Part 2
„Das meinst du nur so,“ beruhigte Hans. „Er schießt nicht. Er tut keinem Menschen etwas. Der steht Wache. Komm nur mit und guck ihn dir ruhig an.“
Langsam und zögernd setzte das kleine Mädchen einen Fuß vor den andern.
Noch einige Schritte fehlten, dann mußten sie bei der Wache sein -- da sah sie ihr entgegen auf demselben Bürgersteig einen Offizier kommen. Sein Säbel rasselte hinter ihm her.
Und nun horchte Suse plötzlich erschreckt auf und blieb wie angewurzelt stehen. Hinter sich hatte sie einen Ton vernommen, der ihr Blut erstarren ließ. -- Ach, sich umzusehen hätte sie nicht gewagt, um alle Schätze der Welt nicht. -- Ein Huschen, Sausen und Gleiten war zu hören -- und sie wußte jetzt, jetzt kam’s hinter ihr her, ihr Feind, das Automobil. Eines von den Ungeheuern, die wie auf Filzpantoffeln heranglitten, einen mit ihren Augen, groß wie Messingkübel, frech anstarrten und dann aufschrien wie wilde Kühe.
Das kleine Mädchen zitterte und bebte am ganzen Körper und zog den Kopf aus Schrecken über den ersten fürchterlichen Ton, der kommen müsse, leicht zwischen die Schultern.
Und jetzt war sie mit Hans bei dem Soldaten angelangt, und auch der Offizier war ganz nahe.
Da -- hui -- flog das Automobil daher und mitten vor dem Schilderhaus gellte und schrie es laut auf, als wollte es zerspringen. Schauerlich war’s.
Da sprang der Soldat vor sein Schilderhaus, scharrte mit den Füßen, riß sein Gewehr von der Schulter und streckte es dem Offizier hin.
Und in demselben Augenblick erklang in dem Automobil ein Krachen, als wolle es in hundert Stücke zerbersten.
Da schrie Suse laut um Hilfe, ließ ihre Butterbrotbüchse fallen und stürmte in verkehrter Richtung davon.
„Ach, Mutter,“ jammerte sie, „ach, Mutter.“
Sie hatte bestimmt gesehen, wie der Offizier, der Soldat und das Automobil aufeinander drauf geflogen waren und geborsten waren.
Sie hatte ganz und gar den Kopf verloren, die arme Suse.
„Suse,“ rief der Bruder und eilte so schnell er konnte, hinter ihr her. „Bleib doch stehen, wart doch!“
In einer entlegenen Straße holte er sie endlich ein.
„Sie sind alle tot,“ rief sie ihm zu, „gelt, und das Schilderhaus ist auch kaput?“
„Nein, sie sind alle lebendig,“ rief er.
„Ach, wär’ ich doch daheim, ach, wär’ ich doch daheim,“ jammerte Suse da.
Hans war kreidebleich. Der Schrecken über Suses Flucht und der Spektakel am Schilderhaus hatten ihm auch etwas die Fassung geraubt. Und nun sagte er sich, daß sie sich verlaufen hätten und wohl zu spät zur Schule kämen.
Wie die beiden noch so rat- und hilflos dastanden, nahte mit einem Male ein Retter.
Ein Knabe kam des Wegs, der die beiden Dorfkinder schon aus der Ferne musterte.
Unter seinem Arm schleppte er ein Paket Bücher, die Nase mit den Sommersprossen trug er keck in der Luft, die Mütze hatte er tief in die Stirn gezogen, und seine blitzenden blauen Augen richteten sich dreist jedem Vorübergehenden in das Gesicht.
„Servus,“ rief er plötzlich, daß es über die Straße schallte, „da schlag doch einer lang hin! Seh’ ich recht?“
Hans und Suse horchten auf, folgten der Richtung des Rufes, erkannten den Rufer und jubelten laut: „Theobald, Theobald!“
Ja, er war’s! Theobald, einer ihrer zahlreichen Vettern. Die Krone ihrer Vettern sozusagen.
