Hans und Suse in der Stadt

Part 4

Chapter 43,898 wordsPublic domain

„Ich fürchte mich vor der Schule morgen,“ flüsterte Suse, als sie allein mit ihrem Bruder war.

„Das mußt du nicht,“ meinte er, „denk nicht dran! Ich denk auch nicht dran.“

Und in der Absicht, sie auf andere Gedanken zu bringen, fuhr er mit geheimnisvoller Stimme fort: „Laß uns aus dem Fenster sehen, jetzt springen vielleicht auf dem Dach wieder die herrlichen Buchstaben herum wie gestern abend.“

„Ja, ja, du hast recht,“ sagte die Schwester und machte sich schnell fertig, um mit ihrem Bruder an das Fenster zu treten und die nächtliche Stadt zu betrachten. Wie Tausende von Leuchtkäfern funkelten dort die Lichter aus dem Dunkel auf, wie schillernde Schlangen glitten die Elektrischen am Kanal entlang, und aus den engen Straßen kamen die Menschen als vermummte Gestalten ans Licht. Und pünktlich, wie der Mond und die Sterne daheim über dem Nußbaum im Hofe der Doktorskinder, erschienen auf dem Dach des hohen Hauses jenseits des Kanals die leuchtenden Buchstaben, deren Sinn Hans und Suse nicht erkunden konnten. Ein Buchstabe nach dem andern blitzte auf und lief über den Dachfirst. Leuchtend standen dort ein paar Worte und erloschen wieder, um nach einigen Sekunden in neuem Glanz zu erstehen.

„Wie schön, wie schön,“ sagte Hans leise.

Suse aber faltete die Hände und wiederholte die Worte von heute morgen: „Ach, wenn doch daheim auf unserem Dach auch mit einemmal solche herrliche Buchstaben herumsprängen! Der Vater und die Mutter, die würden sich gewiß freuen, gelt Hans? Die Buchstaben sind doch das aller-, allerschönste hier! Wenn die nicht wären, dann wär’ es so häßlich wie nirgends sonst auf der Welt!“

Zweites Kapitel

Die Flucht

Für den Sonntagnachmittag waren Hans und Suse bei Onkel Sepp und Tante Hedi, Theobalds Eltern, eingeladen. Aber im letzten Augenblick wurde die Einladung zurückgenommen, und die Geschwister mußten daheim bleiben. Ihre Vettern und Basen durften an dem Tag keinen Besuch empfangen; es waren eben unverbesserliche Sausewinde, die nichts wie tolle Streiche verübten, für welche sie dann büßen mußten. Diesmal handelte es sich um eine recht dunkle Sache, von der Theobald nur in unklaren Andeutungen sprach. Danach war eine Papiertüte voll Wasser zufällig von der Gartenmauer seines Vaterhauses gefallen, einer vorübergehenden Marktfrau auf den Kopf und dort geplatzt, worauf die Frau vor Schreck sich mitten auf der Straße niedergelassen hatte.

Und für diesen harmlosen Vorfall, an dem nach Theobalds Ausspruch kein Mensch Schuld hatte, waren Onkel Sepps Kinder hart bestraft worden und hatten heute Stubenarrest.

So waren Hans und Suse denn auf sich allein angewiesen. -- Frau Cimhuber war ausgegangen und hatte den Kindern versprochen, sie gegen Abend zu einem Spaziergang abzuholen. Ursel hatte sich in die Küche zurückgezogen, denn sie litt noch immer an starkem Zahnweh, und auf ihrem vermummten Kopf standen die Zipfel ihres Tuches steil aufrecht wie zwei Hasenohren.

Die ganzen letzten Tage hatte sie zwar versprochen, den Kindern heute Missionarsgeschichten zu erzählen; aber nun, da es so weit war, warf sie Blicke um sich wie der Drache in der Höhle, und die Kinder mieden sie ängstlich.

Die meiste Zeit des Nachmittags verbrachten sie in ihrem Zimmer, wo Suse in eine immer gedrücktere Stimmung verfiel. Sie hielt einen Brief ihrer Mutter in Händen, den sie heute morgen erhalten hatte und in dem sie immer wieder las.

