Part 3
Noch wunderbarer verhält es sich mit einigen Leuten, so sich hin und wieder im Lande aufhalten, und für die Geistliche der Türcken können angesehen werden und _Maroboth_ heissen. Durch diese werden, dessen ich selbst Zeuge bin, wunderliche Dinge ausgerichtet, ob es durch des Teuffels Kunst geschehe, weiß ich nicht. Ich selbst habe gesehen, daß sie durch ihr blosses Hauchen Feuer angemacht, zum Exempel, durch Anhauchen, eine Pfeiffe Taback angestecket. Auch war ich gegenwärtig, wie folgende Historie sich zutrug: Die eine von meines Patrons Gemahlinnen, bekam eine Geschwulst über dem Magen, als von einer Wassersucht. Es wurde ein _Maraboth_ gehohlet und um Rath gefraget. Dieser ließ eine von ihren Cammer-Mädgen hohlen, und wie er ein kupffernes Geschirr auf glüende Kohlen gesetzet und einen Theil Weyrauch darauf geworffen, nahm er die Hand des Cammer-Mädgens und befahl, daß sie, nachdem er in der Hand einen Kreiß von Baumwolle gemacht, und mitten drinnen etwas Oel gegossen, solche über den Rauch halten sollte. Hierauf fing der _Maroboth_ an, vieles und mit großer Heftigkeit herzuplaudern, worbey es mir vorkam, daß viele fremde Wörter aus allerhand Sprachen zusammen gemischet waren. Gewiß genug war es, daß ich nichts von allem dem verstehen kunte, was er mit erhabner Stimme vorbrachte. Er fragte inzwischen: Ob sie etwas in ihrer Hand sähe? Sie antwortete: Nein. Hierauf fing er aufs neue mit eben der Heftigkeit an, da sie zuletzt rieff: Ich sehe viele Leute. Er fragte: Was für Leute? Sie antwortete: Vornehme Leute, welche _Divan_ halten wollen? Er sagte: Frage Sie: Was der Frauen fehle? Sie: Sie sagen, daß sie auf einer bösen Stelle gewesen, wovon sie Schaden genommen. Er: Frage, welchen Rath man zu gebrauchen habe? Sie: Sie sagen, man solle die und die Kräuter nehmen und solche kochen, hievon solle sie trincken und mit diesen Dingen solle sie sich baden. Es geschahe, die Frau wurde gesund, das Cammer-Mädgen aber fiel in Ohnmacht, wurde als todt weggetragen und kam in den ersten 24 Stunden nicht wieder zu sich selber. Einige Zeit hernach fragte ich sie: Ob sie nicht etwas gehört und gesehen? Sie antwortete, daß sie von keinem Dinge zu sagen wüßte, ausser daß sie in meines Patrons, eines _Maraboths_ und meiner Gegenwart, ihre Hand hätte in einem Rauch gehalten, den der _Maraboth_ angemacht. Viele andere Dinge geschehen durch diese Leute, als zum Exempel, daß sie können den Arm in den Leib eines Pferdes jagen, also, daß er mit Blut gefärbet ist, wann sie solche wiederum herausziehen, hierauf sprechen sie einige Worte, lassen dem Pferde gleich darauf zu essen und zu trincken geben, worauf man an selbigem nicht das allergeringste wahrnehmen kan. Sie wissen dem gestohlnen nachzureisen, und was solcher Dinge mehr seyn können. Einige von diesen Leuten gehen in schönen grünen Kleidern, welches, wie sie sagen, Christo zu Ehren geschehen soll, weilen sie vermeinen, diese Farbe gefalle ihm, vorermeldten grünen Steins wegen. Einige hingegen gehen in gantz geringen Kleidern einher. Es wird auch in Lande ein Thier gefunden _Dyx_ genannt, das sich mehrentheils von wildem Honig ernähret, und einige Aehnlichkeit mit einem Schweine hat. Von selbigem wunderlichen Thiere haben die Türcken die Meinung, daß es zuvor ein _Maraboth_ gewesen, oder daß die Seele eines _Maraboths_ in selbiges gefahren. Die Ursache ihrer Präsumtion ist diese, weilen das Thier, wann man ihme einen Brief oder ein Blat aus einem Buche giebt, das Papier in den fördersten Füßen nimmt und vor sich hält, hierauf beginnet vielfältig zu plaudern, gleich als wenn es lesen könnte, und wann man das Papier von ihm nehmen will, zornig wird und es in Stücken reißet.