Dieser Knabe hatte sie nämlich schon einige Male mit seinen Besuchen in ihrem einsamen Gebirgsdorfe beehrt und auch seine letzten Ferien dort verbracht. Damals war zwar viel öfters als sonst in der Hand ihres Vaters, des Doktors, eine geschmeidige Haselgerte zu sehen gewesen, die dann auf Theobalds Rücken lustige Tänze ausgeführt hatte.
Aber schöne Zeiten waren’s doch gewesen.
„Na, seh’ ich recht, das seid ihr,“ rief er noch einmal. „Ihr seht gut aus. Was ist denn los mit euch? Der Hans schaut aus wie der schönste Rahmkäse, und die Suse weint Tränen, als hätte sie eine Schüssel mit gehackten Zwiebeln zum Frühstück bekommen.
Was tut ihr eigentlich hier in dieser Straße, die euch gar nichts angeht? Hat eure Pflegedame euch schon vor die Türe gesetzt? Seid ihr eurer Cimhuberin schon ausgekniffen?“
„Frau Cimhuber heißt’s,“ verbesserte Suse.
„Wir haben uns verlaufen,“ erklärte Hans.
„Und deshalb dies Lamento und die verheulten Gesichter?“ meinte der Vetter wegwerfend. „Ihr gehört wirklich noch ins Wickelkissen! Heftet euch von nun an an meine Fersen! Ich werde euch sicher führen.“
Suse zog ihr Taschentuch hervor, trocknete ihre Tränen und sah zuversichtlich auf Theobald, der ihr sicher und großartig vorkam, wie die feinen Stadtherren, die sich nicht fürchteten, und wenn ihnen die Automobile wie ein Rudel Wölfe hinterher kamen.
„Hört, meine Kleinen,“ fuhr der Vetter mit wichtiger Miene fort. „Erst bringen wir den geknickten Lilienstengel, die Suse in ihre Schule, dann gehen Hans und ich weiter und schreiten stolz erhabenen Hauptes durch die Pforten unseres Pennals...“
Hier unterbrach der Vetter seine eigene Rede, runzelte die Brauen und betrachtete in Nachdenken versunken die Haltestelle der Trambahn jenseits der Straße.
„Hm! Hm!“
Er hatte einen Gedanken.
Wenn er jetzt aber seinen Vetter und seine Cousine auf eigene Kosten zur Schule fahren ließe! Das wäre fein! Da hätte er ja Gelegenheit, sich wie der herrlichste Millionär diesen Dorfkindlein gegenüber aufzuspielen, so recht von oben herab wohltätig. Vorgestern waren die beiden Hinterwäldler ja zum ersten Male in ihrem Leben in einer Eisenbahn gefahren und gestern in einer Elektrischen.
Und da hatte seine Cousine voll Begeisterung zu ihm gesagt, man meine, man fahre mit der Elektrischen in den Himmel hinein. Eine solche Himmelfahrt konnte man ihnen ja leicht verschaffen. Noch einen Augenblick überlegte der Vetter, dann faßte er in seine Westentasche, zog drei Zehnpfennigstücke hervor und sagte: „Hört, unsere Zeit ist knapp. Wir fahren jetzt zur Schule. Ich stifte euch die Fahrscheine.“
In den Augen der Kinder leuchtete es hell auf, ein Umstand, den Theobald mit Befriedigung wahrnahm.
„Die nächste Elektrische, die kommt,“ belehrte er sie, „müssen wir nehmen! Verstanden? Und zwar im Sturm. Sonst kommen wir zu spät. Verstanden? Ihr habt also keine Zeit, die sämtlichen Reklameschilder und Aufschriften daran zu studieren, bevor ihr einsteigt. Merkt’s euch! Und dann laßt euch nicht etwa einfallen, andere Leute vor euch einsteigen zu lassen und um sie herum zu scharwenzeln und zu sagen: bitte, bitte, gehen Sie zuerst hinein und treten Sie uns ruhig auf die Hühneraugen; das ist uns eine ganz besondere Freude. -- Nein, sobald ihr den Wagen seht, rennt ihr drauf los wie die Wilden, schiebt alle Leute zur Seite und schreit: Verzeihung, Verzeihung, und klettert auf die Plattform wie die Affen.“
„Sie kommt,“ rief Theobald, „jetzt drauf los.“
Und er stürmte vor ihnen her wie ein Held zur Schlacht. „Verzeihung, Verzeihung,“ schrie er und drängte die Leute zur Seite.
