Hans und Suse in der Stadt

Part 3

Chapter 33,911 wordsPublic domain

Ursel aber, die bei Tisch bediente, schlug einmal übers anderemal die Augen zur Decke empor, und nach dem Essen begann sie: „Ich hab’ grad gemeint, ich hab’ einen Schlag an den Kopf bekommen, wie ich das Gestammel und Gestotter gehört hab’. -- Auf einer blauen Kugel haben sie herumfahren dürfen! Ist das nicht fürchterlich? Das hab’ ich doch jetzt all mein Lebtag noch nicht gehört, daß in der Schule Kugeln sind, auf denen man herumfährt. Bei den Kindern stimmt’s nicht. Irgendwo stimmt’s nicht.“

Der Pfarrfrau wurde es angst und bange angesichts von Ursels Aufgeregtheit, und sie sann darüber nach, wie sie die alte Magd besänftigen könne. Denn es läßt sich nun mal nicht leugnen, daß Ursel in den langen Jahren, in denen sie bei Frau Cimhuber Magd gewesen war, sich zur Gewalthaberin im Hause ausgebildet hatte, die oft selbst ihre eigene Herrin einzuschüchtern verstand.

„Es hilft nichts, Ursel,“ sagte Frau Cimhuber jetzt in beruhigendem Ton, „wir müssen Geduld haben.“

„Wenn ich da an unseren Edwin denke,“ fuhr Ursel unbeirrt fort, „wenn der aus der Schule kam, der wußte immer alles, der saß nie so verdattert da. Das war eine Freude, den anzusehen, bei dem konnte man noch was lernen.“

„Ja, ja, unser Edwin,“ sagte Frau Cimhuber, und ein glückliches Lächeln ging über ihr Gesicht, „der machte uns stets nur Freude.“

Auch Ursels Gedanken wanderten auf dem eingeschlagenen Weg fort, und sie sagte nachdenklich: „Wann er wohl schreibt, der Herr Edwin? -- Er hat so lange nicht geschrieben. Aber man braucht ja nicht in Sorge zu sein. Das dauert ja immer lange, bis die Briefe die weite Reise gemacht haben.“

„Mir ist gerade, als schriebe er heute,“ sagte Frau Cimhuber, versonnen vor sich hinblickend. „Ich habe so ein Gefühl, als müßte ich heute noch einen Brief von ihm in Händen halten.“

Während dieser Unterredung hatten Hans und Suse sich in ihr Zimmer zurückgezogen und begannen wieder froh zu werden.

Sie wollten heute nachmittag ja den Onkel Gustav besuchen.

Keinem von beiden kam der Gedanke, ein Gang zu ihrem Onkel könnte ihnen verwehrt werden, waren sie doch von Hause aus gewöhnt, in ihrer freien Zeit zu tun und zu treiben, was ihnen beliebte. Hans putzte sich und kämmte sich und richtete sich säuberlich her, gerade als sei ein Auto eine hochgestellte Persönlichkeit, der man durch ein geschniegeltes Äußeres Achtung abzwingen könne. Dazu erzählte er in einemfort von den Plänen, die er mit Theobald gefaßt hatte.

„Um drei Uhr will er uns abholen,“ erklärte er, „ich hab’ ihm gesagt, er soll doch zu uns herauskommen, aber er will nicht. -- Er will nicht vor Frau Cimhuber dienern und scharwenzeln, weil sie ihm nicht ganz grün ist.“

Lange vor der festgesetzten Zeit standen die beiden Kinder am Fenster und sahen erwartungsvoll nach dem Vetter aus. Endlich, endlich tauchte er in der Ferne auf, dicht am Geländer des Kanals entlang schlendernd. Jetzt war er fast dem Haus der Frau Cimhuber gegenüber. Jetzt sah er auf und entdeckte die beiden am Fenster. Sie machten ihm ein Zeichen, zu warten und beschlossen dann, ihrer Pflegemutter zu sagen, was sie vorhätten, um sich von ihr zu verabschieden.

