Hansi

Chapter 2

Chapter 23,019 wordsPublic domain

Die Bodenkammer war sehr geräumig. Wir hatten uns in einer Ecke ein ganz behagliches Wohnzimmerchen eingerichtet, dessen Hauptstolz ein dreibeiniges Sofa -- an Stelle des vierten Beines stand eine Kiste -- und eine wacklige Kinderbettlade bildete. Wir waren auch im Besitz einer Truhe, deren Deckel so schwer war, daß wir ihn nur mit Lebensgefahr aufheben konnten. Lange war es uns überhaupt nicht gelungen, und wir hatten uns schon darein ergeben, nie etwas von den darin verborgenen Schätzen zu Gesicht zu bekommen. Aber einmal packte uns die Neugierde so mächtig, daß sie uns wahre Riesenkräfte zu verleihen schien; unter Stöhnen und Ächzen gelang es uns, den Deckel zurückzuschlagen. Eine dicke Staubdecke war das erste, was sich den vier neugierig gesenkten Kinderköpfen darbot. Sie lag über einer Menge Bücher und vergilbter Blätter und hatte sich auf einem rundlichen, mit einem Tuch bedeckten Gegenstand, der in der untersten Tiefe sichtbar ward, angesammelt. Was stak wohl unter dem Tuch?

»Ein Ball!« riet das kleine Elschen. »Ein Goldklumpen!« meinte Gretchen mit bedächtiger Stimme.

»Wir wollen es herausholen,« schlug Anni vor. »Steig' du hinein, Mixi, du bist die Dünnste.«

Dagegen ließ sich nichts einwenden. Ich hockte zwischen den staubigen Büchern nieder und fing an, das runde Ding aus seiner Umhüllung zu schälen. Ich versuchte dabei mit Kopf und Schultern den andern die Aussicht zu verdecken. Mußte ich in die staubige Kiste kriechen, so wollte ich wenigstens die Entdeckerfreude erst allein genießen.

Die letzte Hülle fiel und -- -- ein Totenschädel grinste mich an aus leeren Augenhöhlen ... in dem Oberkiefer staken noch ein paar gelbliche Zähne.

Ein eisiges Grauen packte mich, aber ich ließ den Schädel nicht fallen. Langsam, wie von einer unsichtbaren Hand gezogen, richtete ich mich auf und hielt meinen Spielgefährten den unheimlichen Fund entgegen.

Anni stieß einen gellenden Schrei aus. Das sonst etwas schwerfällige Gretchen flüchtete mit ein paar jähen Sätzen. Nur Elschen blieb stehen und tippte mit seinen rosigen Fingerchen auf den bleichen Schädel. Sie lachte dazu und sagte: »Was für ein komischer alter Mann!«

Die kalte Hand des Grauens ließ mich los. Ich lachte, lachte, daß mir beinahe die Tränen kamen. Dabei entglitt mir der Schädel und rollte mit merkwürdigem Ton über den Fußboden. Elschen hob ihn beinahe mitleidig auf und wickelte ihn in ihr Schürzchen.

Wir drei andern standen etwas verlegen beiseite. Zum erstenmal war sie die Überlegene, die Tonangebende.

»Wollen wir ihn begraben?« fragte die Kleine plötzlich, und wir stimmten begeistert zu.

Anni mußte sich unten nach einer passenden Schachtel, will sagen nach einem Sarg umsehen. Gretchen ging auf die Suche nach der Begräbnisstätte und dem Grabstein. Ich übernahm es, die Inschrift zu schreiben. Elschen, immer noch den Schädel im Schürzchen, lehnte neben mir und schaute bewundernd zu, wie ich mit krampfhaft festgehaltenem Federhalter meine großen, steifen Buchstaben malte.