„Verzeihung,“ rief Hans hinter ihm.
„Verzeihung,“ sagte Suse kleinlaut.
Und den Kopf ein wenig geneigt eilte sie vorwärts, sich an Hansens Ranzen festhaltend.
Theobald schob eine Frau zur Seite, einen alten Herrn, ein Kind. -- Jetzt hatte er den Griff der Elektrischen gefaßt und schwang sich hinauf. Da stauten sich die Menschen. Hans und Suse konnten ihren Vetter nicht mehr sehen. Auf der Plattform aber entstand jetzt ein fürchterliches Gedränge, ein Schieben und Stoßen, ein Reißen und Wühlen. Und eine zornige Stimme übertönte alle: „Wer schreit mir da fortwährend Verzeihung in die Ohren? Wart’ einmal!“
Und im nächsten Augenblick sahen Hans und Suse, wie ein Mann ihren Vetter, das feine Stadtherrlein Theobald, am Kragen gepackt hielt und heftig hin und her schüttelte, als wär’s eine Pflanze, deren Erdreich gelockert werden müsse. Und mit einem Schwung wollte er ihn auf die Straße setzen. Aber da wandte Theobald sich um, hielt sich an dem Herrn fest und nahm ihn gleich zwei Stufen die Elektrische mit hinunter. Ums Haar wären beide am Boden gelegen.
Da klingelte die Elektrische und fuhr davon. Im letzten Augenblick konnte der Herr noch aufspringen.
Theobald aber, der seinen Hut verloren hatte, mußte diesen erst mal suchen. In der Mitte der Straße erblickte ihn da sein Vetter Hans, hob ihn auf und übergab ihn dem Raufbold Theobald, indem er vor peinlicher Verlegenheit über und über rot wurde, denn Theobalds rechte Wange glühte wie ein Rosenbusch, und fünf schneeweiße Finger kamen allmählich darauf zum Vorschein.
Der kaltblütige Theobald aber hatte sich schnell wieder gefaßt und murmelte entrüstet: „Feige Gesellschaft! Sobald einer nur etwas forsch auftritt, bekommen sie alle gleich Angst für ihr Leben. Ich hätte nur meine rechte Hand frei haben sollen, da hätten mich keine zehn Pferde da oben runter gebracht.“
Und diese Worte brachten flugs der Doktorskinder Bewunderung für den herrlichen Vetter wieder zum Blühen. Erwartungsvoll sahen sie jetzt zu ihm auf und beobachteten, wie er mit gerunzelten Brauen seine silberne Uhr aus der Tasche zog und wichtig drauf nieder sah.
„Jetzt aber vorwärts,“ rief er mit scharfer Stimme. „Noch fünf Minuten, dann beginnt die Schule.“
Im nächsten Augenblick flogen die Kinder dahin wie die Windspiele. Vor der Tür von Susens Schule ließen die Knaben das kleine Mädchen zurück.
„Ich hol dich ab, Suse,“ waren des Bruders letzte Worte; dann war er fort. Suse war allein.
Sie ging zögernden Schrittes durch ein großes, eisernes Gittertor in den Hof, der vor ihr lag, und von dort in das hohe rote Schulgebäude, über dessen Eingang in großen schwarzen Buchstaben: höhere Mädchenschule zu lesen war.
Im ersten Stock befand sich ihre Klasse. Sie hatte es gestern erfahren, als sie zur Aufnahme in die Schule geprüft wurde, und ging nun dorthin.
Lautes Sprechen, Lachen und Lärmen drang aus dem Innern der Schulstube heraus und verkündete ihr, daß ihre Mitschülerinnen wohl schon vollzählig versammelt seien.
Das Herz klopfte ihr. Langsam nahm sie ihren Hut und ihre Jacke ab und hängte sie an einem Hakenbrett im Gange auf. Ängstlich schielte sie nach der Klassentüre. -- Eine Weile zögerte sie noch; dann faßte sie mit schnellem Entschluß den Griff der Tür, drückte ihn nieder und trat ein.
