Harzheimat: Das Heimatbuch eines Malers
Part 2
Die breitkronigen Ahorne und Eschen, die mein Kinderland beschatteten, sind fort. Das Geld für ihr Holz war fremden Menschen wertvoller als die grüne Laubpracht und der Vogelsang darinnen. Von ihren Wipfeln flöteten die Stare Jahr um Jahr den ersten Frühlingsgruß ins Bergstädtchen hinein. Nirgends sangen Fliegenschnäpper und Schwarzplättel lustiger als hier. Wenn die Finken schlugen, wars wie ein Konzert in grün verhangener Halle. Am Ahornhang blühten die allerschönsten Veilchen, -- o, wie sie Frühling dufteten! -- und schönere Schneckenhäuser gab es nirgendwo.
Nun ist von der rauschenden Baumherrlichkeit nichts geblieben als ein paar Wurzelstümpfe. Wie letztes Lebenwollen kümmern Jungtriebe daraus hervor, an denen die Ziegen rupfen.
Wenn ich den Kirchenbrink hinansteige, ist mir der Weg ohne die Bäume fremd. Meine Augen suchen etwas. Und wenn sie dann ins Kahle, Leere schauen, tropft es schwer von meinem Herzen. Ein Stück meiner Jugend hat hier gegrünt. Bäume können zu Freunden werden, denen man nachtrauert.
Schattenlos senkt sich der Hang zum Bach hinab. Es ist, als ob er blinzeln muß, sich nicht an die Helle über ihm gewöhnen kann und auch er die Alten vermißt. Als sie noch ihr Laubdach über ihm wölbten, war sein Wasser ein Wechselspiel von grünen Widerscheinen. Um Kiesel und Geröll rieselte ein smaragdenes Mosaik. Bachstelzen wippten darüber hin. Alle Vögel aus der Nachbarschaft kamen zum Trinken hierher. In trockenen Sommern holten sich die Schwalben von dort den Schlamm zum Nesterbauen. Es war ein heimliches Paradies. Brennesseln wucherten den Hang hinauf. Schöllkraut blühte rings, und zur Herbstzeit war es lustig, im Springkraut zu waten. Just an dieser Stelle entfloh der Bach für eine kurze Weile den steinernen Mauern, die ihn bei seinem Lauf durch das Bergstädtchen im Zaume hielten. Denn zu Zeiten konnte er ein ungestümer Geselle sein, der mit Rauschen und Reißen daherstürzte und steinepolterndes Unheil ins Tal wälzte. Zumeist freilich war er ein friedfertiges Bergbächlein, das sein Blänkerwasser pladdernd hinabführte, Wiesen grüßte von Bäumen, Brücken und Häusern schnörkelige Bildlein malte und allen, die es hören wollten, von Berg und Bruch und Urwald erzählte, die ihn geboren. Er hatte auch einen richtigen Namen, der in jedem Erdkundebuch und auf jeder Landkarte steht. Aber die Bergstadtleute nannten ihn nie mit seinem Taufnamen und sagten einfach: die Flut. Auf der Flutmauer, die sich dem Ahornhang anschloß und zum Grundstück des Vaterhauses gehörte, grünte in fröhlicher Ungebundenheit ein Himbeerwäldlein. Dort hatte der Zaunkönig seine Heimlichkeit. Und jedes Jahr knixten von der Gartenplanke hinter den Himbeeren zehn putzige braune Bällchen mit keck emporgerichteten Schwänzen in die Welt hinaus. Ich hätte das Geburtsschloß der jungen Zaunkönige gern gesehen. Aber eine Scheu hielt mich zurück. Es wäre mir als Sünde vorgekommen, ihr heimliches Glück mit meinen Blicken zu stören. Ich bin nie mitgegangen, wenn mir Kameraden ein Vogelnest zeigen wollten. Als ich zum allerersten Male ein Nest aus der Nähe sah, war mir das ein heiliges Erlebnis, bei dem mir das Herz pochte.