„Mein liebes Kind,“ stand in dem Brief geschrieben, „die Veilchen blühen noch immer und tragen viele Knospen und Rosel begießt sie täglich und schaut nach ihnen. Die Sonne scheint jetzt schon so wohlig und warm im Garten, und alles beginnt zu blühen und zu grünen. Minnette hab’ ich ihr Glöckchen weggenommen, das Du ihr zum Abschied umgebunden hast, und beiseite gelegt, weil es sie belästigte; aber wenn Du wiederkommst, darfst Du es wieder hervorholen und ihr umbinden, liebes Kind. Michel liegt in der Sonne auf der Hoftreppe und grollt mit uns, wie Euer Vater sagt, weil wir Euch fortgehen ließen, und nun läßt er seinen Zorn an den Hühnern und Katzen der Nachbarschaft aus und beißt und schüttelt sie, wo er nur kann. Zur Strafe soll er mal wieder für einige Zeit zum Förster in die Nachbarschaft kommen, damit er sich wieder bessere Manieren angewöhnt. Christine und Rosel sprechen immerzu von Euch und haben sich heute wunderbare Briefbogen mit Vergißmeinnicht und verschlungenen Händen gekauft, und nun wollen sie Euch Briefe schreiben. Christine wird ihren Rosel diktieren. Auch Eure Freunde und Freundinnen waren schon da und haben nach Euch gefragt.“

Schließlich stand Suse auf, ging ans Fenster, drückte ihr Gesicht gegen die Scheiben und sah hinunter auf den Kanal, der heute frei von Kähnen war. Auch die Straßen waren weniger belebt als sonst. Die Menschen waren wohl hinausgewandert in das Freie, wo der Sonnenschein über Feldern und Wiesen lachte.

Nur hoch oben an der blauen Himmelsdecke, da ging es lustig her. Da flogen die munteren, kleinen Federwölkchen vorüber, die Suse so gern hatte. Sie glänzten wie schimmernder Atlas und flatterten und wehten wie weiße Tüchlein, die unsichtbare Hände schwenken.

„Komm mit, komm mit,“ schienen sie zu rufen. -- Sie wanderten weiter, immer weiter, bis sie zu den Bergen von Susens Heimat kamen. Noch heute trafen sie dort ein. Das kleine Mädchen spürte es so deutlich, so klar. Dann sahen sie in den Doktorsgarten, wo die Blumen blühten und die Büsche grünten, wo an der Mauer der Schlehdorn schneeig schimmerte, wo vor der Tür Minnette saß und im Hof Michel sich sonnte. Und in das gemütliche Wohnzimmer schauten sie, wo der Vater und die Mutter am Kaffeetisch saßen und miteinander redeten.

„Wie schön ist es heute, wir wollen durch den Garten gehen,“ sagte die Mutter. „Komm, Hermann. Was wohl unsere lieben Kinder heute treiben?“

Und Suse hörte genau die Stimme ihrer Mutter.

Da räusperte sich Hans, und sie fuhr herum und zeigte ein verweintes Gesicht. Er schaute sie erschrocken an. Und da begann sie auch schon von Tränen überströmt: „Jetzt will ich dir auch sagen, Hans, was ich schon immer gedacht habe. Wir wollen fort von hier, nach Hause.“

Der Knabe fuhr zusammen und wiederholte langsam: „Nach Hause?“

„Ja, Hans!“

„Aber, Suse, wir sind ja eigens hierher gekommen in die Stadt, damit wir was lernen, und jetzt wollen wir schon wieder fort?“

„Ei, Hans, wir können ja in eine andere Stadt gehen, wo’s viel schöner ist. Es gibt ja noch viele Städte.“

„Nein, Suse, der Vater und die Mutter haben gesagt, sie haben sich lange bedacht, warum sie uns gerade in diese Stadt schicken. Sie wollen, daß wir uns an fremde Menschen gewöhnen und hier bleiben und was lernen. Und jetzt sind wir hier, und jetzt bleiben wir hier.“

„Dann sterb’ ich, Hans. Ich hab’ immer so Weh hier...“ Und das kleine Mädchen zeigte weinend auf sein Herz.