Totenstille empfing sie. Wie auf einen Schlag waren Lachen und Lärmen verstummt, und die Augen sämtlicher kleinen Mädchen richteten sich auf Suse. Sie glaubte in den Boden sinken zu müssen vor Verwirrung, und ihre Füße waren schwer wie Blei. Endlich konnte sie sich wieder regen und ging nun langsam vorwärts, der letzten Bank zu, in der sie einen freien Platz entdeckt hatte. Leise sagte sie zu den kleinen Mädchen an ihrer Seite guten Tag, erhielt aber keine Antwort, da ihr Gruß nicht gehört worden war. Und nun begann auch plötzlich wieder das Kichern, das Lärmen und Reden und verstummte erst, als es punkt acht Uhr war und die Lehrerin eintrat.
An dem Pult ganz vorne nahm sie Platz. Das kleine Mädchen hob schüchtern seine Augen, konnte aber nur ein Stückchen ihres rechten Ohres erkennen; alles übrige war durch zwei kleine vor Suse sitzende Mädchen verdeckt, die ihre Köpfe zusammensteckten.
Und dann hörte sie mit einem Male die laute, tiefe Stimme der Lehrerin, die jedes Wort deutlich und scharf aussprach. Aber den Sinn ihrer Rede vermochte sie nicht zu verstehen; denn alles um sie her verwirrte sie noch zu viel, als daß sie einen klaren Gedanken hätte fassen können. -- Wie fremd, wie kalt war doch alles hier, kein bißchen gemütlich, wie daheim. Daheim, da war es viel tausendmal schöner -- da kannte Suse jedes Kind, und den Lehrer gar! Den kannte sie seit dem ersten Tag, da sie zur Schule gegangen war. -- Dort gab es ja nur einen einzigen Lehrer, der kam jeden Morgen behaglich in die Schule geschlendert und brachte einen großen Kaffeetopf mit, aus dem er trank, wenn es ihm gerade paßte. Und vor Beginn des Unterrichts pflegte er sich jedesmal dreimal feierlich in ein rot kariertes Taschentuch zu schneuzen, die Kinder über die Brille zu mustern und dann zu beten.
Manchmal freilich konnte er auch böse werden, der gute Mann; dann, wenn die Kinder zu viel Unfug trieben und ihn reizten. Dann sprang er plötzlich wie der Blitz mit seinem Stöckchen von dem Pult herunter, packte die Bösewichter und bestrafte sie hart. Unter den ertappten Sündern war zuweilen auch Hans; denn er steckte voll Übermut. So hatte er die üble Angewohnheit, sich beim Melden der Länge nach über die Bank zu werfen, und beide Hände mit den ausgestreckten Zeigefingern dem vor ihm sitzenden Knaben auf die abstehenden Ohren zu legen, wobei es diesem heiß wurde wie in einem Backofen.
Dann kam der Lehrer dahergesprungen, fragte, was das für eine Frechheit sei, befreite den Gefangenen aus seiner üblen Lage und lehrte den übermütigen Hans ein schönes gesittetes Melden. Ach -- fein und lustig war das gewesen!
„Susanna,“ rief da die Lehrerin, „willst du wiederholen, was ich eben gesagt habe?“
Das kleine Mädchen errötete bis in die Haarwurzeln, stand auf, stotterte, konnte kein Wort herausbringen und wußte überhaupt nicht mehr, was sie gefragt worden war. Aller Blicke richteten sich auf sie. Zum Glück machte die Lehrerin ihr ein Zeichen, sich zu setzen, und beschämt ließ sie sich auf ihren Platz nieder. Nun saß sie noch scheuer dort als vorher.
Schließlich klingelte es, und die Pause begann. Die kleinen Mädchen sprangen in die Höhe und eilten wie erlöst zur Tür hinaus. Suse folgte ihnen langsam nach. Am liebsten wäre sie hier im Schulzimmer geblieben; aber das war ja nicht erlaubt! So ging sie denn auch in den Hof hinunter, stand mutterseelenallein an einem Baum und sah den Spielen der Kinder zu, die lachten und hüpften und tollten. -- Aber keines forderte sie auf, doch mitzuspielen. -- Da endlich rief eine fröhliche Stimme: „Guten Morgen, Suse.“ Und vor ihr stand ein Mädchen mit roten, frischen Wangen und freundlichen, lachenden Augen. Es war Toni, Theobalds Schwester, die einige Jahre älter als Suse war.
