Part 7
Und sie zog die beiden an sich und umarmte sie in ihrer großen Freude.
„Kommen Sie doch herein, liebes Fräulein!“ wandte sie sich dann an die Begleiterin der Kinder und drückte ihr die Hände und sagte einmal über das andere: „Wie dankbar bin ich Ihnen, daß Sie sie gebracht haben! Wie dankbar bin ich Ihnen; ich kann es gar nicht sagen!“
„Warum seid ihr denn fortgegangen?“ wandte sie sich wiederum an die Kinder.
Und beide sahen sie erstaunt an und sagten kein Wort als Erwiderung und konnten den Umschwung in ihrem Wesen nicht verstehen.
Sie aber redete weiter freundlich zu ihnen wie eine Mutter, führte sie in ihr Schlafzimmer, schenkte ihnen warmes Wasser ein und sagte, sie möchten zu ihr in die Negerstube kommen, wenn sie sich gewaschen und umgezogen hätten.
Und dann führte sie Fräulein Hirt in ihr Staatsgemach und nötigte sie in ihr Sofa, damit sie ihr hier alles erzähle, was sie von den Kindern wisse.
Und nun begann Fräulein Hirt über das Abenteuer der Ausreißer zu sprechen. Und im Laufe der nächsten halben Stunde stellte es sich heraus, daß sie bei den Sausewinden in eine gute Schule gegangen war. Denn sie wußte so zu reden und zu bitten, daß man glauben mußte, Hans und Suse seien die größten Unschuldsengelein, die zurzeit auf dem Erdball herumliefen.
Aber es bedurfte gar nicht ihres Zuredens, um Frau Cimhuber umzustimmen. Sie dachte ja selbst schon ganz anders über die Kinder als früher.
„Was müssen die beiden durchgemacht haben,“ sagte sie einmal über das andere, „was müssen sie durchgemacht haben!“
Und als Fräulein Hirt sich schließlich empfahl, weil es Zeit für sie war, nach Hause zu gehen, da suchte Frau Cimhuber die Geschwister gleich wieder auf und sagte ihnen, sie sollten zu Hause bleiben und sich ausruhen und nicht zur Schule gehen.
Aber Hans spürte trotzdem den Wunsch, es zu tun. Er trank schnell noch einmal eine Tasse Kaffee und lief davon. -- Der gefährliche Gang in das Zimmer des Direktors hatte plötzlich nichts Schreckliches mehr für ihn. -- Lieber zehn Gänge in das Zimmer des Direktors, als noch eine solch fürchterliche Flucht mit Suse, wollte es ihm scheinen. In den Gefahren des Morgens hatte sich sein Mut gestählt und gefestigt. Er fühlte, er würde nun ohne Zittern an der Seite des Naturgeschichtslehrers in das Zimmer des Direktors treten, und wenn er gefragt würde, mit klarer, heller Stimme antworten: „Ich habe die Papierkugel nicht geworfen, Herr Direktor.“ Und man würde ihm glauben.
Aber zu dem schweren Gang kam es gar nicht; denn als Hans vor Beginn des Unterrichts sich noch schnell an seinen Platz drückte, rief ihm Peter zu: „Du, Hans, ich hab’ gestern gesehen, daß Kurt die Kugel geworfen hat, nicht du. Ich hab’ ihm meine Meinung gesagt. Er wird’s sagen, sonst treten wir aus dem Fußballklub aus und fordern unser Geld zurück.“
Und die andern riefen zustimmend: „Ja.“ --
So war Hans gerettet. Und er schämte sich nicht wenig, als er inne wurde, wie schnell eine Sache, von der er so viel Aufhebens gemacht hatte, aus der Welt geschafft worden war.
Suse aber blieb daheim und saß lange Zeit neben Frau Cimhuber auf dem Sofa und hatte ihren Kopf an die Schulter ihrer Pflegemutter gelehnt und hörte, wie diese freundlich sagte: „Willst du denn nicht mehr bei uns bleiben, liebe Suse, gefällt es dir wirklich nicht bei uns? Glaub’ nicht, daß ich dich nicht lieb habe. Ich muß nur immer an meinen Sohn in Afrika denken. Der ist krank, und ich bin in großer Sorge um ihn.“
Und die Pfarrfrau fuhr fort, von ihrem Sohn Edwin zu reden, besonders von seiner Kindheit, und betonte immer wieder, was für ein liebes, gutes Kind er gewesen sei, und wie er ihr stets nur Freude gemacht habe.