»Lies es mir einmal vor!« bat sie, als das Werk beendet war, und ich las:

+------------------------------------------+ | | | Hier ruht unser liber Uhruhrgroßvater. | | -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- | | Gottes Brünnlein hat Wassers die Fülle. | | -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- | +------------------------------------------+

»Du hättest nicht diesen Spruch schreiben sollen,« sagte Anni, mißbilligend das Schriftstück betrachtend. »Auf Gräber schreibt man ganz andere Sachen. Etwas von Auferstehen oder Wiedersehen.«

»Das ist mir einerlei!« entgegnete ich unerschüttert. »Mir gefällt der Spruch und ich habe den Ururgroßvater gefunden.«

Gretchen stand unter der Türe, die Hacke über der Schulter.

»Ich habe einen feinen Platz, kommt schnell!«

Eiligst wurde der Schädel in Annis Schachtel gesteckt. Der Deckel wollte zwar nicht zugehen, aber das schadete nichts. Wir legten einen Fetzen schwarzes Tuch darüber und nun ordnete sich der Zug. Voraus ging Gretchen, der Totengräber, dann Anni, der Pfarrer; Elschen, die den Schädel trug, war der Leichenwagen, ich stellte das Trauergeleite dar.

Wir gingen mit ernsten Köpfen und bedächtigem Schritt die Treppe hinunter. Unter der Türe begegnete uns die kleine Mutter des Hauses. Sie war eine zierliche, bewegliche Frau mit lebhaften Augen, die sich stets zu freuen schienen, obwohl sie oft genug Grund gehabt hätten, ärgerlich und müde drein zu sehen. Außer meinen drei Freundinnen waren noch zwei größere und zwei ganz kleine Brüder zu versorgen. Das zappelte und schrie, lachte und kreischte den ganzen Tag um die Mutter herum, zerriß Kleider und Strümpfe, beschmutzte Fußböden und Fensterscheiben, wollte gewaschen und gefüttert sein. In dem allem stand die kleine Mutter, trug den Kopf mit dem tiefschwarzen Haar froh und aufrecht und hatte lachende, warme Augen.

Wir waren das so gewohnt und es erschien uns nichts Absonderliches. Erst viele Jahre später verstanden wir, was für eine tapfere Seele in der kleinen Mutter gewohnt hatte.

* * * * *

»Mama, wir müssen ganz still sein, wir spielen Begraben!« krähte Elschen im Vorübergehen, und die Mutter stand denn auch andächtig und still.

Das Haus lag inmitten eines großen Gartens, der in verschiedene Abteilungen zerfiel. Da war ein freier Platz mit einem Sandhaufen für die Kinder. In einem andern Teil standen Blumen und Ziersträucher und wieder in einem andern lagen in schönen Reihen Gemüsebeete, daneben zog sich eine dichte Himbeerhecke. Am Ende dieser Hecke war der von Gretchen gewählte Begräbnisplatz. Sie hatte schon ein Loch gegraben, das sich aber als viel zu flach erwies. So arbeiteten Totengräber, Pfarrer und Trauergeleite mit vereinten Kräften, bis das Loch tief genug war, den Ururgroßvater aufzunehmen.

Die Grabrede fiel kurz aus, um so kräftiger und anhaltender war der Gesang. Wir hatten als passende Lieder gewählt: »Morgenrot, Morgenrot! Leuchtest mir zum frühen Tod!« und: »Der Pilger aus der Ferne zieht seiner Heimat zu.«

Elschen hatte noch vorgebracht »Wenn ich groß bin,« aber das war als völlig unmöglich abgeschlagen worden. Überdies sank sie durch diese Forderung in unserer Achtung wieder auf die frühere Stufe zurück.

An diesem Tag blieben wir bis zum Abendbrot im Garten. Der Sonnenschein war so hell und freundlich, während über der alten Bodenkammer immer noch etwas Unheimliches zu lagern schien. Aber am nächsten Tag unterzogen wir den Inhalt der Truhe einer weiteren Besichtigung.

Die Bücher rochen uralt und hatten schwere, feste Einbanddecken. Die Schrift war merkwürdig schnörkelig und ließ sich nicht ohne Mühe entziffern. Wir strengten uns auch nicht sonderlich an. Eine Menge der Bücher wurden mit Abscheu zur Seite gelegt, weil sie sich als »Doktorsbücher« erwiesen. Dasselbe Schicksal teilten ein paar Andachtsbücher »auf Kosten einer wahrheitliebenden Gesellschaft gedruckt«. Dann stieß Anni einen Schrei des Entzückens aus, denn sie hatte ein Geschichtenbuch, nein, noch schöner, ein Märchenbuch entdeckt. Wer hätte der Truhe diesen köstlichen Schatz angesehen!