„Sieh, hier, Hans, und essen mag ich auch nichts mehr, es drückt mich immer im Hals und ich kann nicht schlucken. Du wirst sehen, ich sterbe. Ich habe schon immer gebetet, daß der liebe Gott macht, daß wir wieder nach Hause kommen, sonst sterb’ ich.“

„Bald sind ja Ferien, Suse!“

„Dann bin ich schon tot. Ich will fort, ich will fort!“

Und Suse drückte weinend beide Handrücken vor die Augen und wiederholte immer wieder: „Ich hab’ so Weh hier, Hans, ich hab’ so Weh hier! Ich will fort!“

Dem Bruder wurde es angst und bange. Er suchte nach Trostesworten und fand keine.

Seine kleine Schwester aber fuhr immer trauriger fort: „Ich mag auch nicht mehr in der Elektrischen fahren. -- Und die hellen Buchstaben find’ ich auch nicht mehr schön. Ich mag nichts mehr. Kein Kind will mit mir spielen. Alle haben sie Freundinnen, nur ich nicht. Und Frau Cimhuber hat uns auch nicht lieb, und Ursel erst recht nicht.“

Hier schluchzte sie laut auf.

Dann sagte sie wieder leise vor sich hin: „Wir wollen fort, wir wollen fort. Ich will zum Vater und zur Mutter und zu den Kindern, die mich lieb haben.“

„Aber, Suse, was wollen wir denn machen?“ fragte Hans in größter Aufregung. „Frau Cimhuber läßt uns ja nicht fort!“

„Sie braucht es ja nicht zu wissen, daß wir fort wollen, Hans! Wir schleichen uns ganz in der Frühe fort, wenn alle noch schlafen.“

„Und unsere Sachen, Suse?“

„Die ziehen wir alle übereinander an. Du ziehst vier Hosen und vier Hemden an und zwei Anzüge, und ich auch; meine zwei schönen Sonntagskleider leg ich fein ordentlich in eine Pappschachtel, und deinen Matrosenanzug auch. Das trägst du dann an einer Schnur. Ich nehme das andere; die Geburt Christi und den Engel und die Taschentücher und Strümpfe, alles, alles in der Hirschtasche.“

„Nein, Suse, das geht nicht. Das dürfen wir nicht. Wir sind hier und wir bleiben hier. Und es ist auch schön hier.“

„Schön?“ fragte Suse ganz entgeistert. „Aber, Hans, das glaubst du doch selbst nicht! -- Weißt du, Hans,“ fuhr sie flüsternd fort, „nachts träum’ ich immer, der Negergott springt mit einem von den vielen Negermessern hinter uns her, drei Schritte vorwärts und einen zurück, und dazu ruft er: Halloh! Halloh! wo steckt ihr? -- Und eines Nachts ist er wirklich an unsere Tür gekommen. Ich hab’ ihn deutlich schleichen hören. Und dann hat er leise, erst wie ein Neger, dann deutsch gesagt: ich krieg euch doch. -- Wartet nur, brr... hu... hu...“

„Dummes Zeug,“ wehrte Hans. „So was Dummes brauchst du nicht zu träumen. Du weißt ja, er ist aus Holz. Und nun paß mal auf. Ich gehe jetzt in die Negerstube und hol’ ihn von dem Ständer herab. Dann sollst du ihn selbst mal anfassen.“

„Nein, nein,“ rief Suse. „Er tötet uns.“

„Er denkt nicht dran. Er ist ja der rechte Ölgötze. Das hat auch Theobald gesagt.“

Und nach diesen Worten ging Hans stolz, hoch erhobenen Hauptes zur Tür hinaus, dem Staatsgemach der Frau Cimhuber zu und trat ein. Erwartungsvoll sah ihn der Götze daherschreiten.

„Er guckt, er guckt,“ rief Suse.

„Darf er ruhig,“ meinte Hans, räusperte sich, ging stracks auf das Ungeheuer zu, klopfte ihm ein paarmal auf den hölzernen Lockenkopf und packte dann mit festem Griffe zu. Die Figur wog schwer wie Blei. Und Hans hatte Mühe, sie auf seine Schulter zu heben, und trug sie dann mit eingeknickten Knien wie ein alter Mann hinter Suse her, die sich aus Angst vor dem Ungeheuer langsam immer weiter zurückzog.

„Wart’ doch, wart’ doch!“ rief er.