„Der wäre nicht fortgelaufen von fremden Leuten, wie wir!“ sagte Suse leise und schuldbewußt.
Ihre Pflegemutter schwieg.
Und während es so still in der Stube wurde, wanderten Susens Blicke scheu nach dem Negergotte hin, der mit seinem schiefgezogenen Munde aussah, als wollte er durch eine Zahnlücke zischen: Nichtsnutze! Nichtsnutze! Schon wieder mal was angestellt? Mein Kopf! Mein Kopf! O mein armer Kopf!
„Er guckt!“ flüsterte Suse.
Da nickte die Pfarrfrau, stand langsam auf, ging auf den Götzen zu und trug ihn unter viel Beschwerden in ihren Kleiderschrank, damit er dort hinter düsteren Gewändern einsam sitze.
Und dann nahm sie wieder neben Suse Platz.
Und Suse kam sich mit einem Male geborgen vor, wie bei ihren Eltern daheim.
Sie war ja nicht mehr auf dem Bahnhof, wo alle Menschen sie so streng, so feindlich ansahen. -- Sie saß hier neben Frau Cimhuber und konnte sich fest an sie schmiegen.
Gegen zehn Uhr erschien auch Ursel und war endlich einmal wieder von ihren Wolltüchern befreit; denn sie hatte sich ihren kranken Zahn ziehen lassen und sah milde und freundlich drein. Und als sie sich auf dem Küchenstuhl niedergelassen hatte, begann sie zu erzählen: Bei ihrer Abfahrt heute morgen vom Bahnhof habe sie plötzlich entdeckt, daß sie verkehrt gefahren wäre, und eine gräßliche, eine fürchterliche Wut habe sie gepackt. -- Ihr Zorn sei aber noch zehnmal größer geworden, als sie auf der nächsten Station entdeckt habe, daß sie noch zwei Stunden warten müsse, bis sie wieder heimfahren könne. Da sei sie davongerannt wie von Sinnen in die Stadt hinein, zum ersten, besten Zahnarzt, vier Treppen hinauf, und habe sich ihren Zahn ziehen lassen. Und jetzt sei ihr so wohl, so wohl, wie in ihrem ganzen Leben noch nicht.
Dann wandte sie sich an Suse und verlangte von ihr zu wissen, was sich eigentlich mit Hans und ihr zugetragen habe. Zitternd begann das kleine Mädchen seine Beichte. Aber sie war noch ganz im Anfang damit, da unterbrach Ursel sie schon: „Hör’ auf, ich will nichts mehr hören. -- Wer ist an allem schuld, Frau Cimhuber, wer? -- dieser Nichtsnutz, dieser Tunichtgut, dieser Theobald! -- Wissen Sie noch, Frau Pfarrer, wie er unserem Spitzchen einmal auf den Schwanz getreten hat? Da haben Sie ihm eine Ohrfeige gegeben. So war’s recht. Das tat ihm gut. -- Schade, daß er so eine nicht jeden Tag bekommt. Das hab’ ich damals gleich gesagt.“
Und nach diesem harten Urteil wurde Ursel wieder friedfertig, sprach froh über ihre Erlösung vom Zahnweh und forderte Suse auf, doch ein wenig mit ihr in der Küche zu bleiben.
Und die beiden Frauen setzten Suse ein Stück Kuchen vor. Aber als sie einmal in den Keller gingen und wiederkamen, fanden sie Suse eingeschlafen auf ihrem Küchenstuhl sitzen und brachten sie zu Bett.
Am späten Nachmittag erwachte Suse aus schweren Träumen. Ihr hatte geträumt, der Bahnhofvorsteher und die Frau mit den drei Kindern und der Kellner seien hinter ihr hergesprungen und hätten sie am Kopf gepackt und geschüttelt, daß ihr die Haarschleife davongeflogen sei.
