Hans und Suse in der Stadt

Part 8

Chapter 83,762 wordsPublic domain

Und jetzt, da ihr erster Schreck verwunden war, empfand Suse etwas wie Bedauern über soviel Alltäglichkeit. Es wäre ihr nun gar nicht unlieb gewesen, wenn plötzlich einer der Knaben ein paar ausländische Purzelbäume geschlagen oder sonstige Allotria getrieben hätte. Aber keiner tat ihr den Gefallen. Sie gingen im manierlichsten Schritt von der Welt einher.

Da raunte Hans plötzlich seiner Schwester zu: „Sieh, dort an der Seite des Schlosses, das niedere Haus, das ist die Garage, wo wir das Automobil damals besehen haben.“

„Herrgöttle, Herrgöttle, haben wir dabei geschwitzt,“ ließ sich nun auch Theobald vernehmen. -- Noch hatte er nicht ausgeredet, da horchte Suse erschreckt auf. Ein überaus häßliches Geschrei, wie sie es in ihrem ganzen Leben noch nicht vernommen, hatte ihr Ohr getroffen. Und als sie in die Richtung blickte, aus der es kam, sah sie auf dem grünen Rasenplatz, der sich bis zur Terrasse hinüber erstreckte, einen wunderbaren Vogel spazieren gehen.

„Der Pfau,“ sagte Hans mit geheimnisvoller Stimme. -- Suse betrachtete das Tier mit Staunen. Wie eine königliche Schleppe ließ er seinen prächtigen Schweif am Boden hinschleifen, und ehe sie sich’s versah, hatte er ihn wie einen Riesenfächer entfaltet, so daß all die schillernden Kreise in seinem Gefieder wie grüngoldene Kugeln glänzten. Und der kleine Federputz auf der Mitte seines Hauptes zitterte dazu wie feine Perlen, die auf zierlichen Stäbchen stecken.

„Oh, wie schön,“ sagte Suse leise, „wenn der Vater und die Mutter doch auch einen solchen Vogel hätten!“

Zögernd, mit rückwärts gewandtem Gesicht folgte Suse der übrigen Gesellschaft.

„Komm, komm,“ drängte schließlich der Bruder, sie bei der Hand fassend, „die andern sind ja schon fort, wir müssen hinterdrein.“

Und auch Theobald, der wieder zurückgekommen war, mahnte: „Komm schnell, Suse, wir wollen gemeinsam in die Höhle der Löwen.“

Widerstrebend folgte sie der Aufforderung.

Da plötzlich blieb Theobald stehen, klapperte mit den Zähnen und sagte flüsternd: „Himmel! Himmel! Da vorn steht sie und hat die Kinnladen auseinandergeklappt wie ein Scheunentor! Himmel! Himmel! Sie schnalzt mit der Zunge! Was wird das geben! Mein Herz! Mein Herz! In den Hosen sitzt’s mir schon! Jetzt halt deine Ohrläppchen fest!“

Suse zitterte am ganzen Körper und schaute erbleichend geradeaus. Dort mitten im Weg standen zwei kohlpechrabenschwarze Frauen und musterten die Kinder. Das Weiß ihrer Augen und die blanken Zähne leuchteten gespensterhaft aus ihren nachtschwarzen Gesichtern. Wie mit Blutstropfen betupft, so kamen Suse ihre Augenränder vor.

Im Gebüsch des Weges hatten diese unheimlichen Gestalten sicher auf die Kinder gelauert und wollten sie nun überfallen.

„Sag’ ihr guten Tag, und küß ihr die Hand. -- Die rechts mit dem großen, hohlen Zahn ist’s,“ drängte Theobald. „Schnell, schnell, sonst stürzt sie sich auf dich los und dann -- adieu Ohrläppchen.“ --

Suse war nicht imstande, einen Schritt zu tun, so lähmte ihr der Schreck alle Glieder.

Erst ganz allmählich kam ihr die Besinnung wieder, und dann dachte sie nur auf ihre Rettung.

Wie ein Pfeil flog sie über den Rasenplatz der Terrasse zu an dem Pfau vorüber, der mit gellendem Geschrei aufflog und wie ein lebendig gewordenes Heubündel neben ihr herrauschte.