„Na, seid ihr gut in die Schule gekommen?“ fragte sie freundlich. -- „Theobald wollte euch eigentlich heute morgen abholen. Aber er hat die Zeit verschlafen, das Murmeltier. Weißt du, er hat gesagt, er muß sich eurer annehmen und euch beschützen, als Dank für die Gastfreundschaft, die er bei euch genossen hat. Der Hanswurst! Das gehört sich so, hat er gesagt. -- Ach, Suse, du glaubst gar nicht, wie er sich daheim mit euch aufspielt. Es ist einfach gräßlich! Er hat gesagt, euer Vater hat euch ihm ganz besonders ans Herz gelegt, und wenn er nicht ganz genau auf euch aufpaßte, kämt ihr sicher unter die Räder.“
Suse errötete und hütete sich wohl zu sagen, wie nah sie heute morgen schon an den Rädern gewesen waren, dank des Vetters gütiger Führung.
„Komm, Suse,“ rief hier ihre kleine Cousine und führte sie hin zu den Mädchen, die in Susens Klasse gingen.
„Spielt mit meiner kleinen Cousine,“ rief sie den muntern Dingern zu.
„Suse ist gar nicht so still, wie sie aussieht. Die ist sogar sehr lustig, viel lustiger, als ihr alle miteinander. Und rennen kann sie, famos, tadellos! Mein Bruder Theobald sagt auch, da kann keiner mit.“
Hier griff eines der vorüberlaufenden Mädchen nach Tonis Arm und zog sie in der Hast mit sich fort.
So war Suse denn wieder allein. Eines und das andere der Mädchen begannen nun mit ihr zu reden, aber Suse war so schüchtern, daß sie nur leise ja und nein zu antworten wagte. Auch das Laufen schien sie verlernt zu haben. Da war es denn ganz gut, daß die Klingel bald erschallte und die Kinder in die Klasse zurückrief.
An dem Pult saß jetzt eine ganz andere Lehrerin als vorher. Aber obwohl sie viel munterer und lebhafter sprach als jene, konnte Suse ihr doch nicht folgen. Des Doktorkindes Aufmerksamkeit war außerdem von etwas ganz anderem in Anspruch genommen. Auf dem Pult vor der Lehrerin sah sie mit einem Male eine große Kugel stehen, die auf einem schwarzen Stengel steckte.
Wie war sie dorthin gekommen? Was bedeutete sie? War sie zum Schmuck da? Liebte die Lehrerin solche Kugeln?
Diese und andere Fragen quälten Suse. Und plötzlich entsann sie sich, daheim in des Pfarrers Garten eine ähnliche gesehen zu haben. Allerdings eine viel größere, leuchtendere, eine gar närrische Kugel. -- Kam man ihr nahe, so warf sie einem das Spiegelbild schrecklich verzerrt zurück, die Nase zur Kartoffel angeschwollen, die Ohren weit abstehend, wie bei einer Springmaus. Laut jubelnd hatten Hans und Suse stets ihren verschandelten Anblick in dem Zauberspiegel begrüßt. Dann hatte auch ihr Freund, der Michel, ein feiner Jagdhund mit einem schmalen, vornehmen Kopf, hineinsehen und es dulden müssen, daß sich sein Kopf in der Zauberkugel zu einem auseinanderfließenden Pudding wandelte. An dieses lustige Spiel in des Pfarrers Garten mußte Suse nun immerfort denken und erwachte erst aus ihren Träumereien, als ein kleines Mädchen aufgerufen wurde, an das Pult trat und mit dem Finger auf der Kugel herumzeigte. Oh, wie sehr beneidete Suse ihre Mitschülerin um dies Vergnügen, und wie brannte sie darauf, ihrem Bruder von dieser aufregenden Sache zu erzählen! Jener hatte ihr ja versprochen, sie von der Schule abzuholen. Da sollte er gleich mal Wunderdinge vernehmen. --
Nach Schluß des Unterrichts, da stand der Bruder Hans wirklich draußen vor dem eisernen Gitter des Schulhofs und wartete auf die Schwester. Als letzte sah er sie aus dem Hofe kommen, ein ganzes Stück hinter den andern Mädchen her.