Da ging die Tür auf und sie selbst trat ein, und zwar zum Ausgehen bereit. Auf ihrem Kopf trug sie einen kleinen Kapothut, der mit langen Bändern unter dem Kinn gebunden war, und über ihre Schultern hing ein langer Spitzenüberwurf. „Ich wollte sehen, was ihr treibt,“ begann sie eintretend. „Ihr müßt nämlich ein paar Stunden allein hier bleiben; denn Ursel und ich gehen in die Stadt und wollen das Haus von Bekannten ausschmücken, die von einer Reise zurückkommen. Ihr macht derweil eure Aufgaben oder schreibt Briefe nach Hause. -- Das scheint mir das Richtigste. -- Du, Suse, arbeitest vielleicht auch an einer Handarbeit. Du hast sicher ein Strickzeug?“

„Ja, ein Puppenunterröckchen hab’ ich mitgebracht,“ sagte Suse kaum hörbar.

„Du nimmst also dein Strickzeug und strickst. Kleine Mädchen dürfen nie unbeschäftigt dasitzen.“

Suse nickte.

„Halt, noch etwas wollte ich sagen,“ meinte die Pfarrfrau, „wenn es klingelt, so geht ihr hin und macht auf. Es kann sein, daß der Briefträger kommt.“

Die beiden konnten fast nicht atmen, so fuhr ihnen der Schreck in die Glieder. -- Nun konnten sie ja gar nicht fort. -- Wie verwundete Rehe, so traurig sahen sie Frau Cimhuber an. Sie aber merkte nichts von ihrer Niedergeschlagenheit und sagte ganz freundlich: „Lebt wohl, Kinder! Ihr habt doch verstanden, daß ihr auf das Klingeln achten sollt? Nicht wahr?“

Und damit hatte sie auch schon das Zimmer verlassen.

Das Geschwisterpaar hörte die Flurtür schlagen, und Frau Cimhuber samt Ursel von dannen gehen. -- Nun war alles aus.

Suse ließ sich mit gefalteten Händen auf einen Stuhl nieder. Hans schlich sich zum Fenster und blickte wehmütig hinter den beiden her. Er sah sie aus dem Hause treten und die Straße kreuzen. In demselben Augenblick gewahrte er, wie der Vetter, der am Kanal lustwandelte, auch der Pfarrfrau und ihrer Begleiterin ansichtig wurde und kehrt machte, als sei ihm ein Schuß in die Glieder gefahren. Weit beugte er sich über das Geländer des Kanals und stierte lange in das trübe Gewässer. Endlich, als er annahm, daß sie außer Sicht seien, drehte er sich um, machte einen Luftsprung und eilte auf das Haus, aus dem sein Vetter sah, zu, nahm die Treppen im Sturm und klingelte im vierten Stock, daß es nur so durch die Stuben hallte.

„Fein, daß ihr da seid,“ meinte er zu seinen kleinen Verwandten. „Jetzt kann man doch mal mit Muße in eurem Wigwam herumäugen. Wißt ihr, wenn Frau Cimhuber und ihre Hofdame, der Igel Ursel, da sind, ist’s mir nicht recht geheuer. Da ist so ein dunkler Punkt zwischen uns. Übel, übel, sag’ ich euch.“

Suse errötete tief, denn ihr war plötzlich eine Erzählung von Theobald eingefallen, wonach ihn Frau Cimhuber einmal mit ihren „spitzen Krallen“ gepackt und mit „pöbelhaftem Ungestüm“ vor die Tür gesetzt hatte, weil er ihren Hund, den Karo, auf die linke Hinterpfote getreten hatte. --

Der dunkle Punkt vermutlich. --

Und taktvoll leitete die Base das Gespräch auf andere Dinge.

„Hast du unsere Negerstube schon gesehen?“ fragte sie mit geheimnisvoller Stimme.

„Was soll ich gesehen haben?“ entgegnete er und sperrte den Mund weit auf.

„Komm, komm,“ drängte Suse und eilte voraus, den Gang hinunter, um mit einem strahlenden Ausdruck im Gesicht Frau Cimhubers Negerstube zu öffnen, als wäre sie ihr ureigenstes Besitztum.

„Fein, gelt?“ sagte sie, den Vetter erwartungsvoll anblickend. „Sieh mal die herrlichen Dinge an, Theobald.“

Der Vetter musterte mit Stirnrunzeln die Prunkstücke des Raums, hatte sofort den Negergott entdeckt, der grinsend auf seinem Ständer in der Ecke saß, und ging stracks auf ihn zu.