Wenn in der Flut eine Wasserratte schnupperte oder gar ein Iltis über die Steine hopste, wurde im Zaunkönigreich Feuer und Mordio gezetert: zerrr, zerrr zerrrzerrrzerrr! Dann wußten alle Vögel, daß ein feindliches Etwas den Frieden im Flutwinkel stören wollte. Sogleich war Frau Wippstert, die graue Bachstelze, zur Stelle. Sie hielt einen Augenblick inne im Wippen und gab den Warnruf weiter: Zuip-tütütüt, zuip-tütütüt! Mit hastigem und ängstlichem pink-pink-pink-pink flog der Fink herzu, und hß-taktak, hß-taktaktak, lumpenpack! warnte das Rotschwänzel. Dieb? dieb? fragte lakonisch der Fliegenschnäpper, der in aller Aufregung die Ruhe bewahrte.
Dann richtete sich auch die gelbe Bachstelze in ihrem Nest auf, legte den Kopf schief und äugte verwundert zur Flut hinab. Ihr Nest hatte sie an unserm Stall. Wenn sie an Regentagen an den Stallfenstern nach Fliegen und Spinnen jagte, hätte sie den Kühen und Pferden im Stall zuschauen können, wenn nicht die Fensterscheiben grün und blau und blind gewesen wären.
Unser Stall!
Mir zieht der Duft von Heu und Häcksel durch die Nase. Ich spüre den Geruch von warmem Pferdeschinn, der an Kummeten und Zäumen klebt. Ich denke an heimliche Balkenwinkelei, an Stollen, Schächte, Räuberhöhlen und Burgverließe im Heu. Vom Hühnerwiemen flattern bunte Federn herab. Mäuse kraspeln im Futterkasten. Ich fühle ihr sammetenes Fell in der Hand und lasse sie laufen, weil ihre Knopfäugelchen bitten. In den Fensterwinkeln blaken Spinneweben. Fliegen, Heumotten und Heusamen fingen sich darin. Schwarze Spinnen liegen auf der Lauer. Sie gucken kaum mit dem Kopf aus ihren Höhlen wie die mißtrauischen Ratten, die ihr Loch unter der Krippe haben. Über Krippen und Heuraufen klettern meine Gedanken durch die Futterluken in den Heuboden hinauf. Als ich noch Wachstuchschürzen trug, war er mir ein Ort heimlicher Schauer.
Wißt ihr noch, Anna und Johanne, wie sich der Hosenmatz an euren Rock geklammert und sich vor dem Schatten gefürchtet hat, den die Stallaterne über das Heu warf?
Nach dem Füttern mußte er den Kuhschwanz halten, wenn ihr beim Melken saßet. Aber ihr machtet ihm die Arbeit leicht und wußtet ihm die schönsten Märchen zu erzählen. War es nicht der Däumling, der im Bauch der Kühe immerfort seinen Reim rief:
Schtripp, schtrapp, schtrull, Is der Emmer noch net vull?
Die Erinnerung an viele liebe Tiere kommt mir. Pferde, Kühe, Kälber, Schafe, Kaninchen und Meerschweinchen hopsen mir durch die Gedanken. Hat keines seinen Platz in meinem Herzen verloren. Ich rufe sie bei Namen. Sie spitzen die Ohren und horchen. Dann erkennen sie mich. Eins nach dem andern kommt in froher Eilfertigkeit, mir die Hand zu lecken. Aus ihren Augen strahlt Freuen und Dankbarsein. Sie schmiegen sich an mich. Ich fühle den warmen Hauch ihrer Nüstern, das Kitzeln der Spürhaare. Ich streichle sie wie einst ... Wie einst ...
Unter meinen Händen zerrinnt ihr Bild und sinkt in die dunklen Tiefen zurück, daraus es Träume auferweckten. In die gleiche dunkle Tiefe, darin Jugend und Kinderzeit untergingen. Ist nichts von allem geblieben als das bittersüße Tröpflein Eswareinmal, das heiß am Herzen brennt.