Drüben auf dem Weg drängte sie sich an ihre ältere Cousine an und flüsterte klopfenden Herzens: „Sieh, Liselotte, die gräßlichen Frauen, die Tante Josepha geht dort, dort, guck, guck!“

Das junge Mädchen wandte sich um und erblickte die schwarzen Frauen jenseits des Rasenplatzes; zu gleicher Zeit aber auch ihren Bruder Theobald, der, sich die Seiten vor Lachen haltend, des Weges kam. Da wußte das junge Mädchen Bescheid, und die Hand ihrer kleinen Verwandten durch ihren Arm ziehend, sagte sie beruhigend: „Das sind zwei Dienerinnen, die Kinderfrauen von Concha, Jose und den andern. Die tun dir nichts, sei nur still.“

Suse atmete erleichtert auf. Theobald aber blieb weit zurück und zwar um so weiter, je häufiger seine Schwester nach ihm hinsah.

Und nun währte es nicht mehr lange, da sollten die Doktorskinder die echte, die wirkliche, die leibhaftige Tante Josepha zu Gesicht bekommen. Im Kreise der übrigen Kinder betraten Hans und Suse die Villa Granada. Es war ein prächtiges Gebäude mit schöngeschnitzten Möbeln in allen Zimmern, mit kostbaren Teppichen auf den Fußböden und farbenprächtigen Bildern an den Wänden.

Von den einzelnen Gegenständen konnten die Geschwister aber kein genaues Bild bekommen. Nur im allgemeinen hatten sie die Empfindung, in einem reichen glänzenden Palast zu sein, wo alles herrlich und fremdländisch aussah. Da, als sie einen großen Saal betreten hatten, rauschte es mit einemmal wie von seidenen Kleidern.

„Sie kommt!“ flüsterte Theobald.

Unwillkürlich faßte sich Suse mit beiden Händen an die Ohren.

Hinter einem Vorhang hervor, der zwischen zwei Türen hing, trat eine große, stolz aussehende Dame.

Es war Tante Josepha.

Die Kinder wichen einen Schritt zurück. Die kleinen Mädchen machten einen Knicks aus der Ferne und die Knaben ihre Verbeugung.

Eisigkalt wehte es von der fremden Dame her. Und selbst die Dreistigkeit der Sausewinde war wie eingefroren.

Und doch war die Dame, die dort eingetreten war, keineswegs die Wetterhexe, als die Theobald sie geschildert hatte. Im Gegenteil, sie war eine sehr schöne Frau. Und wie sie so dastand, die großen dunklen Augen fragend auf die Kinder geheftet, die Schleppe ihres prächtigen Gewandes leicht nach vorn geworfen, erinnerte sie an ein schönes Bild.

Aber an der Nasenspitze konnte man dieser hochmütig blickenden Frau es ansehen, wie von Herzen gleichgültig ihr der ganze Besuch war.

Selbst Theobald, der noch vorhin seinen Geschwistern vorgehalten hatte: „Merkt euch, liebe Kinder, den schönen Vers: Denn wo du schlecht wirst aufgenommen, da mußt du recht bald wiederkommen, und geniert euch nicht,“ wünschte sich mit einemmal über alle Berge. Sein Vetter Hans aber stand da, die Augen fest auf die fremde Dame gerichtet, als erwarte er ein Wunder.

Da fiel Theobald seines Vetters verstörtes Gesicht auf, und er raunte ihm zwischen den Zähnen zu: „Guck doch nicht wie ein geschlachteter Ziegenbock, der nicht mehr meckern kann!“

Und Hans, der seines Vetters albernste Bemerkungen als köstliche Witze empfand, konnte sich nicht mehr zusammennehmen und platzte mit einem Male los.

Die fremde Dame sah lange verwundert nach ihm hin. Und er drückte entsetzt beide Hände vor seinen Mund.

Aber was nützte es! Noch ärger als zum erstenmal wurde sein Lachen; denn Theobald flüsterte ihm in die Ohren: „Du kannst mir’s glauben, die Dame Josepha hat den Starrkrampf! Drum starrt sie so!“

Und Hans wünschte sich weit weg auf einen hohen Berg, wo er sich vor Lachen hätte wälzen können ob dieser großartigen, dieser herrlichen, dieser unvergleichlich schönen Witze.

