Hans und Suse in der Stadt

Part 16

Chapter 163,874 wordsPublic domain

In dem unermeßlichen Äther in der gleichen Höhe mit den Knaben zog ein Bussard über der Tiefe des Tals in wunderbarer Ruhe seine Kreise. Die Knaben blieben eine Weile stehen und folgten ihm mit den Blicken. Dann zogen sie weiter auf dem Gebirgskamm, der sich wie eine hochgespannte Brücke unter Gottes Himmel hinzog. Mittagsrast hielten sie in einer verlassenen Burgruine, die auf einem Gebirgsvorsprung lag und zu der sie nach einer zweistündigen Wanderung vom Kamm heruntergestiegen waren. In dem alten, eingeschlafenen Burghof machten sie sich ein Feuer an, um abzukochen. Bald brodelte eine kräftige Suppe im Kochtopf.

Hans langte mit großem Heißhunger zu. Die Vorstellung, daß jetzt eine gräßliche, dumpfe Stimmung über dem Cimhuberschen Haus brüte, schien seinen Appetit noch zu verdoppeln.

Nach beendigter Mahlzeit holten einige Knaben von einem nahegelegenen Quell Wasser und wuschen das Geschirr ab. Einer der Wanderer, ein begeisterter Redner und Sänger, drückte sich von der Küchenarbeit und erklomm das Gemäuer des verfallenen Rittersaals, um von einer Fensterhöhlung herab eine flammende Rede zu halten über die Zeit, als hier der Bauernkrieg wütete. -- Hans hörte, den Kopf im Nacken, mit großem Interesse zu. Theobald hingegen zuckte die Achseln und verzog sich auf den Bergfried, wo er aus schwindelnder Höhe sich das Tal betrachtete und sich an der Hand einer Karte orientierte.

Nach einer guten Stunde fand der Aufbruch der Knaben statt, und die fröhliche Schar zog singend von dannen.

Bald lag der Burghof wieder vereinsamt da. Eine Eule, die erschreckt beim Nahen der Knaben davongeflogen war, kehrte mit schwerem Flügelschlag in ihr Reich zurück. Von unten, vom Bergeshang, tönte der Gesang der Wanderer verhallend herauf.

Es fing schon an zu dunkeln, als die Knaben ins Tal zurückkamen. Drei von ihnen beschlossen, in einem kleinen Dorf am Fuß des Gebirges zu übernachten, die andern, Theobald, Peter und Hans, weiter in die Ebene hinaus zu gehen, nach dem eine Stunde entfernten Städtchen Wildershausen.

Hans, der schon etwas müde war, gähnte und zog die Füße nach. Theobald pfiff einen Marsch, um seinen Vetter aufzumuntern.

Plötzlich aber stieß er einen Jauchzer aus und rief: „Famos wird das heute, Hans. Wir logieren beim Onkel Brettelkern, beim Doktor Brettelkern. Das hat mir der Vater geraten.

Kennst du den Brettelkern?“

Hans schüttelte den Kopf.

„Hat dein Vater nie davon erzählt?“

„Nein.“

„Das wundert mich,“ meinte Theobald, „der Doktor Brettelkern ist ein Onkel von uns, ‚zehnmal um die Ecke rum‘, das heißt von meinem Alten. Dein Vater kennt ihn aber genau, denn dein Vater und meiner waren schon in ihrer Jugend unzertrennliche Freunde. Und der Onkel Brettelkern hat an den beiden einen Narren gefressen gehabt, bis es eines Tages zum Krach gekommen ist. Widerspruch konnte der Brettelkern nämlich nicht ertragen. Und als die beiden jungen Dächse einmal in irgend einer Frage, ich glaube, es war die Alkoholfrage, gegen ihn gewesen sind, da wurde er fuchsteufelswild und hat sie vor die Tür gesetzt. Ich glaube, jetzt nach Jahren hat er endlich mal wieder an deinen Vater geschrieben wegen seiner Praxis, die er abgeben will.“

„Davon weiß ich nichts,“ meinte Hans ganz verwundert.