Anni fing gleich an, uns »die Geschichte von dem tugendhaftigen Prinzen Treuherz und der wonnesamen Prinzessin Herzelaide« vorzulesen, aber der Genuß war nur mäßig. Sie blieb immer wieder an den feinen Schnörkelchen der Buchstaben hängen, und da die Sätze endlos lang waren, hielt sie an, wenn der Atem ausging, was nicht zur Erleichterung des Verständnisses beitrug.

Gretchen gähnte unverhohlen. Elschen spielte längst mit ihrer Puppe, da ging auch mir die Geduld aus.

»Laß doch die gräßlichen alten Prinzen und Prinzessinnen in Ruh! Man versteht ja gar nicht, was sie miteinander sprechen. Und richtig ordentlich schreiben konnten die Leute früher scheint's auch nicht. Wir wollen das Buch wieder in die Truhe werfen.«

Das Schließen des Deckels war viel leichter zu bewerkstelligen als das Öffnen. Mit einem dumpfen Knall schloß sich die Truhe, und fortan war sie vor unserer Neugier sicher.

Ein paar Tage lang besuchten wir regelmäßig Ururgroßvaters Grab und schmückten es mit Blumen. Auch mußte die Inschrift zweimal erneuert werden. Das eine Mal hatte sie der Regen zerstört, das andere Mal war sie den Buben in die Hände gefallen.

Diese schrecklichen Buben! Wie viel schöner wäre die Welt gewesen ohne sie! Wenn man mit den Puppen spazieren ging, äfften sie die Unterhaltung nach oder versuchten einen Überfall auf die Kinder. Wenn man im Bodenkammerzimmer eine Einladung an sie ergehen ließ, aßen und tranken sie all das mühsam Gekochte im Augenblick weg, und statt des Dankes brummten sie über »das bißchen Zeug«.

Nur bei den Ball- und Springspielen, hauptsächlich bei dem unvergleichlichen »Pflumeboppi, 's Hüsli brennt!« gingen wir Mädel und Buben gemeinsame Wege. Ja, und dann noch bei einem ganz besonderen Anlaß.

Unsere Vaterstadt feierte die 400jährige Wiederkehr des Tages, an dem sich die beiden, durch den Strom getrennten Stadthälften zusammengeschlossen hatten, mit der Aufführung eines historischen, eigens für die Gelegenheit verfaßten Festspiels.

Weit draußen vor der Stadt war die Bühne errichtet worden. Am zweiten Tag -- die Stadt schwelgte eine halbe Woche lang in ihren Erinnerungen -- waren bei der Vorstellung sämtliche Schulkinder zugegen.

Das war ein Ereignis, vor dem alles andere, das sonst unser Leben ausfüllte, zurücktreten mußte. Während der Vorstellung saßen wir getrennt, aber auf dem Nachhauseweg fanden wir uns zusammen und konnten das Geschaute besprechen.

Anni schwärmte besonders für den König Rudolf. Wie er sich hielt, wie er sich neigte! Sie streckte ihren schwarzen Wuschelkopf und die kurze Stumpfnase höher in die Luft, als erwerbe sie sich dadurch etwas von der königlichen Würde.

Gretchen war entzückt von all den holdseligen Frauengestalten, auch von den Kindern, die so niedliche, lange Kleider trugen. »Ich wollte, wir hätten auch welche!« meinte sie seufzend. »Unsere kurzen Röcke und Socken sehen gar nicht schön aus.«

Damit war ich jedoch nicht einverstanden.

»Denk dir doch, wie unangenehm die dummen, langen Kleider beim Springen wären! Der 'Pflumeboppi' z. B. fiele alle Augenblicke auf die Nase.«

»Ja, das ist wahr!« stimmte mir Anni zu. »Wer hat denn dir am besten gefallen, Mixi? -- Seht, nun wird sie schon wieder ganz rot!«

»Gar nicht!« wehrte ich ab, obwohl ich die Glut bis unter die Haarwurzeln steigen fühlte.

