Part 1
Harck Olufs
aus der Insul Amron im Stifte Ripen in Jütland, gebürtig,
sonderbare Avanturen,
so sich mit ihm insonderheit zu Constantine und an andern Orten in Africa zugetragen.
Ihrer Merkwürdigkeit wegen in Dänischer Sprache zum Drucke befördert, itzo aber ins Deutsche übersetzet.
Flensburg, in Verlag Johann Christoph Kortens, 1751.
Da es dem HErrn gefallen, mich, vor vielen tausend andern Menschen, auf sonderbare Weise zu führen, hat man von mir verlanget, daß die seltsame Begebenheiten, so mir wiederfahren, ihrer Merckwürdigkeit wegen mögten in die Feder gefaßt und dem Drucke überlieffert werden, damit selbige hinkünftig zu einem Beweise dienen könnten, wie wunderbarlich GOtt die Kinder der Menschen führe, und daß er auch nach seinem Wohlgefallen, das Hertze eines Unchristen zur Barmhertzigkeit neigen könne.
Im Jahr 1708 den 19 Julii erblickte ich zuerst das Licht dieser Welt, auf einer kleinen Insul Amrom genannt, so in der West-See liegt, und zum Stifte Ripen in Jütland gehöret. Wie meine Landes-Leute ihre Nahrung von der See haben, so bin ich auch in Zeiten, von meinem zwölfften Jahre an, beflissen gewesen, dereinst einen tüchtigen See-Mann abzugeben; Ich habe bis ins dritte Jahr eine und andere Reise gethan, da ich zugleich mit dreyen meiner Landes-Leute, _Richard Flor_, _Jens Nikelsen_ und _Hark Nikelsen_, _Jürgen Oksen_ von _Föhr_, und dreyen vom Elbstrom, mich bey der Stelle im Canal, so _Sordels_ genannt wird, den 10 Martii 1724 von einem türckischen Caper muste gefangen nehmen und nach _Algier_ schleppen lassen. Ich wurde auf dem Marckte für 1000 _Cartuches_, oder 1000 Marck Lüb. verkauft, den Tag aber hernach überließ mich mein Kauffmann an einen andern mit 100 Cartuchers Profit. Bey diesem Herrn war ich ohngefehr 14 Tage, und war meine Arbeit, eins und das andere im Garten zu bestellen, ingleichen Maulbeer-Blätter für meines Patrons Seiden-Würmer einzusammlen, und hiernächst Wasser zu tragen und das Hauß rein zu halten. Indem aber der Constantinische _Bey_, mit Nahmen _Assin_, seinen Commißionair zu _Algier_ hatte, Sclaven einzukauffen, bekam er Lust zu mir, und mein Patron überließ mich ihm für 450 Stück von Achten. Dieser Bey _Assin_ kan wie ein kleiner König angesehen werden, dessen Haupt-Stadt _Constantine_, eine ansehnliche Stadt und Vestung ist, und nach meiner Muthmaßung 12 Tage-Reisen oder 60 Meilen von _Algier_ gegen Süden liegt. So viel ich weiß, stand er auf keine Weise unter dem Groß-Sultan, sondern er war Souverain in seinem Lande; er war, wie ich in seine Dienste trat, schon ein Herr von hohem Alter, hitzigen Kopfs und gesunder Complexion; er war beherzt und hatte eine gute Kriegs-Erfahrung, indem er vorher, und stets bey meiner Zeit, mit seiner Armee zu Felde lag, und zum öftern mit seinen Nachbaren Streitigkeiten hatte. Einen Monat hielte er sich zum wenigsten in jedem Jahr zu _Constantine_ auf. Er hatte zwey Weiber, so von mehr als 40 Bedienten Männern und Weibern, unter welchen 4 Verschnittene zu Cammerdienern bestellet waren, aufgewartet wurden. Er selbst ließ sich, von 30 bis 40 Laquaien, wovon die Hälffte Renegaten, und hernach mit den besten Bedienungen im Lande abgefunden wurden, bedienen.
Ich muß hier, ehe ich weiter gehe, mit wenigen Worten etwas von den Eigenschaften des Landes, hiernächst der Nation und endlich von meinem eigenen Schicksal melden. Das Land ist voller Klippen, wovon einige so hoch, daß sie stets mit Schnee bedeckt sind, obschon das Land unten an denen Klippen so heiß ist, daß wann die Cameelen hievon im Anfang gantze Trachten herunter brachten, doch der Schnee meistens, bis auf kleine Klumpen zerschmoltzen, ehe sie am Fuß der Klippen gekommen. Sonst ist das Land sehr fruchtbar, und trägt allerley Korn, Trauben, Mandeln, Datteln, Feigen, Granat-Aepffel, Wasser-Limonien &c: doch mit dem Unterscheide, daß die eine Provintz besser in einem, und eine andere in anderen Dingen ist, und müssen beständig von allen Städten Lieferungen geschehen zum Lager, wo der König sich mit seinen Königinnen aufhält. Es wird sehr feine Wolle, wie auch Wachs und Honig aus dem Lande verführt, verschiedener Apothecker-Waaren, rarer Felle von Löwen, Tygern und dergleichen zu geschweigen. Ob andere Metallen als Bley ausgegraben werden, weiß ich nicht. Für diejenigen, so im Lande gebohren, muß die Luft sehr gesund seyn, indem es nichts ungewöhnliches, daselbst Leute zu sehen von 100 und 120 Jahren und darüber. Man bemercket dann und wann Erdbeben und viel Gewitter, sonderlich im Sommer. Ausser freßigen wilden Thieren, als Löwen, Tygern und dergleichen, welche oft Menschen angreiffen, haben die Einwohner viele Plage von unterschiedenen Arten giftiger Schlangen, doch am meisten von Scorpionen, so in gewissen Gegenden in solcher Menge gefunden werden, daß man kaum einen Stein von der Erde aufheben kan, worunter nicht ein oder zweene liegen sollten. Hiezu kommen auch die verdrießliche Mücken und Fliegen, welche die Schlafenden sehr verunruhigen.
