Part 9
„Wie geht’s dir denn, Philipp?“ fragte sie schließlich, als sie sich wieder gefaßt hatte. „Und wie geht’s deiner Mutter? und was macht Martin? hat er uns nicht grüßen lassen?“
Verwundert sah der junge Mann sie an und fragte dann: „Ei, hör’ mal, Suse, weißt du denn nicht, daß ich schon viel länger von zu Hause fort bin, als ihr zwei? Bald zwei Jahre?“
-- „Ach ja, ach ja!“
Suse hatte es in ihrer Aufregung nur ganz vergessen. Jetzt fiel ihr wieder ein, daß Philipp als Holzflößer hinunter in das Tal gezogen war und auf einem Lastkahn auf dem Kanal Beschäftigung gefunden haben sollte, wie Martin ihr und Hans erzählt hatte. -- Wie hatte sie nur so dumm sein können, es zu vergessen! Hans pflegte ja stets mit Martin die Wochen und Monate auf dem Kalender anzustreichen, die der Bruder des armen Krüppels noch in der Fremde zu verbringen hatte.
„Schon zwei Jahre bist du fort von daheim?“ fragte Suse nun mit Bedauern in der Stimme. -- „Oh, wie lang! Konntest du es so lange aushalten, Philipp? Das könnte ich nicht aushalten. Hast du denn kein Heimweh gehabt?“
„Das schon,“ meinte Philipp, „aber man hat halt viel zu tun, und da vergißt man das Heimweh. Und dann denkt man auch immer, die Zeit geht herum. -- Jetzt noch zwei bis drei Wochen, dann bin ich wieder zu Hause.“
„Vor Pfingsten schon?“ fragte Suse.
Er nickte.
„Wie schade!“ rief das kleine Mädchen, „wenn du doch noch ein wenig warten würdest, könnten wir die Reise zusammen machen. Pfingsten gehen wir auch nach Hause. Denke dir, wie schön es wäre, wenn wir alle drei zusammen ankämen. -- Martin will uns abholen. Weißt du dort auf dem Rain, wo der Weg aus dem Walde kommt, dort wartet er schon am Mittag, wenn wir auch erst um fünf Uhr kommen. Er hat’s gesagt, und das letzte Stück fährt er in der Postkutsche mit uns.“
Hier sah sich Philipp forschend um und fragte ganz erstaunt: „Wo ist denn Hans? Er ist doch nicht krank? Fehlt ihm was? Er ist doch auch mit dir hier zum Lernen?“
Da verdunkelte sich Susens Gesicht aufs neue, und sie erzählte bitterlich weinend alles, was sich zugetragen hatte. Und plötzlich kam Leben in den stillen, zurückhaltenden Gebirgsbewohner, und er rief blitzenden Auges: „Ist der Bursch, der mit Sand geworfen hat, vielleicht so ein kleiner Knirps, dünn wie ein Wollfaden, der mit den beiden schwarzen Weibsgestellen da herumläuft? Himmelsapperment, den hab’ ich vorhin gesehen, wie er einem Affen einen kleinen Stein an den Kopf geworfen hat. Da hab’ ich mir gesagt, jetzt noch ein Wurf, und du langst ihm eine, daß ihm der Hut vom Kopfe fliegt. -- Wo ist er?“
„Da drin,“ rief Theobald, auf das Gebäude der Direktion deutend. Und Philipp sprang in großen Sätzen geradeswegs auf die Eingangstüre des Hauses zu.
Theobald eilte in gleichen Schritten hinterdrein, kehrte aber wie der Wind wieder um, als er im Vorraum des Gebäudes plötzlich die Stimme des Wärters hörte. --
Nun währte es nicht mehr lange, da kam auch die übrige Gesellschaft wieder zum Vorschein. Allen voran schritt Philipp, Hans an der Hand haltend. Des jungen Mannes Augen blitzten wie die eines Siegers. Trotzdem hatte er wenig ausrichten können. Der Wärter und die Fremdlinge hatten eben zu fest auf ihrer Behauptung bestanden, Hans sei der Missetäter, als daß er etwas dagegen hätte tun können. -- Aber die Sache sollte noch einmal untersucht werden, hatte ihm einer der Beamten versichert. -- Inzwischen sollte erst mal abgewartet werden, ob das Kamel überhaupt erblinde. -- In diesem Falle werde es Hans zugesprochen werden, und der müsse fünftausend Mark dafür bezahlen. -- Natürlich gehöre das Tier dann ihm.