»Ihr werdet natürlich lachen, aber das ist mir einerlei. Mir hat der Priester am besten gefallen.«

»Der alte, heidnische Kerl!« Anni war entrüstet. Das gutmütige Gretchen, wohl um mir wieder zu meiner natürlichen Gesichtsfarbe zu verhelfen, meinte tröstlich: »Sie hatten ihn, glaube ich, alle sehr gern.«

»Ja, und hörtest du nicht, wie sie alle so jammervoll aufschrieen, als er sich den Dolch ins Herz stieß?«

»Du tust gerade, wie wenn er es richtig getan hätte, Mixi! Du brauchst gar keine so fürchterlichen Augen zu machen, es ist ja doch alles nicht wahr.«

Ich duckte mich und schwieg. Da war wieder das Wort, das ich am meisten fürchtete und haßte -- -- es ist nicht wahr.

Wozu hatte man denn all die seltsamen Gedanken und Träume, die einen halb froh, halb traurig stimmten, wenn alles nicht wahr sein sollte!

Freilich, das auf der Bühne war vielleicht nicht wahr gewesen. Das waren ja alles gewöhnliche Menschenkinder. Unter den langlockigen Pagen hatte ich einen Knaben entdeckt, von dem ich genau wußte, daß er in Wirklichkeit einen struppigen roten Haarschopf besitze. Aber wozu daran denken? Das ließ sich alles so hübsch beiseite schieben. Das gehörte in die Welt, die Schule, Aufgaben, Stricken und Gemüse-essen hieß.

Die andere Welt, die man in sich trug, und die sich doch so seltsam weit ausbreitete, bis zu den weichen, weißen Wolken hinauf, bis zu den winzigen Maßliebchen und Marienkäferchen hinab -- diese Welt war weit schöner und heimatlicher.

* * * * *

»Mixi, was träumst du wieder! So hör' doch! Ich habe einen wunderschönen Plan. Wir wollen das Festspiel aufführen, daheim in unsrer Bodenkammer. Dann kannst du ja deinen alten Priester spielen.«

»Nein, nein! Das soll Teddy tun. Ich will den Kaiser Valentinian, du nimmst König Rudolf und Gretchen kann Bischof fein. Ach, und für Elschen müssen wir auch eine Rolle finden. Wie herrlich wird das werden, ich freue mich halb zu Tod!«

Hatte uns schon die große Vorstellung die Köpfe verdreht, so tat es unsere eigene noch weit mehr. Die Mutter mußte natürlich in die Sache eingeweiht werden, denn die Blumentöpfe, die wir als Kulissen brauchten und die langen Kleider, auf denen Gretchen mit großer Energie bestand, waren alle in ihrer Verwahrung und konnten denn doch nicht ohne weiteres herbeigeschafft werden. Meine Großmutter steuerte zu unserer Kostümierung einige Umlegtücher und Schmucksachen bei.

Wir arbeiteten täglich stundenlang an unsern Vorbereitungen. Natürlich, das ganze Festspiel konnten wir nicht aufführen; wir mußten uns auf solche Szenen, in denen möglichst wenig Personen austraten, beschränken. Aber wir trösteten uns damit, daß sich ja das Publikum das übrige dazu denken könne.

Der große Tag nahte. Punkt 2 Uhr sollte die Vorstellung beginnen; ein paar Minuten früher fanden sich die Zuschauer ein. Wir hatten ihrer nur wenige gebeten. Natürlich die kleine Mutter, die sich beinahe ebenso sehr wie wir auf das Festspiel freute, dann Großmutter und eine Tante, die auf Besuch gekommen. Großmutter erhielt den gedruckten Text, da sie die richtige Aufführung nicht mit angesehen hatte. Sie hielt das Heftchen weit von sich, denn ihre alten Augen konnten nicht mehr in die Nähe sehen. Das imponierte mir immer gewaltig, und es verfehlte auch seinen Eindruck auf meine Spielgefährten nicht. Es hat nicht jeder eine Großmutter, die so merkwürdig liest.