Fast war er bei der Schwester, da fiel plötzlich mit Getöse ein Negerschwert von der Wand herunter.

Hans glaubte, die Decke stürze ein, sperrte vor Schrecken die Arme weit auf und ließ den Negergott auf den Teppich plumpsen. Er stand Kopf und schlug dann krachend einen Purzelbaum.

„Der Götze, der Götze,“ schrie Suse, sprang in die Höhe wie eine Heuschrecke und glaubte, er käme hinter ihr hergerutscht und packe sie am Bein. Wenn er sie plötzlich festgehalten, hätte sie es gar nicht verwundert.

„Der Götze, der Götze!“ rief sie noch einmal.

Da kam Ursel herbei, erblickte die Figur, die mitten im Zimmer auf dem Rücken lag, und stürmte drauf zu.

„Der Götze, der Götze,“ rief sie. Sie kniete daneben nieder, wendete ihn um und um wie ein Wickelkind, und entdeckte den Spalt in seinem Kopf. Dann jammerte sie: „Jetzt ist er kaput! Da liegt er nun, der treue Götze. Wer hat euch denn geheißen, ihn von seinem Platz herunter zu holen,“ brauste sie auf. „Müßt ihr alles anfassen, was ihr seht? Natürlich hattet ihr keine Ruh’, bis er kaput war.“

„Frau Cimhuber wird böse sein,“ stotterte Hans.

„Vielleicht nicht?“ brauste Ursel auf. „Soll sie vielleicht Zuckerkind zu dir sagen und dir einen Kuchen backen zur Belohnung, weil du den Götzen kaput gemacht hast!“

„Nein, das möcht ich nicht,“ sagte Hans noch verwirrter als bislang. „Der Götze ist ja von dem Herrn Missionar, nicht wahr?“

„Von wem denn sonst, vielleicht von einem Zwetschenbaum? Meinst du, solche fremdländischen Figuren wachsen hier auf Bäumen, und wir holen sie uns herunter?“

„Nein... nein..., ich weiß ja, daß er aus Afrika ist,“ sagte Hans schüchtern. „Frau Cimhuber hat’s ja gesagt.“

„Jetzt fort mit euch ungezogenen Kindern!“ fuhr Ursel die Pechvögel an. „Ihr könnt nichts, wie Dummheiten machen.“

Und die beiden verließen gesenkten Hauptes die Negerstube und wußten nicht wohin sehen vor Beschämung.

Es verging geraume Zeit, dann hörten sie, wie die Pfarrfrau wiederkehrte, mit Ursel redete und von ihr in die Negerstube geführt wurde.

Sie lauschten atemlos.

„Jetzt weiß sie’s,“ flüsterte Suse.

Hans fuhr zusammen und saß blaß und regungslos in der Ecke und erwartete jede Minute, Frau Cimhuber werde mit dem Götzen auf dem Arm hereinkommen und ihn zur Rede stellen.

Aber sie kam nicht, und auch später, als die Kinder mit ihr beim Abendessen zusammentrafen, machte sie ihnen keine Vorwürfe. Sie sah nur still vor sich nieder. Da konnte Hans schließlich ihren stummen Anblick nicht mehr ertragen, und er sagte leise und beklommen: „Frau Pfarrer,... Frau Pfarrer...“ Dreimal schluckte er trocken runter, dann begann er wieder: „Ich bitte Sie um Entschuldigung wegen dem Götzen, Frau Pfarrer. -- Er -- ist so rutschig und glitschig wie ein Fisch. Er ist mir aus den Armen gefallen. -- Ich glaub’ -- ich mein’ --,“ fuhr er stotternd fort, „wenn Sie erlauben, Frau Pfarrer, mein’ ich, möcht’ ich Ihnen einen neuen Gott schenken. Ich könnte Ihnen einen schnitzen lassen. Ich habe einen Freund Martin, der schnitzt sehr schön, der könnte Ihnen einen neuen schnitzen. Meiner Mutter hat er einen Nähkasten geschnitzt. Spazierstöcke kann er auch machen. Der würde sicher einen schönen Negergott fertig bringen.“