Nachdem Suse und ihre kleinen Verwandten das Urteil vernommen hatten, trennten sie sich voneinander, Toni, um mit ihren jüngeren Brüdern in die Villa Granada zu gehen und Liselotte abzuholen, Theobald, um mit Philipp und den Doktorskindern ihre Wohnung aufzusuchen.
Suse wich auf dem ganzen Weg dorthin nicht von Philipps Seite. -- Die Aussichten, die Hans auf Freisprechung hatte, mußten mit dem Freund aus der Heimat eingehend beredet werden. -- „Es wird schon alles gut werden, es wird schon alles gut,“ tröstete jener immer wieder. -- Dann sprachen die beiden zusammen über Martin und sein Leiden. Von einem künstlichen Bein, das Hans und sie dem armen, verkrüppelten Freund dermaleinst schenken wollten, wenn sie genügend Geld zusammen hätten, plauderte Suse. Auch von Martins Fertigkeit im Schnitzen. -- Einen wunderschönen Nähkasten habe er neulich ihrer Mutter geschnitzt, und jetzt gedenke er ein Kreuz für die Kirche anzufertigen, erzählte sie.
Mit stillem Stolz hörte Philipp ihren Lobpreisungen zu.
Theobald aber spielte derweil Erzieher bei Hans und rief, ihn am Arm schüttelnd: „Ich hab’ gemeint, ihr seid schon daheim hier und wißt, wie ihr euch zu benehmen habt. Aber läßt man euch mal aus den Augen, wupp, da habt ihr auch schon ein Kamel am Bein und sollt noch außerdem fünftausend Mark dafür auf den Tisch des Hauses legen! Wie auf die Wickelkinder muß man auf euch aufpassen! Gräßlich! Man läßt sich doch nicht so einfach von jedem Lügenbold sagen, daß man was getan hat, wenn es nicht wahr ist. Wozu hat man denn seine männliche Faust? Doch nicht dazu, daß man sie in die Tasche steckt, sondern daß man damit um sich boxt. Verstanden?“
„Ja!“ sagte Hans kleinlaut.
Vor dem Haus der Frau Cimhuber bat Suse ihren Landsmann eindringlich, doch ein wenig mit hinauf zu gehen und Frau Cimhubers Wohnung anzusehen, damit er allen Freunden und Bekannten daheim erzählen könne, wie fein sie wohnten. -- Sie hätten nämlich auch eine Negerstube.
Doch Philipp drückte den Hut tiefer in die Stirn und meinte verlegen, der Pfarrfrau sei es sicher nicht angenehm, wenn ihr ein fremder Mann die Stuben voll Schmutz trage. -- Drum wolle er sich mit ihnen lieber an einem dritten Ort noch einmal treffen. -- Einen Tag bliebe er voraussichtlich noch hier. So verabredeten die drei aus Schwarzenbrunn denn eine Zusammenkunft für den andern Morgen bei der roten Brücke, wo Philipps Kahn lag, nicht weit von Frau Cimhubers Wohnung.
Nachdem diese Verabredung getroffen war, verabschiedete sich die Gesellschaft voneinander.
Und nun wurde es den Geschwistern mit einemmal wieder recht beklommen zu Sinn.
Jetzt hieß es ja, Frau Cimhuber beichten, was sich zugetragen hatte.
Zurzeit saß die Pfarrfrau gerade strickend in der Negerstube und sagte so recht voll Behagen zu Ursel: „Nun müssen die Kinder bald kommen. Ich freu’ mich schon. Es ist so schön, wenn ihre Augen blitzen und sie erzählen. -- Die Jugendzeit kehrt mir wieder ins Gedächtnis zurück. -- Sie haben solch eine lebendige Auffassungsgabe für alles und ein wirkliches Erzählertalent. Nicht wahr?“
-- Da klingelte es schüchtern.
Die alte Magd ging zur Tür, öffnete, sah zwei kreideweiße Nasen, stutzte und schob die beiden Pechvögel stracks vor das Antlitz ihrer Herrin. „Ich will gar nichts hören, ich seh’ schon genug,“ sagte sie.
