub. Aus allen Hütten kam Poltern und Rumoren. Das Echo polterte mit. Pochjungen hantierten an Waschherden und eilten geschäftig auf und ab. Blutjunge Knaben, die das Leben hier allzufrüh in ein eisernes Joch spannte. Blaukittelige Fuhrleute schrien. Angetan mit weißem Kittel und hohen lehmfarbenen Gamaschen stolzierten Königlich Privilegierte Fuhrherren einher, ihre zahlreichen Fuhrwerke musternd. Knarrend fuhren Erzhielen talaus, talein.
Nun ist das geschäftige Bild verschwunden. Die Pochwerke sind fort. Es blieb kein Stein auf dem andern. Fichten grünen über ihrer Stätte. In den Schlammlöchern wachsen Schilf und Schachtelhalm. Natur nimmt langsam das Ihrige zurück. Der Stampftakt der Stempel ist verstummt. Das Zechenhäusel, -- die Waldschenke, -- ist der letzte Zeuge jener Zeit. In dem Stüblein, wo sich heuer der Gast erquickt, hielten vor Zeiten die Pochjungen ihre Betstunde vor der Schicht. Sie sangen ein frommes Lied. Der alte Vorbeter las ein Gebet. Die Arbeit begann mit Gottes Segen.
Kinder im Joch --, Gottes Segen?
Wenn ich am Gatter liege und träume, ziehen in langer Wallfahrt bleiche Knaben durch das Tal. Eine stumme Anklage gegen eine grausame Zeit.
Die Stille im Wald ist wie das Ausruhen vieler Bergmenschengeschlechter, denen harte Arbeit an diesem Ort Blut und Jugend nahm.
Der Gnadenlöhner
Sein Hauskäppel ist fadenscheinig geworden. Die bunten Blumen darin sind ausgefädelt und haben die Farbe verloren. Silberne Strähnen quellen unter dem Käppel hervor.
Jede Bewegung des Alten ist gemessene Ruhe. Wenn er das Fenster öffnet und den Pfeifenkopf ausklopft, aus dem Tabakskasten dann eine armselige Mischung von Tabak und Kirsch- und Huflattichblättern in den Kopf stopft, das alles geschieht mit der gleichen Bedachtsamkeit, mit der er hinterher zu Zunder und Feuerstein und Stahl greift, Funken schlägt und langsam zu paffen beginnt. Ist nichts, das ihn zur Eile triebe oder ein Wellengekräusel verursachte auf dem abgeklärten Spiegel seiner Seele. Er steht über den Dingen. Und das Leben -- ach das Leben! Er hat abgerechnet mit ihm.
Das Leben zieht draußen vorbei. Es geht mit Axt und Säge ins Holz. Fährt an zur Schicht in der Grube. Rollt auf Bauholzwagen straßab. Wetzt auf den Bergwiesen die Sensen ... Wann begann doch seins?
Der Alte sinnt.
Seine Gedanken spinnen einen langen Weg zurück. Es ist kein sanfter und weich gepolsterter Wiesenpfad, den sie wandeln. Sie müssen einen steilen Bergstieg hinab, über Steingebröckel und spitze Klippen und Schlackenhalden, durch Hohlwege und schwarzen Wald. Tief unten, wo der Weg beginnt, liegt im Talesgrund ein grünes Paradies voll Lust und Vogelsang: seine Kinderzeit. Ein Nebel breitet sich darüber. Zu früh hat er draus fortgemußt. Über kaum erblühte Blumen fiel Reif mitten im Frühling. Sie sind ungepflückt gestorben. Kein Traum macht sie wieder lebendig.
Zehn Jahre war er alt. Des Vaters Taglohn reichte nicht für die Familie. Zwei Taler zehn Mariengroschen in der Woche, -- du lieber Gott! Und der Himten Herrenkorn war bald verzehrt. Blieb keine Wahl: die Kinder mußten mit ins Joch.