Da schlug sie die Augen auf und sah Hans vor sich stehen, der mit heiterer Miene erklärte: „Endlich wachst du auf. Fein war’s heute in der Schule. Kurt hat gesagt, daß er die Papierkugel geworfen hat, und da war alles wieder gut.“
Und als Suse noch ganz verschlafen und erstaunt nach ihm hinsah, kam Frau Cimhuber, legte ihr die Hand auf die Stirn und fragte, ob ihr Kopfweh vorüber sei, und ob sie all ihre Schulaufgaben gemacht habe.
Da fiel Suse etwas ein. Ängstlich hub sie an: „Ich hab’ das Rechnen noch nicht gemacht, Frau Pfarrer; das Rechnen ist immer am schwersten hier. Bei uns machen sie es ganz anders. Bei uns machen sie es von rechts nach links, und hier von links nach rechts. Und jetzt weiß ich nicht, ob ich bei der Division den langen Schwanz, die vielen Rechenkästchen mein ich, auf die rechte Seite setzen soll oder auf die linke.“
Da setzte Frau Cimhuber ihre Brille auf, holte Susens Ranzen herbei, verglich das Rechenbuch mit dem Heft und gestand schließlich, daß sie es auch anders gelernt habe in der Schule.
Nun sei aber kein Grund, deshalb betrübt zu sein. Sie wolle schon für Hilfe sorgen. Und während Suse noch nicht wußte, wie ihr geschah, da stand Frau Cimhuber schon zum Ausgehen bereit da und forderte Suse auf, mit ihr zu der Tochter ihrer Freundin zu gehen, einem jungen Mädchen, die eben jetzt das Lehrerinnenexamen gemacht habe, und die ihr gerne helfen werde.
Das junge Mädchen sah sich wirklich auch mit größter Bereitwilligkeit Susens Heft an, merkte, daß nur eine Kleinigkeit falsch war und erklärte dem Kind noch einmal die ganze Aufgabe von vorn.
Suse verstand in Kürze alles und betrachtete mit dankbarem Blick bald die junge Lehrerin, bald strahlend ihr Heft, bald Frau Cimhuber.
Und am Abend da sagte sie zu ihrem Bruder: „Du, Hans, das hätte ich doch nicht geglaubt, daß Frau Cimhuber einmal so gut gegen uns wäre!“ „Ich auch nicht,“ entgegnete der Bruder.
Einige Tage später erhielten die Geschwister Nachricht von ihren Eltern, denn Frau Cimhuber hatte diese von allem unterrichtet, was sich zugetragen hatte. Die Worte von Vater und Mutter gingen den Kindern sehr zu Herzen.
„Mein lieber Hans,“ schrieb der Doktor unter anderm an seinen Sohn, „ich hätte nicht gedacht, daß Du Dein Versprechen so bald brechen und davonrennen würdest wie ein Soldat, der seine Flinte ins Korn wirft. -- Das war kein schöner Streich von Euch. Was soll aus Euch werden, wenn Ihr nicht beizeiten lernt, die Zähne zusammenzubeißen und auszuhalten auch dann, wenn es Euch nicht gefällt! Und wann wirst Du, lieber Hans, endlich anfangen, Deinen Willen durchzusetzen und nicht immer Susens dummen Einfällen folgen...“
Dem Knaben stieg das Blut ins Gesicht, und er schlich beschämt zur Tür hinaus. -- Wie jämmerlich stand er nun in den Augen der Eltern da!
Suse las derweil den Brief ihrer Mutter mit großer Andacht.
