Hans und Suse in der Stadt

Part 6

Chapter 63,876 wordsPublic domain

Die Geschwister wichen weit zurück vor Schrecken. Und Suse mußte mit einemmal an Frau Cimhuber und Ursel denken. Ach, wenn doch nur Ursel da wäre. Ursel mit dem entrüsteten Auge, das einsam und zornig aus seinen Wolltüchern hervorleuchtete. Die würde helfen. Suse fühlte es mit einemmal ganz bestimmt. Die würde die Frau sofort am Arm packen und aufstehen heißen. Sie konnte es ja nicht leiden, daß irgend jemandem Unrecht geschah. Gestern hatte sie auf der Straße einen wildfremden Mann angefahren, weil er seinen eigenen Hund geschlagen hatte.

Wenn doch nur Ursel da wäre!

Zum Glück für die Kinder bekam ihre Feindin aber doch ein Einsehen. Vielleicht wurde ihr auch das beschwerliche Sitzen auf der Bank mit der Zeit unbequem. Denn sie begann langsam einen Gegenstand nach dem andern unter sich hervorzuziehen, wobei sie blitzenden Auges rief: ob sich die hohen Herrschaften vielleicht einbildeten, die Bänke seien für sie allein da. Und ob sie glaubten, andere Leute wollten nicht auch leben und sich irgend wohin setzen. Ja, ob sie das glaubten? Und ob sie das nächstemal nicht noch ihr ganzes Bett mitbringen und zur Freude anderer Leute hier ausbreiten wollten?

Immer größer wurde nun die Verwirrung in der Ecke, wo Hans und Suse sich aufhielten. Denn das Töchterlein der zornigen Frau, der Guckindieluft, hatte sich zu seiner Zerstreuung ein Paar Halbstrümpfe von Hans als Handschuhe angezogen, eine Schürze von Suse als Krawatte umgebunden und tänzelte nun, Gesichter schneidend, vor der Bank auf und nieder.

Eh’ sich das Kind aber versah, war die Mutter aufgesprungen, hatte ihm die Schürze abgebunden und eilte damit hinter dem Töchterlein her, als wär’s eine lästige Fliege, die durch ein paar kräftige Schläge aus der Welt zu schaffen sei. Schließlich erwischte sie den Tunichtgut und setzte ihn mit großem Nachdruck neben sich nieder. Das Kind sah sich verwundert um.

Die Frau aber verkündete mit weithinschallender Stimme, daß sie niemals, niemals wieder in ihrem ganzen Leben mit ihren ungezogenen Rangen auf Reisen gehe.

Die Umsitzenden lachten.

Und nun kam auch noch der Kellner herbei und schalt auf Hans und Suse, die die Unordnung angerichtet hätten. Die beiden steckten hastig ihre Sachen kunterbunt durcheinander in die Hirschtasche zurück. Dann schlichen sie zur Tür hinaus in die Bahnhofshalle.

„Faß nur schnell in die Tasche herein und hol’ die Geburt Christi heraus, so schnell wie du kannst,“ sagte Suse.

Da fuhr der Knabe mit beiden Händen in die Tasche und zog als erstes den bewußten Gegenstand hervor.

„Schön,“ sagte Suse wie erlöst. „Jetzt gehst du hin und nimmst zwei Karten für Maria Heil. Die Postkutsche ist zwar schon fort, wenn wir hinkommen, aber dann gehen wir eben zu Fuß nach Hause. Ich fürchte mich heute nicht, auch wenn wir im Wald allein sind. Und wenn wir an der Wolfsschlucht vorüberkommen, wo des Nachts in der großen Eiche immer so gräßliche Stimmen schreien, da beten wir und dann hilft uns der liebe Gott. -- Aber hopp, Hans, hol’ die Karten, ich warte hier,“ mahnte sie.

Noch einer geraumen Zeit bedurfte es, eh sich der Bruder zu dem schweren Gang entschließen konnte. Dann schritt er zögernd vorwärts. Suse beobachtete ihn aus der Ferne von der Mitte der Bahnhofshalle aus.

Sie sah, wie er wartete, bis nur wenige Menschen noch in der Nähe des Schalters waren, und dann herantrat. Jetzt drückte er sich von rechts an das Fenster, jetzt blieb er stehen, jetzt sah er auf die Gegenstände in seinem Arm und redete ein paar Worte.

