Part 2
Was nun insbesondere meine Schicksale angehet, so habe ich erstlich drittehalb Jahr bey diesem meinem Patron als Laquai gedienet, und wie ich in dieser Zeit _Lingua Franca_, wie auch die Türckische und Arabische Sprache erlernte, und nach und nach in denen Dingen, so vorfielen, geübet wurde, so erweckte mir GOtt Gnade bey meinem Patron, also daß er jederzeit große Gewogenheit gegen mich hegte. Er vertrauete mir das Amt an, welches von großer Wichtigkeit und _Gassenadahl_ oder _Gasnadi_ benannt wird, nach der Redens-Art aber unseres Landes _Ober-Caßirer_ heißt. Ich bekleidete dieses Amt erstlich in 4 Jahren, und mein jährlicher Gehalt war 1700 Stück von Achten, ausser was mir an Lande, Cameelen, Schafen, und dergleichen gehörete. Zween Schreibern, so stets bey mir waren, gab mein Patron die Besoldung, zwantzig Bedienten aber und bisweilen darüber, reichte ich selbsten den Lohn. Dreymal im Jahr hatte ich eine reichlich mit Gold und Silber gestickte Montur. Ausser dieser meiner Bestallung, wurde mir annoch ein Commando von 500 Pferden anvertrauet, dann ich hatte annoch als Caßirer, bey unterschiedenen Gelegenheiten, gegebener Ordre nach, eine Art Bravoure, so meinem Patron gefallen, bewiesen, obschon meine Tapferkeit im Grunde eher eine Verwegenheit, als ein ordentlicher Muth und Hertzhaftigkeit zu nennen; dann ich war in meinem Sinn nicht vergnügt, und eben darum war es mir einerley, ob ich lebte oder todt wäre. Obgleich ich ein bey der Nation angesehener Mann war, und viele mir mein Glück mißgönneten; so sahe ich doch die Sache selbst besser ein, daß ich diesem allen ohnerachtet ein Sclave geworden, und daß ein kleines Versehen, bey einem barbarischen Herrn, der Macht hatte zu thun, was ihm selbst gelüstete, leicht verursachen konnte, daß ich eben so tief erniedriget würde, als ich war erhöhet worden, ja jeden Tag mein Leben in meinen Händen tragen müste. Diese bemeldte 500 Mann zu Pferde, waren stets um mich und konnten als meines Patrons Leib-Garde angesehen werden. Es trug sich zu, daß sich ein Krieg entspann, zwischen meinem Patron und einem andern, mit Nahmen _Boâssâse_ von _Thefés_, welcher als ein kleiner Fürst konnte angesehen werden, und das Haupt einer vornehmen Familie war. Diesem _Boâssâse_ kam im Sinn, daß er sich eines gewissen Stückes Landes, so meinem Patron gehörte, bemächtigen wollte. Ich gehe hier die verschiedentlich vorgefallene kleine Scharmützel mit Stillschweigen vorbey, indem täglich, so lange zwo Partheyen wider einander zu Felde lagen, gefochten wurde. Hie und dort geschahen beständige Attaquen. Man bedienete sich einer andern Kriegs-Art, als in unsern Ländern, ordentlich zu Wercke zu gehen. Das mehreste beruhete hauptsächlich auf einen hitzigen Angriff. Von diesen kleinen Scharmützeln waren folgende zwey die wichtigsten: In dem ersteren waren wir glücklich, in dem andern hingegen hatte der Feind einen Vortheil. Nachdem man auf beyden Seiten einige tausend Cameele, Pferde, Schafe und dergleichen geplündert, wurde ich einstens mit 500 Pferden commandiret zu recognosciren, und wie wir bey dieser Gelegenheit bemerckten, daß der Feind sich zur Ruhe begeben, resolvirten wir einen Einfall zu thun. Solcher glückte so wohl, daß der Feind, indem er vermuthlich gedachte, unsere gantze Macht, so gemeiniglich 9 bis 10000 Mann starck, wäre zur Stelle, die Flucht ergriffe. Zwey und funfzig Köpfe führten wir mit uns zurücke, wogegen