Part 5
Hans merkte nichts von alledem. Vor seinen Augen war es finster wie in einem Sack. Die Worte des Lehrers klangen wie fernes Gemurmel an seinen Ohren. Nichts ging ihm mehr ein, nur der eine Gedanke beherrschte ihn ganz und gar, er wollte fort von hier, fort. Im Grunde hatte er ja genau dasselbe Heimweh wie Suse. Bis jetzt hatte er es nur sorgsam versteckt. -- Die Schwester hatte ja so recht, sie machten ja doch alles verkehrt hier, sie konnten anfangen, was sie wollten. Und morgen gar sollte er zum Direktor! Und gingen sie nicht von selbst, so schickten ihre Lehrer sie schließlich fort. Drum sagte Hans, als er heute nach Hause kam, zu seiner Schwester: „Suse, wir wollen heim.“
Die Schwester glaubte zuerst nicht recht gehört zu haben, dann aber rief sie laut: „Nach Hause! Oh, wie schön! Oh, wie schön! Oh, wie freu’ ich mich! Wie freu’ ich mich! Heim! Heim! Zu unseren Eltern!“
Der Bruder antwortete nichts, Suse aber handelte. -- Eine wichtige Frage galt es in erster Linie zu erledigen. Woher sollten sie das Reisegeld nehmen? -- Die drei Mark, die Suse noch hatte, und die paar Groschen von Hans reichten lange nicht. Da kam ihr ein herrlicher Gedanke. Sie hatten ja einen treuen Beschützer und Freund hier in der Stadt, den Vetter Theobald. -- So böse und übermütig, wie der einst in Susens Elternhaus gewesen, so fürsorglich war er jetzt. Erst gestern hatte er ihnen beiden Schokolade aus einem Automaten geschenkt. Der Vetter würde helfen!
So schaute Suse denn gegen drei Uhr nachmittags fleißig nach ihrem Vetter aus, da er täglich zu dieser Zeit auf seinem Weg zur Schwimmanstalt an Frau Cimhubers Haus vorübergehen mußte.
Auch heute tauchte er zur gewohnten Stunde auf, und Suse konnte hinuntereilen und sich ihm anschließen. Lange Zeit fand sie nicht den Mut zum rechten Wort und verfiel in Stillschweigen. Er aber hielt ihr ehrfurchtsvolles Verstummen für eine Huldigung, die sie seiner bedeutenden Persönlichkeit darbrachte, und erzählte in der aufgeblasensten Weise von seinen Erlebnissen.
Er könne all den Freunden und Belustigungen, die in dieser interessanten Stadt auf ihn einstürmten, kaum Herr werden, meinte er mit einem Seufzer. So gehe er heute abend mit seinem Onkel Fritz in den Zirkus, um sich eine Vorstellung von Akrobaten und Kunstradfahrern anzusehen. Es sei fabelhaft. Es sei unglaublich. Es sei überwältigend, was diese Künstler leisteten. -- Auf dem Hinterrad ihrer Maschine fahrend, würfen sie das Vorderrad in die Höhe, sausten in dieser Stellung rund um den Zirkus, stellten sich mit dem Kopf auf den Sattel und strampelten mit den Beinen. Forschend sah der Vetter in seiner Cousine Gesicht und erwartete dort Bewunderung, Überraschung, Staunen. Aber nichts dergleichen war zu sehen.
Suse hing eigenen Gedanken nach. Und während er sie noch so betrachtete, platzte sie mit einem Male los: „Du, Theobald, du möchtest mir zwanzig Mark geben. Wir gehen morgen nach Hause.“
„Was?“ rief Theobald und sank auf einer Bank am Kanale nieder. Er starrte Suse an wie von Sinnen.
„Was?“ stotterte er.