Ich schließe die Stalltür. Sie trägt tausend Spuren von Flitzbogen- und Armbrustpfeilen und Pusterohrbolzen. Geradeso wie die Bretterplanken der Laube am Gartenhang. An ihren vier Ecken grünten Ahornbäume. Es ließ sich wunderschön auf das Laubendach klettern und im Ahorngezweig herumturnen. Dort hingen im Winter die Speckschwarten und Schweinepötzel für die Meisen. Und in der Laube war der Futterplatz für Finken und Goldammern. Im Frühjahr schnitzten wir dort unsere Pfeifen aus Quitschenruten. Wenn sich die Rinde nicht lösen wollte, half beim Klopfen ein Zauberspruch:
Ra-ra bi-ba, Wutte nich gera’n, Schmiet eck deck in Graben, Halet deck die Raben, Kimmt de ule Hesse, Mit den schtumpen Messe, Bein af, Kopp af, Alles, wat dran sitt, Mot af -- af gahn.
Die Laube konnte durch die Hoftür in unsern Hof gucken. Zwischen Garten und Hof floß die Flut.
An dem Geländer der alten Knüppelbrücke, die sich über die Flut legt, hat der Knabe oft gelehnt und dem Rätsel nachgesonnen, woher das Wasser kommt, das Tag und Nacht, Wochen, Monate, Jahre unter der Brücke talab fließt und sich nie erschöpft. Bis sich ihm das Geheimnis auftat: Irgendwo auf Bergeshöhn mußte ein furchtbar großer Turm stehen. Der war bis obenhin gefüllt mit Wasser. Unten war eine Öffnung, die der liebe Gott groß und klein stellen konnte wie der Müller das Mühlenwehr. Meistens ließ er nur wenig Wasser durch, damit es nicht zu schnell alle werden sollte. Wenn der Turm leer zu werden drohte, bestellte er einen Regen, der den Turm wieder auffüllte. Manchmal verrechnete er sich. Dann ging der Turm über, und das Wasser schoß heulend und brausend die Flut hinab. Die Abflußgosse unseres Bottiches kleckerte wie ein winziges Wasserstrählchen dazu.
Der Eisenbottich auf dem Hof ist fort. Er wurde altes Eisen. Das Eisen stand hoch im Preis. Der Lumpensammler holte ihn. Fremden Menschen konnte er nicht sein, was er mir war.
Wenn aus den beiden Wasserpfosten das Wasser in seinen Rostbauch plörrte, war es wie Quellenmusik in einem Waldtal. Und wenn Eimer auf seinen Rand gestülpt wurden, kam aus dem Eisen läutendes Klingen. Unten auf dem Grunde schwammen meine Forellen. Die Pferde schlürften Wohlbehagen aus ihm.
Vorbei.
Das Vaterhaus ist fremde Stätte geworden. Es springen im Hof keine Hunde mehr an mir hinauf. Und die Pferde, deren Hufe über das Steinpflaster klappern, sind -- Pferde. Es singt mir keine Schwalbe mehr das Morgenlied. Ich hänge keine Starkasten mehr auf. Und wieviel Rotschwänzel in meinem Kinderland nisten, weiß ich nicht.
Mein Fuß geht an den lieben Stätten vorbei. Und das Herz blutet.
Das Bergkind
Jürgen Traumelin wußte nicht, wie fest die Harzheimat in sein Herz gewachsen war. Er wußte nicht, wie seine Seele am Fichtenwald hing, an Bächen und Wiesen und an allen Bergdingen, an denen sich seine Kinderzeit abspann. Es war stille, unbewußte Liebe. Ein Feuerlein, das sich aus sich selbst erhielt und in der Brust glühte wie eine Selbstverständlichkeit.
Jedem Bergkind gibt der Herrgott ein solches Feuerlein mit. Bei wenigen verflackert’s. Die meisten tragen es mit sich herum und denken nicht darüber nach, woher die Wärme kommt, die so wohlig das Herz umschlägt. Und bei vielen wird’s zur verzehrenden Flamme, wenn man ihre Wurzel herauszieht aus dem Boden, der ihre Heimat ist.
Das alles wußte Jürgen Traumelin nicht. Aber es sollte sein Schicksal sein, daß er es zur Genüge erfuhr.
Eines Tages war der Traum der Jugend zu Ende. Man brachte den Bergjungen in die Fremde. Jürgen Traumelin zog seinen Konfirmationsanzug an, aus dem er längst herausgewachsen war, und sagte der Heimat Ade. Es war kein herzhafter Gruß. Etwas Neues lockte. Und doch wollte das Alte nicht loslassen. So begann die Reise mit Hangen und Bangen. Ein wenig Neugier prickelte in der Brust. Aber in der Kehle saß ein würgender Knoten.