Das Land wird von Türcken und Mohren, welche letztere beydes weiß und schwartz fallen, bewohnt: Ihre Sprache ist von der Türckischen unterschieden, und nennen sie solche Arabisch, aber beede Nationen, so unter der Herrschafft vorgemeldten _Beys_ gehören, werden mit einem Nahmen _Schirck_ genannt, welcher so viel sagen will, als das Volck, so gegen Süden wohnet. In der Religion, sind die Mohren nicht viel von den Türcken, ausgenommen etwas in den Ceremonien, unterschieden. Ich muß auch den Türcken überhaupt den Ruhm geben, daß sie aufrichtiger als die Mohren, also daß, was den Umgang betrifft, unter den Türcken insgemein eben so viele Ehrlichkeit, als unter uns Christen, angetroffen werde. In ihrer falschen Religion sind sie eifrig, und soll kaum jemand gefunden werden, der vorsetzlich wider die Dinge handeln sollte, welche sie für die Pflicht eines Mahometaners halten. Sobald der Tag grauet, wird von einem Thurm oder anderem erhabenen Orte, von dem der hierzu bestellet, wann er einen Finger in jedes Ohr gestecket, geruffen: _Eschet velej elej lala. Eschet enne Mahammet arasu lala ella velun Zelleth, ala hoat warth, ala hoat warth._ Hierauf steht jedermann auf, und nachdem sie die Hände bis an die Ellenbogen und die Füsse bis an die Enckel gewaschen, den Mund und die Nase gereiniget, und zugleich mit der verkehrten Hand das Angesicht und hinter den Ohren gestrichen, wird ihr gewöhnliches Gebet, so 5 mal des Tages, und zum ersten mal vor Aufgang der Sonne verrichtet wird, gehalten. Die Worte lauten in der Arabischen Sprache also: _Al ham dilola Robbi laïro min rachmana rachim mänik jumidin, jäken abeddo, jäken estohiim tokino soratin lädino en en dalohiim al ham dilolah robbi läiro mìn._ Sie stehn in den Gedancken, daß nicht leicht ein Türcke verdammt werde. Von Christo, den sie _Eisa_ und die Jungfer Maria, so sie _Lella Maria_ nennen, reden sie mit Ehrerbietigkeit, von dem Teufel aber, als von einem solchen, der böses thut. Ihre Beschneidung wird zuerst in dem vierten, fünften, ja sechsten Jahr vorgenommen. Schweinefleisch essen sie nicht, auch trinckt kein Mahometaner Wein oder anderes starckes Geträncke, sondern an deren Stelle entweder Wasser oder _Schorbet_, welches ein Wasser, das mit Rosinen gekocht ist, und auf unterschiedliche Art kan zubereitet werden. Ihre Fast-Tage, _Ramadam_ genannt, werden jedes Jahr einen gantzen Monat gehalten, da man des Tages über nichts genießt, hingegen des Nachts ißt und trincket. In den letzten Jahren kunte mein Patron nicht vertragen zu fasten, sondern aß heimlich ein wenig. Ihre Todten werden in Leinewand gewickelt und also in die Erde gelegt. Die Mohren stimmen gemeiniglich ein Klage-Lied über ihre Todten an, da beedes Männer und Weiber sich mit ihren Nägeln auf das Kinn und vor der Stirne ritzen. Wann sie sich verheyrathen, bekommt der Bräutigam seine Braut nicht vorher zu sehen, sondern wann er mit seinen Gästen am Hochzeit-Tage gegessen und getruncken, wobey zuweilen auf einer Cither gespielet wird, wird er in das Frauenzimmer Gemach geführet, woselbst die Braut zugleich mit andern Weibern, so alle das Angesicht verhüllet, befindlich, ihm aber wird ein Zeichen gegeben, woran er die Braut erkennen kan. Zu ihr geht er dann hin und nimmt das Geld, so er zur Morgen-Gabe geben will und kan, in einem Schnupftuch, giebt ihr damit einen Streich, und geht hierauf in die Schlaf-Kammer. Sie folget nach, er fragt sie hierauf zweyenmal um ihren Nahmen? aber sie antwortet nicht, bis er zum drittenmal fragt; hierauf wirfft er das Schnupftuch mit dem Gelde auf die Tiele, und breitet einen kleinen Teppich auf den Boden, tritt darauf und verrichtet sein Gebet. Die Braut leget inzwischen die Kleider ab und geht zu Bette, und er folget nach. Die meisten Weiber sind sehr jung, wann sie sich verheyrathen. Im Essen und Trincken leben die Türcken, wie ich erfahren habe, sparsam; es werden nicht viele Gerichte aufgetragen, vielerley Arten Früchte aber bey der Mahlzeit aufgesetzet. Sie speisen des Morgens zuerst eine Art Gebackenes, hierauf trinckt man Caffe, (der Thee wird nicht geachtet) um 10 Uhr speißt man zu Mittage, hierauf ruhet man einige Stunden, und speißt wiederum des Nachmittags ohngefehr gegen 4 Uhr.