Und mit einemmal trampelte er mit den Füßen auf dem Boden, schlug sich mit den Händen auf die Knie und fing so laut und heftig an zu lachen, daß Suse meinte, er ersticke. Ganz blaurot war er im Gesicht und zappelte auf der Bank herum wie ein Fisch, der auf das Trockene geraten ist. Ja, in seinem Übermut wurde er wieder ganz der ausgelassene Theobald, als den Suse ihn in ihrem Heimatsort kennen gelernt hatte, lief auf seinen Händen wie ein Zirkuskünstler ein Stück durch die Anlagen, kehrte dann um, sprang auf seine Füße, ließ sich wieder auf die Bank plumpsen und dazu rief er: „Herrlich, herrlich! Ich möchte die Spatzen auf den Dächern umarmen vor Freude. So was Schönes hab’ ich lange nicht gehört. Wenn ich’s mir nicht gedacht hätte. Und dabei habt ihr immer so geprahlt mit eurer Negerstube und eurer Pflegedame und dem Kirschenpudding, den sie euch macht, und dem dicken Apfelmus auf euren Bröten. Und dabei habt ihr immer gesagt, Frau Cimhuber ist so fromm, daß sie sicher in den Himmel kommt. Und jetzt wollt ihr fort von eurer frommen Frau. Weiß sie’s denn schon, daß ihr geht?“ forschte er.
Suse schüttelte ihr Haupt.
Da lachte Theobald lauter denn je, schlug sich auf die Knie, warf sich hinten über die Bank, konnte sich aber noch zur rechten Zeit an der Lehne festhalten und daran emporziehen und trieb so lange Unfug, bis Suse ihn am Ärmel packte und auf die Leute aufmerksam machte, die rund herum standen und lachten.
Da entsann er sich flugs seiner Würde als wohlerzogener Stadtmensch, ließ sich gesittet auf der Bank nieder und forderte seine Base auf, neben ihm Platz zu nehmen, damit sie alles besprächen.
Dann begann er sein Verhör. „Also das Reisegeld willst du. Zwanzig Mark stehen zu deiner Verfügung. Die hab’ ich letzte Woche von Onkel Fritz zum Geburtstag bekommen. Aber Toni hat sie mir gestern abgebettelt für ein Bild, das sie ihrer Freundin schenken will. --
Na, das ist ein Bild! Die Toteninsel heißt’s! Einfach schauderhaft! Die Haare stehen mir zu Berge, wenn ich’s nur angucke. Ich versichere dich, wenn man sich unterstände, mir ein solches Bild zu schenken, würd’ ich’s als die größte Beleidigung auffassen und dem gütigen Geber die Freundschaft für immer kündigen. --
Das Bild ist also schon gekauft und mein Geld ausgegeben. Aber beruhigt euch. Ihr bekommt anderes. Ich lasse mir heute welches von Onkel Fritz geben, wenn wir im Zirkus sind. Der läßt mich nicht in der Patsche. -- Bin ich morgen früh zur rechten Zeit nicht am Bahnhof, so nehmt einstweilen von eurem Geld eine Karte bis Haslach. Dort müßt ihr sowieso den Eilzug verlassen und eine neue Karte für den Bummelzug nehmen.
Den Reiseplan hast du dir natürlich noch nicht zurecht gelegt. Nicht wahr?“ fuhr er mit gerunzelter Stirn fort. --
„Das kannst du auch nicht. Du hast ja keine Erfahrung im Reisen. Mit mir ist das ganz was anderes.“ --
Dabei war der Prahlhans auch nicht viel weiter gekommen als nach Hansens und Susens Heimatsort. Allein, nach dem Ton seiner Worte zu urteilen, hatte er schon eine Weltreise gemacht.
Jetzt holte er den Fahrplan aus der Tasche, blätterte sich räuspernd drin herum und meinte, Suse Papier und Bleistift reichend: „Schreib’ dir auf, was ich dir sage. Um fünf ein Viertel Uhr fahrt ihr hier ab und nehmt den Eilzug bis Haslach. Drei Stationen von hier. Gut! Merk’ dir’s! Drei Stationen von hier. Ihr zählt sie. Gut! Dort steigt ihr um und fahrt bis zur Endstation Maria Heil. Merk’ dir’s! Gut. Du frägst den Schaffner in Haslach, wo der Zug nach Maria Heil steht. Gut. In Maria Heil steigt ihr aus und schlängelt euch in die dort wartende Postkutsche. Merk’ dir’s! Schreib’ Postkutsche auf. In diese Postkutsche kriecht ihr dann und fahrt nun, den Regenschirm und Koffer fest in der Hand, in die Arme eurer hochbeglückten Eltern hinein. Schreib’ ‚hochbeglückte Eltern‘ auf! Verstanden? Und bestellt Grüße von mir. Gut!“
Jetzt zog Theobald seine Uhr und sagte in ernstem Ton: „Es ist höchste Zeit, daß ich gehe, wenn ich noch schwimmen will. Drum leb’ wohl. Tipp, topp, nur Mut, die Sache wird schon schief gehen,“ sagte er mit kräftigem Händedruck.