Suse klopfte das Herz bei dieser Vermessenheit und sie rief: „Nicht doch, nicht doch!“

Theobald aber streichelte dem Götzen zärtlich die Wangen und sein schwarzes, aus Holz geschnitztes Haar, als wär’s das Fell eines Schoßhündchens, und ging dann, ein Liedchen pfeifend, von einem Gegenstand des Raumes zum andern, als wäre er im Schatten von Negerschwertern und -messern groß geworden.

„Ihr wißt natürlich nicht, von wem die Sachen eigentlich sind,“ begann er schließlich.

Sie schüttelten ihre Köpfe.

„Nun, so will ich’s euch sagen. Sie sind nämlich alle von dem Edwin Cimhuber, das ist der Sohn von eurer Pflegedame. Der ist Missionar in Afrika bei den Negern und Hottentotten; die bekehrt er.“

„Was ist er?“ fragte Suse plötzlich lebhaft und aufgeregt, „Missionar? In den fremden Ländern ist er Missionar? Ist er schon lange dort?

Kommt er nicht mal? Unser Herr Pfarrer hat uns auch schon von den Missionaren erzählt, Theobald, und jedesmal hat er uns die wunderschönsten Bilder gezeigt. Palmenwälder waren drauf und beladene Kamele, die durch die Wüste wandern. Und das Meer und fremde Vögel und Affen, die in die Bäume klettern, und alle waren aus Afrika und Asien. -- Und dort lebt der Herr Missionar, Theobald, hast du gesagt?“

„Ja, und der Herr Edwin ist das Schönste und Beste und Herrlichste, das es auf der Welt gibt. Wenigstens für die Frau Cimhuber, für mich nicht.“

Suse war noch ganz in Gedanken und meinte mit einem Male: „Es ist doch schön, daß wir hier wohnen! Nicht wahr, Theobald? Hier haben wir richtige ausgestopfte Affen, die der Herr Missionar geschenkt hat, und vielleicht kommt er selbst einmal. Nicht wahr, Theobald? Möchtest du nicht auch hier wohnen?“

„Ich hier wohnen,“ rief der Vetter und auf seinem sonst so gleichmütigen Gesicht mit der erhabenen Miene malte sich ein ehrlicher Schrecken...... „Brr!“

„Ach, weißt du was,“ meinte Suse voll Schonung, „wenn man immer höflich und artig zu Frau Cimhuber ist, dann passiert einem nichts. Vielleicht wird sie uns sogar Geschichten von ihrem Sohn aus Afrika erzählen.“

„Ein Glück, daß ich die nicht zu hören brauche,“ fiel Theobald ein. „Gott sei Dank! Überhaupt, das will ich euch sagen, ihr braucht euch gar nicht so gräßlich viel auf die Sachen hier einzubilden. Da sind wir hier in der Stadt doch an ganz andere Dinge gewöhnt. Wenn wir jetzt zum Beispiel zu unserem Onkel Gustav gehen, da werdet ihr mal was erleben. Der hat Tiere, wie ihr sie haben wollt; die schönsten und die wildesten, mit und ohne Gerippe, mit und ohne Haut, mit und ohne Federn. Ganz nach Wunsch. --

Und schwarze Dienerinnen hat er, die haben Lippen, wie aufgeplatzte Rotwürste. --

Aber hopp,“ unterbrach er seinen eigenen Redeschwall, „wir haben jetzt keine Zeit zu verlieren, macht euch fertig.“

Suse warf Hans einen betrübten Blick zu und sagte dann ängstlich: „Wir müssen ja hier bleiben, Theobald, und die Tür aufmachen, wenn einer kommt.“

Der Vetter graulte sich hinter den Ohren und überlegte.

„Wißt ihr, was wir machen?“ rief er plötzlich. „Einer von euch kommt mit, der andere bleibt hier.“

Suse fing einen wehmütig bittenden Blick ihres Bruders auf, kämpfte einen schweren Kampf und sagte schließlich: „Hans, geh’ du nur hin, ich bleib hier. Du möchtest dir ja so gern die Autos ansehen, ich frage nicht soviel danach wie du.“

Des Bruders Gesicht erhellte sich, und er sagte leuchtenden Auges: „Ich komme auch recht bald wieder, Suse! In einer Stunde bin ich wieder da.“

„Ja, tu das,“ entgegnete sie.

Und da rannten die Knaben auch schon davon.