Da fuhr pfeilschnell ein glühendrotes, dickes Gesicht hinter dem Schalterfenster hervor, und eine donnernde Lachsalve tönte Hans aus zwei geblähten Wangen entgegen.

Und in demselben Augenblick erklang auch hinter dem Knaben Lachen, und als er herumfuhr, sah er in das Gesicht des Bahndieners, der ihn schon vorhin im Wartesaal beobachtet hatte und ihm jetzt hierher gefolgt war.

„Wenn ich’s mir nicht gedacht hätte,“ rief der Mann, packte Hans am Arm und zog ihn aus dem schmalen Gang, in dem er sich zwischen Schalter und dem davorstehenden eisernen Gepäcktische befand, hervor.

Kaum sah Suse dies von der Mitte der Bahnhofshalle aus, wo sie mit ihrer Hirschtasche Wache stand, so kam sie herangestürmt wie eine Glucke, deren Küchlein in Gefahr sind, faßte ihren Bruder an der Hand und sagte ängstlichen Blickes auf den Angreifer: „Das ist mein Bruder Hans. Ich bin seine Schwester Suse.“

„So, so,“ sagte der Mann. „Also zwei Ausreißer.“

Beide nickten schuldbewußt und Suse stotterte: „Wir sind von Frau Cimhuber und von Ursel fort und wollen nach Hause nach Schwarzenbrunn. Die Postkutsche ist wohl schon fort. Wir haben den Zug auch schon verfehlt.“

„Also man weiß nicht, daß ihr fort seid?“ fragte der Mann. Sie schüttelten ihre Köpfe und standen mit niedergeschlagenen Augen da.

„Und Geld habt ihr auch keins?“ forschte er.

Sie verneinten.

„Nun, dann kommt mal mit. Nun wollen wir mal sehen, was mit euch beiden anzufangen ist,“ sagte er dann mit solch dröhnender Stimme, daß beide zusammenfuhren. Und zu gleicher Zeit packte er sie an der Hand und zog sie mit sich. Sie glaubten, ihr letztes Stündlein sei gekommen und bekamen vor Angst ganz verzerrte Gesichter.

Vor einem Raum, auf dessen Tür in roten Buchstaben „Stationsvorsteher“ zu lesen war, blieb er endlich mit ihnen stehen, öffnete und ließ sie eintreten.

In der großen Amtsstube, in die sie nun kamen, saßen und standen Beamte herum, schrieben und ordneten Papiere oder redeten miteinander. Und alle sahen auf und musterten die Flüchtlinge.

Einer trat sogar näher, stellte sich vor sie hin und betrachtete bald den einen, bald den andern wie ein Meerwunder. Suse fühlte, wie der Boden unter ihr schwankte und wie ihr ganz schwarz vor den Augen wurde. --

Wie aus der Ferne hörte sie eine Stimme reden und sah einen großen Mann mit einem langen Bart wie in Dunst gehüllt vor sich stehen. -- Die Tränen liefen ihr über das Gesicht. -- Und an ihrer Seite stotterte Hans allerlei dummes Zeug, das kein Mensch verstehen konnte, auch sie nicht.

Da, als die Not am höchsten gestiegen war, nahte unversehens Rettung aus der Stadt. -- -- --

Dort hatten sich inzwischen auch die aufregendsten Szenen abgespielt. Sie begannen fast mit dem Augenblick, als Hansens und Susens Zug die Halle verließ.

Da atmete Theobald erleichtert auf.

Das erhebende Gefühl, sich wieder einmal durch seine Tatkraft und sein forsches Eingreifen ausgezeichnet zu haben, beherrschte ihn ganz. Er ahnte ja nicht, der vortreffliche Held, was er eigentlich angerichtet, und was er im wohlgezielten Wurf hinter seinen kleinen Verwandten hergeschickt hatte. Ihm schien alles über die Maßen gut gelungen, eine fein eingefädelte, vortrefflich weitergeführte Sache. Toll genug war’s freilich zugegangen.