Ich komme aber wiederum zu meiner eignen Historie, insonderheit zu meiner Loßgebung, so nicht lange nach dem letzten Kriege mit _Tunis_, erfolgte. Mein Patron hatte mir hierüber seine Zusage gegeben, und einer von den Bedienten des _Bey_ zu _Algier_ legte Fürbitte für mich ein.
Selbiger war dessen _Gassenadahl_ und darneben sein Schwester-Sohn, mit Nahmen _Ali Goje_, der nach meiner Abreise _Bey_ oder _König_ zu _Algier_ soll geworden seyn. Er stellete meine treue Dienste, und verschiedener Expeditionen glücklichen Ausgang vor. Es war auch die höchste Zeit, wie meine Dimißion mir zugestanden wurde, dann mein Patron hatte schon das 95 Jahr erreichet, als, daß ich jeden Tag mußte eine Veränderung vermuthen, bey welcher es schlecht für mich würde ausgesehen haben, vornehmlich da diejenigen, so am meisten in Gnade gestanden, von dem folgenden Regenten am meisten, des Geldes wegen, pflegen geplagt zu werden, und wann dessen Begierde unersättlich, werden oft diejenigen zu Tode gepeiniget und geplaget, von welchen sie suchen größere Capitalien, als das Land zu wege bringen kann, zu erpressen: wie dann gleicher Gestalt die Geld-Begierde fast meines Patrons Haupt-Laster war, obschon ich ihn eben nicht des Geitzes beschuldigen kann. Ich hatte zwar wohl im Sinn, wann sich ein Todes-Fall sollte ereignet haben, zu einem meiner gnädigen Frauen Brüder zu fliehen, dem ich angelobet, so es mir irgend möglich seine Schwester zuzuführen. Ich hatte auch ihm 1000 Ducaten zur Verwahrung anvertrauet, indem ich aber nicht so lange wartete, verdroß es mich nicht, sie im Stiche zu laßen. Des Abends zuvor, ehe ich von _Constantine_ zog, hatte ich annoch mit meinem Patron verschiedene Discurse, und wie man zur selbigen Zeit in einem Gezelt, nicht weit von meines Herrn Gezelt, einen Lerm hörte, fragte er: Was zu thun sey? Ich antwortete: es wären die Mohren, welche einen verstorbenen Amtmann ihrer Nation, beklagten. Ja, sagte er, er ist ietzo wohl daran, aber du, wo gedenckest du hin? Siehe! Du reisest ietzo von hier, du gehest weg und stirbest heute oder morgen, ich nehme keinen Theil an deinem Verderben, es sey auf deinen Schultern, denn ich habe dir zu deinem Besten gerathen, deine Verantwortung wird darum größer seyn, weilen du, weit vor deinen Mitchristen Gelegenheit gehabt hast, ein Muselmann zu werden. Den Tag hernach, ging ich, wie ich reisefertig war, zu meinem Patron, küßte ihm die Hand und sagte: _Afendi!_ Ich dancke für das Brod und den Sold, so ich nun in 12 Jahren von Ihren Händen empfangen, ich erbitte mir Ihren Seegen, und die Vergebung derer Dinge, worinnen ich mich versehen haben mögte. Seine Antwort war diese: Ich dancke dir Capitain für deine Dienste und habe ich dir etwas zuwider gethan, wollest du es mir gleichergestalt verzeihen. Bey den letzten Worten, weinte ich und umfaßte seine Knie, der alte Herr aber richtete mich auf, und legte, indem man die Thränen auf seinen Wangen sehen kunte, seine Hand auf mein Haupt, und sprach: _Fahre mit GOtt, nimm dich in acht für starckes Geträncke, für Weibes-Volck und für die Juden zu Algier, daß sie dir nicht dein Geld ablauren._ Hierauf ertheilte er mir einen Paß auf Pergament, so ich zu _Algier_ könnte vorzeigen. Wie ich daselbst ankam, fragte mich der dorten gegenwärtige _Bey_: Wie lange ich zu _Constantine_ gewesen? Ich antwortete 12 Jahr. Wohl sagte er, ietzo kanst du mir wohl eben so