„Theobald,“ flüsterte sie mit einemmal, banger Ahnungen voll. „Du verrätst doch nicht daheim, was wir anfangen wollen?“
Theobald tippte sich an die Stirn, zuckte die Achseln und murmelte: „Man hat doch auch Charakter.“ Damit ging er von dannen.
So war denn alles zur Flucht geordnet. Das Reisegeld war den Kindern sicher, der Fluchtplan stand auf dem Papier, und die Sachen mußten heute abend gepackt werden.
Langsam ging Suse nach Hause und sagte zu ihrem Bruder: „Es ist alles gut, Theobald gibt uns das Geld. Wir gehen.“
Der Bruder nickte. Je weiter aber der Nachmittag vorschritt, um so beklommener ward es ihr zu Sinn. Die frohe Zuversicht, die sie heute morgen angesichts der Entschlossenheit ihres Bruders beseligt hatte, machte schweren Gedanken Platz. War es nicht falsch und schlecht von ihr, Frau Cimhuber zu belügen und zu betrügen und zu tun, als wäre nichts los, während man einen solch hinterlistigen Fluchtplan anzettelte? Gewiß, es war böse und schlecht, aber Suse konnte nicht anders. Sie mußte fortlaufen. Sie konnte keinen Tag länger hier bleiben. Sie mußte fort, fort nach Hause!
Dann während des Abendessens saß sie mit ängstlich klopfendem Herzen der Pfarrfrau gegenüber wie ein Häschen, das den Jäger kommen hört. Hans ging es nicht viel besser. Seine Augen flackerten unruhig hin und her, und die von Ursel aufgetischten Quellkartoffeln würgten ihn im Halse wie Hanfknäuel.
Und als im Laufe der Tischsitzung die Pfarrfrau einige Augenblicke von Ursel herausgerufen wurde und die Geschwister allein blieben, sahen sie sich scheu um.
„Ich meine grad’, ich ersticke,“ unterbrach Suse die Totenstille.
Der Bruder nickte.
„Hernach wollen wir unsere Sachen zurechtlegen,“ fuhr die Schwester leiser fort, „und uns genau den Reiseplan ansehen. -- Hier, nimm den Zettel! Du gibst doch besser drauf acht,“ meinte sie, indem sie in die Tasche langte und nach dem bewußten Papierstreifen suchte.
Aber plötzlich zog sie ihre Hand zitternd aus der Tasche zurück und erklärte stockend: „Er ist fort, ich hab’ ihn verloren.“
„Verloren?“ sagte Hans, noch um einen Schatten blasser als bislang, „hoffentlich hast du ihn nicht hier im Haus verloren und Ursel oder Frau Cimhuber finden ihn.“
Und als die Pfarrfrau gleich darauf in das Zimmer zurückkehrte, sah er sie so hilfeflehend und verstört an, daß sie ganz besorgt fragte: „Was fehlt dir, mein Kind? Ist dir nicht wohl?“
Hans blieb stumm.
„Hm, hm!“ meinte sie. „Ihr seid komische Kinder. Was euch fehlt, erfährt man eigentlich nie. Hat es vielleicht was in der Schule gegeben?“
Die beiden saßen verschüchtert da und antworteten nicht.
Plötzlich begann die Pfarrfrau unvermittelt: „Eh’ ich’s vergesse, ich muß euch noch etwas sagen. Nächste Woche seid ihr bei eurem Onkel Gustav eingeladen. Er war heute nachmittag hier und läßt euch vielmals grüßen. Es wird sicher ein fröhlicher Tag für euch werden.“
„Schade,“ stotterte Suse, „dann sind wir ja schon fort.“
„Was sagst du da, Kind?“ forschte die Pfarrfrau.