„Es kommt nicht auf die Schönheit an,“ sagte Frau Cimhuber schmerzlich. „Diese Figur war mir nur deshalb lieb, weil sie ein Geschenk meines Sohnes aus Afrika ist. Aber wie kommt gerade ihr darauf, sie herunterzunehmen? Ihr möchtet doch gewiß auch nicht, daß wir euere Sachen in euerer Abwesenheit anfassen und kaput machen.“

„Nein... nein,“ stotterten die Kinder, und Hans sagte kleinlaut: „Wir wollten ihn nicht kaput machen. Und wir faßten ihn auch sonst nicht an, aber...“

„Ich hab’ gemeint, er ist lebendig,“ fiel hier Suse weinend ein. „Entschuldigen Sie, Frau Pfarrer, ich fürcht’ mich so vor ihm. Und da hat Hans gesagt: er ist nicht lebendig. Und da wollten wir sehen, ob er lebendig ist. Und da war er gerade wie lebendig. Und ich habe ihn schon ganz sicher mal gehört, wie er des Nachts vor meiner Tür gesessen ist und leise geklopft hat und gesagt hat: Macht auf; seid ihr drin; ich komme.“

„Aber Kind, du phantasierst,“ sagte die Pfarrfrau und sah Suse erschreckt an. „Aber, Kind,“ begann sie dann wieder, „du mußt acht geben auf alles, was du sagst. Sonst sagst du die Unwahrheit, und das ist das Schlimmste, was ein Kind tun kann.“

Suse fuhr zusammen. Hans sah ängstlich auf und verteidigte seine Schwester: „Suse träumt immer so. Und dann wacht sie auf und dann hat sie gehört, wie jemand draußen war und dann hat sie gemeint, es ist der Götze.“

Die Frau Pfarrer schien der Sache nicht recht zu trauen, denn sie antwortete nichts, und die Unterhaltung verstummte ganz und gar.

Die Kinder waren froh, als das Abendessen vorüber war und sie sich entfernen konnten.

In Suse stand der Entschluß zu fliehen fester denn je. Und als sie mit ihrem Bruder allein war, begann sie: „Wir wollen fort, Hans. Nun willst du doch auch, daß wir fortgehen. Wir machen ja doch alles verkehrt, wenn wir uns auch noch so viele Mühe geben. Was nützt es, daß wir noch hier bleiben. Noch kein einziges Mal ist Frau Cimhuber gut zu uns gewesen und hat uns gelobt. Glaub’ mir, sie ist froh, wenn wir wieder fort sind. Und dann lassen Ursel und sie sich eben andere Kinder kommen, die viel artiger sind als wir. Und daheim sind sie froh, wenn wir kommen.“

Und stockend fuhr Suse fort: „Und schlechte Zeugnisse bekommen wir auch. Ich versteh’ immer noch nichts in der Schule, und daheim war ich immer die erste.“

„Ich versteh’ jetzt schon mehr,“ sagte Hans schüchtern.

Suse aber fuhr fort: „Du gehst aber doch mit mir fort? Gelt? Du bleibst nicht hier? Wir gehen nach Hause. Ach laß uns doch nach Hause gehen.“

Der Bruder schüttelte sein Haupt und sagte standhaft wie ein Erwachsener: „Nein, Suse, die Eltern haben gesagt, wir bleiben hier, und jetzt bleiben wir hier.“

Allein das Unglück heftete sich an des Knaben Fersen, und ehe noch der folgende Tag vorüber war, sollte sein Heldentum jäh in die Brüche gehen.

Morgens früh ging er ganz zuversichtlich zur Schule. Der Aufenthalt dort war ihm lange nicht so unangenehm, als der in Frau Cimhubers Haus, wo alles ihn vorwurfsvoll ansah, heute selbst der Negergott, der mit seinem geborstenen Haupt ein Bild des Schreckens bot.

Die Schule dagegen war Hans lange nicht mehr so fremd wie in den ersten Tagen seines Hierseins. Lehrer und Schüler waren ihm bekannter, der ganze Unterricht vertrauter geworden.

Heute nun brachte er es sogar fertig, in der ersten Hälfte des Morgens ein paar gute Antworten zu geben und war ganz angetan von sich.

So kam die letzte Stunde, eine Naturgeschichtsstunde, heran. -- Der Lehrer wollte mit den Kindern in der Besprechung des Hausrindes fortfahren, mit der er schon das letztemal begonnen hatte.