lange dienen; wie ich hierauf antwortete: daß ich es für eine Gnade achten würde, einen so vornehmen Herrn aufzuwarten, sagte er; du meynest es nicht und setzte ein kleines Scheldwort hinzu, gab mir aber doch so viel an Golde als 7 Reichsthl. und theilte mir ohne Bezahlung einen Passeport mit, so sonsten über 70 Rthlr. gekostet haben würde, sagend: Deines Herrn und deiner treuen Dienste wegen, verlanget man nichts. Indem er aber sich gegen einen andern Herrn so bey ihm war, wandte, sprach er: Ist es nicht eine Schande für uns? Wir erwerben die Christen mit unserm Blute, und hernach lassen wir sie aus dem Lande gehen mit unsern Mitteln. Dann es war ihm bekannt, daß mein Herr mich behalten lassen, was ich dorten besaß, obschon ich meine Mittel weit höher hätte bringen können, wenn ich mich nicht in solcher Eil genöthiget gesehen, sie zusammen zu sammlen, und viele Dinge für den halben Werth verkauffen müssen. Folgende Historie wurde mir dorten erzählet: Vier oder fünff Sclaven zu _Algier_ hätten mit einander in der Stille überlegt, ein Boot zu verfertigen, und hiermit in die Christenheit zu entfliehen. Einer von Ihnen hätte die Abrede genommen, daß sie des Abends, da sie zu entfliehen gedächten, sich sollten mit dem Boote bey einem gewissen Garten einfinden, der seinem Patron gehörete, und parat seyn, diejenige Person einzunehmen, die er bey einer Laterne ihnen zuführen wollte. Inzwischen wäre dem Patron eine silberne Kumme weggekommen, und der Sclave nicht ohne Ursache dessen beschuldiget worden; er hätte aber vermeynet hierum zu wissen und hingegen gesagt, eine Kunst in Europa erlernet zu haben, dem verlohrnen nachreisen oder entdecken zu können, welches, wie er vorgab des Abends geschehen sollte. Er hätte zu dem Ende den Patron mit sich bey einer Laterne an den Garten geführet, und vorgegeben, daß das Gestohlne daselbst sollte gefunden werden. Wie er ihn hätte herum geführet, wären sie zuletzt an die Stelle gekommen, woselbst die andern gewesen, und hätte gesagt: hier soll es sich finden, da jene sich des Türcken bemächtiget und ihn mit sich in die Christenheit geführet.
Meine Reise ging über _Marseille_, _Lion_, _Paris_ und _Hamburg_. In _Paris_ sahe ich annoch mein voriges Pferd, auf welchem ich von _Boâssâse_ entwichen, dann es wurde von mir an den frantzösischen Consul zu _Algier_ verkauft, von dem es auf des Königs Stall gekommen. Wie ich zu _Hamburg_ ankam, kam mir mein Vater _Oluff Janßen_, welcher annoch im Leben ist, und zwey Jahr zuvor zu meiner Rantzion 800 Marck weggesandt hatte, entgegen; wie er aber auf Schreiben des Kauffmanns in _Hamburg_ kam mich abzuholen, mußte er zu seinem großen Leidwesen vernehmen, daß man gefehlet hätte, wo nicht in dem Nahmen, doch in der Person, indem ein Soldat aus Bremen für diese Geld-Summe loßgegeben worden. Meines Vatern Geld war weg und sein Sohn gleichwohl in der Türckey; doch wie er kurtz hierauf Brieffe von mir, von meinem Wohlstande und der Hoffnung zu meiner gewissen Erlösung erhalten, gab er sich einigermassen zufrieden. Seine Hoffnung wurde erfüllet, da ich das Früh-Jahr hernach ankam und er abermals sich zu _Hamburg_ einfand. So wenig er aber ersteren kennete, so wenig kunte er ietzo mich erkennen. Er hatte mich nicht gesehen, seit dem ich ein Knabe von 14 Jahren, ietzo aber wohl gewachsen, anbey corpulent und mit zierlichen Kleidern angethan war. Ich kam also gesund