Hans aber ließ vor Schreck die Gabel unter den Tisch fallen.
„Du meinst, ihr seid nicht mehr hier an dem Tage?“ fuhr ihre Pflegemutter fort. „Wo seid ihr denn sonst? Habt ihr einen Schulausflug vor oder sonst eine Einladung? Die Einladung kann ja auf einen andern Tag verlegt werden. Bei eurem Onkel werdet ihr sicher einen schönen Nachmittag verleben. Er hat Kinder in eurem Alter, und mit denen könnt ihr nach Herzenslust in dem großen Park an seinem Haus herumspringen.“
Suse hörte mit schmerzlichem Empfinden dieser verführerischen Beschreibung zu und sagte etwas später nicht ohne Bedauern zu ihrem Bruder: „Schade ist’s ja, daß wir nicht zu Onkel Gustav können. Nicht wahr, Hans? Aber was meinst du, wenn er uns auch die wunderschönsten Sachen schenkte, wir blieben doch nicht hier? Gelt, daheim ist’s viel schöner, viel, viel schöner. Viel, viel tausendmal schöner.“
An dem Verschwörungsabende wurden die Kinder etwas früher als sonst zu Bett geschickt, weil die Pfarrfrau sich um Hansens Befinden sorgte. Aber gegen Mitternacht, als die Lichter im Cimhuberschen Hause gelöscht waren und nichts mehr sich regte, standen die beiden Übeltäter wieder heimlich von ihrem Lager auf, packten ihre Sachen und probierten an, wieviel Leibwäsche sie nach Susens berühmtem Rezept übereinander anziehen konnten. --
Vier Hosen, vier Hemden, das ging ganz fein. -- Den Rest steckten sie in die Hirschtasche, eine gestickte Reisetasche aus Großmutters Zeiten, auf der ein brauner Hirschkopf, von einem Eichenkranz umrahmt, prangte. Auch eine Pappschachtel mußte noch einige Kleidungsstücke aufnehmen.
Und während der Vorbereitungen sah Suse sich bereits im Geist mit all diesen Herrlichkeiten durch die Pforte ihres Vaterhauses schreiten, befreit von aller Not und Qual. Nur der Gedanke an den fehlenden Zettel flößte ihr zuweilen Besorgnis ein. Je weiter die Stunde vorschritt, je unsicherer wurde sie.
„Ich kann nicht schlafen vor Angst,“ meinte sie zu ihrem Bruder. „Am Ende haben sie den Zettel gefunden und erwischen uns morgen früh.“
Jetzt war der Bruder der Mutige und entgegnete: „Ach, Suse, wenn sie ihn gefunden hätten, wüßten wir es jetzt schon...“
Derweil saß die zahnwehkranke Ursel stöhnend auf der Kante ihres Bettes und buchstabierte an einem kleinen Zettel herum, den sie vorhin am Eingang der Negerstube gefunden hatte.
„Ab fünf ein Viertel Uhr,“ stand darauf, „Eilzug Haslach, Schaffner, Maria Heil.“ -- Lauter krauses Zeug.
Schließlich ließ ihr’s keine Ruhe mehr, und sie schlich vor die Kammer der beiden Kinder, um zu lauschen. -- Hinter der Tür regte sich etwas. Sie stutzte und horchte angestrengter. -- Ja, so war’s, Kisten und Stühle wurden gerückt. Es flüsterte.
Fester drückte sie ihr Ohr gegen die Tür. -- Doch nun war’s totenstill. Eine ganze Weile blieb sie stehen. Jetzt, jetzt regte sich’s wieder.
Da fuhr aber Ursel ein solch heftiger Schmerz in ihren hohlen Zahn, daß sie sich mit beiden Händen an den Kopf fuhr und mit schmerzverzerrtem Gesicht davonschwankte.
Am andern Morgen um drei Viertel auf fünf ging leise die Tür von Frau Cimhubers Wohnung, und zwei Kinder mit blassen, übernächtigen Gesichtern traten ins Treppenhaus.