Sie horchte hinter ihnen her, wie sie die Treppe hinuntereilten, und wollte hierauf in ihr Stübchen gehen. Aber wie von unsichtbaren Händen gezogen, mußte sie sich der Negerstube zuwenden.

Langsam kam sie näher und stand lange unschlüssig davor. Zögernd legte sie die Hand auf die Türklinke und wollte sie niederdrücken. Da fuhr die Tür von selbst weit auf, und sie befand sich mit einemmal frei und ungeschützt dem Negergott gegenüber. Grinsend sah der Götze sie an. Wie erstarrt schaute sie nieder. Da klirrte ein Negerschwert leise, ein großer ausgestopfter Affe knurrte und der Negergott grunzte. --

Hm... Hm... Ho... Ho... Ha... H... klang es irgendwo.

Suse stieß einen Schrei aus und stürzte den Gang hinunter in ihr Zimmer zurück. Dort riegelte sie sich ein. Die Tränen liefen ihr über das Gesicht.

Suse fürchtete sich fast zu Tode.

„Ach, Hans, wärst du doch hier geblieben,“ weinte sie vor sich hin. „Ach, lieber Gott, verlaß mich nicht. Mach doch, daß Hans kommt.“

Ängstlich, wie nach Hilfe suchend, flogen ihre Blicke durch die Stube. Da sah sie plötzlich wie gebannt auf die Kommode, wo die Bilder ihrer Eltern standen, sowie die Rosels, ihrer Magd, und Christines, der alten Kinderfrau von daheim. Beruhigend und tröstend sahen die guten, freundlichen Gesichter zu ihr herüber.

„Sei nur still, liebes Kind, sei nur still,“ schienen sie zu sagen, „wir sind ja bei dir.“

Da drückte sie ein Bild nach dem andern zärtlich an sich und fühlte, wie ihr’s viel leichter, viel wohler ums Herz wurde. Zu guter Letzt fielen ihre Augen noch auf einen ganz besonderen Tröster.

Dort stand Michel, der Gefährte ihrer Jugend, ein Jagdhund, und blickte kühn wie ein Eroberer hinter Glas und Rahmen hervor. Seine klugen Augen blitzten auf dem Bilde, seine Schnauzbarthaare spreizten sich keck, sein Schwanz stand wagerecht ab wie ein Lineal. Mit einem solchen Freund im Bunde brauchte man selbst den Negergott nicht mehr zu fürchten!

Vorsichtig trug Suse all ihre Schätze auf den Tisch und baute nun eine Art Schutz- und Trutzburg von ihnen auf, hinter die sie sich zu verstecken und einen Brief nach Hause zu schreiben gedachte.

Allerlei Andenken von daheim vervollständigten noch ihre Festung: ein Briefbeschwerer, den ein Freund von Hans mit Namen Martin, ein armer, verkrüppelter Knabe, ihnen am Tage vor ihrer Abreise mit glückstrahlenden Augen gebracht hatte.

Das Geschenk stellte eine Kugel dar, die auf einer Alabasterplatte ruhte, und zeigte in seinem Innern „die heilige Nacht“ in bunten Figuren. Maria und Joseph saßen, von Schneegestöber umhüllt, vor der Krippe und beteten das Christkind an.

Nachdem Suse das Geschenk ein Weilchen zärtlich betrachtet hatte, legte sie es auf den Tisch nieder und reihte an seine Seite ein Andenken von Christine, einen Wachsengel in einer Pappschachtel, der zwischen lauter Papierblumen wie ein blankes, reingewaschenes Badepüppchen hinter einer Glasscheibe hervorsah. -- Lange Jahre hindurch war dies ärmliche Kunstwerk Christines Heiligtum gewesen und von ihr bewundert, gehütet und gepflegt worden. Jetzt gehörte es Hans und Suse. Auch zwei Federn von Babette Buntrock, dem Lieblingshuhn der Doktorskinder, wurden zu den Andenken gelegt. Dann rückte sich das kleine Mädchen einen Rohrstuhl an den Tisch und begann zu schreiben:

„Liebe, liebe Mutter, lieber, lieber Vater!