Wenn die Postkutsche doch nicht so unbarmherzig schnell talwärts führe! Als wenn sie es eilig hätte, nur fortzukommen von der Harzheimat. Geht doch langsam, ihr Traber! Eines Bergjungen Seele ist nicht so flink wie eure Beine. Sie weilt noch in den Bergen, woher das Wasser kommt, das euren Weg begleitet, streift in Tann und Dickicht, derweilen ihr bereits ins Flachland trappelt ...
Sie stiegen in den Zug. Die Maschine pfiff.
Warum guckst du nicht fröhlich drein, Jürgen Traumelin? Heute machst du deine erste große Fahrt in die Fremde und deine Fahrt ins Leben dazu!
Er konnte nicht fröhlich sein. Hätte aber auch nicht sagen können, welche zwiespältigen Geister in ihm stritten. Eine stumpfe Ergebung kam über ihn. Nur still sein, nicht antworten brauchen und träumen, -- träumen.
Wenn doch nicht dieser Knoten im Halse säße und das trockene Schlucken nicht wäre!
Der Zug rollte an den Harzheimatbergen vorüber. Sie wurden kleiner und verloren sich im Blau der Ferne. In Traumelins Seele verloren sie sich nicht. Buchenwälder huschten vorüber, Kornfeldbreiten, Dörfer und Menschen. Dem Bergkind sagte die neue Welt nichts. Seine Gedanken tasteten sich in Wiesentäler und Fichtengründe zurück. Kaum, daß ihn ein fremder Vogel draußen, den er daheim nie sah, aus seinen Bergträumen riß.
Dann waren sie in der fremden Stadt, in der Jürgen Traumelin hochgelahrter Schüler werden sollte.
Puh, -- diese Stadt!
Haus an Haus, eng, steinern, frostig. Nirgends ein Gäßlein zum Durchlugen, kein Garten an den Straßen und keine Lauben mit Rotschwänzelnestern. Und in den Höfen keine Holzbansen. Keine Stalltüren, aus denen braune Kühe traten. Und die Menschen gingen aneinander vorbei. Es bot keiner dem andern guten Tag oder ein freundliches Glückauf. Und grüßte kein Berg in die Straßen hinab. Ein paar Hügel lagen rings. Aber sie waren fern und fremd und nicht mit Stadt und Menschen verwachsen. Ihre Hänge waren zerrissen, geflickt, parzelliert. Und nirgends bot sich ein Wiesenplan, an dem das Auge hätte ausruhen können. Die Wiesen in dem breiten Flußtal, in das sich die Stadt hingelagert hatte, waren lustlose Eintönigkeit. Wieviel lichter und lustiger war das alles daheim! Und der große Fluß! Ach ja, er war größer als alle Harzbächlein zusammen. Aber sein Wasser kroch grau und träge dahin. Es konnte nicht rauschen und brausen und platschen und plantschen, kein Berglied jauchzen und fröhliche Hopser machen. Und man sah keine Forellen darin und keine Sonnenkräusel über blanke Steine rieseln. Wie langweilig der graue Fluß war!
Und wie Traumelin über die Eisenbrücke schritt und hinabsah in die trübe Flut, schien ihm das Wasser wie ein Spiegel der Zukunft. Die fremde Stadt war ihm Enttäuschung geworden. Ein Schauder kroch ihm aus ihr entgegen. Und das Gefühl des Naturkindes sagte ihm, daß sie ihm immer fremd bleiben würde. Wo keine klaren Wasser fließen, findet ein Bergjunge keine Heimstatt.
Würgt nicht schon wieder der Knoten im Halse, Jürgen Traumelin? Ein langer Seufzer ging ihm aus der Brust. Und seine Gedanken flogen heimwärts, ein Heilkräutlein zu pflücken gegen die grausame Ernüchterung. Die Erinnerung begann goldene Bogen zu bauen.