Es waren Hans und Suse, die durch die Menge der übereinander gezogenen Kleidungsstücke kugelrund aussahen. Vorsichtig schlossen sie die Flurtür hinter sich und gingen auf Zehenspitzen die ausgetretenen Stiegen der Treppe hinunter. Ein graues, unfreundliches Licht erhellte nur matt ihren Weg. Alles war totenstill. Das Haus schlief noch. Öfters blieben sie stehen und horchten. Doch als nichts sich regte, gingen sie weiter.
Im zweiten Stock wurde Suse die Hirschtasche zu schwer, und der Bruder half ihr beim Tragen. Dann kehrte er zurück, um sein eigenes Gepäck nachzuholen.
Gerade als er die unterste Stufe der Treppe wieder erreicht hatte und das Haus verlassen wollte, hörte er plötzlich im Treppenhaus ein Geräusch. Ihm war es, als sei irgendwo eine Tür gegangen, und als stehe nun jemand oben vor Frau Cimhubers Wohnung und lausche mit angehaltenem Atem über das Treppengeländer.
Ganz kalt überlief’s ihn, und er schloß schnell die Tür. In der Ferne erblickte er Suse. Sie schritt mit großen Schritten rüstig aus, während ihre rechte Schulter sich unter der Last der Hirschtasche senkte. Der Bruder wollte ihr folgen, hörte aber plötzlich hoch über sich seinen Namen rufen. Er blickte am Haus hinauf und gewahrte in schwindelnder Höhe ein mit Tüchern umwickeltes Haupt. -- Ursel?
„Hans,“ rief sie, „Hans, Hans, Hans!“
Da schrie er auf und rannte wie besessen davon.
„Sie kommt, sie kommt,“ rief er.
Suse stürzte vorwärts, als sei ihr der Tod auf den Fersen. Bald erlahmten ihre Kräfte, und Hans nahm ihr die Hirschtasche ab, um sie in seinen Armen zur Elektrischen zu tragen. Klingelnd fuhr diese mit den beiden Flüchtlingen davon.
Als die zwei verzweifelten Ausreißer schließlich am Bahnhof ankamen, war natürlich von dem tüchtigen Theobald weit und breit keine Spur zu entdecken.
„Er hat die Zeit verschlafen,“ stöhnte Suse.
„Nein, er kommt,“ sagte Hans bestimmt, „er hat’s versprochen, und was er versprochen hat, hält er.“
Damit ging der kleine Junge geradeswegs auf die Bahnhofshalle zu, während Suse wie ein aufgescheuchtes Hühnchen hinterdreinflatterte. Am Schalter löste er die Karten zu Reise und kehrte dann zum Eingang der Bahnhofshalle zurück, um nach dem Vetter auszusehen.
Endlich sah er am Ende der Straße einen Radfahrer auftauchen und schaute näher hin. Ja, es war Theobald. Auf der Lenkstange seines Rades liegend, kam er wie eine Windsbraut seines Wegs. Jetzt sprang er ab.
„Ursel kommt!“ rief er. „Wie ein tollgewordener Mops macht sie Sätze. -- Es ist haarsträubend, wie sie die Ecken nimmt! Kommt, kommt. Sie hat die Faust nach mir geschüttelt.“
Im Nu hatte er eine Bahnsteigkarte gelöst, sein Rad einem Gepäckträger gegeben, die Hirschtasche auf seinen Rücken geworfen, die Pappschachtel in die Hand genommen und stürzte mit den Kindern durch die Sperre.
Susens Knie waren wie gebrochen, die Stimme versagte ihr.
Jetzt waren sie auf dem Bahnsteig. Die letzte Tür des dort haltenden Zuges war schon geschlossen. Der Beamte wollte eben das Zeichen zur Abfahrt geben, da riß Theobald noch im letzten Augenblick ein Coupé auf, drängte die Doktorskinder hinein und schubste ihre Hirschtasche hinterdrein, so daß der „Engel“ und die „Geburt Christi“ gegeneinander stießen.
Die Tür wurde wieder zugeschlagen, und der Zug fuhr davon. In ein paar Sekunden mußte er aus der halle sein. Da beugte sich plötzlich Suse weit aus dem Fenster und rief in Todesangst: „Theobald, unser Geld, unser Reisegeld! Gib doch, gib doch! -- Das Zwanzigmarkstück!“
Der Vetter schlug sich vor die Stirn.