Nun mußte er aber wie ein Soldat hier stehen und abwarten, was die nächste Minute ihm brachte.

Suse war noch immer in ihrer Verzauberung befangen und sah regungslos auf die stolze Dame vor ihr. Sie kam ja nicht auf ihre Gäste zu, wie Susens Mutter es daheim bei Einladungen zu tun pflegte, und gab jedem Kind freundlich die Hand. -- Sie musterte sie nur mit kaltem, leicht spöttischem Blick.

Da wäre es schon unterhaltender gewesen, sie wäre wirklich ein schwarzes Fabelwesen gewesen und hätte Kuchenstücke und Mohrenköpfe um sich geworfen und sonstige lustige Faxen getrieben.

„Uff,“ sagte Theobald mit einemmal, denn seine Tante und Liselotte hatten das Zimmer verlassen, und die Kinder waren allein.

Suse und ihre kleine, fremdländische Cousine maßen sich mit stummem Blick noch immer aus der Ferne. Toni setzte sich ans Klavier, um ein Lied zu spielen. Die Granadasöhne ließen sich in die tiefen, weichen Sessel fallen, und ihre Vettern aus der Stadt folgten ihrem Beispiel mit angenommener Nachlässigkeit.

Wie die Paschas saßen sie dort, die Beine gekreuzt, die Arme verschränkt, und sahen einander herausfordernd an.

Nur Hans stand hinter dem Sessel Theobalds wie ein Gewächs, das einer Stütze bedarf, denn sein Vetter hatte ihm eben zugeraunt: „Bleibt möglichst in meiner Nähe, du und Suse. Sie wollen sich über euch lustig machen; das will ich ihnen austreiben.“

„Fein war’s heute in der Reitbahn,“ begann einer der ‚Granadasöhne‘ die Unterhaltung. „Ich hatte einen famosen Gaul. Nächstens darf ich in der Quadrille mitreiten.“

„Entsetzlich! Sie fangen schon an zu protzen,“ raunte Theobald seinem Vetter unter der vorgehaltenen Hand zu.

„Du, Hans, reitest du auch?“ wandte sich der „Granadasohn“ an den verblüfften Knaben.

„Ja,“ rief Theobald laut.

„Fällt mir gar nicht ein,“ erwiderte Hans und begann zu lachen. „Ich hab’ ja kein Pferd.“

„Dann reitest du also nicht?“

„Mein Gott, bist du schwerhörig?“ rief Theobald, „soll er vielleicht auf einem Besenstiel reiten, wenn er kein Pferd hat?“

Alles lachte. Nur Toni warf ihrem Bruder einen entrüsteten Blick zu und schüttelte ihr Haupt.

Er aber saß mit unbeweglichem Gesicht da, die Arme fest verschränkt und rüstete sich auf weitere Angriffe.

„Dummes Zeug,“ verwies hier einer der Fremdlinge denjenigen seiner Brüder, der Hans ausgefragt hatte. „Wie kannst du nur fragen, ob Hans reitet. In diesen Kuhdörfern in den Bergen, wo er her ist, gibt’s doch keine Pferde. Nichts gibt’s dort, einfach nichts. Schauderhaftes Leben.“

„Ja, selbst die größeren Hammelsbraten und Ochsen findet man hier,“ warf da Theobald herausfordernd ein.

Die Augen der Fremdlinge blitzten; sie bemeisterten sich aber noch, und einer suchte Zigaretten hervor und bot sie im Kreise herum an.

„Du rauchst doch auch,“ wandte er sich an Hans.

„Nein,“ rief Theobald, „er darf es nicht, er ist viel zu klug dazu. Ihr wißt doch, je klüger die Leute, je gefährlicher für sie das Rauchen. Ich möchte an eurer Stelle gar nicht sagen, daß ich’s so gut vertragen kann.“

In diesem Ton ging die Unterhaltung weiter. Es war nun mal so und nicht zu ändern. Fremdlinge und Sausewinde konnten einander nicht ausstehen, vielleicht weil einer dem andern seine Vollkommenheit im Protzen und Aufschneiden übelnahm. Was das Aufschneiden anbetraf, gebührte entschieden Theobald die Palme, was das Protzen anbelangte, eher den Fremdlingen.