wir nur fünf Mann verlohren. Wir fertigten einen Courier ab, meinem Patron Nachricht von unserem Siege zu bringen. Wie wir ankamen, befahl der König, daß jeder, so einen Kopf mit sich gebracht, hervor treten, und solchen im Gezelte zu seinen Füßen werffen sollte. Er regalirete alle durchgehends mit Gelde, mir aber wurden insonderheit unterschiedliche Ehren-Bezeugungen erwiesen, indem den vornehmsten Bedienten anbefohlen wurde, mir aufzuwarten, und von selbigem Tage an, wurde mir das Commando über die ganze Cavallerie, welche Bedienung _Laga di Dejra_, oder Obrister über die Cavallerie, benannt wird, anvertrauet, welcherhalben ich aber mir vieler Haß und Mißgunst auf den Halß lude. Es währete nicht lange, daß ich abermals sollte einen Versuch wider dieselben Feinde thun, es geschahe auch, aber zu meinem und derer, so bey mir waren, Nachtheil. Dann da der Feind flohe, und wir ihm nachsetzten, musten wir zwischen einigen Klippen defiliren. Der Feind hatte den Paß mit Fußvolck belegt, von welchem ein Theil unseres Volcks erschossen, dem andern Theil, so sich gefangen gabe, der Paß abgeschnitten wurde, der Ueberrest aber sich mit der Flucht salviren muste. Ich befand mich unter den Gefangenen, mein Pferd war unter mir erschossen, man nahm mein Leibgehänge und spannte damit meine Hände auf dem Rücken zusammen; Fünf und viertzig von unseren Leuten, so gefangen waren, wurden massacriret, und man hatte Anfangs im Sinn, auf gleiche Weise mit uns zu verfahren, indem man aber hoffte, eine gute Rantzion für uns zu bekommen, behielten ihrer funfzehn, worunter ich mich befand, das Leben; obschon einer von meinen Dienern, so ich bey mir hatte und sonderlich liebte, vor meinen Augen erstochen wurde. Wie wir nun in Verwahrsam gebracht waren, kam des vorgemeldten _Boâssâses_ Gemahlin, mit Nahmen _Elgia_, ins Gefängniß, nach türckischer Manier also verhüllet, daß nichts an ihr bloß zu sehen, als ihre Augen und Hände, so nach ihrer Gewohnheit, mit verschiedenen tief einbeissenden Farben bunt gemahlet waren. Sie kam größtentheils aus Neu-Begierde ins Gefängniß mich zu sehen, sintemalen sie vernommen, daß ich ein Christ wäre. Sie fragte: welcher es von uns sey? und nach wiederhohlter Frage, warf ich mich zu ihren Füßen, da ich ohnehin unter den andern kenntlich genug, sintemalen die Augen der andern Gefangenen nicht alleine auf mich gerichtet, sondern auch ich von den andern, an der Farbe unterschieden war. Ihre Fragen an mich waren mancherley, unter andern: Ob man in unserm Lande an einen GOtt glaubte, der über Himmel und Erde regiere? Wie ich diese Frage mit Ja beantwortete, machte sie den Einwurf, daß sie in Europa Holtz und gemahlte Bilder anbeteten. Diese irrige Meynung mag vielleicht daher gekommen seyn, daß sie solches entweder von den Catholicken gehört oder gesehen. Ferner: Ob wir Pferde, Cameele, Milch, Oel, Brod und dergleichen hätten? Endlich ging sie weg, ich rieff ihr in einem beweglichen Ton und mit heller Stimme nach, für mich bey ihrem Herrn eine Fürbitte einzulegen, worauf sie antwortete, ich sollte nicht so ruffen; Welche Worte ich also aufnahm, als ob sie zornig geworden wäre, in wenigen Stunden aber kam der Schmidt, und machte mich loß. Ich hatte hierauf die Gnade, vor dem _Schey_, welcher so viel als ein Printz bedeutet, geführet zu werden, und mir wurde zu meiner Erquickung viel gutes erwiesen. Dieser _Schey_ war ein Enckel des alten _Boâssâse_, bey