Dann war der Bergjunge allein unter fremden Menschen. Zum ersten Male in seinem Leben. Er teilte seine Behausung mit ein paar Altersgenossen, die das gleiche Ziel in die Stadt führte.
Wo seid ihr her? Und sie nannten ihre Dörfer.
Ach, ihr Flachlandkinder! Ihr habt alle keine Harzheimat mit Bergen und Fichtenwäldern und Bächen und Blumenwiesen!
Habt ihr schon Hirsche gesehen? Oder schon Forellen gefangen? Wißt ihr, wie Zeisige singen, oder könnt ihr pfeifen wie der Dompfaff?
Sie lachten über ihn. Und als er zu Bett ging, wußte er, daß ihm diese Menschen, die das Schicksal ihm zu Weggenossen bestimmte, fremd bleiben würden wie die fremde Stadt.
Wie frisch die Bettwäsche roch, die ihm die Mutter sorglich mitgab! Genau wie daheim, wenn die Betten neu überzogen waren. Wie daheim ...
Hupp, machten seine Gedanken. Und fort waren sie ins Harzheimatland. Was mögen sie um diese Stunde zu Hause tun? In der Stube ist ein wohliges Ausruhen vom Tagwerk. Gewiß sitzen sie um den Tisch und denken an den, der heute in die Fremde zog. Am warmen Ofen räkelt sich der Wolf und knurrt im Traum ... Das Katzengretel schnurrt im Stiefelkasten ... Im Kuhstall draußen ruft das braune Herschel. Im Pferdestall wird der Futterkasten zugeklappt. Tränkeimer klirren. Vater füttert die Pferde ab ... Gestern hast du es noch getan, Jürgen Traumelin! ... Ob der Bläß nicht wartet, daß du ihm einen Leckerbissen reichst? Und der Rappe es nicht vermißt, daß du ihm den Hals streichelst und in Schopf und Mähne kraust? -- Nun löscht Vater die Laterne aus. Der Stalltürriegel knarrt ... Müde Schritte im Hof ...
Ein Heimattraum gab Jürgen das Geleit durch die erste Nacht in der Fremde. Er wachte früh auf.
Singt denn keine Schwalbe auf dem Fensterflügel?
Und plätschert im Hof kein Brunnen?
Ach nein. Es ist alles still. Und es grüßt kein Wiesenhang ins Kammerfenster hinein. Kein Ahorn sagt guten Morgen und kein Eschenbaum und keine Bergstraße.
Der neue Tag ging mit neuen Enttäuschungen auf.
In grauer Trübseligkeit machte sich Jürgen auf den Schulweg. Er pilgerte ihn wie einer, der den Galgen ragen sieht.
Wirf ab alles, was dich an die Heimat kettet, Wildling vom Berg! Und deine Jugend wirf hinter dich! Auf den Kathedern sitzen sie und warten und wetzen das Messer. Sie werden dich hacken und hobeln und werden dich schaben, dich stutzen und säuberlich solange an dir herumschneiden, bis dein rotes Blut saftlos sein wird.
Dann hockte er in der Schule. Diese Schule, -- puh! Den Bergjungen schüttelte es. Als er heimkehrte, war sein Leben um ein paar Moralpredigten reicher geworden und das Säcklein seiner Enttäuschungen zum Überquellen voll. In der Schule lachten sie über seine Sprache. Harzer Roller! hänselten sie und feixten, wenn auf seiner Zunge harte Laute weich und weiche hart wurden und das ü zum i oder das ö zum e. Seine Lehrer mäkelten an ihm herum. Es ging ihnen nicht schnell genug, daß er die Sprache der Harzheimat abtat und ihr aalglattes Hochdeutsch redete. Als wenn sich alle gegen ihn verschworen hätten. Es war nichts, das ihm die Fremde hätte lieb machen können.
Wie der weite Flachlandhimmel drückt!
Kommt doch heran, ihr Berge, und stützt ihn, daß er nicht einfalle! Und recken sich nirgends ein paar Fichten in die Wolken?