„Na, das ist ja auch nebensächlich, die Hauptsache ist, daß wir auf seinem Heuboden übernachten wollen,“ erklärte der Vetter. „Und am andern Morgen bringen wir ihm ein Ständchen und stellen uns vor als die Söhne vom Sepp und vom Hermann. Schmeißt er uns dann zum Hof hinaus, so ist’s ja noch immer Zeit zum Laufen meint der Vater.“

Dieser Plan wollte Hans keineswegs einleuchten. Und auch Peter schien es viel besser, sich einen Unterschlupf für die Nacht zu suchen, wo man am andern Morgen aufrechten Ganges davongehen konnte.

Indes die beiden fügten sich schließlich doch Theobalds Anordnungen. Bald hatten sie das freundliche Städtchen Wildershausen erreicht, und mußten nun den ganzen Ort durchwandern, ehe sie die Wohnung ihres Onkels gefunden hatten. Sie lag an der breiten Hauptstraße, ganz am andern Ende der Stadt.

„Aha, da sind wir,“ meinte Theobald, der zuerst das Schild mit dem Namen des Doktors an einem der weißgetünchten Häuser entdeckt hatte. „Dann können wir also drei Mann stark in seinen Wigwam einfallen. Hoffentlich laufen wir ihm nicht gleich in den Weg. Sonst wirft er am Ende einen Blick auf unsere klassischen Gesichter und drauf uns alle drei am Kragen hinaus.“

Durch die Gitterstäbe des großen eisernen Hoftores mit dem kleinen Eingangstor an seiner Seite spähten die Knaben in den Hof. Im Hintergrund gewährten sie eine Scheune mit einem Stall, zu dem rechtwinklig ein Schuppen angebaut war. Eine Menge Holz war darunter aufgeschichtet.

Daneben stand ein Mann, augenscheinlich der Kutscher, der damit beschäftigt war, Pferdegeschirr zu reinigen.

„Sollen wir’s wagen, sollen wir’s wagen?“ fragte Theobald. -- „Hopp, wagen wir’s.“

Und die drei traten schnellen Schrittes ein, grüßten höflich und trugen ihr Anliegen vor. Theobald redete dabei wie ein Wasserfall. Der Mann vor ihm sah ihn zuerst mit leichtgeöffnetem Mund ganz verständnislos an. Dann aber begriff er langsam, langsam, lächelte verschmitzt und nickte beifällig.

„Guter Vetter, ich weiß schon, was du willst,“ meinte er, Theobald kameradschaftlich auf die Schulter klopfend. „Wir verstehen uns in der Angelegenheit. -- Die letzte Woche sind nämlich schon ein paar von eurer Sorte dagewesen. Die haben bei uns übernachtet. So jemand wie euch können wir schon unterbringen. Das tun wir gern. Das macht dem Doktor Freude. Die letzten hat er sogar im Bette schlafen lassen.“

„Nur nicht in dem Brettelkern seiner Betten schlafen,“ riefen die Knaben und dachten mit Schrecken an das Erstaunen des Doktors, wenn dieser plötzlich die Sprößlinge der mit ihm verkrachten Verwandtschaft in seinen warmen Federbetten entdeckte.

„Auf dem Heuboden, wo es am dunkelsten ist, wollen wir schlafen,“ rief Theobald. „Der Heuboden, das ist unser Fall. Der Heugeruch, der ist gesund. Der schläfert ein. Wir sind sehr für die Natur, immer für die Natur. Gucken Sie unsere Kräfte. Alles von der Natur!“

Und damit ergriff er den verdutzten Peter am Kragen und hielt ihn mit ausgestrecktem Arm dem Mann hin, indem er sagte: „Hier sehen Sie, alles mit einem Griff. Alles von der Natur.“

„Du gefällst mir, du kannst so bleiben,“ meinte der Kutscher und klopfte Theobald wieder befriedigt auf den Rücken.