Frau Cimhuber nahm langsam ihre Brille ab und schaute die Kinder erwartungsvoll an. -- Da standen sie nun. --
Und Suse begann zu erzählen, und je mehr sie erzählte, um so jämmerlicher wurde ihr Ton, und um so größer wurden ihrer Pflegmutter Augen; schwer sanken ihre Hände in den Schoß, und zuletzt stieß Suse schluchzend hervor: „Und der Herr Direktor hat gesagt, Hans bekommt das Kamel. Es kostet fünftausend Mark. Es kommt hierher. Morgen vielleicht schon. Wir dürfen’s behalten.“
„Was sagst du da? Ich versteh’ nicht recht!“ sagte Frau Cimhuber und ließ vor Schreck ihr Strickzeug samt dem Garnknäuel auf die Erde fallen.
Da wiederholte Suse jämmerlicher als vorher: „Und da hat der ‚Granadasohn‘ Jose ein Kamel mit Sand geworfen, Frau Pfarrer, und hat gesagt, Hans hat’s getan, und da hat der Direktor gesagt: Hans soll fünftausend Mark bezahlen und das Kamel gehört dann uns. Ganz bestimmt, das hat er gesagt, Frau Pfarrer. Das Kamel ist dann unser!“
„Das ist zuviel,“ sagte Frau Cimhuber.
Suse aber sah unentwegt nach Ursel hin, die wie verwandelt war. Sie saß da, die Schürze vors Gesicht gedrückt und weinte. „Ein Kamel, Frau Pfarrer,“ rief sie. „Lieber Gott in deinem gerechten, großen Himmel, ein Kamel! Wer denkt denn so was! Alles andere hätt’ ich mir eher träumen lassen, nur kein Kamel! Wenn das so fortgeht, weiß ich nicht, was noch wird. -- Anständige Leute haben überhaupt kein Kamel!“
„Vielleicht hat der Herr Edwin in Afrika eins,“ warf Suse kaum hörbar ein und hoffte durch diesen gescheiten Einfall Ursel umzustimmen.
Aber nichts dergleichen traf ein.
Vielmehr jammerte sie ärger als bislang weiter: „Frau Cimhuber, haben Sie jemals daran gedacht, daß wir noch einmal in unserem Leben ein Kamel bekommen werden? Ich nicht. Nur Bärenführer ziehen damit herum.“
„Aber Ursel, beruhigen Sie sich doch!“ rief Frau Cimhuber. „Das Kamel ist ja überhaupt noch nicht da. Wir wissen ja noch gar nicht, ob es kommt.“
„Es kommt, haben Sie keine Angst, es kommt!“ rief Ursel. „Das sag’ ich Ihnen aber, ich verreise, wenn es kommt. Ich will nicht sehen, wie die Leute die Fenster und Türen aufreißen und lachen, wenn sie’s da unten vor unserer Haustür stehen sehen und warten.“
Hansens Verstörtheit nahm angesichts dieser Verzweiflung zu. Und es war ihm zu Sinn, als habe sich das gräßliche Tier bereits zur Tür hereingedrängelt und wolle nicht mehr weichen.
Mit Suse schlich er hinaus.
„Du brauchst keine Angst zu haben,“ sagte die Schwester, den Arm um ihren Bruder schlingend. „Du hast das Kamel nicht geworfen, und deshalb darf dir auch keiner was tun.“
„Wenn sie’s aber doch glauben, daß ich es gewesen bin.“
„Aber sag’ mal, Hans,“ meinte hier Suse vorwurfsvoll. „Weshalb hast du denn nicht gleich gesagt, daß du’s nicht gewesen bist?“
„Ich hab’ mich so geschämt,“ sagte er leise, „wie sie so gelogen haben. -- Ich habe kein Wort sagen können vor Schreck, Suse. -- Die lügen ja, Suse! Die lügen!“
„Aber Hans, wir dürfen uns nicht alles gefallen lassen,“ mahnte die Schwester. „Das hat auch Theobald gesagt. Wenn wir recht haben, dürfen wir auch sagen, daß wir recht haben.