und vergnügt wiederum in meinem Vaterlande an, fast um selbige Zeit als ich vor 13 Jahr gefangen worden, und brachte an raren Kleidern, Meublen und baarem Gelde ziemliche Mittel mit mir, welches alles ich mit Vorwissen meines Patrons, mit mir aus der Türckey genommen. In _Tundern_ hatte ich die Gnade dem Hochseel. Könige Christian dem Sechsten vorgestellet zu werden, welcher sich allergnädigst gefallen ließ, etwas von denen Dingen anzuhören, die sich mit mir zugetragen. Kan ich dann mich nicht selbst mit _Joseph_ in Ansehung seiner Unschuld vergleichen, so kan es doch einigermassen in Absicht auf sein Glück geschehen, und mein alter Vater hat etwas vom Schicksal _Jacobs_ erfahren, sowohl in Ansehung seiner Betrübniß als Freude über mich, indem er vorher eben so wenig glauben konnte, daß es mir so wohl ginge, als jemals gedencken, mich wieder zu sehen. Der Gott Abrahams, Isaacs und Jacobs, der mich bis diese Stunde unter vielen Gefährlichkeiten erhalten, gebe mir seine Gnade, damit seine Furcht mir vor Augen sey, daß ich mit _Joseph_ für alles das Böse, so ihm zuwider, mich hüten, und in Ruhe, Glauben und Zuversicht zu ihm, von dem Getümmel und Unruhe dieser eitelen Welt entfernet, den Rest meiner Tage zubringen möge.
Anmerkungen zur Transkription
Die Schreibweise der Namen und der fremdsprachigen Textabschnitte wurde mit einer dänischen Originalausgabe abgeglichen:
Hark Olufs besynderlige Avanturer eller forunderlige Skiæbne i Tyrkiet, samt hans lykkelige Hiemkomst derfra til sit Fædreneland: Øen Amrom, i Riber-Stift. Haderslev, 1761.
Der häufig vorkommende Name Boâssâse wurde einheitlich so geschrieben. Die ebenfalls vorkommende Schreibweise Boässäse wurde entsprechend korrigiert. Alle weiteren Differenzen wurden wie in der dieser Transkription zu Grunde liegenden deutschen Fassung belassen. Im Besonderen gilt dies für Seite 9, wo es im dänischen Original heißt:
Al ham dilola Robbi läiro min rachmana rachim mänik jumidin, jäken abeddo jäken astohiim tokino soratin lädino en ne dalohiim al ham dilolah robbi läiro min.
Seite 14, wo die Bezeichnung Thefés im dänischen Text einfach nur Thefes ist, sowie Seite 35, wo das dänische Original so lautet:
Herjar Sidna se Eisa
Weitere Fehler wurden korrigiert wie hier aufgeführt, zum Teil unter Anwendung der dänischen Originalausgabe (vorher/nachher):
[S. 13]: ... als ein ordentlicher Muht und ... ... als ein ordentlicher Muth und ...
[S. 23]: ... man aber hierüber Raht pflegte, wer hiezu ... ... man aber hierüber Rath pflegte, wer hiezu ...
[S. 23]: ... Reuter. Ist wuste in dieser Eilfertigkeit ... ... Reuter. Ich wuste in dieser Eilfertigkeit ...
[S. 31]: ... Es trug sich währender Zeit, da ich ... ... Es trug sich während der Zeit, da ich ...
[S. 31]: ... ich das Vergnügen hatte, S. Europäer zu ... ... ich das Vergnügen hatte, 5 Europäer zu ...
[S. 31]: ... machen, daß nichtes an ihrer Verpflegung ... ... machen, daß nichts an ihrer Verpflegung ...
[S. 33]: ... Nahmen und Gebuhrts-Ort einzuzeichnen. ... ... Nahmen und Geburths-Ort einzuzeichnen. ...
[S. 40]: ... Selbiger war dessen Gassenadhal und ... ... Selbiger war dessen Gassenadahl und ...
[S. 45]: ... hier soll es sich finden, da jene sich der ... ... hier soll es sich finden, da jene sich des ...
[S. 48]: ... ginge, als jemals gedencken, euch wieder zu sehen. ... ... ginge, als jemals gedencken, mich wieder zu sehen. ...