„Kommt jetzt mit herein,“ setzte er zu den andern hinzu. „Die Luise soll euch ein gutes Abendessen kochen. In einer Stunde wird der Doktor da sein. Der wird seine Freude an euch haben. Es kommen auch noch andere Herrschaften mit, ein Herr und eine Dame. Was sehr Feines, glaube ich.“

„Heilige Genoveva,“ rief Theobald erschreckt, „nur nichts sehr Feines heute abend. Für Herrschaften sind wir nicht angezogen. Und dann fallen uns die Augen zu. Man muß uns so wie so schon Hölzchen dazwischen stecken, damit sie offen bleiben. Aber morgen um fünf Uhr bringen wir dem Doktor ein Ständchen. Was sagen Sie dazu? Studentenlieder spielen wir ihm auf. Die beiden da geigen wie die Engel im Himmel und ich singe wie eine Orgel.“

„Das wird den Doktor freuen,“ erwiderte der Mann lachend, „ja, das könnte ihm Freude machen.“

Hierauf brachte er den Knaben heißes Wasser aus der Küche, womit diese sich schnell einige Tassen Kakao anrührten.

Hans äugte ständig nach dem Hoftor hin wie eine Gemse, die auf Wachtposten steht. „Hoffentlich kommt er nicht,“ murmelte er vor sich hin. „Der wirft uns ja raus.“

„Iß und jammere nicht,“ mahnte Theobald.

Die Knaben verzehrten nun ein paar Stücke Brot und tranken ihren Kakao dazu und schickten sich hierauf an, ihr Eßgeschirr zu reinigen.

Da sagte der Kutscher so beiläufig mit größter Ruhe vom Hoftor herüber: „Dort unten kommt der Doktor.“ --

Die Knaben rafften ihre Rucksäcke und ihr Geschirr zusammen und rannten davon wie die Räuber.

„Kommen Sie, kommen Sie,“ rief Theobald, den Kutscher mit sich ziehend, „und zeigen Sie uns unser Nachtquartier! Erst morgen früh wollen wir den Doktor sehen.“

Und wie die Katzen kletterten sie an einer Leiter in der Scheune auf den Heuboden.

Sich die Seiten vor Lachen haltend, wackelte der Kutscher hinterdrein. Und oben breitete er ihnen ein Segeltuch auf das Heu, um es zu schonen, damit die empfindlichen Pferde morgens nicht seine Annahme verweigerten.

„Endlich, endlich in Sicherheit,“ meinte Theobald sich streckend und dehnend, als der Kutscher gegangen war. „So einen Heuboden, den lob’ ich mir. Das ist doch das Beste. Neulich der Kuhstall, der war zuviel für meines Vaters Sohn. Erst der Kuhgeruch und dann der Hühnergeruch, und kaum ist das überstanden und man ist eingeschlummert, da erwachen gleich so ein paar gefiederte Bestien, die mit uns zusammen logieren, und fühlen sofort das Bedürfnis, Eier zu legen und ihre Funktionen mit lautem Geschrei in die vier Winde zu rufen. Schauderhaft! Und dann, als sie damit fertig sind, fällt es ihnen ein, spazieren zu gehen, und sie nehmen ihren Weg direkt über unsere Köpfe und unsere Brust hinweg, voran der Gockel. Und wie ich aufwach’, steht mir der, weiß Gott, mitten auf der Brust und schlägt mir seine Flügel um die Ohren und schreit ‚Kikeriki‘, daß ich aufgefahren bin und ihn gepackt habe. Fast hab’ ich ihn ermördert.“

Hans und Peter lachten und vergruben sich im Heu.

„Sei still, Theobald,“ rief sein Vetter, „sonst hört uns der Brettelkern und holt uns von seinem Heuboden runter.“

„Lacht doch nicht bei dieser ernsten Geschichte,“ wehrte Theobald, „es kommt noch besser. Kaum sind die Hühner fort und wälzen sich mit dem vermalefitzten Gockel, dem ich ein paar Schwanzfedern abgebrochen habe, in den Hof hinaus, so fängt einer von unsern Freunden, der Philipp, so laut an zu schnarchen, daß man es durch drei Wände hören konnte. Und denkt euch, da sitzen in demselben Stall mit uns ein paar Truthähne. Die bilden sich ein, wir wollen sie uzen mit dem Schnarchen. Und jedesmal, wenn der Philipp mit der Stimme überschnappt, fangen die an so mordsmäßig zu kollern und zu glucksern, als wollten sie an den Wänden in die Höhe fahren vor Geschrei. Wißt ihr, eine Musik war in dem Stall, als wenn einer Ziehharmonika spielt, und der andere fällt der Länge nach von rückwärts auf das Klavier, auf sämtliche Tasten mit einem Schlag. Hinreißend! Na, da bin ich aufgestanden...“

„Und?“ fragte Hans.