„Ich brauche Dir nicht zu sagen, liebe Suse,“ schrieb die Doktorsfrau, „daß Dein Vater und ich tief betrübt waren, als wir von Eurer Flucht hörten. Wir hätten nie gedacht, daß Ihr so etwas fertig brächtet. -- Du schreibst, Du möchtest gern in einem großen Hause wohnen, wo es einen Garten gibt, und Blumen und Kinder. Wie gern, wie gern schickten wir Euch dorthin, mein liebes Kind! Aber wir können es nicht. Wir sind viel zu arm dazu. Glaube mir, wir haben uns wohl den Kopf zerbrochen, wie es möglich zu machen wäre. Aber unsere Mittel reichen nicht dazu. Ich wollte Dir dies eigentlich nicht sagen, um Dich nicht traurig zu machen, aber nun tu’ ich es doch, damit Du siehst, weshalb Ihr bei Frau Cimhuber bleiben müßt. -- Du bist ja auch schon ein großes Mädchen und mußt vernünftig darüber denken. -- Und dann grüble auch nicht immer darüber nach, ob Frau Cimhuber und Ursel und die Kinder in der Schule Dich gern haben. Sie kennen Dich ja noch kaum. Du wirst schon sehen, wenn sie Dich erst einmal kennen und sehen, daß Du immer freundlich und höflich zu ihnen bist, werden sie Dich schon lieb gewinnen. Und nun denkt an das Pfingstfest, das bald kommt. Dann dürft Ihr nach Hause fahren.“
„Der Vater und die Mutter sind sehr, sehr traurig,“ sagte Suse seufzend, als sie mit Lesen fertig war. „Wir müssen ihnen gleich schreiben, Hans, daß nun alles gut ist und daß Frau Cimhuber jetzt sehr lieb zu uns ist, und daß wir sogar schon vorwärtskommen in der Schule. -- Und weißt du, Hans, jetzt schreiben wir noch, wir wollen auch Pfingsten nicht nach Haus, dann sparen sie das Geld für die Reise, und damit machen wir ihnen eine große Freude.“
Hans war Feuer und Flamme für diesen schönen Plan. Aber die Geschwister hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. -- Kaum hatte Ursel davon vernommen, so rief sie laut: „Was? jetzt war ich g’rad froh, daß es mal Luft gibt, und jetzt wollt ihr hier bleiben. Nein, nein, das gibt’s nicht. Ich will doch auch mal aufatmen.“
Und der Doktorskinder Herz begann gar freudig zu klopfen, als ihr heldenhafter Entschluß so schnell vereitelt wurde.
Drittes Kapitel
Das Kamel
Hans und Suse fühlten sich nun ganz wohl bei Frau Cimhuber und lebten sich allmählich in der Stadt ein.
Suse hatte sogar schon eine Freundin, die blonde Gretel, die in der Schule neben ihr saß. -- Auf eine merkwürdige Weise hatte sie mit diesem kleinen Mädchen Freundschaft geschlossen. -- Eines Morgens, da hatte sie auf dem Platz neben ihr zwei Puppenbeine hervorschauen sehen, und während sie sich über diese schnurrigen Gegenstände noch gewundert hatte, da war neben ihr Gretel aufgerufen worden, um eine Frage der Lehrerin zu beantworten.
In demselben Augenblick hatten sich unter der Bank die Puppenbeine geregt und wie der Blitz war eine blonde leibhaftige Puppe hervorgeschossen, auf Suse zu. Mit beiden Händen hatte sie zugegriffen und die Abstürzende tief aufatmend auf ihren Schoß gesetzt.
Gretel aber, der vor Schreck fast das Wort im Munde stecken geblieben war, hatte sich hernach herzlich bei dem Doktorskind für die Rettung ihres Lieblings bedankt.
Schon am folgenden Sonntag wurde Suse bei ihrer neuen Freundin eingeladen, und Gastgeberin und Gast waren so miteinander zufrieden, daß Suse von nun an recht oft wiederkam, häufig sogar in Begleitung ihrer eigenen Puppe, der Genoveva. Neben den prächtigen, feinen Stadtpuppen nahm sich Genoveva, das blöde, ungelenke Landkind, allerdings sehr einfach und bescheiden aus. Dafür hatte sie aber den Vorzug, ein ereignisvolles Leben hinter sich zu haben. Stundenlang konnte Suse davon erzählen. So war dies Puppenkind einmal von dem Vetter Theobald an einem Bein an der Wäscheleine aufgehängt worden und hatte seit jenem Tag einen Anflug von der Glotzkrankheit behalten, wie man an ihren hervorquellenden Augen bemerken konnte. -- Ein andermal hatte Suse selbst ihre Tochter eine lange, schreckliche Nacht hindurch am Fuchskopf in den Bergen vergessen, und als sie am andern Morgen in Schrecken und Angst zu ihr geeilt war, hatte sie das arme Kind mit einer lebendigen Eidechse im Schoß vorgefunden, vor Entsetzen halb tot, wie die dicken, über ihre Wangen rinnenden Schweißtropfen verrieten. -- Ja, ja, man hatte seine Not mit Genoveva gehabt!