Du hättest überhaupt nicht bei dem gräßlichen Jose stehen bleiben und zugucken dürfen, daß er geworfen hat. Du hättest weitergehen sollen.“
„Ich bin gar nicht stehen geblieben. Sieh, Suse, ich bin gerade dazu gekommen, wie er das Kamel geworfen hat. Und wie es vor Schreck mit den Augen gezwinkert hat, hat er gelacht. Da hab’ ich ihm gesagt: Laß das sein, das tut ihm weh!
Da sind alle miteinander wütend geworden, am wütendsten die schwarzen Frauen, und haben gesagt: Geh fort, du hast uns hier nichts zu sagen. Du und Suse, ihr seid beide schmutzig und arm.“
„Was?“ rief Suse blitzenden Auges und kirschrot vor Zorn. „Das haben sie gesagt? Oh, wie häßlich!
Das sind die gräßlichsten Menschen auf der ganzen Welt. Und wir sind viel sauberer als sie. Und wir baden uns jeden Tag. Und das schreib’ ich jetzt alles dem Vater und der Mutter hin, und der Vater soll ihnen die Wahrheit sagen. Und sie sollen so Angst bekommen, so Angst, daß sie sich gar nicht mehr aus ihrem Garten ’raus trauen.“ Und die Rede der Fremdlinge wurmte Suse so, daß sie heute abend an nichts anderes mehr denken konnte, sondern mit dem Gedanken daran ihr Lager aufsuchte.
Hans drehte und wendete sich des Nachts unter Stöhnen hin und her. Suse merkte nichts davon.
Am andern Morgen ganz früh waren die beiden schon wach und rüsteten sich für ihren Gang zu Philipp. Frau Cimhuber und Ursel waren mit dem Vorhaben der Kinder einverstanden, denn alle Schritte, die Hans in seinem Abenteuer mit dem Kamel von Vorteil sein konnten, sollten gefördert werden.
Besonders Ursel drängte zum Aufbruch.
„Die ganze Nacht habe ich nicht geschlafen, gerad’ zusammengeschlagen bin ich,“ jammerte sie. „Kein Auge hab’ ich zutun können. Leibhaftig hab’ ich das Kamel vor mir gesehen.“
Die Kinder waren derartig mit ihren eigenen Gedanken beschäftigt, daß sie Ursels Klagen kaum verstanden! Schnell packten sie ein schönes Notizbuch sowie einen Bleistift für Martin zusammen und traten schon um halb sieben Uhr vor die Haustür. Quer liefen sie über die Straße hinüber zum Ufer des Kanals, um an ihm entlang den Weg auf die rote Brücke zu nehmen.
Suse war so ausgelassen und froh heute, wie sonst nur auf ihren Schulwegen daheim. Sie warf den Kopf in den Nacken und rief dem strahlenden Himmelsgestirn über sich voll Übermut zu: „Brenn’ mich ins Gesicht, liebe Sonne, brenn’ mich, es macht mir nichts. Heute macht’s mir nichts. --
Gedörrte Zwetschgen und Apfelschnitzen will Philipp uns schenken,“ fuhr sie dann eifrig zu ihrem Bruder fort. „Er hat’s mir gestern versprochen. Er hat noch welche von zu Hause. Gestern hat er gesagt, er will uns heute welche geben.“
„Oh, wie freu’ ich mich,“ rief Hans, „die mag ich ja so gern.“
Die beiden eilten schneller als bislang vorwärts. Nur zehn Minuten hatten sie noch bis zum Ziel ihrer Wanderung. Je näher sie ihm kamen, desto aufgeregter wurden sie. Zuletzt sprachen sie kaum noch ein Wort. Ihre Blicke richteten sich gespannt geradeaus. Jetzt tauchte das Gemäuer der roten Brücke auf und die eisernen Lichterträger an ihren Enden. Jeden Augenblick mußte jetzt ihres Freundes Philipp hohe Gestalt dort zu sehen sein. Sicher wartete auch er schon voll Ungeduld auf seine Landsleute. Nur noch ein paar Schritte, dann standen sie am Ziel. Doch enttäuscht sahen sie sich um. -- Kein Philipp war zu sehen, und am Ufer lag sein Kahn nicht mehr. Weithin auf und nieder konnten sie über das Wasser des Kanals sehen, aber kein Lastkahn schwamm auf seinen toten Fluten. Nur der Sonnenschein spielte darauf, und der Strahlen Blinken traf zuweilen wie spitze Nadeln die Augen der Kinder.