Im Laufe des Nachmittags gerieten die beiden Parteien häufig hart aneinander, und es sah aus, als sollte es zu einer regelrechten Schlacht kommen.

Da erschien aber noch zur rechten Zeit der Diener und meldete, daß der Teetisch gedeckt sei. Die Kinder sprangen auf und drängten in das Eßzimmer, um dort an einem einladend hergerichteten Tisch Platz zu nehmen.

Trotzdem verging Suse die Lust auf die appetitlichen Kuchen, die sie aus silbernen Körben anlachten; denn gerade als sie einen Mohrenkopf zum Munde führen wollte, öffnete sich die Tür und die schwarzen Frauen von vorhin tauchten zum zweitenmal auf.

Suse blieb der Bissen im Munde stecken. Lautlos wie Fledermäuse strichen die Fremden hinter Susens Stuhl vorüber und kamen jenseits des Tisches wieder zum Vorschein, beim Bedienen helfend.

Jedesmal bei ihrem herankommen lief dem kleinen Mädchen ein Gefühl über die Haut, als fließe ihr kaltes Wasser den Rücken hinunter.

Während nun Susens Aufmerksamkeit auf die Schwarzen allein gerichtet war, hatte ihre kleine Verwandte Concha sie die ganze Zeit mit spöttischem Blick angesehen, vor allem aber ihr berühmtes Schmuckstück scharf ins Auge gefaßt.

„Ist die Brosche von Gold?“ fragte sie mit einem Male laut.

Alle sahen nach Susens Talisman und lachten.

„Ist sie von Gold?“ fragte Concha noch einmal.

Suse wußte nicht, was antworten. Hans aber wurde es ungemütlich zu Sinn, und er hätte gern die Geschichte von dem Prinzen und seiner Bewunderung für das Stiefmütterchen erzählt. Aber er fürchtete, in der Mitte stecken zu bleiben und die Sache noch schlimmer zu machen.

Suse wäre jetzt am liebsten mitsamt ihrem Stiefmütterchen aufgesprungen und davongelaufen, durch die Tür in den Garten und auf die Straße. Es war ja nichts hier, wie sie erwartet hatte; im Gegenteil, eine Enttäuschung folgte der andern. -- Auch der Onkel war nicht da, der doch so viele schöne Geschichten wußte, wie Toni vorhin Suse erzählt hatte, und einem die ausgestopften Tiere zeigte. -- Er hatte unerwartet verreisen müssen.

Da war es denn eine große Erleichterung, als Liselotte erschien und den Kindern verkündete, sie möchten unter der Aufsicht der schwarzen Frauen in den Zoologischen Garten gehen. -- Sie bliebe hier bei ihrer Tante.

„Wie schön,“ entfuhr es halblaut Susens Mund. Und auch Hans leuchtete die Freude aus den Augen.

Die Löwen, Tiger, Leoparden, all die wilden Tiere im Zoologischen Garten kamen den Kindern mit einem Male anheimelnder vor als die ganze Einwohnerschaft der Villa Granada zusammengenommen.

Schnell fand nun der Aufbruch statt. Von der fremden Dame brauchten sich die Kinder nicht zu verabschieden; denn sie hielt sich eingeschlossen in einem entfernten Zimmer und wollte niemand sehen. Und es war auch ganz gut, daß ihre kleinen Besucher ihr Gesicht nicht zu sehen bekamen. Zuviel Widerwillen gegen ihre Gäste malte sich darin, als daß es sie nicht hätte bitter kränken können.

Von den schwarzen Frauen geleitet, verließen die Kinder den Garten der Villa Granada.

„Jeder lacht, wenn er uns anguckt,“ meinte Theobald, als sie das Freie erreicht hatten. „Guck, Suse, wie die dort drüben den Mund aufsperren und uns mit unseren schwarzen Tintenfischen angaffen!“

Und damit wies er auf einige Leute jenseits der Straße.

Suse achtete nicht auf ihn und seine Reden. In Gedanken weilte sie bereits weit weg, und wie im Nebel verschwand die Villa Granada hinter ihr.