welchem ich also in Gnade zu kommen, das Glück hatte, daß mir nicht alleine viele Gutthaten bewiesen und unterschiedliche Dinge zu meiner Erquickung präsentiret wurden, sondern auch, daß er seinen Aelter-Vater ersuchte, daß er mich mit auf die Jagd nehmen mögte. Wie man an einem Tage, einige Stunden nach Mittage, die Pferde ein wenig bey seite geführet, belustigte sich dieser _Schey_ mit denen Herren, so bey ihm waren, nach dem Ziel zu schießen. Wie ich inzwischen in tieffen Gedancken über mein Schicksal stunde, und von ohngefehr meine Augen auf die Pferde gewandt, vermeynte der junge Herr ich besähe die Pferde, und fragte mich daher, ob diese Pferde wohl so gut wären, als diejenigen, so ich zu _Constantine_ hinterlassen? Ich unterstunde mich nicht diese Frage zu beantworten, bis ich mir die Gnade ausgebeten, die Wahrheit sagen zu mögen; denn ich hätte allezeit gehört, sagte ich, es gezieme sich nicht etwas anders vor großen Herren, als die Wahrheit zu reden. Ich berichtete anbey, daß die Pferde, so ich zu _Constantine_ oder im Lande meines Herrn gesehen, mir wohl so rasch und schöne vorkämen. Er befahl, daß ich auf einem von diesen reiten sollte; wie ich es aber nicht sonderlich rühmte, ließ er mich sein eigen Reit-Pferd probiren. Ich flanquirte hiemit in etwas herum, und wie ich an diesem Pferde eine besondere Munterkeit verspürte, kam mir gleich im Sinn, daß mir hier eine treffliche, obschon gefährliche Gelegenheit gegeben würde, zu entfliehen. Mein Hertz schlug in meinem Leibe. O! gedachte ich, dürfte ich nur! Ich faßte kurtze Resolution, folgte meinem Triebe, gab dem Pferde die volle Sporen und entrann. Ich war schon ein kleines Stück Weges fort, ehe man meinen Anschlag gewiß wissen kunnte, sie schrien hinter mir her, und alsobald setzten 20 bis 30 Mann zu Pferde mir nach, es geschahen auch einige Schüsse, so, daß etliche Kugeln zu meiner Seite im Sande staubeten. Vor Verlauff drey Stunden aber, war ich ihnen schon zu weit aus dem Gesichte gekommen. Des Nachts ritte ich, des Tages aber bekam das Pferd etwas in den Wäldern zu fressen. Meine Speise in dieser Zeit, waren einige Früchte und eine Art Salat, so im Lande wächset. Ich brachte auf diesem Wege in allen zwo Nächte und etwas über einen Tag zu, da ich zu meines Patrons größtem Vergnügen mich wiederum im Lager einfand. Nach einer und der andern Dispute, wurde endlich zwischen meinem Patron und dem ermeldten _Boâssâse_ von _Thefes_ Friede geschlossen. Dieser Friede wurde meines Erachtens um so vielmehr für rathsam angesehen, als mein Patron an dem Bey, der zu _Tunis_ residirete, einige Bewegungen wahrgenommen. Es kam auch endlich zu einem Kriege zwischen ihnen, wobey zwischen _Boâssâse_ und meinem Patron eine genaue Alliance geschlossen wurde. Das Glück war im Anfang fast auf beyden Seiten gleich, am Ende aber bekamen wir Gelegenheit, uns mit unserer Armee in des Feindes Lande aufzuhalten. Ein halb Jahr hatten wir gegen einander in Gewehr gestanden, da es uns endlich an Proviant gebrach; dann die Cameelen, so uns Oel und Brod zuführten, wurden von einem, so meines Patrons Freund nicht war und _Murath_ hieß, und an den Gräntzen des _Tunesischen_ Landes wohnte, geraubet. Dieser Mangel nöthigte uns eine kurtze Resolution zu fassen, und den Feind anzugreiffen, es glücke wie es wolle. Aber, wie die Macht des Feindes stärcker als unsere, obschon wir niemals zu meiner Zeit, eine so zahlreiche Armee