Nun galt es aber, sich endlich mal wieder ein menschliches Ansehen zu verleihen. Schnell nahm er einen kleinen Spiegel zur Hand, betrachtete sich, rückte seinen Kragen und Schlips zurecht und strich sich das Haar glatt. Noch war er mit dieser Beschäftigung nicht zu Ende, da rief jemand neben ihm: „Theobald, sind sie schon fort?“

Und an seiner Seite stand Toni, die atemlos hinter ihm dreingekommen war. -- Er nickte. --

„Die Armen, die Armen,“ jammerte der Backfisch. „Sie haben ja nichts zu essen. Ich habe ihnen Schokolade mitgebracht.“

„Zu spät,“ erklärte der Bruder kurz, „du hättest dich mehr beeilen müssen, ich hab’ dich ja früh genug geweckt. Jetzt sind sie fort und bleiben fort. Ich jedenfalls habe meine Pflicht getan.“

In diesem Augenblick lief aus derselben Richtung, in der Hans und Suse verschwunden waren, ein Zug ein. Die Reisenden stiegen aus und gingen auf die Sperre zu. Theobald und Toni mischten sich unter sie. Theobald suchte in der Westentasche nach seiner Karte. Plötzlich fuhr er zusammen, umklammerte seiner Schwester Arm wie mit eisernen Klammern und stöhnte: „Hier, hier, schau her! -- Das ist das Zwanzigmarkstück, das ich Hans und Suse geben wollte, hier, hier -- schau, schau -- begreifst du’s, faßt du’s, weißt du, was das heißt? -- Geht dir eine Stallaterne auf? -- Guck doch nicht so dumm. Mein Gott, was hab’ ich ihnen denn eigentlich in den Zug geworfen?“ stöhnte er.

Dann faßte er sich an die Stirn und taumelte.

„Jetzt weiß ich’s,“ entrang es sich seiner Brust. -- „Einen Hosenknopf! Den hab’ ich mir gestern abgerissen. Den haben sie jetzt. Das ist ja einfach schauerlich! Den können sie jetzt betrachten und an die Lippen drücken und sich Karten davon kaufen und damit nach Hause fahren! -- Oh, ich Mondkalb!“

Er griff sich mit beiden Händen verzweifelt an den Kopf. Toni zitterte wie Espenlaub und murmelte: „Sie sind verloren, und wir sind an ihrem Unglück mit schuld. Wir hätten sie warnen sollen. Theobald, du bist gewissermaßen ihr Verderber.“

Theobald vernahm kein Wort von ihrem Klagen und stand noch immer da wie versteinert.

Die Doktorskinder waren fort mit einem Hosenknopf auf die Reise, das war alles, was er denken konnte, sonst nichts. -- Und das hatte er verschuldet, er -- er. Wie zu einem Retter hatten sie zu ihm aufgesehen, und er hatte sich wie ein Rüpel benommen.

Lange sollte Theobald aber nicht in stummer Selbstanklage verharren; denn wie der Sturmwind kam mit einemmal Ursel durch die Sperre, sah sich um, erblickte den Tunichtgut, packte ihn am Arm und schüttelte ihn hin und her wie eine Medizinflasche.

„Sind sie drin?“ rief sie dabei, „sind sie drin? Antworte doch, Esel!“

Und mit ausgestreckter Hand wies sie auf den wartenden Zug.

Aber Theobald sah sie blöde an. Alle seine geistigen Fähigkeiten schienen ihn verlassen zu haben; und auch Toni stand wie eine Nachtwandlerin da und krampfte vor Schreck die Hände zusammen.

Da rannte Ursel stracks auf den Zug zu, öffnete schnell eine Tür und verschwand im Innern des Wagens. Noch hatte sie sich nicht vollständig auf die Bank niedergelassen, da fuhr der Zug auch schon davon.