Vor dem Zoologischen Garten verabschiedeten sich die beiden ältesten Fremdlinge von der Gesellschaft, da sie die fremden Tiere nicht interessierten, wie sie behaupteten.

Theobald zauderte einen Augenblick. Auch er wollte den feinen, übersättigten Herrn spielen.

Aber mit aller Gewalt zog es ihn doch vorwärts in den Garten hinein.

Als die Kinder den großen, breiten Weg betreten hatten, der mitten durch den Zoologischen Garten führte, ging Suse bescheiden in züchtiger Haltung vorwärts, als schritte sie durch eine Kirche. Ihr Herz klopfte erwartungsvoll. Die bunten Papageien und Kakadus, die, auf hohen Stangen an kleinen Ketten angeschmiedet, rechts und links vom Wege saßen, schien sie kaum zu beachten.

Ihre Gedanken weilten schon beim König der Tiere.

„Der Löwe,“ murmelte sie leise vor sich hin. „Ach, wenn ich ihn doch nur schon sähe!“

„Sollst du, mein Herzblatt, darfst ihm auch einen Kuß geben,“ sagte Theobald tröstend an ihrer Seite. Und er richtete es so ein, daß die ganze Gesellschaft ihren ersten Gang auf die Raubtierkäfige zu nahm. Hinter den Gittern hervor sahen die Doktorskinder zuerst nur die gelben Felle der Tiere schimmern. Ihre Gestalten konnten sie noch nicht erkennen. -- Aber jetzt, als sie näher kamen, erblickten sie den König der Tiere und stutzten. Ruhig und majestätisch lag er da, den mächtigen Kopf mit der schweren Mähne stolz erhoben, das Auge regungslos ins Weite gerichtet. Suse klopfte das Herz bis zum Halse; sie verlangsamte ihren Schritt und blieb dann zitternd stehen. -- Der Löwe war aufgesprungen und dicht an das Gitter getreten und ging jetzt mit lautlosen Schritten dort auf und nieder, die Stäbe mit seinem Fell streifend. Und gleichsam einer unsichtbaren Macht gehorchend, hielt er plötzlich im Wandern inne und wandte sein gewaltiges Haupt Suse zu.

Witternd erhob er seine Nase und richtete seine feurigen, funkelnden Augen fest auf sie. Und mit einemmal riß er das Maul auf und brüllte schauerlich.

Suse schrie mit und eilte in großen Sprüngen von dannen.

Ängstlich wandte sie sich schließlich um und sah die andern Kinder lachend am Käfig des gefährlichen Raubtiers stehen. Da kehrte auch sie wieder um, schlich langsam heran und stand lange bei ihnen, den Löwen mit Ehrfurcht betrachtend.

Angesichts ihres weibischen Zagens wuchs Theobalds Mannesmut ganz gewaltig, und für die nächste halbe Stunde spielte er sich in unerträglichster Weise als der Kinder Beschützer und Berater auf. Seine weisen Belehrungen nahmen kein Ende.

„Das ist der Königstiger, seht, meine lieben Kinder,“ begann er vor einem Käfig, in dem ein abgemagertes Tier sich aufhielt.

„Der Königstiger ist eine aus fremden Erdteilen stammende Bestie und keine Kuh, wie ihr euch vielleicht bei diesem Prachtexemplar einbildet. Dies ist nämlich der Abklatsch einer Kuh. Es hat magere Beine, Krallen wie Hufe und einen spärlichen Haarwuchs. Anstatt, daß er durch das Dschungel schleicht und auf Beute auszieht, kann er sich jetzt mit seinem ausgefransten Schwanzstummel die Mücken abwedeln.“

„Genau wie Onkel Fritz redest du,“ seufzte Toni, „oh, es ist ein Elend. Alles plapperst du ihm nach! Mutter sagt auch, du bist sein ganzer Abklatsch.“

Zum Glück hörte außer Toni niemand sonderlich auf des unverbesserlichen Theobalds Reden, ging doch jeder seine eigenen Wege.

Hans und Suse waren bald bei den Affen, dann bei den Rehen, dann bei den Elefanten, auch beim Wolfe zu sehen. Wie schön war dieser Nachmittag nun doch noch geworden! Viel, viel schöner, als es sich die Kinder noch vor kurzem hatten träumen lassen.