Jetzt erkannte sie ihn, eilte auf ihn zu und sah erstaunt in sein Gesicht. Denn er sah so froh aus, als wären die Lobsprüche seines Lehrers nur so dutzendweise auf ihn herabgekommen.
„Hans, hast du alles verstanden? Hast du viel gelernt, hast du auch schon viel geantwortet?“ fragte sie ängstlich.
„Nein“, sagte er da gedehnt, mit ganz langem Gesicht. „Nein, gar nicht, Suse. Ich habe nichts verstanden, nichts gelernt und nichts geantwortet!“
„Na, das ist nur gut,“ entgegnete sie erleichtert. „Das ist doch viel besser, als daß der eine was lernt und der andere nichts. Meinst du nicht auch? Ich glaub’ wirklich, dies ist den Eltern so am angenehmsten.“
Hans zuckte die Achseln und ging mit gerunzelter Stirn schweigend weiter. So einleuchtend schien ihm der Schwester Bemerkung denn doch nicht zu sein.
Aber langsam, wie die Sonne durch Wolken bricht, erschien das Lächeln wieder auf seinem Gesicht, und er kam endlich mit dem zutage, was ihn so froh stimmte.
„Suse, ich weiß jetzt, warum die Autos so brüllen; daran sind die Tuten schuld, die Trompeten, die Sirenen, die Lärm machen, damit die Leute aus dem Weg gehen. Hör’, ich weiß jetzt alles, wie es zugeht. Da wird durch einen Gummiball die Luft hineingedrückt, dann dreht sich eine Scheibe drin herum mit Löchern, und durch die fährt die Luft wieder heraus und bläst so fürchterlich.“
„Aber Hans, so was glaub’ ich nicht,“ fiel Suse erschreckt ein. „So was hab’ ich noch nie gehört. Das ist sicher nicht wahr. Das glaubt doch kein Mensch, daß eine Scheibe herumfährt und so laut bläst, als würde sie schreien.“
„Doch, Theobald hat’s gesagt,“ entgegnete der Bruder ganz beleidigt.
Er nahm es sehr übel, daß seines Vetters Reden angezweifelt wurden, stammte seine Weisheit doch von niemand anderem als von dem erfahrenen Theobald, der ihn in einer Pause zur Seite genommen und über die Wunder und Merkwürdigkeiten der Stadt aufgeklärt hatte.
„Ja, Suse, gräßliche Unglücke passieren manchmal mit den Autos,“ fuhr er hastig fort.
„Das glaub’ ich gern,“ fiel Suse ein, „das ist schon möglich.“
„Höre, höre,“ fuhr er fort. „Da ist ein Rad, das Steuer. -- Das hat der Chauffeur in der Hand und lenkt damit den Wagen. Und wenn er ihn nicht zur rechten Zeit zum Stehen bringt, dann fahren die Autos womöglich rückwärts den Berg runter und überschlagen sich und werfen alles, was drin ist, raus, und die Leute brechen sich dabei den Hals.“
„Das glaub’ ich gern,“ fiel Suse ein. „Aber das, was du von den Sirenen gesagt hast, das glaub’ ich nicht, und wenn ich hundert Jahre alt werde. Das ist nicht wahr. Das hat uns Theobald nur so aufgebunden. Glaub’ mir, Hans. Und es ist frech von Theobald, daß er so was zu sagen traut und uns so belügt.“
„Aber nein, Suse, er belügt uns nicht,“ wehrte Hans. „Theobald lügt uns hier in der Stadt doch nicht an. Nur zu Hause. Und du sollst selbst sehen, daß alles wahr ist, was er gesagt hat. Hör’ doch, Suse, das will ich dir ja noch sagen, wir wollen heute nachmittag den Onkel Gustav besuchen und seine Autos ansehen. -- Der Onkel Gustav, der wohnt draußen vor der Stadt und hat ein wundervolles Schloß und ist in fremden Ländern gewesen, wo es Löwen und Tiger und Elefanten gibt, und seine Frau ist auch von dort. -- Fein, gelt? Und Kinder hat er, schwarz wie die Neger. Fein, gelt?“
„Aber, Hans, da können wir doch nicht hingehen, wenn wir nicht eingeladen sind,“ meinte die Schwester.