Gretel war Feuer und Flamme für diese Geschichten und für die Erzählerin nicht minder. Und so kam es, daß sich in Suse schon wieder die Eingebildetheit regte und sie anfing, wieder übermütig zu werden wie daheim eigentlich immer.
Mit Theobald, ihrem erfahrenen Lehrmeister in aller Stadtweisheit, hatte sie sogar schon einen Streit gehabt, weil sie ihn fürwitzig und mit erhabener Miene über wichtige Gebäude seiner Vaterstadt belehrte, über die er ganz verkehrte Begriffe hatte, während Suse, dank einer Unterhaltung mit Frau Cimhuber, großartig Bescheid wußte. Ärgerlich hatte der Vetter hierauf sein Wohlwollen Hans zugewandt, der weniger eingebildet als Suse war, sich aber reichlich so gut in der Stadt zurecht fand wie sie. Theobald hatte ihm deshalb vor einigen Tagen in seiner schnurrigen Manier beide Hände auf das Haupt gelegt und gesagt: „Fahre nur so fort, teurer Freund, und du wirst uns noch alle überstrahlen, indem daß du gar nicht so dumm bist, wie du aussiehst. Du schickst dich sogar besser als Suse, obwohl die wunder wie gescheit tut und nicht einmal weiß, wie man von der Elektrischen abspringt und immer die verkehrte Hand am verkehrten Griff hat und aus lauter falscher Sachkenntnis nächstens mitten auf der Straße sitzt.“
Natürlich waren diese Reibereien harmloser Natur und jedermann, vor allem Frau Cimhuber und Ursel, glaubten, daß nun die Stürme vorüber seien und daß sich Friede und Ruhe auf alle senken werde. Wie oft pflegte nicht die Pfarrfrau in diesen Tagen zu ihrer alten Magd zu sagen: „Sehen Sie, sehen Sie, es ist alles gut geworden, man darf nur niemals verzagen!“
Da mit einemmal bekamen die Kinder eine Einladung zu Onkel Gustav, dem reichen Besitzer des prächtigen Schlosses, das Hans in den ersten Tagen seines Hierseins schon einmal mit Theobald aufgesucht hatte.
Übermütig vor Freude eilten sie zu ihren Vettern und Basen, um ihnen die frohe Neuigkeit mitzuteilen.
Die aber machten Gesichter, als sei ihnen die Petersilie verhagelt.
„Freut ihr euch denn nicht?“ fragten Hans und Suse. „Ihr seid doch auch geladen.“
„Freuen,“ sagte Toni im wegwerfenden Ton, „keineswegs, uns graut sogar davor.“
„Graut?“ forschte Suse.
„Ja, es ist uns sehr unangenehm, weil die Fremdlinge -- die Tante und ihre Kinder wollte ich sagen -- Protzen sind. Fremdlinge nennen wir sie deshalb, weil sie aus Südamerika kommen und so großartig fremdländisch tun. Und Protzen sagen wir, weil sie eben Protzen sind.“
„Was sind das, Protzen?“ fragte Suse erstaunt.
„Nun,“ erklärte die Cousine, „das sind Leute, die sich schrecklich viel auf ihr Geld einbilden und auf alles, was sie haben.“
„Ach,“ meinte Suse, „nichts Schlimmeres? Das ist doch nicht schlimm! Wenn ich ein solch schönes Haus hätte und solch prächtige Sachen und solche ausgestopften Tiere wie sie, würde ich mir auch was einbilden.“
„Dann wärest du auch ein Protz,“ fiel Theobald scharf ein, „und das sähe dir so recht ähnlich.“
„Das machte nichts,“ entgegnete Suse keck, „wenn ich nur einen einzigen ausgestopften Löwen hätte, wäre ich schon froh. Eine ausgestopfte Giraffe wäre mir eigentlich noch lieber.“
Hans war es doch nicht recht geheuer, und auf dem Nachhauseweg sagte er nachdenklich zu seiner Schwester: „Am Ende wird’s doch nicht so schön bei Onkel Gustav, wie wir geglaubt haben.“
Suse schwieg und zuckte die Achseln; dank ihres leichten Sinnes hatte sie eine ganz andere Meinung und zauberte in den nächsten Tagen ihrem Bruder die herrlichsten Bilder über ihren Besuch bei den Fremdlingen vor Augen.