Wie sie so durch den Garten schritten, kam es, daß ihre Wege sich trennten. Hans interessierte sich für die Tiere im Aquarium mehr als Suse, und so lief sie denn allein weiter.

Nach geraumer Zeit traf sie mit Theobald zusammen, der sich eine halbe Stunde lang mit dem Wärter eines Schimpansen unterhalten hatte und der nun, durch diese Auszeichnung geschmeichelt, wie auf Stelzen ging.

Natürlich zögerte er nicht, seine eben erworbenen Kenntnisse der Cousine brühwarm zu unterbreiten. Und über Schimpansen, Gorillas und Orang-Utans redend wie ein berühmter Zoologieprofessor, schlenderte er mit ihr weiter und hörte erst mit Reden auf, als er mit ihr vor dem Vogelkäfig stand und an ihren begeisterten Ausrufen hörte, daß sie seine ganze Affenweisheit kalt ließ.

„Ach, wie schön,“ rief sie, „ach, wie schön! hätten wir doch nur zwanzig von diesen Vögeln. Mit zehn wäre ich auch zufrieden. Ach, am schönsten wäre es doch, die Türe plötzlich zu öffnen und alle Vögel herauszulassen,“ meinte sie. „Sicher würde Hans das auch sagen.“

Aber wo war ihr Bruder? Mit einem Male fiel ihr ein, daß sie ihn schon eine ganze Weile nicht mehr gesehen hatte.

„Wo ist Hans wohl?“ wandte sie sich an Theobald.

„Ach, der gafft sicher irgendwo durch ein Gitter und sammelt Kenntnisse.“

Noch hatte der Knabe nicht ausgeredet, da bekam sein Gesicht einen gespannten Ausdruck.

In der Ferne hatte er lautes Schelten gehört. Er lauschte angestrengter. Die Stimmen wurden lauter. „Scht,“ mahnte er, „ist das nicht Hans?“

Nun horchte Suse auch hin. Und im nächsten Augenblick eilten beide auf die Richtung zu, aus der der Lärm kam. -- Sie glaubten, Hans rufen gehört zu haben.

Nach einigen Sekunden sahen sie einen seltsamen Aufzug um die Ecke biegen: die beiden schwarzen Frauen kamen in großer Aufregung daher. Christoph und Henner hefteten sich gestikulierend wie Volksaufwiegler an ihre Fersen. Toni und die Fremdlinge redeten aufeinander ein, und mitten zwischen ihnen ging stolz wie ein Leu der Wärter und schleppte Hans am Rockkragen neben sich her.

Mit verstörten Augen blickte der kleine Knabe um sich und schwebte alle paar Schritte, durch einen Ruck seines Führers aufgehoben, über den Erdboden dahin.

Suse glaubte bei diesem Anblick, die Erde tue sich auf, und stand einige Augenblicke wie versteinert. Dann lief sie schnell auf ihren Bruder zu, packte ihn bei der Hand und rief: „Was ist denn? Was ist denn? Ach, Hans! Ach, Hans!“

„Ach, bitte, bitte,“ wandte sie sich an den Wärter, „lassen Sie Hans los. Weshalb halten Sie ihn so fest?“

„Ja, Sie reißen ihm ja den Arm ab,“ rief nun Theobald, und schon war er mitten im Gewühl drin und fragte unerschrocken, was sein Vetter eigentlich verbrochen habe, daß er wie ein wildes Tier durch den Zoologischen Garten geschleift würde.

Da rief der Mann, dem die Galle anscheinend überlief, Hans habe dem schönsten und teuersten Kamel des Zoologischen Gartens Sand in die Augen geworfen. Das Tier werde sicher blind. -- Es sei eine unerhörte Frechheit. -- Und mit einem Blick auf Theobald, der herausfordernd dastand, erklärte er, Theobald sähe übrigens aus, als brächte er auch so was fertig.

Der Knabe wich ein paar Schritte zurück und murmelte: „Unverschämtheit sondersgleichen!“

Suse aber weinte bitterlich und sagte: „Hans hat noch keinem Tier was zuleid getan. Nie, nie hat er einem Tier was Böses getan.“

Jedoch die Fremdlinge und ihre schwarzen Begleiter nickten fortwährend und sagten: „Ja, ja, er hat’s getan.“

„Bist du’s gewesen?“ fragte da Theobald in wohlabgemessener Entfernung von dem Wärter seinen Vetter.