„Doch, Suse, -- Theobald hat gemeint, es geht schon. Wir wollen ja nicht zu dem Onkel und zu der Tante und zu ihren albernen Kindern. Wir wollen ganz einfach zu den Autos gehen und sie uns in einem Schuppen ansehen...“
Unter diesen Gesprächen waren die beiden allmählich vor Frau Cimhubers Haus angelangt, das schmal und hoch in einer Häuserreihe eingeklemmt lag.
Scheu sahen sie zum vierten Stock hinauf.
„Ich glaub’, Ursel guckt schon,“ sagte Suse halblaut.
Die beiden sahen sich an, als empfänden sie Furcht, gingen dann ins Haus, erstiegen schnell die Treppe, legten droben Hut, Jacke und Ranzen ab und standen einige Minuten später in dem Eßzimmer der Pfarrfrau.
Bescheiden und schüchtern nahmen sie hier Platz und zeigten wieder ganz ihr gedrücktes Wesen von heute morgen. Dahin war Hansens stolzes Siegergefühl, eine Frucht seines Unterrichts bei Theobald, und der Stolz auf seine Automobilkenntnisse schwand wie Butter an der Sonne angesichts der forschenden Blicke seiner Pflegemutter, die nicht von ihm und Suse ließen.
Und mit einem Male hob sie an: „Na, Kinder, ihr habt doch sicher recht aufgepaßt in der Schule und allerlei behalten. Denn ihr wollt ja was lernen hier; dazu seid ihr ja hierhergekommen, nicht wahr? Und dazu haben eure Eltern euch hierhergeschickt. Und ihr wollt euern Eltern doch Freude machen. Nicht wahr? Was für Stunden habt ihr heute schon gehabt, erzählt mal!“
Da saßen sie da wie die ertappten Sünder, stießen sich unter dem Tisch an und wußten nicht, was antworten.
Hans sah errötend und hilfesuchend nach Suse hin. Aber auch sie stotterte hin und her und erklärte schließlich, auf dem Pult sei eine blaue Kugel gestanden, und die Kinder hätten mit dem Finger darauf herumfahren dürfen.
„Das ist alles, was du gesehen hast, Kind?“ fragte die Pfarrfrau und legte vor Überraschung Messer und Gabel hin. „Das ist alles, Suse? Mehr hast du nicht gesehen, Kind?“
Das kleine Mädchen schüttelte den Kopf.
„Aber, Suse, wo hast du denn die Augen gehabt,“ fuhr ihre Pflegemutter vorwurfsvoll fort. „Hast du denn nicht aufgepaßt? Weshalb gehst du denn überhaupt in die Schule, wenn du nicht aufpassen willst. Ihr geht doch hier in die Schule, um etwas zu lernen.“
Suse sah die Pfarrfrau hilflos an; ihre Augen füllten sich mit Tränen; mit einem Male sagte sie kaum hörbar: „Ich hab’ immer hingehört und aufpassen wollen, aber da hab’ ich immer an unseren Michel daheim und den Lehrer denken müssen, und da hab’ ich nicht aufgepaßt.“
„Und ich hab’ auch nicht aufgepaßt,“ sagte Hans und saß wie das verkörperte schlechte Gewissen da.
Frau Cimhuber schaute lange vorwurfsvoll von einem Kind zum andern und fuhr dann mit ernster Stimme fort: „Aber ihr müßt aufpassen, Kinder. Das ist eure Pflicht. Das wünschen eure Eltern. Daran müßt ihr immer denken; und wenn der Unterricht auch schwer fällt, müßt ihr eben doppelt aufpassen.“