An einem großen runden Tisch sitzend, von silbernen Tellern Kuchen essend, aus wundervollen Tassen Schokolade trinkend, würden sie den seltsamen Abenteuern des Onkels lauschen, meinte sie. Zuckersüße Früchte würden phantastisch geschmückte Dienerinnen zu ihnen hereintragen.
Als der Tag des Besuches bei Onkel Gustav herangekommen war, zogen Hans und Suse sich mit größter Sorgfalt an. Und Ursel, die Ehre mit ihnen einlegen wollte, half ihnen dabei. Suse war’s zufrieden. Nachdem sie ihr Sonntagskleid angezogen hatte, steckte sie ihre Lieblingsbrosche, ein Stiefmütterchen, vor, dessen buntbemalte Blütenblätter ein kleines, zorniges Gesicht zeigten. Auf dies, ihr schönstes Schmuckstück, bildete sich Suse nicht wenig ein.
Vor zwei Jahren war nämlich ein hoher Herr -- ein Prinz, wie Rosel behauptet hatte -- nach Schwarzenbrunn gekommen und durch den Ort geschlendert. Und als die Schuljugend ihn verfolgte, hatte er plötzlich aus der Schar der Gaffer Suse hervorgeholt, sie betrachtet und gefragt: „Wem gehörst du, Kind? Du bist ein feines, kleines Mädchen; wer hat dir das schöne Stiefmütterchen geschenkt?“ Und dabei hatte er mit Begeisterung ihr Stiefmütterchen angesehen, ein Umstand, den Suse mit Befriedigung wahrgenommen hatte. Denn erst am Tage vorher hatte sie einen Streit mit Hans gehabt, weil er behauptet hatte, das Stiefmütterchen sehe ganz verheult und miserabel streifig aus, seit es eine Nacht lang im Regen im Garten liegen geblieben sei.
Darum durfte das Stiefmütterchen in Zukunft nicht mehr fehlen, wenn Suse sich putzte.
Hans war mit Anziehen schon längst fertig, da überlegte Suse noch immer, wo sie ihr Stiefmütterchen am vorteilhaftesten anbringen könne.
Endlich war ein Platz gefunden und nun konnten Bruder und Schwester von dannen gehen.
Beim Abschied schärfte Frau Cimhuber den Kindern mehrmals ein, ja recht artig zu sein und auf alles acht zu geben, was sie sähen.
„Ja, ja, das wollen wir,“ rief Suse, „und herrliche Sachen werden wir Ihnen erzählen, Frau Pfarrer,“ und damit eilte sie voll hundert schöner Erwartungen mit Hans die Treppe hinunter.
Bei dem Kriegerdenkmal, dem Ort der Verabredung, trafen sie mit Toni und ihren Geschwistern zusammen. Die Aufsicht über die Kinder führte Liselotte, ihre ältere Schwester, ein junges, feines Mädchen, das viel auf Anstand und gutes Benehmen hielt, dafür aber leider bei ihren Geschwistern kein Verständnis fand.
Deshalb hatte sie auch vorhin ihren Eltern seufzend erklärt, es sei ein schweres, ein hartes Stück Arbeit, die Geschwister zu beaufsichtigen. Man meine manchmal, der böse Geist fahre in sie und triebe sie zu immer neuen Ungezogenheiten an. -- +Einen+ Volksauflauf gebe es sicher, und das sei dann so peinlich für einen erwachsenen Menschen. Jedoch die Eltern hatten die Sache nicht so ernst genommen und ihren jüngeren Kindern eingeschärft, der älteren Schwester gut zu gehorchen.
Als die Gesellschaft vollzählig war, brach sie gemeinsam nach der „Villa Granada“ auf, -- der Wohnung ihrer reichen Verwandten draußen vor der Stadt.
Hans und Suse sahen auf dem Wege dorthin erwartungsvoll drein. Ganz anders als ihre kleinen Verwandten, die gleichmütigen Stadtherrlein und Fräulein, denen ein solcher Besuch etwas ganz Alltägliches zu sein schien.