„Lieber, lieber Gott,“ rief Toni, „sie sitzt ja drin, sie fährt ja in der verkehrten Richtung! Ruf sie, Theobald, ruf sie!“

„Was soll ich tun?“ rief Theobald entrüstet. „Hast du eine Ahnung, wie die mich am Arm gepackt und gekniffen hat, diese Riesenschere, diese Kneifzange, diese wilde Habichtsnase mit ihren Wolltüchern! Außerdem hab’ ich jetzt Wichtigeres zu tun, als sie zurückzuholen. Ich renne jetzt zu Onkel Fritz und wecke ihn auf. Er muß hinter Hans und Suse herfahren und ihnen Geld zur Weiterreise bringen. -- In dreiviertel Stunden geht der Bummelzug. Ich würde selbst hinfahren, aber wenn wir zur Aufstehenszeit nicht daheim sind, geht’s uns übel. Dann entdecken’s der Vater und die Mutter.“

„Nein, nein,“ rief Toni, „weiterfahren dürfen Hans und Suse auf keinen Fall. Ursel hat uns gesehen. Und wenn’s rauskommt, daß die Kinder durch unsere Hilfe fortgekommen sind, dann ist für uns alles aus. -- Der Vater hat schon gesagt, noch eine Dummheit von mir, und ich komme überhaupt nicht mehr ins Theater. Und ohne künstlerische Genüsse kann ich nicht leben.“

„Fahr’ nur lieber gleich in den Himmel,“ sagte der Bruder kaltblütig. -- „Was mich aber anbetrifft, so geh ich jetzt zu Onkel Fritz, und damit basta.“

„Und ich, wohin geh ich?“ jammerte Toni, „sag, Theobald, wohin soll ich gehen? -- Aha, ich weiß es,“ rief sie freudig, „ich gehe zu Fräulein Hirt und bitte sie auf den Knien, daß sie Hans und Suse wieder zurückholt. Die ist ja immer unsere Zuflucht. Die weiß Rat. Die verläßt uns nie.“ --

Mit diesen Worten stoben die Kinder durch die Halle und fuhren in entgegengesetzter Richtung auf ihren Rädern davon.

An einem der hohen Häuser in der Hauptstraße der Stadt klingelte Theobald, um bei seinem Ideal, dem Onkel Fritz, dem Geber seiner meisten Geschenke, Einlaß zu begehren. Eine alte Haushälterin, die Katherin, machte ihm verschlafen auf und fragte ungehalten nach seinem Begehr.

Als sie erfahren hatte, was ihn herführte, riet sie ihm, doch zu einer passenderen Zeit wiederzukommen und nicht, wenn der Mond noch am Himmel stehe.

Doch mit einer höflichen Verbeugung schob er die alte Frau zur Seite und ging stracks auf das Schlafzimmer seines Onkels zu, der friedlich schlummernd in weichen Kissen lag und von den schönsten Träumen heimgesucht wurde.

„Onkel Fritz, Onkel Fritz!“ rief der Knabe und schüttelte aus Leibeskräften an ihm. Lange rührte sich der Schläfer nicht. Dann aber fragte er verschlafen: „Was in aller Welt willst du denn schon hier, du mein tägliches Brot? Noch nicht einmal im Bett ist man sicher vor dir. Was ist denn jetzt schon wieder mal los? Verdufte, oder ich setze dich vor die Tür.“

Aber fester schüttelte der Neffe an seinem Onkel und mahnte: „Du mußt sofort aufstehen und hinter Hans und Suse herfahren.“

„Was soll ich tun?“ fragte der Onkel und richtete sich kerzengerade im Bett auf. „Wachst du, oder träumst du? Hinter wem soll ich herfahren?“

„Hinter Hans und Suse,“ sagte der Neffe kaltblütig und erzählte alles, was sich zugetragen hatte.

Da brach der Onkel in ein schallendes Gelächter aus. Besonders die Vorstellung erschien ihm köstlich, daß Ursel in verkehrter Richtung davon gefahren sei, und zwar mit Nüstern, die vor Wut ärger gedampft hätten als der Lokomotivenschlot, wie sein Neffe beteuerte.

Der aber blieb heute bei seines Onkels Heiterkeitsausbrüchen eisig kühl und mahnte nur immer wieder: „Du mußt hinterherfahren, Onkel, du mußt es tun. Denk doch daran, wenn ihnen was passiert! Und es passiert ihnen sicher was. Sie sind ja einfach wie die Wickelkinder so dumm.“

Da erklärte sich schließlich der Onkel unter Stöhnen und Schelten bereit, die Fahrt anzutreten. So nebenbei frug er dann, ob es sein Neffe nicht für angebracht hielte, daß er in jeder Westentasche zwei Gummilutscher und zwei Milchfläschchen mitnehme. Überhaupt beabsichtige er, nächstens einen Kindergarten zu eröffnen.