Die Zuschauer saßen auf dem alten Sofa. Wir hielten uns in einer Nebenkammer verborgen, bis es 2 Uhr schlug.

Das erste Bild stellte die Gründung unserer Stadt durch Kaiser Valentinian im Jahre 374 dar. Anni, Gretchen, Elschen und Teddy zogen als raurakischer Volkshaufe auf die »Bühne« und sangen ein Lied, von dessen sanfter, fließender Weise uns allerdings nur zwei Zeilen im Gedächtnis geblieben waren, weshalb das übrige mehr rezitativartig vorgetragen wurde. Dann stürzte Willy herein und verkündete das Nahen römischer Scharen, was erregtes Sprechen und Schreien zur Folge hatte. Er verschwand blitzschnell, um nach wenigen Augenblicken als römischer Hauptmann aufzutreten, der an Stelle der uns fehlenden Kriegerhaufen einen seltsamen Schwerttanz aufführte. Mit einem Male wandte er sich gegen die Türe und während seines Jubelrufs: »Großer Cäsar, Imperator, Heil sei dir, du starker Held!« ritt ich auf schnaubendem Roß auf die Bühne.

Das ging so zu: Wir hatten ein Schaukelpferd, das bei jeder starken schwingenden Bewegung einige Zoll vorwärts glitt; so konnte man also tatsächlich reiten.

Kaiser Valentinian trug ein Barett mit weißen [Illustration]

Gänsefedern und einen malerisch umgeworfenen roten Mantel. Außer dem Szepter hielt er merkwürdigerweise auch ein Heftchen in der Hand, denn es war ihn das Genieren angekommen, und die rasch eingelernten und nur halb verstandenen Worte schienen sich alle verflüchtigt zu haben. So las denn der gute Kaiser Valentinian seine wohlmeinenden Worte an die verängsteten Rauraker. Ihre freudigen Zurufe wurden durch den Priester übertönt, der vor dem neuen Leben sich zu den alten Göttern flüchtet.

»Nehmet mich auf! von mannigfaltigen Greueln und Sünden, von Schand und Not Löse mich leicht der heilige Tod!«

Teddy in einem langen, dunkeln Gewand, mit mächtigem weißem Bart sah nach Annis Urteil ganz wie »so ein heidnischer Kerl« aus. Die letzten Worte heulte er geradezu. Dann ließ er sich, in dem schönen Glauben, die klagenden Weiber würden ihn auffangen, rücklings zu Boden stürzen. Aber o weh! Keine schützenden Arme umfingen seinen sinkenden Leib. Er schlug mit solchem Dröhnen auf den harten Fußboden, daß aus dem Zuschauerraum ein Entsetzensschrei erscholl, der freilich in ein Lachen überging, als der tote Priester wütend zischte: »Na, wartet nur bis nachher!«

Kaiser Valentinian stellte die Stimmung wieder her, indem er ein leuchtendes Bild der zukünftigen Stadt Basilea entwarf.

Unter dem Jubelchor des Volkes und von ihrer Schar begleitet und hilfreich geschoben, ritt seine Majestät davon.

Die zweite Szene, die den Bau der alten Rheinbrücke im Jahre 1225 behandelte, überschlugen wir, der vielen Personen wegen. Um sie aber nicht ganz unerwähnt zu lassen, wandelte Gretchen langsam und heimlich als Bischof über die Bühne; Elschen trippelte, ein Meßglöcklein schwingend, hintendrein.

Das dritte Bild brachte den Höhepunkt des Festes: Anni als König Rudolf. Ihre schwarzen Zöpfe waren unter einem Turban verborgen. Sie stak in einem deutschen Militärrock und schulterte einen uralten Schießprügel. Um den Hals hing ihr eine goldene Kette, und ihre Beine waren mit Reiterstiefeln bekleidet. König Rudolf versprach mit großem Pathos der Stadt ihre Freiheit; Schultheiß Gretchen dankte tief.