Besonders Suse sah man die Erregung am Gesicht an, und mit tiefem Unbehagen nahm sie selbst wahr, daß all ihre Erwartung auf ein schönes Fest kläglich zusammenschrumpfte und nur blasse Furcht zurückblieb. Sie zweifelte gar nicht mehr daran, daß alles, was Theobald prophezeit hatte, auf schreckliche Weise in Erfüllung gehen werde. Und in ihrer Verwirrung drängte sie sich schließlich nahe am Ziel an den übermütigen Vetter selbst heran, um bei ihm noch einmal Auskunft zu holen.
„Du, Theobald, sag’ mir,“ begann sie ängstlich, „ich wollte dich fragen, Theobald. Sag’ mir, wie sieht die Tante aus? Gelt, die ist nicht schwarz?“
„Nicht schwarz?“ rief der Vetter. „Ja, wie denn sonst! Vielleicht grün wie ein Laubfrosch oder blau wie ein Schmetterling, wenn sie aussieht, als wär’ sie in die Tinte gefallen! Und die Kinder erst! Die sind schwarz und weiß kariert wie Schachbretter und haben Ringe durch die Nase und Federbüsche auf dem Kopf und Bäuche wie Frösche.“
„Das glaub’ ich nicht,“ entgegnete Suse.
„Glaub’s nicht! In der nächsten halben Stunde werden wir uns wieder sprechen!“ sagte der Vetter gleichmütig.
„Ich mein’,“ sagte Suse, „ich möchte wissen, Theobald, ob die Tante so freundlich zu einem ist, wenn sie einem guten Tag sagt, wie andere Damen?“
„Freundlich? freundlich?“ stotterte Theobald. Und seine Stimme zum unheimlichsten Flüsterton dämpfend, raunte er ihr zu: „Sie ist ja eine Art Menschenfresserin, Suse, ich hab’s dir ja schon einmal gesagt. Ihr Leibgericht sind Menschenohren. Darum rat ich dir, nimm deine Lauscher in acht. Sonst stürzt sie sich drauf, reißt sie ab und rauft sie an sich. Dann hast du Ohren gehabt und kannst dich außerdem für Geld sehen lassen, so schnurrig siehst du dann aus.“
Suse lächelte verlegen.
„So, da wären wir!“ unterbrach sich Theobald mit einemmal.
Ein großes, eisernes Parktor lag vor ihnen. In goldenen Buchstaben stand der Name der Villa als ein leuchtender Bogen darüber geschrieben. An einem efeuumsponnenen, von Ulmen überschatteten Pförtnerhäuschen vorüber ging die Gesellschaft in das Innere des Parkes. Suse zitterte das Herz bei jedem weiteren Schritt. Am liebsten wäre sie umgekehrt.
Mit einem Male sagte Toni ganz laut. „Da kommen Concha, Enrique, Sancho und Jose.“ „Die prächtigen Granadasöhne,“ setzte Theobald hinzu.
Suse fuhr zusammen.
Aber was mußten ihre Augen sehen? Dort aus der Ferne, von der blumenbewachsenen Terrasse herunter, auf der stolz wie ein Schloß die Villa Granada stand, kamen ein paar Kinder, die genau aussahen wie die Kinder anderer Sterblicher. Nichts von Federbüschen, nichts von Nasenringen, nichts von einer karierten Haut war zu sehen, wie Theobald angekündigt hatte. Und auch jetzt, als sie ganz in der Nähe angelangt waren, verwandelten sie sich noch immer nicht in Kaminfeger. -- Das kleine Mädchen sah sogar wunderhübsch aus in ihrem reichgestickten Kleid.
„Guten Tag,“ sagten die Kinder mit fremdländischer Betonung, und schlossen sich ihren Besuchern an.
Suse mußte sie immer wieder von der Seite ansehen. Ihre Gesichter waren ganz weiß, und ihre Gestalten waren geschmeidig und fein, ihre Augen dunkel und strahlend.
Der eine der Knaben, der kleinste von den dreien, öffnete einen silbernen Zigarettenbehälter und zündete sich eine Zigarette an. Aber sonst geschah nichts Außergewöhnliches.