Ich muß immer an Euch und Michel und Christine und an alle, alle denken. Es ist wunderschön hier. Ach, wäret ihr nur hier! Ist Christines Ziege wieder besser? Ich bin allein hier, und der Hans ist fort und besucht den Onkel Gustav. Oh, wie hab’ ich mich gefürchtet heute morgen, wie ich in die Schule bin. In der Schule lerne ich nichts. Die Kinder sind alle viel klüger als wir, und viele Lehrerinnen gibt’s hier. Frau Cimhubers Sohn ist in Afrika, dort ist es wunderschön. Aber ich möchte, ich wär daheim.“

Zu diesem Brief brauchte Suse vielleicht anderthalb Stunden; denn fast nach jedem Wort machte sie lange Pausen, kaute an ihrer Feder oder trocknete umständlich ihre Tränen ab, die immer wieder auf das Papier tropften.

Zuletzt wußte sie nicht mehr was schreiben, schob ihr Papier zur Seite und holte ihr Puppenunterröckchen hervor, um ein wenig daran zu arbeiten, wie Frau Cimhuber ihr ja befohlen hatte.

Aber es wollte nicht so recht mit der Arbeit vorwärts gehen, denn das Kind mußte immerwährend an seinen Bruder Hans denken.

Wenn er nun nicht zur rechten Zeit nach Hause käme? Was dann?

Da klingelte es. Suse flog zur Tür. „Hans, Hans!“ rief sie. Aber als sie öffnete, stand niemand anders vor ihr als Ursel, und zwar anscheinend in großer Aufregung.

Suse zitterte wie Espenlaub. Sie glaubte bestimmt, die Magd habe Hans irgendwo auf der Straße mit Theobald gesehen und wolle nun nachsehen, ob sie sich nicht getäuscht habe.

Forschend richtete die alte Magd jetzt ihre Augen auf Suse und fragte barsch: „Warum hast du geweint. Hast du dich mit Hans gezankt?“

Suse schüttelte den Kopf. „Warum hast du geweint?“ fragte Ursel noch einmal.

„Ich hab’ nach Hause geschrieben und da hab’ ich weinen müssen,“ flüsterte Suse.

„Dummes Zeug,“ murmelte Ursel und ging kopfschüttelnd in die Küche, um Hans und Suse den Kaffee zu wärmen und einige Stücke Brot zu schneiden. Sie glaubte, beide Geschwister seien zu Hause.

„Darf ich den Kaffeetisch decken?“ fragte Suse schüchtern und zitterte für den Bruder. Die alte Magd nickte.

Das kleine Mädchen holte geschäftig Tassen, Unterschälchen, Zuckerdose und Milchtöpfchen aus dem Schrank, stellte sie schön ordentlich auf ein Servierbrett und wollte damit in die Stube gehen. Da klingelte es wieder.

Hu, wie fuhren da die Tassen und Unterschälchen durcheinander und rasselten und klirrten! Ums Haar wären sie auf dem Boden gelegen. Schnell stellte Suse sie zur Seite, eilte zur Tür hinaus und den Gang hinunter, während ihr die Zöpfe hinterherflogen, wie einem Kellner die Rockschöße und die Serviette.

„Halt!“ rief Ursel. „Was läufst du so? Wo willst du hin? Halt! Halt!“

Aber das kleine Mädchen war schon an der Flurtür, öffnete, und rannte dem Briefträger stracks in die Arme.

„Scht, scht,“ mahnte dieser, „nur nicht so stürmisch. Ich hab’ einen Brief an Frau Cimhuber.“

Ursel sah auf das Schreiben in des Postboten Hand und erkannte die fremde Marke und eine vertraute Schrift. „Danke, danke,“ sagte sie zitternd.

„Er ist von Herrn Edwin,“ fuhr sie fort, das Schreiben um und um wendend. „Da wird sich Frau Cimhuber freuen. Darauf warten wir schon lange. Großer Gott, wir danken dir, du verläßt uns nicht. -- Gleich, gleich will ich jetzt zu der Frau Pfarrer gehen und ihr den Brief bringen. Sie wird so froh sein. Sie wird überglücklich sein.“

Und Suse sah mit Verwunderung, wie der alten Frau die Tränen in die Augen traten und die Röte der Erregung die Nasenspitze leuchtend färbte. Und wie sie dann ihre Küchenschürze hastig gegen ihre baumwollene schwarze Staatsschürze umtauschte, indem sie eifrig sagte: „Eßt, liebe Kinder, und trinkt euren Kaffee, und seid nicht ungeduldig, daß wir euch allein lassen. Wartet noch ein Weilchen, wir sind bald wieder da. Lebt wohl, lebt wohl.“

Das Kind blickte nur immer nach Ursels Augen, die so hell strahlten wie Lichter, während sie doch noch vor kurzem so düster, so unfreundlich dreingesehen hatten.