Hans antwortete nicht.

Da faßte der Frager kurz entschlossen seines fremden Vetters Jose Hand und streckte sie dem Wärter mit den Worten hin: „Sehen Sie, Herr Wärter, dem seine Hand ist ganz voll Sand. Der Lügner hat’s getan, nicht der andere.“

„Mach, daß du fortkommst, stoppelhaariger Dickkopf!“ fuhr ihn der Wärter an, „oder du gehst auch mit.“

In ein paar Sprüngen war Theobald um die nächste Ecke. Der wütende Mann aber verschwand mit Hans und seinen Zeugen, den Fremdlingen, auf der Direktion.

Lange, bange Augenblicke verstrichen für die Zurückbleibenden. Toni und der wiederkehrende Theobald hatten Mühe, Suse zu hindern, ihrem Bruder zu folgen.

„Es geschieht Hans doch nichts, kein Mensch rührt ihn an,“ beschwichtigte Toni immer wieder. Theobald hingegen machte seinen Gefühlen in lauten Worten Luft.

„So eine Gemeinheit wie heute hab’ ich doch noch nie gesehen,“ rief er. „Pfui! Pfui! -- Unser Vater sagt immer, wir sind das furchtbarste Unkraut, das es gibt. Wir färbten auf alle ab. -- Aber so was brächten meines Vaters Kinder doch nicht fertig! Nein, gemein wären wir nie!“

„Weißt du, Henner, mit meinem Eichhörnchen hat Jose dasselbe Experiment gemacht,“ wandte er sich an seinen Bruder. „Seit dem Tage, als er es mit Sand geworfen, hat’s kranke Augen.“

„Ja, ja,“ riefen seine Brüder und brachen in ein wildes Rachegeschrei aus.

Während die Kinder nun so in einer sich immer steigernden Aufregung durcheinander redeten, war drüben an der Einzäunung, hinter der das Rehwild stand, schon eine Weile ein junger Mann zu sehen gewesen, der aufmerksam nach dem erregten Häuflein herübergeschaut hatte. Seiner Tracht und seiner sehnigen Gestalt nach zu urteilen, gehörte er den Gebirgsbewohnern an.

Jetzt, als Suse auf wenige Sekunden die Hände von den Augen ließ, so daß ihr Gesicht voll zu erkennen war, nickte er mehrmals befriedigt vor sich hin und ging dann geradewegs auf sie zu.

„Guten Tag,“ sagte er, vor ihr stehen bleibend. „Gelt, du bist doch Doktors Suse? Ich hab’ mir doch gleich gedacht, das ist Doktors Suse.“

Das kleine Mädchen sah den fremden Mann groß an und wußte einige Augenblicke lang nicht, wen sie vor sich hatte.

Aber mit einemmal ging es wie ein Erwachen über ihre Züge; ihre Augen strahlten, und sie rief glückselig: „Ach, das ist ja Philipp. Wo kommst du her, Philipp? Ach, wie freu’ ich mich! -- Das ist Martins Bruder,“ sagte sie zu den andern, „sein ältester Bruder Philipp, der ihm die schönen Geschenke macht. -- Weißt du, Theobald? du kennst Martin ja auch. -- Wie schön, daß du da bist, Philipp,“ rief sie jetzt dem Freund aus der Heimat zu.

Der junge Mann hielt etwas verlegen des kleinen Mädchens Hand noch immer in der seinen, wußte nicht recht, was damit anfangen und sagte in einem fort: „Wie geht’s denn, Suse, geht’s gut? Geht’s gut?“

Das kleine Mädchen antwortete nicht. Sie sah mit immer leuchtenderen Augen in sein Gesicht. -- Er war ja von daheim, von zu Hause, wo er alles kannte, die Eltern und Michel und Rosel und Christine und den Wald und die Berge und das Doktorshaus und den Garten, alles, alles. Sie meinte im Augenblick, er sei ihr Bruder. -- Sie wollte ihn nicht mehr los lassen.