Keines von den Geschwistern sprach ein Wort. Traurig sah Suse auf Martins Geschenk und dachte bei sich, daß Philipp wohl im Morgengrauen, als alle noch schliefen, an Frau Cimhubers Haus vorübergefahren sei und keinen Gruß in die Heimat mitgenommen habe.
Minutenlang verharrten die beiden so in gedrücktem Schweigen, bis Hans schließlich leise sagte: „Er ist fort.“
Suse nickte mit Tränen im Auge. Wieder verfielen die beiden in Stillschweigen. Dann zupfte Hans plötzlich seine Schwester am Ärmel und zeigte auf ein paar Arbeiter, die am Rande des Kanals standen und Steine aufschichteten.
„Wollen wir die nicht fragen, ob sie nicht wissen, wann Philipp fort ist?“ meinte er schüchtern.
Suse stimmte ihm zu.
Und er ging langsam von der Kanalbrücke herab auf eine Treppe zu, die von dem hochaufgebauten Straßendamm hinunter zum Kanal führte. Suse folgte ihrem Bruder herzklopfend und hörte, wie er den Arbeitern, die hemdsärmelig und sich laut unterhaltend, am Ufer verweilten, seinen Morgengruß bot.
Jene hielten mit Arbeiten inne und hörten dem Anliegen zu, das er ihnen vorbrachte. Der eine von den Leuten, ein stämmiger und verwegen aussehender Geselle, nickte mehrmals zu Hansens Reden. Und plötzlich spie er einen Mund voll ausgekauten Priemtabaks scharf über Hansens Kopf weg, mitten in die Steine hinein, worauf er, auf Suse deutend, fragte: „Gehört die zu dir?“
Das kleine Mädchen fuhr erschreckt zusammen und nickte mehrmals aus der Ferne.
„Dann stimmt’s mit euch,“ meinte der Riese da vor ihnen in versöhnlichem Ton. -- „Dann gehört ihr dem Doktor aus Schwarzenbrunn? So ist’s doch? Gelt?“
„Ja,“ riefen beide.
„Dann kommt mal her. -- Einer von denen, die heute morgen mit dem Kahn fort sind, hat gesagt, es kommt ein Bub und ein Mädchen, die gehören dem Doktor aus Schwarzenbrunn. -- Das seid ihr doch, gelt? Denen soll ich ein Säckchen voll Apfelschnitzen und Zwetschgen geben.“ -- Damit griff er in eine Höhlung zwischen den Steinen und holte einen karierten Beutel hervor. Über Susens Gesicht ging ein Leuchten, als sie des Säckchens ansichtig wurde. Solche karierten Beutel hatten ja alle Leute von daheim. Christine und die Eltern von Susens Freundin und Rosel, alle, alle. Darin nahmen sie ihr Vesperbrot mit, wenn sie zur Arbeit aufs Feld gingen.
„Da nehmt,“ sagte jetzt der Mann, indem er ihnen das Säckchen reichte und abermals einen Strahl Tabaksbrühe pfeilgerade zwischen Hans und Suse durchschickte. -- „Ich soll euch von dem Philipp aus Schwarzenbrunn sagen,“ fuhr er fort, „daß er eure Grüße daheim ausrichtet. Er mußte schon früher fort, als er gemeint hat.“
„Danke, danke vielmals,“ rief Suse, und griff nach dem Beutel, in dessen straffgespannter Leinwand die Form der getrockneten Früchte deutlich zu erkennen war.
„Und wann ist der Kahn fortgefahren? Wissen Sie es noch?“ fragte sie, „bitte, bitte.“
„Oh, so eine Stunde,“ meinte einer von den Männern.
„Dann holen wir ihn noch ein,“ jubelte Suse. „Komm, Hans, komm. Martins Geschenk soll er ja auch noch mitnehmen.“
Und nachdem die Kinder die Richtung erfahren hatten, die der Kahn eingeschlagen hatte, liefen sie davon. Die rote Brücke lag an den Grenzen der Stadt, und so kam es, daß sie das Häusermeer bald hinter sich hatten. Nur vereinzelte Villen trafen sie noch auf ihrem Wege. Doch auch die blieben binnen kurzem hinter ihnen zurück, und sie waren im Freien.