„Sie sind froh, gelt, Ursel?“ fragte das kleine Mädchen, als sie der alten Magd das Geleite zur Tür gab.

„Ja, wir sind froh, Frau Cimhuber und ich sind sehr froh. Wir hatten so Angst um das arme, arme Kind. Was hat der Herr Edwin alles in Afrika auszustehen! Ich werde euch einmal davon erzählen, wenn ich Zeit habe.“

„Danke, danke,“ rief Suse, und ihr Herz klopfte bei der schönen Aussicht auf die künftigen Erzählungen.

Als Ursel gegangen war, kam dem Doktorskind aber gleich wieder der Gedanke an den abwesenden Bruder, und sie zitterte vor Angst. Wenn Frau Cimhuber wiederkehrte, und er wäre noch nicht da, so würde es ihm schlecht ergehen. Suse lehnte sich aus dem Fenster und spähte die Straße hinunter, ob er noch nicht komme. Die Tür ließ sie sperrangelweit hinter sich offen, und der Götze hätte jetzt bequem hereinkommen und Suse ein wenig zwicken können, wenn er der Unhold gewesen wäre, als den sie ihn erkannt hatte.

„Wenn Hans doch nur käme, wenn Hans doch nur käme, ach, wenn Hans doch nur käme,“ sagte sie in Gedanken immer wieder vor sich hin.

Eine Stunde wollte er ja nur fortbleiben! Wenn er doch nur käme! Bald würden Frau Cimhuber und Ursel wiederkommen, dann wär’ er nicht da, und dann....

Da sah sie ihn am Kanal entlang laufen. Nun erblickte auch er seine Schwester am Fenster und winkte zu ihr hinauf. Gleich darauf war er bei ihr.

„Oh, Suse, wie schön war es! Was hab’ ich alles gesehen!“ rief er mit fliegendem Atem.

„Da war ein großes Schloß. Und den Schuppen mit den Automobilen haben wir uns besonders angesehen, und die schwarzen Dienerinnen hab’ ich auch gesehen. Und einen Pfau mit wundervollen Augen im Schwanz.“

„Ach, wär’ ich doch auch mitgegangen,“ sagte Suse schmerzlich.

„Sei nicht traurig,“ tröstete er, „ein andermal gehst du auch mit.“ Und hastig fuhr er fort: „Und von den Automobilen weiß ich jetzt noch besser Bescheid als heute morgen. Der Herr Willy, das ist der Chauffeur, der hat Theobald alles genau erklärt, und ich habe zugehört.“

Suse zuckte ungeduldig die Achseln. Der Kraftwagen und seine Bestandteile ließen sie kalt.

Aber gespannter hörte sie wieder zu, als er fortfuhr: „Und gefürchtet haben wir uns, Suse, gefürchtet, einfach schrecklich.“

„Siehst du, siehst du,“ triumphierte Suse, „was ist denn wieder mal passiert? Gelt, das Auto hat wieder einmal gebrüllt?“

„Nein, nein, ich mein’ ja was ganz anderes. Hör’, was ich dir erzähle. Wie wir uns so das Automobil angucken, da kommt, oh, es war schrecklich! da kommt, denke dir, da kommt...“

„So sprich doch, Hans!“

„Da kommt sie.....“

„Welche sie, Hans?“

„Ei, die Frau von Onkel Gustav.“

„Bloß die Frau von Onkel Gustav,“ sagte Suse enttäuscht. „Hast du ihr denn guten Tag gesagt, Hans?“

„Oh, was glaubst du denn,“ wehrte er entrüstet, „das trau ich doch nicht.“

„Aber, Hans, vor der Dame hast du noch nicht einmal den Hut abgenommen, und weißt doch, daß wir immer guten Tag sagen sollen, wenn wir irgendwo hinkommen. Das haben doch der Vater und die Mutter uns befohlen.“

„Das weiß ich wohl, aber der trau ich doch nicht guten Tag sagen.“

„Warum denn nicht?“

„Oh, sie ist eine gräßliche Rippe,“ hat Theobald gesagt, „und böse wie ein Tiger.“

Suse schauderte es.