Ach nein, Jürgen Traumelin. Der Wald hier ist nicht dein Heimatwald. Es ist kein dunkelgrünes Hangauf und Hangab und kein fröhliches Weiterwellen Berg an Berg. Jedes Berglein hier ist abgemessen, steigt an, fällt ab und hört auf. Und an jedem Wald kannst du die Grenzpfähle stecken sehen. Es gibt kein Träumen in meilenlangem Fichtenduster. Der Buchenwald ist kahl und nicht für Traumelins geschaffen. Kein traulicher Waldwinkel lädt dich zu Gast. Und findest kein verschlafenes Flecklein Weltferne, kein Erlenbruch, in dem die Spechte hacken, keinen Rauschebach und keinen Bergquell.
Er wollte ein Stück Heimat suchen und suchte vergebens. Eine Scholle Erde nur, auf der er sich heimisch fühlen, die er liebkosen könnte und mit den Händen streicheln und der er hätte sagen können: Du bist wie meine Heimat! Du bist geheiligtes Land.
Es ward ihm keines beschert.
Heimatlos und doch unendlich heimathungrig irrte seine Seele durch Wolken und Weiten, ihre Ruhestatt zu finden daheim. Träume wurden Zauberinnen. Im Sonnengold der Erinnerung wandelte sich die ferne Harzheimat zum Zaubergarten, über dem strahlend der Maientag der Berge leuchtete. Und Wiese und Wald darin waren voll Sirenengesang. Jedes Fichtenrauschen ward ein Locken: Kehr wieder, Bergbube!
Komm doch! zwitscherten die Vögel. Und die Bergblumen nickten: Kehr um!
Wir warten auf dich! plätscherten die Bäche. O, fühlst du nicht, wie wir auf dich warten!
Tausend Bilder stürmten in des Heimwehkranken Seele, süß, betörend, verführerisch. Und blieb doch keine Frohheit in ihr zurück. Furchtbare Dämonen krallten sich in sie hinein, zogen, zerrten, rissen. Blutsauger waren sie und verführerische Gaukler. Sie spielten mit dem Bergjungenherzen ein grausames Spiel, wirbelten das verzagte Ding in goldene Himmel und ließen es abstürzen in Höllenschlünde.
In einsamen Stunden flüchtete der Knabe auf seine Kammer. Ach, einmal nur hinschauen in die Richtung, wo die Heimat liegt. Drüben muß es sein. Wenn doch nur ein einziges blaues Berglein hersähe! Aber eine schwarze Wolke lag vor dem Paradies. Und so war es Traumelins Schicksal, den bitteren Kelch Heimweh auszutrinken bis auf die Neige. Sein Leben war Qual. Jeder Heimatgedanke riß eine Wunde durch sein Herz.
An einem grauen Tag saß Jürgen Traumelin auf seinem Bettrand wie so oft. Seine Augen verloren sich in der Ferne. Heimliche Glocken läuteten irgendwo. Die Stimmen der Heimat lockten und sangen. Sie hatten ihre bestrickendsten Saiten aufgespannt. Da geschah das Wunder, daß dies Singen ihm nicht zum Schmerz wurde, sondern daß es heimlich in ihm mitzusingen begann. Die schwarze Wolke auf seinem Gemüt war ein wenig zur Seite gerutscht. Irgendwo lachte ein Sonnenstrählchen. Es war, als ob nach langer Zeit ein Glück leise ans Herz zu tippen wagte. Und als Traumelin die Treppe hinabstieg, flüsterte es über seine Lippen: Ich komme! Und es begab sich, daß zu dieser Stunde das Knäuel im Halse hinabzugleiten begann.
Unten zählte er seine Heller. Es war das Geld, für das er sich eine bunte Mütze hatte kaufen sollen. Es reichte just. Dann schrieb er ein Zettelchen. Ein paar heimwehkranke Worte standen drauf. Die andern sollten wissen, was ihn forttrieb.
Auf heimlichen Wegen erreichte er den Bahnhof. Gott sei Dank, es hatte ihn keiner gesehen. Und kam keiner, ihn zurückzuhalten.
Als er im Zuge saß, der ihn der Heimat nähertragen sollte, war zum ersten Male ein richtiges Aufatmen in ihm. Die Kette um seine Seele sprang. Der Kampf schwieg. Es kam eine Müdigkeit über ihn, die ihm Erlösung ward.
Jürgen Traumelin auf Heimatpilgerfahrt!