gehabt, welche dießmal zum wenigsten 40000 Mann starck war; so war es nöthig, gute Vorsicht zu gebrauchen und die Umstände von der Postirung des Feindes einigermassen zu wissen. Mein Patron und _Boâssâse_ beschlossen, einen abzusenden, diese Dinge nach Möglichkeit zu erforschen. Wie man aber hierüber Rath pflegte, wer hiezu am besten könne gebraucht werden, fiel des _Boâssâse_ Wahl auf mich. Er sagte, der Christ, der _Gassenadahl_ ist gut genug hiezu: er wußte auf welche Art ich mich zuvor von seinem Enckel fortgeschlichen, und wollte mir, wann er konnte, am liebsten wiederum einen Possen spielen. Mein Patron, so mich liebete und darum ungern mir eine so mißliche Verrichtung auflegen wollte, fragte mich, ob ich Lust hiezu hätte? Ich antwortete: Hier ist nicht die Frage, ob ich Lust habe? sondern was _Afendi_ (das ist mein gnädiger Herr) befiehlet. Kurtz, ich bekam seine Ordre, mit dem Zusatz, daß, wann es glücklich ginge, ich, wann ich wollte, mit Ehren meinen Abschied nach meinem Vaterlande haben solle. Ich näherte mich des Nachts zu Fuße dem Lager, das nahe bey uns stunde, aber ehe ich dahin kam, begegneten mir einige Reuter. Ich wuste in dieser Eilfertigkeit nicht was ich thun sollte, doch fiel mir ein, meinen Säbel und meine Pistolen von mir zu werffen, und mich für einen Deserteur auszugeben, der zugleich etwas wichtiges mit dem König von _Tunis_ zu reden hätte, wann ich die Gnade genießen könnte vor ihm geführet zu werden. Wie diese an meinen Kleidern abnahmen, daß ich einer von den vornehmsten Officirern seyn müsse, freueten sie sich hierüber und kamen meinem Begehren nach. Der _Tunesische Bey_ kannte mich alsobald und fragte mich: warum ich als _Gassenadahl_ und _Laga di Dejra_, der bey seinem Herrn in solchem Ansehen stünde, zu ihm käme? Ich küßte seine Hand, und bat mir unterthänigst seine Beschirmung aus, wo nicht, wäre es eben so viel, ob ich sollte mein Leben in seinen oder meines vorigen Patrons Händen lassen, der, wie ich vorgab, mich tödten wollte, weilen an einem und andern Mangel im Lager, welches mir zur Last gelegt würde, gleich als wenn solcher sich durch mein Versäumniß eingefunden, obschon es offenbar, daß _Murath_ sich unsers Proviants bemächtiget. Mein Leben wäre mir lieb, wollte er es schonen, so versicherte ich, ihm treulich zu dienen, wann er mich hiezu wollte für tüchtig ansehen. Der _Tunische Bey_ zeigte sich sehr vergnügt über meine Ankunfft, und forschte genau, ob es sich so verhielte, daß in unserem Lager Mangel an Proviant und Munition wäre, wie er von einigen Deserteurs erfahren? Ich sagte ja, doch verhielte sich letzteres nicht also, dann an Kraut und Loth fehlete es nicht. Ich wurde weiter gefragt: Ob ich gesonnen wider meinen vorigen Patron zu fechten? Ich antwortete: wann ich ein Pferd mit behöriger Rüstung bekäme, wollte ich mich hiezu willig finden lassen, und dieses um so viel ernstlicher, weil ich, als ein Ueberläuffer, niemalen bey ihm Pardon zu gewarten. Es geschahe, und ich kan nicht läugnen, daß, wie ich von diesem Herrn so wohl ausgerüstet und aufgenommen wurde, wider meinen ersten Entschluß, der Vorsatz bey mir aufstiege, bey ihm zu bleiben, vornemlich da es zu vermuthen stunde, daß die _Tunische_ Armee das Feld behalten, und die _Constantinische_ genöthiget werden würde, entweder mit dem fördersamsten eine desperate Attaque zu thun, oder auch, wegen des ermeldten Mangels, sich über Hals und Kopf zu