Im Nu war er an ihrer Seite und wühlte verzweifelt in seiner Westentasche.
„Hier, hier,“ rief er, und ein blitzender Gegenstand fuhr surrend durch die Luft und traf wohlgezielt ins Coupé. -- Die Kinder hatten ihr Reisegeld. Da fuhr auch der Zug schon aus der Halle.
Suse war wie erlöst. In ihrer Freude umarmte sie ihren Bruder und jubelte: „Jetzt ist alles gut.“
Doch Hans wehrte: „Erst das Geld, Suse, ich will’s in meine Tasche tun.“
Und er eilte auf die Ecke zu, wo die Münze niedergefallen war. Blitzend lag sie auf der Bank. Er griff danach, fuhr aber jäh zurück wie vor einer zischenden Schlange.
Dort lag..., dort lag...
Er verfärbte sich. Alles drehte sich um ihn. Er rieb sich die Augen. -- Nein, es war kein Irrtum. Dort in der Ecke lag kein Geld, sondern ein dicker, blinkender Messingknopf. -- Ein abgerissener Hosenknopf von Theobald. -- Nichts anderes. Das war also alles, was er ihnen gespendet hatte. Deshalb war er wie ein Verrückter neben dem Zug hergesprungen, um ihnen einen Hosenknopf hinterherzuwerfen!
„Suse, Suse,“ stotterte Hans „Komm her, guck, was da liegt.“
Sie kam zögernd näher, schaute hin und wurde weiß wie Kreide.
Dieser Hosenknopf von Theobald war also alles, was sie hatten! Ihre ganze Barschaft! Damit sollten sie sich Karten für die Reise kaufen und außerdem Plätze in der Postkutsche bezahlen! -- Laut weinend setzte sie sich vor dem lügnerischen Knopf nieder und starrte ihn angstverzerrt an. -- Den sollten sie dem Schalterbeamten in die Hand drücken! -- Der würde gucken!
Hans sah wie verhext in derselben Richtung, griff nach dem Knopf und schleuderte ihn aus dem Fenster.
Jetzt wußte auch er nicht mehr aus noch ein und saß wie vernichtet auf seinem Platz. Der Schwester Schmerz brachte ihn schließlich wieder zur Besinnung. Er versuchte, ihr die Hände von den verweinten Augen zu ziehen und tröstete: „Weine nicht, Suse, weine nicht. Sei still, Suse, sei still, laß uns mal bedenken, was wir jetzt tun.“
Aber ach, er selbst konnte seine bitteren Tränen nicht mehr zurückdrängen.
Auf der dritten Station, in Haslach, stiegen die Kinder aus und blieben eine Weile unschlüssig auf dem Bahnsteig stehen. Dann gingen sie auf den Wartesaal zu. Schüchtern drückten sie sich zur Tür herein und suchten nach einem freien Platz. Vom Schenktisch her verbreitete sich der verlockende Duft warmen Kaffees und gemahnte sie daran, daß sie heute morgen noch nichts genossen hatten. Aber was bedeuteten Hunger und Durst im Vergleich zu der Angst, die sie empfanden! --
Wohin sollten sie sich nun eigentlich wenden? Zur Stadt zurück? -- Sie hatten ja kein Geld mehr, selbst nicht für eine Fahrkarte vierter Klasse. Und zu Fuß zurückzuwandern, das war ihnen unmöglich. Dazu war der Weg ja viel zu weit.
Da kam Hans mit einemmal ein rettender Gedanke.
Wenn sie dem Schalterbeamten irgendein Geschenk machten? -- Vielleicht die „Geburt Christi“ von Martin oder den Engel von Christine oder sonst irgend etwas Schönes. -- Am Ende gäbe er ihnen dann eine Fahrkarte.