Bergmannsjungen mußten Bergleute, Hüttenmannsjungen wieder Hüttenleute werden. Das war ungeschriebenes Gesetz im Harzheimatland. Zu beiden Berufen bildete das Pochwerk die Vorbereitungsstätte. Wurde aber keiner im »Pucherig« aufgenommen, der nicht zehn Jahre alt war ...
Es kam auch keiner hinein, der sein Vaterunser nicht konnte und die zehn Gebote und das Einmaleins. Wer sich in solcherlei Dingen des Kopfes und des Herzens zur Zufriedenheit des Obersteigers auswies, der erst war würdig, staatlicher Pochjunge zu werden. Es waren bescheidene Rühmlein mit dieser Würde verbunden. Die Pochjungen brauchten nur Sonnabends zur Schule. Zu Fastlahm, dem Dankfest der Bergleute, durften sie mit Grubenkittel und Schachthut und Hinterleder beim Kirchgang den Großen vorangehen. Zum Johannistag steckte ihnen die Mutter Sirupsbranntwein in den Brotbeutel. Sie setzten mit dem ersten Anfahrtstage ihren Fuß auf die oberste Sprosse der Leiter, die zu Silber und Blei in den Berg hinabführt. Der Weg bis dahin freilich war weit. Ruhm und Ehre heischten harten Tribut. Und zuvörderst stand die Leiter noch im Pochwerk.
Mit dem Morgengrauen begann die Fron. Der Vorbeter im Zechenhaus konnte die Müdigkeit aus Kinderaugen nicht herausbeten. Wurden während der Arbeit die Kräfte schlaff oder wollte der Pochjunge Kind sein, wies ihn der Vogelpols des Steigers, die Klopfpeitsche, ins Joch zurück. Zwölf Stunden Scharwerken, Schmalzbrot im Brotbeutel, elf Pfennige Taglohn ...
Sie schleppten ihre müden Glieder nach Haus. An Blumenblühen und Vogelsang und Sonne und allem vorbei, was Kinderherzen erfreut.
Wem harte Faust im Nacken sitzt, dem stirbt die Jugend rasch. Das Pochwerk zerstampft Stein und Erz und Kinderherzen. Und hinter Schlackenkarren und Erzhunden wird der Mensch nicht jünger. Was übrigbleibt an Lebenskraft, nimmt bei dem einen der Schacht, dörrt bei dem andern der Schmelzofen aus.
Des Alten Weg führte nicht über Sonnenhalden. Nun ist er über den Berg. Die Sonne freilich ging derweilen jenseits hinab. Just ein Fünklein warmen Abendscheins kann er noch erhaschen. Im Antlitz des sinkenden Lichts stößt er den Stecken in die Erde. Ein müder Pilgersmann. Sein Ränzel ward auf der langen Bergfahrt leer. Er muß den Leibriemen enger schnallen. Blieb nichts im Sack als ein Stück Gnadenbrot und armselige Habe: ein Päcklein Tabak, eine Scheibenbüchse, die sein Arm nicht mehr halten kann, eine Harzzither, darauf die Saiten zersprangen ...
Aber der Alte hat sich weise in sein Los gefügt. Grübeln und Grämen bringen verlorene Jugend nicht wieder. Er will beschaulich genießen, was ihm von Licht und Tag noch übrigbleibt. Er weiß: Wenn die Sonne fort ist, wird sich hinter ihr das schwarze Schachtloch Ewigkeit auftun. Dann wird er am Ziel sein. Bis dahin bewahre Gott uns allen ein fröhliches Herz!
Wenn der Gnadenlöhner solcherlei Gedanken spinnt, ist in seinen Augen fernes Feierabendleuchten voll Güte und Milde. Und in seinem Blick ist jener Friede, der mit der Welt und allen Alltagsdingen darin abgerechnet hat und bereit ist, das Ergebnis dieser Rechnung dem Herrgott vorzulegen: Das Leben hat mir nichts geschenkt. Ich habe meine Pflicht getan.
Glückauf, Alter Mann!
Um die Bergstadt verstreut liegen seltsame Gesteinshalden. Auf den Wiesen einzelne, die meisten im Walde versteckt. Es sind die letzten Reste uralter Gruben.