„Laß mir meine Ruh,“ sagte Theobald, „ich will jetzt schlafen.“

Und damit drehte er sich auf die andere Seite. Bald verrieten seine tiefen Atemzüge, daß er schliefe. Und auch seine beiden Begleiter ruhten bald, von tiefem Schlaf übermannt, auf ihrer Lagerstatt.

Da -- es mochte so vier Uhr morgens sein, wachte Hans plötzlich von einem lauten Geräusch auf, das im Pferdestall nebenan erklungen war. Er hörte Pferde wiehern. Mühsam richtete er sich auf und spürte, wie ihm ein schwerer Druck auf der Brust lag. Sein Kopf schwindelte. -- Es roch nach Qualm und Rauch. Weit riß er die Augen auf und sah einen roten Schein von der Öffnung, die zum Pferdestall führte, herüberleuchten. Da war ihm plötzlich klar, was hier geschehen war. Mit einem Sprung war er auf den Beinen, riß seinen Freund Peter mit in die Höhe und schrie durchdringend: „Hier brennt’s! Es brennt! Feuer!“

Der Freund war sofort wach, und nun rüttelten die beiden an Theobald, der noch immer schlief wie ein Sack. Als sie ihn endlich aufgeweckt hatten, bedurfte es nur noch weniger Sekunden, bis er sich gefaßt hatte. Dann kommandierte er wie ein General: „Jetzt erst mal raus an die Luft.“

Mit großer Schnelligkeit ließen sich die Knaben an der Leiter hinunter und eilten durch die Scheune ins Freie.

Hier sahen sie den Hof tagehell erleuchtet. Der Holzstoß unter dem Schuppen brannte lichterloh, die Flammen schlugen zum Dach hinaus und griffen nach dem Stall hinüber.

„Schöne Bescherung,“ murmelte Theobald.

„Wir müssen die Pferde rauslassen,“ meinte da Hans Und die Knaben drangen sofort in den Stall ein, schirrten die Füchse los und führten sie ins Freie. Die Tiere drängten aufgeregt dem Feuer zu. Theobald wurde dabei zu Boden geschleudert und schlug seinen Kopf gegen einen Stein. Hans und Peter wurden gegen die Wand gedrückt und scheuerten sich das Gesicht blutig.

Noch rechtzeitig kam ihnen ihr Freund von gestern, der Kutscher, zu Hilfe und brachte die Pferde, unterstützt durch einige Männer von der Straße, ins Freie.

„Es brennt an verschiedenen Stellen in der Stadt,“ hörte Hans jene Leute rufen, und atmete erleichtert auf. Der Kutscher hatte ihn eben, anscheinend nicht recht bei Sinnen, angefahren: „Ihr vermalefitzten Lausbuben, habt ihr vielleicht das Feuer angemacht!“ -- Fast wären sie also noch in den Geruch von Brandstiftern gekommen.

Theobald hatte sich inzwischen die Wunde mit ein paar Taschentüchern umwickelt und ging auf das Wohnhaus zu, indem er Peter erklärte: Er werde jetzt den Onkel „Zehnmal um die Ecke“ retten, ihn auf seinen Händen ins Freie tragen und im Namen seiner Familie Versöhnung feiern.

Als Theobald in den Hausflur eingetreten war, bemerkte er gleich auf der Spitze der Treppe im ersten Stock einen Herrn im Nachtgewand und rief ganz bescheiden hinauf: „Herr Doktor, kommen Sie gefälligst. Es brennt bei Ihnen. Soll ich Ihnen helfen? Es ist nicht gefährlich.“

„Aber Theobald, Junge, wo kommst du her?“ tönte da oben eine wohlbekannte Stimme herunter. Theobald stutzte. Dann hatte er den Rufer erkannt. Es war sein Onkel Hermann, der Vater von Hans Und in einigen Sprüngen war er bei ihm.

„Du hier, Onkel?“ rief er.