Es würde sehr lustig und ulkig zugehen, meinten einige von Hansens Mitschülern, die sitzen geblieben waren und deshalb vom letzten Jahre her über alles genau Bescheid wußten.

Herr Meyer werde nämlich einen Kuhmagen mitbringen, um ihn aufzublasen und dessen Form deutlich zu zeigen. Bei diesem Beginnen pflege er selbst so heftig mit anzuschwellen, daß die Klasse in lautes Lachen ausbreche und nicht mehr zu halten sei.

Fuchsteufelswild werde er darüber.

Nun war die Pause vorüber und die Schüler suchten ihre Plätze auf. Rechts und links von Hans saßen seine Nebenmänner schon, und zwar auf der einen Seite sein Freund Peter, ein Knabe mit einem freien, aufgeweckten Wesen. Hans und er waren gleich Freunde geworden, stammte Peter doch auch aus den Bergen, und so hatten die beiden einander gleich viel zu erzählen gehabt. -- Für Peters größtes Heiligtum, eine Tierschädel- und Vogeleiersammlung, wollte Hans aus den nächsten Ferien einige neue wertvolle Stücke mitbringen.

Weniger freundschaftliche Beziehungen bestanden zwischen Hans und dem Knaben an seiner andern Seite. Dieser, Kurt, war das gerade Gegenteil von Peter, ein unaufrichtiger, verschlagener Junge, der aber trotzdem einen großen Einfluß auf seine Mitschüler ausübte. Er hatte den Fußballklub „Germania“ gegründet und schon eine große Anzahl Mitglieder gewonnen. Auch Hans sollte diesem Verein beitreten, hatte es aber bis jetzt noch abgelehnt, da ihn einstweilen in der Stadt noch viel anderes Neues lockte.

Gerade hatte der sporteifrige Kurt Hans wieder in ein Gespräch über seinen Fußballklub verstrickt, da öffnete sich die Tür, und der Lehrer, Herr Meyer, trat ein. Unter dem Arm trug er eine Pappschachtel und einige Bücher. Der Lärm in der Klasse ließ nach. Ganz still wurde es allerdings noch nicht. So recht in Respekt zu setzen wußte dieser Lehrer sich nämlich nicht.

Er ging nun auf das Pult zu und nahm dort Platz. Hinter ihm erhob sich die weißgekalkte, mit Bildern Schillers und Uhlands geschmückte Wand. Die Pappschachtel stellte er neben sich nieder. In der Klasse war noch Flüstern, Klappern, sowie Schurren mit den Füßen zu hören.

„Ruhe,“ rief der Lehrer, und die Stunde begann.

„Welches ist das nützlichste Haustier des Menschen?“ leitete er seinen Unterricht ein.

„Das Hausrind,“ kam als Antwort zurück.

Herr Meyer war mit dieser Erwiderung zufrieden und legte nun den Kindern andere Fragen vor, die sie ebenfalls zu seiner Zufriedenheit beantworteten. Dann reihte er gemeinsam mit ihnen das Tier in die Klasse der Wiederkäuer, Pflanzenfresser und Huftiere ein, und mehrere Male mußten die Knaben die Merkmale dieser Tiere wiederholen.

Hans paßte gut auf, damit ihm kein Wort entgehe. Die Beschaffenheit der Zunge, des Gebisses, der Hufe, der Muskulatur, alles war ihm klar. Auch die Einteilung des Kuhmagens leuchtete ihm ein; Pansen, Netzmagen, Blättermagen und Labmagen hießen die verschiedenen Abteilungen.