Nachdem sie eine halbe Stunde, mehr laufend als gehend, zurückgelegt hatten, blieb Hans plötzlich stehen und erklärte, er sei zu müde, um weiter zu rennen. Auch Suse hielt erschöpft im Laufen inne. --
Drei Kähne hätten sie schon angetroffen, meinte Hans, und auf keinem wäre Philipp gewesen. -- Wer wisse, ob er vielleicht nicht doch auf einem gewesen sei und sie hätten ihn nur nicht erkannt. --
„Wir kennen seinen Kahn ja gar nicht,“ erklärte er. „Und wir können doch nicht nach jedem Kahn hinüberrufen, ist der Philipp dort?“
Eine Weile blieb Suse nachdenklich stehen, und dann kam auch ihr die Einsicht, daß es Torheit sei, weiter zu laufen. So schlug sie denn ihrem Bruder vor, eine kleine Rast am Wege zu nehmen. Er war’s zufrieden, und beide setzten sich unter einem Pappelbaum auf der grünen Böschung nieder, die zum Kanal hinabführte, und sie fanden es sehr schön hier. Niemand störte sie. Tiefe Stille herrschte ringsumher. Nur die Blätter der Pappel über ihnen schüttelte leise der Wind, und es hörte sich an wie Regenrauschen. Doch nur das helle Sonnengold rieselte durch die Zweige zur Erde nieder, wo die Kinder saßen.
Drüben auf der andern Seite des Kanals war eine hohe Parkmauer zu sehen. Schwere Buchenzweige hingen darüber. Eine kleine Tür führte aus der Mauer zum Wasser hinab. Sicher wohnten dort auch Leute, die ein so schönes Haus hatten wie die Granadakinder, durchschoß es Suse. Und vielleicht, vielleicht waren auch sie so lieblos und unfreundlich.
Doch sie hatte keine Zeit, diesem Gedanken nachzuhängen, denn Hans hatte bereits den karierten Beutel geöffnet und ihr den ganzen Inhalt in den Schoß geschüttet. -- Apfelschnitze und Birnen lagen kunterbunt vor ihren Augen und lachten sie verführerisch an.
„Viel, viel schöner sind sie als die, die uns Ursel kocht,“ meinten beide und langten tüchtig zu. Dann teilten sie den Rest in zwei gleiche Hälften, eine für Hans, die andere für Suse. -- Gretel und Peter in der Schule sollten auch ihr Teil davon bekommen.
Als sich die Kinder nun eine gute Weile ausgeruht hatten, dachten sie endlich daran, daß es Zeit sei, in die Stadt zurückzuwandern. Zuvor aber faltete Suse schnell noch einmal das Papier auseinander, das Martins Geschenke enthielt, betrachtete sie mit seitlicher Kopfhaltung zärtlich und sagte leise, indem sie vorsichtig darüber streichelte: „Wunderschön.“ --
„Wir bringen es Martin mit, wenn wir nach Hause gehen,“ meinte sie halb zu Hans gewandt, halb sich selbst zum Trost.
Der Bruder stand auf und steckte seinen karierten Beutel in den Ranzen. Dann setzte sich das Geschwisterpaar in Bewegung der Stadt zu.
In der Schule, wo Hans mit Theobald und seinen Geschwistern zusammentraf, wurden die Ereignisse des gestrigen Tages mit größter Erbitterung durchgesprochen. Unternehmungslustig und rachelüstern glänzten die Augen der Vettern wie die von Banditen. Sie hatten sich einen Plan zu Hansens Rettung ausgesonnen. Wie das Licht des Tages sollte seine Unschuld glänzen, erklärten sie und forderten den Pechvogel deshalb auf, sich um drei Uhr mit Suse am Kriegerdenkmal einzustellen. Dort sollte er alles erfahren.
„Die Fremdlinge sollen vor uns zittern wie die Hasen,“ riefen sie, „die Kinnbacken sollen ihnen schlottern, die Knie sollen ihnen einknicken, das Herz soll ihnen in die Hosen rutschen, alles durch unsere tipp toppe Umsicht.“
Daheim trafen die kühnen Rettungsengel dann emsig Vorbereitungen zu den Taten des Nachmittags. In einer Geheimsprache klärten sie zuerst die Schwester und Vertraute Toni über ihre Absichten auf, und nach Tisch verschwanden sie in wilder Flucht im Garten.