Zwei Tage und eine Nacht hat er gehungert und gefroren. Herbstnebel umwehten ihn. Zwischen Fichten und Felsen pfiff der Wind. Er grüßte sie als freundliche Boten der Heimat. Mit leichtbeschwingter Seele schritt er aus. An einem Bergbach kniete er nieder und trank. Einmal wieder Bergwasser schlürfen zu können, war einer seiner heimlichsten und heißesten Wünsche gewesen. Nun war er in Erfüllung gegangen. Seid umarmt, Berge und Wälder, Harzheimat!
Als Jürgen Traumelin am zweiten Abend unter sich im Tal die Lichter der Bergstadt sah, stieg er beglückt hinab.
Im Glockenhaus läutete es sieben. Es war der Willkommengruß, den die Harzheimat dem heimkehrenden Fremdepilger bot.
Der Kirchenbrink
Der Sonntagmorgen hatte für mich seine eigene Feierlichkeit.
Ich durfte meine Stulpenstiefel anziehen. Es gab in der ganzen Welt nichts so Schönes wie meine Stulpenstiefel! Und zum Kaffee kaufte die Mutter Salzkuchen. Für Salzkuchen hätte ich meine Seligkeit eingetauscht. In der Küche bruzzelte ein Braten. Der Duft zog verlockend durch das ganze Haus, in dem es nie so stille zuging wie an diesem Morgen. Aber das Schönste war doch, auf der Lehne des alten Ledersofas zu hocken und zuzuschauen, wenn den Kirchenbrink hinauf die Bergstadtleute zur Kirche pilgerten.
Der Kirchenbrink war mein Freund. Es machte Spaß, vier, fünf Stufen auf einmal herunterzuspringen und am Geländer herabzurutschen. Blumen nickten von rechts und links über die alten Steintritte. Durch die Zaunlatten guckten Kälberkropf und Bärenklau. Man konnte prächtige Spritzen daraus machen. Und die roten und weißen Taubnesseln, die am Kirchenbrink blühten, hatten den süßesten Honig.
Des Alltags lag er still und verlassen da. Er konnte die Leute zählen, die auf ihm von der Bergstraße herabkamen oder zu der Bergstraße hinaufgingen. Am Sonntag aber ist er voll Leben gewesen.
Alte Mütterchen mit Hauben und Bändern trippeln behutsam die Stufen hinan. Die eine Hand hält das Geländer fest. Die andere umschließt sorglich das Gesangbuch, damit der Pfennig für den Klingebeutel nicht herausfällt und Taschentuch und Brillenfutteral nicht davon abrutschen. Invaliden im Abendmahlsrock steigen hinterdrein, die lahmen Füße bedachtsam von Tritt zu Tritt setzend. Jungens und Mädels hüpfen an ihnen vorbei. Bürgersleute tragen Zylinder, Feiertagsmiene und Goldschnittgesangbuch mit gemessener Würde treppan, vereinigen sich oben mit der Schar derjenigen, die die Straße am Berg herunterkommen und verschwinden in der Kirchentür.
Stieg viel alte Gläubigkeit und Frommheit den Kirchenbrink hinauf, den Tag des Herrn würdig zu weihen. Es stieg auch viel Gram und Kummer und grüblerisches Gottsuchertum hinauf, in der Kirchenstille Trost und Vergessen zu finden oder den Unbekannten zu ergründen, der die Tanne grünen und Erz wachsen läßt. War viel altes Gold unter abgeschabten Wämsern.
Wenn das Sonntagsgeläut des Glockenhauses in den Bergen verhallt war, tat der Kirchenjunge die Tür zu. Feierlich scholl das Orgelvorspiel durch die Morgenstille. Der Sonntagsfrieden des Bergstädtchens war nie fühlbarer als in diesem Augenblick. Das Orgelspiel klang aus der geschlossenen Kirche wie eine ferne Engelsmusik. Sie machte mir Gotteshaus und Gottesdienst zu einem Mysterium, zu dem der Kirchenbrink der geheimnisvolle Zugang war.
Als der Knirps es unternahm, das Geheimnis zu ergründen, schwirrten seine Gedanken bedenklich abseits.