Die Schwester horchte auf, dachte nach; ihre Augen wurden heller, und da rief sie auch schon ganz freudig: „Du hast recht und du sollst mal sehen, der gibt uns gleich so viele Karten als wir wollen. Der freut sich!“
Und das kleine Mädchen, das eben noch ganz verzweifelt gewesen war, wiegte sich schon wieder in den schönsten Hoffnungen. Ja, dank ihrer üppigen Phantasie hörte sie bereits den Beamten am Schalter, diese Seele von einem Menschen, sagen: „Fein, daß man euch mal sieht, her mal mit euren wunderschönen Sachen. Wieviel Karten wollt ihr dafür? Auf eine Fahrkarte mehr oder weniger kommt’s mir nicht an!“
Hans, der schwerfälliger veranlagt war als seine Schwester, meinte beklommen: „Man weiß es nicht, ob er sich freut; vielleicht freut er sich nicht.“
Doch Suse hörte und sah nicht mehr und suchte mit beiden Händen verzweifelt in der geöffneten Hirschtasche nach ihren Schätzen. Auf dem Grunde mußten sie liegen. Eine ganze Schicht Kleider, Strümpfe, Schuhe, Bänder hatte sie schon vorsichtig auf die Bank niedergelegt. Da stieß sie endlich auf die Geburt Christi und den Engel. Und mit großer Befriedigung legte sie die Sachen auf den Stapel Kleider neben sich nieder und schickte sich an, den Grund der Hirschtasche zu ordnen.
„Schnell, schnell,“ drängte da Hans, „die Leute gucken.“ Und dabei warf er ängstliche Blicke auf die Menschen rund herum, die an Tischen saßen, Kaffee tranken und die Kinder aufmerksamen Blickes beobachteten.
Aber am verdächtigsten kam Hans doch ein Beamter vor, der von Zeit zu Zeit die Züge abrief und jedesmal neugieriger auf sie zu werden schien.
Eben war er sogar eine ganze Weile an der Tür stehen geblieben und hatte die beiden kopfschüttelnd gemustert.
Da wurde des kleinen Jungen Aufmerksamkeit jäh abgelenkt.
Er stieß Suse an, und auch sie schaute auf.
Durch die Tür des Wartesaals, nicht weit von den Kindern, drängte sich mit einemmal eine aufgeregte Reisegesellschaft: eine dicke Frau mit einem kleinen Knirps auf dem Arm und zwei größeren Kindern an ihren Rockschößen. Der Hut der Frau war verschoben, und ihr Jüngstes griff mit beiden Händen danach und machte den Schaden nur noch größer.
Und nun stolperte gar noch ihr Ältestes, ein rechter Guckindieluft von einem kleinen Mädchen, über einen Stuhl und brachte die Mutter ins Wanken. Und diese packte in ihrem Zorn den Zopf des niedergleitenden Töchterleins und schüttelte daran, als wollte sie Sturm läuten.
Dann sah sie sich tief aufatmend nach einem freien Platz um, entdeckte die Ecke, wo Hans und Suse sich aufhielten und kam pustend heran. Die Geschwister waren so verblüfft von ihrem Anblick, daß sie es ohne ein Glied zu rühren, geschehen ließen, wie sich die Frau, ohne sich lang umzusehen, mit einem Seufzer der Erleichterung mitten auf ihren Sachen niederließ und die Füße von sich streckte. Da saß sie nun auf dem Engel und der Geburt Christi, auf Strümpfen und Wäschestücken, als müßte es so sein. -- Suse streckte abwehrend die Hände nach ihr aus, als es leider zu spät war. Sie fühlte sich anscheinend ganz wohl. Und zu allem Elend fielen nun ihre Kinder über die am Boden liegenden Habseligkeiten der Geschwister her und wühlten darin herum.
Suse traten die Tränen in die Augen; sie hob schnell alles auf und trat dann vor die Frau hin, um sie zu bitten: „Unsere Sachen sind unter Ihnen. Möchten Sie nicht, bitte, aufstehen? Die Geburt Christi und der Engel sind auch unter Ihnen. Sie zerdrücken sie ja!“
„Was ist unter mir?“ rief die Frau kirschrot vor Zorn. „Was zerdrücke ich? Was hast du da gesagt? -- Wollt ihr mich vielleicht zum besten haben? Kommt mir nur! Da kommt ihr gerade an die Rechte.“