Als der Lehrer mit seinen Erklärungen fertig war, griff er nach der Pappschachtel. -- Die Kinder stießen einander an und sahen gespannt nach dem Pult. Jetzt war der langersehnte, aufregendste Augenblick der Stunde gekommen. Der Lehrer hob den Deckel der Schachtel auf und holte ein lederfarbenes Hautgemengsel heraus, indem er sagte: „Nun wollen wir uns einmal einen richtigen, echten Kuhmagen ansehen.“ Hierauf setzte er eine Glasröhre in die Öffnung des Magens und begann zu pusten. Die Knaben verwandten keinen Blick von ihrem Lehrer und seinem Tun. Langsam schwoll der Magen an, eine Abteilung nach der andern, und in dem Maße, als er an Umfang zunahm, schien auch des Oberlehrers Gestalt anzuschwellen. Der Zwischenraum zwischen ihm und dem Pultdeckel wurde immer geringer. Leise kicherten einige Knaben. Zürnend blickte der Lehrer in die Klasse und wurde krebsrot im Gesicht. Aber sein Mund ließ die Glasröhre nicht los. Da platzte einer der Knaben laut aus. Der Oberlehrer ließ die Glasröhre in seiner Hand fahren, und der Kuhmagen sank mit einem leise pfeifenden Ton in sich zusammen. Am lautesten mußte Hans lachen. Das Unglück wollte ja immer, daß er da am lautesten lachte, wo es am wenigsten angebracht war.

Puterrot vor Zorn schlug der Lehrer auf das Pult, daß der Kuhmagen wie ein lederner Tabaksbeutel in die Höhe flog und rief: „Wenn jetzt noch einmal einer lacht, dann bekommt ihr alle Arrest. -- Verstanden? -- Es ist doch seltsam, daß gerade die immer am meisten lachen, die am wenigsten können,“ meinte er mit einem durchbohrenden Blick nach Hans hin.

Dieser wurde käsweiß.

„Die Schule ist doch nicht dazu da, daß wir uns im Lachen und Schreien üben,“ fuhr der Lehrer lauter fort. „Wenn wir das wollen, können wir lieber in unseren Hinterwäldern bleiben und mit unseren Kühen auf die Weide gehen.“

Hans spürte, wie seine Stirn eiskalt wurde. -- Der Lehrer meinte natürlich ihn. Ja, er hätte daheim bleiben sollen in Schwarzenbrunn.

Zitternd vor Ärger ergriff Herr Meyer jetzt den Kuhmagen zum zweitenmal und pustete ihn auf. Nun bedurfte es nur noch einiger schwacher Atemzüge, dann war dieser ganz und gar mit Luft gefüllt.

Da geschah etwas Unerwartetes.

Durch die Klasse schwirrte plötzlich eine Papierkugel und fiel mitten auf des Lehrers Nase nieder. Sein Kopf fuhr auf, und die Glasröhre fiel zur Erde. Es war totenstill in der Klasse. Dann sprang Herr Meyer in die Höhe und fuhr die Knaben an: „Wer hat das getan?“ Keiner antwortete.

Fest hefteten sich da die Augen des Lehrers auf Hans. -- Unsicher flogen des kleinen Knaben Blicke durch die Klasse. -- War nicht seine Hand wie von einem Wurf ermattet unter die Bank gesunken, als der Lehrer aufgeblickt hatte?

„Ich weiß genau, wer es getan hat,“ rief der Lehrer lauter als vorher.

„Du, der Neue, da hinten in der Ecke, komm mal her! Wie heißt du doch gleich?“

Mechanisch ging der Junge auf das Pult zu und sah den Lehrer hilfesuchend und verstört an.

„Gesteh mal, du hast’s getan,“ donnerte ihm dieser entgegen.

Hans würgte an einer Antwort, aber sie kam nicht über seine Lippen. Der Ausdruck seiner Augen wurde immer unglücklicher und hilfloser.

„Antworte,“ rief der Lehrer.

Er schwieg.

„Ah, du bist auch noch trotzig,“ fuhr Herr Meyer ihn an. „Marsch, geh’ wieder auf deinen Platz. Ich kenne dich, Bürschchen. Aber jetzt hab’ ich keine Zeit für dich. Doch morgen früh wirst du mit mir zum Herrn Direktor gehen.“

Hans konnte noch immer keinen Laut hervorbringen. Wie ein zum Tode Verurteilter stand er da. Dann kehrte er langsam um, und als er an seinem Platz angelangt war, warf er seinem Nebenmann Kurt einen langen, verängstigten Blick zu.

Zwischen diesem und Peter war ein hartnäckiger Streit ausgebrochen. Hansens Freund angelte mit Armen und Beinen an Hans vorüber nach dem Klubgründer hin, und als er ihn schließlich am Bein erwischt hatte, riß er ihn mit einem Ruck fast von der Bank. Sein Mitschüler kehrte ihm ein finsteres, verschlagenes Gesicht zu.