„Ja, du hier? das frag ich dich auch, Theobald,“ antwortete jener ganz betroffen. „Wo kommst du her?“

„Auf einer Wandertour, Onkel. Hans ist auch da.“

Und in demselben Augenblick kam der Knabe, von dem eben die Rede war, im Sturm die Treppe hinauf und rannte den Vater fast über den Haufen. Und nun erschien auch die Frau Doktor und war ganz bestürzt, als sie in dem unheimlichen Lichtschein, der das Treppenhaus erleuchtete, ihren Sohn gewahrte. --

Bis vor einer Stunde noch war sie mit ihrem Mann und dem Besitzer des Hauses, dem Doktor, aufgewesen, und nun war sie im ersten Schlaf durch einen furchtbaren Lärm emporgerissen worden.

Gerade wollten Theobald und Hans den Doktorsleuten die nötigen Erklärungen über ihr Hiersein geben, da rannte ein dicker, alter Herr im Sturm an der Gruppe vorüber und warf sich seinen Rock über.

Es war der Doktor Brettelkern.

„Entschuldigt, ich muß mit in den Betrieb,“ rief Theobald und folgte seinem Onkel in den Hof. Schreiende Menschen drängten hier zur Tür herein, die Feuerwehr rasselte heran, die Pumpen wurden in Tätigkeit gesetzt und die Spritzen auf das Haus gerichtet.

Theobald suchte sofort irgendwo einzugreifen und half beim Pumpen mit einem Eifer, als hänge das Geschick Wildershausens von seinen Muskeln ab. Mitten im schönsten Arbeiten fühlte er plötzlich, wie ihm jemand die Taschentücher vom Kopfe riß, ein dickes Stück Watte mit einer brennenden Flüssigkeit in die Wunde stopfte und dann seinen Kopf mit einer Gazebinde so fest umwickelte, daß er sich zwischen die Kinnbacken eines Riesennußknackers geraten glaubte.

Es war der Doktor Brettelkern, der ihn verbunden hatte.

Unverzagt pumpte Theobald weiter, unterstützt von Hans und Peter.

Als nach einer Stunde der Brand gelöscht war und die Menschen sich vom Hofe verzogen hatten, fanden sich der Besitzer des Hauses und seine Gäste, die Doktorsleute von Schwarzenbrunn und die drei Knaben aus der Stadt, in dem gemütlichen Eßzimmer ein, wo sie sich an einer Tasse warmen Kaffees stärkten, die ihnen die Haushälterin des Doktors schnell bereitet hatte. Das Fragen und Erklären nahm nun kein Ende.

Hans, der sich schon die zwei letzten Stunden über den Kopf zerbrochen hatte, warum seine Eltern wohl hier seien und allerlei Ahnungen verspürte, erfuhr nun, daß sein Vater gekommen sei, um mit dem Doktor Brettelkern über seine Praxis in Wildershausen zu reden, die er in aller Kürze übernehmen werde. -- Von Pfingsten ab sei der Doktorsleute und ihrer Kinder Wohnort Wildershausen.

Da stieg dem Knaben das Blut so heiß zu Kopf, daß seine Schrammen im Gesicht wie Feuer brannten. Für die nächste halbe Stunde kam ihm kein Wort über die Lippen.

Theobald aber betrachtete fortwährend mit sichtlichem Wohlgefallen sein zu einem Riesenkürbis angewachsenes Haupt im Spiegel ihm gegenüber.

Was Schöneres konnte er sich nicht denken, als hier sozusagen als Held zu sitzen.

Am schweigsamsten war der Hausherr, der Doktor Brettelkern. Aber schließlich riß er sich von seinen Gedanken los, sprang auf und meinte kopfschüttelnd: „Da hört man zwanzig Jahre nichts von einander. Und nun sieht man sich so wieder. Der ist genau wie sein Vater,“ meinte er, auf Theobald zeigend. „Der redete einen auch tot und lebendig.“

Seines Neffen Gesicht rötete sich vor Stolz, und er erklärte: „Ja, die Mutter sagt auch immer, Sepp, das haben sie von dir.“

Bis zum Sonntag blieb nun die Gesellschaft noch im Hause des gastfreundlichen Doktors. Früh am Morgen sollte eigentlich der Aufbruch in die Stadt vor sich gehen, aber da die Knaben in einen Murmeltierschlaf versunken und nicht aufzuwecken waren, bat ihr Gastgeber, daß man die Reise noch bis zum Mittag verschiebe. So kam es, daß Hansens Eltern erst gegen Abend von Susens Geburtstag im Hause der Frau Cimhuber eintrafen.