Doch Theobald hatte für seines Onkels Geistesblitze heute nur ein mitleidiges Achselzucken und half ihm in die Kleider, damit der Abmarsch möglichst bald vor sich gehe. Zum Dank hierfür ließ der Onkel ein paar Tropfen Kölnischen Wassers auf den Neffen herabregnen. Den gleichen Wohlgeruch verbreitend, verließen dann die beiden guten Freunde das Haus. Als sie am Bahnhof ankamen, war der Zug schon fort.

Toni hatte inzwischen mehr Glück mit ihrem Bittgang gehabt. Sie war zu Fräulein Hirt gelaufen. Das war Tonis und ihrer Schwestern angebetete Klavierlehrerin, zu der sie in jeder Bedrängnis ihre Zuflucht nahm. Schon seit Jahren verband sie innige Freundschaft mit dieser gütigen Dame, in deren stillem, traulichem Zimmer sich’s so herrlich ausruhen ließ, nachdem man allerlei Torheiten angestellt hatte. Man fühlte sich hier wie auf einer fernen, stillen Insel, um die das gefährliche Meer fern grollte und brauste, ohne einen erreichen zu können. Alles war anheimelnd und vertrauenerweckend hier: die alte, taube Großmutter, die am Fenster im Lehnstuhl saß und zu allem zustimmend nickte, was erzählt wurde, weil sie nichts mehr davon verstand; der Dompfaff, der in seinem Käfig so schöne Trostesweisen pfiff, und vor allen Dingen Fräulein Hirt selbst, die den „Sausewinden“, wie sie Toni und ihre Geschwister nannte, stets mit Engelsgeduld zuhörte und nur zuweilen ein leichtes Lächeln zeigte. Sogar mit stolz erhobener Stimme konnte man ihr seine Heldentaten vortragen, ohne befürchten zu müssen, daß einem plötzlich eine treffende Bemerkung alles Selbstbewußtsein nahm, wie es beim Vater daheim so leicht geschah.

Fräulein Hirt, der vielerprobte Schutzengel, war ja nun an die seltsamsten Überraschungen und Überfälle seitens ihrer Lieblinge gewöhnt.

Trotzdem erschrak sie nicht wenig, als sie ihre Toni zu so ungewohnter Stunde bleich und verstört zu sich hereinstürzen sah und dann mit zitternder Stimme erzählen hörte, was sich zugetragen hatte.

Einen Augenblick stand sie verwirrt da, dann aber hatte sie sich gefaßt und sagte kopfschüttelnd: „Also genau so wie ihr sind diese beiden, genau so zwei Sausewinde. Und dabei sahen die beiden neulich, als ich sie kennen lernte, doch aus, als könnten sie keine drei zählen.“

Und darauf machte sie es ganz anders wie der berühmte Onkel Fritz. Denn anstatt hundertmal zu fragen, was denn eigentlich los sei und zu gähnen und sich zu recken und zu strecken, zog sie sich schnell an und ging zum Bahnhof. Sie erreichte den Zug noch zur rechten Zeit und kam in Haslach in dem Augenblick an, in dem die beiden Flüchtlinge in dem Zimmer des Stationsvorstehers verhört wurden. Davon hatte sie natürlich keine Ahnung und schritt darum eilends durch alle Wartesäle hindurch und sah sich die einzelnen Gruppen der Leute forschend an.

Schließlich lief sie auch dem Bahndiener in die Hände und hielt diesen für die geeignetste Persönlichkeit, um ihr Auskunft zu geben. Rasch entschlossen fragte sie ihn deshalb, ob er nicht zwei Kinder gesehen habe, die durchgebrannt seien: ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen und einen Jungen mit großen Augen und.....