retiriren. Ich fand bey diesem _Tunischen Bey_ guten Glauben; mir wurde erlaubt, bey der Armee herum zu fahren und die Artillerie zu besehen, wobey ich zugleich von dem Zustande unserer Armee und denen Anstalten genau befraget wurde. Zu meinem Verdruß kamen am dritten Tage einige Ueberläuffer an, die gantz wohl wußten, daß ich mitnichten bey meinem Patron in Ungnade sey, sondern urtheilten, daß ich ausgesandt wäre, die Anstalten des Feindes auszuforschen. Es hatte ein Renegate gehört, daß dieses Gerüchte vor dem _Tunischen Bey_ gekommen, und fragte mich also um die Beschaffenheit der Sache? Ich that böse und wollte wissen, wer so von mir gesprochen? Er antwortete, einige von euren eigenen Ueberläuffern. Inzwischen merckte ich schon was die Glocke geschlagen, und speculirte demnach, wie ich davon kommen mögte, und machte also Mine, als wann ich einen Gang mit dem Feinde wagen wollte. Dann dieses ist ihre Weise, bald mit 100, bald mit 200 Pferden und darüber, einen Einfall auf einander zu thun. Ich bekam 100 Mann mit mir und setzte mit ihnen an; wie ich aber den Meinigen so nahe kam, als mir gut dauchte, gab ich ein Zeichen, daß ich zu ihnen übergehen wollte, welche mich dann auch mit Freuden empfingen, und zu meines Patrons grosser Verwunderung, in mein voriges Lager escortirten. Nun war ich im Stande, von allen Dingen genaue Nachricht zu geben, und rieth, noch in derselbigen Nacht den Feind anzugreiffen, und auf der Ecke einzufallen, wo er es unmöglich, nemlich von hinten an ihn zu kommen, vermuthen konnte. Die _Constantinische_ waren wohl so gute Soldaten als die _Tunische_, hiezu kam die Noth, so uns zwang auf der einen Seite, und noch mehr die Hoffnung zur Beute und überflüßigen Proviant auf der andern Seite. Mein Patron hatte gewisse Belohnungen auf gewisse Dinge gesetzet, welche man sich von dem Feinde bemächtigen würde, zum Exempel auf ein Stück 1000 Thaler und so weiter. Es kam, kurtz zu erzählen, zu einer Haupt-Bataille, die so wohl für uns ausfiel, daß unser Volck nach Verlauff einiger Stunden den Feind verjagte und das feindliche Lager erbeutete. In diesem Treffen aber kam mein Patron von seinem Pferde, und wie ich mich mehrentheils nahe bey ihm aufhielte, offerirte ich ihm mein Pferd, und stand in den Gedancken, wann er erstlich im Sattel, hinten aufspringen zu wollen; wir kamen aber in solches Gedränge, daß es mir nicht möglich war, doch hielt ich annoch beym Schwantze, in der Hoffnung, mich hindurch zu dringen; indem ich aber corpulent und schwer zu Fuße war, mußte ich loßlassen, und war kein anderer Rath für mich, als mich auf die Erde unter die Erschlagenen zu werffen. Die eine Hand ließ ich ausgestreckt liegen, die andere lag unter meinen beyden Messern, so die Türcken auf der Brust tragen. Wie ich nun einige Zeit in solcher Positur gelegen, hörte ich, daß einer zu dem andern sagte: Hier finde ich einen in proprer Montur, die muß ich gewiß haben. Er stieg vom Pferde, und fing an mich aufzuheben, und umzuwerffen; aber in selbigem Augenblick griff ich ihn mit der einen Hand an, und gab ihm mit der andern einen Messerstich in die Brust, also, daß er und ich nicht weniger ein starckes Geschrey machte, dann ich war so beklemmt ums Hertz, daß, wann ich nicht, meiner Meynung nach, zum Schreyen gekommen, ich Todes verfahren müssen. Des Getödteten Pferd diente mir also vom Wahl-Platze zu kommen, worauf ich abermal meinen alten Patron vorfand.