Die kriegerischen Rollen des vierten Bildes, wo es sich um den in die Schlacht von Sempach abziehenden Herzog Leopold handelte, wurden durchweg von den Buben gespielt, deren schauspielerische Begabung sich hauptsächlich in einem ungeheuren Stimmenaufwand äußerte. Auch die feierliche Vereinigung der beiden links und rechts vom Strom gelegenen Städte, des mehrern und mindern Basel, wurden von den Buben in stark verkürzter Form vorgetragen.

Den erhebenden Schluß bildete das Auftreten der drei Frauengestalten: Helvetia, Basilea, Klio. Unter dem völlig programmwidrigen Hurrahgeschrei der Buben sank Basilea in die mütterlichen Arme Helvetias.

Das Publikum erwies sich sehr aufmerksam. Die kleine Mutter lachte Tränen. Die Tante fühlte sich »bewegt«, und auch Großmutters alte Augen schauten freundlich zu uns herüber. In die Ferne konnte sie ja gut sehen, und so war ihr keine Einzelheit unserer Kostüme, keine einzige fürstliche Geste und dramatische Bewegung entgangen.

Nach dem wirklichen Festspiel hatte ein großes Festessen stattgefunden. Auch uns ward eines zu Teil.

Als die Vorstellung zu Ende war, lud uns die kleine Mutter feierlich ein, hinunter zu kommen. Der Tisch im Eßzimmer war gedeckt. In der Mitte stand eine Riesenplatte mit Erdbeeren. Hei! Wie da König Rudolf, Kaiser Valentinian und Herzog Leopold fröhlich schmausten. Auch der alte Priester vergaß seinen Groll, während er eine saftige Beere nach der andern in den Mund schob.

Diese Aufführung blieb nicht die einzige, die die alte Bodenkammer erlebt hat. Das Bühnenfieber hatte uns gepackt, und eine Zeit lang mußten sich Großmutter und die kleine Mutter wieder und wieder zu dem alten Sofa hinaufbequemen, um unsere »Lebenden Bilder«, Komödien und Tragödien anzusehen.

Der Winter machte diesen Vorstellungen ein Ende, und der Winter brachte auch eine schmerzliche Trennung. Meine Freunde verließen die Stadt. Das alte Haus wurde eingerissen, und in dem zierlichen Neubau, der sich an seiner Stelle erhob, war keine alte Bodenkammer mehr zu finden.

=Sonne und Regen im Kinderland=

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_Eine Reihe bunter Geschichten mit Bildern für kleine und große Leute_

1. _Agnes Sapper_: =Frieder=. Die Geschichte vom kleinen Dummerle mit Scherenschnitten von Hedwig Schwegelbaur.

2. _Ida Frohnmeyer_: =Hansi=. Zwei Erzählungen, von einem einsamen Bub u. vom Spiel froher Mädchen mit Scherenschnitten von Hed. Schwegelbaur.

3. _Charlotte Wörner_: =Prinzeß Gänselore=. Ein Märchen für brave Kinder mit Orignialholzschnitten von Martha Welsch.

4. _Charlotte Wörner_: =Die Männlein vom Mummelsee=. Ein Märchen aus dem Schwarzwald mit Zeichnungen von Martha Welsch.

5. _Charlotte Wörner_: =Im Reich der Blumen-Königin=. Ein Elfenmärchen mit Zeichnungen von Martha Welsch.

6. _Anna Schieber_: =Annegret=. Eine Kindergeschichte mit Bildern von Elisabeth Sauer.

=Jedes Bändchen ist fein gebunden u. einfach kartoniert lieferbar=

Von Sonne und Regen im Kinderland, von Kinderlust und Kinderleid erzählen diese lieblich ausgestatteten Bändchen. Den Kleinen bringen sie lebendige, gemütvolle Unterhaltung und den Großen rufen sie die ganze Schönheit des Kinderlebens in warme Erinnerung

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=D. Gundert / Verlag / Stuttgart=

Anmerkungen zur Transkription

[Anmerkung TN1: In Original steht hier tüchigen.]