„Ei, Fräuleinchen,“ fiel ihr der Beamte ins Wort, „ich glaub’ die beiden haben wir schon. Die sitzen beim Stationsvorsteher. -- Ja, ja, sie müssen’s sein. -- Ein Mädchen mit langen, blonden Zöpfen und ein Bub, na, halt so ein Bub. -- Die müssen’s sein. Kommen Sie mal!“

„Wenn sie’s doch nur wären!“ fiel ihm Fräulein Hirt aufgeregt ins Wort. „Dann wär’ ja alles gut! Mir fiel’ ein Stein vom Herzen. Es sind die kleinen Verwandten meiner besten Freunde. Stellen Sie sich vor, wenn ihnen etwas zugestoßen wäre!“

„Ach, so leicht stößt einem schon nichts zu,“ meinte der Beamte mit väterlicher Stimme. „Kommen Sie nur mit, Fräuleinchen, und sehen Sie sich die beiden einmal an. Nur nicht so leicht den Mut verlieren!“

Und Fräulein Hirt folgte ihm eilends und trat bald darauf in das Zimmer des Stationsvorstehers, wo sie gleich der beiden Ausreißer ansichtig wurde. Dort standen sie, wie die Verurteilten, zitternd vor dem Stationsvorsteher. Sie rief ihre Namen.

Da fuhr Suse herum und schaute verwundert auf.

Vor ihr an der Seite des Bahndieners stand Fräulein Hirt.

„Ich will euch holen,“ sagte das Fräulein freundlich und kam auf sie zu. Das kleine Mädchen konnte nicht reden. Sie schaute nur und schaute, und ihr Gesicht wurde röter und röter, und mit einem Male stürzte ein heller Tränenbach aus ihren Augen.

„Ach, führen Sie uns doch wieder zu Frau Cimhuber,“ sagte sie leise.

Auch Hans sah dankbar zu der Dame auf. Er war wie erlöst. Vor Suse hatte er sich ja noch zusammengenommen und nicht verraten, wie jämmerlich ihm zu Sinn war und daß er glaubte, sie beide seien verloren. Und nun war alles gut. Nun stand Fräulein Hirt vor ihm und sah ihn mit ihren guten Augen freundlich an und sagte: „Ihr seid mir die Rechten.“

Wie zentnerschwer war ihm die Aufgabe, die er sich gestellt hatte, auf der Brust gelegen. -- Allein zur Stadt zurückzufahren, allein Frau Cimhuber aufzusuchen, allein alles zu beichten, was sich zugetragen hatte, das war keine Kleinigkeit. -- Und jetzt war er frei.

Es kam ihm alles vor wie ein Traum. Und er hörte, wie sie den Beamten für die Freundlichkeit dankte, die sie Hans und Suse gegenüber bewiesen hätten, und wie sie dann zu ihm und seiner Schwester sagte: „Nun kommt schnell. In zehn Minuten geht unser Zug, und ihr sollt vorher noch eine Tasse Kaffee trinken.“

Und als die beiden ihre schweren Gepäckstücke mit schiefgezogenen Schultern wieder vorwärts tragen wollten, rief sie einen Träger herbei, der ihnen die Last abnahm. Dann ging sie mit ihnen in den Wartsaal, zum Glück nicht dorthin, wo die zornmütige Frau noch immer wie eine bitterböse Kreuzspinne auf ihrem Posten saß und hervorschoß, wenn jemand ihr und ihren Kindern zu nahe kam, sondern in einen andern Raum, wo ein freundlicher Kellner dienstbereit herbeiholte, was Fräulein Hirt forderte.

Dann als die zehn Minuten um waren, stiegen die Kinder in einen Zug, der sie nach der Stadt zurückführte.

Es war aber auch höchste Zeit, daß sie bei Frau Cimhuber ankamen. Kein übler Schreck hatte die Pfarrfrau heute morgen durchzuckt, als sie das Nest leer und keine Ursel, keine Kinder vorgefunden hatte. -- Ihre gute, alte Magd, die sich auf ihre flinken Füße verlassen, hatte gehofft, die Kinder noch einzufangen, ehe ihre Herrin aufwachte, und hatte sich heimlich davongemacht.

Nun war Frau Cimhuber in dem stillen Haus allein und konnte das Rätsel von Ursels und der Kinder Abwesenheit nicht lösen.