Diese Avanturen waren die vornehmsten von denen, so im Kriege vorfielen; was die übrige kleine Debatten betrifft, so ist es viel zu weitläufftig, solche anzuführen. Dann viele habe ich auf Ordre massacriret und viele ohne Ordre, indem mir in den letzten Jahren alles anvertrauet wurde, und ich vollkommene Macht über Leben und Tod hatte. Mein Patron wurde alt, und sahe am liebsten, daß die Sachen durch mich abgethan würden. Oefters, wann er sich des Mittags zur Ruhe legte, war schon eine oder andere Execution an den Straffälligen vollbracht, ehe er erwachte. Unter denen, so ich auf Befehl getödtet, liegen mir zweene Mauermeister am meisten im Sinn. Zu zweyenmalen fiel nemlich meinem Patron zu meiner Zeit ein, einen ansehnlichen Theil Ducaten in einen Thurm einzumauren. Wie der Mauermeister für seine Mühe war bezahlet worden, hatte ich den Befehl, ihm, wann er vor mir die Treppe nieder gienge, den Hals zu brechen, welches ich thun mußte, wo ich nicht meinen eigenen zu setzen wollte. Hiezu hatte mein Patron zwo Ursachen; die eine, daß die Stelle, wo das Geld lag, verborgen bliebe, die andere, weilen die Türcken in dem Aberglauben stehen, daß die Seele, dessen, so ermordet worden, gleichsam über den Schatz schwebe oder wache, daß Niemand solchen als der Eigenthümer bekommen könne. So kan der Satan sich des Hertzens eines Menschen bemächtigen, wenn er erst von einem oder andern Haupt-Laster eingenommen worden. Itzo will ich auch etwas von andern Merckwürdigkeiten melden.
Es trug sich während der Zeit, da ich ausserhalb dem Vaterlande war, zu, daß ich das Vergnügen hatte, 5 Europäer zu sehen, so vom Könige _Augusto_ in Polen ausgesandt waren, sich nach der Beschaffenheit des _Africanischen Landes_ zu erkundigen. Der Vornehmste unter ihnen war _Doctor Johann Hebenstreit_; auch befand sich in der Gesellschafft ein Gärtner, von der Insul _Alsen_ gebürtig, der mir der Landsmannschafft wegen, desto angenehmer war; der sechste war, so viel ich weiß, auf der Reise gestorben. Mein Patron erzeigte sich sehr höflich gegen sie, und befahl, ich sollte Anstalt machen, daß nichts an ihrer Verpflegung gebrechen mögte. Es war mir eine Freude, dem Doctor einige silberne und güldene Münzen, die, so viel ich weiß, römische waren, zu verehren, obschon solche im Lande meines Patrons gefunden worden. Er bekam auch unterschiedliche Felle von Löwen, Tygern und dergleichen. Dem Gärtner war ich behülflich unterschiedliche Gewächse, Wurzeln und Blumen zu sammeln. Letztern verwahrte er in einem eigenen Buche zwischen grau Papier. Der Doctor war einige Meilen fortgereiset, ein altes verfallenes Gebäude, deren unterschiedliche im Lande gefunden werden, und woran annoch zu erkennen, daß sie zu ihren Zeiten kostbar gewesen, zu besehen. Bey diesem Gebäude wurden einige Steine gefunden, worinnen in alten Zeiten lateinische Buchstaben gehauen. Wie mein Patron durch mich fragen ließ, was rares der Doctor dorten vorgefunden, wurde ihm zur Antwort ertheilet, daß der Doctor sich bey diesen Inscriptionen so vergnügt bezeiget, als wann er einige 100 Ducaten gefunden. Hierüber lachte er hertzlich sagte: _O! was sind die Christen für große Narren._ Ich weiß gewiß, der gute Doctor würde mir gerne meine Dienste bezahlet haben, aber ich gebrauchte kein Geld, verlangte aber doch ein teutsches geistreiches Buch zu sehen, dann meine Eltern hatten die Vorsorge für mich gehabt, mich, ehe ich auf die See kam, im Lesen und Schreiben unterrichten zu lassen. Meines Wunsches wurde ich gewähret: dann sobald der Doctor _Hebenstreit_ in Sachsen angekommen, sandte er _Speners Reise-Postill_, worinnen er forne seinen Nahmen mit dem Wunsche meiner Befreyung geschrieben, über _Livorno_ und _Algier_ nach _Constantine_. Selbiges Buch habe ich annoch in meiner Verwahrung, und zu seinem Gedächtniß mit mir nach _Amrom_ gebracht. Er hatte auch ein Buch bey sich, worinnen verschiedene Freunde und Gönner ihren Nahmen geschrieben, dieses präsentirte er mir in der Absicht, in selbiges meinen Nahmen und Geburths-Ort einzuzeichnen.