Wieserl, der kleine, kugelrunde Knirps, ihr jüngstes Schwesterchen, das Mühe hatte, auf seinen dicken, kurzen Beinen zu stehen, stolperte hinterdrein, um auch ihr Teil an der allgemeinen Aufregung zu haben. Sie fiel der Länge nach mitten auf dem Kiesweg hin und lag schreiend und zappelnd dort. Dann raffte sie sich wieder auf und setzte die Verfolgung fort.
Schließlich, als sie einsah, daß all ihr Laufen nichts nützte, kehrte sie wieder um.
„Mutter, Vater,“ sprudelte sie hastig heraus, „der Jockel... und der Jockel... und in den Korb gesetzt, und Stroh und Heu... und alle fort, aus der Gartentür... der Jockel in dem Korb, und der Jockel und alle haben sie einen Stock. -- Und ade, Wieserl, haben sie gesagt, und Toni hat geweint.“
Der Vater schüttelte seinen Kopf. Er hätte ihn aber noch viel mehr geschüttelt, hätte er jetzt schnell mal einen Blick auf seine Sprößlinge werfen können.
Beim Kriegerdenkmal standen sie, Hans und Suse in ihrer Mitte, und sahen begeistert zu ihrem Führer Theobald auf, der wie ein Held auf der zweiten Stufe des Denkmals stand und einen Korb im Arm hielt. Er redete: „Geliebte Freunde, ihr wißt, hier drin im Korb sitzt der Jockel, unser Eichhörnchen. Der soll uns heute aus Not und Gefahr erretten. Ihr wißt, zweimal hat diesen armen Jockel der miserable Granadasohn Jose mit Sand geworfen. -- Also hat er auch das Kamel geworfen. Was ein Häkchen werden will, krümmt sich beizeiten. -- Wer das Eichhörnchen mit Sand wirft, wirft auch das Kamel, darum schreiten wir jetzt zur Rache. Wir lassen uns zuerst bei dem Onkel Gustav in der Villa Granada melden. Ihr haltet euch höflich im Hintergrund. Ich rede. Erst kommt die Geschichte von dem Kamel daran, darauf die mit unserem Jockel. Auf ein Zeichen von mir trittst du, Henner, vor, öffnest den Deckel von dem Korb und hebst das kranke Eichhörnchen ihm entgegen.
Das wird ihn an die Wand werfen. Er wird blaß werden bis in die Lippen und an die Schuld seiner nichtsnutzigen Söhne glauben.
Dies wäre Fall Nummer eins.
Nun kommt Fall Nummer zwei. Das wäre, wenn der Onkel nicht da wäre. Also ist er nicht da, so müssen wir die Granadasöhne in das große Billardzimmer bitten, dort haben wir Platz und können uns umdrehen.
Zuerst verlangen wir kurz und bündig, daß Jose seine Schuld bekennt. Ganz gemäßigt werde ich sein. Sagt er die Wahrheit nicht, so öffnest du, Henner, auf ein Zeichen meiner Hand den Korb. Schweigend gehen meine Blicke zwischen dem Eichhörnchen und den Granadasöhnen hin und her. Kein Wort fällt. Macht dies alles nun noch keinen Eindruck, so tut ihr das Eichhörnchen hübsch in seinen Korb zurück. Und nun beginnt der Kampf. Auf ein Zeichen von mir schreiet ihr alle: „Hurra, hurra, Rache, Verderben den Lügnern, den Feiglingen!“ Und dann fallen wir über sie her und klopfen sie windelweich, bis sie die Wahrheit bekennen. Dann ziehen wir uns befriedigt zurück.
Es wird ein harter Kampf werden. Wir sind vier gegen drei. Die zwei von ihnen sind aber viel älter als wir und glatt wie die Aale. -- Ich habe mir aber schon gestern und heute die japanische Boxermethode angesehen. -- Feines Buch. -- Kostet zehn Pfennig. -- Ich werde mich bewähren.
Es kann auch sein, daß sich das ganze Haus dazwischen wirft. Aber aushalten! Verstanden!“
Die Knaben nickten.
Toni und Suse standen zitternd daneben.