Kaum hatte Suse, die in inniger Umarmung mit Toni auf dem Sofa saß und die Depesche, die jene gebracht hatte, durchlas, die Stimme ihres Vaters und ihrer Mutter vernommen, da fuhr sie mit einem Jubelruf in die Höhe und stürmte auf den Flur zur Begrüßung.

Sie wollte ihren Vater und ihre Mutter nicht mehr loslassen. Sie umarmte sie immer wieder. Auch Hans zog sie an sich.

Aber der Bruder geriet gleich in Ursels Fänge, die ihn mit Fragen bestürmte. Sie hatte nur ein Auge für ihn.

„Lebst du noch Hans?“ rief sie. „Gelt, du bist’s doch gewesen, von dem in der Zeitung geschrieben stand?“ fragte sie ihn. „Komm her und sieh mich an. Dein ganzes Gesicht ist ja zerkratzt. Gott sei Dank, daß du noch lebst.“ --

„Seit wann soll ich denn gestorben sein?“ fragte Hans erstaunt.

„Seit’s in der Zeitung stand,“ erwiderte Ursel. „So was Ähnliches hab’ ich gelesen.“

Nachdem der erste Begrüßungssturm vorüber war und Suse an Ursels mildem Gesichtsausdruck merkte, daß Hader und Groll von ihr gewichen waren, wagte sie verstohlen ihren Arm unter den der alten Magd zu schieben und zu fragen: „Sind Sie mir böse? Haben Sie alles vergessen?“

„Das wäre ja eine Sünde, jetzt böse zu sein,“ entgegnete Ursel. „Wir wollen froh sein, daß Hans wieder da ist, und nicht an unsere Fehltritte denken. Wir wollen alles vergessen. Unser Kummer ist jetzt nebensächlich.“

Und sie rief die beiden in ihr Zimmer und holte aus ihrer Kommode ein silbernes Kreuz hervor, das sie Suse zum Geburtstag bestimmt, heute aber in ihrem Zorn unterschlagen hatte, und band es dem Doktorskind um. Und dann griff sie nach der berühmten, von Hans schon beschriebenen Marzipantorte, die mitten auf ihrem Bett stand, und reichte sie den beiden hin. Arm in Arm mit ihrer gütigen Geberin traten die Geschwister wieder vor das Angesicht ihrer Eltern, und so erfuhren diese nie, wie heftig die Wirbelstürme gewesen waren, die in der vergangenen Woche die Freundschaft des Kleeblattes hin- und hergezaust hatten.

Den Abend verbrachten die Doktorsleute nun mit ihren Kindern bei Theobalds Eltern in der Stadt, und erst am andern Tage setzten sie Frau Cimhuber von all den Beschlüssen, die sie in letzter Zeit gefaßt hatten, in Kenntnis.

Nach dem Städtchen Wildershausen wollten sie verziehen.

Ihre Kinder wollten sie zu sich nehmen, da in ihrem neuen Wohnort höhere Schulen seien.

Frau Cimhuber traf die Nachricht wie ein Schlag.

„Jetzt hat man sich gerade an die Kinder gewöhnt, und jetzt soll man sie wieder hergeben,“ sagte sie wehmütig vor sich hin. „Scheiden und Meiden, das ist das Leben.“

Ursel weinte drei Tage lang, als sie die traurige Nachricht erfahren hatte. Dann aber faßte sie sich und sagte zu Hans und Suse: „Ja, es ist viel besser für euch, daß ihr fortgeht. Besonders für dich, Suse. Ich habe es jetzt gesehen. Euer Vater ist ein ernster Mann. Er wird euch zum Ernst erziehen. Suse, nächstes Jahr wirst du konfirmiert. Da hast du eine strenge Aufsicht nötig und eine ernste Umgebung.“

Die schwersten Stunden aber standen Ursel noch bevor. Das waren die Wochen nach dem Fortziehen der Kinder. Mittags, wann die Zeit gekommen war, zu der die beiden sonst aus der Schule zu kommen pflegten, horchte sie oft, ob nicht ein stürmisches Klingeln erschalle und ob nicht zwei fröhliche Stimmen riefen: „Was gibt’s heute zu essen? Was Feines? Was Gutes?“ Oder sie meinte zuweilen zwei Hände zu fühlen, die sich ihr von rückwärts um die Augen legten und jemand fragen zu hören: „Wer ist’s, Hans oder Suse?“

Am Tage aber, an dem sonst Herr Schnurr zu erwarten war, übermannte sie häufig eine große Wehmut. Wie im Traum befangen, rückte sie dann die Stühle und Tische in der Negerstube zurecht und dachte voll Sehnsucht der Zeiten, in denen er hier wie ein verzückter Derwisch seine Tänze aufgeführt hatte.