Acht Jahr war ich in _Africa_ gewesen, wie mein Patron beschloß, eine Caravane nach _Mecca_ in _Arabien_ anzustellen, welchen Ort die Türcken heilig halten, weilen ihr Prophet _Mahomet_ daselbst gebohren. Diese Caravane oder Reise-Gesellschaft bestand ohngefehr aus 6000 Mann, von welchen 4000 auf eigene, aber 2000 auf Kosten meines Herrn reiseten. Das Beschwerlichste bey dieser Reise war, daß es an vielen Stellen an Wasser, welches auf Cameelen in großen ledernen Schläuchen mit uns mußte geführet werden, gebrechen wollte. Wir kamen unterwegens, auf dieser Seite von _Mecca_, zu der Stelle, wo _Hagar_ vormals mit ihrem Sohn wegen Wasser-Mangels in Noth gewesen. Der Brunnen, so heilig gehalten und daselbst vorgezeiget wird, heisset auf ihrer Sprache _Il me Sim Sim_. Es gingen 13 Monathe vorüber, ehe wir diese Reise vollendeten. Mein Patron wurde, der, bey dieser Reise bewiesenen Andacht halber, mit dem Zunahmen _Hatje_ das ist: der _Heilige_, beehret. Einige Zeit hernach, wurde eine Verbindung gestiftet, zwischen einer von meines Patrons Verwandtinnen und dem Könige zu _Marocco_. Ich wurde mit einigen andern erkohren, diese Prinzeßin dorthin zu führen, hatte aber eben so wenig die Ehre ihr Angesicht zu sehen, als der Gemahlinnen meines Patrons, obschon ich so viele Jahre in seinen Diensten gewesen. Sie wurde von einem Cameel getragen, worauf ein Verdeck, wie eine Portechaise, gebauet, und selbst war sie am gantzen Angesicht verhüllet. Der König zu _Marocco_, bey dem ich meine Aufwartung machte, war zur selbigen Zeit _Sidim Mahomet_, _Mula Debbi_, wovon die beeden letzte Worte zu seinem Titul gehören, und so viel, als ein _Herr über das Gold_, sagen wollen.
Einige von den merckwürdigsten Dingen im Lande, worinnen ich gefangen war, sind meines Erachtens folgende: Es wird zwischen _Algier_ und _Constantine_ ein Stein von ziemlicher Größe gefunden, so von aussen und innen grüner Farbe. Wann etwas von diesem Stein pulverisiret und eingenommen wird, sagt man, daß er das Fieber curire, und wird solcher auf ihre Sprache: _Hedjar Sidna se Eisa_, _des Herrn Christi Stein_ genannt, dann man hat eine Tradition, daß der Herr Christus auf dieser Stelle mit seinen Jüngern geruhet habe.
In einem großen Land-Dorffe _Omgaus_ genannt, sollen einige begraben liegen, welche sie die Sieben-Schläfer nennen. Wann etwas gestohlen ist, wird der Verdächtige dorthin über diese Gräber geführet, da er schweren muß, daß, wann er schuldig, er nicht davon gehen möge, ohne am Kopff, Arm, Bein oder anderem Gliede Schaden zu nehmen, wie es denn niemals (wie die Türcken sagen) fehl schlagen soll, daß der Schuldige nicht Schaden nehme.