„Ist sie auch eine Negerin?“ forschte sie atemlos. „Vielleicht stammt sie von den Menschenfressern ab, und da hat Onkel Gustav sie in den fremden Ländern geheiratet. Es könnte schon sein. Gelt Hans?“

„Das weiß ich nicht.“

„Wie sieht sie denn aus?“

„Das weiß ich auch nicht.“

„Hast du sie denn gar nicht gesehen?“

„Nein, mit einemmal hat Theobald gerufen: ‚Da kommt sie!‘ und da hab’ ich gar nichts mehr gesehen und gehört. Und da hat Theobald die Tür von dem Automobil aufgerissen und ist mit beiden Füßen hineingesprungen, und ich bin hinterdrein und hab’ die Tür zugeschlagen. Und da haben wir uns beide unter die Bänke geworfen. Der Theobald ist mitten auf meinen Kopf gelegen. Ich hab’ gemeint, ich ersticke. Und mit einemmal legt sich eine Hand auf die Tür, und denke dir, da wollte sie reingucken. Aber der Herr Chauffeur hat ihr schnell was vom Onkel Gustav gesagt, und da hat sie die Tür wieder fahren lassen. -- Denke dir, wenn sie reingekommen wäre und auf unsere Köpfe getreten hätte!“

„Die hätte euch tot getreten,“ sagte Suse, die ihre Tante sofort als ein gräßliches Ungeheuer erkannt hatte.

„Erzähl’ mir noch mehr von der gräßlichen Frau, Hans,“ drängte sie, „bitte, bitte.“ --

Schauerliche Dinge erleben mochte Suse beileibe nicht, aber sie anzuhören, war ihr nicht unangenehm. „Am Ende frißt sie wirklich Menschen,“ sagte sie, sich fester an den Bruder anschmiegend, mit dem sie Hand in Hand auf dem Sofa in ihrem Stübchen saß. „Erzähl’ weiter.“

„Ich weiß nichts mehr von ihr. Gesehen hab’ ich sie nicht.“

„Dann erzähl’ mir noch, bitte, von dem herrlichen Schloß in dem Garten.“

„Ich hab’ einmal von der Veranda in das Zimmer geguckt und schöne Sachen drin gesehen.“

„Und die ausgestopften Tiere? Die waren nirgends, Hans?“

„Ich hab’ sie nicht gesehen.“

„Ach, Hans, wann kommen wir mal hin?“

„Oh, bald, bald, der Onkel Gustav will, daß wir oft kommen, hat Theobald gesagt. Er will, daß unsere guten Manieren und unser deutsches Gemüt auf seine Kaffern abfärbe. -- Die Kaffern sind nämlich seine Kinder.“

So fuhr Hans noch lange eifrig fort, Suse ein merkwürdiges Licht über die neue Verwandtschaft aufzustecken. Erst als es Zeit zum Abendessen war, beendete er seine Erzählung und ging mit Suse zu Frau Cimhuber hinüber.

„Hans,“ ermahnte ihn seine kleine Schwester unterwegs, „wir müssen sagen, was wir heute nachmittag gemacht haben, wo du gewesen bist; denn wenn Frau Cimhuber erfährt, daß du fortgelaufen bist, und es ihr nicht erzählt hast, denkt sie, wir wollen sie belügen.“

„Ja, ja,“ sagte Hans, „das will ich tun.“

Aber als sie bei Tisch saßen und er davon anfangen wollte, begann Frau Cimhuber von der Familie zu erzählen, die sie heute nachmittag besucht hatte, und deren artigen Kindern.

Endlich, als sie einmal eine Pause machte, sprach Suse ihrem Bruder unter dem Tisch durch heftige Stöße Mut zu, und er begann stockend: „Frau Pfarrer, ich bin... Frau Pfarrer, ich bin heute nachmittag...“

Da unterbrach ihn die Pfarrfrau mit den Worten: „Kinder, ihr müßt euch daran gewöhnen, Erwachsene nicht durch eure Reden zu unterbrechen. Ihr müßt immer erst dann reden, wenn man euch etwas fragt.“

Und diese Worte der Pfarrfrau schüchterten die Kinder so ein, daß sie ihr gute Nacht boten, ohne ihr ein Wort von dem zu sagen, was sie heute nachmittag erlebt hatten.