Ja, die Einsamkeit im Cimhuberschen Haus wurde mit der Zeit so drückend für sie, daß sie nicht ruhte, bis ihre Herrin neue Zöglinge aufgenommen hatte.

Und von ihren Lippen ertönte zur Ermunterung der eben eingezogenen Kinder ständig der Ausspruch: „Oh, Hans und Suse hättet ihr sehen sollen! Ja, Hans und Suse. Die waren artig, die waren gut! Die hatten ein Herz wie Gold! Und so fleißig, so gescheit waren sie! Der Hans konnte geigen wie die Engel im Himmel! Und an den Augen sahen sie einem ab, was sie einem helfen konnten. Und immer waren sie vergnügt. Bei denen war’s immer Sonntag. Nie ließen sie die Ohren hängen. Hans hatte sich einmal den Daumen gebrochen in der Turnstunde und dazu pfiff er...“

Es war ein Glück, daß die Doktorskinder die Lobpreisungen nicht hörten. Wie hoch sonst Suse wohl ihre Nase getragen hätte.

Daheim aber in Schwarzenbrunn im Doktorshaus wurde es still, sehr still. Für lange Zeit kam kein Arzt mehr in das einsame Dorf, und das Haus stand leer. Die Fensterläden blieben geschlossen. Der Hof war vereinsamt. Büsche und Blumen wuchsen wild im Garten. Es wurde ein Märchengarten daraus.

Babette Buntrock und die übrigen Hühner waren mit ausgewandert nach Wildershausen. Minnette und das Käterle hatten bei Rosel, die sich kürzlich verheiratet hatte, eine Heimat gefunden. Michel war zum Förster gekommen. -- Der Aufenthalt in der Stadt tauge ja doch nichts für ihn, hatte der Doktor behauptet. Es sei die reine Quälerei.

So konnte der tüchtige Waldbursche Michel denn jetzt ununterbrochen in seinem geliebten Forst bleiben, wo es ihm so wohl gefiel. Zum großen Glück hatte der Förster auch keine Kinder. Und so brauchte die Bracke, die mit zunehmendem Alter immer hochmütiger und abwehrender gegen die Menschen geworden war, sich ihre unangenehmen Aufdringlichkeiten und albernen Zärtlichkeiten auch nicht mehr gefallen lassen. -- Zuweilen führte ihn sein Weg am Doktorshaus vorüber. Stolz kam er die Straße herunter, seinen Schwanz trug er wagrecht abstehend wie ein Lineal. Einmal blieb er stehen und sah zum Hause hinüber, als entsinne er sich vergangener Zeiten. Doch niemand könnte sagen, ob das wirklich der Fall war.

Minnette und das Käterle dehnten ihre Streifzüge noch immer auf den Hof und die Scheune ihres alten Wohnhauses aus. Aber abends fanden sie sich regelmäßig bei Rosels Milchtöpfen ein.

Manchmal saßen sie auch noch auf der hintern Gartenmauer, wo im Frühjahr der Schlehdorn schneeweiß leuchtete, und sonnten sich wie in den Zeiten, als Hans und Suse noch hier waren.

Und die alte Tanne, die dort hinten in der Ecke stand, rauschte noch immer so geheimnisvoll wie früher, als das kleine Mädchen zu ihrem Bruder gesagt hatte: „Hörst du, Hans, jetzt kommt der Wind. Jetzt fängt die Tanne leise zu singen an. Und der Wind erzählt ihr was. Ein feines Lied. Das hat die Mutter gesagt. Hörst du, summ, summ...“

End of Project Gutenberg's Hans und Suse in der Stadt, by Trude Bruns