„Hans, Suse,“ rief sie. Keine Antwort kam. Alles war wie ausgestorben. Nirgends rührte sich ein menschliches Wesen. Sie ging durch alle Zimmer, stand still, überlegte, und schüttelte den Kopf. Da sah sie zufällig auf dem Tisch in Suses Gemach einen Zettel liegen, der von Kinderhand beschrieben war. Sie griff danach und las folgende, in sorgfältiger Schrift aufgesetzte Worte:

„Liebe Frau Cimhuber! Wir gehen jetzt nach Hause, weil wir so gräßliches Heimweh haben. Seien Sie nicht böse! Der liebe Gott schickt Ihnen sicher andere Kinder, die viel artiger sind als wir. Vielen Dank für alle guten Gaben.

Viele Grüße an Ursel und Sie von

Hans und Suse.“

Frau Cimhuber sank auf den nächsten besten Stuhl und strich sich über die Stirn. -- Die Kinder waren fort. -- Sie glaubte zu träumen. -- Da stand es aber auf dem Zettel, daß sie fort waren. -- Ja, da stand es. Hans und Suse waren nicht mehr hier. Sie befanden sich auf dem Weg nach Hause. Mein Gott, was war denn los? Was war denn in die Kinder gefahren? Was hatte sie dazu gebracht, sich davonzustehlen? Sie zitterten ja schon, wenn sie einen größeren Gang durch die Stadt machen sollten, und nun waren sie allein auf dem beschwerlichen Weg nach Hause. Wieder strich sich die Pfarrfrau über die Stirn und quälte sich mit hundert Fragen. Warum waren sie denn so unglücklich? Sie und Ursel hatten doch stets das Beste der Kinder gewollt? Und wie oft hatte sie darüber nachgedacht, was ihnen bei der Erziehung am dienlichsten sei, und war immer wieder zu der Einsicht gekommen, daß sie Ernst und Strenge nötig hätten. Und nun waren sie fort.

Und während Frau Cimhuber so verzweifelt dasaß, kam ihr mit einem Male der Gedanke an ihren Sohn Edwin, und sie sah ihn als kleinen Jungen leibhaftig vor sich stehen. Er hatte ja nichts lieber, der kleine Edwin, als wenn sie ihm leise über den Kopf strich und ihn an sich zog und liebkoste. -- Und nie, nie hätte sie es fertig gebracht, ihn zu fremden Leuten zu geben, denn die hätten ihn vielleicht nicht mit Liebe behandelt und wären schroff zu ihm gewesen.

Frau Cimhuber erschrak.

Und Hans und Suse? Die hatten ja auch eine Mutter daheim, die sie liebkoste, und einen Vater, der gut zu ihnen war.

Ein Vorfall von letzter Woche kam ihr in den Sinn und brannte ihr auf dem Gewissen.

Sie sah wieder, wie ihr das Garnknäuel auf den Boden fiel und Suse wie der Blitz hinterherfuhr, es aufhob und ihr zurückgab. Und als sie genickt und freundlich gesagt hatte: Ich danke dir, liebes Kind, da hatte das kleine Mädchen sie so strahlend und froh angesehen, als sei ihr die größte Freude widerfahren.

Die Pfarrfrau schlug beide Hände vor das Gesicht.

„Mein Gott, wenn sie doch nur wieder hier wären,“ entrang es sich ihrer Brust. Wie wollte sie freundlich zu ihnen sein. Wie wollte sie sie mit Liebe behandeln. Vielleicht kamen sie aber nicht wieder? -- Vielleicht war ihnen unterwegs etwas geschehen. Und der Herr Doktor und die Frau Doktor, die ihr die Kinder anvertraut hatten in dem Glauben, daß sie in sicherer Hut seien, was würden die sagen, wenn die beiden zu Schaden kämen?

Die Hände der Pfarrfrau sanken in den Schoß und falteten sich, und ihr Antlitz trug einen Ausdruck, als spräche sie ein Gebet.

Da klingelte es. Sie fuhr zusammen und konnte sich zuerst kaum erheben. Dann ging sie langsamen Schrittes zur Tür. Ihr Herz klopfte. Zögernd öffnete sie. Vor ihr standen die Kinder.

„Mein Gott, mein Gott,“ sprach die Pfarrfrau und streckte beide Hände nach ihnen aus. „Ihr seid’s? Seid ihr’s denn wirklich? Seid ihr denn wirklich wieder da? Kommt doch herein, welch ein Segen, daß ihr wieder da seid! Ist euch denn nichts zugestoßen unterwegs? Kommt doch herein!“